Oma Betty sucht den Frühling

Oma Betty sucht den Frühling

„Ich müsste dringend die Fenster putzen“, seufzt Oma Betty. „Geht aber leider nicht!“
„Warum nicht?“, will ich wissen. Es ist doch ganz einfach, die Scheiben zu säubern, habe ich doch auch schon gemacht.
„Der Lappen würde am Glas festfrieren, es ist viel zu kalt!“, erklärt Oma. So richtig unglücklich scheint sie darüber nicht zu sein.
„Ach so!“, sage ich und freue mich insgeheim, denn wenn sie keine Fenster putzt, hat sie mehr Zeit für mich.
„Komm!“, sagt Oma entschlossen. „Wir ziehen uns warm an und machen einen Spaziergang!“
„Das geht leider nicht!“, behaupte ich, ahne aber, dass ich damit nicht durchkommen werde. Ich kenne diesen Blick von Oma zu gut.
„Warum nicht?“, fragt sie auch schon.
„Meine … meine Füße würden auf dem Weg festfrieren!“, versuche ich ihr zu erklären. Oma lacht.
„Dann müssen wir die Füße schön in Bewegung halten, damit das nicht passieren kann!“
„Tut dir denn deine Hüfte heute gar nicht weh?“, frage ich vorsichtshalber. Könnte ja sein, dass Oma das gerade vergessen hat. Wenn ich nämlich mit ihr mal irgendwo hin will, dann sagt sie oft: „Heute nicht, meine Hüfte schmerzt so, es gibt anderes Wetter!“
„Nö, es geht mir ganz gut. Einem Spaziergang steht nichts im Wege!“
Mir fällt nichts mehr ein, deshalb gebe ich mich geschlagen. Wir packen uns warm ein, nehmen Emmy an die Leine und dann marschieren wir los. Es hat ein wenig geschneit in der Nacht. Emmy findet das toll, sie springt wie ein junger Hund durch den Garten und ich finde es plötzlich auch ganz schön. Als wir die ersten Schneeglöckchen im Garten entdecken, ist Oma völlig aus dem Häuschen.
„Guck mal!“, ruft sie fröhlich und zückt ihr Smartphone. „Das muss ich knipsen!“
„Pass auf, dass dein Finger nicht am Display festfriert!“, rate ich ihr, weil ich gerade wieder an die Fensterscheiben denken muss.
„Recht hast du!“ Oma steckt das Handy wieder in die Manteltasche. „Man muss ja auch nicht immer knipsen, wichtig ist, dass wir mit unseren Augen wahrnehmen, dass die Natur sich schon auf den Frühling vorbereitet, nicht wahr?“, sagt sie.
„Und wenn unsere Augen frieren, dann machen wir einfach die Deckel zu, ne?“
„Genau!“, sagt Oma und dann machen wir uns auf, auch außerhalb des Gartens nach dem Frühling zu suchen. Ja, so ist das mit Oma Betty und mir.

© Regina Meier zu Verl

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Ein Tag am Fenster

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Ein Tag am Fenster

Wie durch ein Wunder war in der Nacht ein Meisenknödelbaum in Opas Garten gewachsen. Besser gesagt: der Baum war schon vorher dagewesen, aber die Knödel, die waren gestern noch nicht dran.

Ich habe gestaunt und mich gefreut, denn die kleinen Piepmätze fanden nach dem langen Winter kaum noch etwas zu fressen. Oma streute ihnen zwar jeden Morgen die Krümel, die vom Frühstück übrig blieben auf die Fensterbank, aber das war einfach zu wenig. Die Tiere hatten Hunger und das hatte ich meinen Großeltern immer wieder gesagt.

„Tut doch was“, hatte ich sie gebeten und wenn ich etwas wollte, dann musste es sofort sein. Von einer Minute zur anderen praktisch. Da spielten Opa und Oma aber nicht mit.

„Immer mit der Ruhe!“ Das war einer von Opas Lieblingssätzen und manchmal machte mich das ganz schön kribbelig.

Wie gesagt, am diesem Morgen stand plötzlich ein Meisenknödelbaum im Garten. Kleine Bällchen in grünen Netzen hingen an den Zweigen. In Pflanzenfett gepresste Körner waren darin, erklärte Oma. Sie selbst habe damit allerdings nichts zu tun, dem Baum seien über Nacht einfach Knödelfrüchte gewachsen.

Den ganzen Vormittag saß ich am Fenster und wartete auf die ersten Vögel. Nichts tat sich.

„Sie trauen sich noch nicht, immer mit der Ruhe!“, sagte Opa, nachdem ich zum hundertsten Mal nachgefragt hatte, wann die Meisen denn endlich kommen würden.

