Teddys Klagelied

Teddys Klagelied

Teddys Klagelied

Ich liege unterm Kinderbett,
und fühle mich alleine.
Hier unten ist es gar nicht nett
und auch, so wie ich meine,
ist es hier dunkel und verschmutzt.
Wann kommt denn endlich einer?
Wann wird denn endlich hier geputzt?
Warum sucht mich denn keiner?

Ich bin ja nicht der Jüngste mehr,
mir fehlt bereits ein Auge,
doch liebte man mich einst so sehr.
Ob ich nun nichts mehr tauge?
Wie gern wär ich bei meinem Kind,
das mich dann herzt und küsste.
Ob’s nur noch schöne Träume sind?
Ach, wenn ich das nur wüsste!

Es war so eine schöne Zeit,
die viele Jahre währte
und jetzt plagt mich die Einsamkeit,
sie trifft mich voller Härte.
Könnte ich weinen, das wär gut
doch leider kann ich’s nicht.
Bin nur ein Kuscheltier mit Hut
und Brummelbärgesicht.

© Regina Meier zu Verl

 

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Geschichten von früher

Geschichten von früher

„Ach Vater, lass doch die alten Geschichten. Die hast du alle schon tausend Mal erzählt!“
Angela besucht ihren Vater, der seit einigen Jahren allein in seiner kleinen Wohnung lebt. Seit dem Tode der Mutter kümmert sie sich um die Wäsche und putzt seine Wohnung regelmäßig. Manchmal wird ihr das zu viel. Sie hat ihr eigenes Haus zu versorgen und die drei Kinder müssen von A nach B kutschiert werden. Heute ist sie besonders schlecht gelaunt, Freddy hat sein Turnzeug vergessen und sie musste es ihm in der großen Pause nachbringen.
Der Vater schluckt und senkt den Blick. Angela ist doch die einzige, mit der er noch reden kann. Ab und zu wechselt er ein paar Worte mit dem Briefträger und der Dame vom Pflegedienst, die jeden Morgen kommt. Aber sie ist immer in Eile. Zehn Minuten, dann muss sie zum nächsten Termin. Es ist schrecklich.
„Neue Geschichten habe ich nicht“, sagt er leise und in seinen Augen schimmern Tränen. „Hier passiert doch nichts und was morgen sein wird, das weiß ich nicht. Was soll ich also anderes erzählen, als Geschichten aus der Vergangenheit?“
„Ich weiß ja, Vater!“ Angelas Stimme klingt nun viel sanfter. Sie hat ein schlechtes Gewissen. Sie liebt ihren Vater sehr. Doch das Leben in der Familie ist manchmal sehr anstrengend und Toni, ihr Mann, ist die ganze Woche unterwegs und kommt immer erst am Freitag zurück. Angela wischt über den Bildschirm des Fernsehers.
„Im Fernsehen kommt auch nichts Schönes mehr, immer nur schlechte Nachrichten und Berichte vom Krieg. Dabei haben wir damals gedacht, dass es nie wieder Krieg geben würde irgendwo. Gehofft haben wir es und nun kommt es immer näher. Überall schlagen sie sich die Köpfe ein. Ich mag das nicht mehr anschauen, ändern kann ich sowieso nichts!“, beklagt sich der Vater.
Angela stimmt ihm zu. „Ja, das ist wirklich nicht schön. Aber verschweigen kann man es ja auch nicht, wir müssen doch wissen, was in der Welt los ist, nicht wahr?“
„Ich muss das nicht mehr wissen, ich vergesse es sowieso wieder. Gerade gestern hatte ich so ein Erlebnis. Ich hatte das Radio eingeschaltet und hörte Musik. Du weißt ja, dass ich die alten Schlager so mag. Ich kannte ein Lied, hätte den ganzen Text mitsingen können, aber meinst du, mir wäre der Name des Sängers wieder eingefallen? Ich bin fast verrückt geworden, weil ich mich nicht erinnern konnte. So fängt es an, liebe Angela!“
