Die Harmonie der Farben

Die Harmonie der Farben

„Was haltet ihr davon, wenn wir beim Konzert dunkelrote Blusen tragen?“
Ein Murmeln zunächst, dann die erste missmutige Stimme: „Rot steht mir nicht!“ Ein Aufbrausen! „Hier geht es nicht um Einzelne, sondern um das Gesamtbild, oder?“
Sandra Lange, die Dirigentin, schlägt ein paar laute Akkorde am Klavier an, um auf sich aufmerksam zu machen.
„Meine Damen, ich denke es geht hier momentan noch nicht um die Farben des Outfits, sondern vorläufig um die Qualität unseres Gesangs, meint ihr nicht auch?“
Sofort wird es leise, schweigende Zustimmung! Nur eine kann sich nicht zurückhalten, Isa: „Rot steht mir aber nicht!“
„Boah, Isa, nun sei doch mal entspannt. Wir werden das nach der Probe besprechen und sicher werden wir uns irgendwie einigen!“, schlägt Monika vor, deren Rolle von jeher die der Vermittlerin ist. Seit Jahren führt sie als erste Vorsitzende den Chor und genießt das Vertrauen der Sängerinnen.
Doch Isa kann sich nicht beruhigen. Sie hasst Rot, was kein Wunder ist, denn sie ist mit karottenroten Haaren gesegnet, eine wilde lockige Mähne, außergewöhnlich, aber schön.
„Wenn ihr euch für Rot entscheidet, dann werde ich nicht mitsingen!“, droht sie und erwartet, dass ihr nun alle beistehen werden, denn sie ist davon überzeugt, dass ein Konzert ohne sie nicht stattfinden kann. Schließlich hat sie Gesang studiert und die anderen sind Laien.
Als niemand darauf reagiert und alle zur Tagesordnung übergehen, verlässt sie aufgebracht den Saal. Energisch wirft sie die Tür hinter sich ins Schloss. Peng!
Entschlossen greift Sandra Lange in die Tasten, lässt eine Tonfolge erklingen und die Chordamen steigen in die Gesangsübung ein. Konzentriert arbeiten sie anschließend am ersten Konzertstück und ernten ein zufriedenes Lob.
„Na bitte, es geht doch! Nehmen wir uns nun das nächste Stück vor und danach machen wir eine kleine Pause!“
Auch der nächste Titel, eine Chorbearbeitung des Silbermond Songs ‚Du bist das Beste, was mir je passiert ist’ hört sich schon recht gut an. Sandra Lange ist zufrieden.
In der Pause entbrennen dann heftige Diskussionen. Isa ist nach Hause gegangen. Damit hatte niemand gerechnet. Man wähnte sie schmollend in der angrenzenden Kneipe. Aber sie ist nicht mehr da.
„Die spielt sich immer so auf, ich hasse das!“, ruft Rena empört und erntet Zustimmung von einigen Sängerinnen. „Soll sie doch bleiben wo der Pfeffer wächst!“
„Ohne Isa geht es aber nicht“, wendet Monika ein. „Niemand bekommt die hohen Töne so sauber hin wie sie, oder ist es etwa nicht so?“
Betretenes Schweigen. Es stimmt ja, Isa reißt die anderen mit. Außerdem hat sie ja recht, Rot ist nicht ihre Farbe und wenn sie ihr Solo singt, dann steht sie vorn, vor dem Chor und dann fällt es mal so richtig auf, dass ihre Haare leuchten wie eine Alarmanlage.
„Wer holt sie zurück?“, fragt Monika in die Runde. Niemand meldet sich.
„Dann mache ich das! Aber eines lasst euch gesagt sein, es liegt ein Geruch von Neid in der Luft. Der ist weg, wenn ich wieder zurück bin!“ Wütend verlässt Monika die Kneipe.
„Jetzt spielt die sich auch noch auf, als hätte sie alles zu bestimmen!“, ruft Rena. Doch niemand stimmt ihr zu.
Nach zwanzig Minuten kommen Monika und Isa zurück. Sie reihen sich in den Chor ein, jede an ihren Platz. Ingrid nimmt Isas Hand und drückt sie kurz. ‚Schön, dass du wieder da bist’, flüstert sie.
Dann singen sie das Stück, in dem Isa ihr Solo hat. Es klingt wunderbar.
Nur Rena hat einen Kloß im Hals. Sie schämt sich. Leise verlässt sie den Raum, behutsam schließt sie die Tür hinter sich. Erst am Ende der Probe kehrt sie zurück, sie trägt eine große Tasche bei sich und packt aus: Blusen in allen Farben, grüne, blaue, gelbe, weiße und am Schluss befördert sie eine alarm-orangefarbene Seidenbluse aus ihrer Wundertasche.
„Ist die nicht perfekt?“, fragt sie und erntet begeisterte Zustimmung.
„Perfekt!“, ruft Isa und nimmt Rena in den Arm.
„Du bist das Beste, was mir je passiert ist“, singt Isa und die anderen stimmen ein: „Es tut so gut, dass es dich gibt!“