Dann war es so weit, die erste Meise steuerte einen Knödel vorsichtig an, krallte sich fest und pickte an dem köstlichen Inhalt. Sie flog weg, kam nach kurzer Zeit aber zurück. Oder war es eine andere? Egal, es kamen immer mehr Vögel, Meisen und Spatzen und die dicken Drosseln saßen auf dem Boden und schimpften. Sie wollten wohl auch was, trauten sich aber nicht, den Meisenknödel anzufliegen. Also warteten sie, dass etwas zu Boden fiel.

„Ihr seid zu dick!“, rief ich ihnen zu, doch sie nahmen mich gar nicht wahr und das war auch gut so, denn ich hatte Gelegenheit, sie einmal richtig zu betrachten. Ich bewunderte die farbenprächtigen Blaumeisen. Was sie für ein schönes Gefieder hatten, einfach nur wunderbar und die Spatzen waren so herzig, winzig klein, aber frech.

Oma brachte mir einen Zeichenblock und die Buntstifte und so malte ich meine kleinen Freunde, die mir geduldig Modell saßen. Im Laufe des Tages stellte ich fest, wie viele unterschiedliche Vögel Opas Garten bewohnten. Ein Grünfink war auch dabei, „Jupp, Jupp, Jupp“, rief er, und am späten Nachmittag sah ich sogar ein Rotkehlchen. Dieses kleine Vögelchen hatte ich besonders gern, denn Oma hatte mir erzählt, dass es das Rotkehlchen gewesen war, dass den Herrn Jesus getröstet hatte, als er sterben musste.

„Es singt so schön und kann sogar andere Vogelstimmen nachahmen“, erklärte mir mein Großvater. Er kannte sich aus und konnte die Vögel am Gesang unterscheiden.

„Natürlich nur, wenn mich nicht gerade ein Rotkehlchen veräppelt und einen Grünfink imitiert!“

„Das kann ich auch: Jupp, Jupp, Jupp!“, rief ich und dann lachten wir beide so laut, dass die Piepmätze draußen verschreckt Reißaus nahmen.

© Regina Meier zu Verl

Bauchweh, oder wie doch noch alles gut wurde

Bauchweh, oder wie doch noch alles gut wurde

Im Kindergarten wird ein Karnevalsfest geplant. Alle Kinder basteln Fensterbilder und lustige Mobiles, die an der Decke aufgehängt werden. Da gibt es viele Clowns, Zauberer, Elfen, Cowboys und Indianer.
„Ich gehe als Prinzessin“, erzählt Nadja ihrer Freundin Lea, die gerade einen Zwerg aus Tonpapier ausschneidet.
„Ich weiß noch nicht, was ich anziehe“, sagt sie und legt die Schere zur Seite.
„Eigentlich mag ich mich nicht verkleiden, das ist doch blöd!“
Nadja kann das nicht verstehen, sie findet es ganz toll, dass man beim Karneval einmal jemand anders sein darf und Prinzessinnenkleider sind superklasse. Mama hat ihr sogar eine keine goldene Krone gekauft.
Lea würde sich auch gern verkleiden, aber ihre Eltern haben kein Geld. Gerade am Abend vorher hat Mama gesagt, dass kein Cent für unnütze Dinge ausgegeben werden darf. Aber das mag Lea nicht erzählen, die anderen Kinder könnten das sowieso nicht verstehen. Sie wird einfach sagen, dass sie Bauchschmerzen hat und nicht in den Kindergarten gehen kann, nimmt sie sich vor.
„Lea, du schaust ja so traurig. Was ist denn los?“, fragt Frau Werner, die Erzieherin.
„Ich habe Bauchweh“, behauptet Lea und legt die Hände auf den Bauch.
„Soll ich deine Eltern anrufen, damit sie dich abholen?“ Frau Werner macht ein besorgtes Gesicht und legt die Hand auf Leas Stirn. „Fieber hast du aber nicht, das ist schon mal gut!“
„Ich möchte nicht nach Hause, da ist auch niemand. Mama arbeitet doch und holt mich ab, wenn sie Feierabend hat.“
„Dann gehen wir ins Büro und du legst dich einen Moment auf die Liege, was meinst du?“
Lea folgt Frau Werner und legt sich auf die Krankenliege. Sie wird mit einer kuscheligen Decke zugedeckt und dann holt Frau Werner ihr eine Tasse Tee.
„Ich habe gar keine Bauchschmerzen“, sagt Lea, als Frau Werner zurückkommt. „Ich finde es nur so blöd, dass ich mich verkleiden muss!“
„Das musst du nicht, wenn du es nicht möchtest“, beruhigt die Erzieherin Lea.
„Ich möchte ja, aber es geht nicht. Mama kann mir nichts kaufen“, jetzt fängt Lea an zu weinen. Frau Werner reicht ihr ein Taschentuch.
„Das ist doch gar kein Problem, wir haben doch eine große Verkleidungskiste in der Bärengruppe. Da schauen wir zwei jetzt mal nach, ob wir ein passendes Kostüm für dich finden. Der Alex hat sich dort auch etwas ausgesucht.“
Gemeinsam gehen die beiden in die Bärengruppe und wühlen in der Klamottenkiste. Lea findet ein Engelkostüm und Frau Werner holt dazu noch richtige Flügel aus Goldpappe. Die Sachen werden im Büro untergebracht und morgen früh kann sich Lea dort umziehen.
„Danke, Frau Werner, du bist ein Engel“, schwärmt Lea und drückt der Erzieherin einen dicken Schmatz auf die Wange.
„Ich nicht, das bist du doch, meine Liebe. Du wirst wunderschön aussehen und wir verraten keinem anderen Kind etwas, okay?“
„Klar!“, ruft Lea und dann hüpft sie durch den Gang, um schnell wieder in ihre Gruppe zu kommen.

