Oma, ich hab dich lieb

Oma, ich hab dich lieb

Ich heiße Hendrik und bin zehn Jahre alt. Ich wohne mit meinen Eltern und Oma in einem Haus, das vor meiner Geburt gebaut wurde. Als ich auf die Welt kam, ist Oma zu uns gezogen. Sie hat auf mich aufgepasst, wenn Mama und Papa arbeiten mussten. Wir sind ein gutes Team, Oma und ich.
Papa sagt immer, dass seine Mutter nicht mehr die ist, die sie mal gewesen ist. Ich verstehe das nicht, sie ist doch immer Oma gewesen und immer habe ich sie lieb gehabt genau wie heute, weil sie doch meine allerbeste Oma ist.
Ich schaue mir alte Fotos an. Fotos, auf denen auch Oma zu sehen ist. Sie sah genau aus wie heute, etwas jünger eben, aber einwandfrei zu erkennen. Bis auf die Haare, die sind jetzt weiß, ist alles wie immer. Sie hat ein herrliches Lächeln auf den Bildern, genau das, was ich an ihr so mag.
Papa sagt auch, dass Oma ihn nicht mehr versteht. Stimmt gar nicht, sie versteht alles. Vielleicht sind ihre Ohren nicht mehr so gut wie früher, aber wenn man laut genug spricht, dann versteht sie alles. Manchmal hilft es, wenn man ihre Hand dabei hält, dann ist sie ganz aufmerksam und hört zu.
Sie ist ein bisschen durcheinander, sagt Papa. Das stimmt. Ich finde das aber nicht so schlimm, eher lustig. Neulich hat sie mit mir ein verrücktes Spiel gespielt. Wir haben so gelacht, Oma hat Humor. Das Spiel ging so: Oma rief: „Oliver, bring mir mal die Wasserflasche!“
„Oma, ich heiße doch nicht Oliver!“
„Nein, wie heißt du denn?“
„Rate!“
„Heißt du vielleicht Egon?“
„Nein, ganz kalt, Egon ist dein Bruder!“
„Oder Manfred?“
„Nein, so heißt doch Papa, dein Sohn!“
„Oder heißt du vielleicht Alfred?“
Ich kann euch sagen, meine Oma hat viele, viele Namen aufgezählt und meiner war nicht dabei. Also habe ich mich im Kreis gedreht und gesungen:
„Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich …“
„Rumpelstilzchen heiß!“ Oma klatschte in die Hände vor Freude. „Siehste, ich weiß es!“
„Aber Oma, ich heiße doch Hendrik!“
„Als wenn ich das nicht wüsste“, sagte Oma und verlangte, dass ich ihr sofort das Märchen vom Rumpelstilzchen vorlesen soll. Das machte ich und sie hörte ganz aufmerksam zu und freute sich so, als am Schluss alles gut ausging.
Oma liebt Märchen. Früher hat sie mir vorgelesen, heute lese ich ihr vor. Das ist doch richtig schön, so kann ich ihr ein wenig von dem zurückgeben, was sie für mich getan hat, oder?

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle pasja1000/pixabay

Vom Vergessen

Vom Vergessen

„Nun sag doch mal, mir fällt gerade der Name nicht ein!“
Die alte Dame schaut ihre Tochter hilflos an. Immer wieder vergisst sie die Namen ihrer Nachbarn und sogar die der Verwandten und engsten Freunde.
„Wen meinst du denn, Mutter?“
„Ich meine das Mädchen mit den Zöpfen, das in der ersten Klasse neben mir gesessen hat.“
Die Tochter überlegt. Sie weiß beim besten Willen nicht, wen die Mutter meinen könnte. Also zählt sie alle Namen auf, die ihr in den Sinn kommen und von denen sie schon einmal etwas gehört hat.
„Ist es die Ursula, oder die Elisabeth. Oder vielleicht die Margret?“
Die Mutter schüttelt nur verzweifelt den Kopf.
„Nein, die meine ich alle nicht!“, ruft sie und Tränen schimmern in ihren Augen.
„Ich hole mal das Fotoalbum“, schlägt die Tochter vor. Sie setzt sich neben die Mutter und gemeinsam blättern sie in den Erinnerungsbildern.
„Schau, Mama, da ist ein Foto mit all deinen Klassenkameraden. Meinst du dieses Mädchen mit den Zöpfen?“
„Ja, das ist sie. Wenn mir doch nur der Name einfiele.“
„Erzähl mir ein wenig von ihr, vielleicht kommt der Name dann zurück.“
Doch die Mutter mag nicht erzählen, es quält sie, dass sie sich manche Dinge nicht mehr merken kann. Es ist ja so, dass sie selbst merkt, wie vergesslich sie geworden ist. Jeden Abend vor dem Einschlafen bittet sie Gott darum, ihr zu helfen, denn sie möchte nicht so hilflos sein wie ihr Mann, der zuletzt nicht einmal mehr sie, seine eigene Frau erkannte. Dabei hatte er sie trotzdem geliebt, denn niemand anders durfte an seiner Seite sein, wenn es ihm so richtig schlecht ging, nur sie, seine Frau.
Damals hatte sie sich vorgenommen, alles aufzuschreiben, damit sie es nachlesen konnte, wenn sie selbst einmal vergesslich werden sollte. Aber sie hatte es nicht gemacht. Immer war etwas anderes wichtiger gewesen.
„Ab heute werde ich es tun“, dachte sie und nahm ein Heft, das lange dafür vorgesehen war. Sie schrieb:
„Es ist Sonntag. Heute habe ich lange über einen Namen nachdenken müssen. Er fiel mir einfach nicht ein. Mit meiner lieben Sarah zusammen habe ich die alten Fotos angeschaut und hatte keine Idee, wie meine Freundin …“, sie stutzte, plötzlich, war er da, der Name, Angelika!
„…wie meine beste Freundin Angelika geheißen hat. Ich bin so froh, dass ich nun endlich wieder weiß, an wen ich seit Tagen denken muss. Von nun an werde ich jeden Tag schreiben. Schreiben hilft!“

