Roberts letzte Chance

Roberts letzte Chance

Esther stand am Fenster und sah mit finsterem Blick hinaus. Die Spaziergänger, die erste warme Sonnenstrahlen genießen wollten, nahm sie nicht wahr. Das Jubilieren einer Amsel, die sich auf der alten Eiche niedergelassen hatte, störte Esther.
Sie riss das Fenster auf und schrie: „Scher dich weg!“
Die Leute auf der Straße blieben verwundert stehen. Mit einem lauten Knall schloss Esther das Fenster und ließ sich auf den Sessel fallen.
Am Morgen hatte Robert ihr mitgeteilt, dass er sie verlassen wollte. Wie konnte sich diese blöde Amsel erlauben, aus Leibeskräften zu singen, während für Esther die Welt zusammenbrach?
Roberts Vorhaben war nicht aus heiterem Himmel gekommen, es war absehbar gewesen, dass der Tag nahte. Esthers Eifersuchtsgehabe musste über kurz oder lang dazu führen, dass er seine Konsequenzen zog. Er hatte es ihr oft genug gesagt und sie gelobte Besserung.
„Ich habe nicht das Recht, ihn zu kontrollieren. Warum muss ich immer alles kaputtmachen?“, dachte Esther und endlich löste sich die Starre. Die Tränen brachten Erleichterung und nach ein paar Minuten fühlte Esther ihre Kraft zurückkommen.
„Wir werden sehen, ob er das wirklich ernst gemeint hat. Er wird mir nicht widerstehen können, so war es immer.“
Esther ging ins Bad und betrachtete ihr Spiegelbild. Sie war noch immer eine schöne Frau, die Jahre hatten ihr nichts anhaben können. Im letzten Sommer hatte sie ihren Fünfzigsten gefeiert. Nagte nicht diese ewige Angst vor dem Alleinsein an ihr, wäre sie eine zufriedene Frau gewesen.
All ihr Tun kreiste um Robert, den sie in Gedanken zärtlich Bobby nannte. Er mochte das nicht, nicht mehr. Es hatte sich vieles verändert in den letzten Jahren. Esther verstand nicht, warum sich Robert gegen sie sperrte. Sie hatte ihm doch nichts getan, im Gegenteil. Was wäre er ohne sie? Für ihn war es selbstverständlich, dass er zu jeder Zeit ein gebügeltes Hemd vorfand, dass sein Frühstück zubereitet war. Jeden Morgen bekam er seinen heiß geliebten Orangensaft, frisch ausgepresst selbstverständlich. In seiner Aktentasche befand sich stets ein frisches Taschentuch und eine Proviantdose, die mit leckeren Schnittchen gefüllt war.
Margret, Esthers einzige Freundin, hatte oft versucht, ihr klarzumachen, dass Robert sich immer mehr zum Pascha entwickelt hätte
„Wenn er sich in der Kanzlei auch so bedienen lässt, wird das seinen Beliebtheitsgrad nicht gerade steigern!“, hatte sie gemeint. Was wusste sie schon. Sie lebte allein und hatte niemanden zu versorgen, ja Esther fand, dass sie mit den Jahren ein wenig seltsam geworden sei. Nach und nach entzog sie sich den Treffen mit der Freundin. Sie wollte keine Kritik hören.

Jetzt war also der Tag X gekommen, Robert wollte gehen. Aber sie, Esther, würde ihn nicht kampflos aufgeben. Wenn sie ihn nicht behalten konnte, dann sollte auch keine Andere ihn bekommen. Ein Plan reifte in ihr, der Robert für immer an sie binden würde. Ja, sie war eine kluge Frau und ließ sich das Regiment nicht aus der Hand nehmen, sie nicht!
Eine letzte Chance wollte sie ihm noch geben, er war schließlich der einzige, den sie jemals geliebt hatte.
Den Tag verbrachte sie damit, die Wohnung zu wienern und ein fürstliches Abendessen vorzubereiten. Sie richtete alles so ein, dass sie bei seinem Heimkommen nur noch den Backofen anschalten musste, damit er die Gelegenheit hatte, sich bei ihr zu entschuldigen. Sie würde ihm verzeihen, großmütig, und sie würde ihm versprechen, nie wieder in seinen Sachen herumzuschnüffeln. Er würde bereitwillig einlenken und sagen:
„Ist schon gut, ich glaube dir und wir fangen noch einmal von vorn an.“

