Kiefernzapfen – jede Menge

Kiefernzapfen – jede Menge

Kiefernzapfen, jede Menge

Leo und Lina haben Kiefernzapfen gesammelt. Sie tun geheimnisvoll, als Mama fragt, was sie denn mit den vielen Zapfen basteln wollen.
„Das wirst du dann schon sehen!“, sagen sie und kichern. „Auf jeden Fall wird nichts gebastelt, wir helfen der Umwelt!“, behaupten sie und ziehen sich mit ihren Zapfen ins Gartenhaus zurück.
„Mama wird staunen“, freut sich Lina. „Und Papa und Oma und Opa auch.“
Leo kichert wieder. „Alle werden sie staunen. Bald.“
Lina schüttelt entschieden den Kopf.
„Von bald kann keine Rede sein. Du hast doch gehört, was Herr Norden gesagt hat, es braucht viel Geduld!“
Jetzt kommen die Jogurtbecher zum Einsatz. Tagelang haben Lina und Leo gesammelt.
„Dann erfüllen sie wenigstens noch einen Zweck!“, hatte Leo gemeint, denn zu viele Plastikbecher sind nicht gut für unsere Umwelt und Mama war dazu übergegangen, Jogurt in großen Gläsern zu kaufen, die man wiederverwenden konnte. Gut so.
Die Geschwister haben jeden Becher, den sie noch erwischen konnten, an sich genommen, denn sie haben viele Tannenzapfen gesammelt, die verarbeitet werden wollen. Wenn sie Glück hatten, dann würde aus jedem Zapfen in den Joghurtbechern ein kleines Tannenbäumchen heranwachsen. So viele Tannen!
„Ob unsere Becher da überhaupt reichen?“ Besorgt blickt Lina auf die Bechersammlung.
Die beiden Kinder füllen die Becher mit Gartenerde und legen dann jeweils einen Tannenzapfen auf die Erde. Anschließend besprühen sie jeden Zapfen mit Mamas Blumenspritze, die sie heimlich „ausgeliehen“ haben und schon bald ist ein kleines Tannenzapfenwäldchen entstanden. Jetzt kommt das Moos zum Einsatz, das sie im Garten gefunden haben und nun liebevoll auf die Erde rundum die Zapfen legen.
„Sie sollen sich doch wohlfühlen!“, meint Lina.
„Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen“, sagt Leo und Lina grinst.
„Leo, du weißt doch, dass wir viel Geduld brauchen werden, das geht nämlich nicht so ruckzuck, es braucht Zeit!“, klärt Lina ihn nochmals auf.
„ Stimmt!“ Leo nickt und klatscht voller Vorfreude in die Hände.
„Mama wird staunen. Ein tolles Geschenk wird das sein. Ein wundertolles sogar. Ich …“ Er bricht ab, blickt über den Gartentisch, der fast ganz zugestellt ist mit Bechern, in denen auf Erde Tannenzapfen thronen, und wird blass. „Wo sollen wir die denn vor Mama verstecken? Es sind ja so viele!“
Aufgeregt blickt er seine Schwester an.
„Wir erteilen ganz einfach „Gartenhausverbot“, bis Weihnachten sind es ja noch ein paar Wochen, vielleicht zeigen sich dann schon die ersten Sprösslinge.“, sagt Lina bestimmt.
„Und du meinst, dass Mama sich einfach so an das Verbot halten wird?“ Leo ist skeptisch.
„Sie muss!“, ruft Lina. „Wir machen ein Schild an die Tür und wir bitten Opa um Hilfe, der muss aufpassen, dass Mama nicht heimlich ins Häuschen geht!“
„Puh! Das wird schwer!“ Leo blickt seine Schwester zweifelnd an. „Was, wenn Mama nochmal im Garten arbeiten will?“
„Es ist Winter! Da hat Mama nichts mehr im Garten zu tun.“ Lina ist sich sicher.
Leo ist es nicht. Er denkt an die Tulpen- und Narzissenzwiebeln, die gestern in einem Paket gekommen sind und die Mama noch „in die Erde bringen will“, wie sie selbst gesagt hat.
„Dann decken wir den Tisch einfach ab mit einer großen Plane! Ich frage mal Opa, der hat immer gute Ideen!“, sagt Lina und Leo ist stolz auf seine Schwester. Meist hat sie eine Lösung, wenn ein Problem auftritt, auch wenn die Lösung immer wieder Opa heißt!
„Bei den Blumenzwiebeln können wir ja helfen!“, beschließen die Geschwister und dann machen sie sich auf zu Opa.
„Kinder! Kinder!“, sagte Opa später. „Ihr macht Sachen! Hmm! Lasst mich nachdenken.“
Er runzelt die Stirn und denkt nach. Lange. Und Lina und Leo runzeln auch die Stirn und denken auch nochmal nach.
„Wie viele Bäumchen habt ihr nochmal gepflanzt?“, fragte Opa dann. „Und wo im Garten wollt ihr sie später, nach Weihnachten, pflanzen?“
„24 sind es!“, sagt Lina stolz.
„Hinter dem Rasen in die Blumenbeete. Dort ist Platz!“ sagt Leo.
„Hm!“ macht Opa wieder. „Und wie groß werden eure Tannen einmal sein? Übrigens sind es keine Tannen, sondern Kiefern!“
„Sehr groß!“, freut sich Lina.
„Wie ein kleiner Wald!“, ruft Leo.
„Hm!“ Mehr sagt Opa nicht mehr und Lina sieht plötzlich einen großen, dichten Wald, der hinter dem Rasen hoch und dunkel aufragt. Gigantisch sieht der aus. Ein bisschen unheimlich auch. Und plötzlich gefällt ihr die Idee mit den vielen Tannen gar nicht mehr.
„Hm!“, sagt auch sie. „Ich glaube, so viele große Tannen würden Mama keine Freude machen.“
„Aber 24 kleine schon“, wirft Leo schnell ein. „Ein paar könnten wir ja auch verschenken.“
„Das ist eine gute Idee“, findet Lina. „Da es genau 24 Zapfen sind, können wir an jedem Tag im Advent eines verschenken.“
Genauso machen es die Geschwister und viele, viele Leute in der Nachbarschaft freuen sich, als es bei ihnen klingelt und die beiden Kinder mit einem Zapfenbecher vor der Tür stehen und singen:
„Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, wie treu sind deine Blätter!“

