Die Elfe Sumsinella und die Hilfe der Ameisen (4)

Die Elfe Sumsinella und die Hilfe der Ameisen
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„Hilfe, Hilfe, hört mich denn keiner?“
Die Elfe Sumsinella sprang auf. Sie hatte ein Mittagsschläfchen gehalten und die warme Sonne genossen. Phil hatte neben ihr gelegen, doch jetzt war er weg.
„Wo bist du denn?“, rief Sumsinella und schaute sich suchend um.
„Hier, bei den Heckenrosen. Ich hänge fest!“, rief Phil und zappelte hin und her.
„Es piekt und sticht, komm, hilf mir doch!“
Sumsinella war schon bei den Heckenrosen angekommen und überlegte, wie sie den Mäuserich frei bekommen könnte.
„Hör auf zu zappeln, du machst es nur noch schlimmer!“ ordnete sie an und schob die Unterlippe vor. So konnte sie besser nachdenken.
„Ich hole Hilfe“, beschloss sie schließlich.
„Nein, auf gar keinen Fall, lass mich hier nicht allein, ich sterbe vor Angst!“, kreischte Phil.
„Aber ich kann gar nichts machen, es muss jemand kommen!“
„Dann rufen wir eben gemeinsam um Hilfe, aber bitte, geh nicht weg!“, heulte Phil und Sumsinella brachte es nicht übers Herz, ihn zu verlassen.
„Also gut, dann müssen wir uns was anderes überlegen. Sei einen Moment still, damit ich besser denken kann!“
Doch Phil rief in seiner Not schon wieder um Hilfe und Sumsinella stimmte mit ein:
„Hiiiilfe, Hiiilfe!“
„Ihr habt gerufen und hier bin ich“, war auf einmal eine feine Stimme zu hören. Sumsinella schaute sich um, sah aber niemanden.
„Wo bist du und wer bist du?“ fragte sie.
„Hier unten bin ich, neben deinem rechten Fuß.“
Sumsinella ging in die Hocke und entdeckte eine Ameise, die sie freundlich anlächelte.
„Das ist lieb, dass du gekommen bist“, freute sich Sumsinella, machte aber gleich wieder ein ernstes Gesicht.
„Meinst du wirklich, dass du uns helfen kannst?“ Sie betrachtete das Tierchen und fragte sich, wie ein so kleines Wesen nützlich sein konnte, wenn es um Phils Befreiung aus den Dornen ging.
„Ja, das glaube ich. Ich habe auch schon eine Idee, wie es gehen könnte.“
„Da bin ich sehr gespannt!“
„Ich hole noch ein paar Schwestern und gemeinsam werden wir die Haare aus den Dornen zupfen. Wir sind stark und schaffen das.“
Kaum hatte die Ameise das ausgesprochen, da näherte sich schon eine Schar ihrer Schwestern. Sie kamen im Gänsemarsch und krabbelten gemeinsam auf Phils Rücken. dort zupften und zogen sie. Ab und zu lachte Phil, weil es so kitzelte, dann wieder schrie er laut:
„Aua, könnt ihr denn nicht vorsichtig sein?“
Sumsinella schaute der Hilfsaktion zu und es dauerte gar nicht lange, da war ihr Freund frei.
Er sah ein wenig zerzaust aus, strahlte aber vor Freude und bedankte sich überschwänglich bei den Ameisen.
„Ihr seid Klasse, einsame Klasse“, rief er und strich mit den Pfötchen über seinen zerrupften Schnurrbart.
Sumsinella lachte:
„Einsam sind die Ameisen ganz bestimmt nicht. Hast du nicht bemerkt, dass es mindestens fünfzig Schwestern waren, die dich gerettet haben?“
„Echt? Deshalb hat es so gekitzelt!“ Phil kicherte.
Die Ameisen kicherten auch und machten sich dann wieder auf den Heimweg.
„Los, los!“ rief die Anführerin. „Wir haben noch jede Menge Arbeit, die Königin wartet schon auf uns.“
Sumsinella und Phil begleiteten die Ameisenkolonne noch bis zu ihrem Bau und Phil versprach, demnächst besser auf sich aufzupassen.
„Aber schön war es doch, welcher Mäuserich kann schon von sich sagen, dass ihm fünfzig Frauen gemeinsam das Fell gestreichelt haben!“
Sumsinella schüttelte den Kopf.
„Männer!“ sagte sie und buffte Phil in die Seite.

© Regina Meier zu Verl

Die Elfe Sumsinella (1)

Diese Geschichte ist der Auftakt zu zwölf weiteren Elfengeschichten, die ich momentan vertone und gern in Erinnerungen rufen möchte.

Hier kannst du die  Geschichte anhören:

Sumsinella 1

Die Elfe Sumsinella (1)

Den ganzen Tag hatte Sumsinella fleißig gearbeitet.
„Ach du liebes Gänseblümchen, schau dir nur dein Röckchen an, es ist ganz unordentlich“, sagte sie und zupfte die weißen Blütenblätter in Form. „So ist es schön!“
Die großen Blätter der Seerosen waren so blank poliert, dass Vater Quak beinahe ausgerutscht wäre.
„Also das ist zu viel des Guten, Sumsinella. Muss das denn sein?“ schimpfte er, meinte es aber nicht so böse, wie es klang.
„Ach Vater Quak, einer muss doch hier für Ordnung sorgen, stimmt’s?“ Sumsinella stemmte die zierlichen Hände in die Hüften und ihre zarten Flügel bebten ärgerlich während sie weiter sprach:
„Ich finde, dass alle ein wenig mehr mit helfen könnten!“
„Ich habe den ganzen Tag Fliegen gefangen“, verteidigte sich der Frosch und strich zufrieden über seinen dicken Bauch.
„Du denkst doch nur ans Essen.“ Sumsinella kicherte.
„Du lügst, manchmal denke ich auch ans Schlafen!“ Der dicke Frosch lachte albern und seine ganze Familie stimmte mit ein.
„Ich lüge niemals, damit du es weißt!“ Sumsinella hob sich in die Luft und flog verärgert davon. Auf der alten Kastanie, ließ sie sich nieder und summte ein trauriges Lied.
„Was ist denn los, Kleines?“ fragte der dicke Hirschkäfer. „Kann ich dir helfen?“
„Ach nein, du Lieber. Manchmal fühle ich mich nur so allein und dann ärgere ich mich über Kleinigkeiten“, erklärte die Elfe.
„Schade, dass ich schon verheiratet bin“, scherzte Hirschi, der nicht im Traum daran gedacht hätte, eine Elfe zu heiraten. Sumsinella war bildhübsch und konnte wunderbar singen, aber diese kleinen Flügelchen, die ständig in Bewegung waren und das emsige Treiben den ganzen Tag machte ihn ganz nervös.
„Dann schlaf schön, kleine Elfe und sing noch ein bisschen, das klingt so herrlich“, sagte Hirschi und das machte Sumsinella dann auch. Als sie zu ihrer Schlafblume flog, kam sie gerade noch rechtzeitig, bevor diese ihren Blütenkelch schließen wollte.
„Da bist du ja endlich, jetzt aber husch, husch ins Blütchen!“