© Regina Meier zu Verl

Osterlotta

Osterlotta

Lotta ist traurig. Sie hat in dieser Woche eine Brille bekommen. Eigentlich ist sie froh, endlich auch die kleinen Buchstaben erkennen zu können. Sie ist weitsichtig, hat der Augenarzt gesagt. Mama und Lotta sind auch gleich zum Optiker gegangen und haben ein schönes knallblaues Brillengestell ausgesucht. Lotta sieht toll damit aus, aber in der Schule lachen einige über sie, und der freche Felix singt: „Mit der Brille auf der Nase sieht sie aus wie´n Osterhase.“
Traurig kommt Lotta nach Hause. „Was ist passiert?“, fragt Mama.
„Nichts!“, antwortet Lotta. Mama aber sieht Lotta tief in die Augen.
„Du hast doch geweint, Lotta. Und deine neue Brille liegt drüben auf dem Sofa. Stell dir vor, jemand setzt sich auf die Brille und sie ist kaputt.“
„Soll sie kaputt gehen, ich werde sie sowieso nicht mehr aufsetzen“, trotzt Lotta.
„Aha, da also liegt der Hase im Pfeffer“, lächelt Mama. „Du magst deine Brille nicht mehr leiden.
Lotta aber heult laut auf, als sie das mit dem ´Hasen im Pfeffer´ hört. Schon wieder Hase!
„Nein! Den Hasen mag ich nicht leiden. Sag bloß nicht noch einmal ´Hase´!“, schimpft sie. „Mit der Brille auf der Nase seh ich aus wie´n Osterhase.“
Da muss Mama lachen. „Diesen dummen Spruch kenne ich aus einem Lied.“
„Wirklich?“, fragt Lotta.
Mama nickt. „Wer hat das denn zu dir gesagt? Etwa wieder der Felix, dieser Scherzkeks?“
Lotta nickt. Eigentlich mag sie Felix gut leiden. Er ist immer lustig. Nur diesen Osterhasenspruch heute, den findet sie doof.
„Ich habe eine Idee, Lotta. Schlagen wir dem Felix einfach mal ein Schnippchen …“.
Flüsternd stecken Mama und Lotta ihre Köpfe zusammen und lachen. Dann holt Lotta ihren Wasserfarbkasten und Mama kocht eine Handvoll Eier ab. Später, nachdem sie erkaltet sind, macht sich Lotta an die Arbeit und bemalt die Eier in schönen bunten Farben. Sie malt gepunktete und gestreifte Eier, eines mit einem Gesicht und eines, das aussieht wie ein Marienkäferchen. Dann schreibt sie einen Brief an Felix.

Lieber Felix,
wenn du sagst, ich sähe aus wie ein Osterhase, dann will ich auch einer sein. Lass dir die Eier gut schmecken …
Deine Lotta.

Lotta legt die Eier in ein kleines Osterkörbchen und stellt es bei Felix vor die Haustür.

Als sie am nächsten Tag in die Schule kommt, steht ein kleiner Schokoladeosterhase auf Lottas Schreibpult. Er ist von Felix.
„Danke, liebe Osterlotta“, sagt er und grinst ein wenig verlegen. „Deine Brille ist übrigens voll toll und steht dir supergut. Tut mir Leid wegen gestern.“ „Stimmt!“, sagt Lotta, „supertoll ist sie sogar, meine Brille, fast so toll wie ein Osterhase.“ Und lachend beißt sie in die süße Osterhasenschokolade.

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle Efraimstochter/pixabay

Reizwortgeschichte:

Obstschale, Frucht, merkwürdig, erwähnen, kümmern
Das waren die Wörter, die zu verarbeiten waren. Da Lore heute nicht mitschreibt, verlinke ich zu meiner Kollegin Martina, die auch eine Geschichte mit diesen Wörtern geschrieben hat.
Von-Herz-zu-Herz-Geschichten


