Ferdinand hat Kummer

Ferdinand hat Kummer

unter dem Text auch zum Anhören

„Ich verstehe gar nicht“, sagte die Maus Roselies ihrer Freundin Netti, als sich die beiden bei einem Spaziergang trafen, „dass da nicht früher jemand darauf gekommen ist!“
Netti kicherte.
„Wir sind eben ganz besonders kluge Mäuse!“, sagte sie und setzte ein wichtiges Gesicht auf.
„So klug könnt ihr nicht sein, wenn ihr so sorglos durch die Gegend lauft.“
Sie sahen nach oben, wo Meridith, das Eichhörnchen auf einem Ast saß, eine Nuss zwischen den Pfoten.“
„Warum sagst du so etwas?“, empörte sich Roselies.
„Weil der Kater Balduin euch im Visier hat und gerade dort hinten angeschlichen kommt. An eurer Stelle würde ich mich sputen.“
„Ha!“, kicherte Netti.
„Der kann uns bald gar nichts mehr anhaben, das garantier ich dir!“
Trotzdem verschwanden die beiden Mäusemädchen blitzschnell, denn sie wollten nicht riskieren, dass der Balduin sie zum Abendbrot verspeiste. Demnächst könnte er ihnen nichts mehr anhaben, sie hatten nämlich einen Plan! In der dicken Eiche gab es ein verlassenes Vogelnest, das sich ganz wunderbar als Ferienwohnung eignete. Dort wollten die beiden einziehen und es sich so richtig gut gehen lassen.
Aber zuerst wollten sie etwas fressen, ihre kleinen Bäuchlein knurrten schon recht verärgert.
„Wir könnten doch unseren Freund Ferdinand Dickerle besuchen, so verfressen wie der ist, hat er bestimmt was Leckeres zuhause.“ schlug Netti vor.
„Ja, aber nenne ihn um Himmels Willen nicht Dickerle. Diesen Spitznamen mag er gar nicht. Er wird dann sehr wütend und lädt uns sicher nicht zum Essen ein. Außerdem ist er nicht fett sondern nur etwas korpulent.“
Netti lacht über das komische Wort, das sie noch nie gehört hatte, es klang irgendwie … korpulent.
„Ich schlage vor, wir nehmen ein kleines Präsent mit, was meinst du?“, fragte sie Netti. Die schaute sie mit ihren Knopfaugen an und staunte.
„Schon wieder ein neues Wort. Was ist denn ein Präsent?“
Roselies verdrehte die Augen, Ihre Freundin war doch manchmal sehr ungebildet.
„Ein Präsent ist ein Geschenk, das man mitbringt, wenn man einen Besuch macht.“
„Was du alles weißt!“
„Naja“, meinte Roselies bescheiden, „meine Familie lebte im Haus eines Professors und da bekommt man so einiges mit.“
„Was denkst du, über was würde Dick,,, oh pardon, Ferdinand sich freuen?“
Roselies krauste das Näschen und überlegte angestrengt.
„Keine Ahnung! Es sei denn, wir pflücken ein paar Blümchen. Aber freut sich ein Mann über Blumen?“, meinte Roselies.
„Warum eigentlich nicht!“ Netti fand den Vorschlag nicht schlecht, außerdem standen ja hier Blumen genug herum, da kam es auf ein paar mehr oder weniger gar nicht an.
„Du Netti, wir verraten dem Ferdinand aber nichts von unserem Plan, nicht wahr? Sonst will der noch mitmachen und dafür ist er nun wirklich zu … korpulent!“
„Nein und außerdem sehr sportlich und schnell ist er auch nicht. Der würde es gar nicht bis in unsere Ferienwohnung schaffen. Schade, das würde ihm auch gefallen.“
„Ach Unsinn, außerdem ist das allein unser Plan, so war es abgemacht und basta. Sieh mal die Gänseblümchen da drüben, die sind doch schön.“
Netti kicherte.
„Hoffentlich glaubt er nicht, es wäre etwas zum Fressen!“
Bald hatten sie beide einige Gänseblümchen gepflückt und machten sich auf den Weg zu Ferdinands kleiner Höhle.
Gerade wollten sie eintreten, als sie Ferdinands Stimme hörten. Offensichtlich hatte er Besuch. Er schimpfte laut: „Geh nur, lass mich ruhig hier allein, mir ist schon alles egal! Ich weiß, dass mich niemand mag!“
Betroffen ließen Netti und Roselies die Gänseblümchen fallen. Was war denn da los? So hatten sie „ihren“ Ferdinand noch nie erlebt.
Vorsichtig näherten sie sich. Ferdinand stand mit hochrotem Gesicht vor einer zierlichen Maus, deren Barthaare zitterten und aus deren schwarzen Knopfaugen Tränen kullerten.
„Was ist denn hier los?“
Ferdinand drehte sich zu Netti und Roselies herum und nun richtete sich seine ganze Wut auf diese beiden.