© Regina Meier zu Verl


Vater Quak hat sich in den lila Blütensternchen versteckt © Regina Meier zu Verl

Ferdinand hat Kummer

Ferdinand hat Kummer

unter dem Text auch zum Anhören

„Ich verstehe gar nicht“, sagte die Maus Roselies ihrer Freundin Netti, als sich die beiden bei einem Spaziergang trafen, „dass da nicht früher jemand darauf gekommen ist!“
Netti kicherte.
„Wir sind eben ganz besonders kluge Mäuse!“, sagte sie und setzte ein wichtiges Gesicht auf.
„So klug könnt ihr nicht sein, wenn ihr so sorglos durch die Gegend lauft.“
Sie sahen nach oben, wo Meridith, das Eichhörnchen auf einem Ast saß, eine Nuss zwischen den Pfoten.“
„Warum sagst du so etwas?“, empörte sich Roselies.
„Weil der Kater Balduin euch im Visier hat und gerade dort hinten angeschlichen kommt. An eurer Stelle würde ich mich sputen.“
„Ha!“, kicherte Netti.
„Der kann uns bald gar nichts mehr anhaben, das garantier ich dir!“
Trotzdem verschwanden die beiden Mäusemädchen blitzschnell, denn sie wollten nicht riskieren, dass der Balduin sie zum Abendbrot verspeiste. Demnächst könnte er ihnen nichts mehr anhaben, sie hatten nämlich einen Plan! In der dicken Eiche gab es ein verlassenes Vogelnest, das sich ganz wunderbar als Ferienwohnung eignete. Dort wollten die beiden einziehen und es sich so richtig gut gehen lassen.
Aber zuerst wollten sie etwas fressen, ihre kleinen Bäuchlein knurrten schon recht verärgert.
„Wir könnten doch unseren Freund Ferdinand Dickerle besuchen, so verfressen wie der ist, hat er bestimmt was Leckeres zuhause.“ schlug Netti vor.
„Ja, aber nenne ihn um Himmels Willen nicht Dickerle. Diesen Spitznamen mag er gar nicht. Er wird dann sehr wütend und lädt uns sicher nicht zum Essen ein. Außerdem ist er nicht fett sondern nur etwas korpulent.“
Netti lacht über das komische Wort, das sie noch nie gehört hatte, es klang irgendwie … korpulent.
„Ich schlage vor, wir nehmen ein kleines Präsent mit, was meinst du?“, fragte sie Netti. Die schaute sie mit ihren Knopfaugen an und staunte.
„Schon wieder ein neues Wort. Was ist denn ein Präsent?“
Roselies verdrehte die Augen, Ihre Freundin war doch manchmal sehr ungebildet.
„Ein Präsent ist ein Geschenk, das man mitbringt, wenn man einen Besuch macht.“
„Was du alles weißt!“
„Naja“, meinte Roselies bescheiden, „meine Familie lebte im Haus eines Professors und da bekommt man so einiges mit.“
„Was denkst du, über was würde Dick,,, oh pardon, Ferdinand sich freuen?“
Roselies krauste das Näschen und überlegte angestrengt.
„Keine Ahnung! Es sei denn, wir pflücken ein paar Blümchen. Aber freut sich ein Mann über Blumen?“, meinte Roselies.
„Warum eigentlich nicht!“ Netti fand den Vorschlag nicht schlecht, außerdem standen ja hier Blumen genug herum, da kam es auf ein paar mehr oder weniger gar nicht an.
„Du Netti, wir verraten dem Ferdinand aber nichts von unserem Plan, nicht wahr? Sonst will der noch mitmachen und dafür ist er nun wirklich zu … korpulent!“
„Nein und außerdem sehr sportlich und schnell ist er auch nicht. Der würde es gar nicht bis in unsere Ferienwohnung schaffen. Schade, das würde ihm auch gefallen.“
„Ach Unsinn, außerdem ist das allein unser Plan, so war es abgemacht und basta. Sieh mal die Gänseblümchen da drüben, die sind doch schön.“
Netti kicherte.
„Hoffentlich glaubt er nicht, es wäre etwas zum Fressen!“
Bald hatten sie beide einige Gänseblümchen gepflückt und machten sich auf den Weg zu Ferdinands kleiner Höhle.
Gerade wollten sie eintreten, als sie Ferdinands Stimme hörten. Offensichtlich hatte er Besuch. Er schimpfte laut: „Geh nur, lass mich ruhig hier allein, mir ist schon alles egal! Ich weiß, dass mich niemand mag!“
Betroffen ließen Netti und Roselies die Gänseblümchen fallen. Was war denn da los? So hatten sie „ihren“ Ferdinand noch nie erlebt.
Vorsichtig näherten sie sich. Ferdinand stand mit hochrotem Gesicht vor einer zierlichen Maus, deren Barthaare zitterten und aus deren schwarzen Knopfaugen Tränen kullerten.
„Was ist denn hier los?“
Ferdinand drehte sich zu Netti und Roselies herum und nun richtete sich seine ganze Wut auf diese beiden.
„Was wollt ihr denn, kommt wohl wieder zum Essen schnorren, ja dazu ist das fette Dickerle gut genug. Keiner mag mich wirklich, alle wollt ihr mich nur ausnutzen!“
„Das stimmt doch gar nicht!“, rief Netti und Roselies sammelte schnell die Gänseblümchen auf und reichte sie dem Freund.
„Schau, wir wollten dir einen Blumenstrauß bringen! Das ist doch nett von uns, oder?“
Trotzdem hatten die beiden Mäusemädchen Bauchschmerzen, wegen des schlechten Gewissens, das da im Bauch rumorte. Das fühlte sich gar nicht gut an.
Der Mäuserich betrachtete verächtlich die Blumen und deutete spöttisch in den Hintergrund der Höhle.
„Holt euch was zum Essen, dafür seid ihr ja wohl zu mir gekommen!“
Wütend rannte er aus seinem Zuhause.
„Wir müssen ihm nach, hoffentlich macht er keine Dummheiten!“ rief das kleine Mäusefräulein ängstlich.
„Wer bist du denn eigentlich?“ wollte Netti wissen.
„Lass Sie!“, rief Roselies. „Komm lieber, wir müssen den Ferdinand einholen!“
Sie rannten, so schnell ihre kleinen Beinchen das zuließen ins Freie und hatten Glück. Ferdinand war noch nicht weit gekommen. Im Nu hatten sie ihn eingeholt.
„Was ist denn nur mit dir los heute?“, fragte Netti, als sie wieder zu Atem gekommen war. Roselies war still, sie strich dem Ferdinand liebevoll übers Nackenfell.
Der ließ sich das gefallen, aber er schwieg.
„Ferdilein“, drängte Netti ihn. „Nun sag doch was!“
„Geht nicht“, stammelte Ferdinand. „Dann heule ich gleich und ein Mann heult nicht!“
Roselies lächelte ihn freundlich an und gestand ihm dann;
„Ferdinand, es stimmt, wir haben uns hinter deinem Rücken oft lustig gemacht und haben wir deine Gutmütigkeit ausgenutzt, aber das war nicht böse gemeint, nur etwas gedankenlos. Denn wir haben dich wirklich gern!“
„Ist das auch wahr?“ fragte der Mäuserich zweifelnd.
Netti trat neben ihre Freundin und bestätigte:
„Ja das ist wahr, wir haben dich wirklich gern, auch wenn wir es nicht immer zeigten. Aber nun erzähle uns deinen Kummer. Wir wollen jetzt für dich da sein, wie du es immer für uns warst.“
Ferdinand wurde rot.
„Ich habe mich verliebt.“
„In die Kleine, die bei dir war?“
„Ja, Putzi heißt sie und sie ist ja auch so lieb und putzig,“ schwärmte er.
„Doch heute hat sie mir gesagt, dass ich nicht mehr kommen darf, denn ihr Vater und ihre Brüder haben es verboten.“
Und nun liefen ihm wirklich die Tränen herunter.
Die beiden Mäusemädchen weinten mit ihrem Freund und es dauerte gar nicht lange, da gesellten sich jede Menge Waldbewohner zu ihnen und als alle sie fertig waren mit Weinen, da schmiedeten sie einen Plan.
„Ich schlage vor“, sagte der Fuchs, „ich rede mal mit dem Familienvorstand der kleinen Putzi!“
„Sind Sie verrückt?“, kreischte Netti.
„Wir hier wissen, dass Sie Vegetarier sind, aber Putzis Familie weiß das nicht. Die haben Angst vor Ihnen!“
Nun redeten sie alle durcheinander und bemerkten nicht die kleine etwas korpulente Mäusedame, die sich zu ihnen gesellt hatte.
Aus gutmütigen klugen Augen betrachtete sie die aufgeregte Gesellschaft.
„Hallo?“ Keiner beachtete sie.
„Hallo!“ Ihre Stimme wurde nun lauter, schließlich hatte sie fünf Kinder und gelernt sich durchzusetzen.
Die Waldbewohner drehten sich erschrocken um.
„Na also, geht doch,“ murmelte die Maus und trippelte zu Ferdinand und betrachtete ihn sehr aufmerksam.
Dann lächelte sie zufrieden.
„Du gefällst mir, ich würde dich gerne in meiner Familie willkommen heißen.“
„Wer, wer sind sie denn?“ stammelte der Mäuserich.
„Ich bin Putzis Mutter!“
Ferdinands Augen wurden immer größer. War das wirklich passiert? Putzis Mutter wollte ihn in der Familie begrüßen? Unglaublich, aber wunderschön!
„Das … Das möchte ich auch gern!“, stammelte er und alle Waldbewohner applaudierten, sogar die Spinne Cordula, die dafür kurz die Fliege loslassen musste, die sie in ihrem Netz gefangen hatte. Dass diese entkommen konnte, setzte dem Tag das I-Tüpfelchen auf, oder nicht?