Angela lachte. „Ach Vater, das ist doch Quatsch! Was meinst du, wie oft ich mich nicht an Namen erinnern kann. Noch schlimmer ist es mit dem Einkaufen, wenn ich keine Liste mitnehme. Ich vergesse die Hälfte von dem, was wichtig ist. Das wäre mir früher auch nicht passiert.“
„Ehrlich?“
„Ja, ganz ehrlich, sei beruhigt. Das geht dir nicht allein so.“
„Angela, weißt du vielleicht den Namen des Sängers?“ Der Vater beginnt zu summen und einzelne Textpassagen zu singen. Wie schön das klingt. Angela legt den Putzlappen zur Seite und setzt sich zu ihrem Vater auf die Sessellehne. Sie legt den Arm um die Schultern ihres Vaters und schmiegt sich an ihn. Der summt weiter, so, als wolle er den Moment anhalten.
„Papa, ich weiß nicht, wer das gesungen hat. Aber es klingt schön. Wir sollten viel öfter die alten Schlager anhören, das fühlt sich an wie früher, als ich abends auf deinem Schoß saß und dir zugehört habe, weißt du noch?“
„Sicher weiß ich das noch. Du warst für mich die schönste Tochter der Welt und ich war so stolz auf dich. Ich denke noch sehr oft daran.“
„Entschuldige, Papa, dass ich vorhin so gereizt war!“, bittet Angela kleinlaut. Ihr wird bewusst, wie sie zu Unrecht wütend auf den Vater war. Der konnte schließlich nichts dafür, wenn sie Stress hatte. „Weißt du was?“, fragt sie, denn plötzlich kommt ihr eine gute Idee.
„Wir werden von jetzt an, wenn ich bei dir bin, die Zeit besser nutzen. Ich putze ganz schnell die Wohnung und dann setzen wir uns zusammen hin und hören Musik oder vielleicht magst du mir mal wieder etwas vorlesen, so wie früher.“
Der alte Herr nickt zustimmend. „Oh ja, das machen wir!“, ruft er begeistert. „Fangen wir gleich heute damit an, ja?“
„Okay, ich räume gerade das Putzzeug weg und koche uns eine Tasse Tee. Dann habe ich noch eine gute Stunde Zeit, bevor Freddy aus der Schule kommt. Ich muss ihn abholen, weil er gestern so ein blödes Erlebnis auf dem Weg nach Hause hatte. Ein größerer Junge hat ihm den Weg versperrt, als er vom Fahrradständer kam. Heulend kam er zu Hause an.“
„Das ist dir auch passiert, weißt du noch?“, fragt der Vater.
Angela kann sich nicht erinnern und lässt sich erzählen, was damals vorgefallen ist. Plötzlich hat sie dann die Situation wieder vor Augen und sie sieht ihren jungen Vater, der tüchtig mit dem Nachbarsjungen schimpft, weil er seine Tochter nicht in Ruhe lässt. Angela grinst.
„Du hast ihm ganz schön Angst eingejagt, dem Michael. Der hat es nie wieder gewagt, mich zu ärgern“, kichert sie. „Er wollte dann auch gar nichts mehr mit mir zu tun haben. Darüber war ich froh. Der hätte sich die Nase vergolden lassen können, dann wäre er für mich immer noch Luft gewesen!“
Nachdem Vater und Tochter eine schöne Teestunde miteinander verbracht haben und ihnen sogar der Name des Sängers wieder eingefallen ist, verabschiedet sich Angela.
„Ich guck mal, ob ich im Internet etwas über Rudi Schuricke finde und dann singen wir wieder gemeinsam: Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt … „
„Bella, bella, bella Marie, la la la la la la la morgen früh …“, stimmt der Vater ein und ein glückliches Lächeln liegt auf seinem Gesicht.
© Regina Meier zu Verl

 

Hey, Schneekugelmann

Hey, Schneekugelmann

Hey, SchneekugelmannHey, Schneekugelmann,

du schaust so traurig aus,
sicher willst du da raus.
Du bist so stark und wieder nicht,
das Glas, es hält und niemals bricht.

Hey, Schneekugelmann,

ich würde helfen, aber wie,
mit Kraft alleine klappt das nie,
vielleicht versuche ich’s mit Singen,
bringt das die Glaskuppel zum Springen?

