Hannes, Piet und der Schmetterling

Hannes, Piet und der Schmetterling

„Der Wind trägt die Melodie über das Wasser. Lausche, dann wirst auch du sie hören und sie wird dich verzaubern.“
Der alte Leuchtturmwärter klappte leise das Buch zu. Dann schloss er die Augen und lauschte. Die Kinder waren ganz still, wagten kaum zu atmen. Sie saßen zu Füßen des alten Mannes, der seinen Platz auf der Bank vor dem Leuchtturm hatte. Wann immer sie konnten, kamen sie hierher, denn der alte Piet hatte immer eine Geschichte für sie. Manchmal erzählte er frei, dann wieder las er aus seinem dicken Geschichtenbuch vor.
Hannes hatte verzückt gelauscht. Er hätte die Melodie nachsingen können, so deutlich hatte er sie wahrgenommen. Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Vorsichtig sah auf die Uhr und erschrak. Er räusperte sich und flüsterte dann:
„Entschuldigung, ich muss jetzt gehen, meine Eltern machen sich bestimmt schon Sorgen.“
„Geh‘ nur, Junge. Und wenn du magst, dann komm wieder her, ich habe noch viele Geschichten.“ Piet lächelte, er liebte Kinder sehr, sie waren so gute Zuhörer und sie glaubten noch an die kleinen und großen Wunder, von denen seine Erzählungen handelten.
Hannes betrat die Ferienwohnung.
„Ich bin wieder da!“, rief er. Die Eltern hatten es sich im Wohnzimmer gemütlich gemacht.
„Das ist schön, Hannes. Du hast ganz rote Wangen, die frische Luft hier am Meer tut dir sehr gut, nicht wahr?“ Sie streichelte Hannes’ Wangen und drückte ihm dann einen dicken Kuss auf die Stirn.
„Hast du Hunger?“
„Nein, Mama, ich habe keinen Hunger, aber eine große Bitte habe ich!“
„Dann lass mal hören.“
„Ich möchte lernen Geige zu spielen.“
Hannes Vater legte die Zeitung zur Seite, in der er bis eben gelesen hatte. Er sah seinen Sohn erstaunt an.
„Wie kommst du darauf? Du hast doch zu Hause schon ein Klavier, das du kaum beachtest. Genügt das nicht?“
Hannes überlegte einen Moment, bevor er versuchte, seinen Eltern zu erklären, warum er unbedingt Geige spielen wollte.
„Piet hat uns heute die Geschichte von der Melodie erzählt, die über das Wasser schwebt. Sie klang so wunderbar, ich habe sie gehört und ich werde nie wieder vergessen, wie schön das war.“
„Ach Junge, du fantasierst. Melodien schweben nicht über das Wasser, sicher hatte Piet einen CD-Spieler oder so was“, meinte Mama und Papa nickte bekräftigend mit dem Kopf.
„Nein, wir saßen alle draußen am Leuchtturm. Natürlich weiß ich, dass es nur eine Geschichte war, aber dann … ich habe sie gehört, die Melodie und der Piet hat vorher gesagt, dass man so schön nur spielen kann, wenn man den Geigenbogen so sanft führt, dass ein Schmetterling darauf sitzen bleibt, ohne sich gestört zu fühlen.“
„Aha?“
„Ja, und als ich die Musik gehört hatte, flog ein Schmetterling direkt vor meiner Nase hoch zur Spitze des Turms, da habe ich gewusst, dass ich auch Geige spielen möchte!“
„Wir werden sehen!“, sagte Papa und nahm wieder die Zeitung zur Hand.
„Ich werde jeden Tag spielen und ich werde euch beweisen, dass ich das kann!“, bettelte Hannes und das tat er auch am nächsten Tag und am übernächsten …
Zu seinem Geburtstag bekam er dann eine Geige und schon ein paar Tage später durfte er zu einem Geigenlehrer gehen. Hannes war glücklich.
Als die Familie im nächsten Jahr wieder Ferien auf der Insel machte, nahm Hannes seine Geige mit. Er ging zum Leuchtturm und besuchte den alten Piet.
Er spielte die Melodie, die er damals gehört hatte, in Piets Augen glitzerten Tränen.
„Spiel noch einmal!“, bat er.
Hannes setzte den Bogen erneut an und schloss die Augen. Er spielte so wunderbar und es war schade, dass er nicht sehen konnte, dass sich ein Schmetterling auf den Bogen setzte.
Aber der Piet, der hat es gesehen – großes Ehrenwort!
© Regina Meier zu Verl

