Ein märchenhafter Geburtstag

Ein märchenhafter Geburtstag

Eigentlich mochte Jonas es nicht, mit den Erwachsenen in ein Restaurant zu gehen. Es war ihm viel zu langweilig und benehmen musste man sich auch noch. Er fand das ätzend.
Trotzdem machte er eine Ausnahme für den Geburtstag seiner Oma.
„Okay!“, sagte er deshalb, als sein Mutter ihn fragte, ob er denn mitkomme. „Für Oma tu ich fast alles!“
Am Samstagabend machten sich also alle fein für das große Fest. Selbst Jonas ließ sich überreden eine Stoffhose zu tragen und ein Oberhemd. Das war nicht so ganz sein Fall, aber was tat man nicht alles aus Liebe.
Omas Augen strahlten, als sie ihn erblickte.
„Komm her, Jonas, du sitzt links neben mir und der Opa rechts. Dann habe ich meine beiden Männer an meiner Seite!“, rief sie ihnen zu und dirigierte alle auf ihre Plätze.
Neben Jonas nahmen seine Eltern Platz und auf der anderen Seite, neben Opa, sollten Tante Betty und ihr Liebster sitzen. Betty war Papas Schwester. Jonas bewunderte sie heimlich ein wenig, denn sie war nicht so wie die anderen Verwandten. Papa meinte sogar, dass sie ein wenig verrückt sei und wenn sie so weitermache, dann würde ihr der neue Freund auch wieder weglaufen. Sie hatte schon einige vergrault mit ihren Ticks.
Gerade studierte sie die Speisekarte und kicherte. Das Kichern ging in ein lautes Lachen über und schließlich konnte sie sich nicht mehr halten und grölte los.
„Jonas, hast du das gelesen?“, rief sie. „Es gibt Rapunzelsalat! Ist Rapunzel nicht diese krasse Braut, die ihren Lover an den Haaren in ihren Turm klettern ließ? Die war voll cool, das hätten wir mal machen sollen!“
„Betty, red doch nicht so einen Unfug. Rapunzelsalat ist ein Blattsalat, der sehr lecker schmeckt.“
„Stimmt, Mama, aber es ist auch ein Märchen. Du hast es uns oft genug vorgelesen, weißt du noch?“
Oma nickte. Sie mochte Märchen ganz besonders gern und fand es gar nicht schön, wenn man sie sprachlich so verhunzte. Ihre Liebe zu den alten Geschichten zeigte sich ein weiteres Mal auf der Speisekarte, beim Dessert. ‚Rot wie Blut, Weiß wie Schnee und Schwarz wie Ebenholz – Schneewittchenkuchen’, stand da. Jonas lief das Wasser im Mund zusammen.
„Sogar die Tischdekoration ist märchenhaft“, scherzte Tante Betty. „Dornröschen!“
Dass es für die Erwachsenen nach dem Essen ein Zauberwasser und für Jonas einen giftgrünen Krötenblutsaft gab, rundete das märchenhafte Menu ab.
Der Höhepunkt des Festes war allerdings dann die Geschenkübergabe von Tante Betty. Nach dem Essen hatte sie sich zunächst aus dem Staub gemacht. Als sie zurück in den Saal kam, war sie verkleidet als Troll. Sie trug eine braune Hose, die bis zu den Knien hochgekrempelt war, dazu ein Holzfällerhemd, das riesige Löcher aufwies und mal eine Wäsche nötig gehabt hätte. Ihre Haare hatte sie verstrubbelt und im Gesicht prangte eine dicke, rote Gumminase. Sie trug einen Blecheimer bei sich, den sie neben sich auf den Boden stellte. Dann tanzte sie singend um diesen Eimer herum, bevor sie sich drauf setzte und verklingen ließ:
„Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich goldne Eier …lege!“, sang sie. Dann stand sie auf und holte viele goldne Eier aus dem Eimer, die sie Oma auf den Tisch legte.
„Bitteschön, liebe Mama!“, sagte sie lachend und wartete darauf, dass das Geburtstagskind die Eier genauer anschaute.
„Ach Gottchen, das sind ja Märcheneier“, rief Oma fröhlich und wickelte die Goldfolie eines der Eier ab. Zum Vorschein kam eine kleine gelbe Kapsel, die man wiederum öffnen konnte. Darin fand sich ein Zettel: „Ich wünsche dir Gesundheit!“, stand auf dem ersten und dann kamen nach und nach viele gute Wünsche zusammen und ganz zum Schluss zog Tante Betty noch ein weiteres Ei aus ihrer Hosentasche.
„Das hätte ich doch fast vergessen!“, lachte sie und übergab es Oma.
Auf dem Zettel stand: „Die Eintrittskarten für das diesjährige Weihnachtsmärchen im Stadttheater mit der ganzen Familie kannst du, liebe Mama, bei mir abholen. Sie liegen in einer Schatzkiste und warten darauf, von dir gefunden zu werden. Deine Betty“