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Zauberseifenblasen

Zauberseifenblasen

Mama hatte Sophie überredet, einen Winterspaziergang mit ihr zu machen. Sophie wollte eigentlich lieber im warmen Zimmer bleiben und mit ihrem Zauberkasten spielen. Doch Mama hatte nicht lockergelassen.
„Frische Luft tut gut und draußen können wir auch zaubern! Ich werde es dir zeigen!“, hatte sie versprochen, und da Sophie neugierig war, zog sie ihre dicke Jacke an und die warmen Stiefel. Oma hatte ihr eine Mütze gestrickt, die zog Sophie über die Ohren und dann ging es los.
„Wann zaubern wir denn endlich?“, fragte Sophie ungeduldig. Sie waren gerade mal ein paar Meter gegangen.
„Warte, bis wir am See sind!“, sagte Mama und lächelte. War sie auch mal so ungeduldig gewesen als kleines Mädchen, fragte sie sich. Bestimmt war das so.
„Als ich klein war, bin ich immer mit meinem Opa spazieren gegangen!“, erzählte sie.
„Habt ihr auch gezaubert?“, wollte Sophie wissen.
„Nein, wir haben uns nur unterhalten, das heißt: eigentlich habe ich geredet und mein Opa hat zugehört!“ Mama lachte und Sophie stimmte ein. „Das kann ich mir gut vorstellen, auch wenn ich meinen Uropa nicht mehr kennengelernt habe!“
„Wieso kannst du dir das vorstellen?“, fragte Mama.
„Na, wenn wir spazieren gehen, dann redest du auch die ganze Zeit und ich sage nichts!“, meinte Sophie, korrigierte sich aber gleich: „Fast nichts!“
„Das stimmt doch gar nicht!“ Mama tat als sei sie beleidigt, ganz so, wie Sophie es immer machte, wenn ihr etwas nicht passte. Um das zu unterstreichen, stampft sie sogar einmal fest mit dem Fuß auf.
„Stimmt jawohl!“, rief Sophie und stampfte ebenfalls mit dem Fuß auf. Dann sahen sich die beiden an und lachten laut auf.
„Wir sind schon zwei Stampfer!“, lachte Mama und Sophie nickte. „Ja, das sind wir!“
Sie waren beim See angekommen. Schön sah es da aus, in den Zweigen rund um das Ufer hing noch ein wenig Schnee und die Ränder des Sees waren zugefroren.
„Ist das nicht toll hier?“, fragte Mama begeistert und zog ein Fläschchen mit Seifenblasen aus ihrer Manteltasche. „Jetzt zaubern wir!“
Sie schüttelte das Fläschchen, nahm den Pustestab heraus und blies hinein. Viele Seifenblasen schwebten durch die Luft und eine setzte sich auf einen Zweig. Was dann geschah, versetzte Sophie ins Staunen. Augenblicklich gefror die Seifenblase und sah aus wie eine richtige Glaskugel.
„Siehst du, ich kann zaubern!“, rief Mama.
„Darf ich auch mal?“, wollte Sophie wissen.
„Klar, aber pass auf, dass du die Flüssigkeit nicht verschüttest, dann ist es aus mit der Zauberei!“
Sophie pustete und schaute den Seifenblasen hinterher. Einige schwebten auf die Erde und wieder gefroren sie sofort.
„So etwas Schönes habe ich noch nie gesehen!“, schwärmte Sophie und sie konnte gar nicht genug von der Seifenblasenzauberei bekommen. Leider passierte es dann doch, dass sie in ihrer Begeisterung nicht aufpasste und den Inhalt des Fläschchens verschüttete. Wie immer eigentlich!
„Gehen wir morgen wieder hierher?“, fragte sie traurig.
„Gern, und dann nehmen wir den Fotoapparat mit, damit wir die Zauberseifenblasen knipsen können!“, versprach Mama.
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Zauberseifenblasen

Tanja Esche liest Euch hier die Geschichte vor! Lasst euch von ihrer tollen Stimme verzaubern!

