Von Wunderpillen und Nachttöpfen

Von Wunderpillen und Nachttöpfen

Es war ein schöner Tag gewesen gestern. So hatte Tessa sich ihren Geburtstag gewünscht. Schließlich wird man nur einmal achtzig Jahre alt. Tessa kicherte, sie konnte es kaum selbst glauben, dass sie nun schon so alt war. Sie fühlte sich nicht so, eher wie fünfzig. Hm! Achtzig hörte sich trotzdem erschreckend an.
„Nein!“, wehrte sie sich gegen diese Gedanken. „So schnell kriegt ihr mich nicht klein. Wer gesund lebt, kann, so sagen sie, hundert werden und mehr. Gute Hundert ohne ein Siechtum im Rollstuhl.“
Sie öffnete die Schublade zu ihrer Kommode, die, die keiner öffnen durfte außer ihr, und nahm ihr gesundes Geheimnis, wie sie es nannte, heraus. Magnesium, Kalium, Vitamin C, Zink und einige andere mehr. Sorgsam verteilte sie die Kapseln in einer Schale und schluckte eine nach der anderen, langsam, bedächtig.
„So! Ihr werdet euch wundern!“
Tessa wusste, dass ihre Tochter sie auslachen würde. Deshalb behielt sie es für sich. Es würde sich schon zeigen, wer recht behalten würde. Tessa lächelte, packte die Wundermedizin wieder zurück in die Schublade, trank noch ein großes Glas Wasser und ging dann in den Garten, in dem der Herbst schon eingezogen war, ihre Lieblingsjahreszeit. Noch viel war zu tun hier, aber auch das trauten sie ihr ja nicht mehr zu.
„Ach was!“, wehrte sie sich laut gegen ihre Gedanken, die immer wieder zum selben Punkt zurückkehrten, und stapfte wie bekräftigend mit dem Fuß auf. „Ich werde sie nicht mehr beachten, sie mit ihren Unkenrufen und Mahnungen und falschen Sorgen. Davon habe ich mir gestern genug anhören müssen. Es reicht. Und nun werde ich das kleine Kartoffelbeet umgraben und letzte Schätze ernten.“
Tessa ging mit forschen Schritten hinüber zum Geräteschuppen, schnappte sich den kleinen handlichen Spaten, zog ihre dicken Gummiklotschen an und machte sich daran, das Beet umzugraben. Die Kartoffeln hatte sie schon in der letzten Woche geerntet und allen hatten die frischen Kartoffeln gestern im Geburtstagskartoffelsalat gut geschmeckt. Das selbst angebaute Gemüse war doch immer noch das Beste auf der Welt.
„Man weiß, was man isst!“, murmelte sie und hieb den Spaten mit all ihrer Kraft tief in die Erde. Es klirrte, laut und scheppernd. Tessa erschrak.
Sie ließ den Spaten fallen und trat einen Schritt zurück. Als sich weiter nichts tat, nahm sie den Spaten wieder auf und traute sich wieder näher an das Erdloch heran.
Da sie nichts darin sehen konnte, setzte sie den Spaten vorsichtig noch einmal an und … es schepperte wieder.
„Hilfe!“, rief Tessa laut. Irgendwie erschien ihr die Angelegenheit unheimlich. Es tat sich nichts. „Hilfe!“, rief sie noch einmal, diesmal laut und gellend.
Dann besann sie sich.
„Eine Bombe wird es wohl nicht sein“, schimpfte sie mit sich selbst. „Reiß dich mal zusammen, meine Liebe!“
„Hast du einen Schatz gefunden, Tante Tessa?“, hörte sie da Timo, den Nachbarjungen, rufen. „Das ist ja krass!“
„Das weiß ich noch nicht, mein Junge. Hilfst du mir beim Bergen, bitte?“ Tessa war hocherfreut, dass sie in der Situation nicht mehr allein war. Timo war ein taffer Junge, er würde wissen, was zu tun war.
„Darf ich?“, sagte er und nahm Tessa den Spaten ab. „Dann wollen wir doch mal sehen, was du da gefunden hast!“
Er stieß ein paar Mal in die Erde, es knirschte und schepperte, dann hatte er den „Schatz“ freigelegt.
„Wow!“, stieß er hervor und zog das Fundstück, eine weiße Emaille Schüssel mit einem Griff, aus der Erde. „Was ist das denn? Ein Salattopf mit Griff?“
„Was? Zeig her!“ Tessa starrte auf den Fund. „Ein Nachttopf!“, stieß sie hervor und musste lachen. „Wie kommt ein Nachttopf in mein Kartoffelbeet?“
„Aber was ist denn ein Nachttopf, Tante Tessa? Gibt es Tagtöpfe und Abendtöpfe und Nachttöpfe etwa?“, fragte Timo.
Tessa fing erneut an zu lachen, das gab es doch nicht, ein Junge, der nicht wusste, was ein Nachttopf war, komisch. „Weißt du, lieber Timo, früher hatte man nicht in jedem Haus eine Toilette, oft gab es außerhalb des Wohnhauses ein Klo, ein Plumpsklo. Da musste man, wenn man mal musste, bei jedem Wetter nach draußen. Das war besonders im Winter sehr unangenehm. Genau dafür war so ein Nachttopf da, der stand für das kleine Geschäft zwischendurch unter dem Bett und wurde am Morgen dann ausgeleert.“
„Igittegit!“ Tims Augen wurden groß vor Staunen. „Das ist ja eklig! Wie konnten die Menschen so leben?“
Tessa musste noch mehr lachen. „Wie du siehst, haben wir es alle überlebt. Sonst gäbe es dich und deine Eltern und deine Freunde nicht, oder?“
„Stimmt.“ Tim lachte nun auch.
„Das ist spannend mit dir“, sagte er. „Darf ich dir weiter beim Graben helfen? Vielleicht finden wir noch andere Schätze aus dieser gruseligen Zeit?“
„Gerne.“ Tessa freute sich. Es war so wichtig, dass die Jungen vom Leben ihrer Vorfahren erfuhren und lernten. Man konnte schließlich nie wissen, ob und wann sie dieses alte Wissen, das gerade im Begriff war, verloren zu gehen, auch für ihr Leben anwenden konnten. „Ich wusste doch, dass auch dies ein guter Tag werden würde.“
Tessa drückte Timo den Spaten in die Hand: „Bitte sehr, du bist dran!“, sagte sie und der Junge hatte im Nu das Kartoffelbeet umgegraben. An diesem Tag fanden die beiden keinen weiteren „Schatz“, aber sie suchten weiter, Tag für Tag.

