Gefühle und Gewitter

Gefühle und Gewitter

Manchmal zieht sich Lya gern in ihr Schneckenhaus zurück. Dann ist sie für niemanden zu sprechen, auch für Mama nicht. Natürlich hat Lya kein richtiges Schneckenhaus. Sie findet das blöd, denn so richtig zurückziehen kann sie sich nicht. Ist sie in ihrem Zimmer, dann klopft irgendwann jemand an und fragt nach, ob es ihr gut geht. Oder Mama hat einen Auftrag für sie. Heute auch!
„Es wird gleich regnen, kannst du mir helfen, die Wäsche abzunehmen, Lya?“, ruft Mama. Lya tut so, als habe sie nichts gehört. Mama ruft noch einmal, diesmal lauter:
„Lya, bitte komm sofort aus deinem Zimmer. Ich brauche deine Hilfe!“
‚Noch sagt Mama „bitte“, das wird sich gleich ändern‘, denkt Lya und schon krabbelt der Ärger den Rücken hoch, setzt sich im Nacken fest und dann ist er durch das Ohr gekrochen und im Kopf angekommen. Wenn er dort erstmal ist, dann gibt es zwei Möglichkeiten – man wird wütend und knirscht mit den Zähnen, oder man fühlt sich von Gott und der Welt nicht verstanden, man wird traurig und Schwupps sind sie da, die Tränen. Ab und zu kann man nicht erkennen, ob es Wuttränen sind oder eben Trauertränen, beide sind nass und auch die Nase mischt sich ein und läuft.
„Lya, ich zähle bis drei!“, ruft Mama jetzt und das ist ein sicheres Zeichen dafür, dass Mamas Geduld nun zu Ende ist. Lya findet es feige, gleich bei Eins loszulaufen. Soll Mama sich doch ruhig auch ein bisschen ärgern. Schließlich muss Lya dringend nachdenken, dafür gibt es einen Grund, der momentan nebensächlich ist. Aber das verstehen die Erwachsenen sowieso nicht, deshalb muss Lya allein nachdenken und dafür braucht sie Ruhe.
„Eins!“, ruft Mama, es klingt bedrohlich. Mittlerweile hat es angefangen zu regnen. Dicke Tropfen platschen auf die Dachfensterscheibe. Mama hat aufgehört zu zählen, mit einem lauten Knall fliegt die Haustür ins Schloss.
„Ich komme ja schon!“, ruft Lya. Dass Mama sie nicht hören kann, ist ihr klar. Die ist nämlich nun allein zur Wäscheleine gelaufen. Sicher wird sie schimpfen, wenn sie zurückkommt. Bei Lya meldet sich das schlechte Gewissen. Das kommt im Gegensatz zum Ärger von der anderen Seite, grummelt im Bauch herum, kneift im Magen und drückt dann auf das Herz. Das tut weh! Es beißt sich fest wie ein kleiner bissiger Hund.
Es blitzt und kurz darauf ertönt ein gewaltiger Donnerschlag. Auch das noch! Mama ist draußen im Regen und Lya ganz allein im Haus. Da, wieder ein Blitz. Lya zählt die Sekunden bis zum Donner. Sie hat in der Schule gelernt, wie man die Entfernung eines Gewitters ausrechnen kann. Eins, zwei, drei, vier, fünf Sekunden sind es, die fünf muss man mit 340 malnehmen, weil jede Sekunde 340 Meter sind. Nun ist das aber gar nicht so einfach, wenn im Kopf der Ärger sitzt und auf dem Herzen sich das schlechte Gewissen festgebissen hat. Lya erscheint es schlicht unmöglich und ein neues Gefühl gesellt sich zu den anderen, die Verzweiflung. Lya schlägt die Hände vors Gesicht und weint bitterlich.
So findet Mama sie, die pitschnass auf einmal in Lyas Zimmer erscheint.
„Lya, was ist denn los?“, fragt sie besorgt.
„Ach Mama“, schluchzt Lya. „Ich hab doch nur zehn Finger, das reicht nicht, weil … und dann die Haustür und der Donner und ich wollte doch …“
Mama setzt sich auf Lyas Bett, zieht das Kind auf ihren Schoß und streicht ihr zärtlich übers Haar.
Ganz fest schmiegt sich Lya an die pudelnasse Mama und das schlechte Gewissen knabbert gleich wieder ein wenig an ihrem Herzen herum.
„Pst, nun beruhige dich erstmal und dann erzählst du mir alles!“, schlägt Mama vor. „Ich möchte mir etwas Trockenes anziehen und dann die Wäsche falten, die ich gerade noch vor dem Regen retten konnte. Hilfst du mir?“
Lya springt auf. „Aber klar doch!“, ruft sie erleichtert. Im gleichen Augenblick nimmt der Ärger das schlechte Gewissen an die Hand und die beiden lösen sich in Luft auf. Die Verzweiflung folgt ihnen und die Gänseblümchen auf Lyas Lieblingskissen grinsen unverschämt. Sie kennen das schon.

