Vom Käfer, der nicht wusste, dass er fliegen kann

Vom Käfer, der nicht wusste, dass er fliegen kann

Vom Käfer, der nicht wusste, dass er fliegen kann

Das Marienkäferchen war völlig erschöpft. Den ganzen Tag war es nun schon gekrabbelt und kaum vorangekommen.
„Ach, ist das mühselig“, dachte es und krabbelte mit letzter Kraft einen Grashalm hoch und schaute sich um.
Auf einem Halm nebenan saß eine Fliege, die sich putzte.
„Na du!“, sagte der Marienkäfer. „Hattest du auch so einen anstrengenden Tag?“
„Das kann man wohl sagen“, antwortete die Fliege und breitete ihre Flügel aus. „Ich hätte beinahe mein Leben lassen müssen.“
„Oh, das tut mir leid. Wie kam das denn?“, fragte das Marienkäferchen mitleidig und vergaß seinen eigenen Kummer.
„Nun ja“, antwortete die Fliege, „ich hatte es mir gerade auf der Fensterbank in der Sonne gemütlich gemacht, als eine Fliegenklatsche auf mich hinab sauste. Ich bemerkte es gerade noch rechtzeitig und bin schnell weggeflogen.“
„Du hast es gut, du kannst fliegen!“, sagte das Käferchen traurig.
Die Fliege schaute es mit großen Augen an.
„Das kannst du doch auch, oder etwa nicht?“, fragte sie überrascht.
„Ich? Ich kann das nicht, ich bin doch ein Krabbelkäfer. Den ganzen Tag klettere ich schon die Grashalme rauf und wieder runter. Kannst du dir vorstellen, wie anstrengend das ist?“
Die Fliege lachte. Sie konnte gar nicht mehr aufhören damit.
Das Käferchen war beleidigt. „Was lachst du denn so blöd?“
„Mein lieber Marienkäfer, du kannst fliegen, du weißt es nur noch nicht. Wie kann man nur so dumm sein?“
Sie hielt sich den Bauch vor Lachen. Dann schämte sie sich aber doch ein bisschen und bot an: „Ich werde es dir zeigen, wenn du willst!“
Natürlich wollte das Käferchen das gern lernen.
„Schau her, du breitest die Flügel aus und beginnst damit zu schlagen, immer hoch und runter, guck her, so!“ Die Fliege machte es vor und hob sich in die Luft.
Das Käferchen tat es ihr nach und siehe da, ein wenig schwerfällig noch, aber mit der Zeit immer leichter werdend, flog es und summte dabei vor Freude.
Es ist doch schön, wenn da jemand ist, der dir sagt, was du alles kannst – wenn du selbst es noch nicht weißt oder an dir zweifelst, oder?

© Regina Meier zu Verl

Glückskäfer, pardon, Marienkäfer auf einer Löwenzahnblüte, Foto © Elke Bräunling

Michel und Isabella – Ein Katzenfrühling

Michel und Isabella – Ein Katzenfrühling

Michel und Isabella – Ein Katzenfrühling

Michel schleicht durch den Garten. Er ist enttäuscht. Nicht ein einziges Mäuschen ist zu sehen. Dabei hat Michel so eine große Lust zu jagen. Es dürfte auch ein Vogel sein, aber nirgends piepst oder singt es. Mucksmäuschenstill ist es draußen. Der Rasen ist mit Schnee zugedeckt, kein Grün, kein Bunt. Michel mag das nicht. Er sehnt sich nach dem Frühling.

Auf der Brücke am Gartenteich sitzt Isabella, die rote Katze vom Nachbarn. Anmutig putzt sie ihr Fell. Michel bleibt in Deckung hinter dem Kirschlorbeer und beobachtet das Katzenmädchen. Ihm wird warm ums Herz. Vergessen sind Mäusehäppchen oder Geflügelleckerchen. Eine neue Sehnsucht erwacht und deutlich spürt er den Frühling in seinem Blut. Es pocht und wallt, es knistert und kichert so laut, dass Isabella es hören könnte. Das denkt der Michel jedenfalls.
Doch das Katzenmädchen schaut nicht einmal auf. Unbeirrt putzt es weiter sein leuchtendes Fell.
„Sie ist so wunderschön“, denkt Michel und ein tiefer Seufzer entfährt seiner Kehle. Isabella schaut erschrocken auf, wartet einen Moment und widmet sich dann wieder ihrer Schönheitspflege.
„Wie soll ich mich ihr nähern?“, denkt Michel. Da fällt ihm ein, dass er wunderschön singen kann und das will er gleich einmal ausprobieren. Irgendwie musste Isabella doch zu beeindrucken sein.
„Mi, mi, mi, mi“, macht er vorsichtig und dann singt er:

Du schönste aller Katzen,
du Salz in meiner Suppe,
vom Himmel fällt für dich
vom Sternchen eine Schnuppe.
Ich liebe dich, du Schöne,
willst du es auch nicht glauben.
Es fehlen mir die Töne,
du wirst den Schlaf mir rauben.
Erhör mich, Isabellaschatz.
Ich reich dir meine Tatze.
An meiner Seite ist dein Platz,
du wunderschöne Katze.

Isabella hat sich aufgerichtet und lauscht dem Gesang, der nicht schön, aber doch sehr inhaltvoll ist. Welcher Katze gefällt es nicht, wenn man ihr ein Lied widmet und auch, wenn sie den Michel bisher nicht sonderlich gut leiden konnte, fühlt sie sich geschmeichelt.
„Komm her, du kleiner Charmeur“, ruft sie deshalb leise und das lässt der Michel sich nicht zweimal sagen.

