Jule, Jette und das Jesuskind

IMG_20181207_124716Jule, Jette und das Jesuskind

Es ist Dezember. Im Dorf sind viele Fenster mit Lichtern geschmückt und in den Gärten gibt es schon so manchen Weihnachtsbaum, der eine Lichterkette trägt und am Abend im Glanz erstrahlt.
Jetzt fehlt eigentlich nur noch der Schnee, dann kann Weihnachten kommen. Jule und Jette sind schon aufgeregt, denn Weihnachten ist für sie das schönste Fest des Jahres. Das hat nichts mit den Geschenken zu tun, oder nur ein ganz kleines bisschen.
Jule und Jette sind Christkinder, das sagt jedenfalls die Oma. Sie sind am 24. Dezember geboren, alle beide, denn sie sind Zwillinge. Jule ist die Älteste, genau fünf Minuten vor ihrer Schwester erblickte sie das Licht der Welt und darauf ist sie besonders stolz.
„So ein Quatsch“, sagt Jette immer, „was sind schon fünf Minuten?“
Christkinder sind sie, weil der 24. Dezember der Geburtstag von Jesus Christus ist und deshalb haben die Eltern auch Namen gewählt, die mit J wie Jesus anfangen.
Die beiden Mädchen gleichen sich wie ein Haar dem anderen, nur ihre Eltern und Oma Hilde können sie sicher auseinander halten und Tante Sophie kann es nur, wenn eine von beiden anfängt zu reden.
In der kleinen Kirche ist schon ein Adventskranz aufgestellt worden. Am nächsten Sonntag wird die erste Kerze brennen und am Heiligabend stehen dann wieder zwei Weihnachtsbäume rechts und links vom Altar.
„Weißt du was, Jette, ich habe eine gute Idee“, sagt Jule am ersten Dezember zu ihrer Schwester.
„Lass hören!“, sagt Jette und schnappt sich einen Apfel, in den sie genüsslich hinein beißt.
„Wir bekommen doch immer so viele Geschenke, zum Geburtstag und zu Weihnachten…“
„Ja, das ist toll, und was ist damit?“
„Jesus hat doch auch Geburtstag und er bekommt nie etwas geschenkt, wir sollten ihm in diesem Jahr mal eine Freude machen.“
Jette kratzt sich am Kopf, das hilft beim Denken.
„Wie jetzt? Wie stellst du dir das denn vor, Jesus ist doch tot.“
„Stimmt, aber trotzdem ist er doch noch für uns da, wir beten doch jeden Abend zu ihm und weißt du noch, als Oma im letzten Jahr so krank war und Mama gesagt hat, dass sie bald sterben würde, da haben wir gebetet und Oma ist wieder gesund geworden.“
„Stimmt auch wieder, du hast Recht, wir sollten ihm was schenken. Fragt sich nur, was das sein sollte.“
Jules Augen leuchten, sie hat längst eine Idee gehabt und schon sprudelt sie los:
„Die beiden Weihnachtsbäume in der Kirche, die sind immer so nackt. Jede von uns bastelt Strohsterne für einen Baum und dann bringen wir sie am Tag vor Weihnachten in die Kirche und legen sie unter den Baum. Und wenn Jesus Christus sie haben möchte, dann werden sie am Heiligen Abend an den Bäumen hängen. Aber wir verraten keinem etwas davon, abgemacht?“
Jette ist Feuer und Flamme. Gleich am nächsten Tag nach der Schule gehen sie ins Bastelgeschäft und kaufen von ihrem Taschengeld Strohhalme und Kleber.
Jeden Abend verbringen sie in ihrem Zimmer und an der Tür hängt ein Schild „Bitte nicht stören“.
Manchmal stellt Mama ihnen einen Teller mit Keksen und Mandarinen vor die Tür, klopft kurz an und verschwindet dann wieder.
Am Tag vor Weihnachten sind alle Sterne fertig. Jette und Jule gehen zur Kirche und legen die Sterne, es sind genau dreißig Sterne für jeden Baum, unter die Bäume, die Morgen das erste Mal beleuchtet sein werden. Echte Kerzen schmücken die Zweige, der riesigen Tannen.
Dann gehen sie nach Hause und am Abend beten sie gemeinsam: Lieber Jesus Christus, wir haben dir ein Geschenk in die Kirche gelegt. Du wirst es schon finden. Nimm es an, wir sind so dankbar, dass du unsere Oma gesund gemacht hast und jetzt sind wir ganz gespannt, ob du unser Geschenk toll findest.
Peter Michels, der Kirchendiener geht am Morgen des Heiligen Abends noch einmal in die Kirche und schaut, ob alles bereit ist für die Feier am Nachmittag. Er legt das Jesuskind in die Krippe und stellt auch Maria und Josef auf, die in der Adventszeit noch nicht da waren. Dann überprüft er die Kerzen an den Weihnachtsbäumen. Sie müssen richtig fest in den Haltern stecken, damit es kein Unglück gibt, wenn sie am Abend angezündet werden.
Da entdeckt er zwei Pakete unter den Bäumen. „Für das Christkind“ steht drauf und Peter staunt. Wer mag das nur hingelegt haben, denkt er und schaut sich vorsichtig um, ob ihn auch niemand beobachtet. Keiner da, er öffnet die Pakete und findet die wunderschönen Strohsterne darin. Kurz entschlossen holt er noch einmal die große Leiter und schmückt die beiden Kirchentannen mit den Sternen.
Zufrieden betrachtet er sein Werk, dann fährt er nach Hause, wo seine Frau auf ihn wartet.