Jules Geheimnis
Fast jeden Tag trafen sich Jule und Cora am Nachmittag zum Spielen. Sie waren gute Freundinnen, die besten überhaupt. Eine kümmerte sich um die andere, wenn eine von ihnen mal traurig war. Auch alle Freuden teilten sie miteinander.
Ich muss wohl nicht erwähnen, dass sie, wenn in der Obstschale nur noch eine Frucht lag, sie diese schwesterlich teilten und das war immer so, bis zu dem merkwürdigen Tag, an dem ihre Freundschaft beinahe zerbrochen wäre.
Aber von vorn:
Es war ein Dienstag. Die Sonne schickte die ersten wärmenden Strahlen auf die Erde und das hob die Laune der Menschen um einiges an. Auch Jule und Cora waren guter Dinge. Sie hatten sich bei Jule getroffen und spielten im Garten. Cora hatte zwei Bücher mitgebracht und schlug ein neues Spiel vor.
„Das spiele ich immer mit Opa“, sagte sie und erklärte Jule die Regeln.
„Jede bekommt ein Buch. Eine von uns beginnt zu lesen, bis die andere STOP sagt. Dann liest die andere weiter, aber in ihrem eigenen Buch. Das ist manchmal zu komisch, weil sich die unmöglichsten Situationen ergeben!“
So richtig begeistert war Jule von diesem Spiel nicht, aber der Freundin zuliebe wollte sie es ausprobieren. Sie spielten Schnick-Schnack-Schnuck und Jule durfte beginnen.
Sie begann langsam und ein wenig stockend zu lesen: In einer Waldhütte in den Bergen lebte der kleine dicke Bär Valentin mit seiner Mutter und seinen beiden Brüdern. Die Brüder Tim und Tom waren Zwillinge und sie tobten am liebsten über die Bergwiesen, während Valentin sich langweilte.
„STOP!“, rief Cora und begann nun selbst zu lesen.
Familie Biedermann war einmal wieder umgezogen, diesmal in eine große Stadt. Die Kinder waren nicht begeistert, weil sie all ihre Freunde zurücklassen mussten. Aber es ging nicht anders. Der Vater hatte eine neue Stelle gefunden, die er annehmen musste und es wäre viel zu weit gewesen, jeden Tag zur Arbeit zu fahren.
„STOP!“, rief Jule. „Das passt gar nicht zusammen und lustig ist es auch nicht!“, schimpfte sie.
Doch Cora ließ sich nicht beirren. „Geduld musst du haben, das wird schon noch lustig!“, meinte sie.
„Na gut“, sagte Jule und fing wieder an zu lesen:
In einer Waldhütte in den Bergen lebte der kleine dicke Bär Valentin…
„Halt! Du musst an der Stelle wieder anfangen, an der du vorhin aufgehört hast. Sonst macht es doch keinen Sinn!“, rief Cora dazwischen.
Wütend klappte Jule das Buch zu und warf es auf den Rasen.
„Du willst mir nur beweisen, dass du besser lesen kannst als ich. Für mich macht es keinen Sinn, das mit dir zu spielen, du Streberin. Das sagen alle in der Klasse und sie haben wohl recht!“, rief sie und dicke Tränen standen ihr in den Augen vor lauter Wut.
Cora wusste nicht, wie ihr geschah. Was war denn nun auf einmal los? Sie hatte doch nur spielen wollen und außerdem fand sie, dass die Freundin gut lesen konnte. Sie konnte nicht ahnen, wie anstrengend es für Jule war, sich auf einen Text zu konzentrieren. Das Lesen ging für sie eben nicht so leicht wie für Cora. Sie musste zu Hause immer wieder üben, üben und nochmals üben.
Das hatte sie aber noch nie jemandem erzählt. Wer möchte schon gern für einen Dummkopf gehalten werden.
„Jule, ich dachte, es ist ein lustiges Spiel. Es tut mir leid, wenn es dir keinen Spaß macht. Spielen wir eben etwas anderes!“, schlug Cora vor, die auf keinen Fall Streit mit der Freundin haben wollte. Aber Jule wollte nicht mehr spielen. Eigentlich wollte sie nur noch ihre Ruhe haben. Aber sie konnte Cora doch nicht wegschicken. Jule war ratlos.
Die Lage entspannte sich, als Jules Mama mit einem Teller leckerer Waffeln erschien.
„So, ihr Zwei, hier habe ich einen kleinen Snack für euch. Lasst es euch schmecken!“, sagte sie, bemerkte aber die angespannte Stimmung und als sie in Jules Augen sah, erblickte sie die Tränen, die dort ein Hochwasser auslösten und dann prompt über das Gesicht der Tochter strömten.
Entsetzt schaute Cora die Freundin an und stammelte: „Ich habe gar nichts gemacht! Jule, sag deiner Mama doch, dass ich gar nichts gemacht habe.“
„Hat sie nicht!“, sagte Jule unter Tränen.
Mama reichte ihr ein Taschentuch und dann beruhigte sie Cora. „Wir klären das schon, ich bin sicher, dass es nicht deine Schuld ist.“
Als Jule sich beruhigt hatte, erzählte sie von dem Spiel, und dass es ihr so schwergefallen sei, den Text zu lesen und das Spiel zu verstehen und darüber habe sie sich so geärgert, dass sie Cora die Schuld gegeben hätte, obwohl die nun gar nichts dafür konnte.
„Weißt du Cora, Jule kann sich schlecht konzentrieren und hat Probleme beim Lesen. Aber sie macht es mittlerweile schon recht gut und es wird immer ein wenig besser. Man nennt das eine Leseschwäche und es gibt viele Kinder, die das haben.“
Cora nickte. Das verstand sie ja, aber warum hatte Jule ihr das nie erzählt, dann hätte sie doch nicht dieses Spiel vorgeschlagen. Nicht lag ihr ferner, als die Freundin bloßzustellen.
„Es tut mir leid!“, flüsterte sie und reichte Jule die Hand.
„Das muss es nicht! Es war blöd von mir. Ich hätte dir sagen müssen, dass ich dieses Leseproblem habe. Das konntest du doch nicht wissen.“

Nachdem sich Jule und Cora die Waffeln hatten schmecken lassen, beschlossen sie, von nun an, nie wieder etwas zu verschweigen, was zu Missverständnissen führen könnte. Jule war auch erleichtert, dass Cora das mit der Leseschwäche gar nicht schlimm fand und insgeheim ärgerte sie sich über sich selbst. Schließlich hatte sie Cora als Streberin beschimpft, das war auch nicht nett gewesen.
Aber eine echte Freundschaft hält so etwas aus, man muss einfach nur drüber reden.

© Regina Meier zu Verl 2022

Gewissensbisse – Reizwortgeschichten

Anruf, Plan, nachdenklich, traurig, glücklich
Das waren die Wörter, die dieses Mal verarbeitet werden mussten.
Lest bitte auch bei meinen Mitschreiberinnen:
Lore
Martina

