Die kleine Kerze aus dem Weltladen

Die kleine Kerze aus dem Weltladen

„Ich will auch eine große Kerze sein“, jammerte die kleine Kerze, die seit ein paar Tagen im Schaufenster des Weltladens lag. „Eine große, dicke Kerze mit einem langen Docht. Und gelb will ich sein. Hellgelb.“
Missmutig blickte sie auf ihr zartrotes Kerzenkleid. Sie gefiel sich nicht, gar nicht.
„So mag mich doch keiner leiden, oder?“
„Dein Gejammer ist ja nicht auszuhalten!“, schimpfte die Teekanne, die direkt neben der Kerze stand. „Man ist, was man ist und daran kann man gar nichts machen. Sei doch zufrieden, ich finde dich recht schön!“
„Recht schön? Du findest mich nur „recht“ schön?“ Die kleine Kerze heulte leise auf. „Siehst du, das ist genau das Problem. Recht ist nicht richtig und recht schön bedeutet nur hübsch, ein bisschen, oder noch weniger. Dabei möchte ich doch eine ganz besondere Kerze sein für einen ganz besonderen Menschen. Aber wie soll der mich je finden, wenn ich so unbedeutend klein und nur recht schön bin?“
Die Teekanne schwieg nun. Insgeheim dachte sie, dass sie es der Kerze sowieso nicht recht machen konnte und eigentlich war es ihr auch egal. Sollte sie doch jammern.
„Siehst du“, jaulte die Kerze, „dazu fällt dir nun auch nichts mehr ein!“
„Streitet nicht, bitte!“, bat ein winziger Porzellan-Engel mit feinem Stimmchen. „Ich mag es nicht, wenn gestritten wird!“
„Oh, das tut mir leid“, sagte die kleine Kerze schnell, obwohl sie nicht wusste, was dieses „gestritten“ bedeuten sollte. „Wir haben nicht gestritten, oder?“
„Beileibe nicht“, murrte die Teekanne, „und nun störe mich nicht länger. Es kommt gerade eine nette Familie zu uns herüber und ich muss lächeln, lächeln, lieb lächeln. Vielleicht nehmen sie mich mit.“
Lächeln? Kann ich das auch? fragte sich die Kerze und gab sich Mühe, auch so ein Lächeln zu zaubern. Dabei verrenkte sie sich aber so, dass sie beinahe abgebrochen wäre. Oh je! dachte sie, nun bin ich nicht nur hässlich rosa, sondern auch noch krumm. Niemals wird mich jemand mitnehmen wollen!
„Hast du ein Glück, Teekanne!“ Sie seufzte tief auf. „Schön bist du und groß und deine Farben leuchten. Ich dagegen bin klein und hässlich. Es stimmt. Mich wird bestimmt niemals jemand mitnehmen.“
„Ha, du dummes Ding!“ Eine wunderschöne gelblilarosafarbene Stumpenkerze lachte heiser auf. Es war kein fröhliches Lachen. „Hoffe und bete, dass dich kein Mensch mitnimmt. Unser Los bei den Menschen nämlich ist kein erfreuliches und ich nenne es ein Glück, hier im Korb für alle Zeiten liegenbleiben zu dürfen. Man hört und sieht so vieles hier. Spannend ist das!“
Die kleine Kerze wollte es genauer wissen. „Nun erzähl schon, was erzählt man sich denn?“
„Na ja, ganz genau weiß ich es natürlich nicht, denn niemals ist eine Kerze zurückgekommen, um die Wahrheit zu berichten.“, meinte die Stumpenkerze. „Was ich aber weiß ist, dass man Kerzen anzündet und dann werden sie klein und kleiner und schließlich sind sie gar nicht mehr da!“
So ein Schreck! Konnte das denn wirklich wahr sein? fragte sich die kleine Kerze und je mehr sie darüber nachdachte, desto wahrscheinlicher erschien ihr diese Behauptung.
„Du könntest recht haben!“, sagte sie deshalb leise, um nur ja nicht aufzufallen, denn gerade hatten sich die Kunden genähert und betrachteten sie.
Nein, dachte sie insgeheim, ich mag nicht noch kleiner werden und schon gar nicht mag ich angezündet werden und plötzlich verschwunden sein. Was das wohl bedeuten sollte, dieses anzünden, und ob das schmerzte?
„Guck mal, diese kleine Kerze“, vernahm man plötzlich eine Kinderstimme. „Die ist ja niedlich und sie würde genau in mein Puppenhaus passen!“
Eine andere Stimme kicherte: „Die ist doch ganz krumm!“
„Das macht doch nichts, ich finde sie schön und die Farbe ist toll, genau mein Geschmack!“, sagte nun wieder die Mädchenstimme. „Mama, kann ich die haben?“
Die Mutter trat heran, nahm die Kerze in die Hand und betrachtete sie prüfend. „Sie ist schief. Aber weißt du: schiefe Kerzen werden sehr alt. Sie dürfen nie brennen.“ Die Mutter lächelte und legte die kleine Kerze sanft in die Hand des Mädchens. „Ich denke, sie passt besonders gut ins Puppenhaus. Einverstanden. Wir nehmen sie.“
So kam es, dass die kleine Kerze ins Puppenhaus des Mädchens einzog. Was „anzünden“ bedeutete, hat sie nie erfahren, aber das ist ja auch gut so, nicht wahr?“

