Ein Bild für Tina

Ein Bild für Tina

Ein Bild für Tina

Mama arbeitet im Homeoffice. Maila weiß, dass sie nur im äußersten Notfall stören darf und so ein Notfall ist nun eingetreten. Puppe Tina ist aus ihrem Stühlchen gestürzt und hat sich verletzt. Wahrscheinlich ist ein Bein gebrochen, so wie bei Oma neulich und das war richtig schlimm. Dabei hatte Oma noch Glück gehabt und einen glatten Bruch erlitten. Schmerzvoll war es trotzdem gewesen. Bis zur Heilung muss Oma nun einen Gips tragen und mit Gehhilfen durchs Zimmer humpeln.
Maila klopft leise an die Wohnzimmertür. Mama sitzt am Schreibtisch und hat die Kopfhörer auf. Sie spricht mit einem Herrn, den Maila auf dem Bildschirm sehen kann. Vorsichtig schleicht sie sich an Mama heran und zupft an ihrem Ärmel.
Zuerst schaut Mama sie verärgert an, sieht dann aber, dass Maila todunglücklich schaut.
„Entschuldigen Sie, Herr Winter, ich glaube ich muss mich schnell um einen Notfall kümmern. Darf ich Sie in ein paar Minuten noch einmal anrufen?“, sagt sie und nimmt den Kopfhörer ab, nachdem Herr Winter den Daumen gehoben hatte, um sein Einverständnis anzuzeigen.
„Was ist den los, Schatz?“, fragt Mama und zieht Maila auf ihren Schoß.
„Meine Tina ist aus ihrem Stühlchen gefallen und hat sich verletzt, kannst du schnell kommen? Ich glaube, sie braucht einen Gips!“, erzählt Maila aufgeregt.
„Oh je, das tut mir leid!“, sagt Mama und geht mit Maila gemeinsam ins Kinderzimmer. Tina liegt auf dem Boden. Mama nimmt sie auf und wiegt sie in ihren Armen. Dabei summt sie leise. Dann legt sie die Puppe vorsichtig auf Mailas Bett und untersucht sie. Vorsichtig tastet sie Arme und Beine ab.
„Ich glaube, es ist nichts gebrochen, aber vielleicht wird sie morgen einen blauen Fleck haben, das könnte sein.“, sagt Mama. „Ich denke, wir werden ihr ein Pflaster aufs Bein kleben und ein wenig Gummibärchenmedizin geben, das hilft gut!“, schlägt sie vor.
Das findet Maila prima, denn auch sie bekommt Gummibärchen, sogar zwei mehr als Tina.
„So“ sagt Mama entschieden. „Nun lege Tina in dein Bett und male ihr ein schönes Bild. Ich gehe zurück zu Herrn Winter und dann habe ich gleich wieder Zeit für euch, okay?“
Maila ist einverstanden und während sie genüsslich ihre Gummibärchenmedizin lutscht, malt sie ein schönes Frühlingsbild für ihre Tina. Das hilft auch bei der Heilung, oder?

© Regina Meier zu Verl

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Bente und die Insel

Bente und die Insel

Die nachfolgende Geschichte ist ein wenig länger. Du kannst sie dir aber vorlesen lassen, wenn du magst. Viel Spaß beim Anhören oder Lesen!

Bente und die Insel

Es war einer dieser Sonnentage, die sich beinahe wie Frühling anfühlten. Die Kraniche waren schon vor ein paar Tagen zurückgekommen, ein sicheres Zeichen dafür, dass es nun nicht mehr lange dauern würde, bis wir wieder ohne Jacke und Mütze nach draußen gehen könnten. Darauf freute ich mich schon sehr.
Die Kühe vom Nachbarn waren bereits auf der Weide, die an unseren Garten grenzte. Eine von ihnen, Bente, stand allein am Zaun. Immer schon hatte sie sich von den anderen abgesondert. Ich wusste das so genau, weil ich Bente gut kannte, besser gesagt „erkannte“, denn sie hatte auf dem linken hinteren Batzen einen weißen Fleck, der aussah wie die Insel Sylt, ansonsten war sie beinahe überall schwarz. Weiterlesen

