Ausnahmsweise

Ausnahmsweise

„Ich esse alles, was mir schmeckt. Fleisch in Maßen, aber nur, wenn es von Tieren kommt, die ein gutes Leben hatten und langsam heranwachsen durften. Gemüse, wenn es Bioqualität hat oder aus meinem eigenen Garten kommt …“
Line holt kaum Luft beim Reden. Das würde wieder ein Vortrag werden, bei dem man keine Chance hatte, auch mal etwas zu sagen, ich kannte das schon.
Ich versuche, ein Gähnen zu unterdrücken. Gespräche über Essgewohnheiten sind mir unangenehm, denn sie haben stets einen lehrerhaften Unterton. Außerdem wecken sie regelmäßig mein Gewissen auf und das ist sehr unbequem, wenn es um gutes und richtiges Essen geht. Ich esse zu gerne, um auf viele Dinge, die man als ungesund erkannt hat, zu verzichten. Aber soll ich mich geißeln? Andererseits ist es ja gar nicht falsch, darüber nachzudenken und vielleicht peu à peu auf Ungesundes zu verzichten, oder sich zu beschränken und nur wenig davon zu sich zu nehmen. Ach, es ist schwierig! Jeder sagt etwas anderes, ich kenne mich gar nicht mehr aus. Wie viele Hundert und mehr Bücher gibt es übers richtige Essen, die einen sagen dies, die anderen das, die dritten wieder etwas ganz anderes und jeder behauptet, nur seine Methode sei die einzig wahre und gesunde. Das stresst und ich gähne nun doch.
Ich stutze, was ist denn mit Line los? Sie sagt gar nichts mehr. „Was ist?“, frage ich.
„Nichts, wieso? Ich warte darauf, dass du etwas dazu sagst, oder ist das nicht dein Thema?“, will sie wissen.
Ich werde rot. Mit Line über dieses Ess-Thema zu sprechen, kommt einen Griff ins Wespennest gleich. Alles was ich sagen würde, wäre das falsche. Und dennoch kann ich mich dann doch nicht beherrschen.
„Noch besser wäre es, wenn du dich für die vegane Ernährung entscheiden könntest“, sage ich so nebenbei und innerlich ducke ich mich bereits.
Aber weit gefehlt, ich ernte Zustimmung und das ist mehr, als ich befürchtet hatte, denn nun wir Line versuchen, auch mich zu überzeugen. Sie sagt doch tatsächlich: „Ich finde es super, dass du das sagst. Weißt du, ich bin auf dem besten Wege, auch noch das Fleisch wegzulassen. Wie ist es? Machst du mit?“
Na bravo! Da habe ich mir aber selbst ein Bein gestellt. Wie komme ich aus dieser Nummer wieder heraus, ohne Line zu kränken? Ich und vegan? Eher friert die Hölle zu. Ich hasse Soja und Tofu und all den Kram und von Hülsenfrüchten bekomme ich Blähungen. Na ja, da bleibt dann sonst nicht mehr viel für eine ausgewogene Ernährung.
Dass das nicht stimmt, wird Line mir dann sicher erklären. Wie ich sie kenne, hat sie sich da längst schlau gemacht. Ich aber bitte mir Bedenkzeit aus und wechsle elegant das Thema. „Wir sollten mal wieder einen Ausflug ans Meer machen, findest du nicht?“, frage ich.
„Zu Fischbrötchen und Fish and Chips?“ Line sieht mich mit einem schelmischen Grinsen an. „Das könnte mich doch glatt locken und mein Magen knurrt schon.“ Sie lacht. „Weißt du, man sollte das mit den Prinzipien und Regeln nicht so eng sehen. Ausrutscher sind erlaubt, wenn sie für den Moment fröhlich machen in dieser sonst so ernsten Welt. Was meinst du?“
Sie lacht mich an und ich verkneife mir jedes weitere Wort und lache auch.
Wie recht sie hat, die Line.

© Regina Meier zu Verl