Nachtgedanken

Nachtgedanken aus meinem Tagebuch

Viele Jahre schreibe ich, eigentlich schon immer. Bereits als Schülerin war das Schreiben mein Lieblingsfach, Längen vor dem Rechnen und noch einmal Längen vor dem Sport.

Geärgert hat mich immer, dass ich das nicht uneingeschränkt tun durfte. Es gab so vieles, was man von mir erwartete. Ich war ein braves Kind und versuchte, die Aufgaben zu lösen, die das Leben für mich bereithielt. Nach einer glücklichen Grundschulzeit mit lieben und verständnisvollen Lehrern, die einen wichtigen Grundstein in meinem Leben ermöglichten, indem sie mich sein ließen wie ich war, änderte sich alles mit dem Wechsel zum Gymnasium.

Noch heute kneift der Bauch, wenn ich darüber nachdenke. Schon die Bedingungen, die mit dem Besuch der Schule in der nächstgrößeren Stadt zusammenhingen, waren der pure Stress für mich. Aufstehen mitten in der Nacht, Bus fahren mit schwer bepackter Schultasche, die überall anstieß und mir so manchen missmutigen Blick der Erwachsenen einbrachte. Viele Fremde, im Bus und in der Schule. Lehrer, die mich mit meinem Nachnamen ansprachen und ungeduldig reagierten, wenn das Landträumerchen nicht gleich antworten konnte. Mitschülerinnen, die nach der neuesten Mode gekleidet waren, während ich mich in meinen karierten Trägerkleidern, die von der Hausschneiderin für uns angefertigt wurden, wie ein graues Mäuschen fühlte.

Ich zog mich mehr und mehr in meine Gedankenwelt zurück. Dort war es schön warm und friedlich. Ich konnte Welten schaffen, in denen ich mich wohlfühlte. Ich unterhielt mich mit meinen Figuren, stellte ihnen Fragen und bekam Antworten. Schon früh begann ich, meinen jüngeren Geschwistern Geschichten zu erzählen.

Die Hauptperson damals war „Furzi“, ein kleiner Wicht, winzig wie ein Sandkorn, der allerlei Blödsinn anstellte und immer zugegen war. Er versteckte sich in der Schultasche, in der Butterbrotdose und an den unmöglichsten Orten. Manchmal setzte er sich in die Ohrmuschel bei einem von uns Dreien und redete uns Streiche ein, die wir gehorsam ausführten. Meine Geschwister reden noch heute darüber und manchmal fällt mir binnen Sekunden dann wieder eine Episode aus der Kindheit ein, die ich dann auch gern erzähle. „Er wacht über uns, wenn wir schlafen und er begleitet uns bei allem, was wir tun!“, behauptete ich damals. Ich sollte diese Geschichten aufschreiben, bisher konnte ich mich dazu aber nicht aufraffen – oder doch? Sind nicht alle meine Geschichten irgendwie so, als wären sie schon damals erfunden worden? Etwas altmodisch, so wie meine Trägerkleider? Aber wo ist dann der Furzi? Sitzt er etwa in meinem Ohr und sagt mir vor, was ich schreiben soll? Fragen über Fragen!

Manchmal, in schlaflosen Nächten, denke ich darüber nach. Immer fällt mir dann auch der Willi ein, der eigentlich Fred heißt und ein Erdbeerwicht ist. Kennt ihr nicht? Es gibt ein Bild, das knipse ich gleich und stelle es zu meiner Gedankengeschichte heute dazu. 

Willi war ein trauriger Typ, er fühlte sich als Außenseiter und klagte darüber, dass er keine Freunde hatte. Eines Tages machte er sich auf den Weg, um Freunde zu suchen. Dabei lernte er verschiedene Wesen kennen, doch erst als er wieder zu Hause war, erkannte er, dass dort seine Freunde immer gewesen waren und er sie vor lauter Traurigkeit nicht wahrgenommen hatte.

Ich kann mich nicht beklagen, ich muss nicht verreisen, wenn ich in meine Welt eintauchen möchte. Ich mache die Augen zu und schon bin ich da wo ich glücklich bin. Eine Erkenntnis und ein guter Zeitpunkt, all denen mal zu danken, die mir folgen in meine Welt. Danke, dass ihr mich begleitet und bestärkt. Zuhause ist man dort, wo die Freunde sind. Sagt der Willi und Furzi kichert in meinem Ohr herum und freut sich, dass er endlich einmal in einer „geschriebenen“ Geschichte erwähnt wird.


