Freddy, die Entenfamilie und das Wahlplakat

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Freddy, die Entenfamilie und das Wahlplakat

Der Wochenspiegel der Kleinstadt berichtete über die spektakuläre Rettung eines in Not geratenen Hundes. Folgendes hatte sich zugetragen.

Eine ältere Dame war an einem kühlen, regnerischen Tag im Spätsommer mit ihrem kleinen Mischlingshund Freddy spazieren gegangen. Freddy hatte überall intensiv geschnuppert, als plötzlich eine Entenmutter mit ihren Jungen direkt vor ihm her spazierte. Sie wollte offensichtlich den Bach, der seitlich der Straße verlief, erreichen. Freddy fand das spannend. Endlich passierte mal was in seinem langweiligen Leben. Er wollte hinter der Entenfamilie her, unbedingt wollte er das. Also zog und zerrte er nach Leibeskräften an der Leine, die plötzlich nachgab. War etwa der Karabinerhaken nicht richtig am Halsband befestigt gewesen? Es könnte so gewesen sein, aber es spielt auch eigentlich keine Rolle. Freddy kam frei, wie auch immer. Sofort spurtete er durch, auf die Entenfamilie, die beinahe den Rand des Baches erreicht hatte, zu.

Die Entenmutter schnatterte aufgeregt. Mittlerweile schwammen aber alle Familienmitglieder bereits auf dem kleinen Bach. Natürlich wollte die Mutter ihre Kinder beschützen, so wie jede Mutter das würde. Sie hatte ihre Jungen um sich versammelt und versuchte, sie zusammen zu halten. Dabei schimpfte und zeterte sie in einer Tour. Auf dem Wasser fühlte sie sich zwar einigermaßen sicher, aber wer weiß, was diesem haarigen Ungetüm einfallen würde, um ihren Jungen etwas anzutun?

Freddy wagte mutig den Sprung ins Nass und paddelte ein wenig unbeholfen auf die Entenfamilie zu. Schließlich war er auch nicht mehr der Jüngste und seine letzte Schwimmerfahrung lag einige Zeit zurück. Mutter Ente beschwerte sich lauthals, sie quakte und kreischte und machte einen bedrohlich langen Hals. Ja, sie führte sich gerade so wie ein Schwan auf, der sich angegriffen fühlt. Damit beeindruckte sie den Hund sehr, der nun keine Anstalten machte, die kleine Familie weiterhin anzugreifen. Eigentlich hatte er ihnen ja gar nichts Schlimmes zuleide tun wollen, lediglich ein wenig spielen wollte er und das war doch wohl erlaubt, oder?

Währenddessen stand die alte Dame hilflos auf dem Grünstreifen und versuchte Freddy davon zu überzeugen, wieder aus dem Wasser zu kommen. Sie versuchte es mit gutem Zureden, mit Schimpfen und Drohen. Freddy paddelte unbeirrt weiter. Fast war er schon auf der anderen Seite des Baches angekommen. So richtig wohl fühlte er sich nämlich nicht im nassen Element und war recht froh, als er wieder Boden und den Füßen spüren konnte. Die Enten interessierten ihn schon gar nicht mehr. Viel wichtiger war es, jetzt an Land zu kommen.

„Freddylein, komm. Die Mutti kauft dir einen schönen Knochen!“, versuchte Freddys Besitzerin es mit zuckersüßer Stimme und das hatte Freddy wohl verstanden. Er kletterte aus dem Wasser, schüttelte sich kräftig und schaute sein Frauchen erwartungsvoll an. Leider hatte er den kürzeren Weg gewählt und war auf der gegenüber liegenden Seite des schmalen Baches, der munter vor sich hinplätscherte, gelandet.

