Von Wunderpillen und Nachttöpfen

Von Wunderpillen und Nachttöpfen

Es war ein schöner Tag gewesen gestern. So hatte Tessa sich ihren Geburtstag gewünscht. Schließlich wird man nur einmal achtzig Jahre alt. Tessa kicherte, sie konnte es kaum selbst glauben, dass sie nun schon so alt war. Sie fühlte sich nicht so, eher wie fünfzig. Hm! Achtzig hörte sich trotzdem erschreckend an.
„Nein!“, wehrte sie sich gegen diese Gedanken. „So schnell kriegt ihr mich nicht klein. Wer gesund lebt, kann, so sagen sie, hundert werden und mehr. Gute Hundert ohne ein Siechtum im Rollstuhl.“
Sie öffnete die Schublade zu ihrer Kommode, die, die keiner öffnen durfte außer ihr, und nahm ihr gesundes Geheimnis, wie sie es nannte, heraus. Magnesium, Kalium, Vitamin C, Zink und einige andere mehr. Sorgsam verteilte sie die Kapseln in einer Schale und schluckte eine nach der anderen, langsam, bedächtig.
„So! Ihr werdet euch wundern!“
Tessa wusste, dass ihre Tochter sie auslachen würde. Deshalb behielt sie es für sich. Es würde sich schon zeigen, wer recht behalten würde. Tessa lächelte, packte die Wundermedizin wieder zurück in die Schublade, trank noch ein großes Glas Wasser und ging dann in den Garten, in dem der Herbst schon eingezogen war, ihre Lieblingsjahreszeit. Noch viel war zu tun hier, aber auch das trauten sie ihr ja nicht mehr zu.
„Ach was!“, wehrte sie sich laut gegen ihre Gedanken, die immer wieder zum selben Punkt zurückkehrten, und stapfte wie bekräftigend mit dem Fuß auf. „Ich werde sie nicht mehr beachten, sie mit ihren Unkenrufen und Mahnungen und falschen Sorgen. Davon habe ich mir gestern genug anhören müssen. Es reicht. Und nun werde ich das kleine Kartoffelbeet umgraben und letzte Schätze ernten.“
Tessa ging mit forschen Schritten hinüber zum Geräteschuppen, schnappte sich den kleinen handlichen Spaten, zog ihre dicken Gummiklotschen an und machte sich daran, das Beet umzugraben. Die Kartoffeln hatte sie schon in der letzten Woche geerntet und allen hatten die frischen Kartoffeln gestern im Geburtstagskartoffelsalat gut geschmeckt. Das selbst angebaute Gemüse war doch immer noch das Beste auf der Welt.
„Man weiß, was man isst!“, murmelte sie und hieb den Spaten mit all ihrer Kraft tief in die Erde. Es klirrte, laut und scheppernd. Tessa erschrak.
Sie ließ den Spaten fallen und trat einen Schritt zurück. Als sich weiter nichts tat, nahm sie den Spaten wieder auf und traute sich wieder näher an das Erdloch heran.
Da sie nichts darin sehen konnte, setzte sie den Spaten vorsichtig noch einmal an und … es schepperte wieder.
„Hilfe!“, rief Tessa laut. Irgendwie erschien ihr die Angelegenheit unheimlich. Es tat sich nichts. „Hilfe!“, rief sie noch einmal, diesmal laut und gellend.