Hey, Schneekugelmann,

Dein Anblick tut im Herzen weh,
mir fehlt die rettende Idee,
wie lange hältst du das noch aus,
wie kriegen wir dich nur da raus?

Hey, Schneekugelmann,

jetzt weiß ich’s, ich mach mich ganz klein
und komme dann zu dir herein.
Dann sind wir beide nicht mehr einsam
und planen unser Glück gemeinsam.

Hey, Schneekugelmann,

rück mal ein Stück,
hier kommt dein Glück!

© Regina Meier zu Verl

Die Weihnachtskatze

Die Weihnachtskatze

Ich habe ganz heimlich durchs Fenster geschaut,
im Zimmer erschien mir gar alles vertraut.
Die Menschen, die Bilder, der Kerzenlichtschein,
wie gern wollte ich eine von ihnen sein.

Sie sangen und lachten, sie herzten und küssten,
und plötzlich sah’n alle, als ob sie es wüssten
zum Fenster hin. Hatten sie mich entdeckt?
Schnell hab ich mich hinter der Hecke versteckt.

Wie ein Dieb in der Nacht, so fühlte ich mich,
als ich leise zum nächsten Fensterchen schlich.
Die Pfoten, sie schmerzten, mein Bäuchlein war leer,
wo bekam ich denn nur was Essbares her?

Vor Erschöpfung schlief ich dann im Hauseingang ein
und träumte von Hühnchen und Braten und Wein,
als mir plötzlich eine Hand zärtlich über’s Fell strich.
Komm rein, kleine Katze, hier ist Platz für dich.

Man schuf mir ein Plätzchen ganz nah beim Kamin
und stellte ein Schälchen mit Futter mir hin.
Glücklich war ich und ich schnurrte ganz leise
eine Katzendankeschön-Weihnachtsweise.

© Regina Meier zu Verl 

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Fritzchen erzählt – Gedanken eines Kanarienvogels

Wir hatten zu Hause immer einen Kanarienvogel, sein Name war Hansi und er gehörte zur Familie. Später: Wir Kinder waren schon alle ausgezogen und hatten eigene Familien, da zog wieder ein Vogel bei Mama ein, ein zitronengelber Kanarienvogel, Hansi.

Natürlich habe ich an ihn gedacht, als ich die nachfolgende Geschichte geschrieben habe. Trotzdem heißt er hier Fritzchen, denn die Story ist erfunden. Doch, wie das in jeder kleinen Geschichte ist, steckt auch hier ein Fünkchen Wahrheit drin.

Fritzchen erzählt – Gedanken eines Kanarienvogels

Sie ist einsam, ich weiß es. Gestern Abend hat sie wieder geweint. Ich werde ganz traurig, wenn ich ihre Tränen sehe. Ich bin ein Mann und sie ist eine Frau. Ich möchte ihr eine Freude machen und singe für sie. Meine schönsten Koloraturen lasse ich erklingen. Das kann ich. Mehr kann ich nicht für sie tun. Bin ja selbst einsam und singe gegen die Traurigkeit an. Früher hat sie auch gesungen, mit ihrer Geige. Manchmal haben wir dann einen richtigen Wettbewerb veranstaltet. Oft habe ich gewonnen und sie hat ihre Geige in den Kasten mit dem roten Samtbezug zurückgelegt. Ein anderes Mal hat sie mich einfach ausgesperrt.
„Du kannst mich ganz schön aus dem Konzept bringen!“, hat sie dann lachend gerufen und mich samt Käfig auf den Balkon verfrachtet, nicht ohne mir vorher ein leckeres Salatblatt zwischen die Stäbe zu schieben. Ich glaube, dass alle Kanarienvögel das frische Grün lieben. Bei dem Gedanken daran bekomme ich Lust darauf. Ich setze noch einmal zu einer neuen Arie an, lege meinen Herzschmerz in das Lied. Einsame Frau, ich liehihibe dich sohoho!
Sie kommt aus der Küche, dann ist ihr Gesicht ganz nah bei mir. Vorsichtig klemmt sie ein kleines Apfelstück zwischen das Gitter.
„Mein Kleiner, was wäre ich nur ohne deinen Gesang“, flüstert sie. Obwohl mir das Wasser im Schnabel zusammenläuft, lasse ich es mir nicht nehmen, noch eine kurze Zugabe zu singen. Sie lächelt, endlich lächelt sie. Dann kann ich mich ja beruhigt über den Apfel hermachen.