© Regina Meier zu Verl (die Zeichnungen sind Teil einer Bildergeschichte, die ich vor vielen Jahren während eines längeren Krankenhausaufenthaltes gezeichnet habe)

Hanna malt ihre Gedanken

Hanna malt ihre Gedanken

Hanna schleicht seit Minuten um mich herum. Stören will sie nicht, aber einfach nur dasitzen und warten, das will sie auch nicht. Amüsiert betrachte ich das Treiben aus dem Augenwinkel, auf meinen Text kann ich mich sowieso nicht mehr konzentrieren. Aber das ärgert mich nicht, das Leben ist hier und jetzt, schreiben kann ich später noch.

„Na, Hanna, ist dein Bild schon fertig gemalt?“, frage ich deshalb, um das Kind zu erlösen. Ihre Augen beginnen zu leuchten, „Endlich“ kann ich darin lesen und freue mich gleich mit.
„Ja, schau mal, ich habe eine Geschichte gemalt und bin sehr gespannt, ob du erkennst, welche es ist!“

Ich betrachte das Bild, das wundervoll bunt ist und viele Details zeigt, die in Ruhe betrachtet werden wollen. Hanna platzt vor Ungeduld, als ich schaue und schaue.
„Na, hast du’s?“
Ich schüttle den Kopf. ‚Manchmal darf auch eine Oma schummeln‘, denke ich und kann das Lachen kaum noch unterdrücken.

„Dieser Frosch hier kommt mir bekannt vor“, sage ich und mache eine Pause, bevor ich mich über das fantasievolle Kleid des weiblichen Wesens auslasse, das dort auf einem Brunnenrand sitzt und weint.
„Jetzt müsstest du aber wissen, welche Geschichte das ist!“, schimpft Hanna empört.
„Weiß ich auch, es ist das Märchen vom Froschkönig!“
Hanna strahlt.
„Du bist die weltbeste Erkennerin!“, lobt sie mich und zieht das nächste Bild hinter ihrem Rücken hervor.

Jetzt wird es schwieriger. Eine alte Frau sitzt in einem Sessel, neben ihr hockt eine Katze auf der Sessellehne. Die Frau hat ein Buch auf dem Schoß, sie liest aber nicht, denn ihre Augen sind geschlossen. An der Wand hängt ein Bild, auf dem ein Hund zu erkennen ist, ein Dackel.
„Hilf mir, Hanna, gib mir einen Tipp“, bitte ich.
„Schau hin“, sagt Hanna und kichert, „du wirst erkennen, welche Geschichte auf dem Bild ist.“
Neben dem Sessel steht ein Korb mit Wolle, aus dem ein halbfertiger Socken heraushängt. Der kommt mir bekannt vor.
„Das ist ja mein Wollkorb!“, rufe ich und freue mich, dass ich der Sache nun auf die Spur komme.
Hanna grinst.
„Dann bin ich wohl die Frau im Sessel, oder?“
Hanna schüttelt energisch den Kopf.
„Nein, das kannst du doch nicht sein, du bist doch allergisch gegen Katzen.“
Das stimmt, ich bin also auf der falschen Fährte. Seltsam ist ja auch, dass die Frau rote Turnschuhe mit neongrünen Bändern trägt.

„Hey, solche Schuhe hast du doch, Hanna, oder?“
„Ja, hier schau, ich habe sie ja an!“
„Die sind aber der Frau auf dem Bild zu klein“, behaupte ich. Hanna überlegt bevor sie antwortet:
„Sie hat sich neue gekauft, in größer.“
„Ach so, dann könnte es ja sein, dass du diese Frau bist, nicht wahr?“
„Stimmt“ Hanna lacht und klatscht übermütig in die Hände.
„Jetzt rate weiter, was ist da los auf dem Bild? Guck doch mal das Buch an, das ich da auf dem Schoß habe“, rät sie.

Auf einmal weiß ich es, das ist das Buch, das ich für Hanna geschrieben habe. Alle Geschichten sind drin, die ich für sie erdacht habe und sie hat es von mir zur Einschulung bekommen. Aber warum ist Hanna so alt auf dem Gemälde und wo bin ich?
Hanna errät wohl meine Gedanken, denn sie fängt an zu erzählen:
„Pass auf! Wir haben heute in der Schule für Lisas Mama gebetet. Du weißt doch, dass sie sehr krank ist und Lisa war heute nicht da und Frau Kruse hat uns gesagt, dass ihre Mama gestorben ist. Alle waren ganz traurig und es tut mir so leid für Lisa, denn nun ist sie allein mit ihrem Papa und eine Oma hat sie auch nicht. Und da musste ich daran denken, dass dir oder Mama auch mal was passieren könnte und dann habe ich auch geweint. Da hat Frau Kruse gesagt, dass von jedem Menschen etwas bleibt, etwas, das uns an ihn erinnert und so bleibt dann dieser Mensch immer im Herzen, auch wenn er mal nicht mehr auf der Welt ist.“

Hanna hat ganz leise erzählt und mir fehlen gerade die Worte, so ergriffen bin ich von ihren Gedanken, denn ich erkenne plötzlich, was sie mir mit dem Bild sagen will.

