Begegnung unterm Apfelbaum

Begegnung unterm Apfelbaum

Begegnung unterm Apfelbaum

Johannes lag mit geschlossenen Augen im Gras. Auf seinem Gesicht spürte er die warme Sonne. Welch ein wohliges Gefühl. Mit keinem Geld der Welt war das zu bezahlen, so schön. Dass sich über seinem Kopf ein kleines Drama anbahnte, ahnte Johannes nicht. Dort oben, im Apfelbaum konnte sich eine dieser dicken, reifen Früchte nicht mehr an ihrem Stängel halten und fiel … pardauz, dem Johannes auf den Kopf!
Aua! Erschreckt setzte er sich auf und tastete mit der Hand über die schmerzende Stelle über der Stirn. Wütend ließ er seinen Blick durch den Garten streifen und suchte nach dem Übeltäter.
Ein Kichern ertönte.
„Darf das denn wahr sein?“, rief Johannes verärgert. „Wer lacht mich da aus? Diese Schmerzen gönne ich meinem ärgsten Feind nicht und du? Du lachst! Wo bist du überhaupt?“
„Hier unten, guck doch mal neben dich.“
Johannes ließ seinen Blick durch das Gras neben sich gleiten und entdeckte eine Schnecke.
Sie trug ein sehr schön geformtes Haus und hochaufgerichtet mit weit ausgestreckten Fühlern sah sie zu ihm auf und … tatsächlich sie grinste.
„Hast du mich etwa ausgelacht?“
„Ja, du hast wirklich komisch ausgesehen, als der Apfel auf deinen Kopf fiel.“
„Ein Apfel hat mich getroffen?“
„Ja, besser dich als mich, ich wäre platt gewesen. Da hinten liegt er. Guck mal!“
Johannes schaute in die Richtung, die ihm die Schnecke deutete und tatsächlich, da lag ein wunderbarer Apfel im Gras, einer mit leuchtend roten Wangen. So richtig zum Reinbeißen sah er aus und das tat Johannes dann auch, nachdem er ihn auf seiner Hose abgewischt und poliert hatte.
„Koste mal!“, sagte Johannes und hielt der Schnecke den Apfel hin.
„Lieber nicht“, meinte die Schnecke bescheiden. Es klang ein wenig traurig.
„Du würdest dich ekeln, selbst nochmal hinein zu beißen. Alle Menschen ekeln sich vor mir!“, sagte sie leise.
Johannes betrachtete die kleine Schnecke und auch die Schleimspur, dies sie im Gras hinterlassen hatte und wusste im Moment nicht was er sagen sollte, denn anlügen wollte er sie nicht.
Doch dann sah er in das kleine süße und freundliche Gesicht und er lächelte.
„Nein ich ekle mich nicht!“
Er hielt ihr den Apfel hin und forderte sie auf. „Beiß hinein!“
„Brich mir doch ein Stückchen ab, dann können wir gemeinsam essen!“, bat ihn die Schnecke. „Es speist sich schöner in Gesellschaft, findest du nicht?“
Sie war klug, die kleine Schnecke. Sie wollte nicht riskieren, dass Johannes nicht mehr weiteressen würde, wenn sie erstmal abgebissen hatte vom Apfel. Außerdem würde sie es nicht schaffen, dann den Rest des Apfels zu verputzen, dafür war sie viel zu klein und der wunderbare Apfel würde im Gras verfaulen, wenn ihn nicht die gefräßigen Krähen holen würden.
Johannes brach ein kleines Stückchen ab und legte es ins Gras, dann biss er mit seinen kräftigen Zähnen in den Apfel. Während er kaute, beobachtete er seine Freundin, die an dem Apfelstückchen mehr leckte als biss.
„Hast du eigentlich Zähne?“, fragte Johannes neugierig.
Die Schnecke kicherte. „Klar, jede Menge Zähne habe ich, die sind alle auf meiner Zunge und wenn ich esse, dann raspeln die Zähnchen meine Nahrung, so dass ich sie nur noch schlucken muss. Praktisch, nicht wahr?“
Das fand Johannes auch und er wollte noch viel mehr über die Schnecken wissen. Deshalb verabredeten sich die beiden gleich für den nächsten Tag an der gleichen Stelle.
Zu Hause las Johannes in seinem Kinderlexikon nach, was es mit den Zähnen und der Raspel auf sich hatte. Er erfuhr, dass die ‚Zunge‘ einer Schnecke Radula heißt und sich auf ihr bis zu 25.000 kleine Haken oder Zähnchen befinden, die Nahrung raspeln.
„Ach Schneckchen, ich habe dich gar nicht nach deinem Namen gefragt!“, seufzte Johannes, als er am Abend in seinem Bett lag. Er stellte sich vor, wie die Schnecke gemütlich in ihrem Häuschen lag und vielleicht auch an ihn dachte, könnte ja sein.
„Morgen werde ich dich nach deinem Namen fragen“, murmelte Johannes und dann schlief er ein. Von wem er in dieser Nacht geträumt hat, das muss ich euch sicher nicht erzählen, oder?