© Regina Meier zu Verl

Helene und die Puppenfamilie

Helene und die Puppenfamilie

Helene und die Puppenfamilie

Früher hat Tante Helene noch bei uns gewohnt. Sie war Omas Schwester, unverheiratet, ein altes Fräulein, sagte Opa immer und kniff ein Auge zu. Das bedeutete für mich, dass ich das nicht sagen durfte, altes Fräulein. Irgendwann wurde Tante Helene dann krank und Opa sagte: „Der liebe Gott hat das alte Fräulein zu sich geholt!“
Daran erinnere ich mich noch gut und auch an den leckeren Butterkuchen, den es zum Kaffeetrinken nach der Beerdigung gab. An die leise Klaviermusik, die oft aus ihrem Zimmer tönte, kann ich mich noch gut erinnern. Grieg und Schumann und Tschaikowsky, das waren ihre Lieblingskomponisten und sie hatte von ihnen eine Unmenge Schallplatten. Was aus ihnen wohl geworden ist? Immer, wenn ich heute die vertrauten Stücke höre, stelle ich mir diese Frage. Und nicht nur diese.
Damals war ich ein Kind, oft bekam ich keine Antworten auf meine Fragen; von Tante Helene sowieso nicht. Die war schweigsam. Aber man konnte in ihrem Gesicht lesen. Oft hatte sie so ein feines Lächeln, dass mir ganz warm wurde, wenn ich sie anschaute. Oma sagte immer: Helene ist so ganz anders als ich. Ich glaube, sie denkt, sie sei was Besseres.
Was sie damit meint, habe ich damals nicht verstanden. Tante Helene war für mich eine alte Frau, aber sie war schön. Eine schöne alte Frau mit den schneeweißen langen Haaren, die sie zu einem locker gebundenen Knoten trug – und manchmal, an Wochenenden, ließ sie sie auch lang über den Rücken hängen. So schöne lange weiße Haare, fast bis zu ihrem Po.
Ich habe Zöpfe geflochten und mit bunten Schleifen zugebunden, oder sie wie eine Krone um den Kopf gewickelt. Dann die Zöpfe wieder gelöst und das seidige Haar sanft gebürstet. Tante Helene hat das sehr gefallen, das hat sie jedenfalls gesagt. Sie war geduldig und nahm sich die Zeit für mich. Das tat mir gut. Überhaupt war ihr Zimmer für mich immer wie eine Zufluchtsburg. Ärger oder Unfriede fanden hier kein Einlass und immer, wenn ich mit meinen Eltern Krach hatte, suchte ich bei ihr Unterschlupf. Mama und Papa wirkten so spießig gegenüber Tante Helene, die doch viel älter war als sie und als spätes Fräulein in den Augen der Leute doch die Spießige war. Falsch.
Es war ein paar Tage vor Weihnachten, als ich wieder einmal in Tante Helenes Zimmer auf dem Boden saß und mit meinen Puppen spielte. Ich redete immer mit ihnen. Meine Ursula, die größte der Puppen, war die Mutter, Heidi und Susi spielten die Kinder. Alle Puppen waren von Oma eingekleidet worden, trugen wollene Unterhosen und Hemden, Rüschenkleider mit adrettem Kragen, Kniestrümpfe und winzig kleine Lederschuhe. Es fehlte nur noch der Vater, doch den hatte ich nicht. „Es gibt keine Vater-Puppen“, hatte mir Mama immer wieder erklärt und ich fand das ehrlich blöde. Zu einer richtigen Familie gehörte ein Vater. Das war nun einmal so. Aber Mama ließ nicht mit sich reden und deshalb bettelte ich schon seit dem Sommer bei Tante Helene, dass sie mir zu Weihnachten eine Vaterpuppe schenkte.
„Ich werde sehen, was ich machen kann. Aber eigentlich bringt ja das Christkind die Geschenke, nicht wahr?“, fragte sie mit einem Augenzwinkern.
Das stimmte. Ich wollte ein bisschen schmollen, denn irgendwie verließ ich mich auf Tante Helene mehr, viel mehr als auf das Christkind. Das war so und das war für mich auch das Gute und Wichtige, das mich zu ihr hinzog. Ich konnte ihr vertrauen.
Als der Heiligabend endlich gekommen war, platzte ich fast vor Ungeduld. Ich hatte meine Puppen besonders hübsch angezogen und frisiert und auch mich selbst hatte ich herausgeputzt. Meine Haare trug ich auf die gleiche Art und Weise hochgesteckt, wie Tante Helene und mein schönes Kleid hatte die Tante mir gekauft.
Papa spielte „Ihr Kinderlein kommet“ auf dem Harmonium und dann durfte ich das Wohnzimmer betreten. Und dann, ja, dann hatte ich all die Lieder, die ich gelernt hatte, vergessen. Ich konnte nichts anderes tun als auf die Geschenke zu starren, die unter dem Christbaum lagen. Vor allem zwei große, längliche Pakete hatten es mir angetan. Zwei Pakete? In meinem Kopf rasten die Gedanken und endlich, endlich war es soweit. Bescherung! Und ich hatte recht gehabt: es waren zwei Pakete mit zwei Puppen. Mit einer Papapuppe nämlich und einer Tantenpuppe, denn die, so sagte Mama, gehörte schließlich auch in eine richtige Familie, so wie Tante Helene zu uns gehörte.
Das war das letzte Weihnachtsfest, das sie mit uns verbrachte und ich bin so froh, dass Mama das damals gesagt hat, denn es hat Tante Helene sehr gutgetan. Meine Tantenpuppe sitzt noch immer auf meinem Sofa, ich bringe es nicht übers Herz, sie in die Kiste zu den anderen zu räumen. Irgendwann werde ich selbst Kinder haben, die können dann damit spielen, vorausgesetzt ich werde kein altes Fräulein, wie Tante Helene. Ich muss lächeln, bei dem Gedanken, denn manchmal wäre ich so gern wie sie, ja, ganz bestimmt!