Übrigens: 5 x 340 = 1700. Das Gewitter war also 1700 Meter oder 1,7 Kilometer entfernt, als Lya die Sekunden gezählt hat – nur der Vollständigkeit halber.

© Regina Meier zu Verl 2016

Michel und Isabella – Ein Katzenfrühling

Michel und Isabella – Ein Katzenfrühling

Michel schleicht durch den Garten. Er ist enttäuscht. Nicht ein einziges Mäuschen ist zu sehen. Dabei hat Michel so eine große Lust zu jagen. Es dürfte auch ein Vogel sein, aber nirgends piepst oder singt es. Mucksmäuschenstill ist es draußen. Der Rasen ist mit Schnee zugedeckt, kein Grün, kein Bunt. Michel mag das nicht. Er sehnt sich nach dem Frühling.

Auf der Brücke am Gartenteich sitzt Isabella, die rote Katze vom Nachbarn. Anmutig putzt sie ihr Fell. Michel bleibt in Deckung hinter dem Kirschlorbeer und beobachtet das Katzenmädchen. Ihm wird warm ums Herz. Vergessen sind Mäusehäppchen oder Geflügelleckerchen. Eine neue Sehnsucht erwacht und deutlich spürt er den Frühling in seinem Blut. Es pocht und wallt, es knistert und kichert so laut, dass Isabella es hören könnte. Das denkt der Michel jedenfalls.
Doch das Katzenmädchen schaut nicht einmal auf. Unbeirrt putzt es weiter sein leuchtendes Fell.
„Sie ist so wunderschön“, denkt Michel und ein tiefer Seufzer entfährt seiner Kehle. Isabella schaut erschrocken auf, wartet einen Moment und widmet sich dann wieder ihrer Schönheitspflege.
„Wie soll ich mich ihr nähern?“, denkt Michel. Da fällt ihm ein, dass er wunderschön singen kann und das will er gleich einmal ausprobieren. Irgendwie musste Isabella doch zu beeindrucken sein.
„Mi, mi, mi, mi“, macht er vorsichtig und dann singt er:

Du schönste aller Katzen,
du Salz in meiner Suppe,
vom Himmel fällt für dich
vom Sternchen eine Schnuppe.
Ich liebe dich, du Schöne,
willst du es auch nicht glauben.
Es fehlen mir die Töne,
du wirst den Schlaf mir rauben.
Erhör mich, Isabellaschatz.
Ich reich dir meine Tatze.
An meiner Seite ist dein Platz,
du wunderschöne Katze.

Isabella hat sich aufgerichtet und lauscht dem Gesang, der nicht schön, aber doch sehr inhaltvoll ist. Welcher Katze gefällt es nicht, wenn man ihr ein Lied widmet und auch, wenn sie den Michel bisher nicht sonderlich gut leiden konnte, fühlt sie sich geschmeichelt.
„Komm her, du kleiner Charmeur“, ruft sie deshalb leise und das lässt der Michel sich nicht zweimal sagen.