John, Peter and the butterfly

„The wind is carrying the melody across the water. Listen, then you can hear it too and you’ll be enchanted.”
The old lighthouse keeper quietly closed the book. Then he closed his eyes and listened. The children were totally still, hardly daring to breathe. They were sitting at the old man’s feet. The old man was sitting on a bench in front of the lighthouse. They came here whenever they could because old Peter always had a story for them. Sometimes he made the stories up and sometimes he read out loud from his big story book. John had listened, totally fascinated. He could have sung the melody himself; he had heard it so clearly and felt it so deeply.
He didn’t know how much time had passed. He took a quick glance at his watch and was horrified. He cleared his throat and whispered:
“I’m sorry but I’ve got to go now. My parents will be worried.”
“Run along now! And if you’d like to, come over again sometime, I‘ve got many more stories.” Peter smiled. He loved children. They were such good listeners and they still believed in the small and big miracles in his stories.

John went into the holiday cottage.
“I’m back!” he shouted. His parents had settled down for the evening in the sitting room.
“That’s nice, John. Your cheeks are really red. The fresh air here is doing you good, isn’t it?” She touched John’s cheeks and kissed him on his forehead.
“Are you hungry?”
“No thanks Mum, I’m not hungry, but may I ask you for something?”
“Go ahead, ask me!”
“I’d like to learn the violin.”
John’s Dad put the newspaper he had been reading to one side. He looked at his son in astonishment.
“Where did you get that idea from?” You’ve already got a piano at home which you hardly ever play. Isn’t that enough?”

John thought for a moment before he tried explaining to his parents why he really wanted to play the violin.
“Peter told us story today about the melody which hovers over the water. It sounded so amazing. I heard it and I’m never going to forget how wonderful it was.

“Oh son! You’re dreaming. Melodies don’t hover over water. Peter probably has a CD player or something,” Mum said and Dad nodded in agreement.
“No, we were all sitting outside under the lighthouse. Of course I know it was only a story, but then… I heard it, I heard the melody! Peter had told us beforehand that you can only play as wonderfully as that if you use the violin bow so gently that a butterfly can stay sitting on it without being disturbed.”
“Oh really?”
“Yes, and after hearing the music, a butterfly flew directly in front of my nose up to the top of the lighthouse and at that moment I knew I’d like to play the violin!”
“We’ll see!” Dad said and reached for the newspaper again.
“I’ll play every day and I’ll prove to you that I can do it!” John pleaded and he did the same the following day and the day after that…

He got a violin for his birthday and a few days later he was allowed to go to a violin teacher. John was happy.

When the family spent their holidays on the island again the following year, John took his violin with him. He went to the lighthouse and visited old Peter.
He played the melody which he had heard the previous year and Peter’s eyes filled up with tears.
“Play it again!” he asked.

John placed the bow back on the violin and closed his eyes. He played so wonderfully and it was a pity that he couldn’t see how a butterfly landed on the bow.

But Peter saw it – honestly!
© Regina Meier zu Verl / für die Übersetzung Helen Swetlik

Eine weitere Geschichte in zwei sprachen „Krümelkinder – The children and their crumbs“
 

