Das Ende der Weihnachtszeit – Eine Tannenbaumgeschichte

Das Ende der Weihnachtszeit – Eine Tannenbaumgeschichte

Niemals hätte sie gedacht, dass sie einmal zum Weihnachtsbaum werden würde. Die Tannengeschwister im Wald hatten so viel davon erzählt und in jedem Jahr waren einige von ihnen verschwunden und niemals mehr zurückgekommen. Die kleine Tanne hatte nicht gewusst, ob es erstrebenswert war, ein Weihnachtsbaum zu werden. Trotzdem hatte sie sich immer ein wenig geärgert, wenn die Menschen sie betrachtet hatten. Oft hatte sie Worte gehört wie: Die ist doch viel zu klein, geradezu mickrig. Das hatte weh getan.

In diesem Jahr hatte es geklappt. Ein Mann war mit seiner Tochter Laura in den Wald gekommen und hatte lange nach einem passenden Baum gesucht, als das Mädchen stehen blieb und rief:
„Schau hier, Papa, dieser schöne Baum ist genau richtig für uns.“
Die beiden trugen eine scharfe Säge bei sich und einigten sich schnell, dass es eine gute Wahl war, die kleine Silbertanne mitzunehmen. Als der Vater die Säge ansetzen wollte, bekam das Bäumchen heftige Angst und rief: „Halt, nicht sägen, dann sterbe ich!“

Als hätte er die Worte gehört, hielt der Mann inne. Er trat ein wenig zurück, betrachtete den Baum erneut und schüttelte den Kopf.
„Warte hier!“, sagte er zu seiner Tochter. „Dieses Bäumchen ist viel zu schade, um es abzusägen. Ich werde einen Spaten aus dem Auto holen, dann graben wir es aus.“
Glücklicherweise war der Waldboden nicht gefroren. Mitsamt aller Wurzeln wurde die Tanne in den Kofferraum geladen und dann trat sie die erste Reise seines Lebens an, hinaus aus dem Wald und hinein in eine warme Stube.
„Oh!“, staunte Lauras Mutter, „So ein schöner Baum, der ist ja niedlich! Ganz entzückend!“
Am Abend schmückte dann die ganze Familie den Baum mit bunten Glaskugeln und Strohsternen, mit Holzspielzeug und echten Kerzen. Die kleine Tanne war mächtig stolz. Wie schön es doch war, ein Weihnachtsbaum zu sein.

Es folgten glückliche Tage. Die Tanne war nie allein, denn es kamen viele Menschen zu Besuch, die Großeltern, die Nachbarn und Freunde und alle betrachteten den Weihnachtsbaum und lobten seinen schönen Wuchs und herrlichen Schmuck. Es wurden Lieder gesungen, die waren fast so schön, wie der Gesang der Waldvögel im Frühling. Die kleine Tanne war einfach nur glücklich.
Da sie in einem großen Blumentopf eingepflanzt war und regelmäßig Wasser zu trinken bekam, ging es ihr gut. Nur ab und zu war es ihr etwas zu warm und sie sehnte sich nach kühler, frischer Luft.

Als das Weihnachtsfest längst vorbei war und die Menschen wieder zur Schule gingen oder zur Arbeit, wurde es ruhiger im Wohnzimmer und die kleine Tanne fühlte sich allein.
„Morgen werden wir den Baum abschmücken und in den Garten pflanzen!“, beschloss Lauras Mutter und der Vater nickte zustimmend.
„Du hast Recht, aber ich denke, wir sollten das Bäumchen wieder an seinen alten Platz im Wald bringen.“
„Ja, Papa, das finde ich richtig“, rief auch Laura. „Ich komme mit!“

Vater und Tochter brachten die kleine Tanne zurück in den Wald. Als Laura sich verabschiedete, hängte sie ein rotes Glasherz an einen der Zweige.
„Damit ich dich immer erkennen kann, wenn ich im Wald bin und vielleicht können wir dich im nächsten Jahr wieder in unser Haus holen. Danke, kleine Tanne!“

