Vom Käfer, der nicht wusste, dass er fliegen kann

Vom Käfer, der nicht wusste, dass er fliegen kann

Vom Käfer, der nicht wusste, dass er fliegen kann

Das Marienkäferchen war völlig erschöpft. Den ganzen Tag war es nun schon gekrabbelt und kaum vorangekommen.
„Ach, ist das mühselig“, dachte es und krabbelte mit letzter Kraft einen Grashalm hoch und schaute sich um.
Auf einem Halm nebenan saß eine Fliege, die sich putzte.
„Na du!“, sagte der Marienkäfer. „Hattest du auch so einen anstrengenden Tag?“
„Das kann man wohl sagen“, antwortete die Fliege und breitete ihre Flügel aus. „Ich hätte beinahe mein Leben lassen müssen.“
„Oh, das tut mir leid. Wie kam das denn?“, fragte das Marienkäferchen mitleidig und vergaß seinen eigenen Kummer.
„Nun ja“, antwortete die Fliege, „ich hatte es mir gerade auf der Fensterbank in der Sonne gemütlich gemacht, als eine Fliegenklatsche auf mich hinab sauste. Ich bemerkte es gerade noch rechtzeitig und bin schnell weggeflogen.“
„Du hast es gut, du kannst fliegen!“, sagte das Käferchen traurig.
Die Fliege schaute es mit großen Augen an.
„Das kannst du doch auch, oder etwa nicht?“, fragte sie überrascht.
„Ich? Ich kann das nicht, ich bin doch ein Krabbelkäfer. Den ganzen Tag klettere ich schon die Grashalme rauf und wieder runter. Kannst du dir vorstellen, wie anstrengend das ist?“
Die Fliege lachte. Sie konnte gar nicht mehr aufhören damit.
Das Käferchen war beleidigt. „Was lachst du denn so blöd?“
„Mein lieber Marienkäfer, du kannst fliegen, du weißt es nur noch nicht. Wie kann man nur so dumm sein?“
Sie hielt sich den Bauch vor Lachen. Dann schämte sie sich aber doch ein bisschen und bot an: „Ich werde es dir zeigen, wenn du willst!“
Natürlich wollte das Käferchen das gern lernen.
„Schau her, du breitest die Flügel aus und beginnst damit zu schlagen, immer hoch und runter, guck her, so!“ Die Fliege machte es vor und hob sich in die Luft.
Das Käferchen tat es ihr nach und siehe da, ein wenig schwerfällig noch, aber mit der Zeit immer leichter werdend, flog es und summte dabei vor Freude.
Es ist doch schön, wenn da jemand ist, der dir sagt, was du alles kannst – wenn du selbst es noch nicht weißt oder an dir zweifelst, oder?

© Regina Meier zu Verl

Glückskäfer, pardon, Marienkäfer auf einer Löwenzahnblüte, Foto © Elke Bräunling

Ein Glückstag für Tobi

Ein Glückstag für Tobi

Ein Glückstag für Tobi

Samstags hat Papa Zeit für mich. Ich freue mich jede Woche auf diesen Tag. Am liebsten möchte ich schon ganz früh aufstehen. Aber ich weiß, dass Papa auch mal ausschlafen muss und ich wecke ihn nicht allzu früh.
Meist schalte ich meinen CD-Spieler an und höre noch eine Folge meiner Lieblingsserie und je weiter ich zum Schluss komme, desto lauter drehe ich den Ton. So kriege ich Papa am besten wach und er wird dann auch gar nicht ärgerlich. Er hat ja eine ganze CD lang Zeit, in Ruhe wach zu werden. Das reicht!
Wir frühstücken dann zu dritt, Mama, Papa und ich und nach dem Frühstück verschwindet Mama im Bad. Papa und ich lesen die Zeitung, ich helfe Papa dabei, damit es schneller geht.
„Guck hier, Papa. Der Tierpark öffnet in der nächsten Woche wieder. Gehen wir da mal hin?“
„Ja, bestimmt!“, knurrt Papa. Er scheint noch immer ein wenig müde zu sein.
„Und hier: Stadt sucht Helfer für die Pflege der Grünanlagen. Wäre das nicht was für uns?“
Plötzlich ist Papa ganz wach.
„Zeig mal!“, ruft er schnappt sich den Teil der Zeitung, in dem ich gerade lese.
„Wir könnten doch mit unserem Rasenmähertrecker helfen, oder?“, frage ich eifrig.
Papa liest aber erstmal den ganzen Artikel bevor er antwortet.
„Das ist nichts für uns, die suchen Leute, die Müll sammeln!“
„Das können wir doch machen und dann nehmen wir den Trecker und sausen – brrrummm – über den Rasen.“
„Hör zu! Gesucht werden Bürger unserer Stadt, die mit Bollerwagen und Müllsäcken ausgestattet werden, um unsere Parks von Müll zu befreien. Alle, die an der Aktion teilnehmen möchten, treffen sich um 11.00 Uhr vor dem Rathaus.“
Ich finde das ganz toll und will Papa überreden mitzumachen. Mama schließt sich auch an und ein wenig zögerlich noch und mit vielen „Abers“ stimmt Papa zu.
„Also gut, aber vorher lese ich noch die Zeitung zu Ende!“
Pünktlich, eine Viertelstunde vor dem Treffen, marschieren wir dann los. Mama hat Einmal-Handschuhe eingepackt und Mineralwasser. Auf dem Rathausvorplatz stehen viele Leute, die ebenfalls helfen wollen. Die Sonne ist uns wohlgesinnt und schickt die ersten warmen Frühlingsstrahlen zur Unterstützung.