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle congerdesign/pixabay

Auf der Schatzinsel

Auf der Schatzinsel

Wir sind eine tolle Truppe, Pia, Joe, Evi und ich.
Mein Name ist Fynn, ich bin der Kapitän der Mannschaft und ein richtiges Boot haben wir auch, die „Flotte Liese“.
Im Sommer paddeln wir mit der Liese auf dem See herum und ab und zu ankern wir an unserer Schatzinsel. Das dürfen wir nicht, denn die Insel gehört dem Angelverein. Wehe, wenn die uns erwischen.
Aber es ist einfach zu schön, auf der Insel zu spielen. Man kann sich herrlich verstecken und einmal haben wir sogar einen richtigen Schatz gefunden.
Das war so: Unsere Liese hatten wir im Schilf versteckt und Pia hatte einen Picknickkorb mitgebracht. Wir suchten uns ein schönes Plätzchen und verspeisten die leckeren Butterbrote, die Pias Mama extra für uns gemacht hatte. Dazu gab es für jeden ein Trinkpäckchen.
Bevor wir aufbrechen wollten, musste ich mal schnell in die Büsche. Ihr wisst schon! Als ich dort so stand, fiel mein Blick auf eine Brieftasche, die dort im Gras lag. Ich hob sie auf und entdeckte jede Menge Geldscheine darin und einen Führerschein.
„Schaut her, wir sind reich!“, weihte ich die anderen ein und spielte mich mächtig auf.
„Jetzt können wir unsere Liese neu streichen und obendrein noch Funkgeräte anschaffen. Die wünschen wir uns doch schon lange!“
Evi nahm die Brieftasche genauer unter die Lupe.
„Das geht doch nicht, die Brieftasche gehört einem Herrn Forste, das steht hier auf dem Führerschein. Den kenne ich sogar.“
„Ich auch!“, rief Joe aufgeregt. „Das ist doch der Mann aus dem Kiosk am Bahnhof.“
„Wir müssen die Brieftasche abgeben“, bestimmte Pia und das ärgerte mich unheimlich.
„Ich bin hier der Kapitän und habe zu bestimmen, was gemacht wird!“, schrie ich sie an und schämte mich gleich darauf ganz furchtbar. Natürlich hatte Pia Recht, wir mussten die Brieftasche abgeben.
„Aber es wird herauskommen, dass wir auf der Schatzinsel gespielt haben und dann sind wir dran!“, wandte ich ein.
„Dann müssen wir sie eben heimlich zurückgeben, ich weiß auch schon, wie wir das machen“, sagte Joe geheimnisvoll. Dann steckten wir die Köpfe zusammen und tuschelten.

Wir machten die „Flotte Liese“ vom Steg los und paddelten zum Seeufer. Evi bekam die Aufgabe, am Kiosk von Herrn Forste Kaugummi zu kaufen und Pia, sollte den Besitzer in ein Gespräch verwickeln, während Joe und ich uns von hinten anschlichen und die Brieftasche in den Postkasten steckten. Danach trafen wir die Mädchen am Boot wieder.
Es war ein gutes Gefühl, dass wir die Angelegenheit so klug gelöst hatten.
Zur Schatzinsel fuhren wir in den nächsten Wochen vorsichtshalber nicht. Wir hatten große Angst, dass uns die Piraten, die dort die Brieftasche versteckt hatten, auf die Schliche kamen und man konnte ja nie wissen, was sie mit uns gemacht hätten.

© Regina Meier zu Verl

Auf dem Weg zur Schatzinsel?, Foto © Andrea Oberdorfer

Aus den Augen verloren

Freundinnen
Bildquelle Pezibear/pixabay

Aus den Augen verloren

Birgit ist Beates beste Freundin. Die beiden Mädchen sind seit der Kindergartenzeit ein Herz und eine Seele. Jeden Nachmittag verbringen sie miteinander und ihre Mütter, die ebenfalls befreundet sind, fördern das gern.
Manchmal darf auch die eine bei der anderen übernachten. Das sind dann ganz besondere Tage für die Freundinnen. Mittlerweile sind sie in der vierten Klasse und sie wissen, dass sich zumindest ihre Schulwege nun bald trennen werden. Birgit wird zum Gymnasium gehen und Beate zur Realschule.
„Das macht nichts, wir treffen uns nachmittags und alles bleibt, wie es ist!“, behauptet Birgit gern. Sie glaubt fest daran, dass es so sein wird.
Beate ist skeptisch. Sie vertraut der Freundin, aber ihre Mutter hat gesagt, dass es ganz natürlich ist, dass jede von ihnen auch andere Freunde finden wird.
„Bis zu den Sommerferien sind es noch ein paar Wochen. Wir wollen uns das Leben nicht schon jetzt schwermachen“, schlägt Birgit vor. „Lass uns überlegen, wie wir das nächste Wochenende verbringen, dann bist du doch bei uns, weil deine Eltern verreisen!“
Ein Lächeln zeigt sich auf Beates eben noch besorgtem Gesicht. Ja, das Wochenende, das wird schön werden, denkt sie und schiebt die Schatten zur Seite.
„Wollen wir an unserer Geschichte weiterschreiben?“, fragt Birgit jetzt und Beate ist gleich Feuer und Flamme.
„Wir könnten schon ein paar Gedanken notieren und ab Samstag schreiben wir dann weiter!“
So machen sie es. Beate diktiert, Birgit schreibt.
„Du hast so eine tolle Handschrift“, lobt Beate die Freundin. Die wehrt ab.
„Deine ist genauso schön!“ Birgit lacht und nimmt Beate in den Arm. „Wir beide sind ein tolles Team, oder?“
„Ja, das sind wir und es soll immer so bleiben.“
Dann überlegen sie, was sie mit der fertigen Geschichte machen wollen, immerhin haben sie schon fast hundert Seiten in ihr Schulheft geschrieben.
„Wir schicken sie an einen Verlag und dann wird ein Buch draus gemacht und das verkaufen wir dann und schwups, sind wir reich!“, meint Beate und Birgit steigt in die Träumerei mit ein.
„Ja, genau und dann kaufen wir uns ein Haus am Meer und machen den ganzen Tag nichts anderes als schreiben, denken, schwimmen und Eis essen.“
„Und wir werden uns auf keinen Fall abweisen lassen. Wenn uns einer nicht will, dann hat er Pech gehabt und der nächste nimmt uns.“
Am folgenden Wochenende schreiben die Freundinnen gleich zwei neue Kapitel und sie sind sehr zufrieden mit ihrem Werk. Abends im Bett lesen sie sich gegenseitig aus ihrem Manuskript vor und markieren Stellen, die noch holprig klingen. Es wird eine Internatsgeschichte, so eine wie die von Hanni und Nanni. Diese Bücher lieben beide Mädchen über alles.
„Wenn wir fertig sind, schreiben wir die Geschichte noch einmal ab, damit jede von uns ein Exemplar hat“, schlägt Birgit vor und Beate nickt anerkennend. Ihre Freundin denkt eben an alles, das ist gut so.