© Regina Meier zu Verl

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Ferdinand ist doch ein hübscher Kerl, oder?

Hier kannst du dir die Geschichte anhören: 

 

Ferdinand hat Kummer – zum Anhören

So ein Schreck

So ein Schreck

„Wenn wir ein Fest veranstalten wollen, dann brauchen wir aber auch etwas zu essen und zu trinken.“
Das war typisch für Naschi, sie dachte immer nur ans Essen, dabei war sie schon so dick, dass man sich wundern musste, dass sie noch in ihr Schneckenhäuschen passte.
„Ach Naschi, das ist doch wirklich kein Problem, wir nehmen einfach die frischen Kräuter und sammeln Tau, dann wird schon genug für alle da sein!“ Kiki dachte stets recht praktisch und wenn sie etwas in Angriff nahm, dann klappte das gewöhnlich auch.
Aber Naschi hatte schon wieder etwas einzuwenden.
„Worin sollen wir denn Tau sammeln?“
„Na, in Eichelhütchen oder wir fragen mal die Maiglöckchen, ob sie uns ein paar Blütenbecher zur Verfügung stellen.“, schlug Mariechen vor.
„Igitt, Maiglöckchen duften so kräftig, da würde alles parfümiert schmecken und außerdem sind sie giftig.“ Naschi schimpfte wie ein Rohrspatz.
„Du kannst einem aber auch jeden Spaß verderben. Ich habe schon gar keine Lust mehr auf ein Fest!“ Mariechen zog sich beleidigt in ihr Schneckenhaus zurück.
„Dann sollen sie halt alles alleine machen“, dachte sie und beschloss, vorläufig nicht mehr heraus zu kommen.
„Da hast du es! Immer musst du Mariechen ärgern.“ Auch Kiki war jetzt verstimmt. Dabei hatte alles so hoffnungsvoll begonnen. Das Fest der Elfen war wunderschön gewesen, so dass die drei Schnecken spontan entschieden hatten, auch mal so eine tolle Fete auszurichten. Und jetzt das hier, dabei hatte Kiki schon ganz viele Freunde eingeladen.
„Ich besuche mal meine Cousine, die Nacktschnecke. Vielleicht hat sie einen Rat für mich. Bin ganz schnell wieder zurück.“, rief Kiki und machte sich auf den Weg.
„Das kann dauern!“ Naschi kaute bedächtig an einem Löwenzahnblatt, aber so richtig wollte es ihr heute nicht mehr schmecken. Hoffentlich hatte sie es sich nicht ganz mit den Freundinnen verdorben, das wäre schlimm. Wer mag schon gern allein sein?

