Aufregung auf der Gänsewiese (Reizwortgeschichte)

Aufregung auf der Gänsewiese (Reizwortgeschichte)

Gänse, Brot, süß, meckern, stehlen

Das sind die Wörter, die dieses Mal verarbeitet werden mussten. Lest, was dabei herausgekommen ist unten und auch bei meinen beiden Mitstreiterinnen:

Lore

Martina

Aufregung auf der Gänsewiese 

Aufgeregt liefen die Gänse auf der Gänsewiese hin und her. Sie schnatterten dabei laut. Man hätte denken können, es sei der Teufel oder der Fuchs hinter ihnen her. Sie schlugen so kräftig mit den Flügeln, dass Gänsefedern durch die Luft stoben. Das Pony Rodrian wieherte: „Guck, es schneit wieder!“
Was war denn da nur los? Tante Anna, die Bäuerin, stand am Küchenfenster und wunderte sich.
„Ich glaube“, sagte sie zu ihrem Mann Antonius, „du musst mal gucken gehen, die Gänse sind außer Rand und Band!“
Antonius schob sich schnell noch ein Stück Brot mit Schinkenspeck in den Mund, murmelte „Jau!“, erhob sich schwerfällig, schnappte seine Mütze und ging nach draußen.
Als er an der Gänsewiese angekommen war, beruhigten sich die Tiere ein wenig. Es war immer gut, wenn sich der Boss einmischte, das kannten sie schon.
„Nun macht doch mal halblang, ihr alten Schnattertanten!“, sagte er und schon der Klang seiner Stimme half, um noch ein wenig mehr Ruhe einkehren zu lassen.
„Schade!“, wieherte Rodrian und drehte den Gänsen sein Hinterteil zu. Er hatte sich so über den Schnee gefreut und nun machte der Bauer alles kaputt.
„Nun sagt mir doch mal, was hier los ist!“, befahl der Bauer. Sofort schnatterten alle wild durcheinander.
„Halt!“, brüllte Antonius. „So nicht! Eine redet, die anderen schweigen!“
Stille kehrte ein, dann schnatterte Gisela, die Älteste: „Die böse Katze hat unser Schnubbelchen gestohlen!“
„Wer um alles in der Welt ist denn Schnubbelchen?“, fragte der Bauer verwundert.
„Na, unser Jüngstes!“, erklärte Gisela weinerlich. „Die Katze hat das Kleine so lange gelockt, bis es durch ein Loch im Zaun hinter ihr her ist. Wir konnten gar nichts machen!“
„Und wo ist die Katze jetzt? Und wie sieht sie aus? Und von woher kommt sie überhaupt?“, wollte der Bauer nun wissen.
Gisela zuckte mit den Flügeln. „Woher soll ich das wissen?“
Der Bauer Antonius schlurfte nun über seinen gesamten Hof, schaute in jede Ecke, hinter jeden Busch und Strauch und rief: „Schnubbelchen! Schnubbelchen!“
Gerade als er vor dem Küchenfenster hinter dem Rhododendron nachgeschaut hatte und immer weiter rief: „Schnubbelchen, wo bist du denn?“, antwortete sein Frau: „Hier bin ich doch!“
Der Bauer Antonius lachte auf, er konnte sich gar nicht wieder einkriegen vor Lachen. „D…dich meinte ich nicht!“, stammelte er atemlos. „Ich suche ein Gänseküken, Schnubbelchen! Eine fremde Katze soll es gestohlen haben!“
Anna überlegte nicht lange. „Dann kann ich dir helfen. Es wird die Nachbarkatze sein, die Schnurrsula! Die kuschelt so gern, schau mal in der Scheune nach!“ Die Bäuerin kam aus der Küchentür und begleitete den Antonius zur Scheune. Leise öffneten sie die Tür und schauten vorsichtig hinein.
„Da, schau!“ Anna deutete auf einen Haufen Heu, in dem hatte sich die Katze eingerollt und an ihren Hals gekuschelt schlief ein Gänseküken, Schnubbelchen.
„Das ist süß, oder?“, flüsterte Anna.
„Jau!“, sagte Antonius und sah seine Anna liebevoll an. „Aber jetzt verrate mir doch bitte, woher du den Namen der Katze kennst!“
„Es ist die Katze der Nachbarin und weil die Ursula heißt, und die Katze so ein liebevolles Kätzchen ist, habe ich sie Schnurrsula genannt!“
Dass die Katze eigentlich ein Kater war und Felix hieß, war ja nicht so schlimm, oder?