25 Jahre später …

Beate Jäger faltet Umzugskartons. In vier Wochen will sie mit ihrem Mann und den Kindern aufs Land ziehen. Sie haben dort ein kleines Bauernhaus gekauft.
Es gibt noch viel zu tun. Beate nutzt die Zeit, in der die Familie aus dem Haus ist. Ihr bleiben einige Stunden, bis sie die Zwillinge von der Schule abholen wird.
Nach und nach verschwinden die Bücher aus den Regalen und landen in den Pappkisten. Bei der Gelegenheit wird sortiert, doch von kaum einem Buch mag sich Beate trennen. Liebevoll staubt sie die Buchrücken ab und immer wieder nimmt sie eines zur Hand und blättert darin. Erinnerungen werden wach. Im gleichen Moment, als sie an ihre alte Freundin Birgit denkt, hält sie eine bunte Kladde in der Hand. ‚Bea und Biggi im Internat’ steht auf dem Einband. Das hat Birgit geschrieben damals, als sie sich versprochen haben, sich niemals aus den Augen zu verlieren.
So lange war das her, irgendwann war der Kontakt abgerissen. Beate weiß nicht mehr, wann sie Birgit das letzte Mal gesehen hat. Vielleicht war es auf dem Abiball? Birgit hatte sie damals eingeladen. Danach war sie nach Göttingen gegangen und hatte dort studiert. Einmal kam eine Karte, danach war dann Funkstille. Beate selbst hatte nach dem Schulabschluss eine Banklehre gemacht. Ihren Mann hatte sie in der Bank kennengelernt und schon bald geheiratet.
Beate zieht ein Taschentuch aus ihrer Hosentasche und schnäuzt sich die Nase. Dann beginnt sie zu lesen. Sie lacht und weint bei der Lektüre ihres handschriftlichen Buches. Immer wieder sieht sie Birgit vor sich und es fühlt sich so an, als säße sie neben ihr.
Als sie zu Ende gelesen hat, steht Beate entschlossen aus. Sie ruft ihre Mutter an.
„Mutti, weißt du eigentlich, wo die Birgit jetzt wohnt?“
„Nein, das weiß ich nicht, ihre Eltern wohnen ja auch nicht mehr hier und so habe ich lange nichts mehr von ihr gehört. Monika meldet sich aber auch nicht bei mir – aus den Augen, aus dem Sinn!“, antwortet die Mutter.
„Dann haben wir wohl beide unsere besten Freundinnen aus den Augen verloren. Wollen wir das jetzt ändern?“, fragt Beate und ihre Mutter ist sofort einverstanden.
„Oh ja, lass uns das machen! Ich rufe Monika an und dann melde ich mich wieder bei dir. Sie wird mir sicher eine Anschrift oder Telefonnummer ihrer Tochter geben.“

Beate und Birgit sind nun wieder in regem Austausch miteinander. Sie planen, das Buch ihrer Jugendzeit zu überarbeiten und es dann drucken zu lassen. Vielleicht nur zwei Exemplare, das wissen sie aber noch nicht so genau.

© Regina Meier zu Verl

Reizwortgeschichte: Niklas, der große Freund

Lulatsch, Aussichtsturm, aufwachen, gefährlich, zornig
das sind die Wörter, die dieses Mal mit verarbeitet werden mussten. Bitte lest auch, was meine Kolleginnen dazu geschrieben haben!
Martina
Lore

