Sonne im Glas

Sonne im Glas

„Das ist Sonne im Glas!“, sagte Oma und hielt das Einweckglas mit Kirschen in die Höhe.
„Quatsch, das sind eingemachte Kirschen!“ Opa tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn.
„Genau! Sie sind die Kinder der Sonne. Das weiß doch jeder.“
Opa schüttelte verwundert den Kopf.
„Was du immer für Ideen hast! Aber wenn ich es so recht überdenke …“
Oma lächelte und wartete auf Opas nächsten Satz. Der kam aber nicht, also half sie nach: „Wenn du es so recht überdenkst, dann…“
„Dann bist du eine Künstlerin, meine Gute! Meine geliebte kleine Künstlerin, die es vermag, die Sonne in kleinen Früchten einzufangen und sie für uns aufzubewahren für dunkle Zeiten, die bald wieder kommen werden.“
Er leckte sich über die Lippen.
„Und nun freue ich mich noch mehr auf den Kirschkuchen, den du uns dann als kleinen Sonnengruß backen wirst.“
„Das werde ich sicher tun, aber später. Vorerst gibt es noch so viele frische Früchte im Garten, die wir direkt schnabulieren können, mein Lieber!“, sagte Oma und machte sich schon wieder auf den Weg in ihren geliebten Garten. Opa folgte ihr, doch auf halbem Weg machte er Halt.
„Ich glaube, ich habe da gerade eine Idee“, brummte er, und wie immer, wenn er eine Idee hatte, wurde sein Gesicht hochrot vor Aufregung.
Oma stöhnte. Sie kannte die Ideen ihres Mannes und fürchtete sie ein bisschen.
Sie hörte ihn im Schuppen herumwerkeln und dann pfiff er vergnügt seinen Heimwerkersong. Oma sang mit „Wer will fleißige Opas sehn, der muss in den Schuppen gehn!“
Es dauerte auch gar nicht lange, da kam ihr Mann mit der Schubkarre angefahren, auf die er viele Bretter und seinen Werkzeugkoffer gestapelt hatte.
Oma erschrak. „Was hast du vor? Ich dachte, du würdest mir bei der Aprikosenernte helfen. Sieh nur, der Baum ist in diesem Jahr voller reifer Früchte und die müssen geerntet werden.“
Sie lächelte und fuhr mit verlockend klingender Stimme fort: „Du liebst doch Aprikosenmarmelade und Linzer Torte so sehr, Liebling, oder? Die Aprikosen warten. Viele kleine Sonnenküsschen.“
„Selbstverständlich, meine Liebste, helfe ich dir bei der Ernte der leckeren Aprikosen! Anschließend musst du mir dann auch helfen, ich möchte Schilder an die Bäume machen: Sonnenkirschen, Sonnenaprikosen, von der Sonne geküsste Zwetschgen und was wir noch alles so in unserem Garten haben und dann laden wir die Nachbarn ein und machen ein Früchtefest und von allem, was wir im Überfluss haben, dürfen die Nachbarn miternten. Was hältst du davon? Aber warte. Ich bin gleich wieder hier. Ich … ich habe noch ein Geschenk für dich.“
„Ein Geschenk?“ Oma stemmte die Arme in die Seite. „Ich habe doch noch gar nicht Geburtstag. Seltsam.“
Aber da war Opa schon im Schuppen verschwunden. Es rumpelte ein wenig und Oma konnte ein paar unfeine Flüche hören, dann kehrte Opa zurück. In den Händen hielt er feierlich zwei Gläser.
„Sonnengläser“, rief er ihr entgegen. „Wir hängen sie in die Bäume. Sie fangen das Sonnenlicht auf und leuchten in der Nacht. Ich wollte sie dir eigentlich zum Geburtstag schenken, aber sag, ist nicht jetzt die passende Gelegenheit dazu?“
Oma lächelte. „Du bist der beste Ehemann von allen!“, sagte sie und drückte Opa einen dicken Schmatzer mitten auf die Schnute.
Was passiert nun mit dem Holz, möchtet ihr wissen? Daraus werden Schilder gemacht, aber das ist schon wieder eine ganz neue Geschichte!

© Regina Meier zu Verl

Diese herrlichen Aprikosen bringen sicherlich viel Sonne ins Glas – Photo by Tetyana Kovyrina on Pexels.com