Kiki war völlig erschöpft, als sie am nächsten Morgen zurückkam. Sie wollte erst einmal ein wenig schlafen und verkroch sich ebenfalls in ihr Häuschen, direkt neben Naschi und Mariechen, die noch keinen Fühler vor die Tür gesteckt hatten.
Sie war gerade eingeschlafen, als sie unsanft wieder geweckt wurde. Irgendwer oder was hob sie hoch, ihr wurde ganz schwindlig und sie traute sich nicht, aus dem Häuschen zu schauen. Dann machte es plötzlich „Pling“ und noch einmal und ein drittes Mal „Pling“ und dann war Ruhe.
Kiki hielt die Luft an, sie konnte sich nicht vorstellen, was da passiert war. Nach einer Weile schaute sie ganz vorsichtig aus ihrem Haus und wäre beinahe mit Naschi zusammengestoßen, die auch einen Blick wagen wollte.
„Huch, hast du mich erschreckt!“, rief Naschi und schaute sich dann neugierig um.
„Schau mal, Mariechen ist auch da. Sag mal, wo sind wir denn hier gelandet?“ Naschi kam nun ganz aus dem Schneckenhaus und kroch ein Stückchen weiter auf Mariechen zu.
„Igitt, ist das kalt und glatt hier, das ist doch nicht der Waldboden“, stellte sie fest und Kiki stimmte ihr zu.
„Das ist Glas, wir sind in einem Marmeladenglas gefangen. Schau mal nach oben, kein Himmel weit und breit, aber ein Deckel mit Luftlöchern drin.“
„Und nichts zu essen hier, kein einziges Blättchen“, jammerte Naschi.
Mariechen ließ sich nun auch blicken, sie war die kleinste von allen und hatte furchtbare Angst. Sie fing leise an zu weinen und sagte kein einziges Wörtchen.
„Wir werden verhungern und verdursten, wenn wir nicht bald etwas unternehmen, nun tu doch was, Kiki. Du bist doch sonst immer so klug.“ Naschi quengelte und jammerte.
Kiki versuchte an den Seiten des Glases nach oben zu kommen, das war gar nicht so einfach. Vielleicht könnte sie ja versuchen, den Deckel an die Seite zu schubsen und sie alle konnten entkommen.
Sie war fast am Rand angekommen, als sich plötzlich der Deckel öffnete und eine gewaltige Stimme ertönte: „Na, dir gefällt es wohl nicht da drin!“
„Natürlich nicht, blöde Frage“, antwortete Kiki mutig, aber wohl nicht laut genug, denn die Stimme ertönte aufs Neue.
„Schön da drin bleiben ich pflücke schnell ein paar Kräuter und dann nehme ich euch mit nach Hause.“ Ein Junge gehörte zu der Stimme, er stellt das Glas auf einem Stein ab und suchte den Waldboden nach Grünem ab. Kiki ergriff die Gelegenheit und kroch, so schnell das für eine Schnecke möglich war, auf den Rand des Glases und ließ sich dann hinunterfallen. Dann versteckte sie sich unter einem Blatt, kroch in ihr Haus und verhielt sich mucksmäuschenstill. Voller Angst dachte sie an ihre Freundinnen, die es wohl nicht schaffen würden, aus dem Gefängnis zu kriechen. Die Elfen kamen ihr in den Sinn. Sie musste Hilfe holen, doch wie sollte sie das machen. Sicher kam der Junge gleich zurück und vielleicht würde er nach ihr suchen.
Kiki dachte ganz fest an die Elfen, die versprochen hatten, auf die Schneckenkinder aufzupassen.
„Bitte, bitte, kommt doch, wir brauchen euch jetzt so dringend“, dachte Kiki und dann schlief sie vor Erschöpfung ein.
Ein leises Klopfen weckte sie auf und dann hörte sie die Stimme von Millie, dem Elfenmädchen.
„Kiki, komm nur heraus. Alles ist gut, deine Freundinnen sind in Sicherheit. Ihnen ist nur ein wenig übel, denn sie mussten mit mir auf eine Flugreise gehen. Wenn du magst, bringe ich dich jetzt zu ihnen und dann machen wir ein großes Fest, ein Geburtstagsfest für euch drei Schneckenmädchen.“
Kiki musste jetzt vor Erleichterung auch ein bisschen weinen und dann merkte sie, dass sie schrecklichen Hunger hatte.
Wie froh war sie, als sie endlich Mariechen in die Arme schließen konnte und Naschi hatte bereits leckere Waldmeisterblätter und kühles Wasser für die mutige Freundin bereitgestellt.
Mit vielen Gästen feierten die Schnecken und Elfen ein wunderbares Fest und immer wieder musste Kiki die Geschichte vom Marmeladenglas und der mutigen Befreiungsaktion erzählen.

© Regina Meier zu Verl

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Lena, Luzie und der Vollmond