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Das Cello gibt den Ton an

Das Cello gibt den Ton an

Das Cello gibt den Ton an

Alle Kinder hatten sich auf der Bühne in der Schulaula versammelt. Auf den Notenständern waren die Noten für das Weihnachtskonzert aufgestellt. Heute nun sollte die erste Probe sein.
„Hat jeder Schüler zu Hause geübt?“, fragte Herr Koch, der Musiklehrer, nachdem er einige Male mit dem Taktstock auf sein Pult geklopft hatte, um Ruhe in die Gruppe zu bringen.
Gemurmel, einige Kinder zeigten auf. Nach und nach fragte Herr Koch ab, was sie zu sagen hatten.
„Ich konnte nicht üben, weil meine kleine Schwester Mittagsschlaf halten musste!“, sagte Kai, der immer eine Ausrede hatte. Seine Geige hatte er vorsichtshalber noch gar nicht ausgepackt.
„Und du, Lisa? Was hast du für eine Ausrede? Hatte deine Flöte etwa Husten?“, fragte Herr Koch verärgert.
Alle lachten, nur Lisa nicht. Der stiegen die Tränen in die Augen. So gern wollte sie das Solo in einem Lied spielen, sie hatte so viel geübt, aber es gelang einfach nicht.
„Ich, ich …“, stammelte sie und lief rot an. „Ich habe jeden Tag eine Stunde geübt, aber meine Flöte schafft die hohen Töne einfach nicht!“, versuchte sie zu erklären.
Plötzlich redeten alle durcheinander. Wieder klopfte Herr Koch auf das Dirigentenpult.
„Meine Lieben, so wird das nichts! Fangen wir also mit einer Tonleiter an, aber zuerst muss gestimmt werden. Alexander, gib uns bitte ein A!“
Alexander saß am Flügel. Zaghaft schlug er eine Taste auf dem Flügel an.
„Etwas lauter, bitte!“, rief Herr Koch.
Alexander schlug noch einmal den Ton an, diesmal etwas kräftiger.
„Jetzt die Geigen!“, rief Herr Koch. Außer Kai gab es noch zwei Schüler, die Geige spielten. Oh weh, das klang furchtbar. Herr Koch musste eingreifen. Sorgfältig stimmte er die Geigen.
„Jetzt die Flöten!“, ordnete Herr Koch an und auch die klangen einfach nur schrecklich.
„Lisa, du musst ein wenig kräftiger spielen, Anja, zieh bitte den Flötenkopf ein Milimeterchen heraus!“ Es dauerte eine Weile, bis Klavier, Geigen und Flöten ein einigermaßen sauberes A miteinander spielen konnten. Dann war Herr Koch zufrieden.
„So, nun du!“ Christine strich mit dem Bogen über die A-Saite ihres Cellos, ganz sanft machte sie das. Dann prüfte sie die anderen Saiten, stimmte ein wenig nach, indem sie vorsichtig an den Wirbeln drehte, schließlich nickte sie zufrieden.
„Wunderbar!“, rief Herr Koch, er stellte sich wieder hinter seinem Dirigentenpult auf.
„Fangen wir an!“, sagte er. „Eine Tonleiter in F-Dur bitte!“
„Häh?“, rief Niels, der eine Triangel in der Hand hielt.
„Du natürlich nicht, Niels!“ Herr Koch raufte sich die Haare, das hatte er sich einfacher vorgestellt.
Es dauerte eine ganze Schulstunde, bis endlich jeder begriffen hatte, was eine F-Dur-Tonleiter ist und wie man die spielen musste. Eine weitere Stunde brauchten sie dafür, das erste Weihnachtslied miteinander zu spielen, so, dass es jeder erkennen konnte.
Wenn Herr Koch gewusst hätte, dass es schlimmer kommen sollte, hätte er wohl schon nach diesen zwei Stunden aufgegeben, aber noch hatte er die Hoffnung, dass sie alle gemeinsam das schon schaffen würden mit der nötigen Ruhe und Geduld.

„Was für ein Chaos! Ich finde diesen Blödsinn sehr ermüdend!“, sagte das Cello, als die Instrumente in der Pause allein in der Aula waren.
„Ganz meine Meinung!“, krächzte die Bratsche, auf der niemand spielen wollte. Es gab aber auch keinen Schüler, der das gekonnt hätte. Schon aus diesem Grund war die Bratsche mächtig verstimmt.
„Wir sind quietschfidel!“, jubilierten die Blockflöten, die sich einbildeten die schönsten Instrumente überhaupt zu sein.
„Liebe Freunde, ich möchte euch folgenden Vorschlag machen, damit wir alle doch noch unseren Spaß haben“, sagte das Cello geheimnisvoll. Es wurde ruhig im Saal, alle waren gespannt darauf, was das Cello zu sagen hatte.
„Wenn die Pause gleich vorbei ist und der Lehrer wieder Anweisungen gibt, dann spielen wir einfach alle zusammen das schöne Weihnachtslied ‚Alle Jahre wieder‘, in F-Dur, versteht sich. Wir achten gar nicht darauf, was die Kinder tun, sondern setzen uns durch! Was meint ihr?“ Gespannt schaute das Cello seine Freunde an.
„Das wird ein Spaß!“, jubelte eine der Geigen. „Ich kann es kaum noch erwarten!“
„Ja, ja, ich will aber auch mitspielen“, trommelte das Schlagzeug, das ganz hinten in einer dunklen Ecke stand. Zum Weihnachtskonzert hatte man es nicht dazu gebeten. Unverschämtheit!

Dann ertönte der Schulgong, die Pause war vorbei. Als wäre nichts gewesen, warteten die Instrumente still an ihrem Platz. Die Schüler stürmten in die Aula und nahmen ihre Plätze ein, auch Herr Koch kam aus dem Lehrerzimmer zurück.
Er klopfte mal wieder auf sein Dirigentenpult.
„So, wir spielen nun das Lied ‚Lasst uns froh und munter sein‘. Konzentriert euch, ich will keinen schiefen Ton hören!“, verkündete er und hob die Arme, zählte bis vier und gab den Einsatz.
Es ertönte ‚Alle Jahre wieder‘ und das klang so schön, dass Herr Koch vergaß, dass er ein ganz anderes Lied gewünscht hatte. Der Lehrer strahlte, wunderte sich aber über den leichten Rhythmus, der vom Schlagzeug kam. Irgendwie ging doch alles nicht mit rechten Dingen zu, oder?
Es war ihm egal – so schön klang das und das Orchester spielte immer weiter, längst waren drei Strophen gespielt, aber es ging weiter und weiter, mal jubilierten die Flöten im Vordergrund und dann wieder die Geigen und das Cello trug die Melodie sanft und sicher, in der sechsundzwanzigsten Strophe erklang sogar ein Schlagzeugsolo, wer immer das auch gespielt hatte, der verstand sein Fach.