„Was wollt ihr denn, kommt wohl wieder zum Essen schnorren, ja dazu ist das fette Dickerle gut genug. Keiner mag mich wirklich, alle wollt ihr mich nur ausnutzen!“
„Das stimmt doch gar nicht!“, rief Netti und Roselies sammelte schnell die Gänseblümchen auf und reichte sie dem Freund.
„Schau, wir wollten dir einen Blumenstrauß bringen! Das ist doch nett von uns, oder?“
Trotzdem hatten die beiden Mäusemädchen Bauchschmerzen, wegen des schlechten Gewissens, das da im Bauch rumorte. Das fühlte sich gar nicht gut an.
Der Mäuserich betrachtete verächtlich die Blumen und deutete spöttisch in den Hintergrund der Höhle.
„Holt euch was zum Essen, dafür seid ihr ja wohl zu mir gekommen!“
Wütend rannte er aus seinem Zuhause.
„Wir müssen ihm nach, hoffentlich macht er keine Dummheiten!“ rief das kleine Mäusefräulein ängstlich.
„Wer bist du denn eigentlich?“ wollte Netti wissen.
„Lass Sie!“, rief Roselies. „Komm lieber, wir müssen den Ferdinand einholen!“
Sie rannten, so schnell ihre kleinen Beinchen das zuließen ins Freie und hatten Glück. Ferdinand war noch nicht weit gekommen. Im Nu hatten sie ihn eingeholt.
„Was ist denn nur mit dir los heute?“, fragte Netti, als sie wieder zu Atem gekommen war. Roselies war still, sie strich dem Ferdinand liebevoll übers Nackenfell.
Der ließ sich das gefallen, aber er schwieg.
„Ferdilein“, drängte Netti ihn. „Nun sag doch was!“
„Geht nicht“, stammelte Ferdinand. „Dann heule ich gleich und ein Mann heult nicht!“
Roselies lächelte ihn freundlich an und gestand ihm dann;
„Ferdinand, es stimmt, wir haben uns hinter deinem Rücken oft lustig gemacht und haben wir deine Gutmütigkeit ausgenutzt, aber das war nicht böse gemeint, nur etwas gedankenlos. Denn wir haben dich wirklich gern!“
„Ist das auch wahr?“ fragte der Mäuserich zweifelnd.
Netti trat neben ihre Freundin und bestätigte:
„Ja das ist wahr, wir haben dich wirklich gern, auch wenn wir es nicht immer zeigten. Aber nun erzähle uns deinen Kummer. Wir wollen jetzt für dich da sein, wie du es immer für uns warst.“
Ferdinand wurde rot.
„Ich habe mich verliebt.“
„In die Kleine, die bei dir war?“
„Ja, Putzi heißt sie und sie ist ja auch so lieb und putzig,“ schwärmte er.
„Doch heute hat sie mir gesagt, dass ich nicht mehr kommen darf, denn ihr Vater und ihre Brüder haben es verboten.“
Und nun liefen ihm wirklich die Tränen herunter.
Die beiden Mäusemädchen weinten mit ihrem Freund und es dauerte gar nicht lange, da gesellten sich jede Menge Waldbewohner zu ihnen und als alle sie fertig waren mit Weinen, da schmiedeten sie einen Plan.
„Ich schlage vor“, sagte der Fuchs, „ich rede mal mit dem Familienvorstand der kleinen Putzi!“
„Sind Sie verrückt?“, kreischte Netti.
„Wir hier wissen, dass Sie Vegetarier sind, aber Putzis Familie weiß das nicht. Die haben Angst vor Ihnen!“
Nun redeten sie alle durcheinander und bemerkten nicht die kleine etwas korpulente Mäusedame, die sich zu ihnen gesellt hatte.
Aus gutmütigen klugen Augen betrachtete sie die aufgeregte Gesellschaft.
„Hallo?“ Keiner beachtete sie.
„Hallo!“ Ihre Stimme wurde nun lauter, schließlich hatte sie fünf Kinder und gelernt sich durchzusetzen.
Die Waldbewohner drehten sich erschrocken um.
„Na also, geht doch,“ murmelte die Maus und trippelte zu Ferdinand und betrachtete ihn sehr aufmerksam.
Dann lächelte sie zufrieden.
„Du gefällst mir, ich würde dich gerne in meiner Familie willkommen heißen.“
„Wer, wer sind sie denn?“ stammelte der Mäuserich.
„Ich bin Putzis Mutter!“
Ferdinands Augen wurden immer größer. War das wirklich passiert? Putzis Mutter wollte ihn in der Familie begrüßen? Unglaublich, aber wunderschön!
„Das … Das möchte ich auch gern!“, stammelte er und alle Waldbewohner applaudierten, sogar die Spinne Cordula, die dafür kurz die Fliege loslassen musste, die sie in ihrem Netz gefangen hatte. Dass diese entkommen konnte, setzte dem Tag das I-Tüpfelchen auf, oder nicht?

© Regina Meier zu Verl

img_20200520_214034
Ferdinand ist doch ein hübscher Kerl, oder?

Hier kannst du dir die Geschichte anhören: 

 

Ferdinand hat Kummer – zum Anhören