© Regina Meier zu Verl

Irgendwann, wenn ich groß bin


Irgendwann, wenn ich groß bin

„Die Haare wachsen wieder!“, sagte mein Vater. Er setzte sein Feuerzeug am Kronkorken der Bierflasche an, woraufhin dieser mit einem Plop in die Küche flog und den Flaschenhals freigab.
„Hebelwirkung!“, sagte Vater, der meine Frage, wie er das mache, gar nicht mehr abwartete. Er setzte die Flasche an die Lippen, es gluckerte und im Nu war sie leer, so als hätte er den Inhalt einfach in sich hineingeschüttet. Dann rülpste er laut und verließ die Küche.
Ich zog den zerschlissenen Frisierumhang von den Schultern und wischte verstohlen meine Tränen weg. Den Blick in den Spiegel vermied ich, als ich im Flur daran vorbeikam, um mir den Besen zu schnappen, der seinen Platz in der Ecke vorm Klo hatte.
In regelmäßigen Abständen verpasste mein Vater meinem Bruder und mir diese furchtbaren Frisuren mit der eigens dafür angeschafften Haarschneidemaschine.
Eigentlich hätte ich mich längst daran gewöhnen müssen, doch es tat jedes Mal wieder weh – nicht körperlich, nein, meine Seele heulte.

Sorgfältig kehrte ich die Haare meines Bruders und meine eigenen zusammen und fegte sie auf die Dreckschüppe. Später würde Vater sie in der Ofenklappe entsorgen. Alles hatte seinen geregelten Ablauf bei uns. Nach dem Entsorgen, es stank furchtbar, wenn die Haare im Feuer verbrannten, schaute er uns, seine Söhne, zufrieden an. Er gab jedem von uns einen schrumpeligen Apfel, den wir mit einem artigen Danke in Empfang nahmen. Er dachte wohl, dass er uns etwas Gutes tut, er selbst nahm sich noch eine Flasche Bier, setzte das Feuerzeug an … na, ihr wisst schon!
Wie viele Flaschen es bis dahin schon waren, das weiß ich nicht. Es ging mich auch gar nichts an, hatte Vater gesagt. Nicht nur mir, sondern auch unserer Mutter hatte er das immer wieder deutlich gemacht.
„Ich trinke so viel Bier, wie ich will!“, hatte er gesagt und meine Mutter hatte gekuscht und geschwiegen.
Irgendwann, ich erinnere mich noch ganz genau an den Tag vor einem Jahr, kam sie nicht mehr nach Hause von der Arbeit. Bis dahin hatte sie in der Fabrik gearbeitet, damit sie uns ernähren konnte. So hatte sie es immer gesagt und ich war mächtig stolz auf sie gewesen. Es ist schon was Tolles, wenn ein Mensch, meine Mutter, drei Menschen ernähren konnte.
Doch dann kam der Tag, an dem sie einfach nicht nach Hause kam. Vater hat getobt und geschrien, doch das nützte nichts. Er ging sogar zur Polizei, doch die konnten auch nicht helfen. Mama war weg, einfach so, ohne sich zu verabschieden.
Nach drei Wochen, wir Kinder hatten uns die Augen aus dem Kopf geweint, kam eine Postkarte.
„Sucht mich nicht!“, hatte draufgestanden. Papa hatte wieder getobt, ich aber war erleichtert. Sie lebte, das war doch das Wichtigste. Irgendwann, wenn ich größer war, würde ich sie finden. Dann, wenn ich erst einmal Feuerwehrmann war, dann ganz bestimmt.
Ich nahm mein kleines Feuerwehrauto und betrachtete es liebevoll. Es war alles, was mir von Mama geblieben war, aber irgendwann …

© Regina Meier zu Verl

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Heimat, wo ist das?

Heimat, wo ist das?

„In diesem Jahr fahren wir in den Sommerferien einmal woanders hin!“, verkündete Mama beim Sonntagsfrühstück. Der Sonntag war der einzige Tag, an dem sie die gesamte Familie beisammenhatte und wichtige Dinge konnten besprochen werden.
„Ich fahre nicht mit! Und wo ist denn dieses Woanders“, rief David sofort.
Und die kleine Jana, die immer erst alles ganz genau so machen möchte wie ihr Bruder, stimmte gleich mit ein:
„Ich auch nicht! Ich bleibe bei David.“
„Na prima!“‘ Papa seufzte und zwinkerte Mama zu. „Sieht so aus, als müssten wir allein verreisen.“
„Ach schade, aber wenn es so ist, dann können wir wohl nichts daran ändern. Dabei gibt es dort so viele Sachen für große und kleine Kinder. Wir werden euch sicherlich vermissen. Bestimmt ist es nicht schön, wenn wir dann den fremden Kindern beim Spielen zuschauen müssen“, meinte Mama traurig.
„Hier ist es schöner“, meinte David und er tat ganz cool. Seine Stimme aber klang nicht mehr so fest. „Und praktisch ist es auch.“
„Praktisch!“, echote Jana.
„Praktisch?“, fragte Papa.
„Ja, praktisch. Wir müssen keine Koffer packen, nicht das Zimmer aufräumen, bevor wir losfahren, fällt alles weg. Das ist praktisch!“, erklärte David.
„Aufräumen ist blöd!“, meinte Jana.
„Okay, okay!“, sagte Mama und zwinkerte Papa zu. „Dann bleiben wir alle zuhause, machen Ausflüge und erkunden unsere nähere Heimat.“
Papa zwinkerte auch und meinte: „Gute Idee. Die kennen wir nicht so gut und …“
„Was ist Heimat?“, unterbrach Jana ihn.
„Heimat ist da, wo dein Bett steht!“, rief David vorlaut aus. Die Eltern lachten. „Woher weißt du das denn und glaubst du, dass es richtig ist?“
David überlegte einen Moment. „Ich glaube, das habe ich in meinem neuen Buch gelesen, wartet, ich hole es!“
„Das verstehe ich nicht!“, hielt ihn Jana auf. „Ein Bett kann überall stehen und wenn man umzieht, kann man es auch überall hin mitnehmen. Ist Heimat also überall?“
Papa lachte. „Eine gute Idee ist das. Gefällt mir. Jana hat recht, Heimat ist überall … wo man sich wohlfühlt.“
„Nein, ist es nicht.“ Mama schaltete sich nun auch ein.
„Heimat ist da, wo man geboren ist und wo die Menschen leben, die einen lieben und die man selbst liebt!“
„Also hier!“ Jana klatschte vor Freude in die Hände. „Ich habe euch alle lieb und Oma und Opa, aber auch Tanja, Nora, Marie und Benedikt, und, ja, Frau Schmittke auch und …“
„Und Tante Anneliese!“, rief David und lachte. Vor der und ihrer scharfen Zunge nämlich hatten alle großen Respekt. „Und die alle müssen wir mitnehmen, wenn wir verreisen wollen. Oh weia!“
„Ich habe doch gesagt, wir erkunden unsere nähere Heimat – kein Mensch hat davon gesprochen, dass wir die alle mitnehmen müssen, das wäre doch der reine Stress, oder?“, sagte Mama besorgt. Sicher sah sie gerade eine Menschenkolonne durch Heimathausen ziehen und Tante Anneliese an der Spitze.
Papa und David mussten lachen, weil Mama so besorgt dreinblickte und weil das doch eine ziemlich komische Idee war mit Mamas Heimathausen.
Nur Jana musste wieder grübeln. „Aber die sind doch noch da, wenn wir heimkommen. Unser Haus auch, der Garten, die Bäume, der Wald und unser Dorf, denn auch die sind Heimat. Die sind alle immer da und das ist gut so“, meinte sie. „Ich glaube, das ist Heimat, oder?“

