Das Hochzeitsfest

Das Hochzeitsfest

Gestern haben Mama und Papa geheiratet. Es war nur ein kleines Fest, aber schön. Mama war superchic in ihrem neuen Kleid und Papa hat sogar einen Anzug getragen. Ausnahmsweise. Den habe ich nur ein einziges Mal an ihm gesehen. Das war, als damals sein Onkel gestorben war. Ich weiß aber nicht, ob es der gleiche Anzug war, auf jeden Fall war er schwarz. Mamas Kleid war cremefarben, ein weißes wollte sie nicht und auch keinen Schleier. Eigentlich schade, aber wenn sie was nicht will, dann ist das eben so.
Ich habe auch ein neues Kleid bekommen, blau, mit hübschen bunten Tupfen drauf, und ich durfte mit Mama zum Frisör. Der uns beide ganz toll hübsch gemacht hat. Ich hatte den ganzen Kopf voller Lockenwickler und unter der Trockenhaube habe ich gelesen, ganz wie eine feine Dame. Ich weiß jetzt auch in den Könighäusern der Welt Bescheid. Eine Prinzessin möchte ich aber nicht sein, ich glaube, die dürfen sich nicht dreckig machen, weil sie doch immer so teure Kleider tragen müssen.
Leider haben meine Locken nur bis kurz nach dem Abendessen gehalten. Bei Mama war eine halbe Dose Spray drin. Das machte die Haare zwar bretthart, aber sie blieben brav dort liegen, wo der Frisör sie hingelegt hatte.
Papa hat gesagt, dass Mama eine Lampenschirmfrisur hätte. Beinahe hätte es deswegen ordentlich Streit gegeben. Aber ich bin rechtzeitig dazwischen gegangen. Das mache ich immer, wenn ein Streit vorhersehbar ist. Es wäre doch schrecklich gewesen, wenn die Hochzeit ausgefallen wäre, bei all dem schönen Essen, das Mama und Oma vorbereitet hatten.
Ihr müsst jetzt nicht denken, dass es dauernd Streit bei uns gibt. So ist das nicht. Es sind eher Meinungsverschiedenheiten und kleine Neckereien, sagt Mama immer.
Aber zurück zum Essen. Oma hat alles zubereitet, worin tierische Produkte vorkommen. Mama kann das nicht, sie ekelt sich vor Fleisch. Sie lebt schon lange vegan, Papa auch. Ich eher nicht, weil ich dann bei Oma gar nichts essen dürfte und das wäre schrecklich. Nach der Schule gehe ich nämlich immer zu ihr, weil meine Eltern ja arbeiten müssen. Am Wochenende esse ich dann aber zu Hause. Zwei Tage kann ich das gut aushalten und Mama kocht wirklich gut, auch ohne Fleisch, Eier und Käse und was noch so alles verboten ist bei uns.
Papa hat mir verraten, dass er sich manchmal nach einer richtigen Frikadelle sehnt. Beim Hochzeitsfest hätte er gut mogeln können. Es gab Gemüsebratlinge und richtige Frikadellen. Kein Mensch hätte es gemerkt, wenn Papa da zugegriffen hätte. Ich vermute, dass er nur aus Liebe zu Mama auf Tierisches verzichtet. Ist ja auch in Ordnung. Würde ich vielleicht auch machen, außer auf Omas Frikadellen. Die sind sowas von lecker, aber da ist ja auch nicht viel Fleisch drin, oder?
Wenn ich erwachsen sein werde, dann könnte es sein, dass ich auch Veganer werde. Weiß ich aber noch nicht, hat ja auch noch Zeit, nur nicht hektisch werden.
Wir haben übrigens bei Oma gefeiert. Sie hat einen viel größeren Garten als wir und auch ihr Wohnzimmer ist geräumiger. Oma und ich haben alles schön dekoriert. Ich habe viele rote Herzen ausgeschnitten und Oma hat sie mit Sicherheitsnadeln an den Tischdecken befestigt. Von hinten natürlich, damit man es nicht sehen konnte.
Onkel Alex, das ist Papas Bruder, und seine Jungs haben musiziert. Das war lustig. Sie hatten eine riesige Kuhglocke dabei und jedes Mal, wenn die geläutet wurde, mussten Mama und Papa sich küssen. Ich fand das toll und ich habe die beiden immer angefeuert, durch Mikrophon. Das hat echt Spaß gemacht. Küssen darf man auch, wenn man vegan lebt, weil man ja nichts abbeißt, sondern nur so ein bisschen rumschmatzt. Das war also gar kein Problem, obwohl ich den Eindruck hatte, dass Mama etwas genervt war von dem Kuhglockengebimmel und der ewigen Küsserei.
Später am Abend haben wir dann die Frau mit der schönsten Frisur gewählt. Das war natürlich Mama. Sie strahlte und sagte zu Papa: „Siehste!“
Und dann hat sie selbst die Kuhglocke betätigt und schon ging die Küsserei wieder los. Erwachsene können ganz schön albern sein. Ich mag das, ganz ehrlich! Schade, dass ich nicht bis zum Schluss bleiben konnte. Aber ich musste Oma ins Bett bringen, die war völlig fertig vom Feiern. Ich habe ihr noch eine kleine Geschichte erzählt und schwupps waren wir beide eingeschlafen.