© Regina Meier zu Verl & Elke Bräunling

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Wie die vier Kerzen zu ihrem Namen kamen

Wie die vier Kerzen zu ihren Namen kamen

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„Die haben mich vergessen!“, schimpfte die vierte Kerze auf dem Adventskranz.
„Ach was, du kommst schon noch dran!“, meinten die anderen einstimmig.
„Aber es ist doch schon dunkel und wenn ich das richtig sehe, ist kein Mensch zu Hause“, sagte nun wieder die Nummer Vier.
„Wir sind denen gar nicht wichtig, sie haben uns nicht einmal einen Namen gegeben!“, sagte die Nummer Drei traurig. „Menschen geben denen, die sie lieben einen Namen. Denk mal an den Hund!“
„Du hast recht. Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, aber es stimmt. Wir sind einfach nur Nummern. Oh je, ist das traurig!“ Das war die zweite Kerze.
„Wir sind eben nur Kerzen!“, flüsterte die Nummer Eins, die immer ein wenig leiser war als die anderen. Dabei hatte sie doch das Glück gehabt, als allererste von ihnen entzündet zu werden. Sie wusste aber, dass das ein Zufall war, es hätte ebenso gut eine von den anderen sein können.
Die vier Kerzen schwiegen, jede für sich war in Gedanken versunken. Im Haus war es mucksmäuschenstill, nur das Ticken der großen Wanduhr war zu hören.
Plötzlich wurde die Tür zum Wohnzimmer geöffnet und jemand schaltete das Licht ein.
„Jetzt ist es endlich soweit!“, dachte die vierte Kerze und wagte kaum zu atmen vor lauter Aufregung. Tatsächlich, da kam Tina, die hier wohnte und setzte sich aufs Sofa.
„Schatz!“, rief sie und noch einmal: „Schahatz!“
„Was ist denn, Tina?“, rief Alex, Tinas Liebster.
„Heute ist der vierte Advent, wir wollen noch die Kerzen anzünden und ein Weihnachtslied singen!“, rief Tina.
„Boah, du bist so altmodisch! Muss das denn unbedingt jetzt sein, ich habe solchen Hunger!“, maulte Alex. Da er aber seine Tina liebte, machte er sich auf den Weg ins Wohnzimmer.
„Ich bin übrigens nicht altmodisch, man nennt das romantisch, mein Lieber und ein wenig Romantik stände dir auch ganz gut zu Gesicht!“, meinte Tina und hielt Alex die Streichhölzer hin. „Mach du!“, ordnete sie an.
Gerade wollte Alex die vierte Kerze anzünden, deren Docht noch ganz unbenutzt war, als Tina rief: „So nicht, es muss in der richtigen Reihenfolge angezündet werden, die vierte ist die letzte Kerze, fang mit der Nummer Eins an!“, schimpfte sie.
„Demnächst werden wir den Kerzen noch Namen geben und ihnen später einen Gutenachtkuss geben!“, witzelte Alex.
„Blödmann!“, schimpfte Tina und schob schmollend die Unterlippe vor.
„Das ist aber kein schöner Name, lass dir was besseres einfallen!“, konterte Alex und brachte Tina damit wieder zu lachen.
„Okay, die erste heißt Chris – nun bist du dran, mein Lieber!“
Alex zündete die erste Kerze an. „Ich taufe dich auf den Namen Chris!“, sagte er feierlich. Dann hielt er das Streichholz an die zweite Kerze. „Und du heißt … Aua!“ Alex hatte sich den Finger verbrannt, das tat ganz schön weh.
„Aua kann sie aber nicht heißen“, meinte Tina, nachdem sie Alex einen Kuss auf den schmerzenden Finger gegeben hatte. „Ich schlage vor, sie heißt Aurelia, okay?“
Zu Chris und Aurelia kamen dann noch Luke und Mara dazu.
Die Kerzen waren glücklich und strahlten heller als je zuvor. „Sie haben uns Namen gegeben“, flüsterte Mara. „Das heißt, dass sie uns lieben!“
„Ja!“, flüsterten Chris, Aurelia und Luke.
Tina kuschelte sich an ihren Alex und schaute glücklich ins funkelnde Licht der Adventskerzen.

