Lachflash

Lachflash

Lachflash

„Nun schalte doch endlich den Fernseher aus, du hast ja schon ganz viereckige Augen!“, schimpfte Luise, die schon vor Stunden ins Bett gegangen war und dann aufwachte, weil sie Fred vermisste, der noch immer auf dem Sofa im Wohnzimmer lag. Eigentlich musste sie zur Toilette, aber das mit dem Vermissen ist ja viel romantischer, nicht wahr?
Fred machte kurz das linke Auge auf, dann gähnte er und hätte damit dem müden Löwen im Zoo gut Konkurrenz machen können. Unglaublich!
„Ich schaue ja gar nicht, ich schlafe. Die Stimmen im Fernseher beruhigen mich so schön!“, sagte Fred und drehte sich auf die andere Seite.
Luise schüttelte unwillig den Kopf, ließ noch ein: „Mach doch, was du willst!“ da und verzog sich wieder in ihr Bett. An Einschlafen war aber nicht zu denken. Luise stand wieder auf, schüttelte das Kissen auf, trank einen Schluck Wasser und machte einen neuen Versuch.
Sie ging die Einkaufsliste für das Wochenende noch einmal durch. Immer wieder horchte sie, ob der Fernsehapparat noch lief.
‚Ich mache jetzt einfach das Licht aus und stelle mir vor, dass Fred neben mir liegt. Dann werde ich schon schlafen können‘, dachte sich Luise. Also löschte sie das Licht und versuchte einzuschlafen. Tatsächlich konnte sie sich vorstellen, dass Fred neben ihr lag. Lediglich das Schnarchen fehlte ihr ein wenig, aber nicht allzu sehr.
Es dauerte nur ein paar Minuten, als Luise in das Reich der Träume wechselte. Gerade hatte sie noch ‚Gute Nacht, Fred‘ geflüstert, als sie sich zurückversetzt fühlte zu dem Frühlingstag vor 40 Jahren, als sie und Fred sich kennengelernt hatten. Das Thermometer war bereits am Morgen auf 20 Grad geklettert. Luise trug ein buntes Sommerkleid. Sie hatte ein Buch eingepackt, eine Flasche Wasser und ein paar Kekse, falls sie der Hunger überkommen sollte. Ihr Ziel war der Stadtpark. Dort suchte sie ihre Lieblingsbank auf, hielt ihr Gesicht für einen Moment in die Sonne, wobei sie die Augen schloss und einfach nur das warme Gefühl genoss.
„Guten Morgen!“ Luise schreckte auf und sah einen jungen Mann vor sich stehen. Er trug Jeans, ein rotes T-Shirt und Turnschuhe. „Darf ich mit für einen Moment zu dir setzen?“, fragte er. Die Antwort wartete er nicht ab, er setzte sich sofort und packte eine Wasserflasche aus seinem Rucksack. Dann nahm er einen kräftigen Schluck.
‚Fehlt noch, dass er nun rülpst‘, dachte Luise und musste über ihren absurden Gedanken lachen. Und wenn Luise einmal anfing zu lachen, dann war sie so schnell nicht zu bremsen.
Da ihr Lachen ansteckend war, stimmte der junge Mann gleich mit ein. Sie lachten sicherlich ein paar Minuten, andere Parkbesucher wurden aufmerksam und freuten sich über das fröhliche junge Paar auf der Parkbank, dass bisher nichts voneinander wusste.

„Was ist los?“, fragte Fred, der plötzlich neben Luise im Bett lag. Sofort war Luise wieder hellwach.
„Was soll denn los sein?“, fragte sie verschlafen.
„Du hast so laut gelacht. Hast du dir einen Witz erzählt? So wie damals? Du weißt schon!“, Freds Stimme klang zärtlich. Genau diese Frage hatte er ihr damals auch gestellt und Luise hatte ihm nie verraten, was der Auslöser für ihren Lachanfall gewesen war. Eigentlich war es auch egal, es hatte einfach so sein müssen damals, vor 40 Jahren. Ein großes Glück war es gewesen, ein anhaltendes Glück. Luise tastete nach Freds Hand. „Schlaf schön!“, flüsterte sie. „Du auch!“, flüsterte Fred.