Bärentanz im Gartencenter

Bärentanz im Gartencenter

auch zum Anhören – unter der Geschichte

„Im Gartencenter tanzte heute der Bär!“, erzählte Opa Arne, der die ersten Blumen für den Frühling eingekauft hatte. Bunte Primeln, Mini-Narzissen und Träuble-Hyazinthen und einen riesigen Tulpenstrauß für Oma. Was für eine Pracht.
„Hattest du denn gar keine Angst, Opa?“, fragt Florian. „Bären sind doch gefährlich! Dürfen die denn einfach zwischen den Tulpen herumtanzen?“
Opa lachte. „Junge da war kein Bär. Das ist nur eine Redewendung. Früher, als es noch kein Radio oder Fernsehen gab, kamen Musikanten in die Dörfer. Manche führten einen Bären an der Leine. Die Tiere hatten einen Nasenring, durch den die Leine durchgezogen war. Der Bär stellte sich auf die Hinterbeine und tanzte schwerfällig nach der Geigenmusik seines Herrn. Die Leute liefen herbei, tanzten und klatschten. Deshalb sagt man, wenn viele Menschen zusammenkommen: Da tanzt der Bär.“
Das fand Florian aber gar nicht gut. Ein Bär gehörte nicht auf die Straße und ein Nasenring, der würde sicherlich Schmerzen bereiten. Gerade im letzten Monat hatten sie in der Schule darüber gesprochen, was der Begriff „artgerecht“ bedeutet. Dabei waren sie sich einig geworden, dass Löwen und Tiger, Elefanten und andere wilde Tiere nicht in einen Zirkus gehören, so schön das auch anzusehen ist.
Sie hatten auch über die Massenhaltung von Hühnern gesprochen, die ein elendes Leben führen mussten. Der Lehrer hatte ihnen einen Film gezeigt, bei dem ihnen die Tränen kamen, als sie die federlosen, zerrupften, armseligen Hühner sahen. Florian hatte sofort beim nach Hause kommen seiner Mama erklärt, dass sie nur noch Eier von freilaufenden Hühnern kaufen dürften. Die Mutter hatte gelächelt, ihm über den Kopf gestreichelt und gesagt, dass sie das schon immer mache. Da war er erleichtert gewesen.
„Sag mal Opa, hast du das noch erlebt, dass es kein Radio und Fernsehen gab?“, will Florian nun von Opa wissen. Der lacht und kratzt sich am Kopf, so, als müsse er sein Gehirn aktivieren. Dann antwortet er:
„Nein, nicht einmal deine Urgroßeltern haben das erlebt. Einen Radioempfänger gab es schon früher, aber das Fernsehen, das gab es erst ab 1928. Ich weiß das so genau, weil mein Vater, dein Uropa genau in dem Jahr geboren wurde.“
„Hatten denn deine Eltern einen Fernseher?“ Florian sieht seinen Opa neugierig an, „Anfangs nicht, früher ging man ins Kino, um auf der großen Leinwand die Filme zu sehen. Aber ein Radio hatten sie, meine Mutter schwärmte immer von den Hörspielen, die jeden Abend kamen. Sie hat keine Folge verpasst, wenn sie etwas interessierte. Mein Vater grinste dann, er konnte das nicht verstehen. Das änderte sich sonntags, wenn es um Fußball ging, dann durften wir keinen Mucks sagen, damit Papa alles mitbekam, besonders, wenn sein Lieblingsverein spielte.
Florian wollte nun gern wissen, um was für Hörspiele es sich handelte, das interessierte ihn doch sehr. „Kannst du dich an die Hörspiele erinnern?“, fragte er seinen Opa.
„Oft waren es Märchen, aber auch neuere Geschichten…“, sagte Opa Arne und kratzte sich schon wieder am Kopf, ihr wisst schon, wegen der Gehirnaktivierung.
„War auch die Geschichte vom tanzenden Bären im Gartencenter dabei?“, fragte Florian lachend.
„Nee!“, sagte Opa. „Gartencenter gab es damals noch nicht!“

© Regina Meier zu Verl

 

Bärentanz im Gartencenter – zum Anhör
Zeichnung Regina Meier zu Verl
Dicke Clownstränen