Dann besann sie sich.
„Eine Bombe wird es wohl nicht sein“, schimpfte sie mit sich selbst. „Reiß dich mal zusammen, meine Liebe!“
„Hast du einen Schatz gefunden, Tante Tessa?“, hörte sie da Timo, den Nachbarjungen, rufen. „Das ist ja krass!“
„Das weiß ich noch nicht, mein Junge. Hilfst du mir beim Bergen, bitte?“ Tessa war hocherfreut, dass sie in der Situation nicht mehr allein war. Timo war ein taffer Junge, er würde wissen, was zu tun war.
„Darf ich?“, sagte er und nahm Tessa den Spaten ab. „Dann wollen wir doch mal sehen, was du da gefunden hast!“
Er stieß ein paar Mal in die Erde, es knirschte und schepperte, dann hatte er den „Schatz“ freigelegt.
„Wow!“, stieß er hervor und zog das Fundstück, eine weiße Emaille Schüssel mit einem Griff, aus der Erde. „Was ist das denn? Ein Salattopf mit Griff?“
„Was? Zeig her!“ Tessa starrte auf den Fund. „Ein Nachttopf!“, stieß sie hervor und musste lachen. „Wie kommt ein Nachttopf in mein Kartoffelbeet?“
„Aber was ist denn ein Nachttopf, Tante Tessa? Gibt es Tagtöpfe und Abendtöpfe und Nachttöpfe etwa?“, fragte Timo.
Tessa fing erneut an zu lachen, das gab es doch nicht, ein Junge, der nicht wusste, was ein Nachttopf war, komisch. „Weißt du, lieber Timo, früher hatte man nicht in jedem Haus eine Toilette, oft gab es außerhalb des Wohnhauses ein Klo, ein Plumpsklo. Da musste man, wenn man mal musste, bei jedem Wetter nach draußen. Das war besonders im Winter sehr unangenehm. Genau dafür war so ein Nachttopf da, der stand für das kleine Geschäft zwischendurch unter dem Bett und wurde am Morgen dann ausgeleert.“
„Igittegit!“ Tims Augen wurden groß vor Staunen. „Das ist ja eklig! Wie konnten die Menschen so leben?“
Tessa musste noch mehr lachen. „Wie du siehst, haben wir es alle überlebt. Sonst gäbe es dich und deine Eltern und deine Freunde nicht, oder?“
„Stimmt.“ Tim lachte nun auch.
„Das ist spannend mit dir“, sagte er. „Darf ich dir weiter beim Graben helfen? Vielleicht finden wir noch andere Schätze aus dieser gruseligen Zeit?“
„Gerne.“ Tessa freute sich. Es war so wichtig, dass die Jungen vom Leben ihrer Vorfahren erfuhren und lernten. Man konnte schließlich nie wissen, ob und wann sie dieses alte Wissen, das gerade im Begriff war, verloren zu gehen, auch für ihr Leben anwenden konnten. „Ich wusste doch, dass auch dies ein guter Tag werden würde.“
Tessa drückte Timo den Spaten in die Hand: „Bitte sehr, du bist dran!“, sagte sie und der Junge hatte im Nu das Kartoffelbeet umgegraben. An diesem Tag fanden die beiden keinen weiteren „Schatz“, aber sie suchten weiter, Tag für Tag.