Esther eilte durch alle Räume, machte eine Endabnahme, wie sie das nannte. Sie kannte sich aus in solchen Dingen. Schließlich hatte sie vor ihrer Heirat als Vorarbeiterin gearbeitet. Die Kolleginnen hatten sie nicht besonders gemocht, Esther war das egal gewesen. Ihr ging es um Ordnung und Disziplin, diese jungen Dinger mussten mit strenger Hand geführt werden. Als sie ihren späteren Mann kennen lernte, gab sie die Arbeitsstelle auf, obwohl das niemand von ihr erwartete. Sie stürzte sich mit Feuereifer auf ihre Arbeit im Haushalt und nahm dem Ehemann jegliche Hilfeangebote übel.
„Das ist mein Bereich und ich tue das alles gern! Du arbeitest schwer und hast es verdient, am Abend deine Ruhe zu haben.“

Alle Zimmer waren in Ordnung, hier und da rückte Esther noch einen Kerzenständer zurecht und ordnete die Fransen der wertvollen Teppiche.
„Frische Blumen wär‘n nicht schlecht, hollahi, hollaho, das schafft Atmosphäre recht, hollahia ho!“, trällerte sie nach einer alten Volksliedweise und beschloss, ein paar frische Narzissen aus dem Garten zu holen. Die Vorfreude auf den Abend überdeckte die Sorgen, die Esther noch vor ein paar Stunden aus der Bahn geworfen hatte. Sie holte sich ein Messer aus der Küche und ging in den Garten. Die schönsten Narzissen schnitt sie und arrangierte noch ein wenig Grün dazu. Esther war geschickt, sie hatte eine gute Hand für Blumensträuße. Ging sie in ein Blumengeschäft, bestimmte sie genau, wie ein Strauß auszusehen habe. Die freundliche Kleine im Blumengeschäft nahm Reißaus, wenn Esther den Laden betrat. Ihr konnte man es nicht recht machen, da musste die Chefin ran.
„Sing nur weiter, kleine Amsel!“, rief Esther, als sie das Jubilieren des Vogels vernahm. „Ich werde das Fenster öffnen, damit ich dir lauschen kann.“
Die Sonne hatte sich hinter dicken Wolken verzogen, Esther fröstelte und eilte ins Haus.