© Regina Meier zu Verl

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Eine Überraschung für Mama

Eine Überraschung für Mama

Omas Bett steht am Fenster im Wohnzimmer. Wenn Mama das Kopfteil ein wenig höher stellt, dann kann Oma in den Garten schauen. Das gefällt ihr, denn raus kann sie nicht mehr, schon lange nicht. Sie muss fast den ganzen Tag liegen. Dadurch, dass das Bett aber nun im Wohnzimmer steht, nimmt sie am Familienleben teil und ist nicht so allein.
Ich spiele oft im Garten. Immer wieder schaue ich dann bei Oma vorbei, zeige ihr ein Blümchen, das ich gepflückt habe oder male ein Herz an die Fensterscheibe. Dabei darf ich mich aber nicht von Mama erwischen lassen. Sie mag das nämlich gar nicht.
Dieses Wochenende ist bei uns was los. Mama und Papa machen Frühjahrsputz. Jede Ecke wird aufgeräumt und entstaubt. Die Fenster werden auf Hochglanz poliert und selbst die Decken aller Räume werden geputzt. Dafür hat Mama einen weichen Lappen auf den Wischer gespannt und sie streckt und reckt sich, damit sie auch jeden Winkel erwischt. Das ist anstrengend, denn sie stöhnt in einer Tour.
Oma und ich schmunzeln bei jedem Seufzer und schauen uns wie zwei Verschworene an. Laut zu lachen, das wagen wir nicht, das würde Mama wohl ärgern. Dabei hat sie selbst es sich ja so ausgesucht und wir können ihr auch gar nicht helfen. Oma, weil sie krank ist und ich, weil ich auf Oma aufpassen muss. Das ist in diesem Fall ganz praktisch, finde ich.
Papa entrümpelt den Keller, so steht er Mama nicht im Weg und er muss auch nicht ihr Gestöhne anhören. Schließlich kann er ja nichts dafür, dass die Spinnen die Decke und Zimmerecken „bewebt“ haben. All die feinen Spinnweben, wahre Kunstwerke, verschwinden nun im Putztuch. Oma hustet, ich huste zur Gesellschaft gleich mit und wedle mit der Hand vor meinem Gesicht herum.
„Puh, staubt das hier!“, bemerke ich und fange mir einen bösen Blick von Mama ein.
„Meckern kann ich auch“, schimpft sie und macht weiter. Oma hustet schon wieder, ich auch. Papa kommt ins Wohnzimmer und wedelt ebenfalls mit den Armen.
„Das kann ja nicht gesund sein, Ingrid, denk an deine Mutter!“ Er geht zum Fenster und öffnet es weit. Im Raum wird es furchtbar kalt und Oma und ich husten um die Wette.
„Ihr macht mir doch was vor, ihr Beiden“, sagt Mama verärgert, hört aber auf, an der Decke herumzuputzen.
Als Papa das Fenster gerade wieder schließen will, steckt der Postbote seinen Kopf ins Zimmer.
„Ich habe schon drei Mal geläutet, habe einen wichtigen Brief für Sie!“, kündigt er an und überreicht Papa einen großen Umschlag.
„Schauen Sie, hier müssen Sie bitte quittieren. Er deutet auf sein Lesegerät und reicht Papa einen Stift. Papa zieht die Augenbrauen in die Höhe und staunt. Er fragt sich, was wohl in dem Brief sein wird. Als sich der Postbote verabschiedet hat, lässt sich Papa auf’s Sofa fallen, Mama daneben, gemeinsam öffnen sie den Briefumschlag. Sie lesen, dann kreischt Mama und Papa grinst, als er einen dicken Schmatz von seiner Frau bekommt.
„Du bist ja so süß, Freddy, richtig romantisch, ich bin hin und weg!“
Oma und ich schauen uns an und zucken mit den Schultern. Wir verstehen nicht, was da gerade los ist. Allerdings bin ich nicht ganz sicher, ob Oma nur so tut, oder ob sie genau weiß, was da vor sich geht. Papa sagt nämlich:
„Das ist ja sehr lieb und du darfst mich ruhig noch mal küssen, liebe Ingrid, aber ich war das nicht, Ehrenwort!“
„Was ist denn nur los?“, will ich jetzt wissen. Oma schweigt und grinst.
„Dein Vater hat mir eine Reise nach Paris geschenkt und nun tut er so, als wäre er es nicht gewesen!“, beantwortet Mama meine Frage.
Oma kichert und jetzt weiß ich auch warum: sie war das.
„Oma war’s!“, verkünde ich und bekomme einen Buff in die Seite.
„Mutter, ist das wahr?“
„Ja!“, sagt Oma. „Ich wollte euch etwas zum Hochzeitstag schenken und dachte mir, dass ihr mal nach Paris reisen solltet und den Knirps, den lasst ihr hier bei mir. Der muss Tante Elisabeth Anweisungen geben. Denn die wird sich während des Wochenendes um mich kümmern. Ihr seht, für alles ist gesorgt!“
„Aber …“, stammelt Mama, „aber, das geht doch nicht!“
„Geht!“, sagt Oma und da ist auch nichts dran zu rütteln.
Ich finde das gut, denn ich bin ja schon groß und kann Tante Elisabeth gut sagen, wo es langgeht. Vielleicht gehorcht sie sogar, wenn ich Pizza bei ihr bestelle und einen dicken Eisbecher. Wir werden sehen.