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle Bru-nO/pixabay

 

Mondscheinsonate

Mondscheinsonate

Carlas Lieblingsstück war von jeher die Mondscheinsonate gewesen. Sie spielte sie mit einer solchen Inbrunst, dass sie die Welt um sich herum vergaß. Dabei war sie eine mittelmäßige Pianistin, ihr fehlte das Talent und nur durch viel Fleiß hatte sie es geschafft, ihr Lieblingsstück fehlerfrei spielen zu können.
Die Kinder machten ihr oft die Freude und baten sie ans Klavier.
„Mama, spiel doch einmal für uns!“, baten sie. Dann war Carla glücklich. Ihre Augen strahlten wie früher, als sie noch jung war und sich an alles erinnern konnte.
Heute wusste sie an manchen Tagen nicht einmal mehr die Namen ihrer Kinder.
Sie konnte nicht zwischen Morgen und Abend unterscheiden. Ganz schlimm wurde es, als Albert gestorben war. Ihr Mann war ihr letzter Halt und er hatte sie über Jahre liebevoll betreut.
Carla hat sich in sich selbst zurückgezogen, sie ist jetzt ein kleines Mädchen mit all den Eigenschaften, die kleine Mädchen haben. Sie zetert, wenn man sie nicht nach draußen gehen lässt und wenn sie im Garten ist, sucht sie ihre Schaukel und weint und weint, weil sie nicht zu finden ist. Längst ist der alte Kirschbaum abgeholzt, an dem die Schaukel einst hing.
Die Töchter, Elisabeth und Anna, kümmern sich liebevoll um ihre Mutter.
„Sie hat das für uns auch getan, wir können sie doch nicht in ein Heim geben“, sagte Elisabeth, als ich sie letzte Woche besuchte.
„An manchen Tagen ist sie ganz klar, dann wieder hat sie alles vergessen und wir kommen einfach nicht an sie ran. Am liebsten hat sie es, wenn man ihr Märchen erzählt. Dann ist sie ganz ruhig und lächelt vor sich hin.“
Ich gehe einmal in der Woche zu Carla und erzähle ihr Märchen. Sie kennt mich nicht mehr, aber sie hört mir zu und sie fühlt sich wohl.
Am besten gefällt ihr das Märchen vom Aschenputtel. Sie leidet und weint, wenn den bösen Schwestern die Ferse abgehackt wird, oder die Zehen. So eine Ungerechtigkeit kann sie nicht verstehen.
„Mama, du musst kommen!“, ruft sie dann, als könne ihre Mutter sie trösten.
„Carla, deine Mama ist im Himmel, wie die Mutter vom Aschenputtel“, antworte ich ihr jedes Mal und sie nickt, als erinnere sie sich daran.
„Spielst du mir etwas auf dem Klavier vor?“, bitte ich und helfe ihr beim Aufstehen. Sie setzt sich ans Klavier, überlegt einen Moment und dann legt sie die Finger auf die Tasten.
Die Mondscheinsonate erklingt, fehlerfrei und gefühlvoll vorgetragen. Es ist ein Phänomen, ich habe das jetzt viele Male miterlebt und kann es noch immer nicht fassen.

© Regina Meier zu Verl

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