Mittlerweile hatten sich einige Spaziergänger zur Hundebesitzerin gesellt, um ihr Beistand zu leisten. Die nächste Brücke übers Bächlein war einige hundert Meter entfernt. Es würde viel zu lange dauern, den Hund zu Fuß zu erreichen, und durch den Bach konnte man auch nicht. Selbst wenn es jemand wagen würde, dann konnte man nicht sicher sein, ob der Hund einem Fremden vertrauen würde und nicht einfach das Weite suchte. Schließlich konnte man von der alten Dame nicht erwarten, dass sie bei der Kälte durch den Bach zu ihrem Hund stolzierte.

Ein junger Mann hatte dann die rettende Idee: Von den Bürgermeisterwahlen in der kleinen Stadt stand noch immer ein riesiges Wahlplakat ganz in der Nähe. Es zeigte das freundliche Portrait eines Mannes, der sich in der kleinen Stadt um den Posten des Bürgermeisters beworben hatte. Kurzerhand packten einige Männer mit an. Sie hebelten die Sperrholzplatte mit dem Bild, die zwischen zwei kräftigen Latten angebracht war aus dem Boden. Dann schoben sie es vorsichtig über den Bach. Dafür wählten sie die schmalste Stelle und es reichte gerade so.

„Das wird nicht funktio9nieren“, jammerte die Dame. „Der Freddy hat das Plakat immer angeknurrt, vielleicht mag der den Mann nicht, der dort abgebildet ist, den Herrn äh, äh … wie heißt er nochmal?“

Es dauerte dann tatsächlich eine geraume Zeit, bis sich Freddy traute, auf das Holzbrett zu hüpfen. Aber mit viel gutem Zureden gelang es schließlich. Als Freddy merkte, dass er sich auf sicherem Untergrund befand, lief er glücklich auf seine Besitzerin zu.

Auf diese Weise hatte der freundliche Bürgermeister-Kandidat einen kleinen Hund gerettet und eine alte Dame glücklich gemacht. Dass er die Wahl nicht gewonnen hatte, dafür konnten die beiden ja nichts, nicht wahr?

Auf jeden Fall wurde er, der freundliche Kandidat, in der Presse lobend erwähnt. Schade, dass sich das alles nicht vor den Wahlen ereignet hatte. Möglicherweise hätte ihm das ein paar Zusatzstimmen bei der Abstimmung eingebracht. Das Wahlplakat wurde entsorgt, es hatte seine Schuldigkeit getan, so oder so!