© Regina Meier zu Verl

In dieser Geschichte geht es auch um die Heimat: Eine Reise in die Kindheit (auch zum Anhören)

Die Strafarbeit

Die Strafarbeit

„Na, wie war es heute in der Schule?“, begrüßte Frau Wagner ihren Sohn.
Tom antwortete nicht. Er stürmte die Treppe hoch und ließ mit einem lauten Knall die Tür seines Zimmers ins Schloss fallen.
„Da hat aber einer schlechte Laune“, murmelte Frau Wagner und fragte sich, ob sie ihm folgen sollte, oder ob er zuerst seine Ruhe brauchte. Sie entschied sich für den Mittelweg, indem sie nach oben ging, vor der Tür dreimal tief durchatmete und dann leise anklopfte.
„Lass mich in Ruhe!“, erklang es von drinnen.
„Okay! Wenn du mich brauchst, dann weißt du ja, wo du mich findest!“
Sie ging wieder in die Küche und deckte den Tisch. Spinat und Spiegelei stand auf dem Essensplan, wie fast jeden Donnerstag. Das war Toms Lieblingsessen und sicher würde ihm das gleich einfallen und dann würde er schon kommen.
Am Vorabend hatte sie einen Plätzchenteig angesetzt, der nun im Kühlschrank ruhte. Sie beschloss, mit dem Backen anzufangen. Der Duft der Plätzchen würde Tom aus dem Zimmer locken. Er naschte doch so gern vom Teig und vielleicht würde er dann erzählen, was vorgefallen war.
Schon bald zog der Geruch von Weihnachtsplätzchen durch das Haus und erreichte auch Tom in seinem Zimmer. Er schnupperte, versuchte aber der Versuchung zu widerstehen. Zwecklos! Außerdem konnte seine Mutter ja nichts dafür, wenn die in der Schule so blöd waren!
Tom ging ins Bad, erfrischte sein Gesicht mit kaltem Wasser, damit Mama die verheulten Augen nicht sehen konnte und schlich dann die Treppe hinunter.
„Hallo, da bist du ja. Sicher hast du Hunger, oder?“, fragte Mama und Tom nickte. Er setzte sich an den Tisch und aß schweigend aber mit sichtlich gutem Appetit. Nachdem er die dritte Portion Kartoffelpüree verdrückt hatte, fand er auch seine Stimme wieder.
„Mama, fandest du die Schule auch so schrecklich?“, fragte er mit vollem Mund.
Frau Wagner legte das Besteck zur Seite.
„Manchmal!“, antwortete sie und sah ihren Sohn kritisch an. Natürlich bemerkte sie, dass er geweint hatte. „Eigentlich bin ich gern hingegangen, aber es gab da so ein Mädchen, die mich nicht leiden konnte. Vor der habe ich Angst gehabt, denn sie ließ sich so einiges einfallen, mit dem sie mich schikanieren wollte.“
„Echt?“ Tom war überrascht, dass seine Mutter Angst gehabt hatte. Sie war doch immer mutig und meisterte die schwierigsten Situationen.
„Ja, echt! Ab und zu hatte ich deswegen morgens Bauchschmerzen und mochte gar nicht mehr in die Schule gehen.“
„Und was hast du gemacht? Wurde es irgendwann besser?“
„Ich habe meinem Vater alles erzählt und der hat mir dann geholfen zu verstehen, warum mich dieses Mädchen immer geärgert hat. Sie war nämlich eifersüchtig auf mich, weil ich bei der Lehrerin einen Stein im Brett hatte!“
„Einen Stein im Brett?“
„Das ist ein altes Sprichwort aus dem Mittelalter und bedeutet, dass die Lehrerin mich gern leiden mochte, weil ich wissbegierig war und das hat ihr gefallen.“
„Ach so!“
“Und du? Hast du auch einen Stein im Brett bei deinem Lehrer?“
Tom grinste und schnappte sich ein Plätzchen.
„Wohl eher nicht!“, gestand er. „Ich habe heute eine Sonderaufgabe bekommen, weil ich den Unterricht gestört habe. Dabei wollte ich nur schnell aus dem Fenster gucken, weil die Feuerwehr mit lautem Tatütata vorbeifuhr und dabei habe ich die Blumenvase auf der Fensterbank umgeworfen und die ist mit lautem Knall auf den Boden gefallen und dann ist das Wasser auf den Fußboden geflossen und als ich dann schnell zurück zu meinem Platz wollte, bin ich ausgerutscht und hingefallen und alle haben gelacht. Ich fand das aber gar nicht lustig und Herr Kroll auch nicht. Der war wütend! Er hat mich angebrüllt: Du sollst dich mit deinen Aufgaben beschäftigen, Tom, wie oft habe ich dir das schon gesagt?“
Endlich war es raus. Frau Wagner schmunzelte. So schlimm war das nun auch nicht, fand sie. Das sagte sie ihrem Sohn allerdings nicht.
„Und nun musste du eine Strafarbeit machen?“
„Ja, drei blöde Wörter hat er mir aufgeschrieben, die ich noch nie gehört habe. Ich soll einen Aufsatz darüber schreiben, mindestens eine Heftseite lang.“
„Wie lauten die drei Wörter denn?“
„Feuerprobe, Neigung und zürnen!“
„Ach herrje, das sind schwierige Wörter und auf Anhieb fällt mir auch gar kein Zusammenhang ein …“, Frau Wagner biss sich auf die Lippen. Sie würde ihrem Sohn helfen, aber zunächst musste sie selbst mal überlegen, wie sie ihm die Wörter näher bringen konnte.
„Weißt du was? Wir backen nun erstmal den restlichen Plätzchenteig und dann wird uns schon was einfallen!“, schlug sie vor.
Tom war einverstanden und plötzlich hatte er eine Idee. Er holte schnell sein Heft aus dem Tornister und schrieb:

Wenn meine Mutter und ich Plätzchen backen, dann macht das immer viel Spaß. Mama macht den Teig und rollt ihn aus und ich steche dann die verschiedenen Formen aus. Damit die Plätzchen nicht verbrennen, machen wir zuerst immer eine Feuerprobe und testen, ob der Backofen die richtige Temperatur hat. Dann stoppen wir die Zeit und wissen somit, wie lange die Plätzchen im Ofen bleiben müssen. Das erste Blech ist also das Probeblech. In diesem Jahr haben wir einmal etwas Neues ausprobiert. Nachdem ich die Tannenbäumchen ausgestochen hatte, habe ich sie ein wenig umgeformt, einige bekamen eine Neigung nach rechts, andere eine Neigung nach links. Im Wald sind sie ja auch nicht immer ganz gerade und gleichen einander, wie ein Ei dem anderen.