„Du wirst immer bei mir sein, Oma. Wenn ich mal alt bin, dann setze ich mich in einen Sessel und nehme dein Buch und dann denke ich an dich, oder ich denke mir auch Geschichten aus und schreibe sie in ein Buch und die Katze wird mir dabei zuschauen, denn dann darf ich ja eine Katze haben, weil, wenn du ein Engel bist, dann bist du sicher nicht mehr allergisch, oder?“
„Nein, Hanna, Engel haben sicher keine Allergien!“

Ich setze mich in meinen Sessel und Hanna krabbelt auf meinen Schoß. Ich genieße diesen innigen Moment mit ihr und ihr Bild werde ich in einem schönen Rahmen über mein Bett hängen.

© Regina Meier zu Verl

HIER auch als Hörbuch im Magazin CARL

Rosen alt

An mein Kind

An mein Kind

Wie gern
wäre ich jetzt bei dir,
bewachte deinen Schlaf
und hielte alle bösen Träume von dir fern.
Wie gern
legte ich jetzt die Hand auf deine Stirn,
nur ganz leicht,
damit du spüren könntest, dass ich für dich da bin.
Wie gern
fühlte ich jetzt deine Hand auf meiner Stirn,
sie würde mir den Schmerz nehmen,
der mich krank macht,
weil ich nicht bei dir sein kann.

© Regina Meier zu Verl

Dieses Gedicht ist vor vielen Jahren entstanden, es verliert seine Bedeutung aber niemals, denn selbst dann, wenn Kinder erwachsen sind, hat man noch immer das Gefühl, dass man sie beschützen möchte vor allem, was das Leben ihnen an Leid antun könnte. Die Sorgen verändern sich, aber sie sind da – immer.

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Verler See im Winter Bild von Regina Meier zu Verl