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Jockel sucht sein Herrchen

Jockel sucht sein Herrchen

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Jockel hatte die haarige Stirn in Falten gelegt. Missmutig trottete er die Straße entlang. Er fühlte sich von allen verlassen und es regnete noch dazu. Heftig, wie aus Eimern schüttete es.
„Was bin ich nur für ein armer Hund“, jammerte Jockel. „Keiner hat mich lieb und der einzige, der noch etwas für mich übrighat, liegt im Krankenhaus!“
Mit Blaulicht war der Krankenwagen gekommen. Jockel hatte solche Angst gehabt und die lauten Töne hatten ihm Ohrenschmerzen bereitet. Hinter die Couch war er gekrochen, während die Sanitäter sein Herrchen versorgt hatten.
„Wir müssen Sie mitnehmen, Herr Schulte, es geht nicht anders“, hatte der freundliche Arzt gesagt und dann hatten die Männer Herrchen auf die Trage gelegt.
„Aber, aber …“ hatte Herrchen noch gerufen. „Der Jockel kann nicht allein bleiben!“
„Sollen wir jemanden anrufen?“, hatte man ihn gefragt. „Und wer ist denn der Jockel und vor allem: Wo ist der Jockel?“
Wie Espenlaub hatte Jockel gezittert. Sie hatten ihn nicht gefunden und waren dann einfach mit Herrchen verschwunden. Der war wohl so schlecht zurecht, dass er nichts mehr sagen konnte.
Am Abend war dann Beate gekommen, die Tochter vom Herrchen. Sie hatte ihm zwar gut zugeredet, aber getröstet hatte ihn das nicht. Nicht einmal Hunger hatte er gehabt, er wollte einfach nur sein Herrchen zurückhaben.
„Jockelchen, es geht nicht anders. Ich muss dich ins Tierheim bringen.“
Damit hatte Jockel nicht gerechnet. Ins Tierheim sollte er, das gefiel ihm aber gar nicht, denn von dort war er gekommen und er wollte nicht zurück. Auf keinen Fall wollte er das.
Beate wollte ihm das Halsband anlegen, doch Jockel knurrte so gefährlich wie er konnte. Das beeindruckte Beate aber nicht.
„Nun komm schon, stell dich nicht so an. Vielleicht ist es nur für ein paar Tage!“, versuchte sie ihn zu locken.
„Hallo, ist jemand hier?“, rief eine vertraute Stimme. Es war die Nachbarin, die nach dem Rechten sehen wollte. Sie war es auch gewesen, die den Sanitätern die Tür geöffnet hatte.
„Guten Abend Frau Meier! Ich bin es nur, die Beate!“, antwortete Beate erleichtert, weil sie wohl glaubte, dass Frau Meier ihr bei dem Jockelproblem, also mir, helfen konnte.
Sofort rannte ich in den Flur, um die Nachbarin zu begrüßen. Frau Meier hatte die Tür offenstehen lassen und ich rannte, schnell wie ein Pfeil an ihr vorbei ins Freie.
Die beiden Frauen schrien noch hinter mir her, aber ich wollte einfach nur weg. Weg von Beate und der bösen Drohung, mich ins Tierheim zu bringen und auch weg von Frau Meier, die mich sowieso nicht gut leiden konnte. Das dachte ich jedenfalls.

Ein paar Stunden lief ich also durch die Straßen der Stadt. Ich war auf der Suche nach dem Krankenhaus und hatte keine Ahnung, wo es sich befinden konnte. Mir war kalt, ich hatte Hunger und ich war traurig wie noch nie in meinem Leben.
Dann entdeckte ich einen Krankenwagen, er stand vor einem riesigen Haus, dessen Fenster hell erleuchtet waren. Ob es das Krankenhaus war?
Am Eingang saß ein Mann in einem Glaskasten, der Pförtner. Den hatte ich schon einmal gesehen, als Herrchen mich an ihm vorbei geschmuggelt hatte, um Mama Schulte zu besuchen. Mein Herz machte einen Hüpfer, ich war also richtig hier. Jetzt musste ich nur noch irgendwie in das Gebäude kommen und dort dann mein Herrchen suchen.
Es ist gut, dass ich nicht so groß bin, denn ich konnte mich ungesehen am Pförtnerhaus vorbeischleichen und gelangte in die Empfangshalle. Um diese Zeit war dort nicht viel los, denn es war keine Besuchszeit mehr.
Mit Papa Schulte war ich damals in so einen komischen Kasten gestiegen, der rauf und runter fahren konnte. Das fand ich gar nicht lustig. Papa hatte auf einen Knopf gedrückt, die Tür hatte sich geschlossen und dann gab es einen Ruck. Ich gestehe, dass ich vor Angst in die Ecke gepieselt habe. Papa hat das mit seinem Taschentuch so gut wie möglich aufgewischt und dann sind wir in Mamas Zimmer gegangen. War das eine Freude.
Da – der Kasten, also rein da und dann …
Wie sollte ich den verflixten Knopf drücken und vor allem welchen denn von den vielen?
Ich war erschöpft und setzte mich erstmal in die Ecke. Dort saß ich, als eine Frau im weißen Kittel den Kasten betrat. Sie bemerkte mich erst einmal nicht, drückte auf einen Knopf und dann gab es wieder diesen Ruck. Diesmal pinkelte ich nicht, denn das kannte ich ja schon. Aber ich gab ein kurzes „Wuff“ von mir, um auf mich aufmerksam zu machen.
Die Frau erschrak ein wenig, aber sie blieb ganz ruhig. Sie schaute mich an und ich sage euch: Das waren die schönsten Augen, die ich jemals gesehen habe.
„Was machst du denn hier?“, fragte sie leise. Sie streckte die Hand aus und streichelte vorsichtig meinen Kopf.
„Bist du denn etwa der Jockel, nach dem der Herr Schulte den ganzen Tag gefragt hat?“
An meinem wilden Schwanzgewedel hat sie dann wohl erkannt, dass sie den Nagel auf den Kopf getroffen hat.
„Pst!“, sagte sie. „Wir machen dich nun trocken und dann bringe ich dich zu ihm. Du musst mir aber versprechen, dass du ganz still bist, okay?“
Gesagt, getan. Sie brachte mich in die Personaltoilette, rubbelte mich trocken und versteckte mich dann in einem Wäschekorb. Ganz still verhielt ich mich, wagte kaum zu atmen. Sie fuhr mich mit einem Wagen ins Zimmer, wo mein Herrchen im Bett lag. Er schlief nicht, denn er begrüßte die Schwester mit einem: „Da sind Sie ja wieder!“
„Schauen Sie, wen ich da bringe!“, flüsterte die Schwester und hob das Handtuch an, unter dem ich versteckt war. „Sie müssen nun ganz schnell gesund werden!“, fügte sie noch hinzu.
Herrchen strahlte vor Glück. Und ich? Ich pieselte vor Freude in den Wäschekorb, aber nur ein ganz kleines bisschen.