Den Rest des Winters und den Frühling haben die beiden miteinander verbracht und als im Mai der Nachwuchs das Licht der Welt erblickte, schien das Glück perfekt. Doch – Katzen sind nicht treu, nein. Als Isabella noch im Wochenbett mit den Kleinen beschäftigt war, entflammte Michels Herz für ein anderes Katzenmädchen. Nur eines muss man dem Michel lassen: Er hat niemals ein Lied zweimal gesungen, sondern stets ein neues erfunden, wenn er sich neu verliebte. Das ist doch auch was, oder?

© Regina Meier zu Verl

Zeichnung Judith Meier zu Verl

Nachbar Friedel und die Hasen

Nachbar Friedel und die Hasen

Nachbar Friedel und die Hasen

„Wenn ich früh in den Garten geh, mit meinem grünen Hut, ist mein erster Gedanke, was nun mein Liebster tut, ist mein erster Gedanke, was nun mein Liebster tut!“
Einen grünen Hut habe ich nicht, aber diese Melodie kommt mir stets in den Sinn, wenn ich in den Garten gehe, den ich sehr liebe.
Es gedeiht alles prächtig und mein Kräuterbeet ist ein Traum. Für mich darf es im Sommer jeden Tag Salat mit frischen Kräutern geben.
Heute aber soll es bei mir Bratkartoffel mit Spiegeleiern geben. Dazu brauche ich ein wenig Schnittlauch. Ich nehme also meine Kräuterschere, ziehe die Gummistiefel an und wandere in den Garten.
Der Nachbar ist auch schon aktiv, er winkt mir fröhlich zu. Ein sympathischer Mensch ist er und den ganzen Tag an der frischen Luft tätig. Nun ja, er ist auch schon Rentner und hat viel Zeit. Ganz so gepflegt wie sein Garten ist meiner wohl nicht.
Als ich am Beet ankomme, traue ich meinen Augen nicht. Wo gestern noch herrliche Petersilie stand, ragen nun nur noch die Stängel aus der Erde, abgefressen, alles!
Schnittlauch mochte der Dieb wohl nicht und auch die Kohlrabipflanzen sind weitgehend unversehrt. Ich atme dreimal tief durch, aber es gelingt mir nicht, mich zu beruhigen.
„Verdammter Mist!“, rufe ich laut und dann, als wäre der Fluch nicht schon genug, trompete ich noch dreimal das verflixte Sch-Wort hinterher, das ich meinen Kindern immer verboten habe. Zur Krönung werfe ich die Schere mit Nachdruck auf die Erde. Dabei kann sie nun wirklich nichts dafür.
„Was ist los?“, ruft der Nachbar.
Ich schäme mich, wie konnte ich nur so ausfallend fluchen?
„Guten Morgen, junger Mann!“, rufe ich keck, um das Bild, das er nun von mir haben wird wieder gerade zu rücken. Daraufhin setzt er sich in Bewegung und kommt an den Zaun.
„Ist was passiert?“, fragt er besorgt.
„Das kann man wohl sagen – meine Petersilie, sie ist weg. Völlig abgefressen, dabei war sie so herrlich nachgewachsen.“
„Das waren die Hasen. Bei mir waren sie auch schon. Ich habe jetzt einen Draht gezogen, damit sie keinen Schaden mehr anrichten können. Das sollten Sie auch machen!“, rät er mir.
„Ja, das sollte ich wohl tun“, stimme ich ihm zu. Er bietet mir seine Hilfe an.
„Ich mach das gern für Sie, soll ich?“
„Das würden Sie tun?“ Ich bin hoch erfreut über so viel Hilfsbereitschaft und schlage einen Handel vor.
„Dafür mache ich uns nun leckere Bratkartoffeln und lade Sie auf meine Terrasse ein!“
Der Nachbar freut sich und stiefelt gleich los, um Draht und Werkzeug zu holen. Ich schneide etwas Schnittlauch ab und mache mich auf den Weg in die Küche.
Es macht Spaß für Zwei zu kochen. Herr Müller ist ebenfalls schon lang allein.
Draußen wird gehämmert und geklopft und in der Küche duftet es nach Speck, Zwiebeln und Kartoffeln, köstlich.
Gerade, als ich den Tisch fertig gedeckt habe, schellt das Telefon. Johanna, meine Freundin, hat Lust auf einen Plausch. Aber ich vertröste sie auf den Nachmittag.
„So, so“, sagt sie. „Du hast also Besuch und willst mir nicht erzählen, wer es ist!“
„Später!“, flüstere ich, denn ich sehe, dass sich Herr Müller auf das Haus zukommt.
Wir unterhalten uns sehr gut, Friedel und ich. Das Du ergab sich gleich nach dem ersten Glas Bier, das ich heute einmal ausnahmsweise zum Mittagessen mit ihm getrunken habe. Zu Bratkartoffeln passt das einfach wunderbar, das Bier und das Du.
Friedel hat mir versprochen, weitere Arbeiten in meinem Garten zu erledigen. Dafür werde ich für ihn kochen, ab und zu. Er wird den ein oder anderen Salatkopf beisteuern und bald sind auch die Kirschen reif, da backen wir dann einen wunderbaren Kirschkuchen. Mal sehen.
Mein erster Weg am Morgen ist noch immer der in den Garten, dabei summe ich:
„Wenn ich früh in den Garten geh mit meinem grünen Hut, ist mein erster Gedanke, was nun mein Nachbar tut, ist mein erster Gedanke, was nun mein Nachbar tut.“