Jonas’ Oma war sehr glücklich an diesem Tag, ihrem 75. Geburtstag. Als sie abends im Bett lag, nahm sie Opas Hand und sagte: „Haben wir nicht voll krasse, tolle Kinder?“
„Megacool!“, murmelte Opa, der schon fast ins Traumreich geglitten war. „Megacool!“

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle Efraimstochter/pixabay

 

Bine und die Traumfee

Bine und die Traumfee    unter dem Text auch zum Anhören

Bine konnte vor Müdigkeit kaum die Augen offenhalten. Aber schlafen wollte sie auf keinen Fall, denn in ein paar Minuten war es so weit, ihr sechster Geburtstag stand bevor. Sie freute sich sehr, denn das bedeutete, dass sie bald in die Schule gehen durfte. Sie war jetzt ein großes Mädchen.
Ob sie wohl die tolle Schultasche mit dem Einhorn darauf bekommen würde? Bine war mächtig gespannt. Im Haus war es still, nichts regte sich. Wäre heute nicht Vollmond, dann hätte sie im Zimmer nichts sehen können.
Bine schaute im Zimmer umher und versuchte krampfhaft die Augen offen zu halten. Trotzdem nickte sie kurz ein. Plötzlich tippte jemand leicht auf ihre Schulter. Bine erschrak und wusste zuerst gar nicht, wo sie war.
„Na, du bist mir ja ein Geburtstagskind!“, sagte eine feine Stimme, die Bine nie zuvor gehört hatte. „Du verschläfst den Anfang deines Geburtstages. Und das, wo wir uns so große Mühe gegeben haben, es richtig schön für dich zu machen!“
„Wer bist du und warum habt ihr euch so viel Mühe gegeben?“ Sie warf einen Blick zum Fenster, durch das der dicke Vollmond grinste. Es sah so aus, als lache er sie aus.
„Nun, da draußen bin ich nicht, da musst du mich nicht suchen.“ Das Stimmchen kicherte. „Ich bin hier bei dir im Zimmer, besser gesagt: wir sind hier in deinem Zimmer!“
Bine schaute sich um. Alles sah aus wie immer, oder halt… hatte sich dort im Bücherregal etwas bewegt.
„Hey, sitzt da jemand in meinem Regal?“, flüsterte Bine aufgeregt.
Dicht an Bines Ohr kicherte jemand.
„Das ist der Bücherwurm, der wohnt da!“
Bine erschrak. „Igitt, ein Wurm, der macht mir alle meine schönen Bücher kaputt.“
„Keine Sorge“, beruhigte die Stimme. „Er gräbt nur einen Weg für dich, damit du in unsere Welt, die du so liebst, eintreten kannst, denn wir haben für dich eine Geburtstagsparty vorbereitet. Schließlich ist es ein besonderer Geburtstag, denn schon bald wirst du lesen lernen und kannst dann all die Geschichten selbst lesen.“
„Ja, darauf freue ich mich schon. Einige Buchstaben kenne ich schon, zum Beispiel die aus meinem Namen“, sagte Bine stolz. Dann stockte sie. „Aber jetzt möchte ich erst einmal wissen, wer du bist. Sitz du etwa in meinem Ohr? Bist du ein Ohrwurm?“
Gekicher. „Nein, ich bin kein Wurm. Halte einmal deine Hand vor dich, mit der Handfläche nach unten!“
Bine hielt ihre Hand vor sich, genauso, wie die Stimme es gesagt hatte. Plötzlich kitzelte etwas ihren Handrücken und Bine entdeckte die kleine Fee, die sich dort niedergelassen hatte. Ihr entfuhr ein „Oh-wie-niedlich“.
Die Fee kicherte. „Ich wusste, dass du das sagen würdest!“, sagte sie.
„Wie konntest du das wissen?“
„Ich kenne dich schon etwas länger. Ich bin nämlich deine Traumfee, liebe Bine. Ich bin bei dir, aber nur wenn du schläfst, heute mache ich eine Ausnahme, weil doch dein Geburtstag ist! Herzlichen Glückwunsch übrigens!“