Dicke Clownstränen

Dicke Clownstränen

„Heute bin ich einmal nicht ich!“, kündigt Oma an. Das klingt komisch, aber wenn man, wie ich, die Oma schon acht Jahre kennt, dann ist das nicht mehr komisch. Sie macht das ganz oft. Sie sagt diesen Satz und dann geht die Verwandlung los. Heute zieht sie die gelben Schuhe und bunte Hosenträger an. Dann malt sie mit Lippenstift rote Kreise auf ihre Wangen und verreibt sie ein wenig. Auch die Lippen schminkt sie, aber nicht schön auf der Linie, sondern weit über die Lippenlinien hinaus. Sie wirft ihre Haare nach vorn, kämmt kurz durch und macht sich dann einen Zopf mitten auf dem Kopf. Jetzt fehlt nur noch die rote Clownsnase, dann ist sie fertig, die Clownin Wilhelmine.
„Willst du auf eine Karnevalsparty gehen, Oma?“, frage ich sie und kenne die Antwort längst.
„Natürlich nicht, ich mag keinen Karneval!“, sagt sie und setzt ihre Herzbrille auf. Die hat sie sich extra anfertigen lassen beim Optiker Oppermann.
„Wenn schon, denn schon!“, hat sie gesagt. Was sie damit gemeint hat, weiß ich nicht so genau, aber was soll’s, sie sieht toll aus, meine Oma, und wenn mich nicht alles täuscht, dann will sie ins Altenheim.
„Darf ich mitgehen?“, frage ich sie und heute bekomme ich eine andere Antwort als erwartet.
„Ja, komm mit! Sag schnell deiner Mutter Bescheid“, sagt Oma. Mama und ich wohnen oben im gleichen Haus wie Oma. Ich flitze schnell hoch und hole mir Mamas Einverständnis. Im Nu bin ich wieder bei Oma.
„Du musst dich dann aber auch verkleiden!“, bestimmt sie und sucht in ihrer Kramschublade nach einer weiteren Clownsnase und Hosenträgern. Auch ich bekomme einen riesigen geschminkten Mund und rote Wangen, und an meine Brille, die ich sowieso trage, bindet Oma an jede Seite eine bunte Schleife. Das sieht lustig aus und ich fühle mich ganz wohl in der Verkleidung.
Mit Theo, so heißt Omas kleines Auto, fahren wir los. Ich wundere mich, warum wir unsere Stadt verlassen. „Gibt es denn hier kein Altenheim?“, will ich wissen.
„Doch, sicher. Altenheime gibt es in jeder Stadt, meist sogar mehrere. Ich fahre aber immer gern in Orte, wo man mich nicht kennt. Das gefällt mir viel besser, denn dann kann ich einfach die Clownin Wilhelmine sein und keiner fragt mich nach meinem Mann, oder nach der Arbeit, oder nach Frau Sowieso und ob die denn immer noch lebt“, sagt Oma.
Jetzt muss ich aber lachen. Gibt es echt Menschen, die so unverschämte Fragen stellen? Das kann ich gar nicht glauben. Aber wenn Oma das sagt, dann wird das ja so sein.
„Was lachste?“, fragt Oma prompt.
„Ach, ich wundere mich, dass es Leute gibt, die so gemeine Fragen stellen wie: Lebt die denn immer noch?“, antworte ich und schäme mich ein bisschen, denn zum Lachen ist das ja eigentlich gar nicht. Ich bin ein bisschen nachdenklich geworden und mit einem Mal bin ich richtig traurig.
„Da hast du recht, aber glaub mir, solche Leute gibt es wirklich – sind aber nicht so viele, die meisten sind in Ordnung!“, versichert mir Oma und schaut mich von der Seite an.
„Hey, du musst jetzt aber nicht traurig sein!“, sagt sie, als sie die dicke Träne bemerkt, die über meine rot geschminkte Wange rollt. Als ich sie wegputzen will, verschmiere ich die rote Farbe und dann putze ich zu allem Überfluss die Farbe in meinem hellblauen Anorak ab. Das sieht nicht schön aus, sicher gibt’s ein Donnerwetter, wenn Mama das sieht.
„Oh weia!“, rufe ich und nun kullern die Tränen noch heftiger. Oma fährt rechts ran und holt ein Taschentuch aus dem Handschuhfach. Damit tupft sie meine Tränen ab und wischt vorsichtig an der Wangenfarbe, doch da ist nichts mehr zu retten.
„Ist nicht schlimm!“, sagt Oma. „Wir holen uns jetzt ein dickes Stück Kuchen und dann fahren wir nach Hause. Da stecken wir die Jacke in die Waschmaschine und schon ist alles wieder gut!“
„Aber…“, sage ich, „Wir wollten doch …“
„Das läuft uns nicht weg. Wir fahren eben morgen zum Altenheim, ich rufe schnell dort an, damit die Pfleger Bescheid wissen und dann machen wir es uns gemütlich, oder?“
Das machen wir dann auch. Der Anorak kommt blitzsauber aus der Waschmaschine und ist schnell trocken. Mama merkt gar nichts und Oma hält dicht, so ist sie eben und morgen nehmen wir einen neuen Anlauf.

© Regina Meier zu Verl

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Elina und die rosafarbenen Stulpen

Elina und die rosafarbenen Stulpen

Elina und die rosafarbenen Stulpen (unter dem Text auch zum Anhören)