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Opa und Julia schreiben ihren Jahresrückblick

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Opa und Julia schreiben ihren Jahresrückblick

„Stör Opa bitte nicht, Julia! Er braucht heute seine Ruhe!“ Mama fängt Julia auf dem Weg ins Wohnzimmer ab.
„Will ich ja gar nicht, ich möchte nur ein wenig zuschauen. Was macht er denn eigentlich?“, fragt Julia neugierig, denn Opa sitzt nun schon seit Stunden am Schreibtisch im Wohnzimmer. Manchmal schreibt er etwas auf, aber die meiste Zeit schaut er einfach vor sich hin und denkt.
„Er schreibt seinen Jahresrückblick. Du weißt doch, dass er das in jedem Jahr zwischen den Feiertagen macht und pünktlich zu Silvester schickt er den Bericht an alle Verwandten und Freunde.“
„Oh, da muss er sich aber beeilen, spätestens am 30. Dezember muss die Post ja dann im Briefkasten sein, oder?“
„Stimmt! Wir haben aber beschlossen, dass wir das in diesem Jahr per Mail machen, dann muss er es nur ein einziges Mal schreiben und erreicht doch fast alle.“
„Gute Idee!“ Julia gefällt das und sofort erwacht in ihr der Wunsch, auch so einen Rückblick zu schreiben. Wenn Mama wieder in der Küche verschwunden ist, wird sie sich zu Opa schleichen und ihn fragen, wie man das macht.
Leise öffnet sie die Tür zum Wohnzimmer. Gemütlich ist es darin, die Lichter am Weihnachtsbaum leuchten und im Kamin flackert ein lustiges Feuer.
„Hallo Opa, magst du einen Tee trinken?“, fragt Julia.
„Das ist eine gute Idee. Bringst du mir einen?“ Opa schaut erfreut auf. „Ich könnte eine kleine Pause gebrauchen und vielleicht kannst du mir sogar ein bisschen helfen!“
Das klingt spannend, gern will Julia helfen. Doch zuerst holt sie Tee aus der Küche und ein paar Kekse, die könnten beim Denken behilflich sein, findet Julia.
„Danke, mein Kind. Dann können wir ja loslegen. Kannst du dich noch an meinen Geburtstag erinnern, Julia?“
„Klar, Opa, das war ein tolles Fest. Alle Verwandten waren da, es gab leckeres Essen und später haben wir sogar getanzt!“
„Weißt du auch noch, wie das Lied hieß, dass die Gratulanten für mich gesungen haben? Ich denke schon die ganze Zeit drüber nach und es will mir einfach nicht wieder einfallen. Ich möchte es gern als Motto für meinen Jahresrückblick nehmen.“
„Was ist das? Ein Motto?“, will Julia wissen.
Opa erklärt: „Wenn ihr in der Schule einen Aufsatz schreibt, dann bekommt ihr doch ein Thema gestellt. Ein Motto ist so was Ähnliches: ein Thema, das als Überschrift gilt und zu dem man immer irgendwie wieder hinleitet. Ein Leitgedanke sozusagen!“
„Ich verstehe, warte!“, Julia überlegt einen Moment, dann fängt sie an zu singen.
„Das Lesen ist des Peters Lust, das Lesen ist des Peters Lust, das Le-he-sen. Er liest so gern bei Tag und Nacht, das Licht wird niemals ausgemacht bevor das Buch zuende ist, zu-en-hen-de!“
Opa lacht. Ja, genau so war das und es stimmt ja auch, er ist eine Leseratte. Er liest immer, jeden Tag und jeden Abend und es macht ihm große Freude.
„Danke, Julia!“ Opa ist dankbar, nun hat er sein Motto gefunden und schon beginnt er zu schreiben.
„Opa, was schreibst du jetzt?“
„Ich schreibe über die Bücher, die ich in diesem, Jahr gelesen habe und über die Ereignisse des Jahres – eben alles, was so passiert ist. Dafür nutze ich mein Tagebuch, denn da habe ich ja schon alles aufgeschrieben. Der Jahresrückblick wird nur kürzer werden, sonst mag das ja niemand lesen, nicht wahr?“
„Ich verstehe!“ Julia steht auf und will gerade das Zimmer verlassen, als der Großvater sie zurückruft. „Wo willst du denn hin?“
„Ich hole mein Tagebuch und dann fange ich auch an zu schreiben!“
„Und wie lautet dein Motto?“, will Opa wissen.
„Mein Opa und ich und die Tagebücher“, antwortet Julia verschmitzt.
An diesem Nachmittag werden die beiden nicht mehr gesehen, sie sind in ihre Tagebücher vertieft und picken die interessantesten Ereignisse heraus, um sie mit den Freunden und der Familie zu teilen. Das macht Spaß, ungeheuren Spaß!