© Regina Meier zu Verl

 

Alle guten Dinge sind drei

Alle guten Dinge sind drei

‚Hallo du! Danke für deine schöne Karte. Du musst dir keine Sorgen machen. Mir geht es gut. Die Zeit heilt alle Wunden, sagen sie. Ich habe beschlossen, dies zu glauben. Liebe Grüße, Deine Lea.‘
Sorgsam, bedächtig und mit großen, steilen Buchstaben malte Lea die Worte auf die Karte, die so alt aussah, als stamme aus sie der Zeit ihrer Großeltern. Ein üppig arrangierter Sonnenblumenstrauß zierte die Vorderseite. Einige trockene Blütenblätter lagen unter der Vase, die scheinbar handgetöpfert war. Es war eine von Leas Lieblingskarten. Sie besaß eine umfangreiche Sammlung. Diese war, Lea erinnerte sich genau, ein Geschenk von ihrem Vater gewesen. Nur ungern hatte sie diese für ihre heutige Botschaft ausgewählt, aber wozu sollte sie all die Schätze noch immer horten? Dorthin, wo jeder mal hingehen musste, konnte sie sie ja doch nicht mitnehmen. Lea legte den Füllhalter zur Seite und starrte aus dem Fenster. Ihr war, als spiegelten sich Sonnenblumen in der Fensterscheibe und winkten ihr zu.
Immer lebendiger wurde das Bild, das vor ihren Augen entstand. Je länger sie aus dem Fenster starrte, desto mehr Bewegung nahm sie wahr. Auf den Gesichtern der winkenden Sonnenblumen lag ein warmes Lächeln, und da – war da nicht eine Katze, die majestätisch den Gartenweg entlang stolzierte? Lea schaute genauer hin. Das war nicht irgendeine Katze, es war Gloria. Gloria war lange Leas beste Freundin gewesen.
„Träume ich?“ Lea schüttelte den Kopf. All diese Geister der Vergangenheit, die ihr an diesem späten Nachmittag begegneten. Dabei wollte sie doch nur diese Karte schreiben. So lange hatte sie es mit der Beantwortung vor sich hergeschoben, weil ihr die Worte fehlten. Und man sah ja auch, wohin es führte. Sofort fing man an zu phantasieren. Oder war es doch Gloria da draußen? Nein. Das konnte nicht sein. Sie erhob sich und trat näher ans Fenster.
Still lag der Park in der Sonne. Sonnenblumen sah Lea nun nicht mehr, auch die Katze war verschwunden. Auf einer Bank saßen zwei ältere Damen, die Lea im Frühstücksraum schon einmal gesehen hatte. Sie unterhielten sich angeregt. Sie seufzte wieder. Wie gerne hätte sie sich zu ihnen gesellt, doch sie kannte die beiden doch nicht.
„Wann bin ich bloß so menschenscheu geworden?“, murmelte sie und kehrte zum Tisch zurück. Sie nahm die Karte in die Hand, überlegte. „Wo ich hier Briefmarken kaufen kann, weiß ich noch nicht. Auch nicht, wo ich den nächsten Briefkasten finde. Ob ich die Damen da draußen frage? Das wäre doch eine gute Idee.“ Entschlossen zog sie ihre Jacke an, steckte die Karte in ihre Handtasche und verließ das Haus.
„Es ist gut, ein Ziel zu haben!“, murmelte sie, um sich selbst Mut zu machen. Schon war sie bei der Bank angekommen. Sie grüßte freundlich, zog die Karte aus der Handtasche und fragte:
„Ich bin noch ganz neu hier und kenne mich gar nicht aus. Können Sie mir sagen, wo ich eine Briefmarke bekommen kann?“
„Klar, das können wir! Herzlich willkommen, ich bin die Anne und …“, sie zeigte auf ihre Nachbarin, „das ist die Kathy. Wir werden Sie begleiten und wir kommen wir auch gleich am Postkasten vorbei, dort können Sie ihre Karte auf den Weg bringen!“ Die beiden erhoben sich umgehend.
„Oh, das ist sehr nett von Ihnen. Dankeschön.“ Sie deutete zu ihrem Fenster hinüber. „Ich … ich bin Lea und wohne nun auch hier.“
„Fein!“, freute sich Anne. „Ist das nicht ein Anlass, der mit einem kleinen Prosecco begossen werden will?“
„Oh“, warf Kathy ein. „Es dürfen gerne auch zwei sein.“
„Oder drei“, sagte Lea schnell und lachte. „Alle guten Dinge sind drei!“