Singende Bäume

Singende Bäume

„Kannst du denn nicht mal für eine Weile still sein?“, fragt der kleine Spatz die Amsel, die voller Inbrunst eine Arie nach der anderen schmettert.
„Warum sollte ich? Es ist Frühling und endlich kann ich wieder singen!“
„Aber ich möchte euch allen doch so gern einmal etwas zeigen, oder besser gesagt: Ihr sollt einmal zuhören“, der Spatz ist aufgeregt. Er will unbedingt völlige Stille im Garten haben, denn er hat etwas gehört, das war so schön, man kann es nicht beschreiben, man muss es hören.
Die Amsel verspricht eine Pause zu machen.
„Zwanzig Minuten, mein Lieber, länger halte ich es nicht aus!“
Am alten Kirschbaum klopft ein Specht.
„Herr Specht, können Sie bitte mal eine Weile die Arbeit unterbrechen? Frau Amsel ist auch einverstanden und schweigt für zwanzig Minuten“, bittet der Spatz höflich. Der Specht stellt sofort seine Arbeit ein, er ist sowieso erschöpft und muss ein wenig ausruhen.
Die Meisen sind ebenfalls einverstanden, sie hocken erwartungsvoll auf der Teppichstange und warten auf den angekündigten Hörgenuss.
Als alles ganz still ist, nur von weitem ruft noch der Kuckuck, da hören es plötzlich alle. Sie können sich nicht erklären, woher dieser liebliche Gesang kommt.
„Was ist das?“, flüstert die Amsel.
„Pst, pst“, machen die Meisen vorwurfsvoll.
Die Augen des kleinen Spatzen leuchten, er ist verliebt, man sieht es ihm ganz deutlich an.
„Da, schaut“, wispert er und zeigt auf den Magnolienbaum.
Die Tiere recken die Hälse, sehen aber nichts.
„Ein singender Baum?“, fragt die Amsel.
„Pst, pst, pst“, machen die Meisen.
Auf einmal hebt sich eine Blüte in die Luft, es ist ganz still. Die Blüte hebt und senkt ihre Flügel, jetzt erkennen alle, dass es ein Schmetterling ist. Elegant fliegt er davon.
„Oh, wie schade!“ Der Specht ist enttäuscht, wie gern hätte er noch ein wenig gelauscht.
„Ich wusste gar nicht, dass Schmetterlinge singen können“, sagt er, dann fährt er mit seiner Klopfarbeit fort.
Die Amsel trällert und die Meisen verteilen sich wieder im Garten, um Nistmaterial zu sammeln. Von Weitem ruft der Kuckuck.
„Man muss ganz still werden, um die großen Wunder dieser Welt wahrnehmen zu können“, flüstert der kleine Spatz. Jetzt wird er wieder warten, dass sein Schmetterling zurück kommt und ein neues Lied für ihn singt. So lange wird er von ihm träumen.

© Regina Meier zu Verl

Singing Trees

„Can’t you be quiet for a while?” the little sparrow asks the blackbird, who was blaring out one song after the other at the top of his voice.
„Why should I? It’s springtime and at long last I can sing again!”
„But I really want to show you all something, or should I say; Please listen!“ the sparrow is excited. He wants complete and utter silence in the garden because he has heard something so wonderful, he can’t describe. It has to be heard to be believed.
The blackbird promises to have a break.
„Twenty minutes, my dear, I can’t manage any longer!”
A woodpecker is pecking at an old cherry tree.
„Mr Woodpecker, Would you mind taking a break from your work for a while? Mrs Blackbird is also willing to take a break and is going to be quiet for twenty minutes”, the sparrow asks politely. The woodpecker stops working straight away, he’s tired anyway and wants to relax for a while.
The blue tits also agree, they sit full of expectation on the washing line and wait for the promised delight for their ears.
Everything is totally quiet, only a cuckoo can be heard way off in the distance, and then suddenly they all hear it. They can’t make out where this amazing singing is coming from.
„What it is?” the blackbird whispers.
„Shh, shh”, the blue tits says crossly.
The sparrow’s little eyes sparkle with joy, he’s in love, it’s clear for everyone to see.
„There, look”, he whispers and points to the magnolia tree.
The birds stretch their necks, but they can’t see anything.
„A singing tree?” the blackbird asks.
„Shh, shh, shh”, the blue tits say.
All at once a blossom rises in the air, it’s totally quiet. The blossom raises and lowers its wings, and now everyone can see that it’s a butterfly. It flies away elegantly.
„Oh, what a pity!” The woodpecker is disappointed; he would have loved to listen a little longer.
„I didn’t know that butterflies can sing“, he says and then he continues with his knocking work.
The blackbirds warble and the blue tits fly to different corners of the garden to collect things for nesting. The cuckoo calls from the distance.
„You have to be really quiet to notice the big wonders of this world”, the little sparrow whispers.
Now he’s going to wait for his butterfly to return and sing a new song for him. In the meantime he’ll dream about her.
© Regina Meier zu Verl / für die Übersetzung Helen Swetlik

