Von Maschen und vom Naschen

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Teddy trägt ein gestricktes Halstuch

Von Maschen und vom Naschen

Oma bringt Lotta das Stricken bei. So lange schon hat Lotta gebettelt, jetzt ist es endlich soweit. Ein quietschbuntes Wollknäuel und zwei Stricknadeln liegen bereit. Es kann losgehen.
„Zuerst müssen wir die Maschen aufnehmen!“, sagt Oma. Sie nimmt den Faden, wickelt ihn um Daumen und Zeigefinger der linken Hand und geht dann mit einer der Nadeln in die Schlaufe am Daumen.
„Guck, wir holen den Faden und haben die erste Masche auf der Nadel, das wiederholen wir, bis wir 30 Maschen haben!“
Ganz langsam macht sie das, damit die Enkelin alles gut sehen kann.
„Das sieht aber ganz schön kompliziert aus“, meint Lotta. „Warum denn so viele Maschen? Und warum lässt du die alle wieder runterfallen?“
Erstaunt schaut Oma Lotta an.
„Ich lasse sie doch nicht fallen, ich nehme sie auf die Nadel!“, sagt sie und macht weiter.
„Und dann?“, will Lotta wissen.
„Dann stricken wir sie ab, eine nach der anderen.“
„Okay, das kriegen wir hin!“, meint Lotta. Oma grinst. Sie weiß, dass da noch die ein- oder andere Klippe zu umschiffen ist, bevor es soweit sein wird.
„Was wird es denn?“, fragt Lotta, die nun auch endlich stricken will.
„Ein Probelappen!“, verkündet Oma. Sie steht auf und stellt sich hinter Lotta. Dann drückt sie ihr die Nadel mit den 30 Maschen in die linke Hand und die leere Nadel in die rechte Hand.
Sie zeigt Lotta, wie sie den Faden um den linken Zeigefinger wickeln muss und hilft ihr dann, die erste Masche zu stricken.
„Von vorn durchstechen, den Faden holen, durch die Masche ziehen und dann die Masche auf der rechten Nadel gut festhalten und den Rest von der anderen Nadel gleiten lassen …“, sagt Oma bei jeder Masche, die sie zusammen stricken.
Wenn Oma ihre Hände führt, geht das ganz einfach. Schnell ist die erste Reihe gestrickt, es wird gewendet und die nächste Reihe ist dran.
Das ist so anstrengend, dass Lotta anfängt zu schwitzen. Aber es macht Spaß, Riesenspaß.
„Du Oma, einen Probelappen finde ich blöd. Können wir nicht gleich ein richtiges Teil stricken? Zum Beispiel einen Schal für mich?“ Lottas Augen leuchten. Das wäre doch megacool, wenn sie morgen mit ihrem selbstgestrickten Schal in die Schule gehen könnte. Da würden die Freundinnen staunen.
„Immer langsam mit den jungen Pferden!“, sagt Oma lachend. „So schnell geht es ja nun auch wieder nicht. Außerdem haben wir nicht genügend Wolle. Für einen Schal brauchen wir mehr!“
Ein bisschen enttäuscht ist Lotta, sie will sich das aber nicht anmerken lassen, wo Oma sich doch so viel Mühe gibt.
„Okay, dann also doch zuerst den Probelappen und morgen kaufen wir Wolle, abgemacht?“ Oma nickt. „Können wir machen, aber jetzt versuch es mal alleine, das schaffst du!“
Oma streckt sich, ihr tut der Rücken weh. Sie setzt sich neben Lotta und passt auf, dass diese alles gut hinbekommt. Fünf Reihen schafft sie an diesem Nachmittag. Wenn man den Probelappen so anschaut, dann ist das noch nicht sehr viel. Trotzdem ist Lotta stolz auf ihr Werk.
„Ich brauche eine Pause!“, verkündet sie. „Du auch?“
„Ja, ich auch und eine Tasse Tee würde ich gern trinken. Kommst du mit in die Küche?“
In der Küche ist Mama dabei Plätzchenteig zu rühren. Lotta darf probieren und ist gleich Feuer und Flamme. Sie möchte beim Backen helfen. Andererseits wartet ihr Strickzeug auf sie. Eine schwere Entscheidung. Oma hat die Lösung.
„Du hilfst Mama beim Ausstechen und immer dann, wenn ein Blech im Ofen ist, dann strickst du eine Reihe. So kannst du beides machen!“
Das ist es doch. Dass Lotta das nicht selbst eingefallen ist. Sie holt ihr Strickzeug aus dem Wohnzimmer und zeigt Mama stolz, was sie schon geschafft hat.
„Super, Lotta!“, sagt Mama. „Der Teig muss nun eine halbe Stunde ruhen, da schaffst du noch ein paar Reihen.“
Als Papa später von der Arbeit heimkommt, findet er drei glückliche Menschen vor, zwei strickend, die andere Teig ausrollend und es duftet herrlich in der Küche.
„Meine drei fleißigen Frauen!“, sagt Papa stolz und drückt eine nach der anderen.
„Nur noch ein Blech, dann sind die Plätzchen fertig und wir können den Tisch für das Abendbrot decken“, sagt Mama und schiebt das letzte Backblech in den Ofen.
Oma räumt ihr Strickzeug zur Seite und auch Lotta beendet ihre Arbeit für heute.
„Ich hole das Kehrblech und den Besen!“, schlägt Papa vor. „Damit ich die runtergefallenen Maschen aufkehren kann, da liegen sicher jede Menge davon unter dem Tisch!“ Er lacht dröhnend.
„Frechdachs!“, ruft Oma. „Der Witz ist alt, älter noch als ich!“
Lotta versteht gerade nicht, über was die beiden da streiten. Sie hat jedenfalls keine Masche verloren, keine einzige.