© Regina Meier zu Verl

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Jonas und der Bayer

Jonas und der Bayer

Jonas und der Bayer

Jonas hatte die Herbstferien bei seinen Großeltern verbracht. Viel zu schnell waren die zwei Wochen vergangen. So viel hatten sie zu tun gehabt. Mit Opa hatte er den Garten winterfest gemacht, Rasen und Sträucher durch einen letzten Schnitt gepflegt. Den Strauchschnitt und das Laub hatten sie dann auf die Rosenwurzeln gelegt, um sie vor Kälte und Frost zu schützen. Das war viel Arbeit gewesen, aber es war lustig, denn zu jeder Blume oder Pflanze hatte Opa eine kleine Geschichte zu erzählen. Opas Wissen in dieser Richtung war ein wahres Schatzkästchen, das niemals leer zu sein schien.

Zur Belohnung für die harte Arbeit hatte Oma ihn ins Kino eingeladen. Mit dem Bus waren sie in die Stadt gefahren. Das war herrlich, denn Jonas war noch nie mit dem Bus gefahren. Stimmt nicht ganz, einmal waren sie von der Schule aus in den Zoo gefahren mit dem Bus. Aber das war etwas Anderes. Da waren ja nur Kinder aus seiner Klasse mitgefahren. Er musste daran denken, wie ihnen der Lehrer erklärt hatte, dass sie, nachdem sie die beschlagenen Scheiben mit allerlei Unsinn bemalt hatten und dann wieder sauber wischen mussten, durch ihre Atemluft die Scheiben zum Beschlagen gebracht hatten. Das Wasserdampfprinzip, hatte Herr Maurer gesagt, der jede Gelegenheit nutzte, um seinen Schülern die Hintergründe zu erklären. In einem unbeobachteten Moment hatte Jonas die Scheibe erneut angehaucht und ein Herz hineingemalt. J. und J. stand drin, Jonas und Julie, mehr wird an dieser Stelle nicht verraten.

Im Stadtbus aber waren die unterschiedlichsten Menschen unterwegs, das fand Jonas
interessant. Er machte sich Gedanken über jeden einzelnen von ihnen. Der Mann mit dem bayrischen Schnauzbart mit den nach oben gezwirbelten Enden vor ihm, ob der wohl tatsächlich aus Bayern kam? Jonas hätte ihn gern gefragt, traute sich aber nicht. Möglicherweise würde er ihn auch gar nicht verstehen, weil er ja kein Bayrisch konnte.
„Oma, kannst du Bayrisch?“, fragte Jonas die Oma.
„Nein, eigentlich nicht. Jedenfalls kann ich es nicht sprechen, aber verstehen kann ich das meiste! Warum fragst du?“, wollte Oma wissen.
Jonas deutete auf den Mann. „Der kommt doch bestimmt aus Bayern, oder?“
„Warum glaubst du das?“, fragte Oma und sah nun genauer hin.
„Na, der Bart sieht so aus!“
„Das heißt noch gar nichts, vielleicht mag er einfach nur einen langen Schnauzbart tragen. Das machen viele.“
„Ja, aber dieser Bart ist so nach oben gezwirbelt, das sieht man doch nicht so oft, außer in Bayern!“, wandte Jonas ein. Er hatte nämlich im Fernsehen die Eröffnung des Oktoberfestes in München gesehen und da gab es sehr viele Männer, die genau so einen Bart hatten wie der Mann vor ihnen.
Oma tippte dem fremden Mann auf die Schulter. „Entschuldigen Sie!“, sagte sie. Jonas schämte sich vorsichtshalber schon im Vorhinein. Sie würde ihn doch jetzt nicht fragen, ob er aus Bayern kommt? Das war ja megapeinlich. „Können Sie mir sagen, wie spät es ist?“, fragte Oma jetzt.
Der Mann schaute auf die Uhr und antwortete: „Gern, es ist auf die Minute genau 15.30 Uhr!“
„Danke schön!“, sagte Oma und schaute ein wenig verwirrt aus der Wäsche. „Hast ja gehört, er kommt nicht aus Bayern!“, flüsterte sie Jonas zu. „Das war reines Hochdeutsch!“
Der Mann grinste, bei so einem Zwirbelschnauzbart konnte er das kaum verbergen, der zitterte sogar ein wenig, der Bart.
Oma merkte das auch. Sie lief rot an, was Jonas lustig fand. Er konnte sich das Lachen nicht verkneifen, Oma auch nicht und der Mann konnte sich nun ebenfalls nicht mehr zusammenreißen.
Das Lachen der Drei war so ansteckend, dass nach und nach sämtliche Fahrgäste mit einstimmten. Als sich alle wieder beruhigt hatten, stand der Bärtige auf und erklärte: „Der junge Mann wollte wissen, ob ich aus Bayern komme. Er hat sich aber nicht getraut zu fragen, sondern seine Oma musste das machen. Und: was soll ich euch sagen? Sie haben recht. I bin a Boar, a waschta sogar, aba weil mi do niemand vastäd, rede i liaba Houchdeitsch, wisst ihr! Da Bua hod des richtig dakennt.
Wieder lachten alle, alles in allem war die Fahrt viel zu schnell vergangen und Jonas nahm sich vor, demnächst Bayrisch zu lernen, jo mei, wenn’s ihm Spaß macht.