HIER auch als Hörbuch: Überraschung beim Frühjahrsputz

© Regina Meier zu Verl

Kirschzweige im Frühling

Nebeltage

See-Idylle

Nebeltage

Eine Herbstgeschichte

Drei Tage lag das Dorf in dichtem Nebel. Unser Haus war ganz umhüllt und wir lebten in einer Welt, in der es nur uns zu geben schien. Wie gefangen kamen wir uns vor. Auch wenn wir wussten, dass das irgendwann ein Ende haben würde, so nervte uns diese Ausnahmesituation schon am Ende des ersten Tages.
Großvater zog sich in seine Stube zurück. Für ihn war es das perfekte Wetter, musste er doch nicht im Garten arbeiten. Er nebelte sich ein im Pfeifenrauch und las ein Buch nach dem anderen. Seine Schmökerstunden unterbrach er lediglich zur Nahrungsaufnahme. Gern hätte ich ihm Gesellschaft geleistet, aber der Pfeifenrauch brachte mich immer zum husten. Meine Eltern fanden es auch gar nicht gut, dass ich diesen Mief immer einatmen sollte. Deshalb durfte Opa auch nur in seiner Stube rauchen, oder draußen. Aber bei diesem Wetter jagte man ja nicht einmal einen Hund vor die Tür. Nicht einmal unser Fiete wollte raus, nur zum Pinkeln und – na, ihr wisst schon!
Mama sortierte die Kleiderschränke aus und schaffte Platz für Neues. Es war lustig anzusehen, wie sie jedes Teil prüfte, in die Höhe hielt und hin und wieder eine Anekdote zu einem bestimmten Teil erzählen konnte.
“Schau nur, Lotta“, sagte sie beispielsweise. „Diese Bluse habe ich getragen, als ich mit deinem Vater in Berlin war. Damals sind wir ganz fein ausgegangen. Ach, wie chic war ich darin. Aber nun habe ich wohl keine Verwendung mehr dafür. Außerdem habe ich wohl ein paar Pfündchen zugelegt, sie passt nicht mehr!“
Liebevoll betrachtete sie die Seidenbluse mit dem hübschen Muster aus vielen kleinen Blüten zusammengesetzt. Beinahe zärtlich strich sie über den Stoff und roch daran, bis sie schließlich entschied: „Nein, die ist zu schade! Ich kann mich nicht von ihr trennen. Vielleicht passt sie dir ja eines Tages. Manchmal werden Muster wieder modern, was meinst du?“
Ich fand den Stoff scheußlich, aber ich hütete mich, das zu sagen. Mama liebte diese Bluse und ich würde ihr die Freude daran nicht verderben.
Mein Vater versuchte es auch mit dem Lesen, aber schnell wurde es ihm zu langweilig. Er verzog sich in die Garage und sortierte seine Werkzeuge. Eine Weile schaute ich ihm zu. Dann bot ich meine Hilfe an.
„Du, das ist nett gemeint, aber das ist keine Mädchenarbeit und außerdem habe ich alles so strukturiert, dass ich auf Anhieb finde, was ich suche. Da findest du nicht durch!“
„Papa, was ist das denn „strukturieren“?“, fragte ich, denn schließlich konnte ich ja nicht alles wissen und schon gar nicht diese blöden Fremdwörter, die meine ältere Schwester auch so gern zum Besten gab.
„Tja, das heißt, dass man etwas organisiert – nee, schon wieder ein Fremdwort. Also ich meine – warte – ja, jetzt hab ich’s sortieren oder aufräumen bedeutet das.“
„Aber aufräumen kann ich doch auch!“, behauptete ich und das hätte ich besser nicht gesagt, denn sogleich wurde ich in mein Zimmer geschickt, zum Strukturieren. Mist!
Ich wanderte also wieder ins Haus, schaute kurz bei Mama rein, die gerade damit beschäftigt war Papas Socken zu strukturieren. Man lese und staune: Ich hatte ein neues Lieblingswort gefunden und wendete es an, wo immer es ging.
„Wann gibt es Abendessen?“ Mein Bauch hatte gerade laut und deutlich geknurrt.
„Das dauert noch, ich bin beschäftigt, wie du siehst. Vielleicht magst du ja schon den Tisch decken“, schlug meine Mutter vor.
„Immer ich! Kann Lisa das nicht mal machen? Ich habe auch keine Zeit, ich muss mein Zimmer strukturieren!“
Was Mama darauf sagte, habe ich nicht mehr gehört, denn wie der Wind raste ich die Treppe hoch und klopfte an Lisas Tür. Sie hatte dort extra ein Schild aufgehängt auf dem stand: „Kleine Schwestern müssen draußen bleiben!“ Ich wartete auf das „Herein“ und als nach dem dritten Klopfen noch immer nichts kam, drückte ich die Klinke herunter und betrat das Zimmer.
„Raus!“, kreischte Lisa. „Kann man denn nicht ein einziges Mal in diesem Leben seine Ruhe haben?“
‚Dann eben nicht’, dachte ich und schloss die Tür wieder. Ich wanderte in mein Zimmer, nahm meinen Malblock und malte Nebel, dichten grauen Nebel, ein düsteres Bild. Dabei liebte ich doch den Herbst so sehr. Ich hatte mir von meinem Taschengeld sogar tolle Herbstfarben gegönnt: hellgelb, maisgelb, orange, rot, dunkelrot, verschiedene Grüntöne, braun, ocker, lila. Doch von dieser Farbenpracht war heute nichts zu sehen gewesen und am nächsten Tag nicht und am übernächsten auch nicht.
Ich riss das Nebelbild vom Block und begann ein neues Bild zu malen. Bunte Wälder, Stoppelfelder, gepflügte Äcker waren zu sehen. Auch den See malte ich, mit den bunten Büschen an seinem Ufer. Und plötzlich fand ich alles gar nicht mehr traurig und düster. Auch den Nebel fand ich gar nicht mehr so schlimm, denn ich konnte mir gut vorstellen, wie es nach dem Nebel aussehen würde. Wenn ich es vergessen sollte, dann musste ich mir nur meine Malereien anschauen.
Es wurden viele Bilder in diesen drei Tagen. Ich ließ die Erwachsenen teilhaben an der Vielfalt und verschenkte die Gemälde großzügig. Sogar meine Schwester bekam eins und das hängte sie auch sofort in ihrem Zimmer auf und lud mich zu einer Limo bei sich ein. Geht doch!

© Regina Meier zu Verl
Hier auch als Hörbuch (KLICK)

So ein Schreck

So ein Schreck

„Wenn wir ein Fest veranstalten wollen, dann brauchen wir aber auch etwas zu essen und zu trinken.“
Das war typisch für Naschi, sie dachte immer nur ans Essen, dabei war sie schon so dick, dass man sich wundern musste, dass sie noch in ihr Schneckenhäuschen passte.
„Ach Naschi, das ist doch wirklich kein Problem, wir nehmen einfach die frischen Kräuter und sammeln Tau, dann wird schon genug für alle da sein!“ Kiki dachte stets recht praktisch und wenn sie etwas in Angriff nahm, dann klappte das gewöhnlich auch.
Aber Naschi hatte schon wieder etwas einzuwenden.
„Worin sollen wir denn Tau sammeln?“
„Na, in Eichelhütchen oder wir fragen mal die Maiglöckchen, ob sie uns ein paar Blütenbecher zur Verfügung stellen.“, schlug Mariechen vor.
„Igitt, Maiglöckchen duften so kräftig, da würde alles parfümiert schmecken und außerdem sind sie giftig.“ Naschi schimpfte wie ein Rohrspatz.
„Du kannst einem aber auch jeden Spaß verderben. Ich habe schon gar keine Lust mehr auf ein Fest!“ Mariechen zog sich beleidigt in ihr Schneckenhaus zurück.
„Dann sollen sie halt alles alleine machen“, dachte sie und beschloss, vorläufig nicht mehr heraus zu kommen.
„Da hast du es! Immer musst du Mariechen ärgern.“ Auch Kiki war jetzt verstimmt. Dabei hatte alles so hoffnungsvoll begonnen. Das Fest der Elfen war wunderschön gewesen, so dass die drei Schnecken spontan entschieden hatten, auch mal so eine tolle Fete auszurichten. Und jetzt das hier, dabei hatte Kiki schon ganz viele Freunde eingeladen.
„Ich besuche mal meine Cousine, die Nacktschnecke. Vielleicht hat sie einen Rat für mich. Bin ganz schnell wieder zurück.“, rief Kiki und machte sich auf den Weg.
„Das kann dauern!“ Naschi kaute bedächtig an einem Löwenzahnblatt, aber so richtig wollte es ihr heute nicht mehr schmecken. Hoffentlich hatte sie es sich nicht ganz mit den Freundinnen verdorben, das wäre schlimm. Wer mag schon gern allein sein?