Wieder ertönte der Schulgong, der das Ende der Stunde ankündigte – oder war es der Wecker von Herrn Koch und er hatte das alles nur geträumt? Keine Ahnung!

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Der Zauberer Theodosius

2012-12-02 14.07.23
Der Zauberer Theodosius

„Ich bin ein Zauberer!“, rief der Weihnachtsmanngehilfe Theodosius und sprang einen halben Meter in die Höhe. „Ein großer Zauberer bin ich, jaja!“
Die anderen Gehilfen kicherten.
„Jetzt fängt er wieder mit diesem Blödsinn an!“, schimpfte Ambrosia, die das schon aus den vergangenen Jahren kannte. „Gleich zaubert er Weihnachtsgebäck und wir dürfen die Sache dann wieder ausbaden, weil wir, wie immer, in Verzug geraten werden!“
„Nun lass ihn doch, vielleicht hat er das Zaubern ja gelernt mittlerweile und wenn das so wäre, dann würde er uns jede Menge Arbeit ersparen“, meinte Klarina, die ein bisschen verliebt in Theodosius war.
Dankbar schaute Theodosius zu ihr hin und lächelte sie strahlend an und Klarina war hin und weg.
„Ihr nun wieder!“ Das war Ambrosia, die kopfschüttelnd die Backstube verließ. Sicher wollte sie wieder beim Weihnachtsmann petzen.
„Dann lass doch mal sehen!“, schlug Klarina vor und klopfte Theodosius aufmunternd auf die Schulter. „Was zauberst du uns zuerst?“
„Ja, ja!“, riefen auch die anderen. „Zeig, was du kannst!“
„Okay, dann mal los!“, sagte Theodosius. „Man stelle fünf Schüsseln auf den Tisch, alle müssen die gleiche Größe haben!“, ordnete er an.
Sogleich stellten die neugierigen Gehilfen fünf Schüsseln bereit. Dann sahen sie Theodosius erwartungsvoll an.
Der murmelte ein paar unverständliche Worte, hielt die Hände über jede Schüssel und wartete.
Dann rief er: „Okay, nun brauche ich eine riesige Schüssel, viel größer als die fünf anderen!“
Klarina holte eine große Schüssel aus dem Regal und stellte sie zu den anderen.
„Danke, du Liebe!“, schmeichelte Theodosius. „Nun werden die kleinen Schüsseln befüllt, in eine kommt viel Butter, in die nächste viel Zucker, in die nächste doppelt so viel Mehl, in die vierte gemahlene Mandeln und in die fünfte eine Prise Salz, ein wenig Vanillemark, etwas Zimt und Kardamom!“, ordnete er an.
„Der schmiert uns doch an!“, flüsterte Bella, eine der Kleinsten.
„Pst!“, machte Klarina und legte den Zeigefinger auf die Lippen. „Stör ihn nicht!“
Als alle Zutaten verteilt waren, die Gehilfen hatten sich echt beeilt, murmelte Theodosius ein paar Worte in die leere Riesenschüssel, hob die Hände, schloss die Augen und rief dann:
„Vereinigt euch, ihr leckeren Dinge, dass euer Geschmack uns Freude bringe!“
Dann wurde es ganz still, man hätte eine Stecknadel fallen hören können, so still wurde es. Aber – es geschah nichts.
„Und jetzt?“, fragte Klarina in die Stille hinein.
Theodosius kratzte sich am Kopf. „Mmh, da muss ich wohl eine wichtige Zutat vergessen haben!“, murmelte er und ging die Zutatenliste im Kopf noch einmal durch.
„Ich hab’s, alles muss nun in die große Schüssel!“, rief er.
„Klar, das hätte ich dir auch sagen können!“ Klarina schüttelte den Kopf. Wollte er sie etwa für dumm verkaufen? So viel Frechheit hatte sie ihm nun doch nicht zugetraut und ein Fünkchen Hoffnung, dass der Zauber noch käme, wenn erst alle Zutaten in der Riesenschüssel wären, blieb noch. Also füllte sie alles, Butter, Zucker, Mehl, Mandeln und Gewürze in die Riesenschüssel und wartete.
Und sie wartete und wartete, nichts tat sich. Wie auch?
Klarina fing an, den Teig zu kneten, dann formte sie kleine Kugeln und die anderen Gehilfen gingen ihr zur Hand. Sie rollten den Teig aus, stachen Sterne aus und legten die Teigstücke auf die großen Backbleche. Der Ofen wurde angeheizt und nach und nach wurden die Bleche in den heißen Ofen geschoben. Ein köstlicher Duft breitete sich aus, der weit bis über die Backstube hinaus zu riechen war.
Während alle zusammen mit dem Verzieren der Plätzchensterne beschäftigt waren, kam auch Theodosius zurück.
„Es hat funktioniert!“, rief er begeistert aus. „Plätzchen backen, ohne einen Finger zu bewegen! Ich bin ein großer Zauberer!“