„Danke schön!“, sagte Bine höflich.
„So, nun geht es aber los“, sagte die Traumfee. „Zuerst muss du erraten, in welchem deiner Bücher der Bücherwurm einen Pfad für dich gebuddelt hat!“
Bine überlegte einen Moment.
„Ich habe keine Ahnung, kannst du mir einen Tipp geben, bitte?“, bettelte Bine.
„Ja, es ist dein Lieblingsbuch!“, verriet die Traumfee.
„Dann ist es das dicke Märchenbuch von Oma, aus dem mir meine Eltern jeden Abend eine Geschichte vorlesen! Richtig?“
„Ganz genau! Kannst du das Buch bitte einmal holen?“, bat die Traumfee. „Ich setze mich wieder auf deine Schulter, weil du beide Hände zum Tragen brauchst.“
Bine holte das dicke Buch aus dem Regal und trug es zum Bett. Dann kuschelte sie sich wieder unter die Decke, denn es war noch recht kalt nachts, obwohl der Frühling draußen schon überall zu spüren war.
„Gut so! Schlag nun die Seite mit deiner Lieblingsgeschichte auf!“, bat die Traumfee und da musste Bine gar nicht lange überlegen.
„Das ist die Geschichte von Benno, dem Hund, der von zu Hause weggelaufen war.“
„Hihi, ich wusste, dass du das sagen würdest!“, kicherte die Traumfee. „Mindestens einmal in der Woche müssen deine Eltern die vorlesen und wenn deine Oma zu Besuch ist, dann täglich!“ Die kleine Fee lachte so reizend, dass Bine mit einstimmte. Die Traumfee hatte ja recht, sie, Bine, kannte die Geschichte in und auswendig, so oft hatte sie die schon gehört.
Bine schlug also die Seite auf und staunte nicht schlecht, als da auf der Zeichnung vom Hund Benno der Bücherwurm saß und sie angrinste.
„Hey, Bine, happy Birthday!“, sagte er.
„Oh, wie niedlich!“, rief Bine und entschuldigte sich sofort dafür. „Ist mir so rausgerutscht, Entschuldigung!“
„Nun ja“, sagte der Bücherwurm. „Es gibt schlimmere Adjektive!“
„Hä?“ Bine stutzte. Das Wort kannte sie nicht.
„Wie-Wörter“, versuchte der Bücherwurm zu erklären, merkte aber, dass es das nicht besser machte.
„Lern erst einmal lesen, danach lernst du dann, dass Wie-Wörter beschreiben, wie etwas ist. Zum Beispiel ‚die dunkle Nacht‘, da ist dunkel das Wie-Wort!“, fügte er noch hinzu.
Damit gab sich Bine für den Moment zufrieden.
„Pass auf, du musst nun ganz still sein und die Augen schließen, denn jetzt geht die Party richtig los!“, flüsterte die Traumfee.
Bine schloss die Augen und lauschte. Unter der Decke war es schön warm und mittlerweile war schon fast eine halbe Stunde ihres Geburtstages vergangen. Sie hielt die Augen geschlossen und mit einem Mal sah sie die Traumfee, die mit ihren Freundinnen einen Reigen tanzte und der Bücherwurm stand auf einem Hocker und dirigierte ein Orchester, das wunderbare Musik machte. Da waren Grillen, die auf der Geige spielten, ein Hirschkäfer saß am Klavier, Frösche quakten im Takt der Musik und ein Spatzenchor sang ein Geburtstagslied. Wie schön das klang. Bine stand auf und klatschte vor Freude in die Hände und dann wurde sie an die Hand genommen und tanzte mit den Feen. Ein bisschen wunderte sich Bine, dass die Feen genauso groß waren wie sie selbst – aber was spielte das für eine Rolle, wenn man glücklich war, nicht wahr?