© Regina Meier zu Verl

Der Igel im Laubbett

Der Igel im Laubbett

Die Katze Minka hatte einen Freund gefunden. Es war der kleine Igel, der den Herbst im Garten der Familie Schulz verbracht hatte. Die beiden verstanden sich wunderbar, tranken ihre Milch gemeinsam aus einem Schälchen, teilten sich die Nahrung, die ihnen von Frau Schulz hingestellt wurde und waren ein Herz und eine Seele.
Als es kälter und immer kälter wurde, suchte der Igel einen Platz, an dem er ungestört seinen Winterschlaf verbringen konnte. Minka war traurig.
„Mit wem soll ich denn spielen, wenn du schläfst?“, fragte sie.
„Ich lass dich ja auch nicht gern allein“, antwortete der Igel, „aber ich muss schlafen, damit ich den Winter überstehe. Du hast es gut, du kannst in den Pferdestall, da hast du es schön warm
Eines Tages kam Herr Schulz mit dem großen Traktor angefahren. Er fuhr direkt auf den Laubhaufen zu, senkte die Treckerschaufel ab und lud das Laub mitsamt dem Igel auf. Dann rief ihn seine Frau zum Kaffee trinken ins Haus. Er ließ den Traktor stehen und eilte in die warme Stube.
Minka, die das alles ängstlich beobachtet hatte, kletterte schnell an der Schaufel hinauf und setzte sich dann auf das Laub.
„Hier werde ich bleiben und meinen Freund beschützen“, dachte sie sich und als Bauer Schulz nach einer Stunde aus dem Haus kam, saß sie noch immer dort und miaute klagend.
„Na, was machst du denn dort oben? Komm sofort herunter!“, befahl Herr Schulz. Doch Minka rührte sich nicht vom Fleck.
Dem Bauern blieb nichts anderes übrig, als die Schaufel langsam wieder abzusetzen, damit die Katze sich nicht verletzte. Vorsichtig kippte er die Schaufel kurz vor dem Boden und Minka, das Laub und der schlafende Igel landeten wieder unversehrt auf der Erde.
„Ach sieh da, eine Igelchen!“, staunte Bauer Schulz. „Du willst ihn beschützen, kleine Minka. Das ist gut. Wir wollen ihm seine Ruhe gönnen.“
So kam es, dass der kleine Igel in seinem Laubbett weiterschlafen konnte. Ja, der Bauer hatte ihn sogar in einen mit Laub gefüllten Karton gelegt und dann einen riesigen Laubhaufen darüber und rundherum gemacht.
Nun wartet Minka auf den Frühling. Jeden Tag besucht sie ihren Freund, der noch lange schlafen wird, bevor die beiden sich wiedersehen.

© Regina Meier zu Verl

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Nelli und die Blaumeise

Nelli und die Blaumeise

Nelli und die Blaumeise

Nelli zerknüllte das Papier, auf dem sie gerade noch einige Gedanken niedergeschrieben hatte.
„Wozu mache ich das eigentlich und für wen?“, dachte sie und stand auf. Sie ging in die Küche, füllte den Wasserkocher mit frischem Leitungswasser, drückte auf den Knopf und wartete, bis ihr das Blubbern verkündete, dass es kochte. In ihrer Lieblingstasse hing schon der Teebeutel, den sie nun mit dem Wasser übergoss. Sofort breitete sich der Duft von Zimt und anderen Gewürzen in der Küche aus. Nelli legte ein paar Kekse auf einen Teller und trug Teetasse und Plätzchenteller ins Wohnzimmer. Sie setzte sich wieder an ihren Schreibtisch und blickte aus dem Fenster in den herbstlichen Garten. Auf der Fensterbank saß eine winzige Blaumeise. Nelli hielt ganz still, um sie nicht zu verjagen.
„Na, kleines Vögelchen? Bist du auch einsam?“, fragte sie. Die Meise legte das Köpfchen zur Seite und betrachtete die Frau am Fenster. Ob sie hoffte, dass wieder ein paar Krümel für sie abfallen würden?
Nelli lächelte. ‚Ich habe einen Vogel‘, dachte sie. ‚Nun unterhalte ich mich schon mit Blaumeisen!‘
Das Vögelchen blieb sitzen, beinahe sah es so aus, als schaute es Nelli in die Augen und wartete darauf, dass sie weiter mit ihm sprach. Nelli nahm es als Aufforderung und begann zu erzählen:
„Weißt du, kleine Meise, mir geht es gerade nicht so gut. Ich habe alles, was ich zum Leben brauche und könnte zufrieden sein, aber mir fehlen die Menschen. Als ich noch täglich in mein Büro ging, da hatte ich viele Menschen um mich herum, und auch wenn wir unsere Arbeit erledigen mussten, so hatten wir doch eine Menge Spaß dabei. Besonders die Pausen waren immer sehr schön, wenn wir alle gemeinsam in der Kantine saßen und uns ausgetauscht haben. Viele meiner Geschichten sind aus diesen Begegnungen gewachsen. Immer wieder war da ein Satz, ein Wort, eine Begebenheit, die in mir eine Geschichte wachsen ließen. Manchmal waren es nur kurze Episoden, aber auch meine lange Erzählung vom König, der heimkehrte, entstand auf diese Weise. Es ist beinahe so, wie wenn man in mir das Gedankenkarussell anwirft. Das habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Ist das nicht traurig?“
Die kleine Meise verharrte unbeirrt auf ihrem Platz auf der Fensterbank. Nelli hatte sich nun warm geredet und sprach weiter:
„Weißt du, ich war immer angepasst, fast schüchtern. Ich habe nur selten gestritten, weil ich mich immer zurückgezogen habe, wenn es Ungereimtheiten gab. Wenn irgendwer versuchte, das Klima zu vergiften, dann habe ich versucht, wieder Harmonie herbeizuführen, was mir oft gelungen ist. Wenn man mich persönlich angegriffen hat, dann habe ich geschwiegen und bin in mein Schneckenhaus gekrochen. Ich fühlte mich ungerecht von Gott und der Welt behandelt. Dabei wäre ich gern einmal aus der Haut gefahren und hätte, wie ein Zitteraal, elektrische Stöße ausgesendet, um mich zu wehren und zu schützen.“
Nelli schob sich einen Keks in den Mund und genoss die leicht nussige Süße. Als sie das Fenster öffnete, um der kleinen Meise ein paar Krümel abzugeben, flog diese aufgeregt davon. Doch es dauerte gar nicht lange, da ließ sie sich erneut auf der Fensterbank nieder und pickte ein Krümelchen nach dem anderen auf.
„Du hast es gut, Kleine!“, sagte Nelli und seufzte. „Ich singe dir hier Nellis Klagelied und wenn ich es mir recht überlege, bin ich undankbar. Anderen geht es schlechter als mir, ganz sicher. Du machst dir über dein Leben keine Gedanken, oder doch?“, fragte sie und sah den Vogel aufmerksam an. Konnten Vögel denken, sich Sorgen machen? Wohl nicht!
„Weißt du was? Ich fahre jetzt ins Gartencenter und kaufe ein Vogelhaus für euch. Der Winter steht vor der Tür und bevor ich hier weiter herumjammere, sorge ich nun für euch. Wie findest du das?“
Es sah fast so aus, als nicke die kleine Blaumeise, aber das konnte Nelli sich auch eingebildet haben. Auf jeden Fall hielt sie ihr Versprechen. Sie trank ihren Tee aus und machte sich dann auf den Weg zum Gartenmarkt.
Die kühle Herbstluft tat ihr gut. Nun gut gelaunt marschierte sie im flotten Tempo durch den Park, erfreute sich an den bunten Bäumen und sog gierig die Herbstdüfte ein. Herrlich!
Auf einer Bank am kleinen See saß eine Frau, die ein aufgeschlagenes Buch in den Händen hatte. Sie las aber nicht, sondern schaute in die Weite. Nelli grüßte und fragte, ob sie sich einen Moment zu ihr setzen dürfte. Die Frau freute sich offensichtlich, denn sofort schlug sie das Buch zu, steckte es in ihre Handtasche und wandte sich Nelli zu.
„Nur zu!“, sagte sie und deutete auf den Platz neben sich. „Ich freue mich immer über ein kleines Gespräch, wissen Sie!“
„Danke schön!“, sagte Nelli und erzählte von ihrem Vorhaben, ein Vogelhaus zu kaufen. Und sie erzählte auch, wie sie auf die Idee gekommen war. „Ich bin zu oft allein!“, schloss sie ihren Redefluss und die Frau nickte wissend.
„Ich weiß, wovon Sie reden, mir geht es ja nicht anders!“, sagte sie. „Wenn ich darf, begleite ich sie ins Gartencenter und dann trinken wir dort gemeinsam eine Tasse Kaffee. Was halten Sie davon?“
„Viel!“ Nelli lachte. „Davon halte ich viel! Gibt es dort auch Kuchen?“ Sie lachte wieder, fröhlich und unbeschwert und die Frau reichte ihr die Hand und stimmte in das Lachen ein. „Ich heiße Erika!“, sagte sie und dann marschierten die beiden Frauen Richtung Gartencenter.
Von da an trafen sie sich regelmäßig einmal in der Woche auf einen kleinen Plausch. Erika besuchte Nelli, um das Vogelhaus zu bewundern und die kleine Blaumeise freute sich, dass Nelli nun nicht mehr so traurig dreinblickte. Es kann so einfach sein …