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Das Weihnachtsglöckchen

Das Weihnachtsglöckchen

Das Weihnachtsglöckchen

Jedes Jahr im Dezember fällt unsere wöchentliche Strickrunde aus. Wir drei, Moni, Kathrin und ich treffen uns dann zur gewohnten Zeit am Mittwochnachmittag und trennen uns gleich wieder, da jede von uns einen Besuch bei einem alleinstehenden Menschen macht.
Ich besuche Herrn Winkler nun schon zum dritten Mal im diesem Advent. Ich habe ihn erst in diesem Jahr kennen gelernt, doch wir sind schon sehr vertraut miteinander. Beim ersten Besuch war er noch ein wenig misstrauisch. Dann hat er aber gemerkt, dass ich ihn wirklich nur besuchen möchte, um ihm eine Freude zu machen.
„Es ist schön, dass sie einen einsamen alten Mann besuchen. Ich habe mich schon so auf heute gefreut!“, sagt er, als er mir die Tür öffnet.
„Guten Tag, Herr Winkler, ich freue mich auch, Sie wohlauf zu sehen. Alles in Ordnung soweit?“, begrüße ich ihn und folge ihm in seine Stube.
„Ich bin zufrieden und es nützt ja auch nichts, sich zu beklagen. Davon wird es nicht besser.“
Herr Winkler lässt sich in seinen Sessel fallen und deutet mit der Hand auf den zweiten Sessel. „Nehmen Sie Platz!“
Ich stelle meinen Korb auf den Tisch und packe aus. Kaffee habe ich mitgebracht und Weihnachtsplätzchen, die ich mit den Enkelkindern gebacken habe. Wir haben eine Extraportion für Herrn Winkler in eine große, bunte Dose gepackt.
„Darf ich mir zwei Tassen und Teller aus der Küche holen?“, frage ich. „Ich habe uns Kaffee mitgebracht und was Leckeres zum Naschen.“
„Nehmen Sie das gute Porzellan. Es steht dort im Wohnzimmerschrank. Allerdings habe ich es nicht mehr benutzt, seit meine Frau verstorben ist. Vielleicht ist es verstaubt.“
In den Augen des alten Mannes schimmern Tränen. Sicher vermisst er seine Frau sehr, es ist nicht leicht, allein zu sein. Ich schlucke, um nicht mitzuweinen, öffne den Schrank und finde ein wunderbares Kaffeeservice, feines weißes Porzellan mit Goldrand. Vorsichtig trage ich zwei Gedecke in die Küche und spüle sie mit heißem Wasser ab. Die Küche ist in die Jahre gekommen, aber blitzsauber.
Zwischen den beiden Sesseln steht ein runder Tisch, auf dem ich eine Weihnachtsdecke ausbreite und für uns eindecke. Aus meinem Korb zaubere ich noch eine Kerze und etwas Tannengrün.
„Die Plätzchen sehen lecker aus, sind aber viel zu schade zum Naschen. Hier, diese herrlichen Bäumchen und Glocken, bezaubernd!“, lobt Herr Winkler die Kreationen meiner Enkelkinder.
„Tina und Tim haben sie gebacken und ich soll Ihnen auch einen schönen Gruß ausrichten. Die beiden würden Sie gern mal kennenlernen. Darf ich sie beim nächsten Besuch mitbringen?“
„Damit machen Sie mir eine große Freude! Kommen Sie denn nächste Woche noch einmal zu mir? Es ist ja der Tag vor Heiligabend, da haben Sie doch sicher viel zu tun!“, fragt Herr Winkler besorgt.
„Aber sicher komme ich. Wissen Sie, seit ich nicht mehr arbeite und die Kinder aus dem Haus sind, habe ich jede Menge Zeit und ich bin froh, dass ich Ihnen eine Freude machen kann.“
„Das ist nicht selbstverständlich, ich weiß das zu schätzen. Meine Kinder wohnen so weit von hier, die können nicht oft kommen, aber zu Weihnachten werden sie hier bei mir sein. Ich hoffe, dass nicht wieder etwas dazwischen kommt. Im letzten Jahr hatten wir ja Schnee und Eis und sie sind lieber zu Hause geblieben. Das habe ich verstanden, aber traurig war ich doch. Es ist nicht schön, zu Weihnachten allein zu sein.“
Wir verbringen zwei schöne Stunden miteinander, plaudern über alte Zeiten und erzählen uns gegenseitig, wie das Weihnachtsfest in unserer Kindheit war. Besonders gerührt hat mich, als Herr Winter aufstand und ein kleines silbernes Glöckchen aus dem Schrank holte.
„Das ist die Glocke, die in meiner Kindheit am Weihnachtsbaum hing. Das Wohnzimmer war in den Tagen vor dem Fest immer abgeschlossen und am Heiligen Abend durfte ich erst das Zimmer betreten, wenn das Glöckchen gebimmelt hatte. Ganz still musste ich sein, um das feine Läuten hören zu können. ‚Jetzt verlässt das Chriskind die Stube’, sagte meine Mutter dann und schloss die Türe auf.“
„Wie schön ist das! Haben Sie das Christkind jemals gesehen?“, frage ich verschmitzt.
„Gesehen habe ich es nicht – aber gespürt, mein ganzes Leben lang!“

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Wie die vier Kerzen zu ihrem Namen kamen