© Regina Meier zu Verl

Vom kleinen Glück

Vom kleinen Glück

Das kleine Glück saß auf dem Marktplatz und fror. Ach, es war so bitterkalt an diesem letzten Tag des Jahres. Worauf aber wartete das kleine Glück? Es hätte doch einfach in irgendein Haus gehen können, oder in die Kirche, die war immer geöffnet. So einfach war die Sache aber nicht. Das kleine Glück wartete darauf, dass es jemand aufhob und annahm, denn nur dann konnte es seine Kräfte entfalten.

Viele Menschen gingen an ihm vorbei. Sie nahmen es gar nicht wahr, das Glück auf dem Marktplatz. Zu sehr waren sie mit sich selbst beschäftigt. Sie schauten nicht nach rechts und nicht nach links. Sie hatten keine Zeit für einen Gruß, geschweige denn für ein Lächeln. Sie eilten von einem Kaufhaus ins andere und kamen mit prall gefüllten Taschen wieder heraus. Das kleine Glück verstand nicht, warum die Menschen so viele Sachen nach Hause schleppten. Ihre Gesichter machten einen gequälten Eindruck, von der schweren Schlepperei.
Schon vor Weihnachten hatte das kleine Glück das beobachtet und letztendlich niemanden gefunden, an den es sich verschenken konnte. Lediglich Bruno, der alte Setter, der nachts durch die Straßen streunte, hatte das Glück beschnuppert, angenommen und sich mit ihm auf die Suche nach etwas Essbarem gemacht. Und da er das Glück bei sich hatte, fand er im Hinterhof des Restaurants einen dicken Knochen.
Ein kleines Mädchen ging an der Hand seiner Mutter über den Marktplatz. Kaum konnte es den schnellen Schritten der Frau folgen. Doch die hatte es eilig. „Komm, Marie, wir wollen doch noch ein Tischfeuerwerk kaufen, für die Silvesterfeier morgen!“, sagte sie und zog Marie mit sich fort. „Wir brauchen noch Luftschlangen, Glücksschweinchen, Kleeblätter für die Tischdekoration und noch so allerhand Sachen.“
Marie war müde und sie hatte Hunger. Sie hatte auch keine Lust mehr, hinter der Mutter herzulaufen. Ihre kleinen Füße schmerzten. Wie gern hätte sie sich irgendwo hingesetzt und eine heiße Schokolade getrunken, denn kalt war ihr auch. Traurig schaute sie vor sich auf den Boden.
Plötzlich entdeckte sie ein Glitzern im Schnee. Sie wischte sich über die Augen und schaute genauer hin. Da, da war es wieder.
Das kleine Glück hatte das Kind entdeckt und es freute sich über die Aufmerksamkeit des Mädchens. Es hatte sofort das Glitzern entdeckt, an dem alle vorbeigingen und es nicht wahrnahmen. Erfreut hüpfte es in Maries Manteltasche. Das Kind hatte das bemerkt, aber es sagte kein Wort. Gut fühlte es sich an, warm und einfach nur schön.
„Marie, wir sollten eine Pause machen. Sicher ist dir kalt und du bist müde, stimmt’s? Komm, wir trinken einen heißen Kakao, da drüben beim Bäcker. Willst du?“, fragte die Mutter und verlangsamte ihre Schritte.
„Ja, klar, das wäre toll! Ich bin doch ein Glückskind!“, rief Marie begeistert.
Und das war sie auch, schließlich trug sie das kleine Glück in der Manteltasche spazieren. Das blieb noch eine Weile bei ihr, dann hüpfte es wieder hinaus und wartete auf den nächsten, den es glücklich machen konnte, wenigstens ein bisschen. Schließlich war es ja ein kleines Glück.

