Mondscheinsonate

Mondscheinsonate

Carlas Lieblingsstück war von jeher die Mondscheinsonate gewesen. Sie spielte sie mit einer solchen Inbrunst, dass sie die Welt um sich herum vergaß. Dabei war sie eine mittelmäßige Pianistin, ihr fehlte das Talent und nur durch viel Fleiß hatte sie es geschafft, ihr Lieblingsstück fehlerfrei spielen zu können.
Die Kinder machten ihr oft die Freude und baten sie ans Klavier.
„Mama, spiel doch einmal für uns!“, baten sie. Dann war Carla glücklich. Ihre Augen strahlten wie früher, als sie noch jung war und sich an alles erinnern konnte.
Heute wusste sie an manchen Tagen nicht einmal mehr die Namen ihrer Kinder.
Sie konnte nicht zwischen Morgen und Abend unterscheiden. Ganz schlimm wurde es, als Albert gestorben war. Ihr Mann war ihr letzter Halt und er hatte sie über Jahre liebevoll betreut.
Carla hat sich in sich selbst zurückgezogen, sie ist jetzt ein kleines Mädchen mit all den Eigenschaften, die kleine Mädchen haben. Sie zetert, wenn man sie nicht nach draußen gehen lässt und wenn sie im Garten ist, sucht sie ihre Schaukel und weint und weint, weil sie nicht zu finden ist. Längst ist der alte Kirschbaum abgeholzt, an dem die Schaukel einst hing.
Die Töchter, Elisabeth und Anna, kümmern sich liebevoll um ihre Mutter.
„Sie hat das für uns auch getan, wir können sie doch nicht in ein Heim geben“, sagte Elisabeth, als ich sie letzte Woche besuchte.
„An manchen Tagen ist sie ganz klar, dann wieder hat sie alles vergessen und wir kommen einfach nicht an sie ran. Am liebsten hat sie es, wenn man ihr Märchen erzählt. Dann ist sie ganz ruhig und lächelt vor sich hin.“
Ich gehe einmal in der Woche zu Carla und erzähle ihr Märchen. Sie kennt mich nicht mehr, aber sie hört mir zu und sie fühlt sich wohl.
Am besten gefällt ihr das Märchen vom Aschenputtel. Sie leidet und weint, wenn den bösen Schwestern die Ferse abgehackt wird, oder die Zehen. So eine Ungerechtigkeit kann sie nicht verstehen.
„Mama, du musst kommen!“, ruft sie dann, als könne ihre Mutter sie trösten.
„Carla, deine Mama ist im Himmel, wie die Mutter vom Aschenputtel“, antworte ich ihr jedes Mal und sie nickt, als erinnere sie sich daran.
„Spielst du mir etwas auf dem Klavier vor?“, bitte ich und helfe ihr beim Aufstehen. Sie setzt sich ans Klavier, überlegt einen Moment und dann legt sie die Finger auf die Tasten.
Die Mondscheinsonate erklingt, fehlerfrei und gefühlvoll vorgetragen. Es ist ein Phänomen, ich habe das jetzt viele Male miterlebt und kann es noch immer nicht fassen.