„Zum Geburtstag viel Glück, zum Geburtstag viel Glück!“, sangen Mama und Papa. Bine öffnete verschlafen die Augen und wusste in diesem Moment gar nicht wo sie war. Hatte sie nicht gerade noch mit den Feen getanzt?
Mama hatte einen Kuchen in der Hand, auf dem sechs Kerzen brannten.
„Auspusten, meine Große!“, sagte Mama. Bine richtete sich auf und wollte gerade pusten, als ihr das dicke Märchenbuch in den Bauch piekte. „Au!“, rief sie und Mama wunderte sich, wie es denn auf Bines Bett gekommen war.
Bine sagte nichts, sie wollte nicht, dass die Erwachsenen das einfach abtaten mit einem: Das hast du sicher nur geträumt. Denn sie war fest davon überzeugt, dass ihr Erlebnis in der Nacht ganz echt wahr gewesen war. Bombensicher!

© Regina Meier zu Verl

Bine und die Traumfee – zum Anhören
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Der Geburtstagsregenbogen

Der Geburtstagsregenbogen

Traurig blickt das Kind aus dem Fenster. Es regnet! Ausgerechnet heute am Geburtstag. Schade. Das Kind hat sich so sehr auf ein Gartenfest gefreut. Daraus wird nun aber nichts.
„Es ist doch Sommer! Mag der mich denn nicht leiden?“
Es öffnet das Fenster, blickt zum Himmel und ruft in das Wolkengrau hinauf:
„Hallo, Sonne! Hörst du? Ich habe heute Geburtstag!“
„Weiß ich doch! Ich gieße nur schnell die Blumen, damit sie für dich strahlen können“, antwortet eine klare Stimme. Liebevoll klingt sie.
„Das ist sehr nett von dir, liebe Sonne! Aber bitte mach schnell! Am Nachmittag kommen meine Freunde und wir wollen so gerne im Garten feiern.“
„Einverstanden.“ Die Sonne lacht. „Ich beeile mich.“
„Halt! Halt!“, rufen da die Wolken und mit Schwung schieben sie sich noch ein bisschen dichter über die Sonne. „Für ein Fest soll die Welt sauber sein. Noch viele Regentröpfchen müssen wir über den Garten rieseln lassen, damit alles ringsum hier hübsch mit den Luftballons und Sternenlampions um die Wette glänzt und funkelt. Ist das klar?“
„Und ich“, meldet sich der Wind, „puste später alles wieder trocken. Das wird ein Vergnügen sein, hui, wie ich durch den Garten sausen werde! Hui!“
„Und wir? Was ist mit uns?“, kreischt es da hinter der besonders dicken, schwarzen Wolke hervor. „Uns fragt hier wohl wieder keiner, he? Sag, Donnermann, wollen wir uns das gefallen lassen?“
Die Blitzhexe ist’s, die ihren Worten gleich auch noch einen tüchtigen Blitz hinterher schickt.
„Hey, Leute! Haltet ein!“, bittet da die Sonne. „Wir wollen den Menschen doch nicht das Fest verderben! Lasst uns noch einmal heftig donnern und blitzen und regnen und dann schenken wir dem lieben Geburtstagskind einen wunderrunden, bunten Regenbogen!“
„Au ja!“ Das Kind klatscht vor Freude in die Hände. „Einen Geburtstagsregenbogen habe ich mir schon immer gewünscht. Den hat nämlich nicht jeder. Danke, Sonne!“

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl

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Felix‘ allergrößter Geburtstagswunsch

Felix‘ allergrößter Geburtstagswunsch

„Mama, zum Geburtstag wünsche ich mir ein Leise-Laut!“
Frau Sieker schaut ihren Felix verständnislos an.
„Ein was?“
„Na, ein Leise-Laut, darauf kann man wunderbare Musik machen, laut und leise eben.“ Felix grinst und lässt seine Mutter zappeln.
„Kann man das nicht auf jedem Instrument, was meinst du denn für eines?“
Felix holt seine Musikmappe aus der Schultasche und legt sie auf den Küchentisch.
„Komm her, Mama. Ich erkläre es dir mal ganz genau.“
Frau Sieker dreht noch schnell die Herdplatten herunter, damit die Kartoffeln nicht überkochen. Dann setzt sie sich zu Felix.
„Unser Musiklehrer hat uns heute erklärt, woher das Leise-Laut kommt, aus Italien nämlich. Auf Italienisch heißt leise – piano und laut – forte.“
Frau Sieker begreift so langsam, worum es geht.
„Aha, ein Pianoforte meinst du, ein Klavier also!“
„Genau, ich wünsche mir ein Klavier. Herr Winter hat heute so toll gespielt, das möchte ich auch lernen. Wie teuer ist so ein Klavier?“
„Das weiß ich nicht, da müssen wir uns mal erkundigen. Ganz billig ist das nicht, vermute ich.“
„Dann wünsche ich mir zum Geburtstag, zu Weihnachten und zu Ostern so lange nichts mehr, bis ich ein Klavier haben kann.“
„Wir reden später drüber, jetzt wird erstmal gegessen. Rufst du bitte deine Oma, aber forte. sonst hört sie es nicht!“

© Regina Meier zu Verl

Vielleicht hat der Felix Gück und bekommt irgendwann sein Klavier. Wenn er dann fleißig übt, spielt er vielleicht eines Tages auch die Mondscheinsonate, so wie Carla … aber das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte.

Bildquelle tookapic/pixabay