Gedankenblitze und Bölkewater

Schatz, Kutsche, kratzen, maulen, steinreich

Das sind die Reizwörter, die diesmal mit eingebaut werden mussten. Bitte lest auch, was meine beiden Kolleginnen dazu geschrieben haben:

Lores Märchenzauber

Martinas Von-Herz-zu-Herz-Geschichten

Gedankenblitze und „Bölkewater“*

Der Sommer ist Hannas liebste Jahreszeit. Sie liebt es barfuß durch den Garten zu laufen, am besten gleich am Morgen nach dem Aufstehen, gern auch im Schlafanzug. Das hat sie von Mama abgeguckt, die macht das auch. Dazu gehört bei Mama aber noch eine Tasse Kaffee, unbedingt.
Kaffee trinkt Hanna nicht, der ist ihr zu bitter. Aber neuerdings nimmt sie ihre Lieblingstasse, gefüllt mit Mineralwasser und wandert durch den Garten. Während des Wanderns denkt sie, so wie Mama. Die denkt nämlich über ihre nächste Geschichte nach und ab und zu kommt es vor, dass sie schnell die Kaffeetasse irgendwo abstellt und ins Haus saust, weil sie eine zündende Idee hatte, einen Gedankenblitz. Hanna findet das toll. Sie möchte auch Geschichten schreiben, vielleicht über einen verborgenen Schatz, mit dessen Hilfe sie dann steinreich werden kann. Deshalb wartet sie auf so eine Blitzidee.
Seit sie mit Mineralwasser wandert, kommt ab und zu ein kleiner Rülpser, aber ein Blitz war noch nicht dabei. Schade! So richtig kann sie sich das aber sowieso nicht vorstellen. Wie soll das gehen? Es blitzt im Kopf und dann? Eigentlich müsste es dann donnern, aber es handelt sich wohl nicht um ein richtiges Gewitter. Na ja, Hanna muss Mama einmal genauer befragen, vielleicht funktioniert es dann auch bei ihr mit den Gedankenblitzen.
Noch bevor Hanna ihre Mutter interviewen kann, passiert es heute Morgen. Es blitzt ein Gedanke in Hannas Kopf. Schnell stellt sie die Tasse ab und saust in ihr Zimmer. Ein Block und ein Stift liegen dort bereit, für den Fall, dass sie schnell etwas aufschreiben muss.
Hanna nimmt den Bleistift und schreibt: «Das Geheimnis der Kaffeetassen». Das war der Blitzgedanke, aber wie soll es weitergehen? Hanna ist unsicher. Dabei gibt es viele Möglichkeiten. Die Tassen könnten verschwinden, oder sie fangen an, miteinander zu reden. Vielleicht sind im Garten Kobolde, die Geschirr sammeln und die Tassen in ihre Behausungen schleppen. Es hilft nichts, Hanna muss wieder in den Garten, vorsichtshalber nimmt sie noch eine Tasse mit Mineralwasser mit, das hat ja scheinbar geholfen. Über dem Garten hängt zwar eine dicke Wolke, aber noch regnet es nicht und Mama ist auch gerade unterwegs und denkt. Sie lächelt Hanna kurz zu und legt dann den Zeigefinger auf die Lippen. Das heißt: Bitte jetzt nicht stören! «Natürlich nicht!», mault Hanna leise.