© Regina Meier zu Verl

Oma Socke

Oma Socke
In unserer kleinen Stadt kannte sie jeder. Ihren richtigen Namen wusste aber fast niemand, jeder nannte sie Oma Socke. Vermutlich hatte sie für jedes Kind unserer Stadt und manchen Erwachsenen Socken gestrickt und diese Socken waren die besten und wärmsten der Welt. Ich weiß das genau, denn auch ich habe so ein Paar Socken besessen und sie gehütet wie meinen Augapfel.
Ihr denkt jetzt sicher, dass es ganz großer Quatsch ist, denn auch andere Menschen können Socken stricken und sogar die gekauften Socken wärmen die Füße und erfüllen ihren Zweck. Aber es ist wirklich kein Blödsinn, den ich euch heute hier erzähle. Das kann mir kein geringerer als der Nikolaus selbst bestätigen. Fragt ihn, wenn ihr ihn in diesem Jahr irgendwo treffen solltet. Ich bin davon überzeugt, dass ihr mir dann glauben werdet.
Was aber war das Geheimnis dieser bunt geringelten Strümpfe? Lange wusste ich das auch nicht, bis ich es vor vielen Jahren erfahren habe. Damals besuchte ich Oma Socke regelmäßig, denn sie konnte nicht nur stricken, nein, sie erzählte auch ganz wunderbare Geschichten. Ich liebte Geschichten und da meine Oma gestorben war, was mich lange Zeit sehr traurig machte, schickte meine Mutter mich zu Oma Socke. Was besseres hätte mir nicht passieren können, denn wenn ich bei ihr war, vergaß ich für eine Weile meine Trauer und irgendwann nahm ich Oma Socke beinahe wie eine eigene Oma an. Das tat uns beiden sehr gut, denn Oma Socke hatte selbst keine Enkelkinder.
„Warum wärmen deine Socken viel besser als alle anderen Socken der Welt?“, fragte ich sie eines Tages. Oma Socke lächelte, zierte sich aber noch ein wenig, mir das Geheimnis anzuvertrauen.
„Wenn ich es dir erzähle, dann ist es ja kein Geheimnis mehr!“, sagte sie. „Aber, ich bin eine alte Frau und vielleicht sollte ich es wenigstens dir erzählen, damit es nicht in Vergessenheit gerät, wenn ich einmal nicht mehr da bin.“
Dieser Satz machte mir ein wenig Angst, denn Oma Socke hatte ja wohl nicht vor, meiner richtigen Oma in den Himmel zu folgen?
„Du musst bei mir bleiben!“, sagte ich deshalb traurig und das Geheimnis war auf einmal gar nicht mehr so wichtig. „Ich brauche dich doch!“
Oma Socke standen Tränen in den Augen. Dabei hatte ich sie gar nicht traurig machen wollen, ich hatte doch nur eine Frage gestellt und nun waren wir beide kurz vorm Weinen.
„Ist schon gut, wir müssen ja alle mal gehen!“, sagte sie und dann lächelte sie wieder. „Pass auf, ich erzähle dir jetzt, warum meine Socken so beliebt sind. Sie haben außer der Wolle zwei Zutaten, die sie so besonders machen.“