Noch vier Stunden blieben, bis Robert nach Hause kommen würde. Ungeduldig schaute Esther immer wieder auf die Uhr, ihre innere Unruhe erlaubte es nicht, sich die Zeit mit Lesen oder Fernsehen zu vertreiben. Der Fernsehapparat wurde auch aus Prinzip nie vor zwanzig Uhr eingeschaltet. Robert liebte Fußball, Esther schaute sich ihm zuliebe jeden Samstagabend die Sportschau an und langweilte sich dabei zu Tode. Aber das nahm sie gern auf sich, Liebe verlangte Opfer.
Hatte Robert jemals ein Opfer für ihre Liebe dargebracht? Esther schüttelte den Gedanken ab.
Sie war jetzt froh darüber, noch ein wenig Zeit zu haben. Sie holte ihr Lieblingskleid und frische Wäsche, dann ging sie ins Bad und entspannte sich in einem duftenden Rosenschaumbad.
Danach fühlte sie sich gereinigt, innen und außen. Sie machte sich sorgfältig zurecht, legte Rouge auf und schminkte sorgfältig ihre Lippen. Ihre bernsteinfarbenen Augen benötigten heute keine weitere Betonung, sie glitzerten. Esther war zufrieden und ging in die Küche, sie stellte den Backofen auf die entsprechende Temperatur ein, betätigte die Zeitschaltuhr und kontrollierte dann noch einmal den gedeckten Tisch. Alles war perfekt.
Als Esther in den Flur kam, um einen Regenschirm bereitzustellen, damit sie Robert vom Auto abholen konnte, sah sie, dass der Anrufbeantworter blinkte. Sie drückt auf die Abruftaste und hörte Roberts Stimme: „Ich komme heute spät, warte nicht auf mich!“
Esther fühlte eine unbändige Wut in sich aufsteigen. Das machte er doch, um sie zu verletzen. Sicher ging er wieder zu diesem Flittchen. Esthers eben noch ausgeglichenes Gesicht verwandelte sich in eine Fratze.
„Warte, du wirst schon sehen, was du davon hast!“, kreischte sie. „Ich werde dir schon zeigen, dass du nicht ohne mich leben kannst!“ Wie von Sinnen rannte sie in die Küche, stellte den Backofen ab, riss die Auflaufform heraus und brachte sie in den Mülleimer. Wütend raffte sie dann die Tischdecke mitsamt Bleikristallgläsern und Goldrandgeschirr zusammen und entsorgte sie ebenfalls in der Abfalltonne. Jetzt noch die gelben Narzissen aus der Vase. Robert sollte nicht sehen, welche Mühe sie sich gegeben hatte. Er hatte es nicht verdient. Schluss, aus, vorbei!
Nachdem Esther die Wohnung wieder in ihren ursprünglichen Zustand versetzt hatte, ging sie ins Bett. Dort wartete sie mit klopfendem Herzen auf Robert. Doch er kam lange nicht. Erst gegen drei Uhr hörte sie seinen Wagen vorfahren. Sie stellte sich schlafend, zog die Decke über den Kopf und lauschte auf seine Schritte. Er öffnete leise die Tür zu ihrem Zimmer und schloss sie dann wieder. Kurz darauf hörte Esther die Toilettenspülung, dann wieder seine Schritte, die vor ihrer Tür kurz stoppten. Robert ging weiter in sein Zimmer. Keine Entschuldigung, er hätte sie wecken können, vielleicht wäre dann noch alles gut geworden…
Esther wusste genau, wie es nun weitergehen würde. Robert hatte seine letzte Chance vertan, jetzt ging es an die Ausführung des Planes.
Sie stand am nächsten Morgen wie gewohnt auf, ging ins Bad, dann in die Küche und bereitete das Frühstück zu. Sie presste Orangen aus und stellte jedem ein Glas des köstlichen Saftes an seinen Platz. Vierminuteneier, so wie Robert sie liebte, gebratener Speck, Toast und Kaffee, nicht zu dünn, alles war schnell zubereitet. Aus dem Geheimfach im Gewürzschrank holte Esther ein Tütchen mit weißem Pulver, das sie in Roberts Glas rieseln ließ. „So, mein Liebster, das wird dir guttun.“, flüsterte sie und rührte kurz um. Mit der Tageszeitung setzte sie sich an den Frühstückstisch und wartete.
Das Telefon schellte und Esther lief schnell hin, sie wollte keine Störung, nicht heute Morgen.
„Margret, meine Liebe!“, säuselte Esther in den Hörer. „Wir wollen gerade frühstücken.“ Margret ließ sich nicht abwimmeln, sie schlug sich mit einem Problem herum, das unbedingt in diesem Moment erzählt werden musste. Esther schluckte, hörte dann aber erzwungen geduldig zu.
Währenddessen kam Robert in die Küche. Die Schlagzeile der Zeitung erweckte sein Interesse, er las noch im Stehen und griff automatisch nach dem Glas, das er in einem Zug leerte. Dann bemerkte er, dass er versehentlich Esthers Glas genommen hatte, tauschte wie ein kleiner Junge, der nicht erwischt werden will, die Gläser aus und setzte sich auf seinen Platz.
„Guten Morgen, Robert!“ Esther war die Liebenswürdigkeit in Person, sie küsste ihn leicht auf die Wange. Ein kurzer Schreck durchfuhr sie, als sie sah, dass er seinen Saft bereits getrunken hatte. Gern hätte sie ihm dabei zugesehen, aber das war jetzt zu spät. Auch für eine Umkehr war es zu spät, Robert hatte das tödliche Getränk in seinem Magen und er hatte nicht einmal etwas bemerkt, denn er aß mit gutem Appetit. Alles war wie immer und doch war alles anders.
Esther trank ihren Saft. Sie beobachtete Robert, der bereits die dritte Toastscheibe verdrückte.
„Warum bist du gestern nicht zum Essen gekommen?“, fragte Esther mit ruhiger Stimme. „Warst du wieder bei diesem Flittchen?“, ihre Stimme wurde lauter, fordernder.
„Ich will es wissen, sag es mir!“, schrie sie.
Robert erhob sich, wischte seinen Mund ab und wollte die Küche verlassen. „Fängst du schon wieder an? Ich habe dir doch gesagt, dass ich bald zu ihr ziehen werde. Sie ist kein Flittchen, sondern die Frau, die ich liebe. Ich werde dich verlassen!“
„Ja, das wirst du. Aber du wirst diesen Zeitpunkt nicht bestimmen!“ Esthers Stimme überschlug sich, ihr Herz raste.
Die Haustür fiel ins Schloss, Robert, ihr geliebter Sohn war gegangen und er würde nie wieder zurückkommen, dafür hatte Esther gesorgt. Er würde vielleicht vor einen Baum fahren, dann sähe es wie Selbstmord aus. Es war ihr egal, sie hatte ihn verloren. So, wie sie damals ihren Mann verloren hatte.
Esther legte sich auf das Sofa. „Niemand wird mir etwas nachweisen können. Hier wird niemand eine Spur des Schlafmittels finden. Ich will mich nur einen Moment ausruhen…“, dachte sie. Dann schlief sie ein.