Hanna wandert und wandert, die zweite Tasse ist schon wieder leer und der Bauch wölbt sich von der vielen Kohlensäure. Wieder lässt das Mädchen ein paar kleine Rülpser ab, nicht zu laut, um Mama nicht zu stören. Hanna grinst. Bereits beim nächsten Rülpser kommt eine neue Idee. Wieder stellt sie die Tasse ab und flitzt ins Haus, sie überholt Mama, die ebenfalls gerade auf dem Weg an ihren Schreibtisch ist. Beide lächeln und schweigen, damit sie ihre Gedanken nicht verlieren.
In der Überschrift hat sie von geheimnisvollen Kaffeetassen geschrieben, aber jetzt erst weiß sie, wie es weitergehen soll. Also schreibt Hanna:
Es war ein schöner Tag Ende August. Die großen Ferien waren zu Ende und endlich durfte man die Freundinnen und Freunde wiedersehen, die man so sehr vermisst hatte. Lea hatte in den Ferien einen Kaffeebecher mit Porzellanfarben angemalt. Den schenkte sie ihrer besten Freundin Lotta, die sich darüber sehr freute. Für sich selbst hatte Lea genau den gleichen Becher bemalt, nur dass ihr Name draufstand und auf Lottas Becher eben Lottas Name, logisch, oder? Die Namen hatte sie auf eine Kutsche geschrieben, nämlich auf die Kürbiskutsche, die sie in ihrem Märchenbuch gefunden hatte und mit der Cinderella zum Ball gefahren war.
Hanna ist stolz, als sie den Text noch einmal durchliest. Das war doch schon ein kräftiger Gedankenblitz, darauf kann man aufbauen, denkt sie und wandert wieder in den Garten. Diesmal ohne Tasse, denn der Schrank ist leer, es ist keine Tasse mehr drin. Hanna nimmt sich einen kleinen Korb und macht sich auf in den Garten, nach den Tassen schauen. Auf der Terrasse findet sie einen von Mamas Bechern. Er ist noch halb voll, aber der Kaffee ist kalt. Mit einem Schwung gießt Hanna den Inhalt an die Geranien im Blumenkübel. Dann wandert sie weiter, findet den nächsten Becher unter dem großen Rhododendronbusch, auch einer von Mamas. Eine Schnecke sitzt drin und schaut sich verwundert um, als sie mitsamt dem Becher hochgehoben wird.
«Igitt!», ruft Hanna, schickt aber gleich ein «Entschuldigung, ist mir nur so rausgerutscht!» hinterher. Eigentlich mag Hanna Schnecken, aber nicht in Kaffeetassen. Behutsam legt sie die Tasse ins Gras und sagt: «Ich gebe dir fünf Minuten, um in die Freiheit zu kriechen, dann komme ich wieder!»
«Herzlichen Dank!», flüstert die Schnecke.
«Gerne!», sagt Hanna und geht weiter auf Tassenjagd. Dann stutzt sie, kratzt sich am Kopf, denkt nach – ja, noch intensiver als sowieso schon und kommt zu dem Schluss, dass sie sich verhört haben muss und das nun ein echter Gedankenblitz war. Sie rennt ins Haus, so schnell man das mit einem Korb mit einer Tasse drin kann und schreibt auf ihren Block: Wenn Schnecken in Kaffeetassen wohnen, können sie sprechen!
Wie die Geschichte weitergeht, möchtet ihr nun wissen? Das wüsste ich auch gern, ich nehme mir nun meinen Lieblingsbecher mit Kaffee und wandere in den Garten. Dort warte ich, na, ihr wisst es schon! Nein, nicht auf den Gedankenblitz, sondern auf sprechende Schnecken, ich bin nämlich davon überzeugt, dass es die gibt. Ihr auch?

