Können Farben kichern?

Können Farben kichern?

„Meine Lieblingsfarbe ist Bunt!“, schwärmte Lilo und schickte gleich ein Liedchen hinterher. „Bunt, bunt, bunt sind alle meine Kleider!“
„Bunt ist doch keine Farbe!“, maulte Anni. „Rot ist eine, oder Gelb, aber Bunt, das sind viele Farben zusammen!“
“Eben!“, trumpfte Lilo auf. „Ich mag sie alle. Du nicht?“
„Ich mag schwarz!“, antwortete Anni wie aus der Pistole geschossen und sie dachte an ihre Schwester Karla, die immer sagt, nur schwarze Klamotten seien cool. Und cool wollte sie auch sein.
„Schwarz ist so traurig. Es hat gar keine Töne!“, meinte Lilo.
„Wie? Keine Töne? Du spinnst doch, Farben haben keine Töne!“ Anni verstand nicht, was Lilo da sagte. Farben waren still, sie machten keine Musik. Lilo hatte immer unmögliche Ideen.
„Doch! Haben sie. Schau doch mal die Farben auf meinem Pullover!“, rief Lilo. „Siehst du, wie sie funkeln und strahlen?“
„Auf deinem Pullover?“ Verdutzt starrte Anni die Freundin, die einen Streifenpulli mit roten, gelben, himmelblauen und orangefarbenen Streifen trug, an.
„Ich sehe kein Funkeln und kein Strahlen und Töne höre ich auch nicht!“
„Du hast eben keine Fantasie!“, lachte Lilo und fing schon wieder an zu singen. „Weil mein Schatz ein Malermeister ist!“
„Und was ist, wenn man schwarz liebt?“, fragte Anni.
„Dann heiratest du einen Schornsteinfeger! Schwarz, schwarz, schwarz sind alle meine Kleider!“, sang Lilo weiter.
„Schwarz ist eben cool!“, sagte Anni wieder. Sie klang ein bisschen verschnupft. „Dieses Bunt ist doch Mädchenkram. Wenn ich älter bin, ziehe ich auch schwarze TShirts an. Jetzt erlaubt mir das meine Mama noch nicht.“ Sie zupfte und zog an ihrem rosa-gelb-pinkfarbenen Shirt, als wolle sie damit die Farben ausradieren. Plötzlich aber hielt sie inne, lauschte. „ Hast du das auch gehört?“
Lilo lauschte und schüttelte den Kopf. „Nee, ich habe nichts gehört!“
„Hör doch mal, da ist es wieder! Da lacht jemand. Leise. Psst!“ Anni hob den Kopf, lauschte. Ein verzücktes Lächeln überzog ihr eben noch mürrisches Gesicht. „Ich glaube, es sind die bunten Punkte auf meinem Shirt. Und sieh doch nur!“ Sie deutete auf die Punkte. „Du kannst ihr Lachen sogar sehen.“
„Du willst mich wohl verschaukeln?“ Finster starrte Lilo auf Annis Shirt und erschrak: Die bunten Pünktchen hatten sich in fröhlich lachende Smileygesichter verwandelt und irgendwie glaubte nun auch sie ein leises Kichern zu hören.
Die beiden Mädchen stimmten fröhlich in das Kichern mit ein und wen wundert es, dass auch Schwester Karla später ein buntes T-Shirt trug?
„Schwarz ist schön!“, sagte sie, „Aber jetzt trage ich auch erstmal Bunt!“
Auf das Kichern hat sie aber warten müssen, denn nur wer wirklich, so ganz richtig dran glaubt, kann es hören!

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle Free-Photos/pixabay

Welche Farbe hat die Freude?

Hier zum Anhören:


Die Geschichte wurde von Tanja Esche eingesprochen und wird auf ihrer Seite HÖRBAR veröffentlicht. Dort gibt es jeden Sonntag eine neue Geschichte, schaut doch mal rein KLICK
Welche Farbe hat die Freude?

