Weihnachten steht vor der Tür

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Türkranz Free-Photos/pixabay

Erwachsene sagen manchmal so Dinge vor sich hin, die leicht zu Missverständnissen führen können, so wie auch hier in der nachfolgenden Geschichte. 

Weihnachten steht vor der Tür

Hatte Mama nicht neulich gesagt, dass Weihnachten vor der Tür steht? Seither wunderte ich mich seit Tagen schon. Ich schaute nach, immer wieder, aber da stand nie jemand vor der Tür, auch Weihnachten nicht. Pah!
Die Erwachsenen sagen oft Sachen, die sie dann gar nicht so meinen. Ich finde das blöd. Wie soll ich denn unterscheiden, was wirklich so gemeint ist und was nicht? Keine Ahnung.
Ich fragte also nach:
„Mama, du hast doch gesagt, dass Weihnachten vor der Tür steht, stimmt’s?“
„Ja, das habe ich wohl gesagt“, seufzte Mama. Sie stand sofort auf und räumte ihre Teetasse zur Seite. Vorbei war es mit der Gemütlichkeit.
„Ich habe noch so viel zu tun!“, sagte sie, seufzte und verschwand in ihrem Arbeitszimmer.
Ich erschrak. Sie würde sich doch jetzt nicht vor den Computer setzen?
Rasch folgte ich ihr.
„Mama?“
„Ja, was ist denn noch?“ Ein bisschen ungeduldig sah Mama mich an.
„Vor der Tür steht aber keiner. Schon gar nicht Weihnachten. Ich habe extra nachgeschaut. Geklingelt hat es auch nicht“, sagte ich schnell.
Da lachte Mama. Und wie sie lachte. So heftig, dass sie sich wieder setzen musste und jedes Mal, wenn sie mich ansah, dann lachte sie wieder los, bis ihr die Tränen kamen.
„Was ist denn da jetzt so lustig?“, fragte ich nach.
„Du darfst nicht immer alles so wörtlich nehmen. Ich habe gemeint, dass wir jetzt Mitte November haben und es gar nicht mehr lange dauert, dann ist Weihnachten.“
„Warum sagst du das dann nicht?“
„Du hast ja Recht, ich werde mich besinnen und dir demnächst sofort erklären, was gemeint ist. Sollen wir jetzt Plätzchenteig machen?“
Natürlich wollte ich Plätzchenteig mit ihr machen und dann würde ich naschen, was das Zeug hielt.
„Ja sicher, das machen wir. Ich weiß ja jetzt, dass Weihnachten vor der Tür steht, auch wenn wir erst Mitte November haben.“