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Kiefernzapfen – jede Menge

Kiefernzapfen, jede Menge

Leo und Lina haben Kiefernzapfen gesammelt. Sie tun geheimnisvoll, als Mama fragt, was sie denn mit den vielen Zapfen basteln wollen.
„Das wirst du dann schon sehen!“, sagen sie und kichern. „Auf jeden Fall wird nichts gebastelt, wir helfen der Umwelt!“, behaupten sie und ziehen sich mit ihren Zapfen ins Gartenhaus zurück.
„Mama wird staunen“, freut sich Lina. „Und Papa und Oma und Opa auch.“
Leo kichert wieder. „Alle werden sie staunen. Bald.“
Lina schüttelt entschieden den Kopf.
„Von bald kann keine Rede sein. Du hast doch gehört, was Herr Norden gesagt hat, es braucht viel Geduld!“
Jetzt kommen die Jogurtbecher zum Einsatz. Tagelang haben Lina und Leo gesammelt.
„Dann erfüllen sie wenigstens noch einen Zweck!“, hatte Leo gemeint, denn zu viele Plastikbecher sind nicht gut für unsere Umwelt und Mama war dazu übergegangen, Jogurt in großen Gläsern zu kaufen, die man wiederverwenden konnte. Gut so.
Die Geschwister haben jeden Becher, den sie noch erwischen konnten, an sich genommen, denn sie haben viele Tannenzapfen gesammelt, die verarbeitet werden wollen. Wenn sie Glück hatten, dann würde aus jedem Zapfen in den Joghurtbechern ein kleines Tannenbäumchen heranwachsen. So viele Tannen!
„Ob unsere Becher da überhaupt reichen?“ Besorgt blickt Lina auf die Bechersammlung.
Die beiden Kinder füllen die Becher mit Gartenerde und legen dann jeweils einen Tannenzapfen auf die Erde. Anschließend besprühen sie jeden Zapfen mit Mamas Blumenspritze, die sie heimlich „ausgeliehen“ haben und schon bald ist ein kleines Tannenzapfenwäldchen entstanden. Jetzt kommt das Moos zum Einsatz, das sie im Garten gefunden haben und nun liebevoll auf die Erde rundum die Zapfen legen.
„Sie sollen sich doch wohlfühlen!“, meint Lina.
„Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen“, sagt Leo und Lina grinst.
„Leo, du weißt doch, dass wir viel Geduld brauchen werden, das geht nämlich nicht so ruckzuck, es braucht Zeit!“, klärt Lina ihn nochmals auf.
„ Stimmt!“ Leo nickt und klatscht voller Vorfreude in die Hände.
„Mama wird staunen. Ein tolles Geschenk wird das sein. Ein wundertolles sogar. Ich …“ Er bricht ab, blickt über den Gartentisch, der fast ganz zugestellt ist mit Bechern, in denen auf Erde Tannenzapfen thronen, und wird blass. „Wo sollen wir die denn vor Mama verstecken? Es sind ja so viele!“
Aufgeregt blickt er seine Schwester an.
„Wir erteilen ganz einfach „Gartenhausverbot“, bis Weihnachten sind es ja noch ein paar Wochen, vielleicht zeigen sich dann schon die ersten Sprösslinge.“, sagt Lina bestimmt.
„Und du meinst, dass Mama sich einfach so an das Verbot halten wird?“ Leo ist skeptisch.
„Sie muss!“, ruft Lina. „Wir machen ein Schild an die Tür und wir bitten Opa um Hilfe, der muss aufpassen, dass Mama nicht heimlich ins Häuschen geht!“
„Puh! Das wird schwer!“ Leo blickt seine Schwester zweifelnd an. „Was, wenn Mama nochmal im Garten arbeiten will?“
„Es ist Winter! Da hat Mama nichts mehr im Garten zu tun.“ Lina ist sich sicher.
Leo ist es nicht. Er denkt an die Tulpen- und Narzissenzwiebeln, die gestern in einem Paket gekommen sind und die Mama noch „in die Erde bringen will“, wie sie selbst gesagt hat.
„Dann decken wir den Tisch einfach ab mit einer großen Plane! Ich frage mal Opa, der hat immer gute Ideen!“, sagt Lina und Leo ist stolz auf seine Schwester. Meist hat sie eine Lösung, wenn ein Problem auftritt, auch wenn die Lösung immer wieder Opa heißt!
„Bei den Blumenzwiebeln können wir ja helfen!“, beschließen die Geschwister und dann machen sie sich auf zu Opa.
„Kinder! Kinder!“, sagte Opa später. „Ihr macht Sachen! Hmm! Lasst mich nachdenken.“
Er runzelt die Stirn und denkt nach. Lange. Und Lina und Leo runzeln auch die Stirn und denken auch nochmal nach.
„Wie viele Bäumchen habt ihr nochmal gepflanzt?“, fragte Opa dann. „Und wo im Garten wollt ihr sie später, nach Weihnachten, pflanzen?“
„24 sind es!“, sagt Lina stolz.
„Hinter dem Rasen in die Blumenbeete. Dort ist Platz!“ sagt Leo.
„Hm!“ macht Opa wieder. „Und wie groß werden eure Tannen einmal sein? Übrigens sind es keine Tannen, sondern Kiefern!“
„Sehr groß!“, freut sich Lina.
„Wie ein kleiner Wald!“, ruft Leo.
„Hm!“ Mehr sagt Opa nicht mehr und Lina sieht plötzlich einen großen, dichten Wald, der hinter dem Rasen hoch und dunkel aufragt. Gigantisch sieht der aus. Ein bisschen unheimlich auch. Und plötzlich gefällt ihr die Idee mit den vielen Tannen gar nicht mehr.
„Hm!“, sagt auch sie. „Ich glaube, so viele große Tannen würden Mama keine Freude machen.“
„Aber 24 kleine schon“, wirft Leo schnell ein. „Ein paar könnten wir ja auch verschenken.“
„Das ist eine gute Idee“, findet Lina. „Da es genau 24 Zapfen sind, können wir an jedem Tag im Advent eines verschenken.“
Genauso machen es die Geschwister und viele, viele Leute in der Nachbarschaft freuen sich, als es bei ihnen klingelt und die beiden Kinder mit einem Zapfenbecher vor der Tür stehen und singen:
„Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, wie treu sind deine Blätter!“