Wie die vier Kerzen zu ihrem Namen kamen

Wie die vier Kerzen zu ihren Namen kamen

„Die haben mich vergessen!“, schimpfte die vierte Kerze auf dem Adventskranz.
„Ach was, du kommst schon noch dran!“, meinten die anderen einstimmig.
„Aber es ist doch schon dunkel und wenn ich das richtig sehe, ist kein Mensch zu Hause“, sagte nun wieder die Nummer Vier.
„Wir sind denen gar nicht wichtig, sie haben uns nicht einmal einen Namen gegeben!“, sagte die Nummer Drei traurig. „Menschen geben denen, die sie lieben einen Namen. Denk mal an den Hund!“
„Du hast recht. Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, aber es stimmt. Wir sind einfach nur Nummern. Oh je, ist das traurig!“ Das war die zweite Kerze.
„Wir sind eben nur Kerzen!“, flüsterte die Nummer Eins, die immer ein wenig leiser war als die anderen. Dabei hatte sie doch das Glück gehabt, als allererste von ihnen entzündet zu werden. Sie wusste aber, dass das ein Zufall war, es hätte ebenso gut eine von den anderen sein können.
Die vier Kerzen schwiegen, jede für sich war in Gedanken versunken. Im Haus war es mucksmäuschenstill, nur das Ticken der großen Wanduhr war zu hören.
Plötzlich wurde die Tür zum Wohnzimmer geöffnet und jemand schaltete das Licht ein.
„Jetzt ist es endlich soweit!“, dachte die vierte Kerze und wagte kaum zu atmen vor lauter Aufregung. Tatsächlich, da kam Tina, die hier wohnte und setzte sich aufs Sofa.
„Schatz!“, rief sie und noch einmal: „Schahatz!“
„Was ist denn, Tina?“, rief Alex, Tinas Liebster.
„Heute ist der vierte Advent, wir wollen noch die Kerzen anzünden und ein Weihnachtslied singen!“, rief Tina.
„Boah, du bist so altmodisch! Muss das denn unbedingt jetzt sein, ich habe solchen Hunger!“, maulte Alex. Da er aber seine Tina liebte, machte er sich auf den Weg ins Wohnzimmer.
„Ich bin übrigens nicht altmodisch, man nennt das romantisch, mein Lieber und ein wenig Romantik stände dir auch ganz gut zu Gesicht!“, meinte Tina und hielt Alex die Streichhölzer hin. „Mach du!“, ordnete sie an.
Gerade wollte Alex die vierte Kerze anzünden, deren Docht noch ganz unbenutzt war, als Tina rief: „So nicht, es muss in der richtigen Reihenfolge angezündet werden, die vierte ist die letzte Kerze, fang mit der Nummer Eins an!“, schimpfte sie.
„Demnächst werden wir den Kerzen noch Namen geben und ihnen später einen Gutenachtkuss geben!“, witzelte Alex.
„Blödmann!“, schimpfte Tina und schob schmollend die Unterlippe vor.
„Das ist aber kein schöner Name, lass dir was besseres einfallen!“, konterte Alex und brachte Tina damit wieder zu lachen.
„Okay, die erste heißt Chris – nun bist du dran, mein Lieber!“
Alex zündete die erste Kerze an. „Ich taufe dich auf den Namen Chris!“, sagte er feierlich. Dann hielt er das Streichholz an die zweite Kerze. „Und du heißt … Aua!“ Alex hatte sich den Finger verbrannt, das tat ganz schön weh.
„Aua kann sie aber nicht heißen“, meinte Tina, nachdem sie Alex einen Kuss auf den schmerzenden Finger gegeben hatte. „Ich schlage vor, sie heißt Aurelia, okay?“
Zu Chris und Aurelia kamen dann noch Luke und Mara dazu.
Die Kerzen waren glücklich und strahlten heller als je zuvor. „Sie haben uns Namen gegeben“, flüsterte Mara. „Das heißt, dass sie uns lieben!“
„Ja!“, flüsterten Chris, Aurelia und Luke.
Tina kuschelte sich an ihren Alex und schaute glücklich ins funkelnde Licht der Adventskerzen.

© Regina Meier zu Verl

Hier lese ich die Geschichte vor

Der Beginn der Weihnachtszeit

Ein Fremder schlurfte über den Marktplatz. Am Brunnen blieb er stehen und blickte über den Platz. Er lächelte, dann zog er einen verschlissenen Geigenkasten aus seinem Rucksack, stellte ihn auf den Brunnenrand, entnahm ihm die Geige und hob sie ans Kinn. Zaghaft strich er mit dem Bogen über die Saiten, stimmte sie ein wenig ein und begann zu spielen.
Für einen Augenblick verharrte das Leben im Ort in Stille, so zauberschön klang die Melodie. Schön und fremdartig und doch seltsam vertraut. Ein Lied, das glauben ließ, man sei Zuhause, geborgen und im Reinen mit sich selbst.
Der Trubel im Kaufhaus nebenan verstummte, die Menschen blieben stehen, spitzten die Ohren und gingen zu dem Fremden am Brunnen hinüber. Auch in den Wohnungen wurden Radios und Fernseher ausgeschaltet. Man öffnete die Fenster und lauschte gebannt der Musik. Ruhig war es ringsum geworden. Lediglich das Quietschen eines Einkaufswagens, in dem die alte Hanni ihr Hab und Gut verwahrte, unterbrach die Stille.
Wer war der alte Mann mit dem gebräunten Gesicht, das von einem langen weißen Bart umrahmt war. Ein Magier? Er spielte und spielte und die Menschen lauschten wie gebannt. Schön war es, unwirklich, ein bisschen unheimlich fast. So etwas hatte man noch nie erlebt. Es herrschte eine Stimmung, in der man beinahe das Atmen vergessen konnte.
Selbst Hanni, die sich nur schwer beeindrucken ließ, hatte nun angehalten. Ein wenig abseits von den anderen blieb sie stehen und faltete andächtig die Hände. In ihren Augen blitzten Tränen, die dann über ihr schmutziges Gesicht kullerten. Niemand beachtete sie, alle Augen waren auf den Alten gerichtet, der seiner Geige immer wieder neue Melodien entlockte.
In diesem Augenblick blitzten an der Tanne neben dem Kaufhaus die Lichter auf. Sie tauchten den kleinen Platz in ein warmes, funkelndes Licht, das in den Herzen der Menschen eine stille Freude auf die Weihnachtszeit erweckte.
Das Geigenspiel brach ab. Die Menschen applaudierten, einige zückten ihre Geldbörsen und warfen ein paar Münzen in den Geigenkasten.
Der Alte verbeugte sich zum Dank. Dann nahm er die Münzen, packte sein Instrument sorgfältig wieder ein und schnallte sich den Geigenkasten auf den Rücken. Leise, wie er gekommen war, ging er wieder. Doch zuvor hielt er bei der alten Hanni an, drückte ihr die Münzen in die Hand und sagte: „Frohe Weihnachten!“

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl

Das scheint nur so

Das scheint nur so

Das scheint nur so

eine Engelgeschichte, ganz ohne Flügel und Rauschgoldhaar

Willi war gerade mal zehn Jahre alt, als es zum ersten Mal passierte. Er maß dem keine Bedeutung bei, erst viel später erinnerte er sich daran.
Auf dem Schulhof war die kleine Grete heftig gestürzt. Ihr Knie blutete und sie weinte jämmerlich. Um sie herum stand eine Traube von Kindern. Keines wusste, was zu tun war und der Lehrer Zimmermann war gerade mit einer Rangelei der älteren Jungen beschäftigt. Willi, der Grete kannte, weil sie in seiner Nachbarschaft wohnte, trat zu ihr und beruhigte sie mit leisen Worten.
„Ist nicht so schlimm, komm, leg deine Hände um meinen Hals, dann trage ich dich zum Sekretariat. Dort wird man dein Knie versorgen.“
Grete legte die Hände auf Willis Schulter und ließ sich von ihm tragen, die anderen Kinder traten einen Schritt zurück und ließen die beiden durch. Die nette Schulsekretärin säuberte die Wunde und legte einen Verband an. Grete weinte, aber Willi wich nicht von ihrer Seite. Das tat gut!
„Danke, Willi, du bist ein Engel!“, flüsterte Grete in sein Ohr, als sie später gemeinsam zum Klassenraum gingen.
„Das scheint nur so!“, sagte Willi beschämt, aber er freute sich auch, denn Engel sind ja etwas Schönes und für Grete wollte er gern ein Engel sein und sie beschützen, wenn es nötig war.