© Regina Meier zu Verl

Der einsame Kastanienmann

Der einsame Kastanienmann

eine Freundschaftsgeschichte

„Ist das ein Jammer, dass ich hier ganz allein bin!“
Das Kastanienmännchen war traurig und langweilte sich. Gestern noch hatte es viele Kameraden gehabt und heute waren alle verschwunden.
Lenas Geburtstagsgäste hatten im Wald Kastanien gesammelt und dann zusammen gebastelt. Dabei waren viele Figuren entstanden: Männer, Frauen, Hunde, Igel und viele mehr.
Nach dem Fest hatten die Kinder ihre Basteleien mit nach Hause genommen.
„Wenigstens einen Freund hätten sie mir lassen sollen“, jammerte der Kastanienmann und dachte dabei an das Kastanienmädchen mit den schönen Augen, das sein Herz berührt hatte. Wo war sie nur geblieben?
Er ließ den Kopf hängen. Der aber saß nicht ganz fest auf seinem Streichholzhals und – plopp – kullerte er vom Tisch und fiel zu Boden.
„Autsch, das tut weh!“, rief der Kastanienmann. Er zeterte und schimpfte, besonders, weil er keine Arme hatte, um sich den schmerzenden Kopf zu halten. Die nämlich steckten an seinem Körper fest und der lag ja noch auf dem Tisch.
„Ich bin der ärmste Kastanienmann auf der ganzen Welt“, heulte er.
„Du bist der größte Jammerlappen, den ich je kennen gelernt habe!“ Das war die Stimme vom Kater Moritz, der den Kastanienkopf neugierig beäugte, ihn kurz mit der Pfote anstieß, so dass er ein Stückchen weiter rollte.
„Aua, lass das gefälligst!“
„Du bist ein komischer Knilch, keinen Bauch, keine Beine, nicht einmal einen Schwanz hast du, aber eine große Klappe für zwei“, schimpfte Moritz und stieß den Kullerkopf gleich noch einmal an.
Unter dem Schrank landete er und das gefiel ihm gar nicht.
„Hol mich sofort hier weg, es ist dunkel und staubig!“, kreischte er.
Moritz gefiel dieses Spiel. Er holte den Kastanienkopf wieder hervor und stieß ihn immer und immer wieder an. War das ein Spaß!
„Was ist denn hier los?“ Lena hatte das Zimmer betreten. Sie schimpfte mit dem Kater, nahm den Kastanienkopf und setzte ihn liebevoll wieder auf seinen Körper.
„Schau hier“, sagte sie dann. „Ich habe dir eine Gefährtin gebastelt, damit du nicht so allein bist.“
Der Kastanienmann war noch ganz benommen von dem wilden Spiel. Als er aber das wunderhübsche Kastanienmädchen sah, das Lena an seine Seite gestellt hatte, klopfte sein Herz wie wild und der Schmerz war fast vergessen.
Es geht doch nichts über einen Freund oder eine Freundin, die einem zur Seite steht.