© Regina Meier zu Verl

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Gamsbarthüte Foto: atimedia/pixabay

Wolkenlachen und Sonnenstrahlgeflüster

Wolkenlachen und Sonnenstrahlengeflüster

Die Geschichte wurde von Tanja Esche vertont – es lohnt sich, die Aufnahme anzuhören, sie macht das wirklich super. Folgt bitte dem Link KLICK

Ein kleiner Sonnenstrahl hatte sich mit vielen anderen seiner Art versammelt. Gemeinsam planten sie, den Menschen auf der Erde einen sonnigen Tag zu schenken. Aber es gab ein Problem, ein recht dickes Problem sogar. Besser gesagt, eine dicke Wolke.

„Geh zur Seite, dicke Wolke!“, wisperten die Sonnenstrahlen. Die Wolke hörte das nicht, denn die Sonnenstrahlen waren ja klein und ihre Stimmen drangen nicht bis zu ihr durch. Doch unermüdlich versuchten es die Sonnenstrahlen weiter, zuerst freundlich:

„Würden Sie bitte verschwinden, Wolke, wir möchten gern zur Erde strahlen!“, riefen sie im Chor. Nichts tat sich, im Gegenteil, die Wolke hatte wohl eine Freundin eingeladen, die sich nun zu ihr gesellte und mit ihr plauderte.

„Meine Damen, halten Sie doch ihren Plausch bitte woanders!“, rief einer der Sonnenstrahlen. Die Wolkendamen ließen sich aber nichts anmerken, oder hatten sie es wieder nicht gehört?

Nun wurden die Sonnenstrahlen ungeduldiger und prompt vergaßen sie ihre Höflichkeit.

„Weg da! Sofort!“, riefen sie so laut sie eben konnten. Das brachte aber auch keinen Erfolg.

„Wir müssen uns etwas überlegen“, meinte der kleinste der Strahlen. „Ich habe eine Idee!“

Die anderen lachten. Dieser Winzling war doch ein Neunmalklug. Sie konnten sich nicht vorstellen, wie man die dicken Wolken dazu bewegen könnte, vom Himmel zu verschwinden. Höflich ging es nicht und mit Geschimpfe auch nicht.

„Na, dann schieß mal los!“, sagten sie.

Der Kleine schüttelte sich. „Keine Gewalt, meine Lieben und geschossen wird hier schon gar nicht!“, rief er. „Wir könnten folgendes probieren! Wir verteilen uns und kitzeln die Wolken so lange, bis sie endlich verschwinden. Das müsste funktionieren!“

Die Sonnenstrahlen kicherten, das würde ein Spaß werden und vielleicht hatte der Kleine ja recht und es gelang, die Wolken zu vertreiben. Sie verteilten sich also und jeder kitzelte an seinem Platz die dicken Wolken und siehe da, die Wolken lachten laut auf; sie teilten sich und wurden zu vielen kleinen Wolken, durch deren Lücken die Sonnenstrahlen die Erde erreichen konnten.

Auf der Erde stand ein Kind am Fenster. Gerade noch hatte es traurig den Himmel betrachtet, doch dann sah es das Schauspiel der Sonnenstrahlen und Wolken und wenn es sich nicht getäuscht hatte, dann hatte es sogar das Lachen der Wolken vernommen. Da lachte es auch, zog seine Schuhe an und lief in den Garten.

„Danke, liebe Sonnenstrahlen, danke, liebe Wolken!“, rief es glücklich.