Gewissensbisse

„Gestern habe ich Gitta besucht. Sie war merkwürdig!“, erzählt Mona ihrer Freundin Claire.
„Wieso denn? Was meinst du?“, will Claire wissen. Sie drückt auf den Knopf der Kaffeemaschine, die sofort mit lautem Getöse ihre Arbeit beginnt.
„Ach egal, erzähle ich später!“, brüllt Mona. Es macht ihr keinen Spaß, gegen den Lärm anzureden und außerdem weiß sie nicht, ob sie Claire damit belasten sollte. Es handelt sich nur um ihre eigene Empfindung, eine Vermutung, die nicht belegbar ist. Auf jeden Fall hat der Besuch sie nachdenklich gemacht.
Claire stellt die beiden Tassen auf den Tisch, gibt ein wenig aufgeschäumte Milch dazu und streut eine Prise Kakaopuder auf den Milchberg.
„So, jetzt kannst du erzählen. Was ist merkwürdig?“, Claire nimmt einen Schluck Kaffee und schaut Mona erwartungsvoll an.
„Ach, vielleicht bilde ich es mir ein. Ich glaube, dass Gitta depressiv ist!“, sagte Mona.
„Sind wir das nicht alle?“ Claire verdreht die Augen. Sie hat keine Lust auf Problemgespräche.
„Nein, sind wir nicht. Ich jedenfalls bin nicht depressiv! Ich bin zwar mal traurig, dann wieder glücklich, ganz normal eben“, erwidert Mona und beschließt, das Thema zu beenden. „Lecker, dein Kaffee!“
Claire reagiert nicht, ihre Augen blicken in die Ferne, so, als sei sie gar nicht im Raum.
„Claire?“, fragt Mona und wedelt mit den Armen vor ihren Augen.
„Gitta ist einsam!“, sagt Claire schließlich. „Das solltest du aber längst bemerkt haben, es ist schon lange so“, Claire taucht einen Keks in den Kaffee.
„Natürlich weiß ich das, kann es aber auch nicht ändern!“, sagt Mona, die sich ertappt fühlt. Sie überlegt, wie lange es her ist, dass sie Gitta das letzte Mal besucht hat. „Drei Monate!“, sagt sie, als es ihr einfällt.
Claire schaut sie fragend an.
„Drei Monate sind vergangen, seit meinem letzten Besuch bei ihr“, gesteht Mona kleinlaut.
Die beiden schweigen und gehen eine Weile ihren eigenen Gedanken nach.
„So ein kleiner Anruf ab und zu täte gar nicht weh“, sagt Claire. Mona nickt zustimmend.
„Weißt du, dass sie sich selbst Postkarten schreibt?“, fragt Mona dann.
Claire nickt. „Habe ich mir gedacht, als ich die unzähligen Karten an ihrer Pinwand gesehen habe“, sagt sie. „Warum macht sie das?“
Mona zuckt mit den Schultern.
„Wie soll ich das wissen? Vielleicht tut es ihr gut, wenn mal eine Karte im Postkasten liegt, statt der Rechnungen oder Werbeprospekte.“, mutmaßt sie.
„Wir müssen was tun!“ Entschlossen steht Claire auf und setzt die Kaffeemaschine erneut in Bewegung. „Lass uns überlegen, was wir machen können!“, schlägt sie vor.
„Okay, wir machen einen Plan!“ Mona ist sofort einverstanden, sie liebt Pläne und To Do-Listen. Sie holt ihr Notizbuch aus der Handtasche, um festzuhalten, was gemacht werden soll.
„Also?“, Mona sieht Claire erwartungsvoll an.
„Also was?“
„Na, was machen wir zuerst?“
Claire überlegt.
„Wir laden sie ein!“
„Wozu laden wir sie ein?“
„Kinoabend?“, fragt Claire unsicher.
„Finde ich gut, für den Anfang. Reden kann man da nicht, aber vielleicht will Gitta das ja auch gar nicht. Außerdem sollte sie nicht merken, dass wir uns abgesprochen haben. Das ist ihr sicher nicht recht.“, sagt Mona.
Claire stimmt ihr zu und greift zum Telefon.
„Am besten machen wir das sofort!“, beschließt sie und wählt Gittas Nummer.
Als sie den Anrufbeantworter vernimmt, legt sie wieder auf.
„Warum hast du ihr nicht drauf gesprochen?“, fragt Mona.
„Ich hatte plötzlich eine bessere Idee. Wir fahren hin, jetzt!“

Wie sich herausstellt, war es eine richtig gute Idee. Ein Strahlen geht über Gittas Gesicht, als sie den Freundinnen die Tür öffnet.
„Kommt rein!“, sagt sie. „Ich habe mir gerade einen Tee gekocht, mögt ihr auch einen?“
Als sie die Küche betreten, liegt der Tisch voller Postkarten. Einige liegen auf einer Glasscheibe.
„Was wird das?“, fragt Mona.
„Etwas ganz Großartiges!“, verrät Gitta und erklärt, dass sie im Wartezimmer ihres Arztes ein Bild gesehen hat, das viele, viele Postkarten auf der einen Seite hatte und daneben eines, das die Rückseiten von handgeschriebenen Postkarten zeigte.
„Und die Bilderrahmen hatten beide von hinten Glas, so dass man jederzeit auch die jeweiligen Rückseiten sehen konnte. Ich fand das so toll, dass ich das unbedingt auch machen wollte und so habe ich all meine Postkarten zusammengesucht, um mir selbst so ein Kunstwerk zu schaffen. Von euch beiden sind auch Karten dabei! Wie gut, dass ich alle immer gut aufgehoben habe, da kommt im Laufe der Jahre einiges zusammen.“

Mona und Claire schauen sich verdutzt an, dann lachen beide laut los. Das klingt so fröhlich, ja beinahe erleichtert, dass Gitta mit einstimmt und eigentlich gar nicht weiß, worüber sie lacht. Aber das ist eigentlich egal, jedenfalls in diesem Moment!