© Regina Meier zu Verl

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Von Adventskränzen, Angeln und Stricklieseln

Von Adventskränzen, Angeln und Stricklieseln

Auf dem Wochenmarkt hatte Marie einen schlichten Tannenkranz gekauft, den sie gemeinsam mit ihrem Mann schmücken wollte.
„Adventsschmuck müsste ich noch reichlich im Keller finden“, murmelte sie vor sich hin. „Aber Kerzen brauche ich, vier Stück!“
Sie überlegte. Hatte sie nicht noch Kerzen vom letzten Jahr? Sie konnte sich noch gut daran erinnern, dass sie damals eine große Packung gekauft hatte, die gerade im Sonderangebot waren. Nur wo hatte sie diese aufgehoben.
Ein Auto fuhr in die Einfahrt. Das war Albert, ihr Mann, Marie erkannte es daran, dass er noch einmal tüchtig Gas gab, bevor er den Schlüssel im Zündschloss drehte, um den Motor abzuschalten. Wie oft hatte Marie ihm schon gesagt, dass es großer Blödsinn ist, doch Albert bestand darauf, er behauptete sogar, dass das gut für den Motor ist. Marie hatte es aufgegeben, ärgerte sich aber jedes Mal ein wenig darüber.
„Du nun wieder mit deinen Sonderangeboten“, sagte Albert als Marie ihn nach den Kerzen fragte. Marie kaufte nämlich ständig Sonderangebote. Im Kellerregal lagen diverse Schnäppchen herum, etwa zehn Stück Seife, oder zwanzig Mikrofaserspülschwämme und vieles mehr.
Aber wegen der vier Kerzen jetzt den Keller durchsuchen, dazu war er doch zu bequem.
„Kauf doch einfach neue Kerzen“, schlug er vor.
„Kommt gar nicht in Frage, warum wohl kaufe ich immer billig ein und nutze jedes Angebot? Weil ich sparen möchte! Außerdem ist heute Samstag und der Keller müsste schon längst mal aufgeräumt werden.“
Missmutig dachte Albert, als er die Stufen hinunter ging:
„Billig einkaufen, ha, das meiste davon landet doch im Keller und wird nie mehr gebraucht.“
Aber als guter Ehemann wusste er, wann er den Mund zu halten hatte.
Als Albert nach mehr als einer Stunde immer noch nicht aus dem Keller aufgetaucht war, machte Marie sich Sorgen. Sie rief von der Kellertreppe aus nach ihm, bekam aber keine Antwort. Schließlich stieg sie die Stufen hinab, um nach Albert zu schauen.
Sie schlug entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen.
Der Keller war ein einziges Chaos und mittendrin ihr Mann, der sie jetzt strahlend anlachte.
„Sieh mal, was ich gefunden habe?“
Er hob eine alte Angel hoch.
„Deine Angel! Was willst du jetzt damit? Eisfischen gehen? Du solltest den Keller aufräumen und nebenbei nach den Kerzen suchen, stattdessen sitzt du hier und …“
Marie seufzte und bückte sich.
„Guck mal!“, rief sie und die Begeisterung in diesem Aufschrei war deutlich zu hören.
„Da ist ja meine alte Strickliesel!“ Marie wühlte in einer Kiste und zog ein Knäuel Wolle hervor.
„Das wird Spaß machen!“, murmelte sie und schob mit Strickliesel und Wolle ab, ohne sich weiter um Albert zu kümmern.
„Und was ist nun mit den Kerzen?“, rief der. „Willst du welche klöppeln?“
„Wir kaufen neue!“, antwortete Marie lachend. „Ich habe jetzt gar keine Zeit zum Suchen!“

© Regina Meier zu Verl 2020
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Jeder ist schön auf seine Art