© Regina Meier zu Verl



Kastanienmännchen wollen wir sein … und Kastanienweiblein … Hört ihr?, Foto © Elke Bräunling

Die Elfe Sumsinella und die Hilfe der Ameisen (4)

Die Elfe Sumsinella und die Hilfe der Ameisen
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„Hilfe, Hilfe, hört mich denn keiner?“
Die Elfe Sumsinella sprang auf. Sie hatte ein Mittagsschläfchen gehalten und die warme Sonne genossen. Phil hatte neben ihr gelegen, doch jetzt war er weg.
„Wo bist du denn?“, rief Sumsinella und schaute sich suchend um.
„Hier, bei den Heckenrosen. Ich hänge fest!“, rief Phil und zappelte hin und her.
„Es piekt und sticht, komm, hilf mir doch!“
Sumsinella war schon bei den Heckenrosen angekommen und überlegte, wie sie den Mäuserich frei bekommen könnte.
„Hör auf zu zappeln, du machst es nur noch schlimmer!“ ordnete sie an und schob die Unterlippe vor. So konnte sie besser nachdenken.
„Ich hole Hilfe“, beschloss sie schließlich.
„Nein, auf gar keinen Fall, lass mich hier nicht allein, ich sterbe vor Angst!“, kreischte Phil.
„Aber ich kann gar nichts machen, es muss jemand kommen!“
„Dann rufen wir eben gemeinsam um Hilfe, aber bitte, geh nicht weg!“, heulte Phil und Sumsinella brachte es nicht übers Herz, ihn zu verlassen.
„Also gut, dann müssen wir uns was anderes überlegen. Sei einen Moment still, damit ich besser denken kann!“
Doch Phil rief in seiner Not schon wieder um Hilfe und Sumsinella stimmte mit ein:
„Hiiiilfe, Hiiilfe!“
„Ihr habt gerufen und hier bin ich“, war auf einmal eine feine Stimme zu hören. Sumsinella schaute sich um, sah aber niemanden.
„Wo bist du und wer bist du?“ fragte sie.
„Hier unten bin ich, neben deinem rechten Fuß.“
Sumsinella ging in die Hocke und entdeckte eine Ameise, die sie freundlich anlächelte.
„Das ist lieb, dass du gekommen bist“, freute sich Sumsinella, machte aber gleich wieder ein ernstes Gesicht.
„Meinst du wirklich, dass du uns helfen kannst?“ Sie betrachtete das Tierchen und fragte sich, wie ein so kleines Wesen nützlich sein konnte, wenn es um Phils Befreiung aus den Dornen ging.
„Ja, das glaube ich. Ich habe auch schon eine Idee, wie es gehen könnte.“
„Da bin ich sehr gespannt!“
„Ich hole noch ein paar Schwestern und gemeinsam werden wir die Haare aus den Dornen zupfen. Wir sind stark und schaffen das.“
Kaum hatte die Ameise das ausgesprochen, da näherte sich schon eine Schar ihrer Schwestern. Sie kamen im Gänsemarsch und krabbelten gemeinsam auf Phils Rücken. dort zupften und zogen sie. Ab und zu lachte Phil, weil es so kitzelte, dann wieder schrie er laut:
„Aua, könnt ihr denn nicht vorsichtig sein?“
Sumsinella schaute der Hilfsaktion zu und es dauerte gar nicht lange, da war ihr Freund frei.
Er sah ein wenig zerzaust aus, strahlte aber vor Freude und bedankte sich überschwänglich bei den Ameisen.
„Ihr seid Klasse, einsame Klasse“, rief er und strich mit den Pfötchen über seinen zerrupften Schnurrbart.
Sumsinella lachte:
„Einsam sind die Ameisen ganz bestimmt nicht. Hast du nicht bemerkt, dass es mindestens fünfzig Schwestern waren, die dich gerettet haben?“
„Echt? Deshalb hat es so gekitzelt!“ Phil kicherte.
Die Ameisen kicherten auch und machten sich dann wieder auf den Heimweg.
„Los, los!“ rief die Anführerin. „Wir haben noch jede Menge Arbeit, die Königin wartet schon auf uns.“
Sumsinella und Phil begleiteten die Ameisenkolonne noch bis zu ihrem Bau und Phil versprach, demnächst besser auf sich aufzupassen.
„Aber schön war es doch, welcher Mäuserich kann schon von sich sagen, dass ihm fünfzig Frauen gemeinsam das Fell gestreichelt haben!“
Sumsinella schüttelte den Kopf.
„Männer!“ sagte sie und buffte Phil in die Seite.

© Regina Meier zu Verl

Die Elfe Sumsinella (1)

Diese Geschichte ist der Auftakt zu zwölf weiteren Elfengeschichten, die ich momentan vertone und gern in Erinnerungen rufen möchte.