© Regina Meier zu Verl

Anmerkung der Autorin:
Natürlich dürfen Hunde nicht ins Krankenhaus. Mittlerweile gibt es aber Therapiehunde, die dürfen Altenheime oder Kinderstationen besuchen. Allerdings sind die nicht pudelnass und schmutzig und sie pieseln auch nicht in Aufzüge oder Wäschekörbe, oder doch?

Bildquelle jarmoluk/pixabay

Walter erzählt – Aus dem Alltag eines Dackels

Walter erzählt – Aus dem Alltag eines Dackels

Ich weiß nicht wie mich meine Mama genannt hat. Ich habe sie kaum gekannt. Drei Monate war ich alt, als sie mich weg gab. Bestimmt hat sie das nicht freiwillig gemacht, sicher hat sie mich lieb gehabt. Meinen richtigen Papa habe ich nie gesehen. Böse Zungen haben behauptet, dass er sich immer herum treibt und es nirgends lange aushält.
Aber ich will mich nicht beklagen. Es geht mir gut und einen richtigen Namen habe ich auch bekommen: Walter.
Meine neue Mama ist sehr lieb, ich bin glücklich, wenn sie in meiner Nähe ist. Auch Papa mag ich sehr. Wenn er zu Hause ist, dann spielt er mit mir. Schade, dass er immer zur Arbeit muss und erst spät am Abend nach Hause kommt.
Mit Julian habe ich ein paar Probleme. Mein Gefühl sagt mir, dass ich nur dann für ihn wichtig bin, wenn seine Freunde ihn besuchen. Dann heißt es plötzlich: „Ja, der Walter ist mein bester Freund.“ Und wenn mich seine Freunde ansprechen, oder gar hinter den Ohren kraulen, dann ist er eifersüchtig, das spüre ich. Bettina hat neulich gesagt: „Du bist der schönste Hund der ganzen Welt.“ Da war ich vielleicht stolz, denn ich weiß, dass es viele, viele Hunde gibt. Schon allein hier in unserer Straße sind es sechs…