„Gern geschehen!“, wisperten die Sonnenstrahlen, aber das konnte das Kind nicht hören, denn die Strahlen waren ja noch klein – Sonnenstrahlenkinder eben.

© Regina Meier zu Verl

Ole und der Regenbogen

Ole und der Regenbogen

Ole und der Regenbogen

Opa Heinz und Ole saßen im Wintergarten. Gerade hatten sie in noch fleißig Unkraut gezupft im Garten.

Dann war eine dicke Regenwolke gekommen und über dem Grundstück stehen geblieben. Sie hatte ihnen das Sonnenlicht geraubt und sofort die Schleusen für einen tüchtigen Regenguss geöffnet.

Ole hatte gerade genüsslich an einer der dicken, roten Pfingstrosen geschnuppert, als ihm dicke Regentropfen in den Nacken fielen.

„Igittigitt!“, kreischte Ole und rannte aufs Haus zu.

„Was soll das denn heißen? Wir brauchen dringend Regen, jede Menge davon!“, schimpfte Opa, der sich aber trotzdem ebenfalls im Haus in Sicherheit brachte.

„Vielleicht ist es ja nur ein Schauer und wir können gleich wieder raus!“, verkündete Ole voller Hoffnung.

Doch davon wollte Opa Heinz nichts wissen.

„Nee, nee, lass mal. Es dürfte eine ganze Woche Tag und Nacht plästern!“, meinte er.

Ole lachte laut auf. Das war wieder so ein Opa-Heinz-Wort, plästern. Dieses kannte Ole schon, aber immer mal wieder tauchte ein neues Wort auf, Ole fand das sehr spannend. Er sammelte diese Wörter und benutzte sie auch mit Vorliebe. Erst neulich hatte er wieder ein neues Wort gelernt: ‚abelig‘. Opa hatte nämlich nicht mit ihm zum Eis essen gehen wollen, weil ihm so abelig war. Das bedeutet, dass einem schlecht ist.

„Was lachst du denn so albern?“, wollte Opa nun wissen.

„Ach Opa, ich finde deine Spezialwörter so toll!“, sagte Ole.

„Das sind keine Spezialwörter, und meine sind es auch nicht. Sie sind alt und kommen teilweise aus dem Plattdeutschen.“

Das fand Ole spannend. „Kannst du mir auf Plattdeutsch mal etwas beibringen, Opa?“

Opa überlegte. Dann nickte er. „Mache ich, muss ich aber erstmal drüber nachdenken!“, versprach er und als Ole den Regenbogen entdeckte, der gerade am Himmel zu sehen war, geriet das Thema zunächst wieder in Vergessenheit.

„Guck mal, Opa, so ein schöner Regenbogen!“, rief er begeistert aus.

„Wat Wunnerbooreres gifft dat nich annen Hevensrieke!“, sagte Opa.

„Was?“, rief Ole, der kein Wort verstand.

„Das war deine erste Lektion und außerdem heißt das ‚wie bitte‘“, Opa lachte.

„Wie bitte ist doch viel kürzer, das kann doch nicht sein!“

„Etwas Wunderbareres gibt es nicht am Himmelreich!“, übersetzte Opa und nachdem Ole es ein paar Mal nachgesprochen hatte, gelang es ihm auch.

„Wat Wunnerbooreres gifft dat nich annen Hevensrieke!“

Ist ja so, oder?

© Regina Meier zu Verl

Das neue Tagebuch

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Das neue Tagebuch

Mama hat gesagt, dass so ein Tagebuch etwas ganz Tolles ist. Man kann darin seine Gedanken ordnen, meint sie. So richtig kann ich mir das nicht vorstellen. Ich bin da noch etwas unsicher, um nicht zu sagen hilflos. Was soll ich reinschreiben? Was ist, wenn es jemand liest? Das wäre blöd, kommt aber wohl vor. Mama ist das passiert. Sie stöhnt noch heute, wenn sie davon erzählt.