Hier kannst du die  Geschichte anhören:

Sumsinella 1

Die Elfe Sumsinella (1)

Den ganzen Tag hatte Sumsinella fleißig gearbeitet.
„Ach du liebes Gänseblümchen, schau dir nur dein Röckchen an, es ist ganz unordentlich“, sagte sie und zupfte die weißen Blütenblätter in Form. „So ist es schön!“
Die großen Blätter der Seerosen waren so blank poliert, dass Vater Quak beinahe ausgerutscht wäre.
„Also das ist zu viel des Guten, Sumsinella. Muss das denn sein?“ schimpfte er, meinte es aber nicht so böse, wie es klang.
„Ach Vater Quak, einer muss doch hier für Ordnung sorgen, stimmt’s?“ Sumsinella stemmte die zierlichen Hände in die Hüften und ihre zarten Flügel bebten ärgerlich während sie weiter sprach:
„Ich finde, dass alle ein wenig mehr mit helfen könnten!“
„Ich habe den ganzen Tag Fliegen gefangen“, verteidigte sich der Frosch und strich zufrieden über seinen dicken Bauch.
„Du denkst doch nur ans Essen.“ Sumsinella kicherte.
„Du lügst, manchmal denke ich auch ans Schlafen!“ Der dicke Frosch lachte albern und seine ganze Familie stimmte mit ein.
„Ich lüge niemals, damit du es weißt!“ Sumsinella hob sich in die Luft und flog verärgert davon. Auf der alten Kastanie, ließ sie sich nieder und summte ein trauriges Lied.
„Was ist denn los, Kleines?“ fragte der dicke Hirschkäfer. „Kann ich dir helfen?“
„Ach nein, du Lieber. Manchmal fühle ich mich nur so allein und dann ärgere ich mich über Kleinigkeiten“, erklärte die Elfe.
„Schade, dass ich schon verheiratet bin“, scherzte Hirschi, der nicht im Traum daran gedacht hätte, eine Elfe zu heiraten. Sumsinella war bildhübsch und konnte wunderbar singen, aber diese kleinen Flügelchen, die ständig in Bewegung waren und das emsige Treiben den ganzen Tag machte ihn ganz nervös.
„Dann schlaf schön, kleine Elfe und sing noch ein bisschen, das klingt so herrlich“, sagte Hirschi und das machte Sumsinella dann auch. Als sie zu ihrer Schlafblume flog, kam sie gerade noch rechtzeitig, bevor diese ihren Blütenkelch schließen wollte.
„Da bist du ja endlich, jetzt aber husch, husch ins Blütchen!“