„Oma, was machst du denn da?“
„Ich ruhe mich aus, Elina!“ Oma Betty sitzt in ihrem Fernsehsessel und hat die Beine hochgelegt.
„Könntest du mir einen Gefallen tun, während du dich ausruhst?“, fragt Elina mit zuckersüßer Stimme.
„Das kommt darauf an“, sagt Oma.
„Worauf kommt es an?“, will Elina wissen.
„Also, wenn ich mich weiter dabei ausruhen kann und die Beine liegen bleiben dürfen, dann könnte ich dir einen Gefallen tun. Worum geht es denn?“
„Ich gehe doch jetzt immer zum Ballettunterricht. Die anderen Mädchen dort haben Stulpen über der Strumpfhose. Das gefällt mir gut. Ich möchte auch welche haben.“ Elina zeigt ihrer Oma, von wo bis wo die Stulpen gehen und erklärt dann, dass diese langen Socken ohne Fuß den Sinn haben, die Waden schön warm zu halten.
„Weißt du Oma, man kann sich leicht verletzen, wenn die Muskeln kalt sind!“
„Ich verstehe!“, sagt Oma. „Und nun möchtest du, dass ich dir ein Paar Stulpen stricke, stimmt’s?“
Elina strahlt. Sie wusste, dass Oma ein offenes Ohr für sie hatte und schnell ihren Wunsch erraten würde.
„Genau, rosa sollen sie sein. Genauso rosa wie mein Ballettkleid!“
„Dann müssen wir Wolle besorgen und ich muss doch meinen Sessel verlassen. Außerdem wird es gleich schon dunkel und wir schaffen es nicht mehr im Hellen zurück!“
„Mama könnte uns fahren, oder wir nehmen eine Taschenlampe mit“, schlägt Elina vor. Dann fällt ihr ein, dass Mama ja gar nicht zu Hause ist und Papa kommt erst spät, da er heute noch in die Stadt fahren wollte nach Feierabend.
„Mmh“, macht Oma. „Mmh“, macht auch Elina. Dann schwingt Oma die Beine vom Sessel und steht auf. Sie strickt ja viel zu gerne und möchte am liebsten heute noch beginnen mit den rosa Stulpen.
„Also gut, dann mal los, junge Dame!“
„Oma, du bist die Beste!“
Schnell packen sich die beiden warm ein und schreiben einen Zettel auf dem steht: Wir sind im Wollgeschäft, Stulpenwolle kaufen!
Oma nimmt vorsichtshalber noch das Handy mit, dann geht es los.
Nach einer Viertelstunde erreichen sie die Einkaufsstraße, an der auch Frau Wortmanns Wollgeschäft zu finden ist.
„Schau, Oma, das ist die richtige Farbe!“ Elina hat schnell ihre Wunschwolle gefunden. Oma kauft noch zwei Knäuel Sockenwolle zusätzlich und schon machen sie sich wieder auf den Heimweg. Als sie das Geschäft verlassen, ist es tatsächlich schon fast dunkel. Natürlich haben sie die Taschenlampe vergessen. Elina ist ein wenig mulmig zumute.
Auch Oma gefällt das gar nicht, denn ein Stück des Weges ist eine Landstraße ohne Bürgersteig. Da wird man schlecht gesehen und es ist ganz schön gefährlich. Erst im letzten Jahr ist ein Kind dort angefahren worden.
„Wir gehen ins Café und trinken einen heißen Kakao und dann rufen wir Mama an, dass sie uns später hier abholen kommt!“, schlägt Oma vor. Das findet Elina toll, denn sie bibbert schon jetzt vor Kälte. Ein schlechtes Gewissen hat sie auch, weil sie Oma ja überredet hat. Mama wird das gar nicht gefallen.
„Ich werde Mama sagen, dass ich mich verplaudert habe bei Frau Wortmann. Dann schimpft sie nicht!“, sagt Oma, die genau gemerkt hat, dass ihre Enkelin immer stiller wird.
„Guck, nun strahlst du wieder. Das ist super, denn das passt so gut zu dir wie dein Name?“
Elina weiß, dass Elina „Die Strahlende“ bedeutet. Das hat Mama ihr erklärt und seitdem gefällt ihr der eigene Name noch viel besser.
„Du strahlst wie ein Stern am sternenklaren Himmel, meine Kleine!“, schwärmt Oma, aber jetzt wird es Elina dann doch zu viel.
„Jetzt isses aber gut, Oma! Meinst du, ich könnte zum Kakao noch ein Stückchen Kuchen bekommen?“

© Regina Meier zu Verl

Hier lese ich dir die Geschichte vor:

Elina und die rosafarbenen Stulpen
Lilli, Opa und die bunte Box

Lilli, Opa und die bunte Box

Lilli, Opa und die bunte Box

„Hausaufgaben!“, stöhnte Lilli. „Wenn ich dieses Wort schon höre!“ Das Mädchen ärgerte sich einfach darüber, dass es nicht in die Schule gehen konnte und alles nur noch „Hausaufgaben“ waren. Homeoffice klang vielleicht interessanter, war aber auch nicht besser und Homeschooling nervte sowieso ohne Ende.
Überhaupt, nichts mehr war richtig schön. So lange hatte sie schon ihre Freunde nicht mehr besuchen dürfen. Den ganzen Tag verbrachte sie zu Hause, die Mama war viel öfter nervös und ihr Bruder fiel ihr gehörig auf den Wecker. Sie durfte nicht in die Stadt fahren, nicht zum Handballtraining, auch Chorproben gab es nicht momentan. Was für ein ödes Leben!
Wenn Lilli darüber nachdachte, dass Oma und Opa ganz allein in ihrer Wohnung waren und keinen Besuch empfangen durften, dann tat ihr das Herz richtig weh. Aber es ging nicht anders, die Großeltern waren alt und das Virus war für sie lebensgefährlich. Lilli wusste das und sie wollte sie nicht gefährden. Trotzdem sehnte sie sich nach den Stunden mit Oma und Opa und sie vermisste Opas Geschichten so sehr.
Und dann kam eines Tages ein Päckchen für Lili und darin war ein mit Stoff bespannter Würfel und einige lustige Figuren: ein grüner Gitarrist, eine beerenfarbige Elfe und ein buntes Einhorn. Ein Brief lag dabei, in dem Opa den Eltern erklärte, er habe einen Kassettenrekorder kaufen wollen, aber der sei nicht mehr „in“. Heute habe man solchen Boxen für die Kinder und wie sie mit der Box umgehen mussten, erklärte er mit einer Zeichnung. „Typisch Vater!“, schmunzelte Papa. Schon nach kurzer Zeit hatten alle verstanden, wie man die Box bediente und welche tollen Möglichkeiten sie bot. Man stellte eine der Figuren auf die Box, schaltete sie ein und dann erklang Opas Stimme, die eine Geschichte erzählte. Und es war nicht nur eine Geschichte, sondern viele! Drei Figuren hatte Opa mit seinen eigenen Geschichten bespielt und wie sie Opa kannten, würde es bei den dreien nicht bleiben. Außerdem gab es Kinderhörspiele in Hülle und Fülle, die man dazu kaufen konnte, Märchen, Schlaflieder, Pferdegeschichten und und und.
Lilli war selig und hüpfte vor Freude in die Luft. Eigentlich hatte sie immer gedacht, sie sei viel zu alt für eine solche Box. Das stimmte aber nicht, denn nun würde sie jeden Tag eine Geschichte von Opa hören können, auch wenn er nicht bei ihr war. Und nicht nur sie allein, auch ihre Freundinnen Angi und Mara konnten sich bei ihren täglichen Videotreffs über Opas Geschichte freuen.
„Ich muss jetzt unbedingt Opa anrufen!“, rief Lilli und stürmte zum Telefon. Sie wählte Opas Nummer und hatte ihn auch gleich am Apparat.
„Opa, du bist der aller-allerbeste Opa der ganzen Welt!“, rief sie und genauso meinte sie es auch.