Manchmal geht Julian mit mir spazieren, nicht oft und auch nicht gern. Er zieht dann immer so furchtbar an der Leine, weil er schnell wieder nach Hause will. Das tut ganz schön weh am Hals. Mama lässt mich immer ein wenig schnuppern und das macht tierischen Spaß. Einmal hat Julian sogar „Blöder Köter“ zu mir gesagt. Wenn ich reden könnte, so hätte er aber was zu hören gekriegt. Aber ich weiß ja, was sich gehört. Ich stamme nämlich aus einer vornehmen Familie, jedenfalls von Seiten meiner Mutter. Papa war ein Herumtreiber, aber das sagte ich ja schon. Ich bin nicht lange beleidigt, wenn man mich beschimpft. Ich bin ja froh, wenn man mit mir nach draußen geht. In die Wohnung pinkle ich nicht mehr, das hat man mir ganz schnell abgewöhnt. Jedes Mal, wenn mir das passiert war, hat mir Mama eins mit der Zeitung auf den Hintern gegeben. Das mag ich gar nicht. Schon dieser Knall macht mich ganz nervös. Allerdings muss ich mich immer lautstark bemerkbar machen, wenn es mal ganz dringend wird und dann kann es sein, dass keiner Lust hat, mit mir raus zu gehen oder es in Strömen regnet. Die Menschen haben es gut, sie können eine Toilette benutzen. So etwas gibt es sogar für Katzen; nur wir armen Hunde müssen bei jedem Hundswetter raus. Kann sich da nicht mal jemand was einfallen lassen?

Im Nachbarhaus wohnt eine Katze. Ich kann sie gut leiden, aber sie mich nicht. Wenn ich im Garten bin, dann schleicht sie dort auch herum und wenn ich ihr zu nahe komme, dann faucht sie. Das macht mir ganz schön Angst. Dabei würde ich so gern mit ihr spielen. Bisher habe ich ihre scharfen Krallen noch nicht zu spüren bekommen und diese Erfahrung möchte ich auch lieber nicht machen. Also spiele ich allein, buddele Löcher und verstecke meine Schätze darin. Ab und zu bringt Papa mir einen Kauknochen mit, manchmal kann ich auch ein altes Brötchen ergattern. Das schmeckt erst dann ganz köstlich, wenn es so richtig schön dreckig ist. Außerdem muss ich für schlechte Zeiten vorsorgen, das haben wir Hunde so drin. Instinkt nennt man das.
Mein Instinkt lässt mich auch nicht im Stich, wenn es darum geht, Menschen einzuschätzen. Mama hat eine Bekannte, die kann ich auf den Tod nicht ausstehen. Sie riecht schon so seltsam und sie hat mich noch kein einziges Mal gestreichelt. Muss sie jetzt auch nicht mehr, ich bin ja ein guter Hund, aber bei ihr könnte ich doch schon mal etwas weiter gehen, als sie nur an zu knurren.
Mama ist das peinlich. „Was hat der Hund denn nur? Walter, geh in dein Körbchen und schäm dich!“, ruft sie dann und ich bin sauer. Warum versteht sie denn nicht, dass ich diese Frau nicht mag, sie sollte mal an ihr schnuppern. Ekelhaft, sag ich euch.
Wenn Mama dann noch sagt: „Anni, hast du einen neuen Duft?“ , verstehe ich die Welt nicht mehr. Mama wird doch hoffentlich nicht auf die Idee kommen, sich auch einen solchen Gestank zuzulegen.
Am besten riechen kann ich Mama und dann kommt Julian. Ich mag besonders gern seine Turnschuhe beschnuppern. Das ist ein Genuss, da verzichte ich doch glatt mal auf ein Leckerchen.
So, das wäre es erst mal für heute, ich flitze jetzt mal eine Runde durch den Garten. Ich will doch mal sehen, ob der Postbote schon da war. Der fürchtet sich nämlich so herrlich vor mir. Dabei bin ich doch nur ein ganz kleiner friedlicher Dackel, nicht ganz reinrassig aber das sieht ja keiner.