*Bölkewater ist übrigens Mineralwasser mit Kohlensäure
© Regina Meier zu Verl

Geheimniskrämereien und Kürbisse, die schießen

Geheimniskrämereien und Kürbisse, die schießen

Das Regenwasserfass im Garten ist randvoll. Die ganze Woche hat es geregnet.
„Meine Laune ist echt im Keller“, sagt Papa.
„Echt? Was macht sie da?“ Der kleine Florian sieht Papa erschrocken an.
Und ehe jemand dazu etwas sagen kann, saust er schon los in den Keller, obwohl er eigentlich nicht gerne alleine dort hinunter geht.
„Ich hol sie dir zurück, Papa!“
Mama und Papa schauen sich an und dann prusten sie los vor Lachen.
„Wir sollten versuchen, nicht immer so zweideutig zu reden!“, sagt Mama schließlich.
Da ist Florian auch schon wieder da. Mit einem alten Weidenkorb in der Hand.
„Ich habe deine komische Laune nicht gefunden“, verkündet er. „Nur das da.“
Und er stellt den Korb mitten zwischen Frühstücksgeschirr, Brotkorb, Marmeladentopf, Butterschale und Salzmühle auf den Tisch.
„Wo kommt der denn her?“, staunt Mama.
„Aus dem Keller! Er ist auch nicht schwer.“ Florian wundert sich über die Frage. Er hat doch gerade gesagt, dass er ihn im Keller gefunden hat.
„Und wie kommt er dahin?“, fragt Mama wieder
Papa zuckt mit den Schultern, er weiß es auch nicht. „Was ist denn drin?“, fragt er neugierig.
„Ich weiß es nicht“, sagt Florian. Und er muss plötzlich an Oma denken, die gestern unbedingt etwas im Keller gesucht hat. „Ein Geheimnis“, hat sie gesagt und so seltsam gelächelt hat sie dabei.
„Oma weiß es sicher!“, ruft Florian. Er ist jetzt ganz aufgeregt, denn Oma hat immer spannende Geheimnisse.
Das weiß Mama auch und deshalb bekommt sie erst einmal einen Schreck. Sie springt auf und stellt sich in die Nähe der Küchentür.
„Oma ist alles zuzutrauen“, schimpft sie. „Vielleicht ist eine Schlange drin oder irgendein Tier, das sie im Garten gefunden hat. Bei Oma weiß man das nie.“
„Oha!“ Papa ist mutiger und linst unter das Tuch, das im Korb liegt. „Schlimmer“, sagt er. „Ein Oma-Geschenk, das nach Arbeit riecht.“
Jetzt sehen auch Mama und Florian die drei Paar Gartenhandschuhe und die Marmeladengläser. Sie sind neu.
Papa seufzt. „Das riecht nach Gartenarbeit für uns. Ich glaube, aus unserem Ausflug wird heute wieder nichts. Oma aber auch immer mit ihren geheimen Botschaften.“
„Ich verstehe“, sagt Mama. „Die Kürbisse sind dank des vielen Regens aber auch regelrecht explodiert in den letzten Tagen!“
„Oh nein!“, kreischt Florian. Kürbisse, die explodieren? Das stellt er sich schrecklich gefährlich vor. Und er nimmt sich vor, erst mal nicht mehr in den Garten zu gehen.
Da fügt Papa hinzu: „Auch die Kräuter schießen nur so. Ebenso der Salat. Ihr wisst, was das bedeutet?“
„Die schießen?“ Florian kann es nicht fassen. Eine Schießerei im Garten und explodierende Kürbisse. Das ist zu viel. Da fällt ihm Oma ein, die ist im Garten. Er muss sie retten! Sofort!
Vergessen ist die eigene Angst. Noch bevor Mama und Papa etwas sagen können, rennt er schon los hinüber zu Oma.
Die hat gerade einen dicken Kürbis geerntet und schleppt ihn in Richtung Haus.
„Vorsichtig, Oma, sofort hinlegen, der explodiert gleich!“, ruft Florian ihr schon von weitem zu.
„Huch!“ Oma schreit auf, lässt den Kürbis fallen und sich gleich auch.
Florian schreit auch auf, rennt zu Oma, stolpert, fällt zu Boden.
Und da liegen sie nun, Oma, Florian und der Kürbis.
Ein Glück, dass Papa und Mama gleich gekommen sind. Papa hilft Oma auf die Beine und als alle feststellen, dass niemandem etwas Schlimmes passiert ist, lachen sie herzlich. Papas gute Laune ist auch wieder da. Hatte die sich etwa doch auch in dem Korb mit den Marmeladengläsern und Gartenhandschuhen versteckt? Egal, die Hauptsache ist doch, dass niemand erschossen wurde und dass auch die anderen Kürbisse friedlich in ihrem Beet liegen, oder?

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl 2016


Kürbisgarten, Bilquelle © rycky21/pixabay