Ein Haarschmuck für die Birke *

Ein Haarschmuck für die Birke *

Ein Haarschmuck für die Birke

Die Birke kichert, sie kann gar nicht mehr aufhören zu kichern.
„Hey!“, ruft sie. „Was kitzelt mich da?“
Die Eiche, die neben ihr steht, entdeckt eine Feder im Geäst ihrer Birkenfreundin.
„Es ist eine Feder, die sich in deinen Zweigen verfangen hat, liebe Birke, eine Engelsfeder sicherlich.“
„Eine Engelsfeder?“, fragt die junge Birke ganz leise, denn wenn das wirklich so sein sollte, dann will sie diesen wertvollen Besucher nicht verjagen.
„Ja, es sieht so aus. Sie ist schneeweiß und ganz flauschig. Ihr Gewicht dürftest du kaum spüren, so zart und leicht ist sie“, erzählt die Eiche, die es wissen muss. Sie ist nämlich schon viele Jahrzehnte alt und hat viel gesehen und erlebt.
„Ist sie hübsch?“, flüstert die Birke andächtig.
„Ja, das ist sie und sie passt so gut zu dir, denn du hast auch so eine hübsche Rinde, silberweiß, ganz wunderbar. Und diese zarten grünen Frühlingsblättchen sind zum Küssen schön.“
Die Birke ist nun ganz verlegen. So ein schönes Kompliment hat sie noch nie gehört, es schmeichelt ihr.
„Meinst du, dass die Engelfeder bei mir bleiben wird?“, fragt sie die Eiche.
„Wie soll ich das wissen?“
„Na, du weißt doch sonst immer alles!“
Die Eiche lacht und fühlt sich nun ihrerseits geschmeichelt. Ihre Rinde ist zwar knarzig und rau und sie ist auch nicht gerade die Schlankste mehr, aber das sind ja Äußerlichkeiten.
„So klug bin ich nun auch nicht. Ich weiß nur, dass mich auch mal eine Engelfeder besucht hat. Leider hat ein Mensch sie gefunden, ein kleiner Junge. Er ist an mir hochgeklettert und hat die Feder mitgenommen. ‚Für seine kranke Oma’, hat er gesagt und da habe ich natürlich nichts dazu gesagt und sie ihm überlassen.“
„Ob die Oma wieder gesund geworden ist?“
„Sicher, es war ja eine Engelfeder, die heilt, man muss nur fest genug daran glauben.“
„Ich verstehe!“ Die Birke wird nachdenklich und schweigt eine Weile.
„Träumst du?“, fragt die Eiche.
„Ja, ich träume von Engeln, die auf einer bunten Blumenwiese tanzen“, antwortet die Birke und seufzt. „Ein wunderbarer Traum!“
Plötzlich kommt ein Wind auf. Die Feder löst sich von den Birkenzweigen und schwebt zu Boden. Nun kann die Birke sie auch betrachten.
„Wie herrlich sie ist!“, schwärmt sie und gleich darauf wird sie traurig, denn ihr wird klar, dass sie sich nun verabschieden muss. Beim nächsten Windstoß wird die Engelsfeder davonfliegen. Sie würde sich einen anderen Baum suchen. So ist das manchmal im Leben, traurig, aber wahr.
Unten im Gras sitzt August, der dicke Käfer.
„Huch!“, ruft er. „Es regnet!“
Er weiß ja nicht, dass ihn gerade eine Birkenträne erwischt hat.