© Regina Meier zu Verl

Begegnung unterm Apfelbaum

Begegnung unterm Apfelbaum

Begegnung unterm Apfelbaum

Johannes lag mit geschlossenen Augen im Gras. Auf seinem Gesicht spürte er die warme Sonne. Welch ein wohliges Gefühl. Mit keinem Geld der Welt war das zu bezahlen, so schön. Dass sich über seinem Kopf ein kleines Drama anbahnte, ahnte Johannes nicht. Dort oben, im Apfelbaum konnte sich eine dieser dicken, reifen Früchte nicht mehr an ihrem Stängel halten und fiel … pardauz, dem Johannes auf den Kopf!
Aua! Erschreckt setzte er sich auf und tastete mit der Hand über die schmerzende Stelle über der Stirn. Wütend ließ er seinen Blick durch den Garten streifen und suchte nach dem Übeltäter.
Ein Kichern ertönte.
„Darf das denn wahr sein?“, rief Johannes verärgert. „Wer lacht mich da aus? Diese Schmerzen gönne ich meinem ärgsten Feind nicht und du? Du lachst! Wo bist du überhaupt?“
„Hier unten, guck doch mal neben dich.“
Johannes ließ seinen Blick durch das Gras neben sich gleiten und entdeckte eine Schnecke.
Sie trug ein sehr schön geformtes Haus und hochaufgerichtet mit weit ausgestreckten Fühlern sah sie zu ihm auf und … tatsächlich sie grinste.
„Hast du mich etwa ausgelacht?“
„Ja, du hast wirklich komisch ausgesehen, als der Apfel auf deinen Kopf fiel.“
„Ein Apfel hat mich getroffen?“
„Ja, besser dich als mich, ich wäre platt gewesen. Da hinten liegt er. Guck mal!“
Johannes schaute in die Richtung, die ihm die Schnecke deutete und tatsächlich, da lag ein wunderbarer Apfel im Gras, einer mit leuchtend roten Wangen. So richtig zum Reinbeißen sah er aus und das tat Johannes dann auch, nachdem er ihn auf seiner Hose abgewischt und poliert hatte.
„Koste mal!“, sagte Johannes und hielt der Schnecke den Apfel hin.
„Lieber nicht“, meinte die Schnecke bescheiden. Es klang ein wenig traurig.
„Du würdest dich ekeln, selbst nochmal hinein zu beißen. Alle Menschen ekeln sich vor mir!“, sagte sie leise.
Johannes betrachtete die kleine Schnecke und auch die Schleimspur, dies sie im Gras hinterlassen hatte und wusste im Moment nicht was er sagen sollte, denn anlügen wollte er sie nicht.
Doch dann sah er in das kleine süße und freundliche Gesicht und er lächelte.
„Nein ich ekle mich nicht!“
Er hielt ihr den Apfel hin und forderte sie auf. „Beiß hinein!“
„Brich mir doch ein Stückchen ab, dann können wir gemeinsam essen!“, bat ihn die Schnecke. „Es speist sich schöner in Gesellschaft, findest du nicht?“
Sie war klug, die kleine Schnecke. Sie wollte nicht riskieren, dass Johannes nicht mehr weiteressen würde, wenn sie erstmal abgebissen hatte vom Apfel. Außerdem würde sie es nicht schaffen, dann den Rest des Apfels zu verputzen, dafür war sie viel zu klein und der wunderbare Apfel würde im Gras verfaulen, wenn ihn nicht die gefräßigen Krähen holen würden.
Johannes brach ein kleines Stückchen ab und legte es ins Gras, dann biss er mit seinen kräftigen Zähnen in den Apfel. Während er kaute, beobachtete er seine Freundin, die an dem Apfelstückchen mehr leckte als biss.
„Hast du eigentlich Zähne?“, fragte Johannes neugierig.
Die Schnecke kicherte. „Klar, jede Menge Zähne habe ich, die sind alle auf meiner Zunge und wenn ich esse, dann raspeln die Zähnchen meine Nahrung, so dass ich sie nur noch schlucken muss. Praktisch, nicht wahr?“
Das fand Johannes auch und er wollte noch viel mehr über die Schnecken wissen. Deshalb verabredeten sich die beiden gleich für den nächsten Tag an der gleichen Stelle.
Zu Hause las Johannes in seinem Kinderlexikon nach, was es mit den Zähnen und der Raspel auf sich hatte. Er erfuhr, dass die ‚Zunge‘ einer Schnecke Radula heißt und sich auf ihr bis zu 25.000 kleine Haken oder Zähnchen befinden, die Nahrung raspeln.
„Ach Schneckchen, ich habe dich gar nicht nach deinem Namen gefragt!“, seufzte Johannes, als er am Abend in seinem Bett lag. Er stellte sich vor, wie die Schnecke gemütlich in ihrem Häuschen lag und vielleicht auch an ihn dachte, könnte ja sein.
„Morgen werde ich dich nach deinem Namen fragen“, murmelte Johannes und dann schlief er ein. Von wem er in dieser Nacht geträumt hat, das muss ich euch sicher nicht erzählen, oder?

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle congerdesign/pixabay

Auf der Schatzinsel

Auf der Schatzinsel

Wir sind eine tolle Truppe, Pia, Joe, Evi und ich.
Mein Name ist Fynn, ich bin der Kapitän der Mannschaft und ein richtiges Boot haben wir auch, die „Flotte Liese“.
Im Sommer paddeln wir mit der Liese auf dem See herum und ab und zu ankern wir an unserer Schatzinsel. Das dürfen wir nicht, denn die Insel gehört dem Angelverein. Wehe, wenn die uns erwischen.
Aber es ist einfach zu schön, auf der Insel zu spielen. Man kann sich herrlich verstecken und einmal haben wir sogar einen richtigen Schatz gefunden.
Das war so: Unsere Liese hatten wir im Schilf versteckt und Pia hatte einen Picknickkorb mitgebracht. Wir suchten uns ein schönes Plätzchen und verspeisten die leckeren Butterbrote, die Pias Mama extra für uns gemacht hatte. Dazu gab es für jeden ein Trinkpäckchen.
Bevor wir aufbrechen wollten, musste ich mal schnell in die Büsche. Ihr wisst schon! Als ich dort so stand, fiel mein Blick auf eine Brieftasche, die dort im Gras lag. Ich hob sie auf und entdeckte jede Menge Geldscheine darin und einen Führerschein.
„Schaut her, wir sind reich!“, weihte ich die anderen ein und spielte mich mächtig auf.
„Jetzt können wir unsere Liese neu streichen und obendrein noch Funkgeräte anschaffen. Die wünschen wir uns doch schon lange!“
Evi nahm die Brieftasche genauer unter die Lupe.
„Das geht doch nicht, die Brieftasche gehört einem Herrn Forste, das steht hier auf dem Führerschein. Den kenne ich sogar.“
„Ich auch!“, rief Joe aufgeregt. „Das ist doch der Mann aus dem Kiosk am Bahnhof.“
„Wir müssen die Brieftasche abgeben“, bestimmte Pia und das ärgerte mich unheimlich.
„Ich bin hier der Kapitän und habe zu bestimmen, was gemacht wird!“, schrie ich sie an und schämte mich gleich darauf ganz furchtbar. Natürlich hatte Pia Recht, wir mussten die Brieftasche abgeben.
„Aber es wird herauskommen, dass wir auf der Schatzinsel gespielt haben und dann sind wir dran!“, wandte ich ein.
„Dann müssen wir sie eben heimlich zurückgeben, ich weiß auch schon, wie wir das machen“, sagte Joe geheimnisvoll. Dann steckten wir die Köpfe zusammen und tuschelten.