Kiki war völlig erschöpft, als sie am nächsten Morgen zurückkam. Sie wollte erst einmal ein wenig schlafen und verkroch sich ebenfalls in ihr Häuschen, direkt neben Naschi und Mariechen, die noch keinen Fühler vor die Tür gesteckt hatten.
Sie war gerade eingeschlafen, als sie unsanft wieder geweckt wurde. Irgendwer oder was hob sie hoch, ihr wurde ganz schwindlig und sie traute sich nicht, aus dem Häuschen zu schauen. Dann machte es plötzlich „Pling“ und noch einmal und ein drittes Mal „Pling“ und dann war Ruhe.
Kiki hielt die Luft an, sie konnte sich nicht vorstellen, was da passiert war. Nach einer Weile schaute sie ganz vorsichtig aus ihrem Haus und wäre beinahe mit Naschi zusammengestoßen, die auch einen Blick wagen wollte.
„Huch, hast du mich erschreckt!“, rief Naschi und schaute sich dann neugierig um.
„Schau mal, Mariechen ist auch da. Sag mal, wo sind wir denn hier gelandet?“ Naschi kam nun ganz aus dem Schneckenhaus und kroch ein Stückchen weiter auf Mariechen zu.
„Igitt, ist das kalt und glatt hier, das ist doch nicht der Waldboden“, stellte sie fest und Kiki stimmte ihr zu.
„Das ist Glas, wir sind in einem Marmeladenglas gefangen. Schau mal nach oben, kein Himmel weit und breit, aber ein Deckel mit Luftlöchern drin.“
„Und nichts zu essen hier, kein einziges Blättchen“, jammerte Naschi.
Mariechen ließ sich nun auch blicken, sie war die kleinste von allen und hatte furchtbare Angst. Sie fing leise an zu weinen und sagte kein einziges Wörtchen.
„Wir werden verhungern und verdursten, wenn wir nicht bald etwas unternehmen, nun tu doch was, Kiki. Du bist doch sonst immer so klug.“ Naschi quengelte und jammerte.
Kiki versuchte an den Seiten des Glases nach oben zu kommen, das war gar nicht so einfach. Vielleicht könnte sie ja versuchen, den Deckel an die Seite zu schubsen und sie alle konnten entkommen.
Sie war fast am Rand angekommen, als sich plötzlich der Deckel öffnete und eine gewaltige Stimme ertönte: „Na, dir gefällt es wohl nicht da drin!“
„Natürlich nicht, blöde Frage“, antwortete Kiki mutig, aber wohl nicht laut genug, denn die Stimme ertönte aufs Neue.
„Schön da drin bleiben ich pflücke schnell ein paar Kräuter und dann nehme ich euch mit nach Hause.“ Ein Junge gehörte zu der Stimme, er stellt das Glas auf einem Stein ab und suchte den Waldboden nach Grünem ab. Kiki ergriff die Gelegenheit und kroch, so schnell das für eine Schnecke möglich war, auf den Rand des Glases und ließ sich dann hinunterfallen. Dann versteckte sie sich unter einem Blatt, kroch in ihr Haus und verhielt sich mucksmäuschenstill. Voller Angst dachte sie an ihre Freundinnen, die es wohl nicht schaffen würden, aus dem Gefängnis zu kriechen. Die Elfen kamen ihr in den Sinn. Sie musste Hilfe holen, doch wie sollte sie das machen. Sicher kam der Junge gleich zurück und vielleicht würde er nach ihr suchen.
Kiki dachte ganz fest an die Elfen, die versprochen hatten, auf die Schneckenkinder aufzupassen.
„Bitte, bitte, kommt doch, wir brauchen euch jetzt so dringend“, dachte Kiki und dann schlief sie vor Erschöpfung ein.
Ein leises Klopfen weckte sie auf und dann hörte sie die Stimme von Millie, dem Elfenmädchen.
„Kiki, komm nur heraus. Alles ist gut, deine Freundinnen sind in Sicherheit. Ihnen ist nur ein wenig übel, denn sie mussten mit mir auf eine Flugreise gehen. Wenn du magst, bringe ich dich jetzt zu ihnen und dann machen wir ein großes Fest, ein Geburtstagsfest für euch drei Schneckenmädchen.“
Kiki musste jetzt vor Erleichterung auch ein bisschen weinen und dann merkte sie, dass sie schrecklichen Hunger hatte.
Wie froh war sie, als sie endlich Mariechen in die Arme schließen konnte und Naschi hatte bereits leckere Waldmeisterblätter und kühles Wasser für die mutige Freundin bereitgestellt.
Mit vielen Gästen feierten die Schnecken und Elfen ein wunderbares Fest und immer wieder musste Kiki die Geschichte vom Marmeladenglas und der mutigen Befreiungsaktion erzählen.