Auch die Familie Marienkäfer genießt die Frühlingssonne, als sie plötzlich ein Beben wahrnimmt. „Ein Erdbeben!“, ruft Mutter Käfer und fliegt auf den obersten Ast der Kastanie, von wo aus sie eine gute Übersicht hat. „Mann, Kinder, rauf auf den Baum, die Menschen kommen.“
Das ist eine Aufregung! Eine Horde Menschen, das bedeutet, dass der schöne Rasen zertrampelt wird und mancher Käfer in den Boden gestampft wird. Alle Insekten des Parks haben das nun mitbekommen und retten sich auf die Bäume, bis auf die kleine Marie, die schaukelt auf einem Gänseblümchen und träumt.

„Guck mal, Mama!“, rufe ich und zeige meiner Mutter den kleinen Marienkäfer auf dem Gänseblümchen. „Ein Glückskäfer!“
Mama freut sich, sie mag Marienkäfer und Glück mag sie auch haben. Wir warten, bis alle Müllsammler weitergegangen sind, dann verabschieden wir uns von dem kleinen Käferchen.
„Pass gut auf dich auf, kleine Schönheit!“, sagt Mama.
„Und bring uns Glück!“, bitte ich und ich bin davon überzeugt, dass es so sein wird. Es wird uns Glück bringen.
Nach ein paar Stunden haben wir jede Menge Müllsäcke gefüllt und bringen sie mit den Bollerwagen zum Rathaus, dort wird alles auf einen kleinen LKW geladen und zur Entsorgung gebracht. Wir alle sind stolz und hungrig und deshalb ist es ein großes Glück, dass jeder Müllsammler nun eine große Brezel zur Belohnung bekommt.
Hat ja geklappt, mit dem Glück, sag ich doch!

© Regina Meier zu Verl 2015

Die Reisen der Julifrau

Die Reisen der Julifrau


Die Reisen der Julifrau

„Es ist mein Los, ständig auf Achse zu sein und das ist auch gut so. Heute Morgen watete ich über den Meeresstrand, jetzt streife ich durch Wiesen und Felder, die Weinberge und Obstgärten werde ich gleich noch besuchen und in den Wäldern nach dem Rechten sehen und den Abend werde ich in den Bergen verbringen. Ein guter Plan für einen guten Tag.“ Die Julifrau nickte zufrieden.
„Hast du dir da nicht ein bisschen zu viel vorgenommen?“, wisperte der Rosenkäfer, dessen grüne Flügel im Sonnenlicht schimmerten. „Du hast doch viele Tage Zeit für deinen Job! Mach eines nach dem anderen!“
Die Julifrau lachte. „Du hast recht, kleiner Käfer, aber ich liebe meine Arbeit so sehr, dass ich alles auf einmal machen möchte.“
„Alles? Auf einmal?“ Der Käfer spreizte die Flügel. „Was ist das überhaupt, dieses ‚Alles‘? Und das gleich auch noch mit diesem ‚Auf einmal‘? Nein, das verstehe ich nicht. Meine Kollegen und ich nämlich, wir, ja, wir machen alles eines nach dem anderen. Stück für Stück für Stück.“
„Genau so ist es richtig“, rief die Julifrau und ihre Stimme klang lauter noch und fröhlicher und voller Energie. „Das mache ich auch. Stück für Stück für Stück wandere ich durch mein Land und das ist auch mein Job.“
„So, so!“, meinte der Rosenkäfer, der sich die Beinchen putzte. „Dann ist es ja gut! Aber meinst du nicht, du verlangst zu viel von dir? Ich meine gehört zu haben, dass dein Monat auch so etwas wie ein Monat der Ruhe und der Pause ist. Die Menschen sagen dies immer und sie lieben deine Zeit, um sich zu erholen … und um im Land herumzureisen.“
Die Julifrau lachte. „Da siehst du es! Sie machen es wie ich.“
„Stimmt!“ Der Rosenkäfer nickte zustimmend und überlegte, ob er auch verreisen sollte. Er kam dann aber zu dem Schluss, dass er ja nicht alles so machen musste wie die Menschen und die Julifrau. Er würde hierbleiben und seine Arbeit machen und am Abend würde er sich ausruhen und die schönen Julinächte genießen.
„Ich hoffe, du wirst Zeit finden, dich um das Wetter zu kümmern“, brummte er daher nur. „Und besonders auf laue Abende und angenehme Nächte. Die liebe ich nämlich und wie mir zu Ohren gekommen ist, mögen die Menschen sie auch über alles gut leiden. Also bitte, streng dich an, gute Frau!“
„Alles wird im rechten Maß geschehen, Sonne, Regen und Sommerspaß, Gewitter und Abkühlung, verlass dich drauf!“, versprach die Julifrau und machte sich auf den Weg in die Berge.
Die Sonne war gerade hinter den Bergen untergegangen, als sie ihr Ziel erreichte. Sie seufzte. „Alles im richtigen Maß!“, murmelte sie. „Wachen und schlafen, arbeiten und ausruhen!“ Dann schlief sie mit einem Lächeln ein.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl


Julifrau?, Bildquelle © pixel2013/pixabay

*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*

Ich freue mich, dass meine Geschichten so guten Anklang finden und biete meinen Leser*innen hier die Möglichkeit, für ein Tässchen Kaffee etwas in die virtuelle Kaffeekasse via Paypal zu geben. Herzlichen Dank für die Anerkennung und Wertschätzung meiner Arbeit!

*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*