© Regina Meier zu Verl

Ein Markttag der besonderen Art


Ein Markttag der besonderen Art

Freitags ging Lore gern zum Markt. Sie brauchte nicht mehr so viel, seit ihr lieber Walter nicht mehr bei ihr war. Sie genoss es aber sehr, die frischen Lebensmittel anzuschauen, hier einen Apfel zu kaufen, dort ein paar Pflaumen. Beim Metzger Habermann kaufte sie zwei Bockwürstchen für die Kartoffelsuppe, die immer für zwei Tage, manchmal sogar für einen weiteren Tag reichte. Ganz schön eintönig war das oft, aber was sollte sie machen? Sie konnte sich nicht daran gewöhnen, nur noch für eine Person zu kochen. Sie probierte es immer wieder, aber …
„Frische Eier! Kaufen Sie frische Eier!“, plärrte ihr ein Mann da plötzlich entgegen.
Lore zuckte zusammen. Diese Stimme kannte sie doch!
„Hans, bist du es wirklich? Was machst du denn hier?“ Über ihre Frage schüttelte Lore gleich selbst den Kopf. „Eier verkaufen, das sehe ich ja!“, fügte sie entschuldigend hinzu.
„Klar bin ich es und ja, ich verkaufe Eier, möchtest du welche?“ Hans lacht und hielt ihr den Korb mit bunten Eiern hin, weiße, grüne und braune Eier fanden sich darin.
„Das sind ja wundervolle Schätze!“ Lore staunte. Bunte Eier hatte sie seit ihrer Kindheit auf dem Land nicht mehr gesehen. Sie hatte ganz vergessen, dass es sie gab. Lange verdrängte Erinnerungen malten vor ihren Augen ein buntes, heiteres und sorgenfreies Bild. Sie seufzte. „Schön!“
„Ja, schön, nicht?“ Hans schmunzelte. „So innig hat noch kein Kunde die Eier unserer Hühner bewundert.“
Lore schmunzelte. Zu gern hätte sie Hans einige Eier abgekauft, aber zum einen war sie zu Fuß da und ihr Korb war schon gut gefüllt, zum anderen hatte sie nur noch ein paar Cent in der Geldbörse. Sie wollte aber auch nicht gleich weiter gehen. Noch nicht.
„Seit wann bist du …“, begann sie und versuchte, beiläufig zu klingen.
„Hättest du Lust, noch …“, fragte er im gleichen Augenblick.
„Ähm!“ Sie sahen sich an, lachten … und plötzlich war ihr, als lägen nicht 40 Jahre, in denen sie sich nicht gesehen hatten, hinter ihnen.
„Ich bin erst seit ein paar Wochen wieder hier!“, sagte Hans. „Mein Bruder hatte ja das Elternhaus übernommen, er ist aber jetzt allein, so wie ich auch, und da haben wir uns wieder zusammengetan!“
„Das ist eine gute Idee.“ Lore nickte. Der Gedanke gefiel ihr und ein bisschen kroch ein leiser Neid in ihr hoch. Ein bisschen nur, sie wünschte sich doch auch, nicht länger allein leben zu müssen. „Vertragt ihr euch denn?“, fragte sie. „Damals haben wir euch die „zornigen Brüder“ genannt, weil ihr ständig miteinander gestritten hattet.“
Hans lachte und sie musste mit einstimmen.
„Es geht sogar sehr gut mit uns“, meinte er dann. „Und wir haben viele Pläne. Der Hof ist zu groß für uns beide und wir denken da an eine Kommune für uns Alte.“