Ein anderes Mal hatte sich die Nachbarin aus ihrer Wohnung ausgesperrt. Da stand sie mit ihrem Baby vor der Tür und wusste nicht, was sie machen sollte. Ein Handy hatte sie nicht, das gab es damals noch nicht und weit und breit war kein Mensch zu sehen, der ihr hätte helfen können. Willi kam gerade vom Fußball zurück, es war kalt und er freute sich auf ein heißes Bad, als er die Nachbarin entdeckte, die verzweifelt ausschaute und deren Baby jämmerlich weinte.
„Was ist passiert?“, rief er ihr zu und wechselte die Straßenseite, um ihr näher zu sein.
„Ich habe mich ausgesperrt und nun weiß ich nicht, was ich machen soll. Das Baby hat Hunger und mein Mann kommt erst am Abend heim. Sowas Dummes aber auch!“ Die Frau weinte nun auch, nicht so laut wie das Kind, aber doch mit dicken Tränen.
Willi lud die Frau ein, mit zu ihm zu kommen. „Meine Eltern sind zwar nicht zu Hause, aber das geht schon in Ordnung, wir kennen uns doch!“, sagte er. „Vielleicht können Sie ihren Mann anrufen!“, schlug er vor und schloss die Haustür auf.
„Danke, Willi!“, sagte die Frau, als sie kurze Zeit später in der warmen Stube von Willis Eltern saß und ihr Baby stillte. Willi war etwas verlegen, aber was sein musste, musste sein.
Als die Nachbarin nach einer Stunde von ihrem Mann abgeholt wurde, sagte sie: „Willi, du bist ein Engel!“ Verlegen antwortete er: „Das scheint nur so!“

So zogen sich kleine Hilfestellungen für anderen durch Willis Leben. Er heiratete, wurde Vater und engagierte sich in Kindergarten und Schule und immer wieder gab es Ereignisse, nach denen andere zu ihm sagten: „Willi, du bist ein Engel“ und stets antwortete er: „Das scheint nur so!“

Einmal saß er in der Kirche und hörte aufmerksam den Worten des Pastors zu, der sagte: „Engel sind mitten unter uns. Man erkennt sie nicht an ihren rauschenden Goldhaaren oder weißen Gewändern. An ihren Handlungen kann man sie wahrnehmen und ihre Anwesenheit spüren. Sie sind an unserer Seite und beschützen und helfen uns.“
Willi wurde verlegen, als seine Frau seine Hand nahm und fast unmerklich nickte, so als wollte sie sagen: „Willi, du bist mein Engel!“ Willi lächelte und zum ersten Mal fühlte er keinen Widerspruch in sich. Gern wollte er ihr Schutzengel sein und er war es immer für sie und viele andere gewesen. Daran sollte sich nichts ändern.
Und das tat es auch nicht und so, wie wir alle eines Tages gehen müssen, musste auch Willi im hohen Alter diese Welt verlassen. Als er die Himmelspforte erreichte und Petrus zu ihm sagte:
„Willi, du bist ein Engel!“, widersprach er nicht. „Ja, das bin ich!“, antwortete er und macht sich auf, im Himmel nach seinen Angehörigen zu suchen, die ihm vorausgegangen waren.

© Regina Meier zu Verl
Hier lese ich euch die Geschichte vor.

Von Adventskränzen, Angeln und Stricklieseln

Von Adventskränzen, Angeln und Stricklieseln

Von Adventskränzen, Angeln und Stricklieseln

Auf dem Wochenmarkt hatte Marie einen schlichten Tannenkranz gekauft, den sie gemeinsam mit ihrem Mann schmücken wollte.
„Adventsschmuck müsste ich noch reichlich im Keller finden“, murmelte sie vor sich hin. „Aber Kerzen brauche ich, vier Stück!“
Sie überlegte. Hatte sie nicht noch Kerzen vom letzten Jahr? Sie konnte sich noch gut daran erinnern, dass sie damals eine große Packung gekauft hatte, die gerade im Sonderangebot waren. Nur wo hatte sie diese aufgehoben.
Ein Auto fuhr in die Einfahrt. Das war Albert, ihr Mann, Marie erkannte es daran, dass er noch einmal tüchtig Gas gab, bevor er den Schlüssel im Zündschloss drehte, um den Motor abzuschalten. Wie oft hatte Marie ihm schon gesagt, dass es großer Blödsinn ist, doch Albert bestand darauf, er behauptete sogar, dass das gut für den Motor ist. Marie hatte es aufgegeben, ärgerte sich aber jedes Mal ein wenig darüber.
„Du nun wieder mit deinen Sonderangeboten“, sagte Albert als Marie ihn nach den Kerzen fragte. Marie kaufte nämlich ständig Sonderangebote. Im Kellerregal lagen diverse Schnäppchen herum, etwa zehn Stück Seife, oder zwanzig Mikrofaserspülschwämme und vieles mehr.
Aber wegen der vier Kerzen jetzt den Keller durchsuchen, dazu war er doch zu bequem.
„Kauf doch einfach neue Kerzen“, schlug er vor.
„Kommt gar nicht in Frage, warum wohl kaufe ich immer billig ein und nutze jedes Angebot? Weil ich sparen möchte! Außerdem ist heute Samstag und der Keller müsste schon längst mal aufgeräumt werden.“
Missmutig dachte Albert, als er die Stufen hinunter ging:
„Billig einkaufen, ha, das meiste davon landet doch im Keller und wird nie mehr gebraucht.“
Aber als guter Ehemann wusste er, wann er den Mund zu halten hatte.
Als Albert nach mehr als einer Stunde immer noch nicht aus dem Keller aufgetaucht war, machte Marie sich Sorgen. Sie rief von der Kellertreppe aus nach ihm, bekam aber keine Antwort. Schließlich stieg sie die Stufen hinab, um nach Albert zu schauen.
Sie schlug entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen.
Der Keller war ein einziges Chaos und mittendrin ihr Mann, der sie jetzt strahlend anlachte.
„Sieh mal, was ich gefunden habe?“
Er hob eine alte Angel hoch.
„Deine Angel! Was willst du jetzt damit? Eisfischen gehen? Du solltest den Keller aufräumen und nebenbei nach den Kerzen suchen, stattdessen sitzt du hier und …“
Marie seufzte und bückte sich.
„Guck mal!“, rief sie und die Begeisterung in diesem Aufschrei war deutlich zu hören.
„Da ist ja meine alte Strickliesel!“ Marie wühlte in einer Kiste und zog ein Knäuel Wolle hervor.
„Das wird Spaß machen!“, murmelte sie und schob mit Strickliesel und Wolle ab, ohne sich weiter um Albert zu kümmern.
„Und was ist nun mit den Kerzen?“, rief der. „Willst du welche klöppeln?“
„Wir kaufen neue!“, antwortete Marie lachend. „Ich habe jetzt gar keine Zeit zum Suchen!“