© Regina Meier zu Verl

Der Igel sucht einen Freund

Der Igel sucht einen Freund
Eine Freundschaftsgeschiche

„Immer bin ich hier allein“, jammerte der Igel. „Ich habe zwar alles, was sich ein Igel wünschen kann, aber ich hätte so gern einen Freund!“
Aha, er war also einsam, der kleine Igel und das kann man ja auch verstehen. Jeder braucht einen Freund, einen, an den man sich anlehnen kann, der einem zuhört, der da ist, wenn es einem schlecht geht. Aber auch dann, wenn es einem gut geht braucht man einen Freund, einen, mit dem man eben alles teilen kann, Freud und Leid.
Unser kleiner Igel hatte sich nun so in seinen Kummer hineingesteigert, dass ihm die Tränen kamen. So richtig dicke Igeltränen waren es und weil er immer trauriger wurde, unterstrich er die Tränen mit einem herzerbarmenden Geheul.
Habt ihr schon einmal einen Igel heulen hören? Nein? Es klingt wie das jämmerliche Schreien eines Kindes und geht einem durch Mark und Bein, ganz ehrlich.
Allerdings hilft es unserem Igel gar nicht, wenn er einfach nur laut heult. Aktiv muss er werden und vielleicht mal einen Blick über den Tellerrand, besser gesagt Gartenzaun, wagen. Denn, dass er im Garten allein ist, das weiß er ja schon.
Also los, kleiner Igel, mach dich auf die Socken und suche dir einen Freund oder eine Freundin, noch ist Zeit, denn schon bald musst du dich nur noch um ein gutes Fettpolster kümmern, damit du den Winterschlaf gut überstehen kannst.
Bedenke aber, dass du deine Regenwürmer, Insekten und sonstige Leckerchen teilen musst, wenn du einen Freund hast. Das macht man so unter Freunden!
„Aber wo soll ich nur hingehen?“, fragte sich der Igel. „Ob ich mal in den Wald spaziere? Das Rotkehlchen hat neulich so ein Loblied auf den Wald gesungen. Vielleicht finde ich da einen Freund, ist doch egal, ob es ein Igel ist, oder ein anderes Tier. Mir ist alles recht, solange ich nicht allein sein muss. Dafür teile ich meine Würmer und alle anderen Leckerchen gern, ganz ehrlich!“, sagte er.
„Na, so richtig kuschelig bist du ja nicht!“, kicherte das Eichhörnchen, das gerade wieder ein paar Nüsschen im Garten vergraben hatte. „Ich kann mir etwas Schöneres vorstellen, als mit dir zu kuscheln!“, rief es noch und sprang davon.
„Dafür bist du aber … ach, da fällt mir gar nichts ein, wie man dich bezeichnen könnte, du, du …!“, rief der Igel wütend und schon wieder kamen ihm die Tränen.
Entschlossen schluckte er sie aber herunter und lief los. Er krabbelte unterm Gartenzaun durch und gelangte auf eine riesige Wiese, auf der die Kuh Berta und ihr Kalb in aller Seelenruhe grasten.
„Hallo!“, sagte der Igel zur Begrüßung. Berta kaute weiter, sie hob erst den Kopf, als sie bemerkte, dass ihr Kalb sich für den stachligen Gesellen interessierte.
„Komm da weg!“, befahl sie dem Kleinen und kaute weiter.
„Entschuldigung, ich wollte nicht stören“, versuchte der Igel die Unterhaltung nochmals aufzunehmen.
„Tust du aber, verschwinde!“, sagte Berta und drehte dem Igel ihren dicken Hintern zu. Sie hob den Schwanz und wäre der kleine Igel nicht schnell weitergelaufen, hätte es wohl ein Unglück gegeben. Völlig außer Atem kam er am Waldrand an und musste erst einmal eine Weile verschnaufen, so schnell war er gerannt.
„Du sitzt im Weg“, wisperte ein feines Stimmchen. Der Igel schaute sich um, sah aber niemanden.
„Ich bin hier unten, bist du blind?“, fragte die Stimme unfreundlich.
