Ein märchenhafter Geburtstag

Ein märchenhafter Geburtstag

Eigentlich mochte Jonas es nicht, mit den Erwachsenen in ein Restaurant zu gehen. Es war ihm viel zu langweilig und benehmen musste man sich auch noch. Er fand das ätzend.
Trotzdem machte er eine Ausnahme für den Geburtstag seiner Oma.
„Okay!“, sagte er deshalb, als sein Mutter ihn fragte, ob er denn mitkomme. „Für Oma tu ich fast alles!“
Am Samstagabend machten sich also alle fein für das große Fest. Selbst Jonas ließ sich überreden eine Stoffhose zu tragen und ein Oberhemd. Das war nicht so ganz sein Fall, aber was tat man nicht alles aus Liebe.
Omas Augen strahlten, als sie ihn erblickte.
„Komm her, Jonas, du sitzt links neben mir und der Opa rechts. Dann habe ich meine beiden Männer an meiner Seite!“, rief sie ihnen zu und dirigierte alle auf ihre Plätze.
Neben Jonas nahmen seine Eltern Platz und auf der anderen Seite, neben Opa, sollten Tante Betty und ihr Liebster sitzen. Betty war Papas Schwester. Jonas bewunderte sie heimlich ein wenig, denn sie war nicht so wie die anderen Verwandten. Papa meinte sogar, dass sie ein wenig verrückt sei und wenn sie so weitermache, dann würde ihr der neue Freund auch wieder weglaufen. Sie hatte schon einige vergrault mit ihren Ticks.
Gerade studierte sie die Speisekarte und kicherte. Das Kichern ging in ein lautes Lachen über und schließlich konnte sie sich nicht mehr halten und grölte los.
„Jonas, hast du das gelesen?“, rief sie. „Es gibt Rapunzelsalat! Ist Rapunzel nicht diese krasse Braut, die ihren Lover an den Haaren in ihren Turm klettern ließ? Die war voll cool, das hätten wir mal machen sollen!“
„Betty, red doch nicht so einen Unfug. Rapunzelsalat ist ein Blattsalat, der sehr lecker schmeckt.“
„Stimmt, Mama, aber es ist auch ein Märchen. Du hast es uns oft genug vorgelesen, weißt du noch?“
Oma nickte. Sie mochte Märchen ganz besonders gern und fand es gar nicht schön, wenn man sie sprachlich so verhunzte. Ihre Liebe zu den alten Geschichten zeigte sich ein weiteres Mal auf der Speisekarte, beim Dessert. ‚Rot wie Blut, Weiß wie Schnee und Schwarz wie Ebenholz – Schneewittchenkuchen’, stand da. Jonas lief das Wasser im Mund zusammen.
„Sogar die Tischdekoration ist märchenhaft“, scherzte Tante Betty. „Dornröschen!“
Dass es für die Erwachsenen nach dem Essen ein Zauberwasser und für Jonas einen giftgrünen Krötenblutsaft gab, rundete das märchenhafte Menu ab.
Der Höhepunkt des Festes war allerdings dann die Geschenkübergabe von Tante Betty. Nach dem Essen hatte sie sich zunächst aus dem Staub gemacht. Als sie zurück in den Saal kam, war sie verkleidet als Troll. Sie trug eine braune Hose, die bis zu den Knien hochgekrempelt war, dazu ein Holzfällerhemd, das riesige Löcher aufwies und mal eine Wäsche nötig gehabt hätte. Ihre Haare hatte sie verstrubbelt und im Gesicht prangte eine dicke, rote Gumminase. Sie trug einen Blecheimer bei sich, den sie neben sich auf den Boden stellte. Dann tanzte sie singend um diesen Eimer herum, bevor sie sich drauf setzte und verklingen ließ:
„Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich goldne Eier …lege!“, sang sie. Dann stand sie auf und holte viele goldne Eier aus dem Eimer, die sie Oma auf den Tisch legte.
„Bitteschön, liebe Mama!“, sagte sie lachend und wartete darauf, dass das Geburtstagskind die Eier genauer anschaute.
„Ach Gottchen, das sind ja Märcheneier“, rief Oma fröhlich und wickelte die Goldfolie eines der Eier ab. Zum Vorschein kam eine kleine gelbe Kapsel, die man wiederum öffnen konnte. Darin fand sich ein Zettel: „Ich wünsche dir Gesundheit!“, stand auf dem ersten und dann kamen nach und nach viele gute Wünsche zusammen und ganz zum Schluss zog Tante Betty noch ein weiteres Ei aus ihrer Hosentasche.
„Das hätte ich doch fast vergessen!“, lachte sie und übergab es Oma.
Auf dem Zettel stand: „Die Eintrittskarten für das diesjährige Weihnachtsmärchen im Stadttheater mit der ganzen Familie kannst du, liebe Mama, bei mir abholen. Sie liegen in einer Schatzkiste und warten darauf, von dir gefunden zu werden. Deine Betty“

Jonas’ Oma war sehr glücklich an diesem Tag, ihrem 75. Geburtstag. Als sie abends im Bett lag, nahm sie Opas Hand und sagte: „Haben wir nicht voll krasse, tolle Kinder?“
„Megacool!“, murmelte Opa, der schon fast ins Traumreich geglitten war. „Megacool!“

© Regina Meier zu Verl

birthday-757097_1280
Bildquelle Efraimstochter/pixabay

 

Reizwortgeschichte (Fortsetzung)

Bart – Nasenspitze – vorwitzig – füllig – saugen

Das sind die Reizwörter, die diesmal verarbeitet werden mussten. Ich habe ein Stückchen weitergeschrieben bei „Josh im Bärenwald“. Viel Spaß!