© Regina Meier zu Verl


Vater Quak hat sich in den lila Blütensternchen versteckt © Regina Meier zu Verl

Ferdinand hat Kummer

Ferdinand hat Kummer

Ferdinand hat Kummer

unter dem Text auch zum Anhören

„Ich verstehe gar nicht“, sagte die Maus Roselies ihrer Freundin Netti, als sich die beiden bei einem Spaziergang trafen, „dass da nicht früher jemand darauf gekommen ist!“
Netti kicherte.
„Wir sind eben ganz besonders kluge Mäuse!“, sagte sie und setzte ein wichtiges Gesicht auf.
„So klug könnt ihr nicht sein, wenn ihr so sorglos durch die Gegend lauft.“
Sie sahen nach oben, wo Meridith, das Eichhörnchen auf einem Ast saß, eine Nuss zwischen den Pfoten.“
„Warum sagst du so etwas?“, empörte sich Roselies.
„Weil der Kater Balduin euch im Visier hat und gerade dort hinten angeschlichen kommt. An eurer Stelle würde ich mich sputen.“
„Ha!“, kicherte Netti.
„Der kann uns bald gar nichts mehr anhaben, das garantier ich dir!“
Trotzdem verschwanden die beiden Mäusemädchen blitzschnell, denn sie wollten nicht riskieren, dass der Balduin sie zum Abendbrot verspeiste. Demnächst könnte er ihnen nichts mehr anhaben, sie hatten nämlich einen Plan! In der dicken Eiche gab es ein verlassenes Vogelnest, das sich ganz wunderbar als Ferienwohnung eignete. Dort wollten die beiden einziehen und es sich so richtig gut gehen lassen.
Aber zuerst wollten sie etwas fressen, ihre kleinen Bäuchlein knurrten schon recht verärgert.
„Wir könnten doch unseren Freund Ferdinand Dickerle besuchen, so verfressen wie der ist, hat er bestimmt was Leckeres zuhause.“ schlug Netti vor.
„Ja, aber nenne ihn um Himmels Willen nicht Dickerle. Diesen Spitznamen mag er gar nicht. Er wird dann sehr wütend und lädt uns sicher nicht zum Essen ein. Außerdem ist er nicht fett sondern nur etwas korpulent.“
Netti lacht über das komische Wort, das sie noch nie gehört hatte, es klang irgendwie … korpulent.
„Ich schlage vor, wir nehmen ein kleines Präsent mit, was meinst du?“, fragte sie Netti. Die schaute sie mit ihren Knopfaugen an und staunte.
„Schon wieder ein neues Wort. Was ist denn ein Präsent?“
Roselies verdrehte die Augen, Ihre Freundin war doch manchmal sehr ungebildet.
„Ein Präsent ist ein Geschenk, das man mitbringt, wenn man einen Besuch macht.“
„Was du alles weißt!“
„Naja“, meinte Roselies bescheiden, „meine Familie lebte im Haus eines Professors und da bekommt man so einiges mit.“
„Was denkst du, über was würde Dick,,, oh pardon, Ferdinand sich freuen?“
Roselies krauste das Näschen und überlegte angestrengt.
„Keine Ahnung! Es sei denn, wir pflücken ein paar Blümchen. Aber freut sich ein Mann über Blumen?“, meinte Roselies.
„Warum eigentlich nicht!“ Netti fand den Vorschlag nicht schlecht, außerdem standen ja hier Blumen genug herum, da kam es auf ein paar mehr oder weniger gar nicht an.
„Du Netti, wir verraten dem Ferdinand aber nichts von unserem Plan, nicht wahr? Sonst will der noch mitmachen und dafür ist er nun wirklich zu … korpulent!“
„Nein und außerdem sehr sportlich und schnell ist er auch nicht. Der würde es gar nicht bis in unsere Ferienwohnung schaffen. Schade, das würde ihm auch gefallen.“
„Ach Unsinn, außerdem ist das allein unser Plan, so war es abgemacht und basta. Sieh mal die Gänseblümchen da drüben, die sind doch schön.“
Netti kicherte.
„Hoffentlich glaubt er nicht, es wäre etwas zum Fressen!“
Bald hatten sie beide einige Gänseblümchen gepflückt und machten sich auf den Weg zu Ferdinands kleiner Höhle.
Gerade wollten sie eintreten, als sie Ferdinands Stimme hörten. Offensichtlich hatte er Besuch. Er schimpfte laut: „Geh nur, lass mich ruhig hier allein, mir ist schon alles egal! Ich weiß, dass mich niemand mag!“
Betroffen ließen Netti und Roselies die Gänseblümchen fallen. Was war denn da los? So hatten sie „ihren“ Ferdinand noch nie erlebt.
Vorsichtig näherten sie sich. Ferdinand stand mit hochrotem Gesicht vor einer zierlichen Maus, deren Barthaare zitterten und aus deren schwarzen Knopfaugen Tränen kullerten.
„Was ist denn hier los?“
Ferdinand drehte sich zu Netti und Roselies herum und nun richtete sich seine ganze Wut auf diese beiden.
„Was wollt ihr denn, kommt wohl wieder zum Essen schnorren, ja dazu ist das fette Dickerle gut genug. Keiner mag mich wirklich, alle wollt ihr mich nur ausnutzen!“
„Das stimmt doch gar nicht!“, rief Netti und Roselies sammelte schnell die Gänseblümchen auf und reichte sie dem Freund.
„Schau, wir wollten dir einen Blumenstrauß bringen! Das ist doch nett von uns, oder?“
Trotzdem hatten die beiden Mäusemädchen Bauchschmerzen, wegen des schlechten Gewissens, das da im Bauch rumorte. Das fühlte sich gar nicht gut an.
Der Mäuserich betrachtete verächtlich die Blumen und deutete spöttisch in den Hintergrund der Höhle.
„Holt euch was zum Essen, dafür seid ihr ja wohl zu mir gekommen!“
Wütend rannte er aus seinem Zuhause.
„Wir müssen ihm nach, hoffentlich macht er keine Dummheiten!“ rief das kleine Mäusefräulein ängstlich.
„Wer bist du denn eigentlich?“ wollte Netti wissen.
„Lass Sie!“, rief Roselies. „Komm lieber, wir müssen den Ferdinand einholen!“
Sie rannten, so schnell ihre kleinen Beinchen das zuließen ins Freie und hatten Glück. Ferdinand war noch nicht weit gekommen. Im Nu hatten sie ihn eingeholt.
„Was ist denn nur mit dir los heute?“, fragte Netti, als sie wieder zu Atem gekommen war. Roselies war still, sie strich dem Ferdinand liebevoll übers Nackenfell.
Der ließ sich das gefallen, aber er schwieg.
„Ferdilein“, drängte Netti ihn. „Nun sag doch was!“
„Geht nicht“, stammelte Ferdinand. „Dann heule ich gleich und ein Mann heult nicht!“
Roselies lächelte ihn freundlich an und gestand ihm dann;
„Ferdinand, es stimmt, wir haben uns hinter deinem Rücken oft lustig gemacht und haben wir deine Gutmütigkeit ausgenutzt, aber das war nicht böse gemeint, nur etwas gedankenlos. Denn wir haben dich wirklich gern!“
„Ist das auch wahr?“ fragte der Mäuserich zweifelnd.
Netti trat neben ihre Freundin und bestätigte:
„Ja das ist wahr, wir haben dich wirklich gern, auch wenn wir es nicht immer zeigten. Aber nun erzähle uns deinen Kummer. Wir wollen jetzt für dich da sein, wie du es immer für uns warst.“
Ferdinand wurde rot.
„Ich habe mich verliebt.“
„In die Kleine, die bei dir war?“
„Ja, Putzi heißt sie und sie ist ja auch so lieb und putzig,“ schwärmte er.
„Doch heute hat sie mir gesagt, dass ich nicht mehr kommen darf, denn ihr Vater und ihre Brüder haben es verboten.“
Und nun liefen ihm wirklich die Tränen herunter.
Die beiden Mäusemädchen weinten mit ihrem Freund und es dauerte gar nicht lange, da gesellten sich jede Menge Waldbewohner zu ihnen und als alle sie fertig waren mit Weinen, da schmiedeten sie einen Plan.
„Ich schlage vor“, sagte der Fuchs, „ich rede mal mit dem Familienvorstand der kleinen Putzi!“
„Sind Sie verrückt?“, kreischte Netti.
„Wir hier wissen, dass Sie Vegetarier sind, aber Putzis Familie weiß das nicht. Die haben Angst vor Ihnen!“
Nun redeten sie alle durcheinander und bemerkten nicht die kleine etwas korpulente Mäusedame, die sich zu ihnen gesellt hatte.
Aus gutmütigen klugen Augen betrachtete sie die aufgeregte Gesellschaft.
„Hallo?“ Keiner beachtete sie.
„Hallo!“ Ihre Stimme wurde nun lauter, schließlich hatte sie fünf Kinder und gelernt sich durchzusetzen.
Die Waldbewohner drehten sich erschrocken um.
„Na also, geht doch,“ murmelte die Maus und trippelte zu Ferdinand und betrachtete ihn sehr aufmerksam.
Dann lächelte sie zufrieden.
„Du gefällst mir, ich würde dich gerne in meiner Familie willkommen heißen.“
„Wer, wer sind sie denn?“ stammelte der Mäuserich.
„Ich bin Putzis Mutter!“
Ferdinands Augen wurden immer größer. War das wirklich passiert? Putzis Mutter wollte ihn in der Familie begrüßen? Unglaublich, aber wunderschön!
„Das … Das möchte ich auch gern!“, stammelte er und alle Waldbewohner applaudierten, sogar die Spinne Cordula, die dafür kurz die Fliege loslassen musste, die sie in ihrem Netz gefangen hatte. Dass diese entkommen konnte, setzte dem Tag das I-Tüpfelchen auf, oder nicht?