© Regina Meier zu Verl

 

Sonntags im Café

Sonntags im Café

Lieber Frank,

es ist Sonntag und wieder sitze ich in unserem Café. Ich habe mir ein Stückchen Käsekuchen bestellt und einen Kaffee mit Milchschaumwölkchen. Es ist Oktober. Der Herbst zeigt sich in seinen herrlichen Farben, die gerade von der Sonne ins rechte Licht gesetzt werden. Ich schaue aus dem Fenster und denke an dich.

Es geht mir gut heute, denn gestern haben mich die Kinder besucht und wir hatten einen schönen Tag. Ich habe die Gesellschaft genossen und als am Abend alle wieder nach Hause fuhren war ich erschöpft, aber glücklich.

Du weißt ja noch gar nicht, dass Linda wieder schwanger ist. War das eine Freude, als sie es uns erzählte. Endlich wird Henry ein Geschwisterchen bekommen und ich werde zum zweiten Mal Uroma. Ich empfinde es als ein großes Geschenk, dass ich das erleben darf.

Am Tisch nebenan sitzt das Paar, das schon immer da war, als wir noch zusammen in dieses Café kamen. Sie reden kaum miteinander, trinken ihren Kaffee, genießen ihren Kuchen und gleich wird sie die Serviette nehmen, ihren Mund abtupfen und dann wird sie seine Hand nehmen und sagen: „Wollen wir nach Hause gehen, mein Lieber?“ Dann wird er nicken, der Kellnerin winken und zahlen. So war es schon immer und ich wünsche ihnen, dass es noch lange so bleiben möge. Das Schicksal meint es gut mit ihnen, sie haben sich und das ist wunderbar. Was gäbe ich dafür, wenn du mir nun gegenüber säßest und ich deine Hand halten dürfte.

Aber ich will nicht undankbar sein. Wir hatten ein gutes Leben, wir zwei. Weißt du noch, wie glücklich wir waren, als wir unser Häuschen am Stadtrand bekamen und den ersten eigenen Garten anlegten. Wie groß war die Freude, als wir die erste Portion Kartoffeln ernten durften. Ich habe damals einen großen Topf Gemüsesuppe gekocht, mit Mettwurst drin. Das mochtest du doch so gern. Manchmal bringt mir Linda etwas Eintopf von zu Hause mit. Der schmeckt mir sehr gut, auch wenn sie ganz anders kocht als ich das früher machte.

Der Gemüsegarten ist nicht mehr da. Linda sagt, dass sie dafür keine Zeit hat, deshalb ist da, wo früher die Kartoffeln standen, nun eine Rasenfläche entstanden. Henry hat viel Platz zum Spielen. Markus hat sogar eine Rutsche aufgebaut.

Ich war aber lange nicht mehr dort. Es ist so umständlich, wenn sie mich erst holen müssen. Ich verstehe das und sie haben ja auch ihr eigenes Leben. Das Haus ist nicht allzu groß, wir haben ja damals auch ganz schön zusammenrücken müssen, als deine Eltern noch bei uns waren. Du weißt ja, wie sensibel ich bin. Wenn ich dort bin, dann muss ich ständig weinen und das möchte ich den Kindern nicht zumuten. Ich komme schon zurecht, wirklich. Du musst dir keine Sorgen um mich machen.

Das Paar vom Nebentisch ist gegangen. Er hat ihr in den Mantel geholfen und nun wandern sie Hand in Hand nach Hause. Beneidenswert!