Als es dunkel wird, läuten die Glocken und die Einwohner des Dorfes gehen zur Kirche. Jette und Jule sind furchtbar aufgeregt.
Sie betreten die festlich erleuchtete Kirche und trauen ihren Augen nicht. Alle Sterne hängen an den Weihnachtsbäumen und das sieht so schön aus, dass die Leute „Aah und Oh, schaut mal“ sagen.
„Danke, lieber Herr Jesus“, sagt Jule zuerst, weil sie ja die Ältere ist und Jette schließt sich an, „Ja, sag ich auch mal, danke!“

© Regina Meier zu Verl

Gruß von Vater

Gruß von Vater

Irgendwo musste noch Vaters Wintermantel sein, da war ich ganz sicher. Nachdem ich einige Schränke auf dem Dachboden durchwühlt hatte, fand ich ihn. Fein säuberlich mit einem Kleidersack geschützt.
„Was meinst du, Papa? Kann ich ihn verschenken?“, fragte ich mit leiser Stimme.
Ich hatte am Vormittag den Friedel gesehen. Er gehörte zum Bild meiner Stadt wie die Apostelkirche und das Rathaus. Sein brauner Anzug, der dringend eine Reinigung nötig gehabt hätte, war zerschlissen. Ein ehemals weißes Oberhemd und eine Krawatte rundeten das Bild ab, irgendwie wirkte er vornehm, nicht wie ein Penner. Seine linke Hand umklammerte eine Aldi-Tüte, in der er wohl sein Hab und Gut aufbewahrte und in der rechten hatte er eine Bierflasche. Seit vielen Jahren sah man ihn so durch die Fußgängerzone wanken.
Er bettelte nicht. Trotzdem steckten ihm die Leute immer mal wieder einen Euro zu.
Es war kalt geworden und es tat mir Leid, dass er da in seinem dünnen Anzug durch die Straßen lief. Ich wollte ihn aber nicht beleidigen, wenn ich ihm den Mantel schenkte und war sehr unsicher, ob es richtig wäre, das zu tun.
„Er wird sich freuen, mach es ruhig“, hörte ich plötzlich die Stimme meines Vaters und ich blickte mich irritiert um. Da war nichts und doch hatte ich es ganz deutlich gehört.
„Okay“, sagte ich. „Wenn du das sagst!“ Ich lächelte über mich selbst und doch war mir ein wenig unheimlich zumute. Schließlich war mein Vater seit vielen Jahren tot.
Am nächsten Tag brachte ich dem Friedel den Mantel. Ich hatte ihn in eine Sporttasche gepackt und einen Stollen dazugelegt. Ich ging auf ihn zu, reichte ihm die Hand und übergab ihm die Tasche.
„Ein lieber Gruß von meinem Vater!“, sagte ich und sah ein Staunen in seinem Gesicht.
„Frohe Weihnachten!“, sagte er, Tränen blitzten in seinen Augen.
„Frohe Weihnachten“, sagte ich. „Frohe Weihnachten!“