© Regina Meier zu Verl 2015

Hair decoration for the birch tree

The birch tree giggles and it just can’t stop giggling.
„Hey!“, she calls. „What’s that tickling me?“
The oak tree next to her, spots a feather in the branches of her friend the birch tree.
„It’s a feather which has got stuck in your branches, dear birch tree, an angel’s feather I’m sure.“
„An angel’s feather?“, the young birch tree asks quietly, if that’s really true, then I don‘t want to chase away this dear visitor.
„Yes, it looks like one. It’s snow white and really soft. You can probably hardly feel it because it’s so delicate and silky“, the oak trees explains, and she ought to know. She is many decades old and she has seen and experienced a lot in life.
„Is it pretty?“, the birch tree whispers, deep in thought.
„Yes, it is and it suits you so well because you’ve got such pretty bark, silver-white, absolutely wonderful. And your delicate green spring leaves are beautiful enough to kiss.“
The birch tree is now slightly embarrassed. Nobody has ever paid her such a lovely compliment before, she’s flattered.
„Do you think that the angel’s feather will stay with me?“, she asks the oak tree.
„How should I know?“
„Well, you always know everything!“
The oak tree laughs and now it’s her turn to feel flattered. Her bark is course and rough and she isn’t the slimmest anymore, but those are just superficial things.
„I’m not so clever. I just know that an angel’s feather visited me once. Sadly, a person found it, a little boy. He climbed up my trunk and took the feather away with him. ‚For his sick Grandmother’, he said and of course I didn’t say anything and let him have it.“
„I wonder whether the Grandmother got well again?“
„Of course she did! It was an angel’s feather, which has healing powers; you just have to believe enough in it.“
„Ah! I understand!“ The birch tree is deep in thought and is quiet for a while.
„Are you dreaming?“, the oak tree asks.
„Yes, I’m dreaming of angels, which are dancing in a meadow full of colourful flowers“, the birch answers and sighs. „A wonderful dream!“
Suddenly the wind picks up. The feather frees itself from the birch branches and glides to the ground. Now the birch tree can look at it as well.
„It’s lovely!“, she sighs happily and then suddenly she becomes sad, because she realises that she’s going to have to say farewell. With the next breeze the angel’s feather is going to fly away. It’s going to look for another tree. Life is like that sometimes, sad, but true.
Sitting down below in the grass is August, the big fat beetle.
„Ugh!“, he shouts. „It’s raining!“
He doesn’t realise that a tear from the birch tree has just landed on him.

© Regina Meier zu Verl/ für die Übersetzung Helen Swetlik

Auch in diesem Gedicht spielt die Birke eine Rolle:

Die armen Maikäfer

Singende Bäume * Singing trees

Singende Bäume * Singing trees

„Kannst du denn nicht mal für eine Weile still sein?“, fragt der kleine Spatz die Amsel, die voller Inbrunst eine Arie nach der anderen schmettert.
„Warum sollte ich? Es ist Frühling und endlich kann ich wieder singen!“
„Aber ich möchte euch allen doch so gern einmal etwas zeigen, oder besser gesagt: Ihr sollt einmal zuhören“, der Spatz ist aufgeregt. Er will unbedingt völlige Stille im Garten haben, denn er hat etwas gehört, das war so schön, man kann es nicht beschreiben, man muss es hören.
Die Amsel verspricht eine Pause zu machen.
„Zwanzig Minuten, mein Lieber, länger halte ich es nicht aus!“
Am alten Kirschbaum klopft ein Specht.
„Herr Specht, können Sie bitte mal eine Weile die Arbeit unterbrechen? Frau Amsel ist auch einverstanden und schweigt für zwanzig Minuten“, bittet der Spatz höflich. Der Specht stellt sofort seine Arbeit ein, er ist sowieso erschöpft und muss ein wenig ausruhen.
Die Meisen sind ebenfalls einverstanden, sie hocken erwartungsvoll auf der Teppichstange und warten auf den angekündigten Hörgenuss.
Als alles ganz still ist, nur von weitem ruft noch der Kuckuck, da hören es plötzlich alle. Sie können sich nicht erklären, woher dieser liebliche Gesang kommt.
„Was ist das?“, flüstert die Amsel.
„Pst, pst“, machen die Meisen vorwurfsvoll.
Die Augen des kleinen Spatzen leuchten, er ist verliebt, man sieht es ihm ganz deutlich an.
„Da, schaut“, wispert er und zeigt auf den Magnolienbaum.
Die Tiere recken die Hälse, sehen aber nichts.
„Ein singender Baum?“, fragt die Amsel.
„Pst, pst, pst“, machen die Meisen.
Auf einmal hebt sich eine Blüte in die Luft, es ist ganz still. Die Blüte hebt und senkt ihre Flügel, jetzt erkennen alle, dass es ein Schmetterling ist. Elegant fliegt er davon.
„Oh, wie schade!“ Der Specht ist enttäuscht, wie gern hätte er noch ein wenig gelauscht.
„Ich wusste gar nicht, dass Schmetterlinge singen können“, sagt er, dann fährt er mit seiner Klopfarbeit fort.
Die Amsel trällert und die Meisen verteilen sich wieder im Garten, um Nistmaterial zu sammeln. Von Weitem ruft der Kuckuck.
„Man muss ganz still werden, um die großen Wunder dieser Welt wahrnehmen zu können“, flüstert der kleine Spatz. Jetzt wird er wieder warten, dass sein Schmetterling zurück kommt und ein neues Lied für ihn singt. So lange wird er von ihm träumen.