Niklas, der große Freund
Irgendwie war es praktisch, einen Freund wie Niklas zu haben. Ich mochte Niklas aber nicht nur wegen des Vorteils, einen Überblick zu haben, wenn man mit ihm unterwegs war. Niklas war vermutlich fast zwei Meter groß und das, wo wir doch noch im Wachstum waren. Wenn ich da so an mich denke, ich war mit meinen dreizehn Jahren so klein, dass ich Niklas gerade mal bis zur Schulter reichte. Er hätte mir also bequem auf den Kopf spucken können. Das tat er natürlich nicht, er war ja mein Freund.
Manche aus unserer Schule ärgerten Niklas gern. Das waren die, die ihn nicht näher kannten. Er war nämlich ein richtig guter Kumpel und hatte es nicht verdient, geärgert zu werden. Niklas überhörte die meisten Neckereien und grinste. Allerdings wenn jemand „langer Lulatsch“ zu ihm sagte, dann wurde er zornig, aber so richtig! Seine Augen funkelten dann gefährlich. Das reichte meist schon, um denjenigen in die Flucht zu schlagen, der sich die Neckerei erlaubt hatte.
Papa sagte mal, dass der lange Lulatsch der volkstümliche Name des Funkturms in Berlin sei und das sei doch nichts Schlechtes. Ich sollte doch Niklas mal davon erzählen. Aber zuerst wollte ich etwas mehr darüber wissen und schaute im Internet nach, was man über den Funkturm erfahren konnte. Richtig gut fand ich, dass dieser Turm eines der Wahrzeichen der Stadt Berlin ist. Ein Wahrzeichen ist doch etwas Gutes, nicht wahr? Es ist etwas, an das man sich erinnert, wenn man es einmal gesehen hat.
146,7 Meter ist er hoch, also ungefähr 144,7 Meter höher als Niklas und er hat auf der Höhe von 50 Metern ein Turmrestaurant und eine Aussichtsplattform ganz oben. Er ist also nicht nur ein Funkturm, sondern auch ein Aussichtsturm. Ein wenig ähnelt er dem Pariser Eiffelturm, den habe ich schon gesehen, als ich mit meinen Eltern einen Urlaub in Frankreich gemacht habe. Der ist aber höher, viel höher, nämlich 324 Meter.
Zur feierlichen Öffnung des Berliner Funkturms „Langer Lulatsch“, wurde sogar ein Gedicht gesprochen und als ich das gelesen hatte, kam mir eine gute Idee. Ich wollte Niklas auch ein Gedicht schreiben, eines, das ihn so richtig freuen sollte. Ich machte mich ans Werk und als ich am Abend mit hochrotem Kopf zum Essen in die Küche kam, fasste mir meine Mutter an die Stirn, weil sie vermutete, dass ich Fieber haben könnte.
„Ach, Mama, lass doch! Ich habe ein Gedicht geschrieben, das war schwere Arbeit!“, erklärte ich ihr. Mama konnte das gut verstehen, denn sie schrieb auch Gedichte. Sie bat mich, mein Gedicht doch einmal vorzulesen. Das wollte ich aber nicht so gern.
„Ich möchte noch eine Nacht drüber schlafen!“, sagte ich und auch das verstand Mama.
„Okay, mein Junge, dann morgen, versprochen?“
Ich versprach es ihr, und als ich am nächsten Morgen aufwachte, fand ich mein Gedicht immer noch ganz gelungen. Es geht so:

Es ist von Vorteil, wenn man groß ist,
weil man dann immer sieht, was los ist.
Ich weiß, dass ich in deiner Nähe
viel mehr als alle andren sehe.
Du wirst schon alles überschauen
und ich kann dir beruhigt vertrauen.
Drum sag ich heute danke schön,
fürs „Immerfürmichmitsehn“!

Dein Freund
Lukas
Eigentlich wollte ich drunter setzen: Ich bin ein kurzer Lukas und du ein langer Lulatsch – aber das habe ich mich dann doch nicht getraut. Über das, was ich ihm zum Funkturm erzählt habe, hat er sich gefreut und das Gedicht hängt eingerahmt über seinem Bett, klasse, oder?

© Regina Meier zu Verl

Vom Käfer, der nicht wusste, dass er fliegen kann

Vom Käfer, der nicht wusste, dass er fliegen kann

Das Marienkäferchen war völlig erschöpft. Den ganzen Tag war es nun schon gekrabbelt und kaum vorangekommen.
„Ach, ist das mühselig“, dachte es und krabbelte mit letzter Kraft einen Grashalm hoch und schaute sich um.
Auf einem Halm nebenan saß eine Fliege, die sich putzte.
„Na du!“, sagte der Marienkäfer. „Hattest du auch so einen anstrengenden Tag?“
„Das kann man wohl sagen“, antwortete die Fliege und breitete ihre Flügel aus. „Ich hätte beinahe mein Leben lassen müssen.“
„Oh, das tut mir leid. Wie kam das denn?“, fragte das Marienkäferchen mitleidig und vergaß seinen eigenen Kummer.
„Nun ja“, antwortete die Fliege, „ich hatte es mir gerade auf der Fensterbank in der Sonne gemütlich gemacht, als eine Fliegenklatsche auf mich hinab sauste. Ich bemerkte es gerade noch rechtzeitig und bin schnell weggeflogen.“
„Du hast es gut, du kannst fliegen!“, sagte das Käferchen traurig.
Die Fliege schaute es mit großen Augen an.
„Das kannst du doch auch, oder etwa nicht?“, fragte sie überrascht.
„Ich? Ich kann das nicht, ich bin doch ein Krabbelkäfer. Den ganzen Tag klettere ich schon die Grashalme rauf und wieder runter. Kannst du dir vorstellen, wie anstrengend das ist?“
Die Fliege lachte. Sie konnte gar nicht mehr aufhören damit.
Das Käferchen war beleidigt. „Was lachst du denn so blöd?“
„Mein lieber Marienkäfer, du kannst fliegen, du weißt es nur noch nicht. Wie kann man nur so dumm sein?“
Sie hielt sich den Bauch vor Lachen. Dann schämte sie sich aber doch ein bisschen und bot an: „Ich werde es dir zeigen, wenn du willst!“
Natürlich wollte das Käferchen das gern lernen.
„Schau her, du breitest die Flügel aus und beginnst damit zu schlagen, immer hoch und runter, guck her, so!“ Die Fliege machte es vor und hob sich in die Luft.
Das Käferchen tat es ihr nach und siehe da, ein wenig schwerfällig noch, aber mit der Zeit immer leichter werdend, flog es und summte dabei vor Freude.
Es ist doch schön, wenn da jemand ist, der dir sagt, was du alles kannst – wenn du selbst es noch nicht weißt oder an dir zweifelst, oder?