© Regina Meier zu Verl

Weihnachten im Stall 6. Dezember

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6. Dezember
Es war kurz vor Mitternacht, als Jupp sich vorsichtig neben Hendriks Ohr niederließ.
„Junge, hast du deinen Stiefel aufgestellt? Der Nikolaus ist unterwegs, ich habe ihn bereits gehört. Vielleicht ist er im Stall. Schau doch mal nach!“, flüsterte er Hendrik zu.
Der setzte sich im Bett auf und rieb sich die Augen. Hatte er geträumt? So musste es wohl gewesen sein. Auf jeden Fall war es ein guter Traum, denn an seinen Stiefel hatte er tatsächlich nicht gedacht. Schnell zog er einen Jogging-Anzug über. Dann schlich er die Treppe hinunter. Jupp hinterher. Vorsichtig öffnete er die Tür, steckte noch schnell den Schlüssel in die Tasche und dann ging er zum Stall hinüber, in Hausschuhen. Seinen Stiefel hatte er auf der Treppe vor der Haustür abgestellt.
Die Kirchturmuhr schlug gerade zwölf Uhr, als Hendrik den Stall betrat.
„I-A, I-A, der Hendrik!”, rief Jessy erfreut.
Hendrik rieb sich erneut die Augen. Ein sprechender Esel? Er musste noch immer träumen.
„Junge, dass du gekommen bist!“, säuselte Berta und auch die Schafe waren entzückt. Sie mochten das Kind ja sowieso, aber jetzt konnten sie ihm das endlich einmal sagen.
„Schön, dass du gekommen bist. Wir haben so gehofft, dass Jupp dir sagt, dass wir dich hier brauchen! Näh, is dat schön!“ Lisbeth war völlig aus dem Häuschen und ihren Freundinnen hatte es die Sprache verschlagen.
„Jupp?“, rief Hendrik. „Erklär mir das!“ Mit großen Augen schaute er sich um, er konnte nicht fassen, was da gerade passierte. Jetzt fehlte nur noch, dass der Nikolaus um die Ecke kam. Plötzlich begann Hendrik zu zittern, es war kalt, aber das war nicht der Grund.
„Du musst dich nicht fürchten. Wusstest du denn nicht, dass man uns Tiere um Mitternacht verstehen kann, wenn man ein offenes Herz für uns hat?“, versuchte Jupp zu erklären. Hendrik schüttelte den Kopf. Nein, das wusste er nicht und es erschien ihm auch sehr unwahrscheinlich.
Trotzdem hörte er den Tieren zu und er verstand, was sie von ihm wollten. Das war wirklich spannend und er war mittendrin. Natürlich würde er ihnen bei den Vorbereitungen für den Christusgeburtstag helfen, mit allen Kräften, die er hatte. Aber jetzt musste er erstmal zurück in sein Bett, bevor man ihn vermisste.

Hoffentlich erkältet Hendrik sich nicht, das wäre fatal, denn die Tiere brauchen ihn für ihr Vorhaben. Lest morgen weiter, was passieren wird …

Gut, wenn man Freunde hat

Gut, wenn man Freunde hat

„Unser Weihnachtsbaum steht schon im Schuppen“, erzählt Lina ihrer Freundin. „Habt ihr auch schon einen?“
Claudia schüttelt traurig den Kopf.
„Bei uns ist in diesem Jahr alles anders. Mama sagt, dass sie gar keine Lust auf einen Weihnachtsbaum hat.“
„Warum denn? Ohne Baum ist Weihnachten doch blöd, oder?“
Jetzt kullern die Tränen bei Claudia. Natürlich findet sie Weihnachten ohne Tannenbaum auch blöd. Aber wenn Mama doch sagt, dass sie keine Lust drauf hat, was soll sie denn machen?
Lina nimmt die Freundin in den Arm, um sie zu trösten.
„Dann kommst du eben zu uns!“, schlägt sie vor.
Doch Claudia schüttelt wieder den Kopf.
„Das geht doch nicht, ich kann doch Mama nicht allein lassen, dann ist ja gar keiner mehr da.“
„Verstehe ich nicht, dein Papa ist doch da!“
„Eben nicht, Papa ist ausgezogen. Das ist ja das Problem!“
„Wie – ausgezogen? Er kann doch nicht einfach so …“ Lina ist empört und versteht gar nicht, wie das passieren konnte. Eltern sind Eltern und sie sind immer da für ihre Kinder, oder etwa nicht?
„Sie streiten immer und da hat Papa gesagt, dass es wohl besser ist, wenn er für eine Weile auszieht, bis sich alles wieder beruhigt hat.“
Lina fehlen die Worte. Sie will auch nichts Falsches sagen, Claudia ist sowieso schon so traurig.
Am Abend erzählt Lina ihrer Mutter von Claudia und ihren Eltern.
„Es kann passieren, dass Eltern sich nicht mehr so gut verstehen und dann ist es manchmal besser, wenn sie sich mal eine Weile nicht sehen. Vielleicht ist es richtig, dass Claudias Vater ausgezogen ist. Das wissen nur die beiden. Für Claudia ist das allerdings auch nicht so leicht.“
„Mama, kann das bei uns auch passieren?“
„Das hoffe ich nicht, aber ganz ausschließen kann man das nie. Mach dir aber keine Sorgen, Papa und ich, wir sind ein Herz und eine Seele und das soll immer so bleiben!“
An diesem Abend betet Lina für ihre Eltern und auch für Claudias Eltern. Sie bittet darum, dass sie sich vertragen.
Am Morgen sagt Mama: „Ich habe gestern Claudias Mutter angerufen und sie für den Heiligen Abend zu uns eingeladen. Wie findest du das?“
„Mama, du bist die Beste!“, ruft Lina und beißt genussvoll in ihr Honigbrötchen.
Am Heiligabend sitzen dann alle zusammen im Wohnzimmer und betrachten den schönen Weihnachtsbaum. Sie singen, spielen und essen zusammen und Claudia kann sogar schon wieder ein wenig herumtoben. Schön ist es, wenn man Freunde hat.