© Regina Meier zu Verl

Singing Trees

„Can’t you be quiet for a while?” the little sparrow asks the blackbird, who was blaring out one song after the other at the top of his voice.
„Why should I? It’s springtime and at long last I can sing again!”
„But I really want to show you all something, or should I say; Please listen!“ the sparrow is excited. He wants complete and utter silence in the garden because he has heard something so wonderful, he can’t describe. It has to be heard to be believed.
The blackbird promises to have a break.
„Twenty minutes, my dear, I can’t manage any longer!”
A woodpecker is pecking at an old cherry tree.
„Mr Woodpecker, Would you mind taking a break from your work for a while? Mrs Blackbird is also willing to take a break and is going to be quiet for twenty minutes”, the sparrow asks politely. The woodpecker stops working straight away, he’s tired anyway and wants to relax for a while.
The blue tits also agree, they sit full of expectation on the washing line and wait for the promised delight for their ears.
Everything is totally quiet, only a cuckoo can be heard way off in the distance, and then suddenly they all hear it. They can’t make out where this amazing singing is coming from.
„What it is?” the blackbird whispers.
„Shh, shh”, the blue tits says crossly.
The sparrow’s little eyes sparkle with joy, he’s in love, it’s clear for everyone to see.
„There, look”, he whispers and points to the magnolia tree.
The birds stretch their necks, but they can’t see anything.
„A singing tree?” the blackbird asks.
„Shh, shh, shh”, the blue tits say.
All at once a blossom rises in the air, it’s totally quiet. The blossom raises and lowers its wings, and now everyone can see that it’s a butterfly. It flies away elegantly.
„Oh, what a pity!” The woodpecker is disappointed; he would have loved to listen a little longer.
„I didn’t know that butterflies can sing“, he says and then he continues with his knocking work.
The blackbirds warble and the blue tits fly to different corners of the garden to collect things for nesting. The cuckoo calls from the distance.
„You have to be really quiet to notice the big wonders of this world”, the little sparrow whispers.
Now he’s going to wait for his butterfly to return and sing a new song for him. In the meantime he’ll dream about her.
© Regina Meier zu Verl / für die Übersetzung Helen Swetlik

Eine weitere Geschichte in zwei Sprachen „Krümelkinder – The Children and their grumps findet ihr hier!