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Annelie und ich

Annelie und ich

Annelie und ich
Ich setzte das letzte Wort unter meine Geschichte. Ende! Zufrieden blickte ich auf die Seitenzahl. Zweihundertzwanzig Seiten, ein umfangreiches Manuskript war es geworden. Klar, nach der Überarbeitung würde es etwas schlanker werden. Doch im Moment war ich erstmal glücklich, dass ich durchgehalten hatte.
Lange hatte ich davon geträumt, diese Geschichte endlich aufschreiben zu können. Stets hatte mich etwas davon abgehalten oder der richtige Zeitpunkt war einfach noch nicht gekommen. Ich hatte mir dieses Gefühl ersehnt und genauso vorgestellt. Es war einfach wunderbar.
Nachdenklich drehte ich das Glas in den Händen, das ich mir zur Feier des Abends eingeschenkt hatte. Ich dachte an den Moment in der Buchhandlung, der dazu geführt hatte, dass ich mich endlich an die Geschichte gemacht hatte. Ich war zu diesem Zeitpunkt auf der Suche nach einem ganz besonders schönen Buch, das ich meinem Patenkind schenken wollte. In der gemütlichen Leseinsel hatte ich es mir bequem gemacht, als ein kleines Mädchen mich am Arm zupfte.
„Kannst du mir vorlesen?“, fragte das Kind und schaute mich erwartungsvoll an.
„Sicher, das kann ich, aber bist du denn ganz allein hier? Wo ist deine Mutter?“, fragte ich. Das Kind deutete nach oben.
„Mama ist da oben. Mir ist aber so langweilig und lesen kann ich noch nicht!“
In der oberen Abteilung der Buchhandlung befanden sich die wissenschaftlichen Bücher, sicher suchte die Mutter dort nach einem Werk und hatte das Mädchen in die Kinderbuchabteilung geschickt.
„Also gut, dann lese ich dir vor!“, willigte ich ein. „Was möchtest du hören?“
„Etwas, das ich noch nicht kenne!“
Das war aber nicht so einfach, wie sich schnell herausstellte. Das Kind kannte alle Bücher, die ich vorschlug.
„Dann such du doch etwas aus und bring es mir, dann lese ich für dich!“ Die Kleine zögerte, bevor sie fragte:
„Kannst du auch einfach so erzählen? Etwas ganz Neues, das ich noch nie gehört habe?“
Ich lachte. Das Kind war eine Herausforderung, oder sah man mir etwa an, dass sie selbst Geschichten schrieb?
„Kann ich auch, aber zuerst möchte ich wissen wie du heißt!“
„Ich heiße Annelie“, die Kleine stand auf und machte einen Knicks, ganz so, wie die Kinder das früher gelernt hatten, wenn sie Erwachsene begrüßten.
„Also gut, Annelie, dann erzähle ich dir jetzt von einer Geschichte, die noch gar nicht geschrieben ist und schon ganz lange in meinem Kopf wohnt.“
Die Augen des Kindes strahlten. Vertrauensvoll kuschelte sich Annelie an mich. Ich erzählte ihr vom Gasthaus Zum Paradeiser, in dem die kleine Annelie ihren Teddy Franz vergessen hatte und wie sie sich ganz allein auf den Weg machte, um ihn zurückzuholen. Es war eine lange Geschichte mit vielen spannenden Abenteuern.
Irgendwann waren alle Besucher der Buchhandlung gegangen und der Besitzer kam in die Leseinsel.
„Na, Annelie, hast du wieder jemanden gefunden, der dir vorliest?“, fragte er.
Das Kind drückte mir einen Kuss auf die Wange.
„Ja, Papa. So eine schöne Geschichte habe ich lange nicht gehört!“
„Leider müssen wir jetzt nach Hause, Oma wartet mit dem Abendessen. Ihnen danke ich sehr, dass Sie für meine Tochter da waren. Nachmittags nehme ich sie immer mit hierher, da ist sie gut aufgehoben und manchmal begegnet sie lieben Menschen wie Ihnen, die ihr vorlesen.“
Ich ahnte in diesem Moment, dass Annelie, als sie nach oben deutete und sagte, dass ihre Mutter da oben sei, den Himmel meinte. Das stimmte auch. Das habe ich aber viel später erfahren, denn von da an ging ich jede Woche in die Buchhandlung und erzählte meine Geschichte weiter.
Jetzt habe ich sie auch zu Papier gebracht und sobald sie überarbeitet und gedruckt ist, werde ich sie Annelie schenken.