© Regina Meier zu Verl

Ein Geschenk fehlt

Ein Geschenk fehlt

Mit ihrem Wichtelgeschenk hatte sich Nora eine Menge Arbeit gemacht. Zufrieden betrachtete sie ihr Werk.
„Mama, meinst du, dass Jana das Geschenk gefallen wird?“, fragte sie.
„Das glaube ich ganz sicher. Jana mag doch so gern Marzipan, da wird sie sich bestimmt über den tollen Fliegenpilz freuen, den du für sie geknetet hast. Er sieht zum Anbeißen aus!“
Nora stanzte Schneeflocken aus Silberpapier aus, dann machte sie sich daran, das Geschenk zu verpacken. Zuerst kam der Fliegenpilz, der in Folie eingepackt war, dann eine Tüte mit selbstgebackenen Plätzchen und zum Schluss wurden unzählige Schneeflocken hinzugefügt.
Eine dicke Schleife zierte das Päckchen und dann fehlte nur noch das Namensschild, das die Mutter schrieb, damit Jana die Schrift der Freundin nicht erkennen konnte.
Am nächsten Tag wurden die Wichtelgeschenke vor dem Unterricht bei der Lehrerin abgegeben. Das war ein geheimnisvolles Treiben, denn keiner der Mitschüler sollte das Geschenk des anderen sehen.
Nach der großen Pause ging es dann ans Verteilen.
„Jetzt gibt es allerdings ein Problem“, sagte Frau Winkel. „Ein Kind wird kein Geschenk bekommen, weil wir heute eine Krankmeldung haben. Die Mutter von Chris hat angerufen, er hat eine Mandelentzündung und kann nicht kommen.“
„Ach, der Arme“, riefen die Kinder und „Dann bringt er sein Geschenk eben mit, wenn er wieder in die Schule kommen kann!“
Frau Winkel nickte. sie freute sich, dass die Kinder so reagierten. Sie hatte eben eine tolle Klasse.
Die anderen Päckchen wurden einzeln verteilt und das war ein Spaß. Manche Kinder hatten Selbstgebasteltes geschenkt bekommen, andere Gebackenes. Es fanden sich viele gemalte Bilder und Fensterbilder, Weihnachtskarten mit geheimnisvollen Texten von Unbekannten und mancherlei Schnickschnack.
Dann war Jana an der Reihe auszupacken und machte einen Freudenschrei, als sie den Marzipanpilz entdeckte.
„Klasse, ich liiiiiebe Marzipan!“, rief sie.
Am Ende blieb Nora übrig, sie war die Einzige die kein Geschenk auspacken konnte und war doch ein wenig traurig darüber. Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
Doch die anderen Kinder fanden es gar nicht schön, dass eines von ihnen nun ohne eine Gabe dastand.
„Ich bin dafür, dass jeder von uns eine Kleinigkeit an Nora abgibt“, rief Ersin und machte gleich den Anfang. Zwei dicke Walnüsse legte er auf Noras Platz. Ein Schokoriegel kam von Maria, fünf Smarties von Tine, ein Teelicht mit Goldsternchen von Henry. Zum Schluss hatte Nora so viele kleine Geschenke, dass sie vor Freude ein Tränchen verdrückte.
„Beiß den Kopf ab!“, ordnete Jana an und hielt ihr den Fliegenpilz hin. „Ich esse dann den Rest!“
Sie verstand gar nicht, dass Nora sich vor Lachen kaum halten konnte. Diese biss vom Pilz aber nur ein ganz kleines Stückchen ab.
„Danke, der Rest ist für dich!“, sagte sie und Jana ließ es sich schmecken.
„Willste wirklich nichts mehr?“, fragte sie mit vollem Mund und schmatzte dabei laut.
Nora schüttelte den Kopf. Sie war glücklich, dass die Kinder mit ihr geteilt hatten und dass sich Jana so über ihr Geschenk gefreut hatte.
Was Schöneres konnte es doch nicht geben.

© Regina Meier zu Verl


So viele Geschenke und doch eines zu wenig … Foto © Regina Meier zu Verl