Lores Augen wurden immer größer. Gerade in den letzten Tagen hatte sie sehr viel über Seniorengemeinschaften und Wohngruppen gelesen. Noch hatte sie sich nicht anfreunden können mit dem Gedanken. „Darüber möchte ich mehr wissen! Wollen wir einen Kaffee trinken? Hier um die Ecke…“
„…ist das Café Baier!“ Hans lachte! Dann sah er auf seine Uhr. „In einer halben Stunde wäre ich hier fertig. Wenn du mir beim Aufräumen und Einladen hilfst, bin ich dabei. Deal?“
„Deal!“ Lore lachte. „Und wetten, dass ich vorher noch ein paar deiner wunderschönen Eier unter die Leute bringen werde? Ich habe da nämlich so ein Talent, das momentan etwas schlummert, aber…“
Sie nahm einen Korb mit Eiern und mischte sich unter die Leute. Und sie fühlte sich so herrlich lebendig wie lange nicht mehr.
Im Nu hatte sie mit ihrer fröhlichen Art alle Eier verkauft. Ein großartiges Gefühl! Sie half Hans beim Einladen und parkte ihren Einkaufskorb in seinem Auto, danach gingen sie gemeinsam ins Café Baier und bestellten sich einen Kaffee und ein dickes Stück Torte. Hans bestand darauf!
„Aber nur, wenn du zwei Gabeln bestellst“, forderte sie mit einem schelmischen Grinsen. „Auch sündige Kalorien fordern Gerechtigkeit.“
„Einverstanden. Zwei Gabeln.“ Er winkte die Kellnerin herbei und bestellte zwei Gabeln und – weil man ja auf einem Bein nicht stehen konnte – noch einen Windbeutel mit Sahne. „Damit sich das eine Stück Kuchen auf dem Teller nicht langweilt“, sagte er. „Langeweile ist so ziemlich das blödeste, was das Leben so bieten hat, findest du nicht auch?“
Lore schluckte.
Oh, wie gut sie das kannte. Aber sie wollte jetzt darüber nicht reden, dafür würde sich eine andere Gelegenheit ergeben, denn es fühlte sich gerade so gut an, hier mit Hans zu sitzen und fröhlich zu sein.
„Erzähl doch mal von euren Plänen, das macht mich sehr neugierig.“, bat Lore und nippte vorsichtig an dem noch heißen Kaffee.
„Das Beste ist, du besuchst uns einfach mal. Das wäre doch prima, liebe Lore. Und mein Bruder beißt auch nicht, er ist ganz nett!“
Lore lachte. „Das will ich gern tun!“
„Das freut mich.“ Hans sah sie mit offenem Blick an. „Wann kommst du?“
Eine leichte Erregung lag in seiner Stimme, doch das merkte Lore zum Glück nicht. Genauso wenig, wie sie wusste, dass er sie zu seiner Freude schon vor längerer Zeit schon auf dem Wochenmarkt entdeckt hatte. Lange hatte er überlegt, wie er sich ihr nähern konnte, doch der Mut hatte ihm gefehlt. Und nun saß sie einfach so da. Ein Wunder.
Auch Lore wunderte sich, dass ihr ausgerechnet Hans über den Weg laufen musste. Sie waren einmal sehr gute Freunde gewesen und dann hatten sich ihre Lebenslinien in andere Richtungen entwickelt.
„Es ist nie zu spät!“, dachte Lore und sie lächelte.
„Was denkst du gerade?“, fragte Hans.
„Ich denke, dass sich gerade unsere Lebenslinien ein zweites Mal kreuzen, und das gefällt mir sehr. Wie wäre es, wenn ich euch morgen besuche?“ Lore war mutig und staunte über sich selbst.
Und Hans?
Dem gefiel das sehr!