„Igel sehen sehr schlecht!“, verteidigte sich der Igel. „Wer bist du denn überhaupt?“
„Ich bin Lotti Ameise und meine Schwestern werden gleich hier eintreffen, wir haben Stöckchen für unseren Ameisenbau gesammelt und müssen hier durch, also troll dich!“, befahl sie.
Der Igel erhob sich und ging ein Stückchen zur Seite. Er kniff die Augen ein wenig zusammen, um besser sehen zu können und tatsächlich, da sah er die Ameisenkolonne, die schwer beladen ihres Wegs zog und Lotti rief, so laut sie konnte: Eins, zwei drei, kommt hier vorbei und eins, zwei drei, kommt hier vorbei!“
Der Igel schüttelte den Kopf. So etwas hatte er noch nie gesehen, aber auch, wenn er sich ein bisschen über Lottis Unfreundlichkeit ärgerte, bewunderte er insgeheim die fleißigen Ameisen.
Er war schon ein wenig hungrig geworden und fühlte sich, als sei er schon stundenlang unterwegs, trotzdem trieb er sich an. „Weiter, alter Junge! Wird schon werden!“
Eine Weile lang traf er auf kein anderes Tier, außer auf eine dicke grüne Raupe, die ihm gerade recht kam. Er hatte nämlich Hunger und freute sich über diesen Leckerbissen.
„Na du!“, sagte die kleine Raupe. Sie hatte eine so niedliche Stimme, dass es der Igel nicht über sich brachte, sie einfach so zu verspeisen. Er konnte sich genauso gut eine Weile mit ihr unterhalten. Was später war, würde man dann sehen.
„Na du!“, antwortete er deshalb recht freundlich. „Wie geht es dir?“
„Ach“, antwortete die Raupe, „ich bin so traurig, meine Freundinnen sind alle schon verpuppt, nur ich bin noch da und finde keinen guten Platz, um es ihnen gleich zu tun. Schätze ich muss als Raupe überwintern!“, sagte die Kleine.
„Das tut mir leid!“ Der Igel hatte Mitgefühl mir der Raupe und brachte es nicht übers Herz, sie zu verspeisen. „Ich muss mir auch bald einen Platz zum Überwintern suchen! Wollen wir uns nicht zusammentun?“, schlug er vor.
„Gern!“, sagte die kleine Raupe. „Dann sind wir beide nicht allein, das stelle ich mir schön vor!“ Sie lächelte den Igel an, wurde aber sogleich wieder traurig.
„Aber, wie soll das gehen? Ich kann nicht so schnell laufen wie du, ich würde dich nur behindern!“
Der Igel schüttelte schnell den Kopf. Er wollte auf keinen Fall, dass die gerade gewachsene schöne Idee wie eine Seifenblase zerplatzte.
„Ich nehme dich einfach mit, du bist klein und zart und wiegst fast nichts. Krabble auf meinen Rücken, das hast du eine gute Aussicht. Du kannst mir sagen, wohin ich gehen soll. Ich sehe nämlich nicht so gut, weißt du!“, ereiferte sich der Igel.
„Aber, aber du hast Stacheln, du würdest mich verletzen!“, sagte die kleine Raupe traurig.
„Nein, das werde ich nicht. Meine Stacheln benutze ich nur, wenn ich bedroht werde, aber schau hier“, der Igel richtete sich ein wenig auf, so dass die Raupe seine Unterseite sehen konnte. „Hier unten und im Gesicht habe ich gar keine Stacheln, du könnte hier einen schönen warmen Platz für dich finden!“
Die Raupe schaute genau hin und nickte dann. „Okay, wir versuchen es.“
Vorsichtig kroch sie am Igelbein hoch und an der Seite lang bis hinter sein linkes Ohr. Dort saß sie sicher und hatte einen guten Ausblick.
Der Igel schlug vor, dass sie gemeinsam in „seinen“ Garten zurückkehren könnten, da es dort wunderbare Verstecke gab und auch genügend Nahrung für das Winterpolster, das er sich noch anfressen musste. Raupen würde er nicht mehr fressen, denn er hatte ja nun eine Freundin und Freunde hat man lieb. Ist doch so, oder?