Krümelkinder – The children and their crumbs

Krümelkinder – The children and their crumbs

Krümelkinder

„Na du, wartest du auf den Bus?“, fragt die Taube Tilli die Amsel, die sich gerade neben ihr auf dem Wartehäuschen niedergelassen hat.
„Auf den Bus? Wie kommst du darauf? Ich brauche keinen Bus, ich kann doch fliegen!“, antwortet diese und kichert. Dieses Kichern klingt wie eine schöne Melodie.
„Worauf wartest du dann?“, will Tilli wissen.
„Auf den Frühling, meine Liebe, und du?“ Die Amsel schüttelt ein paar Wassertropfen von ihrem Gefieder.
„Ich warte auf die Kinder. Sie müssen gleich aus der Schule kommen!“ Tilli späht aufgeregt von rechts nach links und wieder zurück.
„Und dann?“, fragt sie die Taube. „Was hast du vor mit den Kindern?“
„Mit ihnen habe ich nichts vor. Ich warte darauf, dass sie ihre Butterbrote auspacken und dann ist meine Zeit gekommen!“ Tilli lacht gurrend, eine gewisse Vorfreude ist ihr anzumerken. Die Amsel schaut Tilli verständnislos an.
„Wieso? Warum?“, fragt sie neugierig.
„Na, sie packen ihre Brote aus und dann krümeln sie! Ich liebe Kinder, die krümeln. Sie haben ein Herz für uns Vögel!“, erklärt Tilli. Langsam beginnt die Amsel zu verstehen.
„Aha, und dann pickst du die Krümel auf!“, lacht sie. „Aber sag: Reicht das denn für eine Mahlzeit?“
„Mal ja, mal nein. Man darf halt die Hoffnung niemals aufgeben!“ Das klingt ernst. Der Amsel tut das leid, sie selbst hat großes Glück in diesem Winter, sie hatte immer etwas zu essen gefunden.
„Wie heißt du eigentlich?“, will Tilli nun von der Amsel wissen.
„Ich heiße Alice, so wie die Alice aus dem Wunderland!“, flötet die Amsel.
„Alice, heute ist dein Glückstag!“, ruft Tilli fröhlich aus. „Ich lade dich zum Essen ein!“
In diesem Moment kommt eine Schar aufgeregt schwatzender Schüler auf die Bushaltestelle zu. Sie setzen sich auf die Bank im Unterstand und packen, genau wie Tilli es vorausgesagt hatte, ihre Pausenbrote, oder das, was davon übriggeblieben ist, aus. Ja, und sie krümeln was das Zeug hält. Tilli läuft das Wasser im Schnabel zusammen, doch noch traut sie sich nicht hinunter. Erst als der Bus alle Kinder aufgenommen hat, fliegen die beiden Vögel auf den Boden und picken die Krümel auf. Tilli findet sogar ein riesiges Stück Brotkruste, das sie mit ihrer neuen Freundin teilt.
Zum Dank dafür singt Alice ein herrliches Frühlingslied und wenn ich mich nicht irre, dann habe ich die beiden gerade in trauter Einigkeit auf meiner Terrasse entdeckt. Dort habe ich nämlich eine Handvoll Sonnenblumenkerne verstreut, wie jeden Morgen.

© Regina Meier zu Verl

The children and their crumbs

„Hi, are you waiting for the bus?“ Tilli the dove asks the blackbird, who had just landed next to her on the roof of the bus shelter.
“For the bus? What makes you think that? I don’t need a bus, I can fly!”, she answers with a giggle. This giggle sounds like a lovely melody.
“What are you waiting for then?” Tilli wants to know.
“For springtime, my dear, and you?” The blackbird shakes a few drops of water rain drops off her feathers.
“I’m waiting for the children. They’ll be coming out of school any minute now!” Tilli looks excitedly to the right, and to the left and back again.
“And then?”, she asks the dove. “What are you going to do with the children?”
“I’m not going to do anything with them. I’m waiting for them to unpack their sandwiches and then my moment has come!”, Tilli laughs cooing, a certain anticipation hangs in the air. The blackbird gives Tilli a blank look.
“Why, why?”, she asks, longing to know.
“Well, they unpack their sandwiches and then they make crumbs! I love children who make crumbs. They have a heart for us birds!”, Tilli explains. Slowly but surely the blackbird begins to understand.
“Ah ha, and then you peck up the crumbs!” she laughs. “But tell me: is it enough for a whole meal?”
“Sometimes it is, and sometimes it isn’t. You must never give up hope!” This has an earnest ring to it. The blackbird is sorry, she had always been lucky this winter; she had always found something to eat.
“What’s your name?”, Tilli asks the blackbird.
“My name is Alice, like Alice in Wonderland!”, the blackbird sings.
“Alice, today is your lucky day!”, Tilli calls out happily. “I’ll treat you to a meal!”
At this very moment a crowd of excitedly chattering pupils make their way towards the bus shelter. They sit down on the bench under the roof and just as Tilli had predicted, they unpack their sandwiches, or what’s left of them. Yes, and they make no end of crumbs. Tilli’s beak begins to water, but she doesn’t have the courage to fly down just yet. As soon as all the children have got onto the bus, both birds fly to the ground and peck up the crumbs. Tilli even finds and huge piece of crust, which she shares with her new friend.

To express her thanks, Alice sings a wonderful springtime song and if I’m not mistaken, I have just discovered them both in trusted unity on my patio. You, see, I have just scattered a handful of sunflower seeds there, as every morning.

© Regina Meier zu Verl für die Übersetzung Helen Swetlik