Von Wunderpillen und Nachttöpfen

Von Wunderpillen und Nachttöpfen

Es war ein schöner Tag gewesen gestern. So hatte Tessa sich ihren Geburtstag gewünscht. Schließlich wird man nur einmal achtzig Jahre alt. Tessa kicherte, sie konnte es kaum selbst glauben, dass sie nun schon so alt war. Sie fühlte sich nicht so, eher wie fünfzig. Hm! Achtzig hörte sich trotzdem erschreckend an.
„Nein!“, wehrte sie sich gegen diese Gedanken. „So schnell kriegt ihr mich nicht klein. Wer gesund lebt, kann, so sagen sie, hundert werden und mehr. Gute Hundert ohne ein Siechtum im Rollstuhl.“
Sie öffnete die Schublade zu ihrer Kommode, die, die keiner öffnen durfte außer ihr, und nahm ihr gesundes Geheimnis, wie sie es nannte, heraus. Magnesium, Kalium, Vitamin C, Zink und einige andere mehr. Sorgsam verteilte sie die Kapseln in einer Schale und schluckte eine nach der anderen, langsam, bedächtig.
„So! Ihr werdet euch wundern!“
Tessa wusste, dass ihre Tochter sie auslachen würde. Deshalb behielt sie es für sich. Es würde sich schon zeigen, wer recht behalten würde. Tessa lächelte, packte die Wundermedizin wieder zurück in die Schublade, trank noch ein großes Glas Wasser und ging dann in den Garten, in dem der Herbst schon eingezogen war, ihre Lieblingsjahreszeit. Noch viel war zu tun hier, aber auch das trauten sie ihr ja nicht mehr zu.
„Ach was!“, wehrte sie sich laut gegen ihre Gedanken, die immer wieder zum selben Punkt zurückkehrten, und stapfte wie bekräftigend mit dem Fuß auf. „Ich werde sie nicht mehr beachten, sie mit ihren Unkenrufen und Mahnungen und falschen Sorgen. Davon habe ich mir gestern genug anhören müssen. Es reicht. Und nun werde ich das kleine Kartoffelbeet umgraben und letzte Schätze ernten.“
Tessa ging mit forschen Schritten hinüber zum Geräteschuppen, schnappte sich den kleinen handlichen Spaten, zog ihre dicken Gummiklotschen an und machte sich daran, das Beet umzugraben. Die Kartoffeln hatte sie schon in der letzten Woche geerntet und allen hatten die frischen Kartoffeln gestern im Geburtstagskartoffelsalat gut geschmeckt. Das selbst angebaute Gemüse war doch immer noch das Beste auf der Welt.
„Man weiß, was man isst!“, murmelte sie und hieb den Spaten mit all ihrer Kraft tief in die Erde. Es klirrte, laut und scheppernd. Tessa erschrak.
Sie ließ den Spaten fallen und trat einen Schritt zurück. Als sich weiter nichts tat, nahm sie den Spaten wieder auf und traute sich wieder näher an das Erdloch heran.
Da sie nichts darin sehen konnte, setzte sie den Spaten vorsichtig noch einmal an und … es schepperte wieder.
„Hilfe!“, rief Tessa laut. Irgendwie erschien ihr die Angelegenheit unheimlich. Es tat sich nichts. „Hilfe!“, rief sie noch einmal, diesmal laut und gellend.
Dann besann sie sich.
„Eine Bombe wird es wohl nicht sein“, schimpfte sie mit sich selbst. „Reiß dich mal zusammen, meine Liebe!“
„Hast du einen Schatz gefunden, Tante Tessa?“, hörte sie da Timo, den Nachbarjungen, rufen. „Das ist ja krass!“
„Das weiß ich noch nicht, mein Junge. Hilfst du mir beim Bergen, bitte?“ Tessa war hocherfreut, dass sie in der Situation nicht mehr allein war. Timo war ein taffer Junge, er würde wissen, was zu tun war.
„Darf ich?“, sagte er und nahm Tessa den Spaten ab. „Dann wollen wir doch mal sehen, was du da gefunden hast!“
Er stieß ein paar Mal in die Erde, es knirschte und schepperte, dann hatte er den „Schatz“ freigelegt.
„Wow!“, stieß er hervor und zog das Fundstück, eine weiße Emaille Schüssel mit einem Griff, aus der Erde. „Was ist das denn? Ein Salattopf mit Griff?“
„Was? Zeig her!“ Tessa starrte auf den Fund. „Ein Nachttopf!“, stieß sie hervor und musste lachen. „Wie kommt ein Nachttopf in mein Kartoffelbeet?“
„Aber was ist denn ein Nachttopf, Tante Tessa? Gibt es Tagtöpfe und Abendtöpfe und Nachttöpfe etwa?“, fragte Timo.
Tessa fing erneut an zu lachen, das gab es doch nicht, ein Junge, der nicht wusste, was ein Nachttopf war, komisch. „Weißt du, lieber Timo, früher hatte man nicht in jedem Haus eine Toilette, oft gab es außerhalb des Wohnhauses ein Klo, ein Plumpsklo. Da musste man, wenn man mal musste, bei jedem Wetter nach draußen. Das war besonders im Winter sehr unangenehm. Genau dafür war so ein Nachttopf da, der stand für das kleine Geschäft zwischendurch unter dem Bett und wurde am Morgen dann ausgeleert.“
„Igittegit!“ Tims Augen wurden groß vor Staunen. „Das ist ja eklig! Wie konnten die Menschen so leben?“
Tessa musste noch mehr lachen. „Wie du siehst, haben wir es alle überlebt. Sonst gäbe es dich und deine Eltern und deine Freunde nicht, oder?“
„Stimmt.“ Tim lachte nun auch.
„Das ist spannend mit dir“, sagte er. „Darf ich dir weiter beim Graben helfen? Vielleicht finden wir noch andere Schätze aus dieser gruseligen Zeit?“
„Gerne.“ Tessa freute sich. Es war so wichtig, dass die Jungen vom Leben ihrer Vorfahren erfuhren und lernten. Man konnte schließlich nie wissen, ob und wann sie dieses alte Wissen, das gerade im Begriff war, verloren zu gehen, auch für ihr Leben anwenden konnten. „Ich wusste doch, dass auch dies ein guter Tag werden würde.“
Tessa drückte Timo den Spaten in die Hand: „Bitte sehr, du bist dran!“, sagte sie und der Junge hatte im Nu das Kartoffelbeet umgegraben. An diesem Tag fanden die beiden keinen weiteren „Schatz“, aber sie suchten weiter, Tag für Tag.

© Regina Meier zu Verl