© Regina Meier zu Verl

Glückskäfer, pardon, Marienkäfer auf einer Löwenzahnblüte, Foto © Elke Bräunling

Michel und Isabella – Ein Katzenfrühling

Michel und Isabella – Ein Katzenfrühling

Michel schleicht durch den Garten. Er ist enttäuscht. Nicht ein einziges Mäuschen ist zu sehen. Dabei hat Michel so eine große Lust zu jagen. Es dürfte auch ein Vogel sein, aber nirgends piepst oder singt es. Mucksmäuschenstill ist es draußen. Der Rasen ist mit Schnee zugedeckt, kein Grün, kein Bunt. Michel mag das nicht. Er sehnt sich nach dem Frühling.

Auf der Brücke am Gartenteich sitzt Isabella, die rote Katze vom Nachbarn. Anmutig putzt sie ihr Fell. Michel bleibt in Deckung hinter dem Kirschlorbeer und beobachtet das Katzenmädchen. Ihm wird warm ums Herz. Vergessen sind Mäusehäppchen oder Geflügelleckerchen. Eine neue Sehnsucht erwacht und deutlich spürt er den Frühling in seinem Blut. Es pocht und wallt, es knistert und kichert so laut, dass Isabella es hören könnte. Das denkt der Michel jedenfalls.
Doch das Katzenmädchen schaut nicht einmal auf. Unbeirrt putzt es weiter sein leuchtendes Fell.
„Sie ist so wunderschön“, denkt Michel und ein tiefer Seufzer entfährt seiner Kehle. Isabella schaut erschrocken auf, wartet einen Moment und widmet sich dann wieder ihrer Schönheitspflege.
„Wie soll ich mich ihr nähern?“, denkt Michel. Da fällt ihm ein, dass er wunderschön singen kann und das will er gleich einmal ausprobieren. Irgendwie musste Isabella doch zu beeindrucken sein.
„Mi, mi, mi, mi“, macht er vorsichtig und dann singt er:

Du schönste aller Katzen,
du Salz in meiner Suppe,
vom Himmel fällt für dich
vom Sternchen eine Schnuppe.
Ich liebe dich, du Schöne,
willst du es auch nicht glauben.
Es fehlen mir die Töne,
du wirst den Schlaf mir rauben.
Erhör mich, Isabellaschatz.
Ich reich dir meine Tatze.
An meiner Seite ist dein Platz,
du wunderschöne Katze.

Isabella hat sich aufgerichtet und lauscht dem Gesang, der nicht schön, aber doch sehr inhaltvoll ist. Welcher Katze gefällt es nicht, wenn man ihr ein Lied widmet und auch, wenn sie den Michel bisher nicht sonderlich gut leiden konnte, fühlt sie sich geschmeichelt.
„Komm her, du kleiner Charmeur“, ruft sie deshalb leise und das lässt der Michel sich nicht zweimal sagen.

Den Rest des Winters und den Frühling haben die beiden miteinander verbracht und als im Mai der Nachwuchs das Licht der Welt erblickte, schien das Glück perfekt. Doch – Katzen sind nicht treu, nein. Als Isabella noch im Wochenbett mit den Kleinen beschäftigt war, entflammte Michels Herz für ein anderes Katzenmädchen. Nur eines muss man dem Michel lassen: Er hat niemals ein Lied zweimal gesungen, sondern stets ein neues erfunden, wenn er sich neu verliebte. Das ist doch auch was, oder?