© Regina Meier zu Verl

Herrenduft

Diese Geschichte ist das Ergebnis einer Reizwortaufgabe, die ich in meinem anderen Blog bereits vorgestellt hatte. Jetzt ist sie nach hier umgezogen, also: falls sie einem von Euch bekannt vorkommt, kann das sein.

Herrenduft

Tosender Beifall setzte ein, als sich der Vorhang nach dem Schlussakkord senkte. Das junge Ensemble hatte sein Bestes gegeben. Der neue Dirigent war eine spürbare Bereicherung und somit die Trennung vom alten Dirigenten eine weise Entscheidung. Ein derartiges Ereignis wurde von der ganzen Dorfgemeinschaft wahrgenommen. Vermutlich waren alle Einwohner der Gemeinde anwesend. Atemlos hatten sie der Aufführung gelauscht. Jetzt brachen wahre Begeisterungsstürme los.
Der Dicke in der Reihe vor mir verausgabte sich dermaßen, dass ihm Schweiß von der Stirn perlte und sich den Weg über die geröteten Wangen suchte, um von dort aus auf seine Schultern zu tropfen. Dieser wohlbeleibte Herr musste es auch sein, der diesen penetranten Geruch von „Russisch Leder“ ausströmte. Bei mir verursachte das einen heftigen Würgereiz. Der Mann war erst nach der Pause gekommen. Die Höhepunkte der Veranstaltung hatte er bereits verpasst. Das hinderte ihn aber nicht daran, seine wurstigen Finger immer wieder zum Mund zu führen und kurze grelle Pfiffe auszustoßen. Widerlich!
„Ist der nicht eklig?“, raunte mir Anja zu. Zustimmend nickte ich und verdrehte die Augen.
„Stimmt, mir ist schon ganz schlecht!“
Anja erhob sich und zog mich am Arm.
„Komm, lass uns gehen!“
Als ich aufstand, erhoben sich wie auf Befehl auch die Leute um uns herum. Sie klatschten im Takt und riefen nach einer Zugabe. Binnen Sekunden standen alle Besucher im Saal. Unmöglich war es, jetzt hinauszugehen. Wir ergaben uns also in unser Schicksal, und ob wir es wollten oder nicht, wir klatschen im Takt der brüllenden Menge.
Einige Mädchen des örtlichen Kinderchores stellten sich vor der Bühne auf. Sie sollten den Darstellern Blumensträuße überreichen. Ungeduldig warteten sie auf ihren großen Einsatz. Nichts passierte, der Vorhang blieb geschlossen. Was war da los?
Der Beifall verebbte, für einen Moment war es still im Theater. Dann wurden unmutige Stimmen laut.
„Was soll das?“
„Die sind sich wohl zu fein, noch einmal auf die Bühne zu kommen!“
„Buh!“
Die Stimmung schlug völlig um. Waren eben noch alle wohlgemut und angetan von der Veranstaltung, schaute man nun in wütende Gesichter und arrogant verzogene Mienen. Auch in mir kroch der Ärger hoch wie eine giftige Schlange.
Der Intendant trat vor den roten Samtvorhang. Er hüstelte und formte mit den Händen einen Trichter wie ein Megafon, um sich Gehör zu verschaffen. Nur langsam kam die Menge zur Ruhe.
„Bitte, meine Damen und Herren! Bewahren Sie Ruhe, ich … ich verstehe Ihren Unmut, aber es gab leider einen Zwischenfall, der unseren Künstlern sehr zusetzt. Haben Sie bitte Verständnis, ich kann das nicht erklären, wir wissen selbst nicht …“
Betroffenes Gemurmel, fragende Gesichter. Alle setzten sich wieder und warteten. Der Dicke vor mir war blass geworden, er atmete schwer und schaute sich immer wieder nach allen Seiten um.
Anja boxte mir in die Seite.
„Sag du doch mal was!“
Was sollte ich sagen, wusste ja auch nicht, um was es ging. Ich zuckte die Achseln. Vermutlich war jemand hinter der Bühne ohnmächtig geworden oder es hatte jemand einen Herzinfarkt bekommen. Spekulationen waren überflüssig, wir würden es schon noch erfahren.
„Meine Damen und Herren, bitte verlassen Sie das Theater. Wir wünschen eine gute Nacht und einen guten Heimweg!“ Der Intendant wirkte hilflos, allein dort oben auf der Bühne. Die Besucher erhoben sich wieder von den Plätzen und strömten heftig lamentierend dem Ausgang zu. Im Foyer versammelten sich kleine Grüppchen, um das Geschehene zu diskutieren.
Ich wollte die Mäntel holen und ärgerte mich darüber, dass ich der Garderobenfrau anfangs ein so hohes Trinkgeld gegeben hatte. Jetzt war nämlich niemand da, der die Sachen aushändigen konnte und ich suchte im Gewühl der Mäntel und Jacken nach den unsrigen. So ein Gewusel, ich hatte Mühe, die richtigen Mäntel zu finden.
„Bloß weg hier!“ Ich schob Anja in Richtung Ausgang. Sie wehrte sich noch ein bisschen, hatte Angst etwas zu verpassen. „Wir werden früh genug erfahren, was hier los war. Spätesten morgen in der Zeitung werden wir was drüber lesen können.“ Anja hakte sich bei mir ein.
„Du hast Recht.“
Wir verließen das alte Gebäude, Regen platschte uns ins Gesicht. Ein Sturm war aufgezogen. Ich zog meinen Mantelkragen hoch und bedauerte, dass wir keinen Schirm bei uns hatten. Außerdem sehnte ich mich nach meinem Sofa und einem Glas Wein.
Anja wühlte in ihrer Handtasche und zauberte einen Miniknirps hervor. Überschwänglich küsste ich sie und versicherte ihr:
„Du bist die klügste und weitsichtigste Ehefrau der Welt!“ Anja strahlte wie ein kleines Kind, das soeben einen Lutscher geschenkt bekommen hatte.
Eng umschlungen trotzten wir dem Regen und gingen nach Hause. Wir stellten noch allerlei Vermutungen an, was denn nun eigentlich im Theater passiert sein könnte und wir beruhigten uns mit der vorläufigen Erklärung, dass es sicher nichts war, bei dem wir hätten helfen können.
Die Woche war schon anstrengend gewesen, der Sonntagabend war eigentlich zur Entspannung gedacht. Mich hielt aber das Ereignis noch lange wach und ich konnte keinen Schlaf finden.