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Opa und Julia schreiben ihren Jahresrückblick

Opa und Julia schreiben ihren Jahresrückblick

Opa und Julia schreiben ihren Jahresrückblick

„Stör Opa bitte nicht, Julia! Er braucht heute seine Ruhe!“ Mama fängt Julia auf dem Weg ins Wohnzimmer ab.
„Will ich ja gar nicht, ich möchte nur ein wenig zuschauen. Was macht er denn eigentlich?“, fragt Julia neugierig, denn Opa sitzt nun schon seit Stunden am Schreibtisch im Wohnzimmer. Manchmal schreibt er etwas auf, aber die meiste Zeit schaut er einfach vor sich hin und denkt.
„Er schreibt seinen Jahresrückblick. Du weißt doch, dass er das in jedem Jahr zwischen den Feiertagen macht und pünktlich zu Silvester schickt er den Bericht an alle Verwandten und Freunde.“
„Oh, da muss er sich aber beeilen, spätestens am 30. Dezember muss die Post ja dann im Briefkasten sein, oder?“
„Stimmt! Wir haben aber beschlossen, dass wir das in diesem Jahr per Mail machen, dann muss er es nur ein einziges Mal schreiben und erreicht doch fast alle.“
„Gute Idee!“ Julia gefällt das und sofort erwacht in ihr der Wunsch, auch so einen Rückblick zu schreiben. Wenn Mama wieder in der Küche verschwunden ist, wird sie sich zu Opa schleichen und ihn fragen, wie man das macht.
Leise öffnet sie die Tür zum Wohnzimmer. Gemütlich ist es darin, die Lichter am Weihnachtsbaum leuchten und im Kamin flackert ein lustiges Feuer.
„Hallo Opa, magst du einen Tee trinken?“, fragt Julia.
„Das ist eine gute Idee. Bringst du mir einen?“ Opa schaut erfreut auf. „Ich könnte eine kleine Pause gebrauchen und vielleicht kannst du mir sogar ein bisschen helfen!“
Das klingt spannend, gern will Julia helfen. Doch zuerst holt sie Tee aus der Küche und ein paar Kekse, die könnten beim Denken behilflich sein, findet Julia.
„Danke, mein Kind. Dann können wir ja loslegen. Kannst du dich noch an meinen Geburtstag erinnern, Julia?“
„Klar, Opa, das war ein tolles Fest. Alle Verwandten waren da, es gab leckeres Essen und später haben wir sogar getanzt!“
„Weißt du auch noch, wie das Lied hieß, dass die Gratulanten für mich gesungen haben? Ich denke schon die ganze Zeit drüber nach und es will mir einfach nicht wieder einfallen. Ich möchte es gern als Motto für meinen Jahresrückblick nehmen.“
„Was ist das? Ein Motto?“, will Julia wissen.
Opa erklärt: „Wenn ihr in der Schule einen Aufsatz schreibt, dann bekommt ihr doch ein Thema gestellt. Ein Motto ist so was Ähnliches: ein Thema, das als Überschrift gilt und zu dem man immer irgendwie wieder hinleitet. Ein Leitgedanke sozusagen!“
„Ich verstehe, warte!“, Julia überlegt einen Moment, dann fängt sie an zu singen.
„Das Lesen ist des Peters Lust, das Lesen ist des Peters Lust, das Le-he-sen. Er liest so gern bei Tag und Nacht, das Licht wird niemals ausgemacht bevor das Buch zuende ist, zu-en-hen-de!“
Opa lacht. Ja, genau so war das und es stimmt ja auch, er ist eine Leseratte. Er liest immer, jeden Tag und jeden Abend und es macht ihm große Freude.
„Danke, Julia!“ Opa ist dankbar, nun hat er sein Motto gefunden und schon beginnt er zu schreiben.
„Opa, was schreibst du jetzt?“
„Ich schreibe über die Bücher, die ich in diesem, Jahr gelesen habe und über die Ereignisse des Jahres – eben alles, was so passiert ist. Dafür nutze ich mein Tagebuch, denn da habe ich ja schon alles aufgeschrieben. Der Jahresrückblick wird nur kürzer werden, sonst mag das ja niemand lesen, nicht wahr?“
„Ich verstehe!“ Julia steht auf und will gerade das Zimmer verlassen, als der Großvater sie zurückruft. „Wo willst du denn hin?“
„Ich hole mein Tagebuch und dann fange ich auch an zu schreiben!“
„Und wie lautet dein Motto?“, will Opa wissen.
„Mein Opa und ich und die Tagebücher“, antwortet Julia verschmitzt.
An diesem Nachmittag werden die beiden nicht mehr gesehen, sie sind in ihre Tagebücher vertieft und picken die interessantesten Ereignisse heraus, um sie mit den Freunden und der Familie zu teilen. Das macht Spaß, ungeheuren Spaß!