Lest bitte auch bei meinen Kolleginnen

LORE

MARTINA

„Das war aber eine lange Geschichte!“, sagte Josh begeistert. Er fand es so spannend, dass er auf keinen Fall einschlafen wollte, und das war ihm auch gelungen.
„Gibt es morgen wieder eine neue?“, wollte er von Opa wissen.
Der schüttelte mit dem Kopf. „Nein, mein Junge erst übermorgen wieder. Morgen Abend treffen ich doch meine Freunde vom Volleyballverein. Wir wollen besprechen, wann wir unser Training wieder aufnehmen können!“
„Schade!“, fand Josh, gab sich aber damit erstmal zufrieden, weil er ja wusste, wie gern Opa Volleyball spielte. Später würde er dem Verein sicher auch mal beitreten. Das hatte er sich vorgenommen.
„Machen Bären eigentlich auch Sport?“, fragte er jetzt, um Opas Verabschiedung noch ein wenig hinauszuzögern.
„Das weiß ich nicht, da muss ich erstmal wieder bei Familie Bär lauschen!“, meinte Opa und grinste. Natürlich hatte er Josh durchschaut. Er konnte es ihm nämlich an der Nasenspitze ansehen und da sah er so manches schon, bevor der Junge etwas gesagt hatte.
„Opa, du lauscht doch gar nicht, du denkst dir das aus!“ Josh kicherte. Er war ja schon ein großer Junge und kannte seinen Opa doch zu gut, um ihm alles zu glauben.
„Beim meinem Barte schwöre ich, dass ich lausche!“, sagte Opa jetzt und da tat sich schon wieder eine neue Frage auf.
„Bei deinem Barte, Opa? Du hast doch gar keinen Bart!“
„Nein, aber da könnte einer sein, wenn ich wollte!“, stammelte Opa und strich sich übers Kinn. Er hatte einfach nur vermeiden wollten, den Ausspruch „Beim Barte des Propheten“ zu benutzen. Den hätte er nämlich nicht erklären können.
Josh gab sich damit erstmal zufrieden. Es war ihm auch fast egal, woher Opa die Geschichten nahm, die Hauptsache war doch, dass er sie ihm erzählte.
„Opa, wenn du einmal keine Zeit zum Lauschen hast, dann saugst du dir eben eine Geschichte aus den Fingern!“, sagte er Josh vorwitzig.
Opa lachte. „Woher hast du denn den Spruch?“, wollte er wissen.
„Das hat Papa neulich gesagt, als er mir eine Geschichte erzählen sollte und ihm keine einfiel.“, Josh verstellte seine Stimme, weil er wie Papa klingen wollte: „Soll ich sie mir etwa aus den Fingern saugen?“
Die beiden lachten. „Das ist typisch dein Vater!“, sagte Opa.
„Aber jetzt sag doch! Machen Bären auch Sport?“, fragte Josh nachdrücklich.
Opa zögerte einen kurzen Moment, dann leuchteten seine Augen plötzlich.
„Weißt du, Mama Bär ist wohl ein wenig zu füllig und sie hat auch genug mit den Doppelzwillingen zu tun, wobei Papa Bär ein begeisterter Angler ist!“
„Aber Angeln ist doch kein Sport, Opa!“, meinte Josh vorwitzig.
„Hast du `ne Ahnung. Natürlich ist das Angeln Sport. Aber das werde ich dir heute nicht mehr erzählen, übermorgen wirst du es erfahren. Und nun schlaf schön, mein Lieber!“

in der nächsten Reizwortgeschichte geht es dann weiter …

Wilde Rosen

Hier in unserer Nähe, in Schloss Holte-Stukenbrock, gibt es ein Seniorenheim mit dem Namen Wiepeldorn. Ich bin oft dort vorbei gefahren, ohne zu wissen, was der Name bedeutet, denn vom Klang lässt sich das kaum ableiten, vielleicht könnte der zweite Teil des Wortes einen Hinweis geben? Nun ja, ich habe es heraus bekommen und dann fiel mir dazu eine kleine Geschichte ein, die euch nun aufklären wird, lest selbst:

Wilde Rosen

„Na, kleine Wiepeldorn, willst du mir helfen?“
Wibke sieht ihren Opa verärgert an.
„Du weißt genau, dass ich Wibke heiße und nicht Wiepeldorn!“, schimpft sie.
Opa legt den Malpinsel beiseite und streckt die Arme aus.
„Komm her und lass dich mal knuddeln!“, bittet er und Wibke kann nicht widerstehen.
Opa ist der Beste, auch wenn er immer so komische Namen für sie erfindet. Das Wort Wiepeldorn hat sie heute zum ersten Mal gehört. Während sie sich an Opa kuschelt, erklärt er:
„Das ist der plattdeutsche Name für wilde Rosen und die sind besonders hübsch, so wie du. Sie sind traumhaft schön, duften köstlich und ab und zu pieksen sie ein wenig.“
Die Kleine lächelt. Mit einer Rose mag sie gern verglichen werden.
„Sind sie so schön, wie auf deinem Bild dort?“, fragt sie und Opa nickt bestätigend.
„Ja, genau so schön. Sicher noch schöner, weißt du, die Natur bringt Blumen hervor, die man so schön niemals malen kann.“
Er nimmt seinen Malpinsel und setzt seine Arbeit fort. Wibke sieht ihm dabei zu und nimmt sich vor, eines Tages mal ein genauso guter Maler zu werden wie Opa. Dann wird sie auch Wiepeldorns malen, ganz viele.

Regina Meier zu Verl

Zum Malen schön – ein Rosenbusch, Foto © Andrea Oberdorfer

Mamas Herzenswunsch

Mamas Herzenswunsch

Mamas Herzenwunsch

Wenn man Mama fragt, was sie sich wünscht, sagt sie immer:
„Ich wünsche mir, dass der Pit kommt und sagt, dass alles wieder gut ist!“
Der Pit ist mein großer Bruder. Er wohnt nicht mehr bei uns. Was damals passiert ist, weiß ich gar nicht mehr so richtig. Mama spricht nicht gern drüber.

Es ist drei Tage vor Muttertag, als ich mir überlege, dass ich Mama gern eine große Freude machen möchte. Ich will keine Blumen schenken und auch kein gemaltes Bild. Ich möchte ihr einen Herzenswunsch erfüllen und das ist ein Besuch meines Bruders. Doch wie soll ich das anstellen?