© Regina Meier zu Verl

Zeichnung Judith Meier zu Verl

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Bildquelle guvo59/pixabay

Nachbar Friedel und die Hasen

Nachbar Friedel und die Hasen

„Wenn ich früh in den Garten geh, mit meinem grünen Hut, ist mein erster Gedanke, was nun mein Liebster tut, ist mein erster Gedanke, was nun mein Liebster tut!“
Einen grünen Hut habe ich nicht, aber diese Melodie kommt mir stets in den Sinn, wenn ich in den Garten gehe, den ich sehr liebe.
Es gedeiht alles prächtig und mein Kräuterbeet ist ein Traum. Für mich darf es im Sommer jeden Tag Salat mit frischen Kräutern geben.
Heute aber soll es bei mir Bratkartoffel mit Spiegeleiern geben. Dazu brauche ich ein wenig Schnittlauch. Ich nehme also meine Kräuterschere, ziehe die Gummistiefel an und wandere in den Garten.
Der Nachbar ist auch schon aktiv, er winkt mir fröhlich zu. Ein sympathischer Mensch ist er und den ganzen Tag an der frischen Luft tätig. Nun ja, er ist auch schon Rentner und hat viel Zeit. Ganz so gepflegt wie sein Garten ist meiner wohl nicht.
Als ich am Beet ankomme, traue ich meinen Augen nicht. Wo gestern noch herrliche Petersilie stand, ragen nun nur noch die Stängel aus der Erde, abgefressen, alles!
Schnittlauch mochte der Dieb wohl nicht und auch die Kohlrabipflanzen sind weitgehend unversehrt. Ich atme dreimal tief durch, aber es gelingt mir nicht, mich zu beruhigen.
„Verdammter Mist!“, rufe ich laut und dann, als wäre der Fluch nicht schon genug, trompete ich noch dreimal das verflixte Sch-Wort hinterher, das ich meinen Kindern immer verboten habe. Zur Krönung werfe ich die Schere mit Nachdruck auf die Erde. Dabei kann sie nun wirklich nichts dafür.
„Was ist los?“, ruft der Nachbar.
Ich schäme mich, wie konnte ich nur so ausfallend fluchen?
„Guten Morgen, junger Mann!“, rufe ich keck, um das Bild, das er nun von mir haben wird wieder gerade zu rücken. Daraufhin setzt er sich in Bewegung und kommt an den Zaun.
„Ist was passiert?“, fragt er besorgt.
„Das kann man wohl sagen – meine Petersilie, sie ist weg. Völlig abgefressen, dabei war sie so herrlich nachgewachsen.“
„Das waren die Hasen. Bei mir waren sie auch schon. Ich habe jetzt einen Draht gezogen, damit sie keinen Schaden mehr anrichten können. Das sollten Sie auch machen!“, rät er mir.
„Ja, das sollte ich wohl tun“, stimme ich ihm zu. Er bietet mir seine Hilfe an.
„Ich mach das gern für Sie, soll ich?“
„Das würden Sie tun?“ Ich bin hoch erfreut über so viel Hilfsbereitschaft und schlage einen Handel vor.
„Dafür mache ich uns nun leckere Bratkartoffeln und lade Sie auf meine Terrasse ein!“
Der Nachbar freut sich und stiefelt gleich los, um Draht und Werkzeug zu holen. Ich schneide etwas Schnittlauch ab und mache mich auf den Weg in die Küche.
Es macht Spaß für Zwei zu kochen. Herr Müller ist ebenfalls schon lang allein.
Draußen wird gehämmert und geklopft und in der Küche duftet es nach Speck, Zwiebeln und Kartoffeln, köstlich.
Gerade, als ich den Tisch fertig gedeckt habe, schellt das Telefon. Johanna, meine Freundin, hat Lust auf einen Plausch. Aber ich vertröste sie auf den Nachmittag.
„So, so“, sagt sie. „Du hast also Besuch und willst mir nicht erzählen, wer es ist!“
„Später!“, flüstere ich, denn ich sehe, dass sich Herr Müller auf das Haus zukommt.
Wir unterhalten uns sehr gut, Friedel und ich. Das Du ergab sich gleich nach dem ersten Glas Bier, das ich heute einmal ausnahmsweise zum Mittagessen mit ihm getrunken habe. Zu Bratkartoffeln passt das einfach wunderbar, das Bier und das Du.
Friedel hat mir versprochen, weitere Arbeiten in meinem Garten zu erledigen. Dafür werde ich für ihn kochen, ab und zu. Er wird den ein oder anderen Salatkopf beisteuern und bald sind auch die Kirschen reif, da backen wir dann einen wunderbaren Kirschkuchen. Mal sehen.
Mein erster Weg am Morgen ist noch immer der in den Garten, dabei summe ich:
„Wenn ich früh in den Garten geh mit meinem grünen Hut, ist mein erster Gedanke, was nun mein Nachbar tut, ist mein erster Gedanke, was nun mein Nachbar tut.“

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle HoiliHo/pixabay

Der Igel im Laubbett

Der Igel im Laubbett

Die Katze Minka hatte einen Freund gefunden. Es war der kleine Igel, der den Herbst im Garten der Familie Schulz verbracht hatte. Die beiden verstanden sich wunderbar, tranken ihre Milch gemeinsam aus einem Schälchen, teilten sich die Nahrung, die ihnen von Frau Schulz hingestellt wurde und waren ein Herz und eine Seele.
Als es kälter und immer kälter wurde, suchte der Igel einen Platz, an dem er ungestört seinen Winterschlaf verbringen konnte. Minka war traurig.
„Mit wem soll ich denn spielen, wenn du schläfst?“, fragte sie.
„Ich lass dich ja auch nicht gern allein“, antwortete der Igel, „aber ich muss schlafen, damit ich den Winter überstehe. Du hast es gut, du kannst in den Pferdestall, da hast du es schön warm
Eines Tages kam Herr Schulz mit dem großen Traktor angefahren. Er fuhr direkt auf den Laubhaufen zu, senkte die Treckerschaufel ab und lud das Laub mitsamt dem Igel auf. Dann rief ihn seine Frau zum Kaffee trinken ins Haus. Er ließ den Traktor stehen und eilte in die warme Stube.
Minka, die das alles ängstlich beobachtet hatte, kletterte schnell an der Schaufel hinauf und setzte sich dann auf das Laub.
„Hier werde ich bleiben und meinen Freund beschützen“, dachte sie sich und als Bauer Schulz nach einer Stunde aus dem Haus kam, saß sie noch immer dort und miaute klagend.
„Na, was machst du denn dort oben? Komm sofort herunter!“, befahl Herr Schulz. Doch Minka rührte sich nicht vom Fleck.
Dem Bauern blieb nichts anderes übrig, als die Schaufel langsam wieder abzusetzen, damit die Katze sich nicht verletzte. Vorsichtig kippte er die Schaufel kurz vor dem Boden und Minka, das Laub und der schlafende Igel landeten wieder unversehrt auf der Erde.
„Ach sieh da, eine Igelchen!“, staunte Bauer Schulz. „Du willst ihn beschützen, kleine Minka. Das ist gut. Wir wollen ihm seine Ruhe gönnen.“
So kam es, dass der kleine Igel in seinem Laubbett weiterschlafen konnte. Ja, der Bauer hatte ihn sogar in einen mit Laub gefüllten Karton gelegt und dann einen riesigen Laubhaufen darüber und rundherum gemacht.
Nun wartet Minka auf den Frühling. Jeden Tag besucht sie ihren Freund, der noch lange schlafen wird, bevor die beiden sich wiedersehen.