Was aus unseren beiden geworden ist möchtet ihr wissen? Da unser Igel mit Katzenfutter gefüttert wurde, das die Gartenbesitzer ihm hinstellten, wurde er dick und rund. Die Raupe fraß nichts mehr, im Frühjahr würde sie sich auch verpuppen und irgendwann ein wunderschöner Schmetterling sein. Schon bald konnten sich die beiden einen Platz aussuchen, an dem sie gemeinsam überwintern konnten. Sie redeten und redeten, erzählten sich lange Geschichten, lachten und weinten miteinander und irgendwann schliefen sie eng aneinander gekuschelt ein. Schön, oder?

© Regina Meier zu Verl

Hier lese ich euch die Geschichte vor:

Zeichnung Regina Meier zu Verl

Keine Lust auf Herbst

„Was soll ich über den Herbst schon schreiben? Ist doch irgendwie öde, diese Jahreszeit!“ Manuel sitzt vor seinem Laptop und verzweifelt an der Aufgabe, die ihm in der AG der Schule gestellt wurde.
„Schreibwerkstatt, darunter habe ich mir etwas ganz anderes vorgestellt. So was wie: Ärmel hochkrempeln, Rezept nehmen und drauflos schreiben – Zack, fertig ist der Bestseller!“, jammert er.
Manuels Schwester Lisa grinst. So ist er, ihr Bruder. Möglichst alles vorgekaut bekommen und missmutig eine Arbeit beginnen. Hatte er denn die schönen Seiten des Herbstes noch gar nicht wahrgenommen?
„Ich schlage vor, wir zwei machen einen Lauf durch den Park. Das tut uns beiden gut und hinterher weißt du vielleicht, was du über den Herbst, der übrigens meine Lieblingsjahreszeit ist, schreiben kannst!“, schlägt sie vor.
„Lieblingsjahreszeit? Igitt!“, meckert Manuel, lässt sich aber überreden zu einer Joggingrunde.
Es ist herrliches Wetter an diesem Tag im September. Die Sonne ist noch recht warm, aber es ist nicht mehr so heiß wie im Hochsommer, für’s Laufen ideale Bedingungen.
Im Park treffen die beiden viele Leute, die die Sonne genießen. Die meisten halten Abstand voneinander, so wie es in dieser blöden Pandemie vorgeschrieben ist.
Die Blätter des Laubwaldes beginnen schon, sich zu verfärben.
„Guck mal, sieht das nicht wundervoll aus?“, fragt Lisa. „Nur noch ein paar Tage, dann haben wir hier einen richtigen Indian Summer!“, schwärmt sie.
„Na ja, das ist wohl nicht ganz das, was man von Kanada her kennt, oder?“, fragt Manuel. „Da wäre ich auch gern mal!“
„Wo wir das hier doch direkt vor der Haustür haben, du spinnst!“, meint Lisa und fügt hinzu: „Denk an Corona, momentan wird das sowieso nichts mit dem Reisen!“
Manuel winkt ab, davon will er schon gar nichts hören. Dieser blöde Virus hat ihm schon den ganzen Sommer verdorben.
„Lass mich damit in Ruhe! Du weißt genau, wie mich geärgert hat, dass Tom und ich unseren vereinbarten Urlaub nicht machen konnten!“ Manuels Laune ist nun völlig im Keller. Lisa versucht zu retten, was noch zu retten ist.
„Zufälligerweise habe ich etwas Geld eingesteckt, lass uns bei der Eisdiele anhalten!“, schlägt sie vor und damit hat sie ihren Bruder am Schlafittchen. „Ich könnte dir auch helfen, einen Anfang zu deinem Herbstreferat zu finden!“, legt sie noch obendrauf.
„Wofür hat man schließlich einen Zwilling?“ Lisa hat in jeder Beziehung vorgesorgt, sie hat ihren Mundschutz dabei und kann ungehindert die Eisdiele betreten. Manuel wartet derweil draußen auf sie. Er sieht sich um und freut sich über die Sonne und die Leckerei, die er in Aussicht hat.
„Ist doch gar nicht so schlecht, dieser Herbst!“, murmelt er.
„Man muss halt aus allem das Beste machen!“, sagt Lisa, die gerade mit zwei großen Eiswaffeln vor ihm steht.