Ich überlege und überlege und dann hab ich’s plötzlich. Ich werde ihn suchen. Mir wird er den Wunsch nicht abschlagen, denn er hat doch gesagt, dass er mich lieb hat. Er hat es mir auch geschrieben, heimlich. Vor ein paar Wochen, als ich aus der Schule kam, hatte er einen Brief auf meinen Fahrradgepäckträger geklemmt. Darin stand auch seine Telefonnummer. „Da kannst du anrufen, wenn du mich brauchst!“

Ich packe also meinen Brief in die Schultasche und fahre nach der Schule zu Oma. Dort kann ich telefonieren. Ich wähle Pits Nummer, er meldet sich sofort.
„Hallo, kleine Schwester“, sagt er.
„Wann kommst du nach Hause?“, frage ich. Pit sagt nichts.
„Hast du mich nicht verstanden? Wann kommst du nach Hause?“
Ich höre ganz deutlich, dass Pit noch da ist. Wir schweigen beide, dann ein Räuspern.
„Ich kann nicht nach Hause, Pia. Das verstehst du nicht.“
„Ihr Großen seid blöd, immer sagt ihr, dass ich nichts verstehe. Aber ich bin nicht dumm. Mama wünscht sich so sehr, dass du nach Hause kommst.“
„Hat sie das gesagt?“ flüstert Pit.
„Ja, das hat sie und nicht nur einmal, immer sagt sie es und dann weint sie. Pit, am Sonntag ist doch Muttertag, komm doch, damit Mama wieder glücklich ist.“
„Ich kann es nicht“, behauptet Pit und das klingt so, als sei daran nichts zu machen.
„Dann werde ich dich holen“, sage ich, weil er doch gesagt hat, dass er es nicht kann. Vielleicht kann ich ihm ja helfen.
„Pia, das geht nicht, ich wohne doch jetzt in der Nachbarstadt. Du kannst nicht allein hierher kommen.“
„Das wirst du schon sehen!“
Ich gebe Oma das Telefon, sie steht schon die ganze Zeit neben mir und macht Zeichen, dass sie den Pit auch sprechen möchte. Die beiden reden kurz, so etwas wie „Wie geht es dir“ und „Junge, komm doch nach Hause“ und dann legt Oma auf . Sie weint.
„Er wird nicht kommen“, sagt sie und kramt in ihrer Hosentasche nach einem Taschentuch.

Erwachsene sind einfach blöd. Sie leiden und dann tun sie nichts. Sie weinen, aber niemand darf es sehen. Sie sehnen sich nach ihren Kindern oder Müttern und sie tun nichts. Ich kann das nicht verstehen. Aber eines weiß ich: Ich werde nicht einfach zusehen, wie sie alle traurig sind. Ich werde etwas tun.
Am Samstag vor dem Muttertag schlachte ich mein Sparschwein, packe meinen Rucksack und verlasse schon ganz früh am Morgen das Haus. Papa und Mama schlafen noch. Leise schließe ich die Haustür und hole mein Fahrrad aus dem Schuppen. Ich weiß genau, wo der Bahnhof ist, zweimal links und einmal rechts und dann bin ich auch schon da. Mein Fahrrad schließe ich ab und dann schaue ich in der Bahnhofshalle auf die Anzeigetafeln. Ich will nach zu Pit.
Ist das ein Wirrwarr von Zahlen und Buchstaben, da blicke ich nicht durch. Ich frage eine alte Dame.
„Können Sie mir sagen, wie ich zu meinem Bruder komme?“
Die Dame schaut mich von oben bis unten an.
„Bist du nicht viel zu klein, um allein mit dem Zug zu fahren?“
„Nein, das bin ich nicht, ich bin schon acht Jahre alt und mein Bruder holt mich vom Bahnhof ab“, lüge ich und schäme mich ein bisschen.
Die Dame will mir aber nicht helfen, sie sagt, dass ich schleunigst nach Hause gehen soll. Ich nicke und tu so, als ob ich den Bahnhof verlasse, drücke mich aber noch etwas im Eingang herum.
„Ich fahre einfach mit dem Rad“, denke ich mir und gehe zurück zum Fahrradständer. Dort werde ich von einem Polizisten angesprochen.
„Na, junge Dame, ganz allein unterwegs zu dieser Zeit?“ ‚Blödmann’, denke ich und nicke. Er sieht doch, dass ich allein bin.
„Wissen denn deine Eltern, dass du morgens um sechs Uhr allein hier am Bahnhof bist?“
„Ja, klar!“ antworte ich und schließe mein Fahrrad auf.
„Ich fahre jetzt nach Hause, wollte nur meinen Bruder abholen, der heute zum Muttertag nach Hause kommt!“ Schon wieder gelogen, aber irgendwie ahne ich, dass der Polizist einen guten Grund braucht, um mich nicht mit ins Gefängnis zu nehmen.
„Aha!“, sagt der zu mir und guckt streng. Ich bekomme ein bisschen Angst und dann habe ich eine gute Idee.
„Sie können ihn ja anrufen und nachfragen, wenn Sie mir nicht glauben. Die Nummer habe ich dabei.“ Der Mann lässt sich die Telefonnummer geben und tippt sie sofort in sein Handy ein.
„Oberwachtmeister Schulz, guten Morgen. Entschuldigen Sie, dass ich so früh störe, aber hier am Hauptbahnhof steht eine junge Dame vor mir, die behauptet, dass sie Ihre Schwester sei.“
Pit muss einen furchtbaren Schrecken bekommen haben, denn er sagt dem Polizisten, dass er eine Weile auf mich aufpassen soll, er komme sofort, um mich abzuholen.
Das sagt mir der Schutzmann jedenfalls und ich muss grinsen. Ziel erreicht, ohne, dass ich in die Nachbarstadt fahren muss. Pit kommt und holt mich, was will ich mehr?

Es dauert nur eine halbe Stunde, bis Pit vor mir steht. Ich bin total erleichtert und glücklich und dann weine ich ihm auf die Schulter, als er mich drückt und küsst. Er bedankt sich beim Polizisten und dann bringt er mich nach Hause. Dort werde ich bereits vermisst. Als wir klingeln, kommt Mama mit verweinten Augen an die Tür.
„Alles wird wieder gut!“, sagt Pit und dann drückt er Mama und Mama weint auch und ich auch und dann lachen wir und feiern den schönsten Muttertag, den es je gegeben hat.