HIER auch als Hörbuch

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle ErikaWittlieb/pixabay

Margeritentraum

Margeritentraum

Am Rande einer viel befahrenen Straße wohnt eine Gruppe von Wiesenblumen. Die meisten stammen aus der Familie der Margeriten, aber auch Mohni Klatschmohn und ihre Freundin Kornelia Kornblum sind dabei.
Margarete, die größte von ihnen plappert vor sich hin:
„Hört ihr die Kirchenglocken? Sicher ist heute wieder eine Hochzeit. Die Braut trägt Margeriten in den Haaren und der Bräutigam, meine Güte, sieht der gut aus!“
Die anderen Blumen kichern leise.
„Die spinnt mal wieder“, stellt Maggy fest, die ihrer Schwester zum Verwechseln ähnlich sieht.
„Aber die Glocken läuten ja wirklich, vielleicht kann Margarete hellsehen und weiß, dass es eine Trauung ist“, wirft Mohni ein.
„Quatsch mit Soße, heute ist Freitag und nachmittags sind immer Trauungen“, erklärt der Spitzwegerich, der immer alles weiß. Jedenfalls behauptet er das.
Margarete überhört die Unterhaltung der anderen, sie träumt weiter.
„Und die Engelchen streuen Rosenblätter, mein Gott, sind die niedlich!“
„Die Rosenblätter?“, fragte der Spitzwegerich und lacht hämisch.
„Nein, die Engelchen natürlich. Du bist aber auch kein bisschen romantisch!“, schmollt Margarete. „Man wird ja wohl noch träumen dürfen!“
„Vielleicht wird dein Traum irgendwann wahr und du wirst auf dem Kopf einer Braut zum Altar schreiten, meine Liebe“, tröstet Greta, die sich bisher zurückgehalten hat. „Ich würde dich gern begleiten, wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben!“

Zur gleichen Zeit sitzt Marie im Friseursalon nahe der Kirche. Dicke Tränen kullern über ihre Wangen. Dabei sieht sie so hübsch aus in ihrem weißen Seidenkleid, das über und über mit Spitze besetzt ist.
„Das ist doch nicht so schlimm, Marie, gleich ist alles wieder in Ordnung und dann gehst du zur Kirche und heiratest deinen Christian und ihr werdet glücklich werden und diese kleine Panne ganz schnell vergessen!“
„Ja, aber …“, schluchzt Marie, „der Schleier ist hin und eine richtige Braut braucht doch einen Kopfschmuck.“
Die Friseurin flüstert dem Lehrmädchen Nadine etwas ins Ohr. Diese verlässt eilig den Salon und kehrt nach ein paar Minuten mit einem Strauß Margeriten zurück. Mit flinken Fingern zaubert sie einen Blütenkranz und dann bekommt die Braut Marie einen wunderschönen Haarschmuck, der noch bezaubernder ist als der Schleier, der zuvor in der Autotür hängen geblieben war und zerriss.
Maries Augen strahlen und die Friseurin und Nadine, das Lehrmädchen, strahlen auch.

Am Rande der viel befahrenen Straße stehen Mohni, Kornelia und der kluge Herr Spitzwegerich. Die Damen sind in Gedanken versunken und Herr Spitzwegerich kämpft mit den Tränen. Er ist eben doch ein wenig romantisch.
Die Margeriten sind verschwunden, wo sie sind, dass ahnt ihr längst, nicht wahr?
Klar, alle zieren die Kopf der Braut, bis auf Margarete, die sitzt im Knopfloch des Bräutigams und sie ist hin und weg, meine Güte, sieht der gut aus!

© Regina Meier zu Verl

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