© Regina Meier zu Verl

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Nachwuchs im Kuhstall

Nachwuchs im Kuhstall

Nachwuchs im Kuhstall

Das Kälbchen schwankte bedenklich auf seinen dünnen Beinen, die wie Gummi immer wieder einknickten. Es zitterte. Seine Mutter leckte es liebevoll trocken.
„So ein hübsches Kind“, zwitscherte die Schwalbe, die ihre eigenen Kinder für eine Weile allein gelassen hatte, um der Geburt des Kalbes beizuwohnen. Wie mühsam das war, ein Kind auf die Welt zu bringen. Sie, die Schwalbe hatte sechs Eier gelegt, das war auch anstrengend genug gewesen.
„So ein hübsches Kind“, zwitscherte sie erneut, um gleich darauf neugierig zu fragen:
„Was ist es denn, ein Junge oder ein Mädchen?“
Mutter Kuh antwortete nicht, sie war viel zu sehr mit ihrem Kleinen beschäftigt und außerdem war sie erschöpft. Frau Schwalbe ließ aber nicht locker.
„Eines muss man euch Kühen zu lassen. Kaum seid ihr auf der Welt, da könnt ihr schon stehen. Bei meinen Kindern wird es noch dauern, bis sie das Nest erstmalig verlassen können.“
„Dafür könnt ihr dann fliegen, das können wir Kühe nicht. Es ist übrigens ein Mädchen“, antwortete die Kuh jetzt höflich, schließlich musste sie ihrem Kind ein gutes Vorbild sein. Das gefiel der Schwalbe sehr. Diese Kuh war sehr freundlich und das Kälbchen war wirklich wunderhübsch mit seinen riesigen braunen Augen und den Gummistelzenbeinen.
„Und das Kleine hat sogar ein Fell. Wie lange es doch dauert, bis meine Kinder Federn haben“, seufzte sie.
Sanft massierte die Kuh das Fell ihres Kindes mit der Zunge, sie ließ keinen Winkel seines kleinen Körpers aus. Das Kalb drückte sich eng an seine Mutter. Es schnupperte und suchte und stupste seine Mutter. Dann hatte es plötzlich gefunden, wonach es gesucht hatte: das Euter. Gierig begann es zu schmatzen und schmeckte die süße Milch.
„Interessant, interessant“ pfiff Frau Schwalbe und legte aufgeregt das Köpfchen von einer Seite zur anderen, um alles genau betrachten zu können.
Mutter Kuh lachte. Die Schwalbe war schon ein wenig komisch. Was sollte beim Milch trinken denn so lustig sein? Es kitzelte ein wenig, aber es war ein wunderbares Gefühl.
„Musst mich gar nicht auslachen“, flötete die Schwalbe beleidigt. „Ich sehe so was zum ersten Mal!“
„Schon gut, ich habe dich gar nicht ausgelacht. Ich lache vor Glück und Freude“, sagte die Kuh.
Das verstand die Schwalbe gut und nachdem sie noch einmal ihre allerherzlichsten Glückwünsche ausgesprochen hatte, verabschiedete sie sich.
„So, dann will ich mal los, meine Rasselbande wartet schon, ich höre ihr Piepsen bis hierher. Schade, dass ich kein Euter habe, das würde die leidige Futtersuche doch sehr vereinfachen!“
Als die Kuh sich das vorstellte, eine Schwalbe mit Euter, musste sie so heftig lachen, dass das Kälbchen prompt umkippte und vor Schreck auch noch einen Schluckauf bekam.

© Regina Meier zu Verl

HIER auch als Hörgeschichte „Muttergespräche“

Das Hochzeitsfest

Das Hochzeitsfest

Gestern haben Mama und Papa geheiratet. Es war nur ein kleines Fest, aber schön. Mama war superchic in ihrem neuen Kleid und Papa hat sogar einen Anzug getragen. Ausnahmsweise. Den habe ich nur ein einziges Mal an ihm gesehen. Das war, als damals sein Onkel gestorben war. Ich weiß aber nicht, ob es der gleiche Anzug war, auf jeden Fall war er schwarz. Mamas Kleid war cremefarben, ein weißes wollte sie nicht und auch keinen Schleier. Eigentlich schade, aber wenn sie was nicht will, dann ist das eben so.
Ich habe auch ein neues Kleid bekommen, blau, mit hübschen bunten Tupfen drauf, und ich durfte mit Mama zum Frisör. Der uns beide ganz toll hübsch gemacht hat. Ich hatte den ganzen Kopf voller Lockenwickler und unter der Trockenhaube habe ich gelesen, ganz wie eine feine Dame. Ich weiß jetzt auch in den Könighäusern der Welt Bescheid. Eine Prinzessin möchte ich aber nicht sein, ich glaube, die dürfen sich nicht dreckig machen, weil sie doch immer so teure Kleider tragen müssen.
Leider haben meine Locken nur bis kurz nach dem Abendessen gehalten. Bei Mama war eine halbe Dose Spray drin. Das machte die Haare zwar bretthart, aber sie blieben brav dort liegen, wo der Frisör sie hingelegt hatte.
Papa hat gesagt, dass Mama eine Lampenschirmfrisur hätte. Beinahe hätte es deswegen ordentlich Streit gegeben. Aber ich bin rechtzeitig dazwischen gegangen. Das mache ich immer, wenn ein Streit vorhersehbar ist. Es wäre doch schrecklich gewesen, wenn die Hochzeit ausgefallen wäre, bei all dem schönen Essen, das Mama und Oma vorbereitet hatten.
Ihr müsst jetzt nicht denken, dass es dauernd Streit bei uns gibt. So ist das nicht. Es sind eher Meinungsverschiedenheiten und kleine Neckereien, sagt Mama immer.
Aber zurück zum Essen. Oma hat alles zubereitet, worin tierische Produkte vorkommen. Mama kann das nicht, sie ekelt sich vor Fleisch. Sie lebt schon lange vegan, Papa auch. Ich eher nicht, weil ich dann bei Oma gar nichts essen dürfte und das wäre schrecklich. Nach der Schule gehe ich nämlich immer zu ihr, weil meine Eltern ja arbeiten müssen. Am Wochenende esse ich dann aber zu Hause. Zwei Tage kann ich das gut aushalten und Mama kocht wirklich gut, auch ohne Fleisch, Eier und Käse und was noch so alles verboten ist bei uns.
Papa hat mir verraten, dass er sich manchmal nach einer richtigen Frikadelle sehnt. Beim Hochzeitsfest hätte er gut mogeln können. Es gab Gemüsebratlinge und richtige Frikadellen. Kein Mensch hätte es gemerkt, wenn Papa da zugegriffen hätte. Ich vermute, dass er nur aus Liebe zu Mama auf Tierisches verzichtet. Ist ja auch in Ordnung. Würde ich vielleicht auch machen, außer auf Omas Frikadellen. Die sind sowas von lecker, aber da ist ja auch nicht viel Fleisch drin, oder?
Wenn ich erwachsen sein werde, dann könnte es sein, dass ich auch Veganer werde. Weiß ich aber noch nicht, hat ja auch noch Zeit, nur nicht hektisch werden.
Wir haben übrigens bei Oma gefeiert. Sie hat einen viel größeren Garten als wir und auch ihr Wohnzimmer ist geräumiger. Oma und ich haben alles schön dekoriert. Ich habe viele rote Herzen ausgeschnitten und Oma hat sie mit Sicherheitsnadeln an den Tischdecken befestigt. Von hinten natürlich, damit man es nicht sehen konnte.
Onkel Alex, das ist Papas Bruder, und seine Jungs haben musiziert. Das war lustig. Sie hatten eine riesige Kuhglocke dabei und jedes Mal, wenn die geläutet wurde, mussten Mama und Papa sich küssen. Ich fand das toll und ich habe die beiden immer angefeuert, durch Mikrophon. Das hat echt Spaß gemacht. Küssen darf man auch, wenn man vegan lebt, weil man ja nichts abbeißt, sondern nur so ein bisschen rumschmatzt. Das war also gar kein Problem, obwohl ich den Eindruck hatte, dass Mama etwas genervt war von dem Kuhglockengebimmel und der ewigen Küsserei.
Später am Abend haben wir dann die Frau mit der schönsten Frisur gewählt. Das war natürlich Mama. Sie strahlte und sagte zu Papa: „Siehste!“
Und dann hat sie selbst die Kuhglocke betätigt und schon ging die Küsserei wieder los. Erwachsene können ganz schön albern sein. Ich mag das, ganz ehrlich! Schade, dass ich nicht bis zum Schluss bleiben konnte. Aber ich musste Oma ins Bett bringen, die war völlig fertig vom Feiern. Ich habe ihr noch eine kleine Geschichte erzählt und schwupps waren wir beide eingeschlafen.