„Puh, fast alle Wörter untergebracht, nur noch eins!“, rief Tom begeistert aus und las seiner Mutter den Text vor.
„Klasse, Tom! Dann sage ich dir mal den Schlusssatz!“

Wenn ich allerdings zu viel vom Teig nasche, dann zürnt mir meine Mutter und warnt mich, dass ich Bauchschmerzen bekommen werde!

„Mama, du bist die Beste“, lobt Tom und drückt seiner Mama einen Kuss mitten auf die Schnüss. „Du hast bei mir einen Stein im Brett!“

© Regina Meier zu Verl

Die Harmonie der Farben

Die Harmonie der Farben

„Was haltet ihr davon, wenn wir beim Konzert dunkelrote Blusen tragen?“
Ein Murmeln zunächst, dann die erste missmutige Stimme: „Rot steht mir nicht!“ Ein Aufbrausen! „Hier geht es nicht um Einzelne, sondern um das Gesamtbild, oder?“
Sandra Lange, die Dirigentin, schlägt ein paar laute Akkorde am Klavier an, um auf sich aufmerksam zu machen.
„Meine Damen, ich denke es geht hier momentan noch nicht um die Farben des Outfits, sondern vorläufig um die Qualität unseres Gesangs, meint ihr nicht auch?“
Sofort wird es leise, schweigende Zustimmung! Nur eine kann sich nicht zurückhalten, Isa: „Rot steht mir aber nicht!“
„Boah, Isa, nun sei doch mal entspannt. Wir werden das nach der Probe besprechen und sicher werden wir uns irgendwie einigen!“, schlägt Monika vor, deren Rolle von jeher die der Vermittlerin ist. Seit Jahren führt sie als erste Vorsitzende den Chor und genießt das Vertrauen der Sängerinnen.
Doch Isa kann sich nicht beruhigen. Sie hasst Rot, was kein Wunder ist, denn sie ist mit karottenroten Haaren gesegnet, eine wilde lockige Mähne, außergewöhnlich, aber schön.
„Wenn ihr euch für Rot entscheidet, dann werde ich nicht mitsingen!“, droht sie und erwartet, dass ihr nun alle beistehen werden, denn sie ist davon überzeugt, dass ein Konzert ohne sie nicht stattfinden kann. Schließlich hat sie Gesang studiert und die anderen sind Laien.
Als niemand darauf reagiert und alle zur Tagesordnung übergehen, verlässt sie aufgebracht den Saal. Energisch wirft sie die Tür hinter sich ins Schloss. Peng!
Entschlossen greift Sandra Lange in die Tasten, lässt eine Tonfolge erklingen und die Chordamen steigen in die Gesangsübung ein. Konzentriert arbeiten sie anschließend am ersten Konzertstück und ernten ein zufriedenes Lob.
„Na bitte, es geht doch! Nehmen wir uns nun das nächste Stück vor und danach machen wir eine kleine Pause!“
Auch der nächste Titel, eine Chorbearbeitung des Silbermond Songs ‚Du bist das Beste, was mir je passiert ist’ hört sich schon recht gut an. Sandra Lange ist zufrieden.
In der Pause entbrennen dann heftige Diskussionen. Isa ist nach Hause gegangen. Damit hatte niemand gerechnet. Man wähnte sie schmollend in der angrenzenden Kneipe. Aber sie ist nicht mehr da.
„Die spielt sich immer so auf, ich hasse das!“, ruft Rena empört und erntet Zustimmung von einigen Sängerinnen. „Soll sie doch bleiben wo der Pfeffer wächst!“
„Ohne Isa geht es aber nicht“, wendet Monika ein. „Niemand bekommt die hohen Töne so sauber hin wie sie, oder ist es etwa nicht so?“
Betretenes Schweigen. Es stimmt ja, Isa reißt die anderen mit. Außerdem hat sie ja recht, Rot ist nicht ihre Farbe und wenn sie ihr Solo singt, dann steht sie vorn, vor dem Chor und dann fällt es mal so richtig auf, dass ihre Haare leuchten wie eine Alarmanlage.
„Wer holt sie zurück?“, fragt Monika in die Runde. Niemand meldet sich.
„Dann mache ich das! Aber eines lasst euch gesagt sein, es liegt ein Geruch von Neid in der Luft. Der ist weg, wenn ich wieder zurück bin!“ Wütend verlässt Monika die Kneipe.
„Jetzt spielt die sich auch noch auf, als hätte sie alles zu bestimmen!“, ruft Rena. Doch niemand stimmt ihr zu.
Nach zwanzig Minuten kommen Monika und Isa zurück. Sie reihen sich in den Chor ein, jede an ihren Platz. Ingrid nimmt Isas Hand und drückt sie kurz. ‚Schön, dass du wieder da bist’, flüstert sie.
Dann singen sie das Stück, in dem Isa ihr Solo hat. Es klingt wunderbar.
Nur Rena hat einen Kloß im Hals. Sie schämt sich. Leise verlässt sie den Raum, behutsam schließt sie die Tür hinter sich. Erst am Ende der Probe kehrt sie zurück, sie trägt eine große Tasche bei sich und packt aus: Blusen in allen Farben, grüne, blaue, gelbe, weiße und am Schluss befördert sie eine alarm-orangefarbene Seidenbluse aus ihrer Wundertasche.
„Ist die nicht perfekt?“, fragt sie und erntet begeisterte Zustimmung.
„Perfekt!“, ruft Isa und nimmt Rena in den Arm.
„Du bist das Beste, was mir je passiert ist“, singt Isa und die anderen stimmen ein: „Es tut so gut, dass es dich gibt!“

© Regina Meier zu Verl

Prinzessin oder Indianerin?

Prinzessin oder Indianerin?

Muriel möchte in diesem Jahr beim Karnevalsfest eine Prinzessin sein. Sie war schon Cowboy, Indianerin und Drache. Die Kostüme hat Mama alle selbst geschneidert. Nun soll es also ein Prinzessinnenkostüm werden. Gemeinsam mit Mama zieht sie los, um einen Stoff für das wunderbare Kleid zu kaufen, das ihr vor Augen schwebt. Blau soll es sein und im dazu gehörenden Krönchen sollen blaue Steine glitzern. Ganz genau weiß Muriel, wie es aussehen soll und sie freut sich schon sehr.
Mit dem Bus fahren sie in die Stadt. Muriel fährt so gern mit dem Bus und am liebsten sitzt sie ganz vorn hinter dem Fahrer. Dem würde sie gern ein paar Fragen stellen, aber das darf sie nicht. Mama hat ihr erklärt, dass man den netten Herrn nicht ablenken darf. Er muss ja auf den Verkehr achten, denn er trägt eine große Verantwortung für seine Passagiere.
Das versteht Muriel gut und deshalb hält sie sich daran. Sie fragt eben Mama, die fast alles weiß und meist geduldig auf die Fragen ihrer Tochter antwortet. Heute ist Mama aber etwas schweigsam. Muriel hat es schon beim Mittagessen bemerkt, dass irgendetwas nicht stimmt. Wenn sie nicht alles täuscht, dann hat Mama sogar geweint. Ihre Augen sind gerötet und immer wieder holt sie ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und wischt über die Augen.