„Mein Bruder, dein Onkel, hat mal das Schloss geknackt und alles gelesen. Dann hat er sich über mich lustig gemacht. Von meinen Gefühlen hatte ich damals geschrieben und wie verliebt ich in Hermann war, der in meiner Klasse der Mädchenschwarm war. Ich habe getobt und gewütet. Als ich ihm mein Tagebuch abnehmen wollte, kam es zu einem Gerangel. Heinz kämpfte und kreischte und ich war so wütend, dass irgendwie meine Faust auf seinem Auge landete. Du kannst dir sicher vorstellen, dass ich das nicht gewollt hatte, aber es war passiert. Sein Auge schwoll sofort an. Er ließ das Buch fallen und rannte zu unserer Mutter. Die blieb ruhig, legte sofort einen kühlen Lappen auf sein Auge und tröstete ihn. Ich konnte nur daneben stehen, leichenblass und voll des schlechten Gewissens. Ändern konnte ich nichts mehr, aber ich entschuldigte mich bei Heinz. Ich selbst hatte nur leichte Kratzer davon getragen, aber meine Seele war verletzt. Das war schlimm. Natürlich erwartete ich ein Donnerwetter meiner Mama. Das blieb aber aus. Sie schimpfte mit Heinz und erklärte ihm, dass man so etwas niemals tun dürfte. ‚Das ist wirklich das Allerletzte, das Tagebuch deiner Schwester zu lesen‘, hatte sie gesagt. Trotzdem fühlte ich mich schuldig. Am nächsten Tag hatte er ein dunkellila Veilchen, eine Woche später war es nur noch ein Lavendelchen, danach wurde es gelb und grün und immer erinnerte mich sein Auge daran, was ich getan hatte. Das war nicht schön. Wir haben uns aber schnell wieder vertragen und er hat versprochen, nie wieder an meine Sachen zu gehen, geschweige denn mein Tagebuch zu lesen. Ich habe dann aber wochenlang nichts mehr geschrieben.“

Ja, so war das bei Mama gewesen. Eine blöde Sache, das soll mir nicht passieren. Ich werde mein Buch verstecken. Vielleicht unter dem Bettlaken und mein Bett werde ich ab sofort nur noch selbst machen. Damit niemand das Buch dort entdecken kann. Andererseits vertraue ich ja meinen Leuten, ich denke noch mal drüber nach.

So, das war mein erster Eintrag im neuen Tagebuch, kurz noch etwas zum heutigen Tag: Sonnenschein am ersten Ferientag, Taschengeld bekommen und in Süßigkeiten umgesetzt, meinen morgigen Besuch bei Oma angekündigt und zwanzig Seiten meines neuen Buches gelesen, im Internet nach einem passenden Spruch für den heutigen Tag gesucht und folgenden gefunden:

Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu …

© Regina Meier zu Verl

Zwetschgenzeiten

Zwetschgenzeiten

Zwetschgenzeiten

„Halloooo! Wo seid ihr? Will uns denn keiner haben? Halloooo?“
Laut und turbulent ging es zu auf der Obstwiese. Besonders hinten beim Zwetschgenbaum, wo sich die reifen Zwetschgen laut zu Wort meldeten.
„Will uns denn keiner ernten?“
„Hört auf zu jammern, da oben!“, schimpfte der Zwetschgenbaum. Ihr seid noch gut dran. Meine Schmerzen müsstet ihr haben, dann wüsstet ihr, wie schwer die Last ist, die ich zu tragen habe. Ich wünsche, es käme ein Wind, der euch abschüttelte!“
„Abschütteln? Uns? Nein! Was fällt dir ein!?“
Aufgeregt schrien die Zwetschgen ihren Ärger in den Tag hinaus.
„Nicht auszudenken, was uns alles passierte, lägen wir auf dem Boden“, ereiferte sich eine.
„Vom Bodensturz ganz abgesehen“, sagte eine andere. „Wer weiß, wie wir uns dabei verletzen könnten.“
„Oh, oh, das gäbe blaue Flecken!“, klagte eine dicke Zwetschge, die weit oben in den Zweigen hing.
Da musste der Baum herzlich lachten. „Blaue Flecken, dass ich nicht lache, ha ha! Ihr seid doch sowieso blau, ihr blöden Zwetschgen, hahaha!“
Er lachte so sehr, dass gleich ein paar Zwetschgen hinunter purzelten.
„Au, aua, autsch!“, heulten die Zwetschen auf. Die, die auf den Boden fielen, heulten ebenso laut wie die, die sich an ihren Plätzen in den Zweigen festhalten konnten. Sie waren halt etwas zimperlich, diese blauen Früchtchen.
„Wenn ihr erst entsteint, aufgeschnitten und mit Zimt und Zucker bestreut auf einem Kuchenteig in den Backofen geschoben werdet, sehnt ihr euch gerne danach, einfach nur auf den Boden fallen und dort für alle Zeiten liegen bleiben zu dürfen“, brummte der Zwetschgenbaum, dem die zickigen Früchtchen etwas auf die Nerven gingen.
Die Zwetschgen schwiegen. Sie mussten darüber nachdenken, was der Baum gesagt hatte. Gut hörte sich das nicht an. Vielleicht sollten sie doch lieber nicht zu laut schreien. Aber genau wussten sie es auch nicht.
„Mir passiert das mit dem Kuchen nicht“, rief die Zwetschge, die kaum einer mehr beachtete, weil sie schon seit Tagen einen Wurm in ihrem weichen, überreifen Bauch beherbergte. „Ich bin so etwas wie eine Mutter geworden. Eine Wurmmutter. Und sagt, wer würde einer Mutter etwas antun?“
Ein Wanderer kam des Wegs. Er sah die reifen Früchte, pflückte eine ab, polierte sie an seinem Hemdsärmel und biss genussvoll hinein.
„Lecker, lecker!“, lobte er und machte sich wieder auf den Weg.
Beim Zwetschgenbaum war es still geworden. Man hörte auch in den nächsten Tagen keine Rufe mehr. Irgendwann kam die Bäuerin mit Korb und Leiter und pflückte alle Früchte ab. Die ergaben sich klaglos in ihr Schicksal. Sie lebten noch lange ein zweites Leben und verfeinerten in den dunklen Monaten des Jahres viele Mahlzeiten mit ihrem köstlichen Geschmack, dass die Menschen „Zwetschgen sind unsere liebsten Früchte“ sagten. Ja, so war das!