© Regina Meier zu Verl

Prösterchen, auf den Muttertag

Prösterchen, auf den Muttertag

„Muttertags-Geschichten sind immer so süß, so niedlich, so heile Welt. Aber das Leben ist nicht so, auch nicht am Muttertag. Jedenfalls nicht bei mir!“
„Wie bitte?“ Katrin, die Bistrobesitzerin, sah Ihren Gast erstaunt an. Es war eine alte Dame, die vor einer Tasse Kaffee saß und unruhig mit der Gabel das Stück Apfelkuchen zerkrümelte.
„Haben Sie mit mir gesprochen? Ich konnte Sie nicht genau verstehen.“
„Nein, nein! Ich habe mit mir selbst gesprochen. Wissen Sie, ich bin viel allein und dann gewöhnt man sich solche Dinge an!“, sie lächelte gewinnend und Katrin hatte das Bedürfnis, sich ein wenig zu der Dame zu setzen.
Mit zwei Gläschen Eierlikör kehrte sie zum Tisch der Fremden zurück.
„Darf ich Sie zu einem kleinen Gaumenkuss einladen? Eierlikör. Hausgemacht. Für kleine Gelegenheiten, zum Freuen, zum Traurig sein, ach, zu allem. Probieren Sie!“
Die Augen der alten Dame leuchteten.
„Ich liebe Eierlikör, und dass er ein Gaumenkuss ist, das kann ich wohl bestätigen. Vielen Dank!“
Katrin setzte sich und hob ihr Glas.
„Auf die Gesundheit!“, sagte sie.
„Auf die Gesundheit!“ Ihr Gast hob das Glas an die Lippen, kostete und seufzte genussvoll.
„Das ist ein besonders feiner Schatz! Ich weiß ihn sehr zu genießen, denn eigentlich …“, sie grinste verschmitzt. „Eigentlich dürfte ich so etwas Feines gar nicht mehr trinken. Gar nichts mehr darf man, wenn man alt ist. Alt und nutzlos!“
„Das dürfen Sie niemals sagen und auch nicht denken. Wir werden alle einmal alt sein, aber sind wir deswegen nutzlos? Nein!“, sagte Katrin. „Aber darf ich fragen, warum Sie keinen köstlichen Eierlikör trinken dürfen? Ist es etwa der Zucker, der es ihnen verbietet?“
„Zucker!“ Die alte Dame lachte hellauf.
„Der kann mir gar nichts verbieten. Und auch nicht all die anderen, die meinen, mir etwas vorschreiben zu können. Ha! Stellen Sie sich vor: Sie sagen mir, wie ich zu leben habe. Trinke keinen Kaffee, höchstens ein Tässchen am Morgen. Iss nicht dies und nicht das und … ach, am besten gar nichts. Gehe nicht allein in die Stadt. Und so weiter und so fort. All das schreiben sie mir vor. Aus der Ferne. Pah!“
„Wer denn, wer schreibt Ihnen das alles vor?“, fragte Katrin und man sah ihr an, dass sie entsetzt war über das, was die alte Dame ihr erzählte. Sie hob ihr Glas noch einmal an.
„Prösterchen!“, sagte sie.
„Das sind die, die mich am meisten lieben. So sagen sie. Meine Kinder und Enkel.“
Vor Aufregung schummelte sich ein kleiner Schluchzer in ihre Worte.
„Die, die nie da sind und doch alles besser wissen.“ Sie hob ihr leeres Glas. „Darauf trinken wir.“
„Warten Sie, ich schenke nach! Wir lassen uns doch nichts verbieten, oder?“, fragte Katrin.
„Auch nicht von den Kindern und Enkeln, von denen schon gar nicht!“
„Das kommt nicht in die Tüte! Und darauf stoßen wir an! Prosit!“ Die alte Dame lachte. „Prosit mit Eierlikör! Das hatte ich auch noch nie in meinem langen Leben. Sie etwa, junge Frau? Haha! Komisch ist das! Urkomisch!“
„Ich habe lange nicht so viel Freude mit einem Gast gehabt!“, sagte Katrin, die sich aber dann doch um andere Bistrotbesucher kümmern musste.
„Machen Sie nur, ich bleibe einfach noch ein bisschen sitzen und genieße das süße Gefühl!“, verkündete die Dame und als sie später ging, lag ein seliges Lächeln in ihrem Gesicht!

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Vom kleinen Trecker, der so gern gebraucht werden wollte (6)

Nachdem ich nun viel Post zu meinen Treckergeschichten bekommen habe und ich immer wieder gefragt wurde, wann es denn endlich weiter geht mit dem kleinen Trecker, stelle ich heute die 6. Geschichte vor und es werden weitere folgen. Danke für Euer Interesse und die vielen netten Mails dazu!

Vom kleinen Trecker, der so gern gebraucht werden wollte (6)