Das klang geheimnisvoll und ich wollte nun unbedingt wissen, welche Zutaten das waren. Irgendwie klang das lustig, wie beim Backen.
„Und? Was waren das für Zutaten?“, fragte ich.
„Die erste ist die Liebe!“, sagte sie und strich liebevoll über den fast fertigen Strumpf, den sie gerade in Arbeit hatte. „Man muss beim Stricken Freude empfinden und liebevoll an denjenigen denken, für den sie bestimmt sind!“
Das konnte ich verstehen, schon deshalb, weil in meinem Zimmer ein Bild hing, auf dem folgender Spruch stand: Was man mit Liebe tut, wird immer gut! Mama hatte mir das erklärt und seitdem machte ich sogar meine Hausaufgaben mit Liebe, dann ging es mir viel leichter von der Hand. Ich sagte jetzt nicht „Ich liebe dich“ zum meinen Matheaufgaben, das wäre doch zu viel des Guten gewesen. Aber ich ging mit Freude an die Sache und Freude und Liebe liegen ja eigentlich ganz nah beieinander, oder?
„Und? Die zweite Zutat?“, fragte ich ungeduldig.
„Die habe ich vom Nikolaus empfohlen bekommen!“, behauptete Oma Socke. „Warte, ich zeige es dir!“ Sie griff nach ihrem Haarknoten, löste ihn und ihre weißen Haare fielen über ihre Schulter. Wie ein Engel sah sie plötzlich aus. Ich hätte niemals gedacht, dass Oma Socke so lange Haare hatte. Sie griff ein einzelnes Haar und zog es mitsamt der Wurzel aus. Aua! Dann nahm sie ihr Strickzeug, legte das Haar über den linken Zeigefinger, zusammen mit dem Wollfaden, und strickte es in die nächsten Maschen mit ein.
Dann erklärte sie: „Der Nikolaus hat einmal einige Paare Socken bei mir bestellt, die waren für eine arme Familie bestimmt. Am Nikolausabend wollte er die Socken in deren Stiefel stecken. Aber vergiss nicht, sagte er zu mir, eines deiner Haare in jedem Socken mit zu stricken. Das wärmt besonders gut, der Winter wird hart! Selbstverständlich habe ich seinen Wunsch erfüllt und seitdem stricke ich in jede Socke ein Haar von mir mit hinein! So ist das!“
Ihr könnt euch vorstellen, dass ich erstmal sprachlos war. Aber ich weiß genau, dass es stimmt, denn, wie gesagt, ich hatte auch mal ein Paar Socken von Oma Socke, das ich gehütet habe wie meinen Augapfel.
Jetzt kennt ihr das Geheimnis der besten Socken der Welt. Vielleicht strickt ihr ja auch, dann strickt doch mal ein eigenes Haar mit ein, vielleicht funktioniert es bei euch auch – und: vergesst die Liebe nicht!

© Regina Meier zu Verl
Hier lese ich dir die Geschichte vor

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Bildquelle ArtTower/pixabay