Ein ganzes Jahr stand die Tanne wieder an ihrem Platz im Wald, freute sich über den Frühling, den Sommer und den Winter. Als es im Advent anfing zu schneien, sah man ihr rotes Glasherz schon von weitem leuchten.
„Wann kommst du, kleine Laura?“, dachte die Tanne, die so gern wieder ein Weihnachtsbaum sein wollte. Doch sie wartete umsonst.
An einem Sonntag, es war der vierte Advent, kam ein Mann einer Säge. Er schaute sich um und suchte nach einem geeigneten Baum für das Fest. Da entdeckte er die kleine Silbertanne mit dem roten Herzen.
„Na bitte“, sagte der Mann. „Hier ist doch schon ein toller Baum.“ Er setzte die Säge an; im gleichen Augenblick zerbrach das Herz aus Glas mit einem lauten Knall. Der Mann erschrak.
„Das ist kein gutes Zeichen!“, rief er. „Dich lasse ich wohl besser hier stehen!“
Er nahm seine Säge und stapfte weiter durch den Schnee.
Die kleine Silbertanne war erleichtert. War auch ihr Herz zerbrochen, so würde sie doch weiterleben und wieder einen Frühling, Sommer und Herbst erleben.

© Regina Meier zu Verl

Felix und der Weihnachtsbaum

Felix und der Weihnachtsbaum

Felix schlich durch die Wohnung. Seine Menschen schliefen längst. Er aber war hellwach und wusste nichts mit sich anzufangen. Zum Mäusejagen war er viel zu faul und draußen war es bitter kalt. Es hatte schon die ganze Woche heftig geschneit, im Vorgarten stand eine Schneemannfamilie und die war ihm nicht so ganz geheuer. Noch ein Grund, sich nicht allzu lange im Garten aufzuhalten. Wer weiß, ob sich diese Schneemenschen nicht doch einmal rührten und ihn dann jagten.
Der Vatermensch hatte auf dem Weg zum Haus Salz gestreut, das brannte so furchtbar an den Pfoten. Besonders die wunde Stelle, die er sich bei einem Revierkämpfchen mit dem dicken Mozart zugezogen hatte, schmerzte gewaltig.
Mozart war sowieso ein ganz blöder Kater. Seine Menschen verhätschelten ihn so, weil er angeblich hochmusikalisch war und die kleine Nachtmusik in und auswendig kannte. Dabei klang das so schauerlich, wenn er sang, dass Felix sich die Ohren mit den Pfoten zuhalten musste.

Im Wohnzimmer stand seit ein paar Tagen der Baum, den Alina und ihre Mutter festlich geschmückt hatten. Felix umrundete ihn und stupste mal hier, mal da mit der Pfote an. Das klingelte so lustig und in den Kugeln spiegelte sich das Licht der Fenstergirlanden.
Am Abend hatte der Vatermensch gesagt, dass Weihnachten schon bald vorbei ist. „Nur noch ein Tag“, hatte er geseufzt.
Wenn Weihnachten nun bald vorbei wäre, dann könnte Felix doch wagen, den Engel mit dem Rauschehaar dort oben von der Spitze zu holen. Er umrundete den Baum ein weiteres Mal, um zu prüfen, an welcher Seite er am Besten hinauf kommen könnte.
Man könnte zuerst auf den blauen Sessel, dann auf das Kaminsims und anschließend auf den Baum springen. So müsste es gehen.