Das Wunder in der Scheune

Ich hatte euch doch von dem schönen neuen Sitzkissen erzählt, auf das ich so richtig stolz war. Margret, die Bäuerin, hatte es für mich gestrickt, bevor Josef mit mir zum Trecker Treff gefahren war. Dort hatten wir zwar keinen Preis gewonnen, aber wir sahen beide sehr fesch aus, der Josef mit seiner neuen Weste und frisch gestutztem Bart, und ich auf Hochglanz poliert und mit dem wunderbaren Sitzkissen.
Ja nun, wenn ihr jetzt erfahrt, warum ich dieses Kissen nicht mehr benutzen kann, dann werdet ihr sagen: Ist doch nicht so schlimm! Wetten?
Passt auf, das war so:
Ich stand, wie immer, in der Scheune und erfreute mich am Feierabend. Der dicke grüne Traktor hatte eine große Halle für sich allein. Mir gefiel es in der Scheune, dort hatte ich seit vielen Jahren meinen Platz. Ab und zu bekam ich Besuch, sogar mitten in der Nacht. Ein paar Mäuse trippelten durch die Scheune und suchten nach etwas Essbarem. Aber auch Violetta die schwarz-weiße Katze verirrte sich schonmal bei mir. Manchmal lag sie sogar auf meinem nigelnagelneuen Sitzkissen und schlief dort ein paar Stunden. Ich hatte nichts dagegen, war ich halt nicht so allein.
Ich hatte in den letzten Tagen immer mal gedacht, dass Violetta ganz schön dick geworden war. ‚Vielleicht frisst sie sich Winterspeck an‘, dachte ich noch und als ich sah, dass ihr Bauch beinahe über den Boden schleifte, musste ich kichern und hätte ihr am liebsten gesagt: Jetzt ist es aber genug, Violetta. Habe ich aber nicht, wie auch, sie hätte mich doch nicht verstanden.
Auf jeden Fall kam Violetta eines Nachts in die Scheune. Sie sah komisch aus, gar nicht so wie sonst. Gut, sie war dick geworden, aber daran hatte ich mich längst gewöhnt. In dieser Nacht aber war sie träge wie noch nie und sie schaute sich so ängstlich um, so als befürchte sie Schlimmes. Ganz seltsam eben. Sie atmete auch viel schneller als sonst und machte dabei so pfeifende Geräusche.
Ich bin ein alter Trecker und ich habe eine gewisse Lebenserfahrung. Also dachte ich mir schon, dass Violetta möglicherweise Junge bekommen würde und auf der Suche nach einem geeigneten Platz für die Geburt war. Dass sie schließlich diesen Platz in meinem Führerhaus wählte und sich dafür das Kissen vom Sitz zog, um es im Fußraum zu drapieren, konnte ich ja nicht ahnen.
Genau so passierte es aber. Violetta lag auf dem Kissen im Fußraum des Führerhauses und atmete schnell und schneller. Und ich, ich konnte gar nichts tun. Ich konnte nur ein guter Gastgeber sein und sie gewähren lassen, selbst wenn sie auf meinem schönen Kissen lag und das sicher nicht unbeschadet bleiben würde. Nicht so schlimm, habe ich doch gesagt!
Jedenfalls dauerte es ungefähr zwei Stunden, genau kann ich es nicht sagen, weil ich keine Uhr auf dem Tacho habe. Aber ich habe ein ganz gutes Zeitgefühl. Nach den zwei Stunden waren dann die Kätzchen geboren, was für ein Wunder. Josef hat mir später erzählt, dass es acht junge Kätzchen waren und eines bezaubernder war als das andere. Wir ließen Violetta und ihre Kinder weiter im Führerhaus wohnen. Josef und Margret brachten ihr jeden Tag frisches Futter und Wasser und stellten ihr sogar das Katzenklo ganz in die Nähe.
Josef und Margret haben übrigens direkt am nächsten Morgen von der wundersamen Geburt erfahren, nachdem ich mal eine Ausnahme gemacht habe und einfach von mir selbst aus laut gehupt habe, aber psssst, nicht verraten, dass ich das kann, abgemacht? Josef hat gemeint, dass Margret das nur geträumt haben kann, das mit dem Hupen, dann hat er aber doch nachgesehen und den Rest kennt ihr ja nun.
Margret strickt mir übrigens ein neues Kissen, nett, oder?