Jeder ist schön auf seine Art

„Rot!“, sagte die kleine Kerze. „Rot ist die schönste aller Farben. So gern wäre ich rot, aber ich bin nur einfach weiß. Das ist doch keine Farbe, ich bin so traurig!“, jammerte sie.
„Du bist eine schöne weiße Kerze, die niedlichste, die ich je gesehen habe. Ich weiß gar nicht, warum du so jammerst. Weiß ich doch schön.“, meinte die dicke Kerze, die größer war als alle anderen in dem kleinen Laden. Auch sie war weiß und war dazu bestimmt, eine Altarkerze zu sein. Irgendwann würde sie in einer Kirche auf dem Altar stehen. Darauf freute sie sich schon sehr.
Die Honigkerzen kicherten. „Wir sind die schönsten Kerzen, weil wir so herrlich duften!“, sagte eine von ihnen und die anderen stimmten ihr zu. „Ja, ja, wir durften herrlich. Gerade gestern noch hat eine Dame an uns geschnuppert und genau das gesagt!“
„Streitet nicht!“, rief eine Glitzerkerze, die im Licht funkelte. „So schön wie ich es bin ist keine von euch!“, fügte sie noch hochnäsig hinzu. „Glitzer ist voll in Mode!“
„Leute, genießt euer Leben. Seid einfach froh, dass ihr da seid. Eines Tages zündet man uns an und dann sind unsere Tage gezählt. Wir brennen ein paar Stunden oder Tage und dann bleibt von uns nichts mehr als ein kläglicher Wachsrest. Ja, so ist das!“ Die Stimme kam aus dem Karton mit den Teelichtern.
Plötzlich klingelte die Türglocke des kleinen Ladens. Kunden betraten das Geschäft und auch die Besitzerin, Frau Klein, kam aus ihrem Büro.
„Guten Tag, die Herrschaften!“, sagte sie. „Kann ich helfen?“
„Wir möchten eine Kerze kaufen“, sagte eine feine Dame, die ein Mädchen an der Hand hatte.
„Schauen Sie sich gern um“, sagte Frau Klein freundlich und führte die Kunden zum Kerzenregal. „Hier sind unsere Kerzen!“
Die Kerzen verhielten sich mucksmäuschenstill. Keine von ihnen wollte gekauft werden, denn, wie hatte das Teelicht gesagt? Dann sind unsere Tage gezählt!
Die Kundin nahm eine von den Honigkerzen und schnupperte daran.
„Oh, wie wunderbar sie duften!“, rief sie aus und hielt ihrer Tochter die Kerze unter die Nase. „Riech mal!“
Das Kind roch kurz daran und verzog das Gesicht.
„Gefällt mir nicht!“, sagte es und griff nach der Glitzerkerze. „Die ist schön!“, rief es aus. „Die möchte ich haben.“
Die Mutter wollte ihrer Tochter die Kerze abnehmen, doch das wollte das Kind nicht. Es gab ein kurzes Gerangel, wodurch die Glitzerkerze zu Boden fiel. Rumms!
Frau Klein bückte sich und hob die Kerze, die nun eine dicke Macke bekommen hatte, auf. „Oh!“, sagte sie.
„Mir gefällt sie sowieso nicht!“, sagte die Kundin, statt sich zu entschuldigen. „Guck mal Liebling, die kleine weiße Kerze ist doch schön. Die nehmen wir!“
„Die ist unverkäuflich!“, rief Frau Klein schnell. „Und die dicke weiße Kerze kommt demnächst auf den Altar und die Honigkerzen sind schon alle reserviert. Die Glitzerkerze ist nun beschädigt, die kann ich auch nicht mehr verkaufen. Ich kann also nichts weiter für Sie tun!“
„Komm!“, sagte die Frau und zog ihre Tochter am Arm. „Wir gehen!“
„Gott sei Dank“, flüsterte Frau Klein, aber nur ganz leise. Dann stellte sie die Glitzerkerze liebevoll auf ihren Platz zurück. „Du bist noch immer schön!“, sagte sie zu ihr und an die anderen gewandt: „Und ihr auch, eine jede auf ihre Weise!“
Fortan stritten die Kerzen nicht mehr und sie freuten sich über jeden Tag, den sie in Frau Kleins kleinem Laden verbringen durften und wenn sie jemals jemand anzünden würde, dann sollte es ein Mensch sein, der sie wertschätzte, so wie Frau Klein das tat.

© Regina Meier zu Verl
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Bildquelle geralt/pixabay