© Regina Meier zu Verl

Photo by Mark Plu00f6tz on Pexels.com

Elina und die rosafarbenen Stulpen

Elina und die rosafarbenen Stulpen (unter dem Text auch zum Anhören)

„Oma, was machst du denn da?“
„Ich ruhe mich aus, Elina!“ Oma Betty sitzt in ihrem Fernsehsessel und hat die Beine hochgelegt.
„Könntest du mir einen Gefallen tun, während du dich ausruhst?“, fragt Elina mit zuckersüßer Stimme.
„Das kommt darauf an“, sagt Oma.
„Worauf kommt es an?“, will Elina wissen.
„Also, wenn ich mich weiter dabei ausruhen kann und die Beine liegen bleiben dürfen, dann könnte ich dir einen Gefallen tun. Worum geht es denn?“
„Ich gehe doch jetzt immer zum Ballettunterricht. Die anderen Mädchen dort haben Stulpen über der Strumpfhose. Das gefällt mir gut. Ich möchte auch welche haben.“ Elina zeigt ihrer Oma, von wo bis wo die Stulpen gehen und erklärt dann, dass diese langen Socken ohne Fuß den Sinn haben, die Waden schön warm zu halten.
„Weißt du Oma, man kann sich leicht verletzen, wenn die Muskeln kalt sind!“
„Ich verstehe!“, sagt Oma. „Und nun möchtest du, dass ich dir ein Paar Stulpen stricke, stimmt’s?“
Elina strahlt. Sie wusste, dass Oma ein offenes Ohr für sie hatte und schnell ihren Wunsch erraten würde.
„Genau, rosa sollen sie sein. Genauso rosa wie mein Ballettkleid!“
„Dann müssen wir Wolle besorgen und ich muss doch meinen Sessel verlassen. Außerdem wird es gleich schon dunkel und wir schaffen es nicht mehr im Hellen zurück!“
„Mama könnte uns fahren, oder wir nehmen eine Taschenlampe mit“, schlägt Elina vor. Dann fällt ihr ein, dass Mama ja gar nicht zu Hause ist und Papa kommt erst spät, da er heute noch in die Stadt fahren wollte nach Feierabend.
„Mmh“, macht Oma. „Mmh“, macht auch Elina. Dann schwingt Oma die Beine vom Sessel und steht auf. Sie strickt ja viel zu gerne und möchte am liebsten heute noch beginnen mit den rosa Stulpen.
„Also gut, dann mal los, junge Dame!“
„Oma, du bist die Beste!“
Schnell packen sich die beiden warm ein und schreiben einen Zettel auf dem steht: Wir sind im Wollgeschäft, Stulpenwolle kaufen!
Oma nimmt vorsichtshalber noch das Handy mit, dann geht es los.
Nach einer Viertelstunde erreichen sie die Einkaufsstraße, an der auch Frau Wortmanns Wollgeschäft zu finden ist.
„Schau, Oma, das ist die richtige Farbe!“ Elina hat schnell ihre Wunschwolle gefunden. Oma kauft noch zwei Knäuel Sockenwolle zusätzlich und schon machen sie sich wieder auf den Heimweg. Als sie das Geschäft verlassen, ist es tatsächlich schon fast dunkel. Natürlich haben sie die Taschenlampe vergessen. Elina ist ein wenig mulmig zumute.
Auch Oma gefällt das gar nicht, denn ein Stück des Weges ist eine Landstraße ohne Bürgersteig. Da wird man schlecht gesehen und es ist ganz schön gefährlich. Erst im letzten Jahr ist ein Kind dort angefahren worden.
„Wir gehen ins Café und trinken einen heißen Kakao und dann rufen wir Mama an, dass sie uns später hier abholen kommt!“, schlägt Oma vor. Das findet Elina toll, denn sie bibbert schon jetzt vor Kälte. Ein schlechtes Gewissen hat sie auch, weil sie Oma ja überredet hat. Mama wird das gar nicht gefallen.
„Ich werde Mama sagen, dass ich mich verplaudert habe bei Frau Wortmann. Dann schimpft sie nicht!“, sagt Oma, die genau gemerkt hat, dass ihre Enkelin immer stiller wird.
„Guck, nun strahlst du wieder. Das ist super, denn das passt so gut zu dir wie dein Name?“
Elina weiß, dass Elina „Die Strahlende“ bedeutet. Das hat Mama ihr erklärt und seitdem gefällt ihr der eigene Name noch viel besser.
„Du strahlst wie ein Stern am sternenklaren Himmel, meine Kleine!“, schwärmt Oma, aber jetzt wird es Elina dann doch zu viel.
„Jetzt isses aber gut, Oma! Meinst du, ich könnte zum Kakao noch ein Stückchen Kuchen bekommen?“

© Regina Meier zu Verl

Hier lese ich dir die Geschichte vor:

Elina und die rosafarbenen Stulpen

Helene und die Puppenfamilie

Helene und die Puppenfamilie

Früher hat Tante Helene noch bei uns gewohnt. Sie war Omas Schwester, unverheiratet, ein altes Fräulein, sagte Opa immer und kniff ein Auge zu. Das bedeutete für mich, dass ich das nicht sagen durfte, altes Fräulein. Irgendwann wurde Tante Helene dann krank und Opa sagte: „Der liebe Gott hat das alte Fräulein zu sich geholt!“
Daran erinnere ich mich noch gut und auch an den leckeren Butterkuchen, den es zum Kaffeetrinken nach der Beerdigung gab. An die leise Klaviermusik, die oft aus ihrem Zimmer tönte, kann ich mich noch gut erinnern. Grieg und Schumann und Tschaikowsky, das waren ihre Lieblingskomponisten und sie hatte von ihnen eine Unmenge Schallplatten. Was aus ihnen wohl geworden ist? Immer, wenn ich heute die vertrauten Stücke höre, stelle ich mir diese Frage. Und nicht nur diese.
Damals war ich ein Kind, oft bekam ich keine Antworten auf meine Fragen; von Tante Helene sowieso nicht. Die war schweigsam. Aber man konnte in ihrem Gesicht lesen. Oft hatte sie so ein feines Lächeln, dass mir ganz warm wurde, wenn ich sie anschaute. Oma sagte immer: Helene ist so ganz anders als ich. Ich glaube, sie denkt, sie sei was Besseres.
Was sie damit meint, habe ich damals nicht verstanden. Tante Helene war für mich eine alte Frau, aber sie war schön. Eine schöne alte Frau mit den schneeweißen langen Haaren, die sie zu einem locker gebundenen Knoten trug – und manchmal, an Wochenenden, ließ sie sie auch lang über den Rücken hängen. So schöne lange weiße Haare, fast bis zu ihrem Po.
Ich habe Zöpfe geflochten und mit bunten Schleifen zugebunden, oder sie wie eine Krone um den Kopf gewickelt. Dann die Zöpfe wieder gelöst und das seidige Haar sanft gebürstet. Tante Helene hat das sehr gefallen, das hat sie jedenfalls gesagt. Sie war geduldig und nahm sich die Zeit für mich. Das tat mir gut. Überhaupt war ihr Zimmer für mich immer wie eine Zufluchtsburg. Ärger oder Unfriede fanden hier kein Einlass und immer, wenn ich mit meinen Eltern Krach hatte, suchte ich bei ihr Unterschlupf. Mama und Papa wirkten so spießig gegenüber Tante Helene, die doch viel älter war als sie und als spätes Fräulein in den Augen der Leute doch die Spießige war. Falsch.
Es war ein paar Tage vor Weihnachten, als ich wieder einmal in Tante Helenes Zimmer auf dem Boden saß und mit meinen Puppen spielte. Ich redete immer mit ihnen. Meine Ursula, die größte der Puppen, war die Mutter, Heidi und Susi spielten die Kinder. Alle Puppen waren von Oma eingekleidet worden, trugen wollene Unterhosen und Hemden, Rüschenkleider mit adrettem Kragen, Kniestrümpfe und winzig kleine Lederschuhe. Es fehlte nur noch der Vater, doch den hatte ich nicht. „Es gibt keine Vater-Puppen“, hatte mir Mama immer wieder erklärt und ich fand das ehrlich blöde. Zu einer richtigen Familie gehörte ein Vater. Das war nun einmal so. Aber Mama ließ nicht mit sich reden und deshalb bettelte ich schon seit dem Sommer bei Tante Helene, dass sie mir zu Weihnachten eine Vaterpuppe schenkte.
„Ich werde sehen, was ich machen kann. Aber eigentlich bringt ja das Christkind die Geschenke, nicht wahr?“, fragte sie mit einem Augenzwinkern.
Das stimmte. Ich wollte ein bisschen schmollen, denn irgendwie verließ ich mich auf Tante Helene mehr, viel mehr als auf das Christkind. Das war so und das war für mich auch das Gute und Wichtige, das mich zu ihr hinzog. Ich konnte ihr vertrauen.
Als der Heiligabend endlich gekommen war, platzte ich fast vor Ungeduld. Ich hatte meine Puppen besonders hübsch angezogen und frisiert und auch mich selbst hatte ich herausgeputzt. Meine Haare trug ich auf die gleiche Art und Weise hochgesteckt, wie Tante Helene und mein schönes Kleid hatte die Tante mir gekauft.
Papa spielte „Ihr Kinderlein kommet“ auf dem Harmonium und dann durfte ich das Wohnzimmer betreten. Und dann, ja, dann hatte ich all die Lieder, die ich gelernt hatte, vergessen. Ich konnte nichts anderes tun als auf die Geschenke zu starren, die unter dem Christbaum lagen. Vor allem zwei große, längliche Pakete hatten es mir angetan. Zwei Pakete? In meinem Kopf rasten die Gedanken und endlich, endlich war es soweit. Bescherung! Und ich hatte recht gehabt: es waren zwei Pakete mit zwei Puppen. Mit einer Papapuppe nämlich und einer Tantenpuppe, denn die, so sagte Mama, gehörte schließlich auch in eine richtige Familie, so wie Tante Helene zu uns gehörte.
Das war das letzte Weihnachtsfest, das sie mit uns verbrachte und ich bin so froh, dass Mama das damals gesagt hat, denn es hat Tante Helene sehr gutgetan. Meine Tantenpuppe sitzt noch immer auf meinem Sofa, ich bringe es nicht übers Herz, sie in die Kiste zu den anderen zu räumen. Irgendwann werde ich selbst Kinder haben, die können dann damit spielen, vorausgesetzt ich werde kein altes Fräulein, wie Tante Helene. Ich muss lächeln, bei dem Gedanken, denn manchmal wäre ich so gern wie sie, ja, ganz bestimmt!

© Regina Meier zu Verl

Photo by David Lu00f3pez on Pexels.com

Weihnachten steht vor der Tür

wreath-1081973_960_720
Türkranz Free-Photos/pixabay

Erwachsene sagen manchmal so Dinge vor sich hin, die leicht zu Missverständnissen führen können, so wie auch hier in der nachfolgenden Geschichte. 

Weihnachten steht vor der Tür

Hatte Mama nicht neulich gesagt, dass Weihnachten vor der Tür steht? Seither wunderte ich mich seit Tagen schon. Ich schaute nach, immer wieder, aber da stand nie jemand vor der Tür, auch Weihnachten nicht. Pah!
Die Erwachsenen sagen oft Sachen, die sie dann gar nicht so meinen. Ich finde das blöd. Wie soll ich denn unterscheiden, was wirklich so gemeint ist und was nicht? Keine Ahnung.
Ich fragte also nach:
„Mama, du hast doch gesagt, dass Weihnachten vor der Tür steht, stimmt’s?“
„Ja, das habe ich wohl gesagt“, seufzte Mama. Sie stand sofort auf und räumte ihre Teetasse zur Seite. Vorbei war es mit der Gemütlichkeit.
„Ich habe noch so viel zu tun!“, sagte sie, seufzte und verschwand in ihrem Arbeitszimmer.
Ich erschrak. Sie würde sich doch jetzt nicht vor den Computer setzen?
Rasch folgte ich ihr.
„Mama?“
„Ja, was ist denn noch?“ Ein bisschen ungeduldig sah Mama mich an.
„Vor der Tür steht aber keiner. Schon gar nicht Weihnachten. Ich habe extra nachgeschaut. Geklingelt hat es auch nicht“, sagte ich schnell.
Da lachte Mama. Und wie sie lachte. So heftig, dass sie sich wieder setzen musste und jedes Mal, wenn sie mich ansah, dann lachte sie wieder los, bis ihr die Tränen kamen.
„Was ist denn da jetzt so lustig?“, fragte ich nach.
„Du darfst nicht immer alles so wörtlich nehmen. Ich habe gemeint, dass wir jetzt Mitte November haben und es gar nicht mehr lange dauert, dann ist Weihnachten.“
„Warum sagst du das dann nicht?“
„Du hast ja Recht, ich werde mich besinnen und dir demnächst sofort erklären, was gemeint ist. Sollen wir jetzt Plätzchenteig machen?“
Natürlich wollte ich Plätzchenteig mit ihr machen und dann würde ich naschen, was das Zeug hielt.
„Ja sicher, das machen wir. Ich weiß ja jetzt, dass Weihnachten vor der Tür steht, auch wenn wir erst Mitte November haben.“