Felix sprang auf den Sessel, aufs Kaminsims, auf den Baum … der wackelte gewaltig und er piekste entsetzlich. Felix konnte sich nicht halten und zappelte und quiekte. Der Baum fiel um und Felix fiel direkt neben das Jesuskind, das da in der Krippe schlief.
Verdutzt blieb er dort liegen und schon regte sich das schlechte Gewissen. Was würden wohl die Menschen sagen, wenn sie die Bescherung am Morgen entdeckten?
Vorsichtshalber blieb neben der Krippe liegen, hier würde ihn niemand entdecken, denn über dem Stall lag ja der Baum.
Richtig gemütlich war das, fast wie im Wald und es duftete herrlich. Felix schlief ein und schlummerte selig. Er träumte von Katzendamen mit goldenem Engelhaar, die ihn zärtlich beschnupperten und wurde unsanft geweckt, als der Vatermensch den Baum anhob und mit lauter Stimme rief: „Nun sieh sich einer diesen Schlingel an. Zuerst kippt er den Baum um und dann sucht er Schutz beim Christkind!“
Alina und ihre Mutter kamen in die Stube und hielten sich die Bäuche vor Lachen. Nur eine einzige Kugel war zerbrochen und keiner war so richtig böse auf ihn. Felix streckte sich und maunzte und ließ sich dann von Alina ein wenig kraulen. Sie war zwar keine Engelskatze, aber auch ganz schön und vor allem sehr zärtlich.

Und der dicke Mozart saß draußen auf der Fensterbank und wurde vor Neid ganz blass.

© Regina Meier zu Verl

Kann man so einem niedlichen Wesen denn böse sein? Zeichnung © Judith Meier zu Verl