Tina starrt auf die blütenweiße Leinwand. Auf dem Tisch neben ihr, sind verschiedene Farbtöpfchen aufgereiht. Pinsel in allen Stärken stehen in einem Marmeladenglas, daneben zwei weitere Gläser mit klarem Wasser gefüllt.
„Ich kann das nicht!“, denkt Tina und schaut verstohlen zu ihrer Nachbarin zur Linken, die schon munter mit dem Malen begonnen hat. Auch auf der rechten Seite huscht der Pinsel über die Leinwand, als sei das alles ganz einfach. Ist es aber nicht.
Wieder überlegt sie. Was soll sie eigentlich in diesem Malkurs? Ist sie hier nicht fehl am Platz? Sie kann doch gar nicht malen.
„Aber Freude“, murmelt sie. „Freude will ich haben. Malen soll fröhlich machen. Und zufrieden. Ich brauche Fröhlichkeit und Zufriedenheit.“
„Wie bitte?“, fragt ihre Nachbarin.
„Ach, nichts.“ Tina taucht den Pinsel ins Wasserglas und dann in die kupferrote Farbe. Sie malt einen dicken, runden Klecks auf die Leinwand.
„Der ist schön!“, sagt Johanna, die Kursleiterin, die gerade Tinas Platz erreicht hat, während sie hin und her wandert.
„Wer ist schön?“, fragt Tina.
„Na, der Kürbis – es ist doch ein Kürbis, oder?“, fragt Johanna.
„Ein Kürbis?“ Erschrocken starrt Tina auf den roten Kleks, der ein Kürbis sein soll. Will man sich lustig über sie machen? Oh nein, das kann sie zurzeit gar nicht ertragen. Schnell wäscht sie den Pinsel aus und greift zu einer neuen Farbe. Blau. Türkisblau wie ein Bergsee an einem Sommertag.
So richtig traut sie sich noch nicht, die Farbe auf die Leinwand zu bringen. Zaghaft setzt sie den Pinsel an, malt ein paar Tupfer und taucht den Pinsel erneut in das Wasser.
Man kann auch abstrakt malen, überlegt sie stumm. Viele Künstler tun das. Große Künstler. Und ja, warum soll sie es mit dieser Technik nicht ebenfalls versuchen.
„Ich suche die Fröhlichkeit“, sagt sie zu Johanna, die noch immer hinter ihr steht.
Johanna überlegt, legt den Kopf schief und lächelt.
„Ich ahne sie schon, die Fröhlichkeit, wie wäre es mit etwas Gelb?“
„Gelb?“ Tina spürt die Verwunderung, die in ihr wächst. „Nur gelb? Sollte die Fröhlichkeit nicht alle Farben haben. Alle Farben dieser Welt?“
„Nun ja, ich meinte das so: du hast das Rot des Abendrots gemalt, das Blau eines strahlenden Sommerhimmels, fehlt noch das Gelb der Sonne. Das war mein Gedanke, natürlich darfst du alle Farben dieser Welt in deinem Bild zeigen, ganz wie du willst!“
Tina kommen die Bilder in den Sinn, die sie als Kind gemalt hatte. Himmel, Sonne, Haus und Baum. Bilder, die alle Kinder aufs Papier bringen. Die Worte ihres Vaters fallen ihr ein, Worte wie Ohrfeigen:
„Schade! Mein Maltalent hast du nicht geerbt. Du kannst nicht malen. Sehr schade ist das.“
„Ich kann nicht malen!“, sagt sie nun laut.
„Wer sagt das?“, will Johanna wissen. Doch das möchte Tina ihr nicht erzählen. Entschlossen taucht sie den Pinsel in die schwarze Farbe und übermalt die blauen Tupfen und den roten Ball, hin und her und kreuz und quer. Sie malt so lange, bis die Leinwand fast schwarz ist und nur noch hier und da ein wenig Rot und Blau hervorlugt. Dann wäscht sie die Pinsel aus, schließt den Farbkasten und sagt: „So! Fertig!“ Sie lächelt. „Ich glaube“, sagt sie zum Abschied, „ich bin für einen Malkurs nicht geschaffen.“
Sie verlässt die Malschule, tritt auf die Straße, geht zum nahe gelegenen Park und setzt sich dort auf eine Bank am See. Ein bisschen zur Ruhe kommen möchte sie und den Farben auf Leinwand „Adieu“ zu sagen. Sie blickt in das satte Grün der Bäume, das Blau des Himmels, das Gelb der Sonnenblumen, das Lila der Astern, das Rot des Mohns … und greift, ohne viel nachzudenken, nach ihrem Skizzenblock. ‚Und ob ich malen kann!‘, denkt sie und lächelt zufrieden.

© Regina Meier zu Verl

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Zeichnung Regina Meier zu Verl