„Mama, warum weinst du denn?“
„Ach, ich weine gar nicht. Ich glaube ich bekomme eine Erkältung.“, weicht Mama aus und lächelt gequält. Muriel kennt ihre Mama gut, deshalb ist sie davon überzeugt, dass etwas nicht in Ordnung ist.
„Weinst du wieder wegen Papa?“, fragt sie ganz leise, damit kein anderer es hören kann.
Mama schüttelt den Kopf. „Nein, nein, es ist nichts, mach dir keine Sorgen!“
Muriels Eltern haben in der letzten Zeit oft Streit. Sie denken, dass ihr Kind nichts davon mitbekommt, aber Muriel hat schon oft gehört, dass sie sich anschreien. Meist geht es dabei um Geld. Dann wirft Papa Mama vor, dass sie zu viel ausgegeben hat. Dabei ist Mama sparsam, denn immer wenn Muriel um irgendetwas bittet, dann sagt Mama:
„Kind, wir müssen sparen!“
Muriel ist zwar klein, aber sie ist nicht dumm. Sie spürt genau, dass Mama traurig ist und sicher geht es wieder um Geld und Vorwürfe, die Papa ihr gemacht. In Muriels Bauch bildet sich ein dicker Kloß. Jetzt kriecht auch in ihr die Traurigkeit hoch und sie verliert die Lust auf ein Prinzessinnenkleid. Das würde ja wieder neuen Ärger geben, denn die Zutaten kosten ja Geld. Muriel denkt nach.
„Mama“, flüstert sie. „Ich könnte doch auch das Indianerkleid vom letzten Jahr anziehen. Das ist wunderschön und alle haben mich bewundert!“
„Wie kommst du denn nur darauf?“, fragt die Mutter verwundert. „Es wird dir auch zu klein sein, du bist mächtig gewachsen im letzten Jahr!“
„Dann nähst du einfach noch was unten dran, dann wird es schon passen!“, schlägt Muriel vor. Langsam aber sicher verschwindet der Kloß im Bauch. Die Idee ist doch toll und dann wird Papa auch nicht schimpfen. Nur das zählt im Moment. Muriel möchte, dass Mama wieder lacht. Das ist viel wichtiger als ein blödes Prinzessinnenkleid, viel wichtiger.
„Meinst du?“, fragt Mama jetzt und schnäuzt noch einmal kräftig in ihr Taschentuch. Dann legt sie den Arm um ihr Kind und drückt es an sich. „Du hast dich doch so gefreut auf das Kleid!“
„Ja, das meine ich!“, behauptet Muriel und sie fühlt sich ganz großartig dabei, kein bisschen traurig. Sie sind doch eine Familie und sie müssen zusammenhalten. Außerdem ist Papa doch eigentlich total lieb. Er muss Kummer haben, sonst wäre er nicht so nervös. Muriel möchte nun aber wissen, was denn eigentlich los ist und warum Papa sich so verändert hat.
„Ich bin schon groß, du kannst mir ruhig sagen was los ist“, sagt sie deshalb zu Mama.
Mama zögert noch, doch dann erzählt sie von der kleinen Tischlerei, in der Papa arbeitet.
„Sie haben keine Aufträge und wenn das so ist, dann kommt kein Geld rein. Wenn kein Geld da ist, kann Papas Chef seine Mitarbeiter nicht bezahlen. Erinnerst du dich an die Zeit, als Papa so oft zu Hause war? Da hat er Kurzarbeit gemacht und viel weniger Lohn bekommen!“
Klar, daran erinnert sich Muriel. Das war im Sommer gewesen und sie konnten nicht verreisen in den Ferien. Schlimm fand sie das nicht, denn stattdessen hatte Papa ja viel Zeit für sie gehabt und gemeinsam hatten sie einiges unternommen. Sogar einen Kaninchenstall hatte Papa gebaut. Den hatte sich Muriel lange gewünscht.
„Wenn Papa nun arbeitslos werden sollte, dann müssen wir noch mehr sparen!“, sagt Mama jetzt betrübt.
„Verstehe ich!“, behauptet Muriel und findet ihre Entscheidung, auf das Prinzessinnenkleid zu verzichten, umso richtiger. „Wir sind doch eine Familie, wir müssen zusammenhalten. Wir bummeln jetzt durch die Stadt und fahren dann wieder nach Hause, okay?“
„So machen wir das!“ Mama ist einverstanden und sie ist sehr stolz auf ihre Tochter. Im Supermarkt kaufen sie noch ein paar Zutaten für das Abendessen ein und als sie wieder zu Hause sind, kochen sie gemeinsam und warten auf Papa, den sie mit seinem Lieblingsessen überraschen:
Bratkartoffeln mit Spiegelei.
„Ich liebe Bratkartoffeln!“, sagt Papa. „Aber euch, meine beiden Frauen, liebe ich noch viiiiel mehr!“

© Regina Meier zu Verl 2016

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Bildquelle Bru-nO/pixabay

Ich bin nicht allein

Ich bin nicht allein

Dienstag ist Omatag. Einmal in der Woche holt sie mich vom Kindergarten ab und wir unternehmen etwas zusammen. Das finde ich toll. Oma ist auch toll, nur manchmal ist sie etwas streng. Immer dann, wenn ich mal schlechte Laune habe und unbedingt fernsehen will. Das mag Oma nicht. Sie erlaubt es auch nicht. Zuerst bin ich dann beleidigt und heule und quengele herum. Meist, nach ein paar Minuten, geht es dann wieder und ich schleiche mich langsam an Oma heran.

„Sollen wir was spielen?“, frage ich sie. Sofort hat sie Zeit für mich. Manchmal liegen wir einfach auf dem Bauch im Wohnzimmer und spielen mit den Autos. Oma kann tolle Geräusche machen, fast so gut wie ich selbst. Aufheulende Motoren gelingen ihr besonders gut.

Ein anderes Mal geht sie mit mir in die Bibliothek. Ich fühle mich da richtig wohl. So viele tolle Bücher gibt es und ein Kasperltheater. Ich suche die Bücher aus und Oma liest vor. Das macht uns beiden viel Spaß. Ich sehe es an Omas Augen, sie strahlen, wenn sie liest, vor allem seit sie die neue Brille hat und wieder richtig gut gucken kann.

Oma ist schon alt, ungefähr hundert Jahre. Opa auch, aber beide sind noch ganz fit. Sogar Fangen können sie noch mit mir spielen. Meist gewinne ich.  Ist ja auch kein Wunder. Ich habe junge Beine, die laufen schneller, sagt Oma.