Den Rest des Winters und den Frühling haben die beiden miteinander verbracht und als im Mai der Nachwuchs das Licht der Welt erblickte, schien das Glück perfekt. Doch – Katzen sind nicht treu, nein. Als Isabella noch im Wochenbett mit den Kleinen beschäftigt war, entflammte Michels Herz für ein anderes Katzenmädchen. Nur eines muss man dem Michel lassen: Er hat niemals ein Lied zweimal gesungen, sondern stets ein neues erfunden, wenn er sich neu verliebte. Das ist doch auch was, oder?

© Regina Meier zu Verl

Zeichnung Judith Meier zu Verl
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Bildquelle guvo59/pixabay

Der Stein und das Gänseblümchen

Der Stein und das Gänseblümchen

Es war Frühling. In einem verwilderten Garten lag ein Stein.
Auf seiner Oberfläche war eine Mulde, in der hielt sich nach dem Regen das Wasser. So diente der Findling den Vögeln als Tränke.
Dem Stein gefiel das. Viele Jahre hatte er sich Gedanken darüber gemacht, was er eigentlich wert sei.
Die Bäume hatten es gut. Sie legten im Frühling ihr grünes Blätterkleid an und spendeten den Menschen und Tieren Schatten. Manche waren sogar voller Früchte und wenn der Stein sah, dass die Kinder von den süßen Kirschen naschten, dann wurde er immer ein wenig neidisch.
Ja, und die Blumen, diese zarten Geschöpfe, sie waren die Geschwister der Sterne. Das wusste der Stein von der alten Walli, die den Kindern immer so schöne Geschichten erzählte. Manchmal setzte sich die Walli zum Erzählen ins Gras und lehnte sich an den Stein. Diese Momente waren ihm heilig. Was gab es Schöneres, als einer Geschichte zu lauschen?
Wie gern hätte der Stein die Walli gefragt, was seine Rolle auf der Welt sei.
Manchmal machte eine Hummel Rast auf dem Stein, das kitzelte und der Stein musste lachen. „Na, Dickerchen“, kicherte die Hummel, habe ich dich am Bauch gekitzelt?“ Da musste der Stein noch mehr lachen.
Der Stein hatte immer wieder versucht mit den Menschen zu reden. Doch nie hatte ihm jemand geantwortet. Entweder hörten sie ihn nicht, oder sie verstanden nicht, was er sagte. Wie anders sollte er sich bemerkbar machen, es gelang ihm nicht, sich von der Stelle zu rühren, so sehr er sich auch anstrengte.
Einmal aber, vor vielen Jahren, war es ihm fast gelungen ein wenig zur Seite zu rollen. Damals hatte ein Gänseblümchen zu ihm gesprochen und da es ganz nah bei ihm stand, konnte er es nicht sehen. Die liebliche Stimme des Blümchens hatte ihn aber so verzückt, dass es unbedingt anschauen wollte.
„Geh ein wenig weiter, damit ich dich sehen kann“, bat er. Doch das Gänseblümchen sagte traurig: „Das geht nicht, ich bin eine Pflanze und ich habe meine Wurzeln im Erdreich. Schau dir meine Schwestern an, dann weißt du, wie ich aussehe.“
„Deine Schwestern sind wunderschön, aber das ist doch nicht das gleiche, als wenn ich dich betrachten könnte“, jammerte der Stein, nahm all seine Kraft zusammen und versuchte, ein wenig zur Seite zu rollen. Dabei ächzte und stöhnte er vor Anstrengung.
„Pst, sei leise“, flüsterte das Blümchen. „Da kommen die Kinder, sicher wollen sie wieder Blütenkränze flechten.“
Das Blümchen verhielt sich mucksmäuschenstill. Annika und Tine setzten sich auf den Stein, der von der Sonne ganz warm war.
„Sollen wir uns ein Kränzchen machen?“, fragte Annika.
„Das ist langweilig, lass uns Geschichten erfinden, das macht mehr Spaß“, schlug sie vor.
Der Stein war erleichtert, es hätte gut sein können, dass es seinem Gänseblümchen an den Kragen gegangen wäre.
„Sag mal“, fragte Annika, „wie findest du eigentlich den Neuen in der Klasse?“
Tine bekam ein knallrotes Gesicht.
„Geht so!“, antwortete sie.
„Na, du bist doch wohl nicht verknallt?“, lachte Annika, sprang auf und tanzte um den Stein herum. Dabei sang sie: „Tine liebt den Neuen, Tine liebt den Neuen!“
„So ein Quatsch!“ Tine stampfte verärgert mit dem Fuß auf.
„Hast du denn nicht bemerkt, dass er dich in der Stunde immer nur anschaut und auf dem Schulhof läuft er auch dauernd hinter dir her.“, behauptete Annika und grinste von einem Ohr zum anderen.
„Das ist gar nicht wahr“, stammelte Tine, aber irgendwie gefiel ihr der Gedanke doch sehr gut, denn der Felix, so hieß der Neue, war ein netter Junge.
„Es lässt sich leicht feststellen, Moment!“ Annika pflückte ein Gänseblümchen und hielt es Tine hin. „Hier, du musst nur die Blütenblätter auszupfen und dabei sagen: „Er liebt mich, er liebt mich nicht… solange, bis kein weißes Blättchen mehr zu sehen ist. Dann weißt du’s!“
Tine nahm das Blümchen und stellte es in die Wassermulde auf dem Stein.
„Du bist gemein, es vertrocknet doch!“ Sie nahm sich aber vor, später wieder her zu kommen und den Test zu machen, wenn Annika nach Hause gegangen war. Sie musste ja schließlich nicht alles wissen.
Der Stein aber war verärgert. Die Menschen konnten ja ganz nett sein, und die Kinder mochte er besonders gern leiden. Schade, dass sie gar nicht darüber nachdachten, dass das arme Gänseblümchen nun sterben musste. Ach könnte er doch reden, dann würde er den Mädchen schon was erzählen.