Am nächsten Morgen

Ich hatte bereits Kaffee gekocht, als Anja verschlafen in die Küche schaute.
„Mensch, bin ich gerädert. Da denkt man, es wird ein schöner Konzertabend und dann so was. Ich habe kein Auge zugetan!“
„Dafür, dass du nicht geschlafen hast, hast du aber ziemlich heftig geschnarcht, meine Liebe!“, frotzelte ich.
„Ich werde mal das Radio anschalten, vielleicht muntert mich ja die Musik ein wenig auf.“ Anja tat, als habe sie nicht gehört, was ich gesagt hatte. Sie suchte den Lokalsender.
„Sicher kommen gleich die Nachrichten, vielleicht erfahren wir ja, was gestern los war.“
Mit dem Zeitzeichen der vollen Stunde vernahmen wir die Stimme des Nachrichtensprechers.
Im Theater von Isinghausen machte man gestern nach der Aufführung der Oper Carmen eine grausige Entdeckung. Eine der Garderobenfrauen wurde ermordet in einer Abstellkammer aufgefunden. Ihre Kolleginnen hatten sie erst kurz vor Ende der Oper vermisst. Vom Täter fehlt bisher jede Spur. Da man versäumte, die Theaterbesucher festzuhalten, werden diese gebeten, sich heute in der Zeit zwischen 10.00 und 11.00 Uhr im Theater einzufinden. In der Kammer, in der man die Getötete fand, habe es auffällig nach dem Herrenduft „Russisch Leder“ gerochen …

© Regina Meier zu Verl

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