© Regina Meier zu Verl

Verler See

Ein Herbstspaziergang

Steinhorster Becken
Ein Herbstspaziergang

Ein herrlicher Tag, endlich ist er doch noch gekommen, der goldene Oktober. Ich habe nicht erwartet, dass so viele Leute das gleiche Ziel haben wie wir. Aber in der Weite des Steinhorster Beckens verlieren sich die vielen Menschen, die frische Luft und die letzten warmen Sonnenstrahlen tanken wollen.
Wir finden einen Platz für den Wagen und machen uns auf den Weg, das Becken, ein Naturschutzgebiet, zu umrunden. Sobald man ein paar Meter von der Straße weg ist, glaubt man, in einer anderen Welt zu sein. Wildgänse flattern über uns hinweg, Schwäne ruhen auf dem Wasser. Uns begeistert die Atmosphäre, die Stille an einem Ort, der doch mitten in der Zivilisation liegt.
Wiesen, die nicht von Menschenhand verändert wurden, halten unsere Blicke fest. Scharfgarbe in gelb und weiß, Nachtnelken, Moose verschiedener Arten. Unberührte Natur ohne McDonalds Müll und Zigarettenkippen. Es ist einfach nur schön.
Mit jedem Schritt wird der Kopf klarer, wir reden kaum. Nur ab und zu ein: „Ist das nicht schön?“ verlässt unsere Lippen.
Wir sind beide nicht besonders frohgelaunt losgefahren, mit jedem Meter, den wir zurücklegen, steigert sich unsere Stimmung. Die Probleme bleiben hinter uns zurück. Wir atmen den Geruch des Herbstes ein, den Duft des Laubes, unbeschreiblich, ein wenig modrig, faulig, dumpf und feucht und doch wieder frisch, vermischt mit der Erde, die noch von der Sonne erwärmt wird.
„Sind das Graugänse?“, frage ich, als sich eine Schar von Vögeln von einer kleinen Insel in die Lüfte schwingt. Angelika nickt: „Das könnte sein. Schade, dass wir das Fernglas nicht mitgenommen haben!“
Andere Spaziergänger sind mit Feldstechern ausgerüstet, sie bleiben immer wieder stehen und schauen. Wir beschließen, bald noch einmal hierher zu kommen, dann mit Fernglas. Heute hat Angelika den Fotoapparat mitgenommen. Beinahe erscheint es uns unsinnig, diese Schönheit festhalten zu wollen. Doch anhand eines Fotos wird man sich noch besser an den Tag erinnern können. Vielleicht kann man auch malen, was man gesehen hat. Darüber schreiben, es beschreiben, doch niemals wird man festhalten können, was wir beide empfanden.
Ich ahne, was Goethe gemeint hat, als er sagte: Man muss sich mit der Natur verbinden. Natürlich hat er andere Worte dafür gefunden, doch ich empfinde die Wurzeln, die er beschrieben hat. Und diese Farben, die sich uns erschließen. Kein Maler kann sie schöner malen, kein Dichter beschreiben – es ist einfach nur traumhaft schön.
Der Himmel ist blau, am Horizont ahnt man die ersten Ausläufer des Sauerlandes. Es möge mir der Ortskundige verzeihen, wenn es nicht so ist. In diesem Moment sehe ich Berge, die nicht da sind, oder doch?
Angelika und ich stoßen an eine Grenze, diesmal von Menschenhand geschaffen. Es ist ein Tor, das uns den weiteren Weg versperrt. Wir sind unschlüssig, ob wir den Ausläufer des Weges nach rechts beschreiten sollen. Wir wissen nicht, wie weit es noch sein wird, bis wir dann unseren Ausgangspunkt wieder erreichen werden. Unschlüssig lassen wir uns an einem sonnigen Plätzchen nieder, um erst einmal die Aussicht auf die vielen kleinen Becken zu genießen. Auf einer Tafel lesen wir später, dass das Steinhorster Becken durch ein Auffangbecken der Ems entstanden ist. Zum Schutz vor Hochwasser hat man die Ems gestaut und aus dem überlaufenden Wasser haben sich die vielen kleinen Seen gebildet. So entstand im Laufe der Jahre ein Gebiet, in dem sich seltene Vogel und Insektenarten neu ansiedelten. Aber auch die Flora fand einen neuen Ort, um vergessen geglaubten Pflanzen wieder einen Nährboden zu geben. Kopfweiden, die liebevoll gepflegt Nistplätze für Käuzchen und Eulen, aber auch für diverse Käferarten bieten, säumen die Becken. Wunderschöne Eichen, Buchen, Ebereschen und Ahorn passen sich in das Landschaftsbild ein.
Wir prägen einen Namen „Schleswig-Westfalen“ und müssen lachen. Wie lange haben wir nicht so befreit gelacht. Vielleicht war es, als wir andächtig unter der Lutter-Linde in Bad Gandersheim saßen und ebenfalls die Wunder der Natur empfunden haben.
Während wir auf meiner Jacke sitzen, kommt hinter uns ein Auto angefahren. Wir schauen uns verärgert an. „Wie kann man nur?“
Ein älteres Paar steigt aus, sie elegant mit schicken Stiefeln und Lodenrock, frisiert und geschminkt. „Hoffentlich macht sie sich ihre schönen neuen Stiefel nicht dreckig!“, denke ich. Er in beigen Hosen mit Schirmmütze, beide tragen teure Brillen, ebenfalls haben beide ein Fernglas umhängen. Sie rütteln am Tor und unterhalten sich laut darüber, dass es ja hier gar nicht weitergeht.
„Auch schon gemerkt!“, stellt Angelika fest. Wir grinsen, noch sind wir gut gelaunt. Die beiden wollen anscheinend nicht laufen, sie quatschen rücksichtslos laut hinter uns herum und laufen von rechts nach links, als erwarten sie, dass sich dadurch das Tor öffnet.
„Friedrich, drück doch mal auf den Knopf!“
„Auf welchen Knopf denn, Hedi?“
„Na, auf den Knopf, der das Auto öffnet, wie damals bei unserem Corsa.“
„Du meinst die Schließautomatik. Hedilein, hast du denn noch gar nicht gemerkt, dass der neue Wagen das nicht hat?“
„Ach? Wirklich? Nein, habe ich noch nicht gemerkt. Dann gib mir den Schlüssel. Ich möchte die Landkarte holen.“
„Meinst du, dass auf der Karte steht, wie wir dieses Tor öffnen können?“
„Nein, aber ich verstehe einfach nicht … damals konnte man da durch!“