Am Sonntag ist Muttertag, da schenke ich Mama ein schönes Bild und Blumen, die Oma für mich pflückt. Das hat sie mir versprochen. Aber Oma ist ja auch eine Mutter, also bekommt sie auch ein Bild und einen dicken fetten Schmatzer. Oma liebt meine Schmatzer, selbst dann, wenn ich Schokolade gegessen habe.  Das sieht dann lustig aus und ich schmatze ihr noch einmal auf die Wange.

Oma hat auch zwei Kinder, meinen Papa und meine Tante Düwi. Die heißt gar nicht Düwi, ich habe sie immer so genannt, als ich noch nicht richtig sprechen konnte. Düwi ist toll und sie bleibt meine Düwi. Aber eine Mutter ist sie noch nicht, sie hat keine Zeit für Kinder, weil sie noch studiert.

Meinen Papa sehe ich nicht so oft, dabei habe ich ihn doch ganz doll lieb. Mama und Papa mögen sich nicht mehr so gern leiden. Ich habe mich daran gewöhnt, weil ich ja noch klein war, als Papa ausgezogen ist. Ich habe ja noch Oma und Opa – und das gleich zwei Mal. Aber das erzähle ich später, jetzt muss ich schlafen.

„Gute Nacht Mama, gute Nacht Omas und Opas, gute Nacht Papa und Tante Düwi!“

© Regina Meier zu Verl

Engel der Obdachlosen

Vorwort:
Die Geschichte stammt aus einer Sammlung mehrerer Geschichten rundum den Advent und Weihnachten. In der Rahmenhandlung befinden wir uns in einem Café und dort treffen die unterschiedlichsten Menschen aufeinander. Insgesamt sind es 20 Begegnungen, eine davon möchte ich hier vorstellen.

„Engel der Obdachlosen“

Heute ist es ruhig im Café. Ein jüngerer Mann sitzt an einem Tisch in der Nische, er scheint nervös zu sein, denn immer wieder schaut er auf seine Uhr. Sarah bringt ihm einen Kaffee und ein großes Glas Wasser. Auf ihre freundlichen Worte reagiert er kaum. Nach einer Viertelstunde betritt ein weiterer, älterer Man den Raum, schaut sich suchend um und begrüßt dann den Jüngeren. Sarah hört, wie er sich vorstellt. Die beiden Männer kennen sich also nicht persönlich. Auch er bestellt einen Kaffee. Sie sprechen leise miteinander, doch als das Gespräch in Fluß kommt, schnappt die junge Kellnerin einige Sätze auf, die sie dazu veranlassen, sich diskret zurück zu ziehen.