© Regina Meier zu Verl


© für das Bild Denise Lienenlüke

Lena, Luzie und der Vollmond

Lena, Luzie und der Vollmond

Hätte Frau Winter nicht so viel Kräutertee zum Abendessen getrunken, wäre die ganze Sache wahrscheinlich nicht ans Licht gekommen.
In dieser Nacht aber musste Mutter Winter zur Toilette und da sie nun schon aufgestanden war, wollte sie auch gleich nach Lena schauen. Leise öffnete sie die Tür zum Zimmer ihrer Tochter. Lena schien zu schlafen. Trotzdem trat die Mutter an das Bett und bekam einen Riesenschreck. Das war nicht Lena, die dort schlief. Es war Paul, der große Kuschelteddy.
„Wo ist sie denn nur?“, rief Frau Winter entsetzt und gleich darauf ließ sie einen Schrei los, der durch das ganze Haus schallte.
„Friedhelm!“
Lenas Vater schreckte hoch, sprang mit einem Satz aus den Federn und rannte zu seiner Frau.
„Was ist denn los, was machst du für ein Geschrei? Hast du eine Maus gesehen?“
Er war verärgert, schließlich musste er am Morgen früh raus und brauchte seinen Schlaf.
„Unser Kind…, sie ist weg!“ stammelte Frau Winter.
„Beruhige dich, das kann nicht sein. Sicher ist sie zu Oma gegangen. Lass uns bei deiner Mutter nachschauen.“
Friedhelm nahm seine Elisabeth an die Hand, dann gingen sie gemeinsam zu Omas Zimmer im Erdgeschoss. Friedhelm klopfte an die Tür.
„Mutter, ist Lena bei dir?“ Nichts, keine Antwort kam aus dem Zimmer.
„Sie hört uns nicht. Nachts legt sie die Hörgeräte ab. Du musst lauter rufen!“
Friedhelm versuchte es noch einmal.
„Mutter“, brüllte er, „wach werden, es gibt ein Problem!“
Mit der Faust trommelte er an die Zimmertür, die gleich darauf geöffnet wurde.
„Was ist denn hier los, brennt es?“ Oma stand in einem langen weißen Nachthemd vor ihnen, ihre Haare, die sie tagsüber zu einem Knoten gedreht trug, hingen fast bis zu den Hüften herunter.
„Ist Lena bei dir?“, schrie Elisabeth.
„Bitte? Was sagst du?“ Oma legte die Hände wie einen Trichter hinter die Ohren.
Elisabeth schob ihre Mutter beiseite und riss die Bettdecke aus dem Bett. Dann schaute sie hinter das Sofa und auch in den Kleiderschrank.
Derweil hatte Oma ihre Hörgeräte in die Ohren gesteckt. Friedhelm erklärte ihr, dass Lena nicht in ihrem Bett war.
Oma grinste über das ganze Gesicht. Elisabeth verstand die Welt nicht mehr. Sollte ihre Mutter auf ihre alten Tage komisch werden. Verstand sie denn den Ernst der Lage nicht?
„Kommt mit“, befahl Oma und grinste noch breiter. Dann setzte sie sich in Bewegung und Elisabeth und Friedhelm folgten ihr im Gänsemarsch.
Sie durchquerten das Wohnzimmer und gelangten in den Wintergarten.
Der Raum wurde vom Licht des Mondes erhellt. In dem großen Sessel lagen zwei aneinander gekuschelte Gestalten, Luzie, die Bobtail-Dame und Lena.
„Das darf ja wohl nicht wahr sein!“ flüsterte Elisabeth. Friedhelm schüttelte den Kopf, ihm fehlten die Worte.
„Wieso?“, triumphierte Oma. „Ihr habt ihr doch verboten, Luzie zu sich ins Bett zu holen und da ist Lena eben in Luzies Bett gekrochen. Luzie kann doch bei Vollmond nicht so gut schlafen und fürchtet sich.“
Leise verließen die Erwachsenen den Wintergarten.
Als Friedhelm und Elisabeth wieder in ihrem Bett lagen und Oma längst wieder eingeschlafen war, sagte Elisabeth:
„Darüber reden wir morgen früh aber noch ein ernstes Wort!“

© Regina Meier zu Verl