HIER auch als Hörbuch

© Regina Meier zu Verl

Rebecca und Stummel haben ein Geheimnis

Rebecca und Stummel haben ein Geheimnis

Rebecca und Stummel haben ein Geheimnis

„Wie bin ich denn hier gelandet?“ Rebecca lag in der Besucherritze des Elternbettes. Dabei war sie doch schon ein großes Mädchen. Sie erinnerte sich, dass sie komische Geräusche gehört hatte und war plötzlich hellwach.

„Ja genau, da war etwas an meinem Fenster“, murmelte sie und schaute ihre schlafenden Eltern an. Im Zimmer war es schon ein wenig hell. Vorsichtig krabbelt Rebecca zum Fußende und kletterte aus dem Bett. Sie schloss leise die Schlafzimmertür hinter sich. Auf dem Flur kam ihr Stummel entgegen und wedelte mit dem Hinterteil. Einen Schwanz hatte er nicht, daher der Name Stummel.

„Guten Morgen, mein Schätzelein“, flüsterte Rebecca und streichelte den Hund liebevoll. „Sag mal, hast du heute Nacht auch diese unheimlichen Geräusche gehört?“

Stummel schaute einen Augenblick verwundert, dann schüttelte er den Kopf. Rebecca staunte, hatte er ihr etwa geantwortet. Das hatte sie ja noch nie erlebt. Sie machte einen Test.

„Sag mal, bin ich die Rebecca?“

Stummel verzog die Schnauze zu einem Grinsen.

„Blöde Frage, oder? Wer sollte ich denn sonst sein“, lachte Rebecca und kraulte Stummels Nacken.

„Sollen wir Frühstück machen?“, fragte Rebecca jetzt und Stummel setzte sich gleich in Bewegung und rannte Richtung Küche.

Rebecca füllt als erstes seinen Wassernapf auf und dann holte sie das Hundefutter aus dem Schrank. Freudig sprang Stummel an ihr hoch.

„Kannst es wieder nicht abwarten, du kleiner Stinker!“, schimpfte Rebecca.

„Was hast du gesagt?“

„Stinker, habe ich gesagt“, antwortete Rebecca, dann stockte sie.

„Hast du etwa gerade mit mir gesprochen?“ Sie schaute Stummel erwartungsvoll an und der schaute zurück und sagte nichts, aber er grinste schon wieder.

„Stummel, wenn du reden kannst, dann sag es mir jetzt. Sonst packe ich das Futter wieder weg“, das war ein Befehl. Stummel erfasste den Ernst der Lage sofort. Rebecca war die einzige, die ihn verstand, deshalb konnte er es ruhig wagen, mit ihr zu reden.

„Ich kann sprechen, aber du darfst es niemandem verraten. Ich rede nur mit Kindern!“ sagte er laut und deutlich. „Und die Geräusche, die du heute Nacht gehört hast, die kann ich dir auch erklären.“

Rebecca musste sich erst einmal hinsetzen, so überrascht war sie. „Das gibt es doch nicht, das würde mir sowieso kein Mensch glauben“, flüsterte sie.

„Sag mal, Stummel. Spinne ich jetzt, oder stimmt es wirklich?“

„Du spinnst nicht, aber ich warne dich, behalt es für dich!“

Stummel hielt ihr seine Pfote hin.

„Pfote drauf!“, befahl er und Rebecca schlug ein. „Okay, Pfote drauf!“

„Wenn du mir jetzt eine Scheibe von der leckeren Fleischwurst aus dem Kühlschrank holst, dann verrate ich dir auch, woher die geheimnisvollen Geräusche kamen.“

Rebecca schob sich gleich selbst noch eine Scheibe Wurst in den Mund.

„Also dann, erzähl mal“, forderte sie gespannt.

„Du weißt ja, dass der Frühling bald kommt. Heute Nacht war ein Knistern und Knacken im Garten, weil die ersten Krokusse sich durch die oberste Erdschicht geschoben haben und der Kirschbaum hat Knospen angesetzt und die Schneeglöckchen haben leise geläutet. Wenn du gleich mit mir raus gehst, wirst du es sehen.“

Das ließ sich Rebecca nicht zweimal sagen, schnell schlüpfte sie in ihren Jogginganzug, zog den Anorak an und ihre Gummistiefel. Dann öffnete sie die Haustür und folgte Stummel in den Garten.

Sie erblickte die ersten Krokusse auf dem Rasen und betrachtete die Zweige des Kirschbaums. Freudig hüfte sie über den Rasen.

„Der Frühling ist da! Der Frühling ist da!“ sang sie und tanzte um eine Gruppe Krokusse herum.

„Ich habe euch gehört, heute Nacht!“, verriet sie den Krokussen und dann küsste sie die winzigen lila Becher, jeden einzelnen und ganz vorsichtig. Sie strich liebevoll über den unteren Zweig des Kirschbaumes und dann umarmte sie seinen Stamm. Ein warmes, freudiges Gefühl hatte sie dabei und als sie später in der Küche saß und einen warmen Kakao schlürfte, war sie noch immer so verzaubert vom Wunder des Frühlings, dass Mama ihre Stirn fühlte, weil sie glaubte, dass Rebecca ein wenig Temperatur haben könnte.

Ihr Geheimnis aber behielt Rebecca für sich und als sie erwachsen war und Stummel schon lange nicht mehr lebte, dachte sie noch oft an ihn zurück und an die vielen Gespräche, die sie mit ihm geführt hatte.