Wir machten die „Flotte Liese“ vom Steg los und paddelten zum Seeufer. Evi bekam die Aufgabe, am Kiosk von Herrn Forste Kaugummi zu kaufen und Pia, sollte den Besitzer in ein Gespräch verwickeln, während Joe und ich uns von hinten anschlichen und die Brieftasche in den Postkasten steckten. Danach trafen wir die Mädchen am Boot wieder.
Es war ein gutes Gefühl, dass wir die Angelegenheit so klug gelöst hatten.
Zur Schatzinsel fuhren wir in den nächsten Wochen vorsichtshalber nicht. Wir hatten große Angst, dass uns die Piraten, die dort die Brieftasche versteckt hatten, auf die Schliche kamen und man konnte ja nie wissen, was sie mit uns gemacht hätten.

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Auf dem Weg zur Schatzinsel?, Foto © Andrea Oberdorfer

Aus den Augen verloren

Freundinnen
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Aus den Augen verloren

Birgit ist Beates beste Freundin. Die beiden Mädchen sind seit der Kindergartenzeit ein Herz und eine Seele. Jeden Nachmittag verbringen sie miteinander und ihre Mütter, die ebenfalls befreundet sind, fördern das gern.
Manchmal darf auch die eine bei der anderen übernachten. Das sind dann ganz besondere Tage für die Freundinnen. Mittlerweile sind sie in der vierten Klasse und sie wissen, dass sich zumindest ihre Schulwege nun bald trennen werden. Birgit wird zum Gymnasium gehen und Beate zur Realschule.
„Das macht nichts, wir treffen uns nachmittags und alles bleibt, wie es ist!“, behauptet Birgit gern. Sie glaubt fest daran, dass es so sein wird.
Beate ist skeptisch. Sie vertraut der Freundin, aber ihre Mutter hat gesagt, dass es ganz natürlich ist, dass jede von ihnen auch andere Freunde finden wird.
„Bis zu den Sommerferien sind es noch ein paar Wochen. Wir wollen uns das Leben nicht schon jetzt schwermachen“, schlägt Birgit vor. „Lass uns überlegen, wie wir das nächste Wochenende verbringen, dann bist du doch bei uns, weil deine Eltern verreisen!“
Ein Lächeln zeigt sich auf Beates eben noch besorgtem Gesicht. Ja, das Wochenende, das wird schön werden, denkt sie und schiebt die Schatten zur Seite.
„Wollen wir an unserer Geschichte weiterschreiben?“, fragt Birgit jetzt und Beate ist gleich Feuer und Flamme.
„Wir könnten schon ein paar Gedanken notieren und ab Samstag schreiben wir dann weiter!“
So machen sie es. Beate diktiert, Birgit schreibt.
„Du hast so eine tolle Handschrift“, lobt Beate die Freundin. Die wehrt ab.
„Deine ist genauso schön!“ Birgit lacht und nimmt Beate in den Arm. „Wir beide sind ein tolles Team, oder?“
„Ja, das sind wir und es soll immer so bleiben.“
Dann überlegen sie, was sie mit der fertigen Geschichte machen wollen, immerhin haben sie schon fast hundert Seiten in ihr Schulheft geschrieben.
„Wir schicken sie an einen Verlag und dann wird ein Buch draus gemacht und das verkaufen wir dann und schwups, sind wir reich!“, meint Beate und Birgit steigt in die Träumerei mit ein.
„Ja, genau und dann kaufen wir uns ein Haus am Meer und machen den ganzen Tag nichts anderes als schreiben, denken, schwimmen und Eis essen.“
„Und wir werden uns auf keinen Fall abweisen lassen. Wenn uns einer nicht will, dann hat er Pech gehabt und der nächste nimmt uns.“
Am folgenden Wochenende schreiben die Freundinnen gleich zwei neue Kapitel und sie sind sehr zufrieden mit ihrem Werk. Abends im Bett lesen sie sich gegenseitig aus ihrem Manuskript vor und markieren Stellen, die noch holprig klingen. Es wird eine Internatsgeschichte, so eine wie die von Hanni und Nanni. Diese Bücher lieben beide Mädchen über alles.
„Wenn wir fertig sind, schreiben wir die Geschichte noch einmal ab, damit jede von uns ein Exemplar hat“, schlägt Birgit vor und Beate nickt anerkennend. Ihre Freundin denkt eben an alles, das ist gut so.

25 Jahre später …

Beate Jäger faltet Umzugskartons. In vier Wochen will sie mit ihrem Mann und den Kindern aufs Land ziehen. Sie haben dort ein kleines Bauernhaus gekauft.
Es gibt noch viel zu tun. Beate nutzt die Zeit, in der die Familie aus dem Haus ist. Ihr bleiben einige Stunden, bis sie die Zwillinge von der Schule abholen wird.
Nach und nach verschwinden die Bücher aus den Regalen und landen in den Pappkisten. Bei der Gelegenheit wird sortiert, doch von kaum einem Buch mag sich Beate trennen. Liebevoll staubt sie die Buchrücken ab und immer wieder nimmt sie eines zur Hand und blättert darin. Erinnerungen werden wach. Im gleichen Moment, als sie an ihre alte Freundin Birgit denkt, hält sie eine bunte Kladde in der Hand. ‚Bea und Biggi im Internat’ steht auf dem Einband. Das hat Birgit geschrieben damals, als sie sich versprochen haben, sich niemals aus den Augen zu verlieren.
So lange war das her, irgendwann war der Kontakt abgerissen. Beate weiß nicht mehr, wann sie Birgit das letzte Mal gesehen hat. Vielleicht war es auf dem Abiball? Birgit hatte sie damals eingeladen. Danach war sie nach Göttingen gegangen und hatte dort studiert. Einmal kam eine Karte, danach war dann Funkstille. Beate selbst hatte nach dem Schulabschluss eine Banklehre gemacht. Ihren Mann hatte sie in der Bank kennengelernt und schon bald geheiratet.
Beate zieht ein Taschentuch aus ihrer Hosentasche und schnäuzt sich die Nase. Dann beginnt sie zu lesen. Sie lacht und weint bei der Lektüre ihres handschriftlichen Buches. Immer wieder sieht sie Birgit vor sich und es fühlt sich so an, als säße sie neben ihr.
Als sie zu Ende gelesen hat, steht Beate entschlossen aus. Sie ruft ihre Mutter an.
„Mutti, weißt du eigentlich, wo die Birgit jetzt wohnt?“
„Nein, das weiß ich nicht, ihre Eltern wohnen ja auch nicht mehr hier und so habe ich lange nichts mehr von ihr gehört. Monika meldet sich aber auch nicht bei mir – aus den Augen, aus dem Sinn!“, antwortet die Mutter.
„Dann haben wir wohl beide unsere besten Freundinnen aus den Augen verloren. Wollen wir das jetzt ändern?“, fragt Beate und ihre Mutter ist sofort einverstanden.
„Oh ja, lass uns das machen! Ich rufe Monika an und dann melde ich mich wieder bei dir. Sie wird mir sicher eine Anschrift oder Telefonnummer ihrer Tochter geben.“