© Regina Meier zu Verl

Hanna malt ihre Gedanken

Hanna malt ihre Gedanken

Hanna schleicht seit Minuten um mich herum. Stören will sie nicht, aber einfach nur dasitzen und warten, das will sie auch nicht. Amüsiert betrachte ich das Treiben aus dem Augenwinkel, auf meinen Text kann ich mich sowieso nicht mehr konzentrieren. Aber das ärgert mich nicht, das Leben ist hier und jetzt, schreiben kann ich später noch.

„Na, Hanna, ist dein Bild schon fertig gemalt?“, frage ich deshalb, um das Kind zu erlösen. Ihre Augen beginnen zu leuchten, „Endlich“ kann ich darin lesen und freue mich gleich mit.
„Ja, schau mal, ich habe eine Geschichte gemalt und bin sehr gespannt, ob du erkennst, welche es ist!“

Ich betrachte das Bild, das wundervoll bunt ist und viele Details zeigt, die in Ruhe betrachtet werden wollen. Hanna platzt vor Ungeduld, als ich schaue und schaue.
„Na, hast du’s?“
Ich schüttle den Kopf. ‚Manchmal darf auch eine Oma schummeln‘, denke ich und kann das Lachen kaum noch unterdrücken.

„Dieser Frosch hier kommt mir bekannt vor“, sage ich und mache eine Pause, bevor ich mich über das fantasievolle Kleid des weiblichen Wesens auslasse, das dort auf einem Brunnenrand sitzt und weint.
„Jetzt müsstest du aber wissen, welche Geschichte das ist!“, schimpft Hanna empört.
„Weiß ich auch, es ist das Märchen vom Froschkönig!“
Hanna strahlt.
„Du bist die weltbeste Erkennerin!“, lobt sie mich und zieht das nächste Bild hinter ihrem Rücken hervor.

Jetzt wird es schwieriger. Eine alte Frau sitzt in einem Sessel, neben ihr hockt eine Katze auf der Sessellehne. Die Frau hat ein Buch auf dem Schoß, sie liest aber nicht, denn ihre Augen sind geschlossen. An der Wand hängt ein Bild, auf dem ein Hund zu erkennen ist, ein Dackel.
„Hilf mir, Hanna, gib mir einen Tipp“, bitte ich.
„Schau hin“, sagt Hanna und kichert, „du wirst erkennen, welche Geschichte auf dem Bild ist.“
Neben dem Sessel steht ein Korb mit Wolle, aus dem ein halbfertiger Socken heraushängt. Der kommt mir bekannt vor.
„Das ist ja mein Wollkorb!“, rufe ich und freue mich, dass ich der Sache nun auf die Spur komme.
Hanna grinst.
„Dann bin ich wohl die Frau im Sessel, oder?“
Hanna schüttelt energisch den Kopf.
„Nein, das kannst du doch nicht sein, du bist doch allergisch gegen Katzen.“
Das stimmt, ich bin also auf der falschen Fährte. Seltsam ist ja auch, dass die Frau rote Turnschuhe mit neongrünen Bändern trägt.

„Hey, solche Schuhe hast du doch, Hanna, oder?“
„Ja, hier schau, ich habe sie ja an!“
„Die sind aber der Frau auf dem Bild zu klein“, behaupte ich. Hanna überlegt bevor sie antwortet:
„Sie hat sich neue gekauft, in größer.“
„Ach so, dann könnte es ja sein, dass du diese Frau bist, nicht wahr?“
„Stimmt“ Hanna lacht und klatscht übermütig in die Hände.
„Jetzt rate weiter, was ist da los auf dem Bild? Guck doch mal das Buch an, das ich da auf dem Schoß habe“, rät sie.

Auf einmal weiß ich es, das ist das Buch, das ich für Hanna geschrieben habe. Alle Geschichten sind drin, die ich für sie erdacht habe und sie hat es von mir zur Einschulung bekommen. Aber warum ist Hanna so alt auf dem Gemälde und wo bin ich?
Hanna errät wohl meine Gedanken, denn sie fängt an zu erzählen:
„Pass auf! Wir haben heute in der Schule für Lisas Mama gebetet. Du weißt doch, dass sie sehr krank ist und Lisa war heute nicht da und Frau Kruse hat uns gesagt, dass ihre Mama gestorben ist. Alle waren ganz traurig und es tut mir so leid für Lisa, denn nun ist sie allein mit ihrem Papa und eine Oma hat sie auch nicht. Und da musste ich daran denken, dass dir oder Mama auch mal was passieren könnte und dann habe ich auch geweint. Da hat Frau Kruse gesagt, dass von jedem Menschen etwas bleibt, etwas, das uns an ihn erinnert und so bleibt dann dieser Mensch immer im Herzen, auch wenn er mal nicht mehr auf der Welt ist.“

Hanna hat ganz leise erzählt und mir fehlen gerade die Worte, so ergriffen bin ich von ihren Gedanken, denn ich erkenne plötzlich, was sie mir mit dem Bild sagen will.