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Weihnachten steht vor der Tür

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Erwachsene sagen manchmal so Dinge vor sich hin, die leicht zu Missverständnissen führen können, so wie auch hier in der nachfolgenden Geschichte. 

Weihnachten steht vor der Tür

Hatte Mama nicht neulich gesagt, dass Weihnachten vor der Tür steht? Seither wunderte ich mich seit Tagen schon. Ich schaute nach, immer wieder, aber da stand nie jemand vor der Tür, auch Weihnachten nicht. Pah!
Die Erwachsenen sagen oft Sachen, die sie dann gar nicht so meinen. Ich finde das blöd. Wie soll ich denn unterscheiden, was wirklich so gemeint ist und was nicht? Keine Ahnung.
Ich fragte also nach:
„Mama, du hast doch gesagt, dass Weihnachten vor der Tür steht, stimmt’s?“
„Ja, das habe ich wohl gesagt“, seufzte Mama. Sie stand sofort auf und räumte ihre Teetasse zur Seite. Vorbei war es mit der Gemütlichkeit.
„Ich habe noch so viel zu tun!“, sagte sie, seufzte und verschwand in ihrem Arbeitszimmer.
Ich erschrak. Sie würde sich doch jetzt nicht vor den Computer setzen?
Rasch folgte ich ihr.
„Mama?“
„Ja, was ist denn noch?“ Ein bisschen ungeduldig sah Mama mich an.
„Vor der Tür steht aber keiner. Schon gar nicht Weihnachten. Ich habe extra nachgeschaut. Geklingelt hat es auch nicht“, sagte ich schnell.
Da lachte Mama. Und wie sie lachte. So heftig, dass sie sich wieder setzen musste und jedes Mal, wenn sie mich ansah, dann lachte sie wieder los, bis ihr die Tränen kamen.
„Was ist denn da jetzt so lustig?“, fragte ich nach.
„Du darfst nicht immer alles so wörtlich nehmen. Ich habe gemeint, dass wir jetzt Mitte November haben und es gar nicht mehr lange dauert, dann ist Weihnachten.“
„Warum sagst du das dann nicht?“
„Du hast ja Recht, ich werde mich besinnen und dir demnächst sofort erklären, was gemeint ist. Sollen wir jetzt Plätzchenteig machen?“
Natürlich wollte ich Plätzchenteig mit ihr machen und dann würde ich naschen, was das Zeug hielt.
„Ja sicher, das machen wir. Ich weiß ja jetzt, dass Weihnachten vor der Tür steht, auch wenn wir erst Mitte November haben.“