© Regina Meier zu Verl

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Zu zweit ist man nicht so allein

Zu zweit ist man nicht so allein

Es war einmal ein Sockenpaar, das lebte viele Jahr glücklich miteinander, der eine, Remus, an einem rechten Fuß und der andere, Linus, an einem linken Fuß. Ihr einzige Abwechslung bestand darin, dass sie zuweilen gemeinsam mit anderen Sockenpaaren ein Waschfest in der Waschmaschine feierten und dort ordentlich durcheinandergewirbelt wurden, so dass sie sich anschließend auf dem Wäschereckchen erholen mussten, während sie trockneten.
Manchmal tauschten sie auch die Füße, aber das war auch schon alles. Nicht Aufregendes passierte, denn wenn sie an den Füßen steckten, dann verschwanden sie oft stundenlang in dicken Lederschuhen und konnten sich nicht unterhalten, erst am Abend, wenn sie gemeinsam vor dem Bett oder in der Wäschetruhe lagen, konnten sie wieder plaudern.
Dann erinnerten sie sich gern daran, wie sie entstanden waren, Remus war der erste gewesen, der nach langer Arbeit von den Stricknadeln der Oma Grete gehüpft war. Geduldig hatte er abgewartet, bis sein Partner Linus ebenfalls fertig gestrickt war. Oh, war das schön gewesen und das Allerschönste war, dass man sie bewunderte. Noch heute hatten sie die Ausrufe im Ohr, die gemacht wurden, als sie, in feines Geschenkpapier gewickelt, ihren neuen Besitzer kennenlernten.
„OH, wie schön die sind. Und so kuschlig. Das sind ab jetzt meine Lieblingssocken!“, hatte Roman ausgerufen, der das Glück hatte, dieses wunderbare Geschenk an seinem Geburtstag zu bekommen.
Wenn er sie trug, dann hatten auch andere Leute Entzückensschreie losgelassen. „Guck mal, diese tollen Socken! Solche hätte ich auch gern!“, hatte es geheißen. Ja, das war eine schöne Zeit gewesen. Später hatten sie allerdings tagelang in einer dunklen Sockenschublade gelegen. Das war nicht schön! Sie bekamen kaum Luft darin und der Geruch von Lavendelseife verursachte Übelkeitsanfälle. Doch tapfer hielten sie durch, denn sie hatten ja sich und das war mehr als alles Gold der Erde wert.
Eines schönen Frühlingstages, Roman hatte Remus und Linus angezogen und die Füße dann in die warmen Lederschuhe gezwungen, da passierte es dann. Die beiden hatten tüchtig geschwitzt und als sie aus den Schuhen befreit wurden, da hatten sie heftig gestunken. Roman hatte entsetzt „Igittigit“ gerufen und die verzweifelten Socken in die Ecke geworfen. Da lagen sie nun und dufteten vor sich hin, bis Romans Liebste ein Einsehen mit ihnen hatte und sie in die Waschmaschine packte.
Nach endlosen Umdrehungen und dem schmerzhaften Schleudergang wurden sie wieder befreit und auf das Wäschereck gehängt. Zuvor hatte Romans Liebste sie eingehend betrachtet und festgestellt, dass die Wolle an Hacke und Spitze mittlerweile recht dünn geworden war.
„Vermutlich sollte ich euch aussortieren!“, stellte die Liebste fest und unser Sockenpaar wusste, was das bedeutete, zu viele Kameraden waren schon von heute auf morgen verschwunden, entweder war einer in der Waschmaschine verloren gegangen, oder es hatten sich Löcher gebildet und niemand wollte sie mehr anziehen, geschweige denn stopfen.
„Wir sollten uns auf die Socken machen und das Weite suchen!“, schlug Linus vor und Remus war seiner Meinung. „Nichts wie weg hier!“, rief er und dann ließen sich die beiden einfach von der Wäscheleine plumpsen.
Und wenn sie niemand vermisst hat, dann liegen sie dort noch immer. Einsam und traurig werden sie sein und vielleicht träumen sie von Oma Grete oder von Roman. Auf jeden Fall hoffen sie, dass sie immer zusammenbleiben können, denn das Schönste ist doch, wenn man einen Partner hat, oder nicht?

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle pasja1000/pixabay