Beate und Birgit sind nun wieder in regem Austausch miteinander. Sie planen, das Buch ihrer Jugendzeit zu überarbeiten und es dann drucken zu lassen. Vielleicht nur zwei Exemplare, das wissen sie aber noch nicht so genau.

© Regina Meier zu Verl

Reizwortgeschichte: Niklas, der große Freund

Lulatsch, Aussichtsturm, aufwachen, gefährlich, zornig
das sind die Wörter, die dieses Mal mit verarbeitet werden mussten. Bitte lest auch, was meine Kolleginnen dazu geschrieben haben!
Martina
Lore

Niklas, der große Freund
Irgendwie war es praktisch, einen Freund wie Niklas zu haben. Ich mochte Niklas aber nicht nur wegen des Vorteils, einen Überblick zu haben, wenn man mit ihm unterwegs war. Niklas war vermutlich fast zwei Meter groß und das, wo wir doch noch im Wachstum waren. Wenn ich da so an mich denke, ich war mit meinen dreizehn Jahren so klein, dass ich Niklas gerade mal bis zur Schulter reichte. Er hätte mir also bequem auf den Kopf spucken können. Das tat er natürlich nicht, er war ja mein Freund.
Manche aus unserer Schule ärgerten Niklas gern. Das waren die, die ihn nicht näher kannten. Er war nämlich ein richtig guter Kumpel und hatte es nicht verdient, geärgert zu werden. Niklas überhörte die meisten Neckereien und grinste. Allerdings wenn jemand „langer Lulatsch“ zu ihm sagte, dann wurde er zornig, aber so richtig! Seine Augen funkelten dann gefährlich. Das reichte meist schon, um denjenigen in die Flucht zu schlagen, der sich die Neckerei erlaubt hatte.
Papa sagte mal, dass der lange Lulatsch der volkstümliche Name des Funkturms in Berlin sei und das sei doch nichts Schlechtes. Ich sollte doch Niklas mal davon erzählen. Aber zuerst wollte ich etwas mehr darüber wissen und schaute im Internet nach, was man über den Funkturm erfahren konnte. Richtig gut fand ich, dass dieser Turm eines der Wahrzeichen der Stadt Berlin ist. Ein Wahrzeichen ist doch etwas Gutes, nicht wahr? Es ist etwas, an das man sich erinnert, wenn man es einmal gesehen hat.
146,7 Meter ist er hoch, also ungefähr 144,7 Meter höher als Niklas und er hat auf der Höhe von 50 Metern ein Turmrestaurant und eine Aussichtsplattform ganz oben. Er ist also nicht nur ein Funkturm, sondern auch ein Aussichtsturm. Ein wenig ähnelt er dem Pariser Eiffelturm, den habe ich schon gesehen, als ich mit meinen Eltern einen Urlaub in Frankreich gemacht habe. Der ist aber höher, viel höher, nämlich 324 Meter.
Zur feierlichen Öffnung des Berliner Funkturms „Langer Lulatsch“, wurde sogar ein Gedicht gesprochen und als ich das gelesen hatte, kam mir eine gute Idee. Ich wollte Niklas auch ein Gedicht schreiben, eines, das ihn so richtig freuen sollte. Ich machte mich ans Werk und als ich am Abend mit hochrotem Kopf zum Essen in die Küche kam, fasste mir meine Mutter an die Stirn, weil sie vermutete, dass ich Fieber haben könnte.
„Ach, Mama, lass doch! Ich habe ein Gedicht geschrieben, das war schwere Arbeit!“, erklärte ich ihr. Mama konnte das gut verstehen, denn sie schrieb auch Gedichte. Sie bat mich, mein Gedicht doch einmal vorzulesen. Das wollte ich aber nicht so gern.
„Ich möchte noch eine Nacht drüber schlafen!“, sagte ich und auch das verstand Mama.
„Okay, mein Junge, dann morgen, versprochen?“
Ich versprach es ihr, und als ich am nächsten Morgen aufwachte, fand ich mein Gedicht immer noch ganz gelungen. Es geht so:

Es ist von Vorteil, wenn man groß ist,
weil man dann immer sieht, was los ist.
Ich weiß, dass ich in deiner Nähe
viel mehr als alle andren sehe.
Du wirst schon alles überschauen
und ich kann dir beruhigt vertrauen.
Drum sag ich heute danke schön,
fürs „Immerfürmichmitsehn“!

Dein Freund
Lukas
Eigentlich wollte ich drunter setzen: Ich bin ein kurzer Lukas und du ein langer Lulatsch – aber das habe ich mich dann doch nicht getraut. Über das, was ich ihm zum Funkturm erzählt habe, hat er sich gefreut und das Gedicht hängt eingerahmt über seinem Bett, klasse, oder?