Lena, Luzie und der Vollmond

Hätte Frau Winter nicht so viel Kräutertee zum Abendessen getrunken, wäre die ganze Sache wahrscheinlich nicht ans Licht gekommen.
In dieser Nacht aber musste Mutter Winter zur Toilette und da sie nun schon aufgestanden war, wollte sie auch gleich nach Lena schauen. Leise öffnete sie die Tür zum Zimmer ihrer Tochter. Lena schien zu schlafen. Trotzdem trat die Mutter an das Bett und bekam einen Riesenschreck. Das war nicht Lena, die dort schlief. Es war Paul, der große Kuschelteddy.
„Wo ist sie denn nur?“, rief Frau Winter entsetzt und gleich darauf ließ sie einen Schrei los, der durch das ganze Haus schallte.
„Friedhelm!“
Lenas Vater schreckte hoch, sprang mit einem Satz aus den Federn und rannte zu seiner Frau.
„Was ist denn los, was machst du für ein Geschrei? Hast du eine Maus gesehen?“
Er war verärgert, schließlich musste er am Morgen früh raus und brauchte seinen Schlaf.
„Unser Kind…, sie ist weg!“ stammelte Frau Winter.
„Beruhige dich, das kann nicht sein. Sicher ist sie zu Oma gegangen. Lass uns bei deiner Mutter nachschauen.“
Friedhelm nahm seine Elisabeth an die Hand, dann gingen sie gemeinsam zu Omas Zimmer im Erdgeschoss. Friedhelm klopfte an die Tür.
„Mutter, ist Lena bei dir?“ Nichts, keine Antwort kam aus dem Zimmer.
„Sie hört uns nicht. Nachts legt sie die Hörgeräte ab. Du musst lauter rufen!“
Friedhelm versuchte es noch einmal.
„Mutter“, brüllte er, „wach werden, es gibt ein Problem!“
Mit der Faust trommelte er an die Zimmertür, die gleich darauf geöffnet wurde.
„Was ist denn hier los, brennt es?“ Oma stand in einem langen weißen Nachthemd vor ihnen, ihre Haare, die sie tagsüber zu einem Knoten gedreht trug, hingen fast bis zu den Hüften herunter.
„Ist Lena bei dir?“, schrie Elisabeth.
„Bitte? Was sagst du?“ Oma legte die Hände wie einen Trichter hinter die Ohren.
Elisabeth schob ihre Mutter beiseite und riss die Bettdecke aus dem Bett. Dann schaute sie hinter das Sofa und auch in den Kleiderschrank.
Derweil hatte Oma ihre Hörgeräte in die Ohren gesteckt. Friedhelm erklärte ihr, dass Lena nicht in ihrem Bett war.
Oma grinste über das ganze Gesicht. Elisabeth verstand die Welt nicht mehr. Sollte ihre Mutter auf ihre alten Tage komisch werden. Verstand sie denn den Ernst der Lage nicht?
„Kommt mit“, befahl Oma und grinste noch breiter. Dann setzte sie sich in Bewegung und Elisabeth und Friedhelm folgten ihr im Gänsemarsch.
Sie durchquerten das Wohnzimmer und gelangten in den Wintergarten.
Der Raum wurde vom Licht des Mondes erhellt. In dem großen Sessel lagen zwei aneinander gekuschelte Gestalten, Luzie, die Bobtail-Dame und Lena.
„Das darf ja wohl nicht wahr sein!“ flüsterte Elisabeth. Friedhelm schüttelte den Kopf, ihm fehlten die Worte.
„Wieso?“, triumphierte Oma. „Ihr habt ihr doch verboten, Luzie zu sich ins Bett zu holen und da ist Lena eben in Luzies Bett gekrochen. Luzie kann doch bei Vollmond nicht so gut schlafen und fürchtet sich.“
Leise verließen die Erwachsenen den Wintergarten.
Als Friedhelm und Elisabeth wieder in ihrem Bett lagen und Oma längst wieder eingeschlafen war, sagte Elisabeth:
„Darüber reden wir morgen früh aber noch ein ernstes Wort!“

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Der Stein und das Gänseblümchen

Der Stein und das Gänseblümchen

Es war Frühling. In einem verwilderten Garten lag ein Stein.
Auf seiner Oberfläche war eine Mulde, in der hielt sich nach dem Regen das Wasser. So diente der Findling den Vögeln als Tränke.
Dem Stein gefiel das. Viele Jahre hatte er sich Gedanken darüber gemacht, was er eigentlich wert sei.
Die Bäume hatten es gut. Sie legten im Frühling ihr grünes Blätterkleid an und spendeten den Menschen und Tieren Schatten. Manche waren sogar voller Früchte und wenn der Stein sah, dass die Kinder von den süßen Kirschen naschten, dann wurde er immer ein wenig neidisch.
Ja, und die Blumen, diese zarten Geschöpfe, sie waren die Geschwister der Sterne. Das wusste der Stein von der alten Walli, die den Kindern immer so schöne Geschichten erzählte. Manchmal setzte sich die Walli zum Erzählen ins Gras und lehnte sich an den Stein. Diese Momente waren ihm heilig. Was gab es Schöneres, als einer Geschichte zu lauschen?
Wie gern hätte der Stein die Walli gefragt, was seine Rolle auf der Welt sei.
Manchmal machte eine Hummel Rast auf dem Stein, das kitzelte und der Stein musste lachen. „Na, Dickerchen“, kicherte die Hummel, habe ich dich am Bauch gekitzelt?“ Da musste der Stein noch mehr lachen.
Der Stein hatte immer wieder versucht mit den Menschen zu reden. Doch nie hatte ihm jemand geantwortet. Entweder hörten sie ihn nicht, oder sie verstanden nicht, was er sagte. Wie anders sollte er sich bemerkbar machen, es gelang ihm nicht, sich von der Stelle zu rühren, so sehr er sich auch anstrengte.
Einmal aber, vor vielen Jahren, war es ihm fast gelungen ein wenig zur Seite zu rollen. Damals hatte ein Gänseblümchen zu ihm gesprochen und da es ganz nah bei ihm stand, konnte er es nicht sehen. Die liebliche Stimme des Blümchens hatte ihn aber so verzückt, dass es unbedingt anschauen wollte.
„Geh ein wenig weiter, damit ich dich sehen kann“, bat er. Doch das Gänseblümchen sagte traurig: „Das geht nicht, ich bin eine Pflanze und ich habe meine Wurzeln im Erdreich. Schau dir meine Schwestern an, dann weißt du, wie ich aussehe.“
„Deine Schwestern sind wunderschön, aber das ist doch nicht das gleiche, als wenn ich dich betrachten könnte“, jammerte der Stein, nahm all seine Kraft zusammen und versuchte, ein wenig zur Seite zu rollen. Dabei ächzte und stöhnte er vor Anstrengung.
„Pst, sei leise“, flüsterte das Blümchen. „Da kommen die Kinder, sicher wollen sie wieder Blütenkränze flechten.“
Das Blümchen verhielt sich mucksmäuschenstill. Annika und Tine setzten sich auf den Stein, der von der Sonne ganz warm war.
„Sollen wir uns ein Kränzchen machen?“, fragte Annika.
„Das ist langweilig, lass uns Geschichten erfinden, das macht mehr Spaß“, schlug sie vor.
Der Stein war erleichtert, es hätte gut sein können, dass es seinem Gänseblümchen an den Kragen gegangen wäre.
„Sag mal“, fragte Annika, „wie findest du eigentlich den Neuen in der Klasse?“
Tine bekam ein knallrotes Gesicht.
„Geht so!“, antwortete sie.
„Na, du bist doch wohl nicht verknallt?“, lachte Annika, sprang auf und tanzte um den Stein herum. Dabei sang sie: „Tine liebt den Neuen, Tine liebt den Neuen!“
„So ein Quatsch!“ Tine stampfte verärgert mit dem Fuß auf.
„Hast du denn nicht bemerkt, dass er dich in der Stunde immer nur anschaut und auf dem Schulhof läuft er auch dauernd hinter dir her.“, behauptete Annika und grinste von einem Ohr zum anderen.
„Das ist gar nicht wahr“, stammelte Tine, aber irgendwie gefiel ihr der Gedanke doch sehr gut, denn der Felix, so hieß der Neue, war ein netter Junge.
„Es lässt sich leicht feststellen, Moment!“ Annika pflückte ein Gänseblümchen und hielt es Tine hin. „Hier, du musst nur die Blütenblätter auszupfen und dabei sagen: „Er liebt mich, er liebt mich nicht… solange, bis kein weißes Blättchen mehr zu sehen ist. Dann weißt du’s!“
Tine nahm das Blümchen und stellte es in die Wassermulde auf dem Stein.
„Du bist gemein, es vertrocknet doch!“ Sie nahm sich aber vor, später wieder her zu kommen und den Test zu machen, wenn Annika nach Hause gegangen war. Sie musste ja schließlich nicht alles wissen.
Der Stein aber war verärgert. Die Menschen konnten ja ganz nett sein, und die Kinder mochte er besonders gern leiden. Schade, dass sie gar nicht darüber nachdachten, dass das arme Gänseblümchen nun sterben musste. Ach könnte er doch reden, dann würde er den Mädchen schon was erzählen.