© Regina Meier zu Verl

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Nelli und die Blaumeise

Nelli und die Blaumeise

Nelli zerknüllte das Papier, auf dem sie gerade noch einige Gedanken niedergeschrieben hatte.
„Wozu mache ich das eigentlich und für wen?“, dachte sie und stand auf. Sie ging in die Küche, füllte den Wasserkocher mit frischem Leitungswasser, drückte auf den Knopf und wartete, bis ihr das Blubbern verkündete, dass es kochte. In ihrer Lieblingstasse hing schon der Teebeutel, den sie nun mit dem Wasser übergoss. Sofort breitete sich der Duft von Zimt und anderen Gewürzen in der Küche aus. Nelli legte ein paar Kekse auf einen Teller und trug Teetasse und Plätzchenteller ins Wohnzimmer. Sie setzte sich wieder an ihren Schreibtisch und blickte aus dem Fenster in den herbstlichen Garten. Auf der Fensterbank saß eine winzige Blaumeise. Nelli hielt ganz still, um sie nicht zu verjagen.
„Na, kleines Vögelchen? Bist du auch einsam?“, fragte sie. Die Meise legte das Köpfchen zur Seite und betrachtete die Frau am Fenster. Ob sie hoffte, dass wieder ein paar Krümel für sie abfallen würden?
Nelli lächelte. ‚Ich habe einen Vogel‘, dachte sie. ‚Nun unterhalte ich mich schon mit Blaumeisen!‘
Das Vögelchen blieb sitzen, beinahe sah es so aus, als schaute es Nelli in die Augen und wartete darauf, dass sie weiter mit ihm sprach. Nelli nahm es als Aufforderung und begann zu erzählen:
„Weißt du, kleine Meise, mir geht es gerade nicht so gut. Ich habe alles, was ich zum Leben brauche und könnte zufrieden sein, aber mir fehlen die Menschen. Als ich noch täglich in mein Büro ging, da hatte ich viele Menschen um mich herum, und auch wenn wir unsere Arbeit erledigen mussten, so hatten wir doch eine Menge Spaß dabei. Besonders die Pausen waren immer sehr schön, wenn wir alle gemeinsam in der Kantine saßen und uns ausgetauscht haben. Viele meiner Geschichten sind aus diesen Begegnungen gewachsen. Immer wieder war da ein Satz, ein Wort, eine Begebenheit, die in mir eine Geschichte wachsen ließen. Manchmal waren es nur kurze Episoden, aber auch meine lange Erzählung vom König, der heimkehrte, entstand auf diese Weise. Es ist beinahe so, wie wenn man in mir das Gedankenkarussell anwirft. Das habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Ist das nicht traurig?“
Die kleine Meise verharrte unbeirrt auf ihrem Platz auf der Fensterbank. Nelli hatte sich nun warm geredet und sprach weiter:
„Weißt du, ich war immer angepasst, fast schüchtern. Ich habe nur selten gestritten, weil ich mich immer zurückgezogen habe, wenn es Ungereimtheiten gab. Wenn irgendwer versuchte, das Klima zu vergiften, dann habe ich versucht, wieder Harmonie herbeizuführen, was mir oft gelungen ist. Wenn man mich persönlich angegriffen hat, dann habe ich geschwiegen und bin in mein Schneckenhaus gekrochen. Ich fühlte mich ungerecht von Gott und der Welt behandelt. Dabei wäre ich gern einmal aus der Haut gefahren und hätte, wie ein Zitteraal, elektrische Stöße ausgesendet, um mich zu wehren und zu schützen.“
Nelli schob sich einen Keks in den Mund und genoss die leicht nussige Süße. Als sie das Fenster öffnete, um der kleinen Meise ein paar Krümel abzugeben, flog diese aufgeregt davon. Doch es dauerte gar nicht lange, da ließ sie sich erneut auf der Fensterbank nieder und pickte ein Krümelchen nach dem anderen auf.
„Du hast es gut, Kleine!“, sagte Nelli und seufzte. „Ich singe dir hier Nellis Klagelied und wenn ich es mir recht überlege, bin ich undankbar. Anderen geht es schlechter als mir, ganz sicher. Du machst dir über dein Leben keine Gedanken, oder doch?“, fragte sie und sah den Vogel aufmerksam an. Konnten Vögel denken, sich Sorgen machen? Wohl nicht!
„Weißt du was? Ich fahre jetzt ins Gartencenter und kaufe ein Vogelhaus für euch. Der Winter steht vor der Tür und bevor ich hier weiter herumjammere, sorge ich nun für euch. Wie findest du das?“
Es sah fast so aus, als nicke die kleine Blaumeise, aber das konnte Nelli sich auch eingebildet haben. Auf jeden Fall hielt sie ihr Versprechen. Sie trank ihren Tee aus und machte sich dann auf den Weg zum Gartenmarkt.
Die kühle Herbstluft tat ihr gut. Nun gut gelaunt marschierte sie im flotten Tempo durch den Park, erfreute sich an den bunten Bäumen und sog gierig die Herbstdüfte ein. Herrlich!
Auf einer Bank am kleinen See saß eine Frau, die ein aufgeschlagenes Buch in den Händen hatte. Sie las aber nicht, sondern schaute in die Weite. Nelli grüßte und fragte, ob sie sich einen Moment zu ihr setzen dürfte. Die Frau freute sich offensichtlich, denn sofort schlug sie das Buch zu, steckte es in ihre Handtasche und wandte sich Nelli zu.
„Nur zu!“, sagte sie und deutete auf den Platz neben sich. „Ich freue mich immer über ein kleines Gespräch, wissen Sie!“
„Danke schön!“, sagte Nelli und erzählte von ihrem Vorhaben, ein Vogelhaus zu kaufen. Und sie erzählte auch, wie sie auf die Idee gekommen war. „Ich bin zu oft allein!“, schloss sie ihren Redefluss und die Frau nickte wissend.
„Ich weiß, wovon Sie reden, mir geht es ja nicht anders!“, sagte sie. „Wenn ich darf, begleite ich sie ins Gartencenter und dann trinken wir dort gemeinsam eine Tasse Kaffee. Was halten Sie davon?“
„Viel!“ Nelli lachte. „Davon halte ich viel! Gibt es dort auch Kuchen?“ Sie lachte wieder, fröhlich und unbeschwert und die Frau reichte ihr die Hand und stimmte in das Lachen ein. „Ich heiße Erika!“, sagte sie und dann marschierten die beiden Frauen Richtung Gartencenter.
Von da an trafen sie sich regelmäßig einmal in der Woche auf einen kleinen Plausch. Erika besuchte Nelli, um das Vogelhaus zu bewundern und die kleine Blaumeise freute sich, dass Nelli nun nicht mehr so traurig dreinblickte. Es kann so einfach sein …