Die Webers ziehen um

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Abwarten und Zeitung lesen

Die Webers ziehen um

Leise unterhalten sich die Eltern. Die Kinder sollen nicht mitbekommen, worum es geht.
„Sie werden enttäuscht sein. Das lässt sich wohl nicht vermeiden!“, sagt die Mutter.
„Es gibt keine andere Chance, ich muss diese Stelle annehmen. Eine solche Gelegenheit wird sich nicht wieder bieten und ich bin es wirklich leid zu kämpfen und jeden Cent dreimal umdrehen zu müssen!“
Der Vater hat ein Stellenangebot bekommen. Dafür muss die Familie aber umziehen.
„Ohne euch macht es keinen Sinn für mich und es ist einfach zu weit, um jedes Wochenende hierher zu fahren. Dreihundert Kilometer! Das will ich nicht!“
Die Mutter möchte das auch nicht, die Kinder sind einfach noch zu klein. Sie brauchen Mutter und Vater. Es ist ihr klar, dass sich vieles nun verändern wird. Aber so, wie es in den letzten sechs Monaten war, kann es ja auch nicht weitergehen. Mit der Situation sind alle unzufrieden.
„Wann fährst du, um den Vertrag zu unterschreiben?“, fragt sie und schlägt vor, dass sie und die Kinder doch mitfahren könnten, um sich das Städtchen einmal anzuschauen.
„Vielleicht ist es ja so nett dort, dass wir uns auf Anhieb wohlfühlen!“ Sie versucht immer, alles von der positiven Seite her zu betrachten. Vieles gelingt dann einfach besser.
„Es ist sehr ländlich dort, aber schön“, Vater ist am Anfang der Woche zum Vorstellungsgespräch schon dagewesen. Gerade eben hat der Personalchef angerufen und ihm mitgeteilt, dass man sich unter vielen Bewerbern für ihn entschieden habe. Natürlich freut er sich, das ist klar. Wäre da nicht dieses große Aber.
„Okay, wir fahren alle hin am Freitag. Dann können wir es auch den Kindern erzählen. Sie lieben Ausflüge und werden guter Stimmung sein, die beste Voraussetzung für Neuigkeiten. Um die Zwillinge mache ich mir weniger Sorgen. Schwieriger wird es für Simon werden, wo er doch gerade erst eingeschult wurde.“
„Daran habe ich auch schon gedacht. Aber auch die Mädchen haben bereits ihre Freundinnen im Kindergarten. Das wird sicher Tränen geben.“
Am Freitag ist es dann so weit. Die Familie Weber, ausgerüstet mit einem Picknickkorb und in allerbester Laune, fährt in die Stadt, die ihre neue Heimat werden wird. Die Kinder thronen in ihren Sitzen auf der Rückbank. Simon hat seine lilafarbenen Kopfhörer im Ohr und für die Mädchen läuft eine Märchen-CD im Autoradio. Simon meint, dass er schon viel zu groß für Märchen ist. Dass er plötzlich seinen Walkman leiser dreht, und einen Kopfhörer heimlich aus dem Ohr nimmt, merkt niemand. Das wäre ihm doch zu peinlich gewesen. So aber lauscht er dem schönen Märchen von dem Jungen Pedro, der nur mit einer Dose Schuhcreme, einer Bürste und einem weichen Lappen sein Glück in der großen weiten Welt gefunden hat. Er summt sogar leise mit, wenn die Melodie wieder erklingt, die der kleine Schuhputzer immer singt, wenn er einem Fremden die Schuhe auf Hochglanz poliert. Auch die Zwillinge klatschen begeistert in die Hände und immer wenn die Stelle kommt, wo es heißt „Eins, zwei, drei, blitzblank im Nu ist der feine Lederschuh“, dann singen alle laut mit, Mama auch und Papa lacht aus vollem Herzen. So fröhlich waren sie alle schon lange nicht mehr unterwegs.
„Was haltet ihr davon, wenn wir unser Glück auch in der weiten Welt suchen, so wie der kleine Pedro?“, fragt Mama und dreht sich gespannt zu den Kindern um.
„Sollen wir etwa auch Schuhe putzen?“, fragt Simon.
Nun ist es an der Zeit, den Kindern den Sinn der Reise zu erklären. Papa steuert den nächsten Parkplatz an und bevor all die leckeren Sachen aus dem Picknickkorb verspeist werden, erzählt Papa von seiner neuen Arbeit.
„Wir suchen uns eine schöne Wohnung oder vielleicht ein kleines Haus mit Garten, in dem wir dann wohnen werden. Wie findet ihr das?“
Simon überlegt. Die Zwillinge haben nur die Pfannkuchen im Sinn, so richtig haben sie noch nicht verstanden, um was es eigentlich geht. Für sie ist erstmal wichtig, dass Mama dick Schokocreme auf die Pfannkuchen streicht, sie dann aufrollt und den Mädchen je einen in die Hand drückt. Mmh, sind die lecker!
„Und was ist mit Oma?“, fragt Simon plötzlich. Wenn er drüber nachdenkt, dass Oma dann ganz allein ist und er sie gar nicht besuchen kann, dann drückt das im Bauch und wenn es im Bauch drückt, dann dauert es auch gar nicht lang, bis die Tränen rollen.
Mama Weber schaut ihren Sohn bestürzt an. Dass sie daran noch gar nicht gedacht hat! Sie schämt sich. Aber als Papa sagt:
„Die nehmen wir einfach mit!“, wird ihr ganz warm vor Freude. Das Leben ist gar nicht so kompliziert, wie es sich manchmal anfühlt, denkt sie und nimmt einen Schluck Kaffee.
„Klar, so machen wir das!“, sagt sie.
„Eins, zwei, drei, das ist der Hit, kommt die Oma einfach mit!“, singt Simon und alle stimmen ein.
Nun müssen sie nur noch die Oma fragen, ein schönes Häuschen finden und dann kann es losgehen.
Wie es mit den Webers weitergeht, das ist dann schon wieder eine andere Geschichte.

© Regina Meier zu Verl

Lebensherbst

Gedanken zum Herbst, zu singen nach dem Lied: Am Brunnen vor dem Tore

Lebensherbst

Lebensherbst

Vorm Fenster meine Linde
verändert schon ihr Kleid,
wiegt sich im leichten Winde
sehr bald ist es soweit,
dass färben sich die Blätter
in Gelb und Rot und Braun,
im herbstlich Sonnenwetter
gar prächtig anzuschau’n,
gar prächtig anzuschau’n.

Auch mich, mein Lindenbaum,
veränderte die Zeit.
Ich trag und glaub es kaum,
des Lebensherbstes Kleid.
Es steht mir und es schmeichelt mir
und hüllt mich zärtlich ein,
lächelnd leb ich neben dir
und will zufrieden sein
und will zufrieden sein.

© Regina Meier zu Verl

Meine Linde, Foto © Regina Meier zu Verl