© Regina Meier zu Verl

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Der Stein und das Gänseblümchen

Der Stein und das Gänseblümchen

Der Stein und das Gänseblümchen

Es war Frühling. In einem verwilderten Garten lag ein Stein.
Auf seiner Oberfläche war eine Mulde, in der hielt sich nach dem Regen das Wasser. So diente der Findling den Vögeln als Tränke.
Dem Stein gefiel das. Viele Jahre hatte er sich Gedanken darüber gemacht, was er eigentlich wert sei.
Die Bäume hatten es gut. Sie legten im Frühling ihr grünes Blätterkleid an und spendeten den Menschen und Tieren Schatten. Manche waren sogar voller Früchte und wenn der Stein sah, dass die Kinder von den süßen Kirschen naschten, dann wurde er immer ein wenig neidisch.
Ja, und die Blumen, diese zarten Geschöpfe, sie waren die Geschwister der Sterne. Das wusste der Stein von der alten Walli, die den Kindern immer so schöne Geschichten erzählte. Manchmal setzte sich die Walli zum Erzählen ins Gras und lehnte sich an den Stein. Diese Momente waren ihm heilig. Was gab es Schöneres, als einer Geschichte zu lauschen?
Wie gern hätte der Stein die Walli gefragt, was seine Rolle auf der Welt sei.
Manchmal machte eine Hummel Rast auf dem Stein, das kitzelte und der Stein musste lachen. „Na, Dickerchen“, kicherte die Hummel, habe ich dich am Bauch gekitzelt?“ Da musste der Stein noch mehr lachen.
Der Stein hatte immer wieder versucht mit den Menschen zu reden. Doch nie hatte ihm jemand geantwortet. Entweder hörten sie ihn nicht, oder sie verstanden nicht, was er sagte. Wie anders sollte er sich bemerkbar machen, es gelang ihm nicht, sich von der Stelle zu rühren, so sehr er sich auch anstrengte.
Einmal aber, vor vielen Jahren, war es ihm fast gelungen ein wenig zur Seite zu rollen. Damals hatte ein Gänseblümchen zu ihm gesprochen und da es ganz nah bei ihm stand, konnte er es nicht sehen. Die liebliche Stimme des Blümchens hatte ihn aber so verzückt, dass es unbedingt anschauen wollte.
„Geh ein wenig weiter, damit ich dich sehen kann“, bat er. Doch das Gänseblümchen sagte traurig: „Das geht nicht, ich bin eine Pflanze und ich habe meine Wurzeln im Erdreich. Schau dir meine Schwestern an, dann weißt du, wie ich aussehe.“
„Deine Schwestern sind wunderschön, aber das ist doch nicht das gleiche, als wenn ich dich betrachten könnte“, jammerte der Stein, nahm all seine Kraft zusammen und versuchte, ein wenig zur Seite zu rollen. Dabei ächzte und stöhnte er vor Anstrengung.
„Pst, sei leise“, flüsterte das Blümchen. „Da kommen die Kinder, sicher wollen sie wieder Blütenkränze flechten.“
Das Blümchen verhielt sich mucksmäuschenstill. Annika und Tine setzten sich auf den Stein, der von der Sonne ganz warm war.
„Sollen wir uns ein Kränzchen machen?“, fragte Annika.
„Das ist langweilig, lass uns Geschichten erfinden, das macht mehr Spaß“, schlug sie vor.
Der Stein war erleichtert, es hätte gut sein können, dass es seinem Gänseblümchen an den Kragen gegangen wäre.
„Sag mal“, fragte Annika, „wie findest du eigentlich den Neuen in der Klasse?“
Tine bekam ein knallrotes Gesicht.
„Geht so!“, antwortete sie.
„Na, du bist doch wohl nicht verknallt?“, lachte Annika, sprang auf und tanzte um den Stein herum. Dabei sang sie: „Tine liebt den Neuen, Tine liebt den Neuen!“
„So ein Quatsch!“ Tine stampfte verärgert mit dem Fuß auf.
„Hast du denn nicht bemerkt, dass er dich in der Stunde immer nur anschaut und auf dem Schulhof läuft er auch dauernd hinter dir her.“, behauptete Annika und grinste von einem Ohr zum anderen.
„Das ist gar nicht wahr“, stammelte Tine, aber irgendwie gefiel ihr der Gedanke doch sehr gut, denn der Felix, so hieß der Neue, war ein netter Junge.
„Es lässt sich leicht feststellen, Moment!“ Annika pflückte ein Gänseblümchen und hielt es Tine hin. „Hier, du musst nur die Blütenblätter auszupfen und dabei sagen: „Er liebt mich, er liebt mich nicht… solange, bis kein weißes Blättchen mehr zu sehen ist. Dann weißt du’s!“
Tine nahm das Blümchen und stellte es in die Wassermulde auf dem Stein.
„Du bist gemein, es vertrocknet doch!“ Sie nahm sich aber vor, später wieder her zu kommen und den Test zu machen, wenn Annika nach Hause gegangen war. Sie musste ja schließlich nicht alles wissen.
Der Stein aber war verärgert. Die Menschen konnten ja ganz nett sein, und die Kinder mochte er besonders gern leiden. Schade, dass sie gar nicht darüber nachdachten, dass das arme Gänseblümchen nun sterben musste. Ach könnte er doch reden, dann würde er den Mädchen schon was erzählen.

Am Abend kam Tine noch einmal in den Garten und setzte sich auf den Stein. Sie betrachtete lange das Gänseblümchen, das sich im Wasser frisch gehalten hatte und jetzt die Blütenblätter geschlossen hielt wie jeden Abend.
„Ich werde dir die Blättchen nicht auszupfen, kleine Blume. Mir ist es auch egal, ob er mich liebt. Wenn es so sein sollte, dann werde ich das schon merken.“
Könnte der Stein lächeln, dann hätte er das jetzt sicher getan.
„Wenn der Felix dich nicht liebt, dann ist aber einer da, der dich ganz arg gern hat“, dachte der Stein und dann seufzte er laut: „Ich liebe dich!“

„Ich dich auch!“, sagte Tine und streichelte den Stein. Dann ging sie zurück ins Haus.
„Und ich auch“, flüsterte das Gänseblümchen und seine zarten Blütenblätter erröteten ganz leicht an den Spitzen. Der Stein war nicht ganz sicher, ob es ihn, oder die Tine gemeint hatte. Er wollte es auch gar nicht wissen, er würde es schon merken.