„Er hat oft von Ihnen gesprochen, wissen Sie?“
Siegfried Müller schüttelte den Kopf.
„Wie soll ich das wissen, ich habe ihn ja gar nicht gekannt!“
„Entschuldigen Sie, das war gedankenlos!“ Herr Stein hob bedauernd die Hände, überlegte einen Moment und fuhr dann fort:
„Vielleicht sollte ich einfach von vorn anfangen, also von unserer ersten Begegnung. Sie sollen alles erfahren, was ich über ihn weiß!“
„Gut, erzählen Sie einfach. Ich bin sehr dankbar, dass ich durch Sie etwas von meinem Vater erfahren werde.“
„Es war ein Sonntag, Anfang Dezember 1985. Es hatte schon seit Tagen gefroren und die Bäume waren über und über mit Raureif bedeckt. Sie glitzerten in der Morgensonne. Herrlich sah das aus. Ich ging mit meinem Hund im Park spazieren. Damals konnte man die Hunde einfach so laufen lassen, ohne dass man damit rechnen musste, eine Strafe zu bekommen. Heute geht das ja nicht mehr, ist ja auch richtig so. Aber ohne den alten Bruno hätte ich Leo, Ihren Vater, wohl niemals kennengelernt. Mein Hund lief immer ein Stückchen voraus, aber ich musste nur kurz pfeifen, dann kann er zu mir zurück. Nicht so an diesem Tag. Ich machte mir schon Sorgen, da ich ihn seit einigen Minuten nicht gesehen hatte, als er plötzlich anschlug. Irgendetwas hatte er entdeckt und nun wartete er auf mich, um es mir zu zeigen.
Auf einer etwas abgelegenen Bank saß Leo, völlig in sich zusammen gesunken. Ich dachte schon, dass er tot sei, weil er sich gar nicht rührte. Aber er war nur starr vor Angst und Kälte, wie sich später herausstellte. Ich nahm meinen Bruno an die Leine und sprach Ihren Vater an. Nie werde ich diesen traurigen Blick vergessen. Mir war klar, dass es mit einem netten Gespräch nicht getan war, dieser Mann war in Not und ich musste handeln. Ich lud ihn also ein, eine Tasse Kaffee bei mir zu trinken, da ich ja ganz in der Nähe wohnte. Ich nahm seinen Rucksack, hielt den Bruno an der kurzen Leine und ging los. Er stand schwerfällig auf und folgte mir, oder seinem Rucksack, der scheinbar sein ganzes Hab und Gut enthielt. Bis dahin hatte er noch kein einziges Wort gesprochen. Ich weiß nicht, wie es kam, dass ich ihm sofort vertraute und nicht einen Gedanken daran verschwendete, was passieren könnte, wenn ich ihn in mein Haus einlud. Ich schätzte ihn auf ungefähr fünfzig Jahre. Später stellte sich dann erst heraus, dass wir beide im gleichen Jahr geboren waren, 1950. Na ja, das machte wohl das Leben auf der Straße, das einen altern lässt. Die Kälte, die Nässe, die unregelmäßigen Mahlzeiten. Damals lebte er ja schon fünf Jahre von der Hand in den Mund, ein schreckliches Schicksal, dachte ich mir.“
Friedrich Stein nahm einen Schluck Kaffee und winkte die Kellnerin heran, um sich ein Wasser zu bestellen.
„Entschuldigen Sie, mein Mund ist ganz trocken vom vielen Erzählen“, sagte er und dann ging es weiter.
„Meine Frau hatte das Frühstück vorbereitet, als wir beide zu Hause eintrafen. Auch für sie war es keine Frage, dass er mit uns essen und trinken sollte. Man merkte allerdings, dass er selbst ein Problem damit hatte und es schlecht annehmen konnte. Er sprach nicht viel, bedankte sich aber höflich und man konnte merken, dass er, wie man so sagt, aus gutem Hause kam. Wir stellten ihm keine Fragen, obwohl mir vieles auf den Lippen brannte. Bescheiden aß er und trank seinen Kaffee. Dann erhob er sich und verabschiedete sich. „Ich danke Ihnen Herzen!“, sagte er noch. Dann nahm er seinen Rucksack, zog seinen alten Parka an und wollte das Haus verlassen. „Warten Sie!“, rief meine Frau und verschwand im Wohnzimmer. Kurz darauf kam sie mit einem Paar Stricksocken und selbst gestrickten Fausthandschuhen zurück. „Die habe ich für unseren Kirchenbasar gestrickt!“, sagte sie und drückt ihm die Wollsachen in die Hand. „Die werden Sie wärmen!“
Leo nahm beides an, dann verließ er das Haus und wir sahen ihn einige Tage nicht mehr. Jeden Morgen im Park hielt ich nach ihm Ausschau, ich machte mir Sorgen. Ich war ja zu der Zeit noch berufstätig und war morgens immer nur kurz mit Bruno im Park. Ingrid, meine Frau, gab mir jeden Morgen ein Paket mit Broten mit, falls ich ihn treffen sollte. Das legte ich dann auf die Bank, an der wir uns zum ersten Mal begegnet waren. Das Proviantpaket war stets am nächsten Tag verschwunden.“
Jakob Stein machte eine Pause. Er schaute den Jüngeren an und erkannte die Züge des Vaters in dessen Gesicht.
„Hat er sie genommen?“, fragte Siegfried Müller.
„Ja, das habe ich aber erst später erfahren. Er schellte eines Tages an unserer Tür und brachte einen Blumenstrauß für meine Frau und eine Flasche Wein für mich. Ich habe mich so gefreut, ihn zu sehen, dass ich ihn erneut einlud, zu bleiben und ein wenig von sich zu erzählen. Er berichtete, dass er sich endlich Hilfe gesucht habe und nun in einem Heim für Obdachlose untergekommen war. So musste er den Winter nicht draußen verbringen. Mittlerweile war es ja bitterkalt geworden. Es war ein paar Tage vor Weihnachten.“
„Von welchem Geld hat er Blumen und Wein kaufen können? Wissen Sie das?“
„Ja, er fand einen Job. Als Weihnachtsmann verkleidet zog er durch die Straßen und wenn es zu kalt war, dann hatte er seinen Platz im Eingangsbereich des Kaufhauses. Eine Agentur hatte ihn vermittelt. Ich habe dort mal nach ihm geschaut. In seinem Kostüm war er kaum zu erkennen. Es fiel mir auf, dass seine Augen strahlten, wenn die Kinder ehrfürchtig vor ihm standen. Er hat das sehr genossen, ich hatte sogar das Gefühl, dass er glücklich war.“
Siegfried Müller lächelte. Es tat gut, zu hören, dass der Vater irgendwie die Kurve bekommen hatte.
„Leider war das ja ein Job auf Zeit. Wer braucht schon nach Weihnachten einen Weihnachtsmann, nicht wahr?“
„Wie ging es weiter?“, fragte der Jüngere ungeduldig.
„Gesehen habe ich ihn danach nur noch ein paar Mal. Er kam zu uns und bat meine Frau, ihm das Socken stricken beizubringen! Diese warmen Socken haben ihm so gut geholfen damals, dass er auch anderen damit helfen wollte. Die beiden haben dann im Wohnzimmer gesessen und gestrickt. Er hatte das sehr schnell begriffen. Irgendwann konnte er es ganz allein. Meine Frau hat ihm dann noch jede Menge an Restwolle geschenkt und dann haben wir ihn aus den Augen verloren.“
„Hat er Ihnen erzählt, warum er uns damals verlassen hat?“, fragte Siegfried Müller mit Tränen in den Augen.
„Nein! Wir haben auch nicht gefragt. Wir hatten Angst, dass wir ihn damit verschrecken würden. Ich habe nur immer wieder gespürt, dass er eine große Sehnsucht nach Ihnen hatte. Er war aber wohl zu stolz, um Kontakt zu Ihnen aufzunehmen. Ich habe angenommen, dass Ihre Mutter ihn sehr verletzt haben muss.“
Die beiden Männer schwiegen eine Weile. Dann suchte Herr Stein etwas in seiner Brieftasche und beförderte schließlich einen alten Zeitungsartikel hervor mit der Überschrift „Leo, der Engel der Obdachlosen“. Er gab dem Jüngeren den Artikel, der über einen Obdachlosen berichtete, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, den Obdachlosen seiner Stadt mit selbstgestrickten Socken zu warmen Füßen zu verhelfen.
„Behalten Sie den Ausschnitt, vielleicht finden Sie ihren Vater ja dadurch. Ich fand diesen Bericht erst im letzten Jahr in unserer Heimatzeitung!“
„Ich danke Ihnen so sehr, lieber Herr Stein. Ich werde ihn suchen und vielleicht habe ich ja das Glück, ihm hiermit ein wenig näher gekommen zu sein!“
Die beiden Männer tauschten noch ihre Adressen aus, dann verließen sie das Café, beide in der Hoffnung, dass sie der Weihnachtsfreude noch ein Stück weit näher gekommen waren.