Am Abend kam Tine noch einmal in den Garten und setzte sich auf den Stein. Sie betrachtete lange das Gänseblümchen, das sich im Wasser frisch gehalten hatte und jetzt die Blütenblätter geschlossen hielt wie jeden Abend.
„Ich werde dir die Blättchen nicht auszupfen, kleine Blume. Mir ist es auch egal, ob er mich liebt. Wenn es so sein sollte, dann werde ich das schon merken.“
Könnte der Stein lächeln, dann hätte er das jetzt sicher getan.
„Wenn der Felix dich nicht liebt, dann ist aber einer da, der dich ganz arg gern hat“, dachte der Stein und dann seufzte er laut: „Ich liebe dich!“

„Ich dich auch!“, sagte Tine und streichelte den Stein. Dann ging sie zurück ins Haus.
„Und ich auch“, flüsterte das Gänseblümchen und seine zarten Blütenblätter erröteten ganz leicht an den Spitzen. Der Stein war nicht ganz sicher, ob es ihn, oder die Tine gemeint hatte. Er wollte es auch gar nicht wissen, er würde es schon merken.

© Regina Meier zu Verl
Hier auch als Hörgeschichte

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Bildquelle Colour/pixabay

 

Der Birkenweg im Frühling


Der Birkenweg im Frühling

Elfenfrau und Feenkind
flüstern leis’ im Abendwind,
dass der Winter geht zur Neige
Frühling rauscht im Birkenzweige.

Bald schon werden an den Spitzen
grüne Blätter lustig blitzen
und der Stämme Silberschein
wird uns eine Freude sein.

Geh ich dann durch die Allee,
vergess ich jedes Ach und Weh,
atme ein der Birken Duft,
es liegt Frühling in der Luft.

Feenkind und Elfenfrau
kichern schon, ich hör’s genau,
amüsieren sich und raunen:
„Schau, die Menschin, die kann staunen!“

© Regina Meier zu Verl