Angelika und ich reden nicht mehr. Sie zwingen uns zuzuhören, sind so penetrant laut und bemerken gar nicht, dass sie uns stören. Das Paradies, das sich uns erschlossen hat, wird durch diese zwei Menschen erheblich kleiner.
Es wird allmählich kälter, wir beschließen zu gehen, doch wir kommen nicht dazu, denn Friedrich und Hedi setzen sich nun ins Auto und lassen den Motor an. Aber anstatt abzufahren, bleiben sie sitzen, damit die Heizung des Wagens schneller auf Touren kommt, tritt Friedrich in regelmäßigen Abständen aufs Gas.
Ich bin soweit, dass ich aufstehen möchte, um den beiden ein paar Ungehörigkeiten um die Ohren zu hauen. Angelika ebenfalls, ich sehe es ihrem Gesicht an.
Nach geschlagenen zehn Minuten fahren die beiden endlich ab. Wir machen uns auch auf den Weg, nach ein paar hundert Metern haben wir das rücksichtslose Paar vergessen. Wir freuen uns jetzt auf eine Tasse Kaffee bei Kerzenlicht und haben uns den Tag nicht verderben lassen.

© Regina Meier zu Verl

Foto © Regina Meier zu Verl

Kakao wächst auf Bäumen

Kakao wächst auf Bäumen

Draußen ist es kalt, nebelig und nass. Voller Sehnsucht wartet Karin auf den ersten Schnee. Doch das Wetter ist seit Wochen das gleiche: kalt, nebelig und nass. Und viele Leute fühlen sich fast schon genau so.
„Ich habe eine Idee gegen schlechte Winterlaune“, sagt Mama. „Wir kochen uns eine Tasse Kakao, dann kuscheln wir uns unter die Wolldecke und probieren, ob uns unsere selbst gebackenen Kekse schmecken.“
Karin findet, dass das eine richtig gute Idee ist. Draußen ist es schon am frühen Nachmittag so dunkel, das es keinen Spaß macht, auf den Spielplatz Freunde zu treffen oder mit Hund Bassy über die Felder zu laufen. Schnell dreht sie mit Bassy daher eine schnelle Runde um die Häuser, dann setzt sie sich mit einem Buch zu Mama aufs Sofa. Ihr ist kalt und ein heißer, in der Tasse duftig dampfender Kakao passt nun prima zu einem gemütlichen Nachmittag.
„Mama, woher kommt eigentlich der Kakao?“, fragt Karin.
„Du willst immer alles ganz genau wissen, nicht wahr?“ Mama lächelt. „Da hole ich doch gleich das Lexikon, damit wir nachsehen können.“
Während es sich Karin auf dem Sofa mit Kissen und Decken gemütlich macht, kommt Mama auch schon mit einem Tablett in der Hand und dem Lexikon unterm Arm ins Wohnzimmer. Sie kriecht zu Karin unter die Decke und sie genießen einen ersten tiefen Schluck des herrlich süßen Kakaos.
Dann blättern sie im Lexikon und sie haben Glück. Neben dem Text finden sie nämlich auch ein Bild, und sie erfahren, dass die Kakaobohne aus Westafrika und Südamerika kommt und an Kakaobäumen, die über zehn Meter hoch werden, heranreift. Aber nicht die einzelnen Bohnen hängen an den Bäumen, sondern längliche rote und gelbe Früchte, die ähnlich wie Gurken aussehen und bis zu zwanzig Zentimeter lang werden. In deren Fruchtfleisch wachsen jeweils etwa fünfzig Samen. Das sind die Kakaobohnen. Die werden nach der Ernte geröstet, gemahlen und entölt, ja, und dann erst hat man das kostbare Kakaopulver, das auch zur Herstellung von Schokolade verwendet wird.
„Dass Kakao wie Obst und Nüsse auf Bäumen wächst, hätte ich nie gedacht!“, sagt Karin. Sie nimmt noch einen großen Schluck und irgendwie, findet sie, schmeckt der Kakao jetzt noch besser. Aufregender irgendwie.

© Elke Bräunling u. Regina Meier zu Verl

Kakaozeit, Bildquelle © rawpixel/pixabay