© Regina Meier zu Verl 2020
Hier lese ich die Geschichte vor

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Jeder ist schön auf seine Art

Jeder ist schön auf seine Art

Jeder ist schön auf seine Art

„Rot!“, sagte die kleine Kerze. „Rot ist die schönste aller Farben. So gern wäre ich rot, aber ich bin nur einfach weiß. Das ist doch keine Farbe, ich bin so traurig!“, jammerte sie.
„Du bist eine schöne weiße Kerze, die niedlichste, die ich je gesehen habe. Ich weiß gar nicht, warum du so jammerst. Weiß ich doch schön.“, meinte die dicke Kerze, die größer war als alle anderen in dem kleinen Laden. Auch sie war weiß und war dazu bestimmt, eine Altarkerze zu sein. Irgendwann würde sie in einer Kirche auf dem Altar stehen. Darauf freute sie sich schon sehr.
Die Honigkerzen kicherten. „Wir sind die schönsten Kerzen, weil wir so herrlich duften!“, sagte eine von ihnen und die anderen stimmten ihr zu. „Ja, ja, wir durften herrlich. Gerade gestern noch hat eine Dame an uns geschnuppert und genau das gesagt!“
„Streitet nicht!“, rief eine Glitzerkerze, die im Licht funkelte. „So schön wie ich es bin ist keine von euch!“, fügte sie noch hochnäsig hinzu. „Glitzer ist voll in Mode!“
„Leute, genießt euer Leben. Seid einfach froh, dass ihr da seid. Eines Tages zündet man uns an und dann sind unsere Tage gezählt. Wir brennen ein paar Stunden oder Tage und dann bleibt von uns nichts mehr als ein kläglicher Wachsrest. Ja, so ist das!“ Die Stimme kam aus dem Karton mit den Teelichtern.
Plötzlich klingelte die Türglocke des kleinen Ladens. Kunden betraten das Geschäft und auch die Besitzerin, Frau Klein, kam aus ihrem Büro.
„Guten Tag, die Herrschaften!“, sagte sie. „Kann ich helfen?“
„Wir möchten eine Kerze kaufen“, sagte eine feine Dame, die ein Mädchen an der Hand hatte.
„Schauen Sie sich gern um“, sagte Frau Klein freundlich und führte die Kunden zum Kerzenregal. „Hier sind unsere Kerzen!“
Die Kerzen verhielten sich mucksmäuschenstill. Keine von ihnen wollte gekauft werden, denn, wie hatte das Teelicht gesagt? Dann sind unsere Tage gezählt!
Die Kundin nahm eine von den Honigkerzen und schnupperte daran.
„Oh, wie wunderbar sie duften!“, rief sie aus und hielt ihrer Tochter die Kerze unter die Nase. „Riech mal!“
Das Kind roch kurz daran und verzog das Gesicht.
„Gefällt mir nicht!“, sagte es und griff nach der Glitzerkerze. „Die ist schön!“, rief es aus. „Die möchte ich haben.“
Die Mutter wollte ihrer Tochter die Kerze abnehmen, doch das wollte das Kind nicht. Es gab ein kurzes Gerangel, wodurch die Glitzerkerze zu Boden fiel. Rumms!
Frau Klein bückte sich und hob die Kerze, die nun eine dicke Macke bekommen hatte, auf. „Oh!“, sagte sie.
„Mir gefällt sie sowieso nicht!“, sagte die Kundin, statt sich zu entschuldigen. „Guck mal Liebling, die kleine weiße Kerze ist doch schön. Die nehmen wir!“
„Die ist unverkäuflich!“, rief Frau Klein schnell. „Und die dicke weiße Kerze kommt demnächst auf den Altar und die Honigkerzen sind schon alle reserviert. Die Glitzerkerze ist nun beschädigt, die kann ich auch nicht mehr verkaufen. Ich kann also nichts weiter für Sie tun!“
„Komm!“, sagte die Frau und zog ihre Tochter am Arm. „Wir gehen!“
„Gott sei Dank“, flüsterte Frau Klein, aber nur ganz leise. Dann stellte sie die Glitzerkerze liebevoll auf ihren Platz zurück. „Du bist noch immer schön!“, sagte sie zu ihr und an die anderen gewandt: „Und ihr auch, eine jede auf ihre Weise!“
Fortan stritten die Kerzen nicht mehr und sie freuten sich über jeden Tag, den sie in Frau Kleins kleinem Laden verbringen durften und wenn sie jemals jemand anzünden würde, dann sollte es ein Mensch sein, der sie wertschätzte, so wie Frau Klein das tat.

© Regina Meier zu Verl
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