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl 2016


Zwetschgenzeit, Bildquelle © congerdesign/pixabay

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Johannes und Katharina, ein Johannipaar

In zwei Tagen ist Johannitag, der 24. Juni. Immer an diesem Tag fällt mir die nachfolgende Geschichte wieder ein, die ich vor vielen Jahren geschrieben habe!

Johannes und Katharina, ein Johannipaar

„Am Johannitag haben wir uns versprochen immer füreinander da zu sein“, sagt Oma.
„Dein Opa war ein toller Mann, alle Mädchen haben sich nach ihm umgeschaut, aber er hatte nur Augen für mich.“ Oma lächelt, als sie daran zurückdenkt. Ich kenne diese Geschichte, aber ich werde nicht müde, sie immer wieder zu hören.
„Erzähl von dem Feuer“, bitte ich sie.
„Aber Kind, das habe ich schon hundert Mal erzählt!“
„Das macht nichts, ich möchte es nochmal hören“, Oma kann meiner Bitte nicht widerstehen und sie beginnt zu erzählen.
„Dein Opa wohnte auf dem Nachbarhof, wir sind uns als Kinder oft begegnet, aber in jedem Jahr, wenn das Johannifeuer auf der großen Dorfwiese entfacht wurde und wir wieder ein Jahr älter geworden waren, wuchs das Gefühl, das wir füreinander hatten. Uns war beiden klar, dass wir einmal ein Paar sein würden. Doch wir waren ja so jung und so schüchtern, dass wir es uns nie gesagt haben.“ Oma steht auf und holt die Zigarrenkiste mit den alten Fotos aus der Vitrine.
„Schau hier, das sitzt er am Feuer und spielt auf seiner Laute. Wie habe ich es geliebt, wenn er sang und spielte. Alle haben ihm wie gebannt zugehört, manchmal haben sie auch mitgesungen. Aber meist lauschten sie deinem Großvater, er war ein begnadeter Sänger. Seine Stimme hatte so etwas – ich kann es gar nicht sagen …“
„Charmantes!“, sage ich, denn schließlich habe ich ihn ja auch singen hören. Auch ich habe es geliebt, ihm zu lauschen und all die alten Lieder, die kenne ich auch, Strophe für Strophe. Es ist kein Zufall, dass ich irgendwann anfing Gitarre zu spielen. Ich weiß noch, wie froh er darüber war. Als er starb, bekam ich seine Laute, sie steht hier neben mir. Sie ist mir so wichtig und wertvoll, irgendwann werde ich sie meiner Tochter vererben.
„Niemand konnte so schön spielen wie er und an dem Tag, als wir geheiratet haben, das war ein paar Tage nach Johanni, da hat er mir ein Liebeslied gesungen, eines, das nur für mich war. Er hat es selbst geschrieben. Wie gern würde ich es noch einmal hören!“
Auf diesen Moment habe ich gewartet, ich nehme meine Gitarre und schlage ein paar Akkorde an, dann beginne ich leise zu singen:

K – für meine Katharina, A – für allzeit meine Frau,
T – für treu, und das für immer, H – für Herz und Himmelblau,
A – für achten und beschenken, R – für Rosen, dunkelrot,
I – für immer an dich denken, N – für Nähe ohne Not,
A – für all das bist du mir und auch für all das bin ich dir.
Meine Katharina, meine Frau!

Oma weint, sie weint vor Freude und sie weint um ihren Mann, der ihr vorausgegangen ist. Es muss schwer sein für sie, aber ich bin sicher, dass sie diesen Moment mit mir genossen hat, trotz der Tränen. Wir haben uns lange umarmt und ich bin so froh, dass ich sie habe, meine Oma. Gebe Gott, dass sie mich noch lange begleiten darf.

© Regina Meier zu Verl

Die Augustfrau und das Sommerkonzert

Die Augustfrau und das Sommerkonzert

Die Augustfrau und das Sommerkonzert
Eine Sommergeschichte für Kinder

„Was für ein wundervoller Tag heute doch ist! Wie golden das Licht schimmert! Oh, ich liebe es. Von ganzem Herzen liebe ich diesen Tag und die Zeit der warm schimmernden Sonne, der kräftig bunten Blüten und reifenden Früchte allüberall in Bäumen und Sträuchern. Es ist meine Zeit. Die Zeit des singenden Sommers.“
Die Augustfrau schwieg für einen Augenblick. Mit weit ausgebreiteten Armen blickte sie über das Land. „So viele Lieder könnte ich singen. So viele.“
„Dann sing doch! Ich mag Gesang!“, forderte der alte Apfelbaum sie heraus. „Sing ein Lied vom Apfelbaum im August!“
Die Augustfrau lächelte, dann begann sie zu singen:
„Was flüstert dort im Apfelbaum, sag an, wer ist denn das? Ein Apfel namens Sommertraum erzählt den Menschen ‚was!“
Sie schwieg für einen Moment. Dann pustete sie die Krone des alten Baumes ein wenig an und brachte ihn ins Schwingen. Ganz zärtlich nur, und ihr war, als lächelte der Baum. Da hörte sie ein fremdes Stimmchen. Es sang weiter zur Melodie ihres Liedes:
„Leise küsst der Sommerwind so zärtlich unsre Haut, die sich rötet voller Freud, kommt nur her und schaut.“
Eine weitere Stimme stimmte mit ein und mit einem Male sangen alle Äpfel im Chor:
„Grün mit roten Wangen nun sind wir Äpfel im August, knackig rund und gesund, es ist eine Lust!“
Die Augustfrau lachte hellauf. Was für ein wundervoller Apfelchor! So etwas Schönes hatte sie lange nicht gehört. Sie wollte schon in das Lied einstimmen, als andere, ganz fremde und doch von allen so sehr geliebte Stimmchen ertönten:
„Alle unsre Kinder hier erfreuen sich am Leben, das wir Ihnen bunt und rund im Frühling hab’n gegeben. Lalala, summsumm summsumm…“
Die Bienen vom Bienenstock nebenan waren es, die die Äpfelchen und die Nase der Augustfrau keck umrundeten.
„Ach, ihr Süßen!“, rief die Augustfrau erfreut. „Wie schön das klingt! Lasst uns alle zusammen ein Sommerkonzert geben. Wir bitten die Grillen noch dazu und die Frösche am Teich können den Bass dazu quaken! Oh ja, das wird fein!“
Sie lächelte. „Und so soll es auch sein. Meine Zeit im August ist eine fröhliche, heitere und kunterbunte. Schenken wir diesem wunderherrlichen Monat unser Lied!“
Und wieder begann sie zu singen und alle Kinder des Sommers, die Tiere, die Blumen, die Bäume und die Menschen, stimmten mit ein. Man musste ihn doch auch einfach mögen, diesen wunderbunten Sommermonat … und mit ihm auch die Augustfrau.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl

Noch mehr Monatsmärchen im August:
Das Märchen vom königlichen Monat August
Als die Augustfee die Äpfel küsste

Sommerkonzert, Bildquelle © mohamed_hassan/pixabay

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Die Junifrau und die Beerenzeit

Die Junifrau und die Beerenzeit


Die Junifrau und die Beerenzeit

„Beeren. Frische Beeren! Ihr Leute, seht, ich habe euch meine Beeren mitgebracht. Nur von mir und eigens für euch. Kommt und seht und genießt!“
Laut hallte die Stimme der Junifrau übers Land.
„Erdbeeren gibt es hier längst zuhauf. Seit Wochen schon“, antwortete ein Stimmchen.
Die Junifrau schaute sich um, konnte aber nicht entdecken, wer da zu ihr sprach. Auch ärgerte es sie, dass man ihr Widerworte gab. Wie ungehörig! Dabei hatte sie doch die süßesten, saftigsten Erdbeeren mitgebracht. Dazu Himbeeren, Johannisbeeren in rot und schwarz und Stachelbeeren.
„Das… das kann nicht sein“, rief sie. „Ich allein bin die Beerenfrau, die dem Sommer die süßen Beerenfrüchte, nach denen sich Menschen und Tiere so sehr sehnen, zurückbringt. Beere für Beere küsse ich reif und kein anderer kann diesen Job erledigen. Nicht ohne meine beerenwarmen Hände. Hörst du?“
Das Stimmchen kicherte. „Aber du musst doch zugeben, meine Gute, dass du ohne die Sonne nicht viel taugst. Da können deine Küsse und die beerenwarmen Hände noch so nett sein. Ohne Sonne geht nichts!“
„Oha!“ Die Junifrau wollte nun endlich wissen, wer ihr da Widerworte gab. So einen Empfang war sie nicht gewöhnt.
„Was redest du?“, rief sie. „Die Sonne ist mir sehr nahe und sie wird es auch immer bleiben. Was sonst, glaubst du, wäre der Sommer ohne uns beide? Keine Wärme gäbe es, keine Ernten, keinen Sommer. Daher kann man fast sagen, wir sind so etwas wie Schwestern, Frau Sonne und ich.“
„Na gut, dann ist das eben so!“, antwortete das Stimmchen. „Du musst mich nun entschuldigen, ich ziehe mich in mein Haus zurück. Der Mittagsschlaf, weißt du?“
Die Junifrau erblickte zu ihren Füßen, mitten im Erdbeerbeet, eine Schnecke.
„Ach, du bist das!“, murmelte sie versöhnlich. „Dann wünsche ich dir ein erholsames Schläfchen. Ich habe noch jede Menge zu tun! Obwohl, müde bin ich auch. Und wie müde ich bin!“
Sie gähnte und … Da! Ein Glöckchen bimmelte. Nein, es war ein vielstimmiger Glöckchenklang. Er riss die Junifrau aus dem Schlaf.
„Was … wie … wo bin ich?“, murmelte sie und rieb sich die Augen.
„Das fragen wir uns auch!“, riefen die Beeren an ihren Sträuchern. „Wir wollen nicht länger warten! Wir wollen reifen und warten auf den Zauber deiner Junisüße!“
„Ich … ich bin doch schon da. Haben wir uns nicht gerade schon unterhalten?“
Die Junifrau war verwirrt. Verwundert sah sie sich um. Sie lag ja noch in ihrem Winterschlafquartier in ihr Wolkenbett eingekuschelt und schwitzte! Hatte sie ihre Reise ins Juniland und das Gespräch mit der kleinen, frechen Schnecke nur geträumt?
„Ein Glück!“, murmelte sie. „Sie warten noch auf mich, die Beeren. Und ich dachte schon, ich …“
Die Junifrau musste sich aber keine Gedanken machen. Es war nur ein Traum gewesen. Sie wurde sehnsuchtsvoll erwartet, die Menschen liebten den Sommer und die Beeren. Das war schon immer so und würde es auch bleiben.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl

Beerenzeit, Bildquelle © butenko94/pixabay

 

Monatsgeschichten JUNI findest du hier:
Die Junifee, die die Nächte heller machte
Vom arbeitssamen Monat Juni
Die Zeit des kleinen Sommers
Die Junifrau und die Beerenzeit
Und hier geht es weiter zur Julifrau: Die Reisen der Julifrau

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