Am Dienstagnachmittag kommt wieder der nette Herr vom Gesangverein mit seinem Akkordeon zu uns ins Heim. Dann sitzen wir alle zusammen im Speisesaal und singen miteinander. Darauf freue ich mich schon sehr. Es erinnert mich an die Zeit, in der wir noch im Chor gesungen haben. Ach, war das schön! Du hattest eine so schöne Stimme und manchmal hatte ich das Gefühl, dass du nur für mich allein gesungen hast. Ich singe aus vollem Herzen mit und freue mich daran, dass viele Bewohner das ebenso machen. Es geht nicht allen so gut wie mir, manche von ihnen sind verwirrt und erkennen nicht mal ihre Kinder. Aber wenn gesungen wird, dann sind sie dabei und Frau Müller, die sonst nie ein Wörtchen sagt, singt dann alle Strophen der alten Lieder mit. Das ist sehr berührend und ich bin dankbar, dass ich noch so gut beieinander bin.

Ich muss nun diesen Brief beenden, mein lieber Frank. Gleich kommt der nette junge Mann, der seinen Zivildienst in unserem Haus leistet. Er holt mich ab, denn allein schaffe ich es nicht mehr. Es sind nur ein paar Meter, aber im Herbst sind die Bürgersteige manchmal rutschig und ich möchte nicht fallen. Nächsten Sonntag werde ich wiederkommen und dann schreibe ich dir, so wie jeden Sonntag, mein Liebster. Pass ein wenig auf mich auf, bitte! Machst du das?

Deine Anni

© Regina Meier zu Verl

Schnuffel wohnt jetzt bei Oma

Schnuffel wohnt jetzt bei Oma

Oma Schulz hat einen Hasen, so einen niedlichen kleinen mit Schlappohren. Den hat sie von ihrer Enkelin bekommen, die mit den Eltern nach Spanien ausgewandert ist.
„Damit du immer an mich denkst“, hatte Mira gesagt und Oma den Hasen samt Stall und Heu auf den Balkon gestellt.
Seitdem wohnt Schnuffel bei Oma Schulz und das ist gut so. Warum?
Nun ja, man kann sich vorstellen, wie allein sie sich gefühlt hat, als Mira und ihre Eltern abgereist waren. Mira hatte viele Stunden bei Oma verbracht, wenn die Eltern arbeiteten. Das war eine schöne Zeit gewesen und natürlich kommt einem alles leer und sinnlos vor, wenn man am Morgen aufsteht und keiner da ist, um den man sich kümmern kann. Keiner da, der einem mal einen Schmatzer auf die Wange drückt, niemand, der um Schokoladenpudding bettelt und auch niemand, den man trösten muss, wenn das Knie mal wieder aufgeschlagen ist, weil das Fahrrad einfach immer zu schnell ist.
Oma Schulz ist traurig, aber sie ist auch froh, dass Schnuffel da ist. Ihm kann sie alles erzählen und manchmal nimmt sie ihn und streichelt sein weiches Fell. Das tut gut.
Was auch gut tut ist, dass die Kinder aus der Nachbarschaft den Schnuffel oft besuchen. Für Oma Schulz ist das die allerschönste Zeit. Dann ist sie nicht allein und manchmal kocht sie schon am Morgen Schokoladenpudding, weil sie hofft, dass die Nachbarkinder kommen.
Geh doch auch mal hin, sie freut sich sicher und wenn du nicht in der Nähe wohnst, dann gibt es sicher auch bei euch eine einsame Oma oder einen Opa, der sich über ein Kinderlachen freut, wetten?