„Du wirst immer bei mir sein, Oma. Wenn ich mal alt bin, dann setze ich mich in einen Sessel und nehme dein Buch und dann denke ich an dich, oder ich denke mir auch Geschichten aus und schreibe sie in ein Buch und die Katze wird mir dabei zuschauen, denn dann darf ich ja eine Katze haben, weil, wenn du ein Engel bist, dann bist du sicher nicht mehr allergisch, oder?“
„Nein, Hanna, Engel haben sicher keine Allergien!“

Ich setze mich in meinen Sessel und Hanna krabbelt auf meinen Schoß. Ich genieße diesen innigen Moment mit ihr und ihr Bild werde ich in einem schönen Rahmen über mein Bett hängen.

© Regina Meier zu Verl

HIER auch als Hörbuch im Magazin CARL

Rosen alt

Das Vorher und das Nachher

Das Vorher und das Nachher

Wir waren eine glückliche Familie, die es geschafft hatte, so manchem Sturm im Leben zu trotzen.
Alles änderte sich, als Großvater gestorben war. Für uns alle gab es nur noch ein Vorher und ein Nachher. Die jeweilige Grenze zu überschreiten war schmerzhaft und so fingen wir an, es zu vermeiden. Meist lebten wir im Vorher, erzählten uns Geschichten einer Zeit, die besser gewesen war, als die, die nun vor uns lag.
Wir trauerten gemeinsam. Das schweißte uns als Familie noch mehr zusammen. Trotzdem gab es immer wieder auch Streit, weil wir alle so dünnhäutig geworden waren.
„Du hättest ihm noch die Haare schneiden sollen!“, warf Oma meiner Mutter vor. „Er sah ja ganz schrecklich aus an seinem letzten Tag!“
Mama hatte weinend das Zimmer verlassen, ihre Jacke genommen und die Haustür hinter sich ins Schloss fallen lassen.
Oma begann auch zu weinen und ich reichte ihr ein großes Stück von der Küchenrolle, in das sie lautstark schnäuzte.
„Ich habe es doch nicht böse gemeint“, schluchzte sie.
„Das weiß ich doch, Oma. Und Mama, die weiß es auch!“, versuchte ich sie zu trösten, während meine kleine Schwester auf ihren Schoß kletterte und die Ärmchen um sie schlang.
Nach einem solchen Vorfall kam meine Mutter meist nach ein paar Minuten zurück und dann tranken die beiden Frauen Tee miteinander, mit einem kleinen Schuss Rum drin, so, wie Großvater ihn gern gehabt hatte.
Papa hielt sich aus allem raus. Es fiel ihm schwer, Gefühle zu zeigen und deshalb schwieg er lieber gleich. Er vermisste die abendlichen Gespräche mit Mama. Oma saß immer gemeinsam mit ihnen im Wohnzimmer. Sie wollte einfach nicht allein sein in ihrer Wohnung, das verstanden wir alle.
Aber das Leben musste weitergehen. Wir Kinder kehrten zuerst zur Normalität zurück. Wir spielten miteinander, zunächst noch still, dann aber fingen wir an zu streiten und raufen und das Leben kehrte zurück ins Haus. Wir bezogen Oma in unsere Spiele mit ein und manchmal gelang es uns, dass sie sogar ein wenig lachen konnte. Das war schön, erleichtert stellten wir fest, dass sie immer seltener weinte. Jedenfalls sahen wir es nicht mehr so häufig.
An einem Abend, ein paar Tage vor meinem Geburtstag, lag ich in meinem Bett und las noch ein wenig in meinem spannenden Buch. Es ging um einen Zaubertunnel, der in einem Waldstück lag und immer wenn ein Mensch durch diesen Tunnel ging, dann kam er auf der anderen Seite verwandelt wieder heraus. Erik, die Hauptperson in meiner Geschichte, war gerade als Hund wieder erschienen und das fand ich einerseits lustig, aber auch ein wenig beängstigend, denn er konnte sich nicht zurückverwandeln. Das glaubte ich jedenfalls. Ich klappte das Buch zu und machte mir so meine eigenen Gedanken dazu. Wäre es schön, ein anderes Leben zu haben, fragte ich mich, als ich jäh in meinen Überlegungen gestört wurde.
Papa kam in mein Zimmer. „Ist Jule bei dir?“, fragte er und trat an mein Bett.
„Nein, sie ist doch schon längst im Bett, ich habe ihr sogar noch etwas vorgelesen, dann ist sie eingeschlafen!“
„Sie ist nicht in ihrem Bett!“, behauptete Papa. Ich schlüpfte in meine Hausschuhe und rannte zu Jules Zimmer. Tatsächlich, sie war nicht da.
„Vielleicht musste sie mal!“, stellte ich fest.
„Im Bad ist sie auch nicht, in der Küche und im Wohnzimmer auch nicht!“
Der Tunnel fiel mir ein. Ich hatte Jule davon erzählt. Vielleicht hatte sie sich auf die Suche gemacht und sich verirrt. Meinen Eltern erzählte ich das aber nicht, denn sofort packte mich das schlechte Gewissen. Was war, wenn Jule meine Geschichte für wahr gehalten hatte?
„Ich gehe mal hoch zu Mutter“, schlug mein Vater vor und machte sich auf den Weg. Mama und ich warteten an der Treppe, wir wagten kaum zu atmen und lauschten angestrengt.
Dann erschien mein Vater oben an der Treppe. Er legte den Finger auf die Lippen und winkte uns nach oben.
„Das müsst ihr euch anschauen!“, flüsterte er.
Wir folgten ihm leise zu Omas Schlafzimmer. Dort lagen die beiden, Arm in Arm, im großen Ehebett. Oma schnarchte selig und Jule hatte sich eng an sie gekuschelt.
Leise gingen wir wieder nach unten.
„Das ist die beste Therapie für Oma!“, sagte meine Mutter und lächelte.
Von da an durften wir Kinder abwechselnd bei Oma schlafen und das tat uns allen gut. Wir waren im Nachher angekommen und es tat nicht mehr so weh, wenn wir die Grenze zum Vorher überschritten. Irgendwie hatten wir alle das Gefühl, dass Großvater immer noch bei uns war und sicher fand er es gut und richtig, dass wir sein Bett nun in Beschlag genommen hatten.