Am Abend kam Tine noch einmal in den Garten und setzte sich auf den Stein. Sie betrachtete lange das Gänseblümchen, das sich im Wasser frisch gehalten hatte und jetzt die Blütenblätter geschlossen hielt wie jeden Abend.
„Ich werde dir die Blättchen nicht auszupfen, kleine Blume. Mir ist es auch egal, ob er mich liebt. Wenn es so sein sollte, dann werde ich das schon merken.“
Könnte der Stein lächeln, dann hätte er das jetzt sicher getan.
„Wenn der Felix dich nicht liebt, dann ist aber einer da, der dich ganz arg gern hat“, dachte der Stein und dann seufzte er laut: „Ich liebe dich!“

„Ich dich auch!“, sagte Tine und streichelte den Stein. Dann ging sie zurück ins Haus.
„Und ich auch“, flüsterte das Gänseblümchen und seine zarten Blütenblätter erröteten ganz leicht an den Spitzen. Der Stein war nicht ganz sicher, ob es ihn, oder die Tine gemeint hatte. Er wollte es auch gar nicht wissen, er würde es schon merken.

© Regina Meier zu Verl
Hier auch als Hörgeschichte

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Bildquelle Colour/pixabay

 

Überredet

Überredet

Irgendwie schaut mein Frauchen heute etwas traurig aus der Wäsche. Was ist nur mit ihr los? Sie macht auch keine Anstalten, mich endlich für den Spaziergang anzuleinen. Das ist seltsam. Sonst sind wir um diese Zeit längst unterwegs. Ich müsste auch mal dringend pieseln.
Sie sitzt da auf ihrem Sessel und macht nichts, sie liest nicht, sie strickt nicht, sie telefoniert nicht. Ungewöhnlich ist das und so langsam mache ich mir echt Sorgen.
Da, jetzt legt sie schon wieder die Hände auf ihren Bauch und stöhnt. Ob sie Bauchschmerzen hat, so wie ich neulich?
Ich lege ihr meinen Kopf aufs Knie und versuche sie zu hypnotisieren. Gequält lächelt sie mich an und krault mich ein wenig hinter den Ohren. Das tut gut, aber es reicht nicht. Ich will raus! Jetzt!
Wäre ich noch etwas beweglicher, dann würde ich ihr auf den Schoß springen. Aber das kann ich nicht mehr, es ist schon blöd genug, dass ich nicht einmal mehr aufs Sofa kann. Dort war es immer so schön gemütlich, besonders dann, wenn Frauchen und ich gemeinsam dort lagen.
Wir sind zwei alte Damen, mein Frauchen und ich. Aber ich finde, dass wir beide noch ganz passabel aussehen und im Großen und Ganzen sind wir auch gesund, meist jedenfalls.
Ob ich einfach mal meine Leine holen sollte?
Doch, die hängt an der Garderobe und ich komme nicht dran. Ob es hilft, wenn ich sie anbelle, die Leine? Einen Versuch ist es wert. Also dann!
„Was machst du denn für ein Getöse, Emmi?“, fragt Frauchen. Endlich steht sie auf, seufzt, zieht ihre Schuhe an und die dicke Jacke. Dann befestigt sie die Leine an meinem Halsband und dann habe ich erreicht, was ich wollte. Es geht raus an die frische Luft. Das tut uns beiden gut. Frauchens Wangen röten sich sogar ein wenig.
„Hast recht gehabt, Emmi, nach draußen zu gehen war die beste Idee des Morgens. Schau mal, wie herrlich die Sonne scheint!“
Nach dreimaligem Pieseln und einmal „Ihr wisst schon was“, gehen wir noch ein Stückchen weiter. Hach, wie gut, dass ich mich durchgesetzt habe. Frauchen kann froh sein, dass sie mich hat!
„Wie froh ich bin, dass ich dich habe“, sagt Frauchen in diesem Moment. „Ohne dich hätte ich mich heute nicht aufraffen können!“
„Sag ich doch!“, denke ich und springe an ihr hoch. Wir tun uns gut, wir beide, echt!