© Regina Meier zu Verl
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Oma, die Schlittschuhe und die Liebe

Oma, die Schlittschuhe und die Liebe

„Wir hatten ja damals gar nichts!“, sagte Oma im Brustton der Überzeugung, als Pia ihr erzählte, dass sie sich zu Weihnachten Schlittschuhe wünschte.
„Das ist unnützes Gedöns, braucht kein Mensch!“, fügte Oma noch hinzu und schüttelte ärgerlich den Kopf. Pia konnte gar nicht verstehen, was Oma so ärgerlich machte. Sie wollte doch einfach nur ein Paar Schlittschuhe haben, das war nicht einmal ein außergewöhnlicher Wunsch. Alle in der Klasse hatten welche und die Eisbahn hatte schon längst wieder geöffnet. Pia wollte doch auch so gern eigene Schlittschuhe haben und nicht immer welche ausleihen müssen.
„Mutter, das stimmt ja gar nicht!“, behauptete Mama jetzt. Pia horchte auf. Eigentlich log Oma ja nicht, aber in letzter Zeit vergaß sie viel, das wusste Pia.
„Du hast mir selbst erzählt, dass ihr, als du ein junges Mädchen warst, immer zum Ententeich gegangen seid, wenn der zugefroren war!“, sagte Mama.
Oma schwieg. Sie dachte nach. „So, habe ich das erzählt?“, fragte sie vorsichtig nach.
„Ja, mit Tante Edeltraud und der Nachbarstochter, wie hieß sie noch?“
„Walburga!“, kam es, wie aus der Pistole geschossen. „Ja, wir drei sind immer zum Ententeich gegangen. Viele Kinder waren dort und Onkel Heini saß oft mit seinem Akkordeon da und hat Musik für uns gemacht, damit wir auf dem Eis tanzen konnten. War das eine Freude!“
Pia lachte. „Siehst du, Oma, doch kein unnützes Gedöns!“
Oma überging diese Bemerkung gekonnt, indem sie weitererzählte: „Ich konnte sogar eine Pirouette, wie eine Eisballerina, ja das konnte ich. Lange ist es her, sehr lange!“
„Und der Onkel Heini, was spielte der für Lieder?“, wollte Pia nun wissen. „Konnte der auch das Lied aus der Eiskönigin spielen, weißt du das …“ Pia fing an zu singen. „Ich lass los, ich lass los, die Kraft sie ist grenzenlos …“
„Kenn ich nicht!“, sagte Oma. „Heini spielte alles, was ihm so in den Kopf kam. Er konnte das sehr gut. Erinnern kann ich mich aber nicht an die Lieder. Halt, doch! Eines fällt mir doch ein, es handelte von … ist ja auch egal!“
Pia lachte, Oma auch. „Schrecklich, dass ich so vergesslich geworden bin“, sagte sie, aber sie zog es vor mitzulachen, statt sich weiter darüber zu ärgern.
„Meine Schlittschuhe waren weiß und sie hatten sehr scharfe Kufen, ich konnte damit über das Eis tanzen wie ein Wirbelwind, ja, das konnte ich. Und am Abend konnten wir dann ratzen wie die Murmeltiere. Da brauchte ich noch keine Schlaftabletten!“
Oma war nun in ihrem Element. Sie erzählte und konnte gar nicht wieder aufhören. Pia genoss diese Momente sehr und prompt stellte sie die Frage nach Omas erster Liebe.
„Meinst du die allererste Liebe?“, fragte sie und grinste.
„Ja, die meine ich!“, sagte Pia erwartungsvoll.
„Na gut, wie du willst. Also: ich war noch sehr jung, vielleicht fünf Jahre alt. Meine Mutter erzählte mir abends Märchen und immer wieder ging es in diesen Märchen um hübsche Prinzessinnen und taffe Prinzen, die auf irgendeine Weise das Herz der Prinzessin eroberten. Ich habe diese Märchen sehr geliebt. Da ich ja meist zu Hause war, weißt du, ich bin nie in einen Kindergarten gegangen, war der einzige Mann, der sich in meiner Nähe befand mein Vater. Den hatte ich lieb, so wie wohl jede Tochter ihren Vater liebt. Ich hatte mir allerdings in den Kopf gesetzt, dass ich ihn eines Tages heiraten würde. Davon habe ich niemandem etwas erzählt, denn wenn man verliebt ist, dann macht man zunächst mal ein Geheimnis daraus. Keiner soll etwas davon wissen, ganz allein möchte man dieses Gefühl auskosten. Und dann war da ja auch noch meine Mutter. Sie war mit ihm verheiratet und das war natürlich ein Problem. Er würde mich nie heiraten können, weil er ja schon eine Frau hatte. Was war ich für ein einfältiges Kind!“ Oma lachte über sich selbst. Pia fand das toll, aber sie wollte nun wissen, wie Oma das Problem gelöst hatte. Irgendwann hatte sie sich ja in Opa verliebt und da war ihr Vater dann ja wohl abgeschrieben.
„Als ich merkte, dass das mit meinem Papa nichts werden würde, war ich zuerst ganz traurig. Aber dann kam ich in die Schule und plötzlich hatte ich nur noch Augen für unseren Lehrer. Ach, was war das für ein toller Mann. Das Problem: er hatte auch eine Freundin! Ich war vom Pech verfolgt!“
Pia bohrte nach: „Aber dann hast du Opa gefunden, oder?“
Omas Augen wanderten zu dem Bild, das auf dem Wohnzimmerschrank stand. Es zeigte Opa und sie bei ihrer Hochzeit.
„Ja, so war das wohl und das war ein großes Glück! Wo ist er eigentlich?“
„Hier bin ich!“ Opa hatte die ganze Zeit auf dem Sofa gesessen. Still und leise hatte er sich dort niedergelassen und gelauscht. „Sie hat mich übrigens nicht gefunden, ich habe sie gefunden!“, sagte er und lächelte.
„Also, das war so!“, legte er los. Aber Oma schnitt ihm das Wort ab. „Lass doch die alten Geschichten, das Kind langweilt sich sicher!“
Pia protestierte. „Nein, gar nicht!“ Wäre da nicht Mama gekommen und hätte zum Abendessen gerufen, dann hätte Opa ja weiter erzählt, Aber das ist dann vielleicht auch schon wieder eine ganz neue Geschichte, oder?

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© Regina Meier zu Verl