candles-4317897_1280
Bildquelle Pixel2013/pixabay

© Regina Meier zu Verl

Nebeltage

See-Idylle

Nebeltage

Eine Herbstgeschichte

Drei Tage lag das Dorf in dichtem Nebel. Unser Haus war ganz umhüllt und wir lebten in einer Welt, in der es nur uns zu geben schien. Wie gefangen kamen wir uns vor. Auch wenn wir wussten, dass das irgendwann ein Ende haben würde, so nervte uns diese Ausnahmesituation schon am Ende des ersten Tages.
Großvater zog sich in seine Stube zurück. Für ihn war es das perfekte Wetter, musste er doch nicht im Garten arbeiten. Er nebelte sich ein im Pfeifenrauch und las ein Buch nach dem anderen. Seine Schmökerstunden unterbrach er lediglich zur Nahrungsaufnahme. Gern hätte ich ihm Gesellschaft geleistet, aber der Pfeifenrauch brachte mich immer zum husten. Meine Eltern fanden es auch gar nicht gut, dass ich diesen Mief immer einatmen sollte. Deshalb durfte Opa auch nur in seiner Stube rauchen, oder draußen. Aber bei diesem Wetter jagte man ja nicht einmal einen Hund vor die Tür. Nicht einmal unser Fiete wollte raus, nur zum Pinkeln und – na, ihr wisst schon!
Mama sortierte die Kleiderschränke aus und schaffte Platz für Neues. Es war lustig anzusehen, wie sie jedes Teil prüfte, in die Höhe hielt und hin und wieder eine Anekdote zu einem bestimmten Teil erzählen konnte.
“Schau nur, Lotta“, sagte sie beispielsweise. „Diese Bluse habe ich getragen, als ich mit deinem Vater in Berlin war. Damals sind wir ganz fein ausgegangen. Ach, wie chic war ich darin. Aber nun habe ich wohl keine Verwendung mehr dafür. Außerdem habe ich wohl ein paar Pfündchen zugelegt, sie passt nicht mehr!“
Liebevoll betrachtete sie die Seidenbluse mit dem hübschen Muster aus vielen kleinen Blüten zusammengesetzt. Beinahe zärtlich strich sie über den Stoff und roch daran, bis sie schließlich entschied: „Nein, die ist zu schade! Ich kann mich nicht von ihr trennen. Vielleicht passt sie dir ja eines Tages. Manchmal werden Muster wieder modern, was meinst du?“
Ich fand den Stoff scheußlich, aber ich hütete mich, das zu sagen. Mama liebte diese Bluse und ich würde ihr die Freude daran nicht verderben.
Mein Vater versuchte es auch mit dem Lesen, aber schnell wurde es ihm zu langweilig. Er verzog sich in die Garage und sortierte seine Werkzeuge. Eine Weile schaute ich ihm zu. Dann bot ich meine Hilfe an.
„Du, das ist nett gemeint, aber das ist keine Mädchenarbeit und außerdem habe ich alles so strukturiert, dass ich auf Anhieb finde, was ich suche. Da findest du nicht durch!“
„Papa, was ist das denn „strukturieren“?“, fragte ich, denn schließlich konnte ich ja nicht alles wissen und schon gar nicht diese blöden Fremdwörter, die meine ältere Schwester auch so gern zum Besten gab.
„Tja, das heißt, dass man etwas organisiert – nee, schon wieder ein Fremdwort. Also ich meine – warte – ja, jetzt hab ich’s sortieren oder aufräumen bedeutet das.“
„Aber aufräumen kann ich doch auch!“, behauptete ich und das hätte ich besser nicht gesagt, denn sogleich wurde ich in mein Zimmer geschickt, zum Strukturieren. Mist!
Ich wanderte also wieder ins Haus, schaute kurz bei Mama rein, die gerade damit beschäftigt war Papas Socken zu strukturieren. Man lese und staune: Ich hatte ein neues Lieblingswort gefunden und wendete es an, wo immer es ging.
„Wann gibt es Abendessen?“ Mein Bauch hatte gerade laut und deutlich geknurrt.
„Das dauert noch, ich bin beschäftigt, wie du siehst. Vielleicht magst du ja schon den Tisch decken“, schlug meine Mutter vor.
„Immer ich! Kann Lisa das nicht mal machen? Ich habe auch keine Zeit, ich muss mein Zimmer strukturieren!“
Was Mama darauf sagte, habe ich nicht mehr gehört, denn wie der Wind raste ich die Treppe hoch und klopfte an Lisas Tür. Sie hatte dort extra ein Schild aufgehängt auf dem stand: „Kleine Schwestern müssen draußen bleiben!“ Ich wartete auf das „Herein“ und als nach dem dritten Klopfen noch immer nichts kam, drückte ich die Klinke herunter und betrat das Zimmer.
„Raus!“, kreischte Lisa. „Kann man denn nicht ein einziges Mal in diesem Leben seine Ruhe haben?“
‚Dann eben nicht’, dachte ich und schloss die Tür wieder. Ich wanderte in mein Zimmer, nahm meinen Malblock und malte Nebel, dichten grauen Nebel, ein düsteres Bild. Dabei liebte ich doch den Herbst so sehr. Ich hatte mir von meinem Taschengeld sogar tolle Herbstfarben gegönnt: hellgelb, maisgelb, orange, rot, dunkelrot, verschiedene Grüntöne, braun, ocker, lila. Doch von dieser Farbenpracht war heute nichts zu sehen gewesen und am nächsten Tag nicht und am übernächsten auch nicht.
Ich riss das Nebelbild vom Block und begann ein neues Bild zu malen. Bunte Wälder, Stoppelfelder, gepflügte Äcker waren zu sehen. Auch den See malte ich, mit den bunten Büschen an seinem Ufer. Und plötzlich fand ich alles gar nicht mehr traurig und düster. Auch den Nebel fand ich gar nicht mehr so schlimm, denn ich konnte mir gut vorstellen, wie es nach dem Nebel aussehen würde. Wenn ich es vergessen sollte, dann musste ich mir nur meine Malereien anschauen.
Es wurden viele Bilder in diesen drei Tagen. Ich ließ die Erwachsenen teilhaben an der Vielfalt und verschenkte die Gemälde großzügig. Sogar meine Schwester bekam eins und das hängte sie auch sofort in ihrem Zimmer auf und lud mich zu einer Limo bei sich ein. Geht doch!

© Regina Meier zu Verl
Hier auch als Hörbuch (KLICK)