(c) Regina Meier zu Verl

Ein märchenhafter Geburtstag

Ein märchenhafter Geburtstag

Eigentlich mochte Jonas es nicht, mit den Erwachsenen in ein Restaurant zu gehen. Es war ihm viel zu langweilig und benehmen musste man sich auch noch. Er fand das ätzend.
Trotzdem machte er eine Ausnahme für den Geburtstag seiner Oma.
„Okay!“, sagte er deshalb, als sein Mutter ihn fragte, ob er denn mitkomme. „Für Oma tu ich fast alles!“
Am Samstagabend machten sich also alle fein für das große Fest. Selbst Jonas ließ sich überreden eine Stoffhose zu tragen und ein Oberhemd. Das war nicht so ganz sein Fall, aber was tat man nicht alles aus Liebe.
Omas Augen strahlten, als sie ihn erblickte.
„Komm her, Jonas, du sitzt links neben mir und der Opa rechts. Dann habe ich meine beiden Männer an meiner Seite!“, rief sie ihnen zu und dirigierte alle auf ihre Plätze.
Neben Jonas nahmen seine Eltern Platz und auf der anderen Seite, neben Opa, sollten Tante Betty und ihr Liebster sitzen. Betty war Papas Schwester. Jonas bewunderte sie heimlich ein wenig, denn sie war nicht so wie die anderen Verwandten. Papa meinte sogar, dass sie ein wenig verrückt sei und wenn sie so weitermache, dann würde ihr der neue Freund auch wieder weglaufen. Sie hatte schon einige vergrault mit ihren Ticks.
Gerade studierte sie die Speisekarte und kicherte. Das Kichern ging in ein lautes Lachen über und schließlich konnte sie sich nicht mehr halten und grölte los.
„Jonas, hast du das gelesen?“, rief sie. „Es gibt Rapunzelsalat! Ist Rapunzel nicht diese krasse Braut, die ihren Lover an den Haaren in ihren Turm klettern ließ? Die war voll cool, das hätten wir mal machen sollen!“
„Betty, red doch nicht so einen Unfug. Rapunzelsalat ist ein Blattsalat, der sehr lecker schmeckt.“
„Stimmt, Mama, aber es ist auch ein Märchen. Du hast es uns oft genug vorgelesen, weißt du noch?“
Oma nickte. Sie mochte Märchen ganz besonders gern und fand es gar nicht schön, wenn man sie sprachlich so verhunzte. Ihre Liebe zu den alten Geschichten zeigte sich ein weiteres Mal auf der Speisekarte, beim Dessert. ‚Rot wie Blut, Weiß wie Schnee und Schwarz wie Ebenholz – Schneewittchenkuchen’, stand da. Jonas lief das Wasser im Mund zusammen.
„Sogar die Tischdekoration ist märchenhaft“, scherzte Tante Betty. „Dornröschen!“
Dass es für die Erwachsenen nach dem Essen ein Zauberwasser und für Jonas einen giftgrünen Krötenblutsaft gab, rundete das märchenhafte Menu ab.
Der Höhepunkt des Festes war allerdings dann die Geschenkübergabe von Tante Betty. Nach dem Essen hatte sie sich zunächst aus dem Staub gemacht. Als sie zurück in den Saal kam, war sie verkleidet als Troll. Sie trug eine braune Hose, die bis zu den Knien hochgekrempelt war, dazu ein Holzfällerhemd, das riesige Löcher aufwies und mal eine Wäsche nötig gehabt hätte. Ihre Haare hatte sie verstrubbelt und im Gesicht prangte eine dicke, rote Gumminase. Sie trug einen Blecheimer bei sich, den sie neben sich auf den Boden stellte. Dann tanzte sie singend um diesen Eimer herum, bevor sie sich drauf setzte und verklingen ließ:
„Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich goldne Eier …lege!“, sang sie. Dann stand sie auf und holte viele goldne Eier aus dem Eimer, die sie Oma auf den Tisch legte.
„Bitteschön, liebe Mama!“, sagte sie lachend und wartete darauf, dass das Geburtstagskind die Eier genauer anschaute.
„Ach Gottchen, das sind ja Märcheneier“, rief Oma fröhlich und wickelte die Goldfolie eines der Eier ab. Zum Vorschein kam eine kleine gelbe Kapsel, die man wiederum öffnen konnte. Darin fand sich ein Zettel: „Ich wünsche dir Gesundheit!“, stand auf dem ersten und dann kamen nach und nach viele gute Wünsche zusammen und ganz zum Schluss zog Tante Betty noch ein weiteres Ei aus ihrer Hosentasche.
„Das hätte ich doch fast vergessen!“, lachte sie und übergab es Oma.
Auf dem Zettel stand: „Die Eintrittskarten für das diesjährige Weihnachtsmärchen im Stadttheater mit der ganzen Familie kannst du, liebe Mama, bei mir abholen. Sie liegen in einer Schatzkiste und warten darauf, von dir gefunden zu werden. Deine Betty“

Jonas’ Oma war sehr glücklich an diesem Tag, ihrem 75. Geburtstag. Als sie abends im Bett lag, nahm sie Opas Hand und sagte: „Haben wir nicht voll krasse, tolle Kinder?“
„Megacool!“, murmelte Opa, der schon fast ins Traumreich geglitten war. „Megacool!“

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle Efraimstochter/pixabay

 

Reizwortgeschichte (Fortsetzung)

Bart – Nasenspitze – vorwitzig – füllig – saugen

Das sind die Reizwörter, die diesmal verarbeitet werden mussten. Ich habe ein Stückchen weitergeschrieben bei „Josh im Bärenwald“. Viel Spaß!

Lest bitte auch bei meinen Kolleginnen

LORE

MARTINA

„Das war aber eine lange Geschichte!“, sagte Josh begeistert. Er fand es so spannend, dass er auf keinen Fall einschlafen wollte, und das war ihm auch gelungen.
„Gibt es morgen wieder eine neue?“, wollte er von Opa wissen.
Der schüttelte mit dem Kopf. „Nein, mein Junge erst übermorgen wieder. Morgen Abend treffen ich doch meine Freunde vom Volleyballverein. Wir wollen besprechen, wann wir unser Training wieder aufnehmen können!“
„Schade!“, fand Josh, gab sich aber damit erstmal zufrieden, weil er ja wusste, wie gern Opa Volleyball spielte. Später würde er dem Verein sicher auch mal beitreten. Das hatte er sich vorgenommen.
„Machen Bären eigentlich auch Sport?“, fragte er jetzt, um Opas Verabschiedung noch ein wenig hinauszuzögern.
„Das weiß ich nicht, da muss ich erstmal wieder bei Familie Bär lauschen!“, meinte Opa und grinste. Natürlich hatte er Josh durchschaut. Er konnte es ihm nämlich an der Nasenspitze ansehen und da sah er so manches schon, bevor der Junge etwas gesagt hatte.
„Opa, du lauscht doch gar nicht, du denkst dir das aus!“ Josh kicherte. Er war ja schon ein großer Junge und kannte seinen Opa doch zu gut, um ihm alles zu glauben.
„Beim meinem Barte schwöre ich, dass ich lausche!“, sagte Opa jetzt und da tat sich schon wieder eine neue Frage auf.
„Bei deinem Barte, Opa? Du hast doch gar keinen Bart!“
„Nein, aber da könnte einer sein, wenn ich wollte!“, stammelte Opa und strich sich übers Kinn. Er hatte einfach nur vermeiden wollten, den Ausspruch „Beim Barte des Propheten“ zu benutzen. Den hätte er nämlich nicht erklären können.
Josh gab sich damit erstmal zufrieden. Es war ihm auch fast egal, woher Opa die Geschichten nahm, die Hauptsache war doch, dass er sie ihm erzählte.
„Opa, wenn du einmal keine Zeit zum Lauschen hast, dann saugst du dir eben eine Geschichte aus den Fingern!“, sagte er Josh vorwitzig.
Opa lachte. „Woher hast du denn den Spruch?“, wollte er wissen.
„Das hat Papa neulich gesagt, als er mir eine Geschichte erzählen sollte und ihm keine einfiel.“, Josh verstellte seine Stimme, weil er wie Papa klingen wollte: „Soll ich sie mir etwa aus den Fingern saugen?“
Die beiden lachten. „Das ist typisch dein Vater!“, sagte Opa.
„Aber jetzt sag doch! Machen Bären auch Sport?“, fragte Josh nachdrücklich.
Opa zögerte einen kurzen Moment, dann leuchteten seine Augen plötzlich.
„Weißt du, Mama Bär ist wohl ein wenig zu füllig und sie hat auch genug mit den Doppelzwillingen zu tun, wobei Papa Bär ein begeisterter Angler ist!“
„Aber Angeln ist doch kein Sport, Opa!“, meinte Josh vorwitzig.
„Hast du `ne Ahnung. Natürlich ist das Angeln Sport. Aber das werde ich dir heute nicht mehr erzählen, übermorgen wirst du es erfahren. Und nun schlaf schön, mein Lieber!“

in der nächsten Reizwortgeschichte geht es dann weiter …