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle YamaBSM/pixabay

Gut, wenn man Freunde hat

Gut, wenn man Freunde hat

„Unser Weihnachtsbaum steht schon im Schuppen“, erzählt Lina ihrer Freundin. „Habt ihr auch schon einen?“
Claudia schüttelt traurig den Kopf.
„Bei uns ist in diesem Jahr alles anders. Mama sagt, dass sie gar keine Lust auf einen Weihnachtsbaum hat.“
„Warum denn? Ohne Baum ist Weihnachten doch blöd, oder?“
Jetzt kullern die Tränen bei Claudia. Natürlich findet sie Weihnachten ohne Tannenbaum auch blöd. Aber wenn Mama doch sagt, dass sie keine Lust drauf hat, was soll sie denn machen?
Lina nimmt die Freundin in den Arm, um sie zu trösten.
„Dann kommst du eben zu uns!“, schlägt sie vor.
Doch Claudia schüttelt wieder den Kopf.
„Das geht doch nicht, ich kann doch Mama nicht allein lassen, dann ist ja gar keiner mehr da.“
„Verstehe ich nicht, dein Papa ist doch da!“
„Eben nicht, Papa ist ausgezogen. Das ist ja das Problem!“
„Wie – ausgezogen? Er kann doch nicht einfach so …“ Lina ist empört und versteht gar nicht, wie das passieren konnte. Eltern sind Eltern und sie sind immer da für ihre Kinder, oder etwa nicht?
„Sie streiten immer und da hat Papa gesagt, dass es wohl besser ist, wenn er für eine Weile auszieht, bis sich alles wieder beruhigt hat.“
Lina fehlen die Worte. Sie will auch nichts Falsches sagen, Claudia ist sowieso schon so traurig.
Am Abend erzählt Lina ihrer Mutter von Claudia und ihren Eltern.
„Es kann passieren, dass Eltern sich nicht mehr so gut verstehen und dann ist es manchmal besser, wenn sie sich mal eine Weile nicht sehen. Vielleicht ist es richtig, dass Claudias Vater ausgezogen ist. Das wissen nur die beiden. Für Claudia ist das allerdings auch nicht so leicht.“
„Mama, kann das bei uns auch passieren?“
„Das hoffe ich nicht, aber ganz ausschließen kann man das nie. Mach dir aber keine Sorgen, Papa und ich, wir sind ein Herz und eine Seele und das soll immer so bleiben!“
An diesem Abend betet Lina für ihre Eltern und auch für Claudias Eltern. Sie bittet darum, dass sie sich vertragen.
Am Morgen sagt Mama: „Ich habe gestern Claudias Mutter angerufen und sie für den Heiligen Abend zu uns eingeladen. Wie findest du das?“
„Mama, du bist die Beste!“, ruft Lina und beißt genussvoll in ihr Honigbrötchen.
Am Heiligabend sitzen dann alle zusammen im Wohnzimmer und betrachten den schönen Weihnachtsbaum. Sie singen, spielen und essen zusammen und Claudia kann sogar schon wieder ein wenig herumtoben. Schön ist es, wenn man Freunde hat.

© Regina Meier zu Verl

Als sich Tine im Schwimmbad wehrte

Als sich Tine im Schwimmbad wehrte

Ein heißer Sommertag war heute. Gut gelaunt wartete Tine im Schwimmbad bei den Umkleidekabinen auf ihre Freundin Mara. Mara hatte sich verspätet und Tine schaute den tobenden Kindern im Nichtschwimmerbecken zu.
Plötzlich tönte eine Männerstimme: „Na, Kleine, wartest du auf deinen Freund?“
Erschrocken sah sich Tine um. Ein Mann stand hinter ihr. Er grinste und streckte seinen dicken Bauch mit der breite, rötlichen Narbe ein bisschen weiter vor. So weit, dass er fast Tines Hüfte berührte.
Ihh! Tine bekam trotz der Hitze eine Gänsehaut. Sie trat einen Schritt zur Seite.
„Ich warte auf meine Freundin. Sie kommt gleich“, sagte sie schnell.
„Wollen wir uns ein wenig unterhalten?“
Der Mann musterte sie von oben bis unten. Ganz komisch fühlte sich das an.
„Mit fremden Männern rede ich nicht.“ Tine nahm ihre Tasche und wollte sich abwenden.
Da packte sie der Mann am Arm. Das tat weh und Tines Herz fing zu rasen an.
„Au! Lassen Sie das!“ Zitternd riss sich Tine los. So schnell sie konnte, rannte so zum Nichtschwimmerbecken hinüber.
Da endlich kam Mara.
Tine war erleichtert. „Komm!“, rief sie der Freundin zu. „Wir müssen den Bademeister suchen.“
„Was ist denn los?“, wollte Mara wissen.
„Da war ein Mann. Er hat mich angefasst und so blöd geguckt. Wir müssen das melden.“ Tine schluchzte, doch dann war die Wut größer als die Angst. „Meine Eltern haben mir gesagt, wenn mich jemand dumm anspricht oder anfasst, soll ich schnell weglaufen und Hilfe holen.“
Mara war blass geworden. „Los! Erzählen wir es dem Bademeister! Nicht, dass der Kerl wegläuft oder andere Kinder anspricht.“
Tine nickte. „Ja, wir müssen uns wehren.“
„Das habt ihr gut gemacht“, sagte später einer der beiden Polizisten, die der Bademeister sofort gerufen hatte. „Ihr müsst bei solchen Begegnungen immer gleich Hilfe holen.“ Er wandte sich Tine zu. „Kannst du den Mann beschreiben?“
Hm. Das war schwer. Es gab hier viele Männer mit dickem Bauch.
„Er hatte eine tiefe Stimme“, sagte sie langsam. „Und er war dick.“
Tine dachte nach. Da war doch noch etwas gewesen. Etwas, das ihn von den Männern im Schwimmbad unterschied.
„Die Narbe“, rief sie. „Auf dem Bauch hatte er eine breite Narbe.“
Die Polizisten und der Bademeister nickten zufrieden. „Das hast du sehr gut beobachtet“, lobte sie einer der Polizisten. „Bestimmt werden wir den Kerl finden.“
Und so war es auch. Die Polizisten nahmen den Mann, der sich gerade mit einem kleinen Jungen unterhalten hatte und der nun laut schimpfte, mit.
Auf einen Nachmittag im Schwimmbad hatte Tine nun keine Lust mehr. Sie wollte schnelll nach Hause und ihren Eltern von dieser Begegnung erzählen. Morgen aber würde sie ganz bestimmt wieder zum Schwimmen gehen. Angst muss sie keine haben. Sie weiß ja, wie man sich wehrt.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl


Im Schwimmbad, Bildquelle© leoleobobeo/pixabay

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Ich freue mich, dass meine Geschichten so guten Anklang finden und biete meinen Leser*innen hier die Möglichkeit, für ein Tässchen Kaffee etwas in die virtuelle Kaffeekasse via Paypal zu geben. Herzlichen Dank für die Anerkennung und Wertschätzung meiner Arbeit!