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle Gellinger/pixabay

Der einsame Kastanienmann

Der einsame Kastanienmann

eine Freundschaftsgeschichte

„Ist das ein Jammer, dass ich hier ganz allein bin!“
Das Kastanienmännchen war traurig und langweilte sich. Gestern noch hatte es viele Kameraden gehabt und heute waren alle verschwunden.
Lenas Geburtstagsgäste hatten im Wald Kastanien gesammelt und dann zusammen gebastelt. Dabei waren viele Figuren entstanden: Männer, Frauen, Hunde, Igel und viele mehr.
Nach dem Fest hatten die Kinder ihre Basteleien mit nach Hause genommen.
„Wenigstens einen Freund hätten sie mir lassen sollen“, jammerte der Kastanienmann und dachte dabei an das Kastanienmädchen mit den schönen Augen, das sein Herz berührt hatte. Wo war sie nur geblieben?
Er ließ den Kopf hängen. Der aber saß nicht ganz fest auf seinem Streichholzhals und – plopp – kullerte er vom Tisch und fiel zu Boden.
„Autsch, das tut weh!“, rief der Kastanienmann. Er zeterte und schimpfte, besonders, weil er keine Arme hatte, um sich den schmerzenden Kopf zu halten. Die nämlich steckten an seinem Körper fest und der lag ja noch auf dem Tisch.
„Ich bin der ärmste Kastanienmann auf der ganzen Welt“, heulte er.
„Du bist der größte Jammerlappen, den ich je kennen gelernt habe!“ Das war die Stimme vom Kater Moritz, der den Kastanienkopf neugierig beäugte, ihn kurz mit der Pfote anstieß, so dass er ein Stückchen weiter rollte.
„Aua, lass das gefälligst!“
„Du bist ein komischer Knilch, keinen Bauch, keine Beine, nicht einmal einen Schwanz hast du, aber eine große Klappe für zwei“, schimpfte Moritz und stieß den Kullerkopf gleich noch einmal an.
Unter dem Schrank landete er und das gefiel ihm gar nicht.
„Hol mich sofort hier weg, es ist dunkel und staubig!“, kreischte er.
Moritz gefiel dieses Spiel. Er holte den Kastanienkopf wieder hervor und stieß ihn immer und immer wieder an. War das ein Spaß!
„Was ist denn hier los?“ Lena hatte das Zimmer betreten. Sie schimpfte mit dem Kater, nahm den Kastanienkopf und setzte ihn liebevoll wieder auf seinen Körper.
„Schau hier“, sagte sie dann. „Ich habe dir eine Gefährtin gebastelt, damit du nicht so allein bist.“
Der Kastanienmann war noch ganz benommen von dem wilden Spiel. Als er aber das wunderhübsche Kastanienmädchen sah, das Lena an seine Seite gestellt hatte, klopfte sein Herz wie wild und der Schmerz war fast vergessen.
Es geht doch nichts über einen Freund oder eine Freundin, die einem zur Seite steht.

© Regina Meier zu Verl



Kastanienmännchen wollen wir sein … und Kastanienweiblein … Hört ihr?, Foto © Elke Bräunling