Äpfel pflücken ist gefährlich

Äpfel pflücken ist gefährlich

Der Apfelbaum ist voller wundervoller Blüten.
„Wenn die Bienchen fleißig sind und aus jeder Blüte ein Apfel wird, dann haben wir im Herbst und Winter jede Menge Äpfel. Das wäre prima!“, sagt Mama und schaut den Apfelbaum ganz verliebt an.
Ich glaube, sie denkt schon an den leckeren Apfelkuchen, den sie für uns backen wird, und all die anderen Leckereien, die sie aus Äpfeln zaubern kann. Ich denke an etwas anderes, nämlich ob ich dieses Jahr endlich zum Ernten in den Baum klettern darf. Vermutlich wird daraus nichts, aber man darf ja hoffen. Ich höre schon Mamas Stimme:
„Mika, das geht doch nicht, du könntest runterfallen. Nein, das erlaube ich nicht, auf gar keinen Fall!“
„Was guckst du so betrübt?“, fragt Mama. „Du magst doch auch gern Apfelmus und Apfelsaft und ach, es gibt so vieles, was wir mit den Äpfeln machen können.“
„Aber zuerst muss man sie ernten“, wage ich einen ersten Vorstoß. „Das ist mächtig viel Arbeit.“
Mama lacht.
„Nein, mein Schatz! Erst muss man warten, bis die Blüten befruchtet und sich daraus kleine Äpfelchen bilden werden. Und dazu braucht unser Baum …“
Sie hält inne. „Was? Weißt du es?“
Ich rolle die Augen. Peinlich, diese Frage.
„Komm mir jetzt bloß nicht mit den Bienchen und den Blüten! Das ist Schnee von gestern!“
Erstaunt sieht Mama mich an. Ob sie wohl gar nicht weiß, wie groß ich schon bin und was ich alles so weiß?
„Was meinst du?“, fragt sie und ich weiß, dass sie genau weiß, um was es geht.
„Das weißt du ganz genau“, schnaube ich. „Aber bitte schön, ich sag’s halt nochmal: Die Bienen befruchten die Blüten. Nur dann funktioniert das mit Äpfeln, klaro?“
„Nice!“, sagt Mama und ich wundere mich doch sehr. Wo hat sie denn das schon wieder her?
„Ich wollte nur mal hören, ob du das mit der Befruchtung verstanden hast!“, fügt sie hinzu und schmunzelt.
„Du bist eben doch schon ein großer Junge.“
„Stimmt und deshalb werde ich die Äpfel in diesem Jahr direkt vom Baum holen, mit meinen eigenen Händen. Dann kannst du mir nicht mehr sagen ich sei zu klein!“
„Du?“ Mama stemmt die Hände in die Hüften und sieht mich an mit diesem energischen Mamablick, der nichts Gutes verspricht und der auch nicht mehr nach ’nice‘ aussieht. „Du meinst, weil du dich mit Apfelblüten auskennst, hast du die Fähigkeiten, zur Ernte auf einen Baum zu klettern? Also ich …“
„Also du solltest deinem Sohn auch mal etwas zutrauen. Schließlich sind wir dann alle dabei und wenn er verspricht, nicht allein in den Bäumen herumzuklettern, dann sollten wir ihm das gestatten!“ Papa hat der Unterhaltung schon eine Weile zugehört und mischt sich nun ein. „Außerdem hat er noch viel Zeit zum Üben, bisher sehe ich nur Blüten.“
„Eben!“ Ich schnaube innerlich. Ein Glück, dass Papa mir zum rechten Moment zu Hilfe kommt, auch wenn Mama nun die Nase rümpft. Pah! Was beide nicht wissen: Das mit dem Klettern übe ich schon seit einem Jahr und was sie auch nicht wissen, ist, dass ich im letzten Herbst in Frau Krauses Garten die Äpfel schon geerntet habe. Ganz allein und gleich auf drei Bäumen. Und ehrlich, das müssen sie auch nicht unbedingt wissen.

© Regina Meier zu Verl

Was wächst denn da?

Als ich diese Geschichte geschrieben habe, hatte ich meinen Sohn vor Augen, der als kleiner Junge genau diese Mundbewegung gemacht hat und ständig einen Sandbart hatte, so wie der Steffen …

Was wächst denn da?

Steffen kann schon ganz allein Traktor fahren. Sein Vater ist darüber sehr froh, denn auf dem Bauernhof fällt gerade im Sommer sehr viel Arbeit an. Da wird jede helfende Hand gebraucht.
Während Steffen mit dem Traktor und Pflug dahinter das riesige Feld pflügt, kann der Vater sich schon mal um die Saat kümmern.
„Steffen, ich fahre mal schnell zur bäuerlichen Genossenschaft und hole das Saatgut. Kommst du allein zurecht?“
„Klar, Papa, ich bin doch schon groß“, antwortet Steffen und macht ein wichtiges Gesicht. Einen Bart hat er auch schon, der ist aber nicht echt, sondern vom Sand, der beim Pflügen durch die Luft wirbelt. Steffen hat die Angewohnheit, dass er sich mit der Zungenspitze um die Lippen leckt, wenn er sich konzentrieren muss und das muss man beim Trecker fahren. Der schwarze Sand haftet besonders gut auf der feuchten Oberlippe und es sieht aus, als habe er schon einen richtigen Männerbart.
Papa grinst und schon ist er weg.
Nach ein paar Minuten kommt Onkel Josef mit seinem Fahrrad angefahren. Er stellt sich an den Ackerrand und schaut dem Steffen bei der Arbeit zu.
Steffen beschließt, mal eine kurze Trinkpause einzulegen und stoppt den Traktor auf Onkel Josefs Höhe.
„Hallo Steffen, du bist ja ein fleißiger Bauer“, ruft der ihm zu.
Steffen steigt vom Traktor ab, steckt die Hände in die Hosentaschen, wie die großen Männer das auch tun und geht auf den Onkel zu.
„Ja, ja“, sagt er. „Der Papa ist ganz schön froh, dass er mich hat.“
Der Stolz blitzt ihm aus den Augen und Onkel Josef klopft ihm anerkennend auf die Schulter.
„Ja, das kann ich verstehen. Du bist ja auch schon eine große Hilfe, das ist gar nicht so selbstverständlich. Was sät ihr denn in diesem Jahr hier aus?“
Der Steffen kratzt sich kurz am Kopf und denkt nach.
„Ich weiß nicht genau, aber ich glaube Stroh.“

© Regina Meier zu Verl


Das Feld mit der geheimnisvollen Aussaat, Foto © Regina Meier zu Verl