© Regina Meier zu Verl

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Ferdinand ist doch ein hübscher Kerl, oder?

Hier kannst du dir die Geschichte anhören: 

 

Ferdinand hat Kummer – zum Anhören
Begegnung unterm Apfelbaum

Begegnung unterm Apfelbaum

Begegnung unterm Apfelbaum

Begegnung unterm Apfelbaum

Johannes lag mit geschlossenen Augen im Gras. Auf seinem Gesicht spürte er die warme Sonne. Welch ein wohliges Gefühl. Mit keinem Geld der Welt war das zu bezahlen, so schön. Dass sich über seinem Kopf ein kleines Drama anbahnte, ahnte Johannes nicht. Dort oben, im Apfelbaum konnte sich eine dieser dicken, reifen Früchte nicht mehr an ihrem Stängel halten und fiel … pardauz, dem Johannes auf den Kopf!
Aua! Erschreckt setzte er sich auf und tastete mit der Hand über die schmerzende Stelle über der Stirn. Wütend ließ er seinen Blick durch den Garten streifen und suchte nach dem Übeltäter.
Ein Kichern ertönte.
„Darf das denn wahr sein?“, rief Johannes verärgert. „Wer lacht mich da aus? Diese Schmerzen gönne ich meinem ärgsten Feind nicht und du? Du lachst! Wo bist du überhaupt?“
„Hier unten, guck doch mal neben dich.“
Johannes ließ seinen Blick durch das Gras neben sich gleiten und entdeckte eine Schnecke.
Sie trug ein sehr schön geformtes Haus und hochaufgerichtet mit weit ausgestreckten Fühlern sah sie zu ihm auf und … tatsächlich sie grinste.
„Hast du mich etwa ausgelacht?“
„Ja, du hast wirklich komisch ausgesehen, als der Apfel auf deinen Kopf fiel.“
„Ein Apfel hat mich getroffen?“
„Ja, besser dich als mich, ich wäre platt gewesen. Da hinten liegt er. Guck mal!“
Johannes schaute in die Richtung, die ihm die Schnecke deutete und tatsächlich, da lag ein wunderbarer Apfel im Gras, einer mit leuchtend roten Wangen. So richtig zum Reinbeißen sah er aus und das tat Johannes dann auch, nachdem er ihn auf seiner Hose abgewischt und poliert hatte.
„Koste mal!“, sagte Johannes und hielt der Schnecke den Apfel hin.
„Lieber nicht“, meinte die Schnecke bescheiden. Es klang ein wenig traurig.
„Du würdest dich ekeln, selbst nochmal hinein zu beißen. Alle Menschen ekeln sich vor mir!“, sagte sie leise.
Johannes betrachtete die kleine Schnecke und auch die Schleimspur, dies sie im Gras hinterlassen hatte und wusste im Moment nicht was er sagen sollte, denn anlügen wollte er sie nicht.
Doch dann sah er in das kleine süße und freundliche Gesicht und er lächelte.
„Nein ich ekle mich nicht!“
Er hielt ihr den Apfel hin und forderte sie auf. „Beiß hinein!“
„Brich mir doch ein Stückchen ab, dann können wir gemeinsam essen!“, bat ihn die Schnecke. „Es speist sich schöner in Gesellschaft, findest du nicht?“
Sie war klug, die kleine Schnecke. Sie wollte nicht riskieren, dass Johannes nicht mehr weiteressen würde, wenn sie erstmal abgebissen hatte vom Apfel. Außerdem würde sie es nicht schaffen, dann den Rest des Apfels zu verputzen, dafür war sie viel zu klein und der wunderbare Apfel würde im Gras verfaulen, wenn ihn nicht die gefräßigen Krähen holen würden.
Johannes brach ein kleines Stückchen ab und legte es ins Gras, dann biss er mit seinen kräftigen Zähnen in den Apfel. Während er kaute, beobachtete er seine Freundin, die an dem Apfelstückchen mehr leckte als biss.
„Hast du eigentlich Zähne?“, fragte Johannes neugierig.
Die Schnecke kicherte. „Klar, jede Menge Zähne habe ich, die sind alle auf meiner Zunge und wenn ich esse, dann raspeln die Zähnchen meine Nahrung, so dass ich sie nur noch schlucken muss. Praktisch, nicht wahr?“
Das fand Johannes auch und er wollte noch viel mehr über die Schnecken wissen. Deshalb verabredeten sich die beiden gleich für den nächsten Tag an der gleichen Stelle.
Zu Hause las Johannes in seinem Kinderlexikon nach, was es mit den Zähnen und der Raspel auf sich hatte. Er erfuhr, dass die ‚Zunge‘ einer Schnecke Radula heißt und sich auf ihr bis zu 25.000 kleine Haken oder Zähnchen befinden, die Nahrung raspeln.
„Ach Schneckchen, ich habe dich gar nicht nach deinem Namen gefragt!“, seufzte Johannes, als er am Abend in seinem Bett lag. Er stellte sich vor, wie die Schnecke gemütlich in ihrem Häuschen lag und vielleicht auch an ihn dachte, könnte ja sein.
„Morgen werde ich dich nach deinem Namen fragen“, murmelte Johannes und dann schlief er ein. Von wem er in dieser Nacht geträumt hat, das muss ich euch sicher nicht erzählen, oder?

© Regina Meier zu Verl