© Regina Meier zu Verl

Das Weihnachtsnachthemd

Das Weihnachtsnachthemd

Das Weihnachtsnachthemd

Im Garten ist Winterruhe eingekehrt. Sogar ein wenig Schnee hat es heute gegeben und das bringt Marie völlig aus der Fassung.
„Ist es nun bald soweit? Kommt das Christkind?“, fragt sie ihre Mutter, die in der Küche einen Plätzchenteig knetet.
„Da musst du noch ein bisschen warten, mein Schatz“, antwortet die Mutter.
„Och immer warten, kann denn das Christkind nicht einfach früher kommen?“
Die Mutter lacht.
„Nein, es kommt an seinem Geburtstag, und das ist nun mal, der 24. Dezember.“
„Ich mag aber nicht mehr warten, Mama. Du weißt doch, wie schlecht ich warten kann!“ Die Mutter lacht. Ja, das weiß sie und nicht nur das, sie hat auch vorgesorgt.
„Wenn du mir versprichst, dass du dir Mühe geben willst, nicht allzu ungeduldig zu sein, dann habe ich schon heute ein kleines Geschenk für dich!“, verspricht die Mutter, wischt sich die Hände in ihrer Schürze ab und geht ins Wohnzimmer.
Gleich darauf kommt sie zurück. Sie hält ein rotes, mit lustigen Weihnachtsmotiven bemaltes Hemd in den Händen. Marie verzieht enttäuscht das Gesicht.
„Das ist ja nur ein Nachthemd.“
Die Mutter schmunzelt.
„Es ist ein ganz besonderes Hemd, ein Weihnachtshemd!“
„Was soll daran schon besonders sein, ein rotes Hemd mit Bildern!“, schmollt Marie.
„Zieh es heute Nacht an, dann wirst du sehen, dass es ein ganz besonderes Hemd ist, das verspreche ich dir!“
Am Abend zieht Marie, nachdem sie die Zähne geputzt hat, das „besondere“ Nachthemd an. Sie glaubt nicht, dass sie ihre Meinung über das Hemd ändern wird. Aber – ein Versuch macht klug. Sie liegt noch nicht ganz in ihrem Bett, da fallen ihr die Augen zu. Sie hört eine leise Melodie und plötzlich ist alles ganz warm und hell.
Sie blinzelt und sieht sich erstaunt um. In einem Stall ist sie. Ein Stern taucht die armselige Umgebung in ein strahlend helles Licht. Weißgekleidete Engel singen so wunderschön, dass es Marie ganz anders um Herz wird. In der Krippe liegt das Jesuskind und lacht ihr fröhlich entgegen.
Marie selbst steht in ihrem Weihnachtsnachthemd und barfuß im Stroh vor der Krippe. Sie überlegt, wie sie das Jesuskind ansprechen soll, denn schließlich weiß sie ja, dass es Gottes Sohn ist, der da vor ihr liegt. Gar nicht so einfach! Marie versucht es mit:
„Na du!“ Das ist erstmal unverbindlich. Das Kind sagt nichts, aber es lächelt weiter.
„Ich weiß, wer du bist … und ich bin die Marie!“, fährt Marie fort.
„Schön Marie, dass du uns besuchst und siehst du wie sehr sich das Kind über deinen Besuch freut, aber er ist ja noch ein Baby und kann noch nicht sprechen.“
Marie sah die schöne junge Frau ehrfürchtig an.
„Bist du die Mutter Maria?“
„Ja, wir haben beide fast den gleichen Namen.“
„Aber warum kann das Jesuskind denn nicht sprechen, er ist doch Gottes Sohn?“
„Ja, aber er wurde von Gott als Mensch auf die Erde geschickt und wie jedes Kind muss er auch erst alles lernen.“
Marie reicht dem Kind die Hand und lacht, als es ihren Finger festhält.
Niemand wird ihr glauben, dass sie das gerade erlebt. Aber das ist nicht schlimm, denn wichtig ist, dass es so ist und es ist wunderbar.
Plötzlich hört Marie, dass jemand ihren Namen ruft. „Marie! Du kleine Schlafmütze!“ Das ist eindeutig Mama.
„Ich komme morgen wieder!“, flüstert Marie und öffnet die Augen.
Mama steht an ihrem Bett und lächelt.
„Guten Morgen, mein Kind. Hast du gut geschlafen?“, fragt sie.
Marie kann nur nicken, so ergriffen ist sie noch von dem im Traum erlebten.

Nach dem Frühstück fragt Marie ihre Mutter:
„Sag mal, Mama, funktioniert das Nachthemd jede Nacht?“
Erstaunt sieht Mama ihre kleine Tochter an.
„Was meinst du?“, fragt sie.
„Ach, ist schon gut!“, sagt Marie, die plötzlich weiß, dass sie ihr Geheimnis für sich behalten sollte. Aber aufschreiben würde sie es, ganz bestimmt.

Wenn ich euch nun erzähle, dass Marie, obwohl sie heute erwachsen ist, immer noch ihr Weihnachtsnachthemd hat und es in der Zeit vor Weihnachten mit ins Bett nimmt (sie passt längst nicht mehr hinein), dann wisst ihr, dass es weiterhin funktioniert hat, stimmts?