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle geralt/pixabay

Musik muss man erleben

Musik muss man erleben

„Das Stück heißt Frühlingsreigen! Bei dir klingt das aber eher nach einem heftigen Eisregen!“
Valentin Wagner war schlecht gelaunt und Lena bekam das zu spüren. Dabei hatte sie die ganze Woche fleißig an dem Klavierstück geübt.
„Versuch es noch einmal, etwas zarter, wie ein Reigen eben. Stell dir tanzende Elfen vor, dann klappt es!“, schlug Valentin etwas versöhnlicher vor.
Doch Lena machte keine Anstalten, die Klaviertasten noch einmal zu berühren. Sie kämpfte mir den aufsteigenden Tränen. Dieser Blödmann! Merkte er denn gar nicht, wie sehr sie sich bemühte? Seinetwegen hatte sie Stunde um Stunde Tonleitern gespielt, rauf und runter und runter und rauf.
„Lena, ich meine das doch nicht böse. Rück mal ein Stück, ich spiele es dir noch einmal vor!“
Lena rutschte zur Seite. Valentin atmete tief durch, dann legte er die Hände auf die Tasten und spielte. Lena schloss die Augen und plötzlich sah sie die Elfen. Sie hielten sich an den Händen und tanzten zu der wunderbaren Musik. Sanft schlugen sie mit ihren Flügeln und ihre kleinen Füßchen berührten kaum den Boden. In ihren winzigen Gesichtern spiegelte sich die Freude an dem Tanz wider. Wie gern hätte Lena sich eingereiht in den Reigen der Elfen. Sie seufzte und die Tränen kullerten über ihre Wangen.
Valentin reichte ihr ein Taschentuch. Verwirrt tupfte Lena ihr Gesicht trocken und putzte sich dann geräuschvoll die Nase. Dann lächelte sie.
„Jetzt habe ich es verstanden!“,
Valentin machte Platz für seine Schülerin und Lena spielte den Frühlingsreigen noch einmal. Sie dachte an die zarten Wesen, die irgendwo im Zimmer nur auf die Musik gewartet hatten und tatsächlich, da waren sie wieder und sie tanzten zu Lenas Klavierspiel.
„Wunderbar!“, rief Valentin begeistert und klatschte in die Hände. „Genauso habe ich es gemeint!“
Der Zauber des Moments wurde durch einen durchdringenden Ton unterbrochen, es klingelte an der Wohnungstür. War die Stunde etwa schon zu Ende?
„Warte, ich bin gleich wieder bei dir!“ Valentin ging zur Tür und öffnete sie. Gleich darauf erklangen Stimmen.
„Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen, Gesundheit und Frohsinn sei auch mit dabei!“, sangen die Stimmen.
„Kommt rein, Ihr Lieben! So eine schöne Geburtstagstorte habt ihr mitgebracht. Danke schön!“
Hinter Valentin betrat eine Schar von Menschen das Musikzimmer.
„Darf ich euch Lena vorstellen? Sie hat mir gerade das schönste Geburtstagsgeschenk von allen gemacht.“
Verlegen erhob sich Lena von der Klavierbank.
„Herzlichen Glückwunsch, lieber Valentin, ich wusste ja nicht …“
„Du konntest es ja nicht wissen und trotzdem hast du mich heute reich beschenkt, meine Liebe. Komm, hilf mir, den Tisch zu decken, ich lade dich ein mit uns zu feiern!“

© Regina Meier zu Verl

Felix‘ allergrößter Geburtstagswunsch

Felix‘ allergrößter Geburtstagswunsch

„Mama, zum Geburtstag wünsche ich mir ein Leise-Laut!“
Frau Sieker schaut ihren Felix verständnislos an.
„Ein was?“
„Na, ein Leise-Laut, darauf kann man wunderbare Musik machen, laut und leise eben.“ Felix grinst und lässt seine Mutter zappeln.
„Kann man das nicht auf jedem Instrument, was meinst du denn für eines?“
Felix holt seine Musikmappe aus der Schultasche und legt sie auf den Küchentisch.
„Komm her, Mama. Ich erkläre es dir mal ganz genau.“
Frau Sieker dreht noch schnell die Herdplatten herunter, damit die Kartoffeln nicht überkochen. Dann setzt sie sich zu Felix.
„Unser Musiklehrer hat uns heute erklärt, woher das Leise-Laut kommt, aus Italien nämlich. Auf Italienisch heißt leise – piano und laut – forte.“
Frau Sieker begreift so langsam, worum es geht.
„Aha, ein Pianoforte meinst du, ein Klavier also!“
„Genau, ich wünsche mir ein Klavier. Herr Winter hat heute so toll gespielt, das möchte ich auch lernen. Wie teuer ist so ein Klavier?“
„Das weiß ich nicht, da müssen wir uns mal erkundigen. Ganz billig ist das nicht, vermute ich.“
„Dann wünsche ich mir zum Geburtstag, zu Weihnachten und zu Ostern so lange nichts mehr, bis ich ein Klavier haben kann.“
„Wir reden später drüber, jetzt wird erstmal gegessen. Rufst du bitte deine Oma, aber forte. sonst hört sie es nicht!“

© Regina Meier zu Verl

Vielleicht hat der Felix Gück und bekommt irgendwann sein Klavier. Wenn er dann fleißig übt, spielt er vielleicht eines Tages auch die Mondscheinsonate, so wie Carla … aber das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte.

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