© Regina Meier zu Verl

Vom Käfer, der nicht wusste, dass er fliegen kann

Vom Käfer, der nicht wusste, dass er fliegen kann

Das Marienkäferchen war völlig erschöpft. Den ganzen Tag war es nun schon gekrabbelt und kaum vorangekommen.
„Ach, ist das mühselig“, dachte es und krabbelte mit letzter Kraft einen Grashalm hoch und schaute sich um.
Auf einem Halm nebenan saß eine Fliege, die sich putzte.
„Na du!“, sagte der Marienkäfer. „Hattest du auch so einen anstrengenden Tag?“
„Das kann man wohl sagen“, antwortete die Fliege und breitete ihre Flügel aus. „Ich hätte beinahe mein Leben lassen müssen.“
„Oh, das tut mir leid. Wie kam das denn?“, fragte das Marienkäferchen mitleidig und vergaß seinen eigenen Kummer.
„Nun ja“, antwortete die Fliege, „ich hatte es mir gerade auf der Fensterbank in der Sonne gemütlich gemacht, als eine Fliegenklatsche auf mich hinab sauste. Ich bemerkte es gerade noch rechtzeitig und bin schnell weggeflogen.“
„Du hast es gut, du kannst fliegen!“, sagte das Käferchen traurig.
Die Fliege schaute es mit großen Augen an.
„Das kannst du doch auch, oder etwa nicht?“, fragte sie überrascht.
„Ich? Ich kann das nicht, ich bin doch ein Krabbelkäfer. Den ganzen Tag klettere ich schon die Grashalme rauf und wieder runter. Kannst du dir vorstellen, wie anstrengend das ist?“
Die Fliege lachte. Sie konnte gar nicht mehr aufhören damit.
Das Käferchen war beleidigt. „Was lachst du denn so blöd?“
„Mein lieber Marienkäfer, du kannst fliegen, du weißt es nur noch nicht. Wie kann man nur so dumm sein?“
Sie hielt sich den Bauch vor Lachen. Dann schämte sie sich aber doch ein bisschen und bot an: „Ich werde es dir zeigen, wenn du willst!“
Natürlich wollte das Käferchen das gern lernen.
„Schau her, du breitest die Flügel aus und beginnst damit zu schlagen, immer hoch und runter, guck her, so!“ Die Fliege machte es vor und hob sich in die Luft.
Das Käferchen tat es ihr nach und siehe da, ein wenig schwerfällig noch, aber mit der Zeit immer leichter werdend, flog es und summte dabei vor Freude.
Es ist doch schön, wenn da jemand ist, der dir sagt, was du alles kannst – wenn du selbst es noch nicht weißt oder an dir zweifelst, oder?

© Regina Meier zu Verl

Glückskäfer, pardon, Marienkäfer auf einer Löwenzahnblüte, Foto © Elke Bräunling

Michel und Isabella – Ein Katzenfrühling

Michel und Isabella – Ein Katzenfrühling

Michel schleicht durch den Garten. Er ist enttäuscht. Nicht ein einziges Mäuschen ist zu sehen. Dabei hat Michel so eine große Lust zu jagen. Es dürfte auch ein Vogel sein, aber nirgends piepst oder singt es. Mucksmäuschenstill ist es draußen. Der Rasen ist mit Schnee zugedeckt, kein Grün, kein Bunt. Michel mag das nicht. Er sehnt sich nach dem Frühling.

Auf der Brücke am Gartenteich sitzt Isabella, die rote Katze vom Nachbarn. Anmutig putzt sie ihr Fell. Michel bleibt in Deckung hinter dem Kirschlorbeer und beobachtet das Katzenmädchen. Ihm wird warm ums Herz. Vergessen sind Mäusehäppchen oder Geflügelleckerchen. Eine neue Sehnsucht erwacht und deutlich spürt er den Frühling in seinem Blut. Es pocht und wallt, es knistert und kichert so laut, dass Isabella es hören könnte. Das denkt der Michel jedenfalls.
Doch das Katzenmädchen schaut nicht einmal auf. Unbeirrt putzt es weiter sein leuchtendes Fell.
„Sie ist so wunderschön“, denkt Michel und ein tiefer Seufzer entfährt seiner Kehle. Isabella schaut erschrocken auf, wartet einen Moment und widmet sich dann wieder ihrer Schönheitspflege.
„Wie soll ich mich ihr nähern?“, denkt Michel. Da fällt ihm ein, dass er wunderschön singen kann und das will er gleich einmal ausprobieren. Irgendwie musste Isabella doch zu beeindrucken sein.
„Mi, mi, mi, mi“, macht er vorsichtig und dann singt er:

Du schönste aller Katzen,
du Salz in meiner Suppe,
vom Himmel fällt für dich
vom Sternchen eine Schnuppe.
Ich liebe dich, du Schöne,
willst du es auch nicht glauben.
Es fehlen mir die Töne,
du wirst den Schlaf mir rauben.
Erhör mich, Isabellaschatz.
Ich reich dir meine Tatze.
An meiner Seite ist dein Platz,
du wunderschöne Katze.

Isabella hat sich aufgerichtet und lauscht dem Gesang, der nicht schön, aber doch sehr inhaltvoll ist. Welcher Katze gefällt es nicht, wenn man ihr ein Lied widmet und auch, wenn sie den Michel bisher nicht sonderlich gut leiden konnte, fühlt sie sich geschmeichelt.
„Komm her, du kleiner Charmeur“, ruft sie deshalb leise und das lässt der Michel sich nicht zweimal sagen.

Den Rest des Winters und den Frühling haben die beiden miteinander verbracht und als im Mai der Nachwuchs das Licht der Welt erblickte, schien das Glück perfekt. Doch – Katzen sind nicht treu, nein. Als Isabella noch im Wochenbett mit den Kleinen beschäftigt war, entflammte Michels Herz für ein anderes Katzenmädchen. Nur eines muss man dem Michel lassen: Er hat niemals ein Lied zweimal gesungen, sondern stets ein neues erfunden, wenn er sich neu verliebte. Das ist doch auch was, oder?

© Regina Meier zu Verl

Zeichnung Judith Meier zu Verl

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Bildquelle guvo59/pixabay