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Basti hat Langeweile*

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„Mama, mir ist so langweilig!“
Basti setzt sich an den Küchentisch und schaut seiner Mutter zu, die das Mittagessen vorbereitet.
„Spiel doch mit deinen Weihnachtsgeschenken“, schlägt Mama vor und schneidet eine Zwiebel in feine Würfel, heute soll es Bratkartoffeln geben. Das ist genau das richtige Essen nach den vielen Festtagsmenues.
„Das macht aber allein keinen Spaß“, antwortet Basti. „Kann ich mich mit Kevin verabreden?“
Die Mutter schüttelt entschieden den Kopf.
„Nein, ich möchte gern nach den Feiertagen meine Ruhe haben, es war so viel los hier in den letzten Tagen.“
„Ich könnte doch zu ihm gehen!“
„Nein, Kevins Eltern sind sicher auch froh, wenn sie ihre Ruhe haben.“
Basti zieht eine Schnute, seine Mutter weint – wegen des Zwiebelsaftes.
Da schellt das Telefon.
„Gehst du mal ran?“, bittet Mama.
„Keine Lust!“, mault Basti. Mama ist verärgert, wischt aber ihre Hände schnell in der Schürze ab und nimmt den Anruf an.
Es ist Kevins Mutter, die fragt, ob Basti nicht zu ihnen kommen will, weil Kevin so gern mit ihm spielen möchte.
„Den ganzen Morgen geht er mir schon auf die Nerven“, klagt sie und dann lachen beide Mütter herzlich.
„Na, dann schicke ich Basti mal rüber. Er wird sich freuen!“
Basti strahlt über das ganze Gesicht , manche Probleme erledigen sich von selbst, stellt er fest und drückt seiner Mama einen dicken Schmatz auf die Wange.

Was nützen denn die schönsten Weihnachtsgeschenke, wenn man sie niemandem zeigen kann?

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Vom kleinen Glück*

Vom kleinen Glück

Das kleine Glück saß auf dem Marktplatz und fror. Ach, es war so bitterkalt an diesem letzten Tag des Jahres. Worauf aber wartete das kleine Glück? Es hätte doch einfach in irgendein Haus gehen können, oder in die Kirche, die war immer geöffnet. So einfach war die Sache aber nicht. Das kleine Glück wartete darauf, dass es jemand aufhob und annahm, denn nur dann konnte es seine Kräfte entfalten.

Viele Menschen gingen an ihm vorbei. Sie nahmen es gar nicht wahr, das Glück auf dem Marktplatz. Zu sehr waren sie mit sich selbst beschäftigt. Sie schauten nicht nach rechts und nicht nach links. Sie hatten keine Zeit für einen Gruß, geschweige denn für ein Lächeln. Sie eilten von einem Kaufhaus ins andere und kamen mit prall gefüllten Taschen wieder heraus. Das kleine Glück verstand nicht, warum die Menschen so viele Sachen nach Hause schleppten. Ihre Gesichter machten einen gequälten Eindruck, von der schweren Schlepperei.
Schon vor Weihnachten hatte das kleine Glück das beobachtet und letztendlich niemanden gefunden, an den es sich verschenken konnte. Lediglich Bruno, der alte Setter, der nachts durch die Straßen streunte, hatte das Glück beschnuppert, angenommen und sich mit ihm auf die Suche nach etwas Essbarem gemacht. Und da er das Glück bei sich hatte, fand er im Hinterhof des Restaurants einen dicken Knochen.
Ein kleines Mädchen ging an der Hand seiner Mutter über den Marktplatz. Kaum konnte es den schnellen Schritten der Frau folgen. Doch die hatte es eilig. „Komm, Marie, wir wollen doch noch ein Tischfeuerwerk kaufen, für die Silvesterfeier morgen!“, sagte sie und zog Marie mit sich fort. „Wir brauchen noch Luftschlangen, Glücksschweinchen, Kleeblätter für die Tischdekoration und noch so allerhand Sachen.“
Marie war müde und sie hatte Hunger. Sie hatte auch keine Lust mehr, hinter der Mutter herzulaufen. Ihre kleinen Füße schmerzten. Wie gern hätte sie sich irgendwo hingesetzt und eine heiße Schokolade getrunken, denn kalt war ihr auch. Traurig schaute sie vor sich auf den Boden.
Plötzlich entdeckte sie ein Glitzern im Schnee. Sie wischte sich über die Augen und schaute genauer hin. Da, da war es wieder.
Das kleine Glück hatte das Kind entdeckt und es freute sich über die Aufmerksamkeit des Mädchens. Es hatte sofort das Glitzern entdeckt, an dem alle vorbeigingen und es nicht wahrnahmen. Erfreut hüpfte es in Maries Manteltasche. Das Kind hatte das bemerkt, aber es sagte kein Wort. Gut fühlte es sich an, warm und einfach nur schön.
„Marie, wir sollten eine Pause machen. Sicher ist dir kalt und du bist müde, stimmt’s? Komm, wir trinken einen heißen Kakao, da drüben beim Bäcker. Willst du?“, fragte die Mutter und verlangsamte ihre Schritte.
„Ja, klar, das wäre toll! Ich bin doch ein Glückskind!“, rief Marie begeistert.
Und das war sie auch, schließlich trug sie das kleine Glück in der Manteltasche spazieren. Das blieb noch eine Weile bei ihr, dann hüpfte es wieder hinaus und wartete auf den nächsten, den es glücklich machen konnte, wenigstens ein bisschen. Schließlich war es ja ein kleines Glück.

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