© Regina Meier zu Verl

Der Tönne oder „Vor Gott sind alle Menschen gleich“

Der Tönne oder „Vor Gott sind alle Menschen gleich“

Der Tönne oder „Vor Gott sind alle Menschen gleich“

Du kannst der die Geschichte auch anhören, KLICK

Wenn du am Ortsausgang rechts in den Waldweg einbiegst und immer geradeaus gehst, dann kommst du zum Hof des alten Tönne. Du musst aber weit laufen, sicher sind es mindestens drei, vier Kilometer. Erst wenn du meinst, dass du am Ende der Welt angekommen bist, siehst du seinen kleinen Hof, der von einem wackligen Jägerzaun umgeben ist. Der Tönne lebt dort ganz allein. Nun ja, eigentlich ist er nicht allein, denn mit ihm wohnen dort viele Tiere und denen geht es da so gut, dass sie niemals auf die Idee kämen, ihr Zuhause zu verlassen.
Als ich das erste Mal dort war, vor vielen Jahren, war mir ein wenig mulmig zumute, denn uns Kindern war es verboten, den Tönne zu besuchen. Die Leute sagten, dass er ein seltsamer Geselle sei und man wüsste ja nie, was er so im Schilde führte. Gruselige Geschichten erzählte man sich. Eine davon handelte von einem Jungen, der von einem Tag auf den anderen verschwunden war. Damals hatte man den Tönne verdächtigt, dass er etwas damit zu tun hatte. Tagelang hatten die Polzisten ihn befragt und, wie die Maulwürfe, auf seinem Hof alles von unten nach oben gekehrt. Sie fanden das Kind nicht und sie konnten dem Tönne auch nichts anhängen, der immer wieder beteuerte, dass er sein Anwesen nicht verlassen hatte und auch den Jungen noch nie gesehen habe.
Selbst als der Junge längst wieder zu Hause war, er hatte sich im Gartenhäuschen der Oma versteckt, kreisten noch böse Geschichten im Ort. Statt sich bei Tönne zu entschuldigen, machte man ihm das Leben schwer, zerschlug seine Fensterscheiben, trampelte in seinen Gemüsebeeten umher und einmal hatte man sogar ein Feuer im Heuschober gelegt. So kam es, dass er sich völlig zurückzog und nur noch selten in den Ort kam, um das einzukaufen, was er auf seinem Hof nicht selbst anbauen konnte.
Trotzdem besuchte ich ihn, ich war einfach neugierig und wollte den alten Mann kennenlernen. Ich war zehn Jahre alt und gab nichts auf das Gerede der Leute. Er würde mir schon nichts antun, warum auch? Ein schönes Bild hatte ich für ihn gemalt, das ich sorgfältig verpackte, damit es keine Knicke bekam. Es zeigte unsere Kirche und den herrlichen Pfarrgarten rundum, der in den schönsten Herbstfarben erstrahlte und dessen Früchte für alle Gemeindemitglieder zur freien Verwendung standen. Der Tönne sollte etwas davon abbekommen, also packte ich auch einige Birnen, Äpfel und Pflaumen in meinen Rucksack. Hatte nicht der alte Mann auch ein Recht auf das Gemeingut? Ich fand das nur gerecht. Ja, und ich wollte ihn zum Gemeindefest einladen. Wir Kinder führten dort in jedem Jahr ein Theaterstück vor. In diesem Jahr handelte es davon, wie man sich Fremden gegenüber benimmt, dass man niemanden vor-verurteilen sollte, bevor man ihn kennengelernt hat.
„Vor Gott sind alle Menschen gleich“, sagte unsere Religionslehrerin und dieser Gedanke gefiel mit sehr. Wenn das so war, dann liebte Gott uns alle, meine Familie, die Nachbarn, die Menschen, die aus fremden Ländern zu uns gekommen waren, weil in ihren Ländern Krieg war und natürlich auch den Tönne.
Mit klopfendem Herzen kam ich also bei ihm an, nachdem ich fast eine Stunde durch das raschelnde Herbstlaub gewandert war. Der alte Mann stand auf einer Leiter und pflückte Birnen. Eine nach der anderen legte er in einen Korb, der an der Leiter hing. Ich nahm allen Mut zusammen und rief:
„Grüß Gott!“ Als sich nichts tat, versuchte ich es lauter: „Grüß Gott, Herr Tönne!“
Der Alte hatte mich nun gehört und blickte erstaunt in meine Richtung. Er kletterte vorsichtig von der Leiter und kam zu mir an den Zaun.
Er trug eine braune Cordhose, ein kariertes Flanellhemd und er hatte eine Schürze umgebunden, an der er seine Finger abwischte. Er lächelte.
„Die Birnen sind überreif und klebrig. So eine Schürze ist praktisch, darin kann ich mir die Hände abwischen und die Hose nimmt keinen Schaden!“, erklärte er mir. Dann reichte er mir die Hand.
„Grüß Gott!“, sagte er und seine Augen strahlten vor Freude. Sicher hatte er lange niemanden mehr gesehen, geschweige denn hatte ihn jemand besucht.
„Wissen deine Eltern, dass du hier bist, oder hast du dich verlaufen, junger Mann?“, fragte er mich und als ich verneinte und ihm sagte, dass ich ihn gern besuchen wollte, wurde er ein wenig nachdenklich.
„Ich würde dich gern herein bitten, aber du solltest nicht allein hierher kommen. Weißt du nichts vom Gerede der Leute?“, fragte er.
„Vor Gott sind alle Menschen gleich!“, antwortete ich. „Ich möchte Sie einladen zu unserem Gemeindefest am Sonntag. Wir spielen ein Theaterstück und ich würde mich so freuen, wenn Sie kämen!“
Der alte Tönne griff in seine Schürzentasche und holte einen Schlüssel heraus. Er schloss die Gartenpforte auf und bat mich herein. Das Tor ließ er weit aufstehen.
Dann ging er voran und bot mir einen Platz auf der Veranda vor dem Haus an. „Setz dich, Junge, ich hole uns etwas zu trinken.“
Ich packte meinen Rucksack auf einen Stuhl und setzte mich auf den anderen Stuhl. Als der Tönne zurückkam, holte ich die Früchte aus dem Rucksack und schenkte ihm mein Bild.
„Das habe ich für Sie gemalt!“, sagte ich.
„Es ist wunderschön!“, sagte der alte Mann und Tränen glitzerten in seinen Augen. „Danke, Junge!“
„Ich heiße Friedrich, aber alle sagen Fritz zu mir!“