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Die Elfe Sumsinella und das kranke Mädchen (10)

Die Elfe Sumsinella und das kranke Mädchen

Das Licht des Mondes, das sich im See spiegelte, wurde zu Silberpünktchen, die auf dem Wasser schaukelten. Sumsinella betrachtete dieses Schauspiel und konnte sich nicht satt sehen.
„Eigentlich ist es gar nicht schlimm, dass ich nicht schlafen kann“, erzählte sie Ortrud, der Grille, die es sich neben ihr gemütlich gemacht hatte.
„Warum kannst du denn nicht schlafen?“, fragte Ortrud interessiert.
„Ich mache mir Sorgen“, antwortete Sumsinella.
„Weißt du, ich muss immer darüber nachdenken, dass es der kleinen Anna drüben im Haus nicht gut gehen könnte. Ich habe sie lange nicht im Garten gesehen und immer wenn ihre Mutter nach draußen kommt, dann schaut sie traurig aus.“
„So, so!“, sagte Ortrud und dann noch einmal: „So, so!“
„Wenn ich doch nur wüsste, was mit ihr los ist.“
„Ja, ja!“, seufzte die Grille und strich über ihre langen Fühler.
Sumsinella sprang auf und funkelte Ortrud böse an.
„Hast du nicht mehr zu sagen als immer nur ‚So, so’ oder ‚Ja, ja’? Ich dachte, dass du meine Freundin bist.“
Ortrud schwieg, Sumsinella schwieg auch.
Eine dicke Wolke hatte sich vor den Mond geschoben, die Lichtfunken waren verschwunden und kühler war es auch geworden. Sumsinella gähnte.
„Ich werde dann mal mein Bettchen aufsuchen. Tut mir Leid, dass ich dich so beschimpft habe!“ Sie reichte Ortrud die Hand.
„Schon gut, schon gut!“, sagte Ortrud und dann fügte sie hinzu: „Ich habe eine Idee!“
Sofort war Sumsinella wieder hellwach.
„Sag schon, was für eine Idee ist es denn?“, drängte sie die Freundin.
„Du solltest mal ins Haus fliegen, irgendwo ist doch sicher ein Fenster offen und du kannst hinein schlüpfen. Frag die kleine Anna, was mit ihr los ist.“
„Das kann ich doch nicht machen. Sie würde Angst bekommen und außerdem versteht sie mich doch gar nicht.“
„Dummchen!“, schimpfte Ortrud. „Sie ist doch ein Kind, oder?“
„Ja, aber …“
„Kinder verstehen die Sprache der Elfen, oder nicht?“
Sumsinellas Augen leuchteten. Dass sie daran gar nicht gedacht hatte!
„Ich versuche es sofort“, rief sie und schon flog sie auf das Haus zu, um nach einem geöffneten Fenster Ausschau zu halten. Sie wusste, wo Annas Zimmer war und hatte Glück, das Oberlicht des Fensters war geöffnet und Sumsinella konnte ungehindert ins Zimmer gelangen.
Anna lag in ihrem Bett und schlief. Ihre Wangen waren gerötet. Immer wieder drehte sie den Kopf hin und her. Sie stöhnte im Schlaf und plötzlich rief sie nach ihrer Mutter.
Sumsinella erschrak. Hoffentlich entdeckte die Mutter sie nicht, wenn sie gleich das Licht anknipsen würde. Auf der Fensterbank standen einige Spielzeuge, darunter auch kleine Blumenelfen aus Porzellan. Sumsinella stellte sich zu ihnen.
Schon wurde es hell im Zimmer. Die Eltern hatten den Raum betreten. Annas Mutter legte die Hand auf die Stirn der Tochter.
„Sie hat wieder Fieber!“, sagte sie. Der Vater nickte.
„Ich werde ihr Wadenwickel machen, bleib du solange bei ihr. Ich hole kaltes Wasser und Wickel.“
Der Vater setzte sich auf die Bettkante und nahm Annas Hand.
„Schätzchen, du musst gesund werden, hörst du. Wir brauchen dich doch!“, sagte er mit leiser Stimme.
Sumsinellas Herz klopfte wie wild, so dass sie dachte, dass jeder es hören konnte.
Die Mutter kam zurück, schlug die Bettdecke zur Seite und tauchte Tücher in eine Schüssel. Dann wickelte sie die nassen Lappen um Annas Beine, legte trockene Handtücher darüber und dann die Bettdecke wieder obendrauf.
„Können wir denn sonst gar nichts für sie tun?“, fragte der Vater.
„Der Doktor hat gesagt, dass wir nur für sie da sein sollen. Sie trauert und das tut ein jeder auf seine Weise. Irgendwann wird sie einen neuen Freund finden. Dann wird es ihr besser gehen. Jeder Mensch braucht einen Freund!“
Plötzlich fiel es Sumsinella wie Schuppen von den Augen. Klar, es ging um Fiete, Annas Hund. Seit Tagen hatte ihn niemand im Garten gesehen. Sicher war Fiete etwas passiert und Anna war nun krank vor Kummer. Ja, so musste es sein.
Jetzt wusste sie, wie sie Anna helfen konnte. Sie brauchte einen Freund. Sie, Sumsinella, würde Annas neue Freundin sein.
Sie konnte es kaum erwarten, dass die Eltern das Zimmer verließen. Als sich endlich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, flog sie auf Annas Kopfkissen, setzte sich ganz nahe an das Ohr des Mädchens und sang:
„Kleine Anna, weine nicht,
schau mir einfach ins Gesicht.
Ich bin für immer für dich da,
ja das ist wahr, ja das ist wahr.
Anna öffnete die Augen und blinzelte. Woher kam der schöne Gesang?
Sumsinella flog auf Annas Brust und setzte sich.
„Schau her, ich bin es, deine Elfenfreundin Sumsinella!“
Anna lächelte und fürchtete sich auch gar nicht.
„Singst du mir noch was vor?“, bat sie und schon bald war sie wieder eingeschlafen.
„Werde gesund, kleine Anna!“, flüsterte Sumsinella und blieb bei ihrer neuen Freundin, bis der Morgen anbrach.
„Heute Abend komme ich wieder zu dir!“, versprach sie und Anna murmelte:
„Ist gut!“ Dann drehte sie sich auf die Seite und schlief weiter.

Als die Mutter am Morgen das Zimmer betrat, war Anna schon wach.
„Ich habe eine neue Freundin!“, rief sie glücklich. „Sie heißt Sumsinella und kommt am Abend wieder zu mir. Sie ist eine Elfe.“
„Das ist ja wunderbar“, sagte die Mutter, die nicht an Elfen glaubte. Vielleicht hatte das Kind geträumt. Das war aber ganz gleich, die Hauptsache war doch, dass es ihr besser ging.

Nach zwei Tagen durfte Anna sogar schon wieder in den Garten und wenn sie ganz allein war, dann zeigte Sumsinella sich ihr auch tagsüber und sie hatten gemeinsam viel Spaß.
Ortrud betrachtete die beiden von weitem und nickte freudig.
„Ja, ja!“, sagte sie. „Ja, ja!“

© Regina Meier zu Verl