© Regina Meier zu Verl

Photo by Jonathan Borba on Pexels.com

Zu früh für den Hundehimmel

Zu früh für den Hundehimmel

Es hatte sich angefühlt, als ob jemand die Welt zum Stillstand gebracht hätte. Er hatte das Licht ausgeschaltet und eine große Käseglocke über meine kleine Hundewelt gestülpt, die jedes Geräusch fernhielt und jedes Eindringen verhinderte.
„Komisch“ dachte ich noch und wollte mich genauer umsehen, aber ich konnte mich nicht bewegen. Auch meine Stimme gehorchte nicht, als ich nach jemandem rufen wollte, der die Glocke wieder hochnähme. Doch plötzlich wurde es schwarz um mich herum, tiefschwarz und kalt.
Als ich wieder zu mir kam und vorsichtig mit den Augen blinzelte, nahm ich leise Stimmen wahr.
„Da ist sie wieder!“, sagte eine fremde Stimme und jemand streichelte meinen Rücken.
„Gott sei Dank!“ Das war Frauchen, wie gern hätte ich mit dem Schwanz gewedelt, aber das ging nicht. Nicht einmal den Kopf konnte ich anheben, dabei hätte ich mein Frauchen so gern angeschaut.
„Was machst du nur für Sachen, Assi. Wir haben uns solche Sorgen gemacht!“, sagte Frauchen jetzt und ganz nah klang ihre Stimme, so nah, dass ich beinahe ihren Atem wahrnehmen konnte. Aber ich konnte sie nicht sehen. Sie hielt ihre Hand an meine Nase und tätschelte mich sanft. Oh, wie gut das tat. Ich schnupperte und konnte gar nicht genug davon bekommen.
„Sie hat Sie erkannt! Das ist ein sehr gutes Zeichen!“, sagte die andere Stimme nun wieder. Das war auch eine Frau und ich mochte ihre Stimme auf Anhieb. Aber warum sollte ich mein Frauchen nicht erkennen? Das leuchtete mir nun gar nicht ein. Schließlich kannte ich sie schon mein Leben lang und ich kann euch sagen: Sie ist das beste Frauchen der Welt, das vergisst man doch nicht.
Ich erinnerte mich daran, dass mir plötzlich so kalt war und dass es dunkel wurde. Nun, dunkel war es noch immer, aber ich lag offensichtlich auf einer Wärmflasche, so einer, wie Frauchen sie auch besaß. Oft lagen wir abends gemeinsam auf der Couch und dann durfte ich auch mal eine Weile auf die herrliche Wärmflasche, die so herrlich nach meinem Frauchen roch. Das fühlte sich gut an. Doch warum konnte ich nichts sehen? Das war doch seltsam. Mir tat nichts weh, mir war warm, aber es war dunkel.
„Sicher können wir den Verband schon bald abnehmen, damit sie auch wieder etwas sehen kann!“, sagte die fremde Stimme jetzt. „Sie bekommt dann einen Trichter, damit sie sich nicht kratzen kann und ihre Wunden in Ruhe lässt!“
Wunden? Was war denn nur passiert? Hatte ich etwa wieder ein Kämpfchen mit dem Nachbarhund gehabt? Nein, daran würde ich mich erinnern.
„Sie hat viel Glück gehabt. Der Fahrer, dem sie vor das Auto gelaufen ist, hat sich liebevoll gekümmert und so konnten wir Assi sofort von der Straße holen und sie versorgen. Was für ein Glück, dass Sie gerade in der Nähe waren, Frau Doktor!“
Aha, so langsam dämmerte es, ich war vor dieses blöde Auto gelaufen. Weinrot war es, das weiß ich noch und ich weiß auch, wohin ich wollte. Schräg gegenüber stand mein Freund Mattis auf dem Bürgersteig. Zu dem wollte ich, ja genau! Oh je, der arme Mattis, was der wohl für einen Schreck bekommen hat. Das muss ich unbedingt wieder gut machen. Wenn es doch nur nicht so dunkel wäre.
Ich versuchte ein kurzes Wuff und als das gelang, wurde ich mutiger und bellte.
„Hey!“, rief Frauchen. „Das klingt gut, jetzt bist du richtig wach, meine Süße. Aber du musst dich noch ausruhen, damit du wieder ganz gesund wirst, hörst du?“
Klar, das hatte ich gehört, aber jetzt wollte ich was sehen, unbedingt.
Mein Kopf wurde ein wenig angehoben und man steckte ihn in einen Trichter. Dann wurden meine Augen vom Verband befreit und tatsächlich, es wurde hell. Zuerst sah ich noch verschwommen, aber ich konnte sehen. Die Frau Doktor leuchtete mit einer grellen Lampe in meine Augen, das war nicht angenehm, musste aber wohl sein. Als sie dann sagte: „Sie sieht!“ und dabei ganz glücklich klang, da war ich auch glücklich und wie glücklich ich war und mein Frauchen auch, das kann man kaum beschreiben. Die da oben im Hundehimmel würden noch ein bisschen auf mich warten müssen. Ich hatte es noch einmal geschafft!

© Regina Meier zu Verl

 

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