Wir unterhielten uns eine Weile, doch dann schickte der Tönne mich nach Hause.
„Es wird bald dunkel werden und du hast einen langen Weg vor dir. Ich werde dich ein Stückchen begleiten und wenn du magst, besuch mich doch wieder. Aber frage deine Eltern um Erlaubnis, darum bitte ich dich, selbst auf die Gefahr hin, dass du dann nicht mehr kommen darfst!“
Sicher dachte er an die alten Geschichten, die über ihn erzählt wurden und ich konnte sogar verstehen, dass er ängstlich war. Deshalb versprach ich ihm, nicht mehr ohne das Okay meiner Eltern zu kommen.
„Und wie ist es mit Ihnen? Kommen Sie am nächsten Sonntag zu unserem Fest?“
„Das kann ich dir leider nicht versprechen, Fritz. Aber ich freue mich über deine Einladung. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich freue!“

Am Abend erzählte ich Papa von meinem Besuch beim Tönne. Der wurde zunächst ärgerlich und schimpfte mit mir.
„Mach so etwas nie wieder!“, brummte er. „Du weißt doch, dass du uns fragen musst, wenn du sowas machst!“
„Ihr hättet es doch sowieso nicht erlaubt!“, erwiderte ich kleinlaut.
„Stimmt!“, sagte Papa. Dann nahm er mich in den Arm. „Aber, auch wenn es verboten war und ich dich eigentlich bestrafen müsste, finde ich es gut, was du gemacht hast! Auf diese Idee hätte längst einer kommen sollen, schon vor Jahren!“

Am Sonntag, beim Gemeindefest, hielt ich Ausschau nach dem Tönne und fast hatte ich die Hoffnung schon aufgegeben, als kurz vor Beginn des Theaterstückes meine Eltern erschienen. Sie hatten den Tönne in die Mitte genommen und nahmen Platz in der ersten Reihe. Es war so still im Gemeindesaal, man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Als der Pfarrer aber aufstand und dem Tönne die Hand reichte, war der erste Bann gebrochen.
„Vor Gott sind alle Menschen gleich! So heißt das Theaterstück, das uns die Kinder der vierten Klasse nun vorspielen werden. Ich wünsche uns allen einen gesegneten Sonntag!“ Der Pfarrer setzte sich und wir Kinder nahmen die Plätze auf der Bühne ein.
Noch nie haben wir so schön gespielt, wie an diesem Sonntag. Mein Herz klopfte vor Aufregung und Freude und vor Stolz und der liebe Gott, der wird auch stolz gewesen sein auf uns!

© Regina Meier zu Verl 2015