Meine Freundin Edeltraud

Meine Freundin Edeltraud

Sascha ist das Nesthäkchen der Familie. Er ist fünf Jahre alt. Dann sind da noch Tine und Bella, die Zwillinge. Die beiden sind schon acht und gehen in die dritte Klasse.Sascha findet es blöd, dass er noch nicht in die Schule gehen darf. Er möchte nicht mehr in den Kindergarten. Lesen will er und schreiben, denn dann würde er Geschichten schreiben, so wie seine Mama. Ja, und Bauer will er werden, so wie Nachbar Heinrich.
„Wenn du willst, dann schreibe ich deine Geschichten auf“, hatte seine Mutter ihm oft angeboten.
Heute ist es soweit, Sascha fragt:
„Mama, hast du Zeit?“
„Sicher, was möchtest du denn?“
„Ich will dir eine Geschichte erzählen. Schreibst du sie für mich auf?“
„Klar, mache ich.“
Mama nimmt sich einen Block und einen Bleistift und dann kann es losgehen.
Sascha diktiert:
„Sascha ist bei Heinrich. Was macht er da?“
Mama schreibt eifrig und Sascha überlegt. „Er füttert die Kühe. Heinrich hat viele Kühe.“
Sascha überlegt.
„…Und die haben dollen Hunger und Durst und die heißen Liese und Lotte und Herta und Franzi und…“
„Moment!“, ruft Mama. „Nicht so schnell!“
„Okay, also langsamer: Liese, Lotte, Herta, Franzi, Heidi, Paula, Trude…“
„Ich wusste ja gar nicht, dass du alle Namen kennst, Sascha.“
„Das ist ganz leicht, ich stelle mir vor, dass sie alle hier vor dem Fenster vorbeilaufen, dann fallen mit die Namen ein.“
Mama staunt nicht schlecht, denn es kommen noch mindestens zehn weitere Kuhdamennamen. Sie könnte sich das bestimmt nicht so merken.
„Kennt der Heinrich seine Kühe auch so gut?“
„Klar Mama, sie sind seine allerbesten Freundinnen, die kennt man doch. Er sagt immer, dass er sie am Euter erkennen kann.“
Mama prustet los, sie schüttelt sich vor Lachen.
„Und woran erkennst du die Kühe?“
„Na, am Gesicht und wenn nicht, dann auch am Euter!“
Als Mama sich wieder ein bisschen beruhigt hat, geht es weiter mit der Geschichte.
Zwischendurch muss Mama noch einmal vorlesen. Sie hat alles richtig gesagt und Sascha ist zufrieden.
„Ist schon eine ganz schön lange Geschichte, stimmt’s, Mama?“
„Ja, stimmt! Wie geht es denn weiter?“
„Gut, also weiter: Als alle Kühe gefüttert sind, schickt der Heinrich sie wieder auf die Weide, die Lise, die Lotte, die Herta, die Franzi…“
Mama schreibt brav mit, ihre Gedanken wandern aber schon in die Küche, bald ist Zeit für das Abendessen.
„Lies mal vor, Mama! Die Kühe schlafen jetzt und die erste Geschichte ist zu Ende.“
Mama liest vor. Als sie den letzten Satz gelesen hat, fängt Sascha an zu weinen.
„Was ist denn jetzt los?“
„Mama, du hast die Edeltraud vergessen, die hat jetzt nichts zu fressen bekommen und auf die Weide durfte sie auch nicht mit. Ich habe dir doch gesagt, du sollst die Edeltraud aufschreiben.“ Verzweifelte Tränen laufen und die Nase läuft gleich mit.
„Weißt du was, lieber Sascha. Du hast Recht, ich erinnere mich genau, dass du mir die Edeltraud genannt hast. Da habe ich wohl nicht richtig aufgepasst. Entschuldige bitte.“
„Ja gut, Mama. Aber was machen wir denn jetzt?“
„Wir schreiben die Edeltraud jetzt einfach dazu, dann hat alles wieder seine Ordnung!“
Sascha ist zufrieden und Mama denkt, dass sie beim nächsten Diktat einfach besser zuhören muss, denn Sascha ist pingelig und das ist ja auch richtig so.

© Regina Meier zu Verl


Gespräch vor dem Einschlafen

Gespräch vor dem Einschlafen

Ich liege auf der Seite und betrachte meinen Enkel. Wie er da liegt, klein und zart. Er lächelt im Schlaf und ab und zu seufzt er. Ich wage es nicht, mich zu bewegen. Möchte ihn nicht aufwecken, ihn einfach nur anschauen und den Augenblick genießen.
Ein schönes Einschlafgespräch haben wir geführt. Ich rufe es noch einmal in meine Gedanken zurück, damit ich es nicht vergesse.

„Oma!“
„Ja, was ist denn, Lukas?“
„Wir haben doch einen richtigen Bauernhof, ne?“
Es ist so süß, wenn er hinter jede Frage ein langgezogenes „ne“ hängt, mich rührt das sehr, denn es erinnert mich an die Fragen meiner Kinder vor vielen Jahren. Sie machten das auch.
„Na ja, einen richtigen Bauernhof haben wir nicht!“, sage ich und warte auf die nächste Frage.
„Aber wir haben doch einen Trecker und der gehört mir doch auch, ne?“
„Ja sicher, wir sind ja eine Familie, da gehört dir auch alles was wir haben.“
„Und wir haben ein Pony, ne?“
„Ja, haben wir.“
„Dann sind wir doch ein Bauernhof, ne?“
„Richtige Bauernhoftiere haben wir nicht, keine Kühe, keine Schweine …“, wende ich ein und füge noch hinzu, dass richtige Bauern ihre Höfe bewirtschaften.
„Ja, aber Opa macht doch auch Heu für das Pony, ne?“
„Ja, Zwiebelchen muss ja was zu fressen haben.“
„Oma?“
„Ja?“
„Können wir nicht ein paar Hühner kaufen, dann sind wir auch ein richtiger Bauernhof, ne?“
„Gute Idee, früher hatten wir mal Hühner, das war toll. Jeden Tag gab es ein paar Eier und wir mussten keine mehr kaufen“, fällt mir ein.
„Sollen wir Opa morgen mal fragen, ob er ein paar Hühner haben will?“
„Ja, das können wir machen.“
„Oma, aber wir essen nur die Eier, nicht die Hühner, ne?“

Langsam wird Lukas müde und die Augen fallen ihm zu, ab und zu blinzelt er noch mal und dann lächelt er mich an. Wahrscheinlich wird er von Hühnern träumen und ich überlege mir, wo wir die unterbringen. Der alte Hasenstall ist noch da, den könnte man umbauen. Wie gut, dass Opa Tischler ist, der kann das!

© Regina Meier zu Verl

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