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Das Weihnachtstheater

Das Weihnachtstheater

„Wer hat sich denn nur diesen Blödsinn ausgedacht?“, schimpft Mama, als ich ihr erzähle, dass im diesjährigen Weihnachtsspiel fast alle Darsteller Weihnachtsgebäck sind. Ich soll die Rolle eines Zimtsternes übernehmen.
„Na, das war der, der das Theaterstück geschrieben hat“, versuche ich Mama zu erklären. Aber das macht es nicht besser. Mama ist verärgert. So gern hätte sie mich wieder in ein Engelkostüm gesteckt und meine Haare in Engelshaar verwandelt. Mama liebt Engel und sie näht doch so gern.
„Ein Lebkuchenmann, das wäre ja noch möglich oder ein Spekulatius, aber ein Zimtstern. Wie soll man den verkleiden?“, fragt sie und rauf sich die Haare.
„Ganz einfach, hellbraun und weiß!“, schlage ich vor, weiß aber selbst nicht so genau, wie man das umsetzen soll, dass es auch der Zuschauer erkennt. Dabei liebe ich Zimtsterne sehr, ich habe mich über die Rolle sogar gefreut, denn der Zimtstern hat viel Text auswendig zu lernen und das macht mir Spaß.
„Kannst du nicht mit jemandem tauschen?“, fragt Mama hoffnungsvoll.
„Nein, das kann ich nicht – und das will ich auch nicht!“ Jetzt bin ich auch ärgerlich. „Ich frage Oma, die hat immer gute Ideen!“
Mama ist beleidigt. „Dann geh doch zu Oma und viel Erfolg euch beiden, ich bin dann raus!“, wettert sie.
Ich ziehe meine dicke Jacke an, denn es ist lausig kalt an diesem Tag. Dann mache ich mich auf den Weg zu meinen Großeltern, die nur ein paar Häuser weiter wohnen. Unterwegs denke ich fieberhaft nach, wie ich das mit Mama wieder in Ordnung bringen kann. Ich will doch keinen Streit, schon gar nicht in der Adventszeit. Ach, ist das blöd!
„Komm schnell rein, du frierst ja!“, sagt Oma, als sie mir die Tür öffnet. Sie hat immer Angst, dass ich mich erkälte. Opa sitzt in der Küche, er studiert die Sonderangebote. Das ist sein Hobby, er liebt Prospekte und weiß immer genau darüber Bescheid, was wo wie teuer ist.
„Zimtsterne sind im Angebot!“, sagt er dann auch schon, bevor er mich begrüßt. „Grüß dich, Mini!“
„Hallo Opa, ich heiße Djamila und nicht Mini und Zimtsterne sind genau mein Thema!“, verkünde ich und lasse mich auf die Eckbank fallen. „Puh, sie verfolgen mich, diese Zimtsterne!“
Erstaunt blickt Opa von seinem Prospekt auf. „Das klingt aber nicht so gut! Was ist denn los?“
Ich erzähle Oma und Opa von dem Theaterstück, in dem die kleine Hanna sich so sehr danach sehnt, einmal in ihrem Leben auch Weihnachtsgebäck essen zu dürfen. Sie ist nämlich zuckerkrank und darf das nicht. Das Weihnachtsgebäck denkt sich etwas aus, um der Kleinen doch eine Freude zu machen, ohne, dass sie es essen muss. Sie studieren einen Tanz ein und erscheinen in der Nacht zum Heiligen Abend in ihrem Zimmer, um den Tanz ganz allein für sie aufzuführen. Alle sind dabei, Stutenkerle, Lebkuchenmänner, Spekulatiusplätzchen, Printen, der Christstollen … und ich, der Zimtstern.
„Oha!“, sagt Oma. „Eine schöne Idee, aber nicht so leicht umzusetzen!“
„Eben!“, stimme ich ihr zu und erzähle auch gleich, dass Mama eingeschnappt ist, weil ich Omas Rat einholen will. „Das ist blöd, weiß ich ja. Aber sie hatte gar keine Idee und ich auch nicht. Oma, du bist meine letzte Rettung!“
„Printen finde ich viel schwerer“, sagt Oma da auch schon und man kann ihr ansehen, dass es in ihrem Kopf bereits rattert. „Zimtstern, Zimtstern“, murmelt sie vor sich hin. Opa und ich schweigen erstmal, wir wollen sie nicht beim Denken stören. Dann hat sie’s wohl, man sieht es an ihrem funkelnden Blick. Sie verrät aber nichts, zieht nun ihrerseits eine dicke Jacke an und macht sich auf den Weg zu Mama. „Wir müssen was besprechen!“, ruft sie noch. Opa grinst, ich grinse und dann vertilgen wir gemeinsam die Zimtsterne, die in einem Schälchen auf dem Tisch stehen.
Opa schlägt vor, dass wir eine Runde Mau Mau spielen könnten und da bin ich doch gern dabei. Mit Opa Karten zu spielen, das ist eine wahre Freude, er verliert nämlich meist und wenn er sich darüber ärgert, dann ist er immer so niedlich. Hach, ich liebe meinen Opa.
Als Oma nach einer Stunde noch immer nicht zurück ist, beschließen Opa und ich mal nach dem Rechten zu schauen. Die beiden Frauen sitzen mit hochroten Köpfen in der Küche. Vor ihnen liegt ein Zeichenblock, auf dem sie verschiedene Notizen gemacht haben. So richtig erkennen kann ich noch nichts, aber Mama erklärt: Ich nähe ein braunes Unterkleid, darüber kommt aus weißem, fast durchsichtigen Stoff das Oberkleid, das ist der Zuckerguss. Oma bastelt braune Sterne mit weißem Guss drauf, die werden überall am Kleid befestigt und auf dem Kopf wird ein großer Stern thronen. Dann bist du ein Zimtstern, Mini!“
Ich sehe ihr ausnahmsweise das „Mini“ mal nach, weil ich doch so froh bin, dass sie gar nicht mehr ärgerlich klingt und das Kostüm kann ich mir nun gut vorstellen.
„Wir können ja die Haare trotzdem ein wenig beglitzern, dann bin ich eben ein englischer Zimtstern!“, schlage ich noch vor und habe die Lacher auf meiner Seite. Ich werde ein toller Zimtstern sein, ganz bestimmt.

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle Couleur/pixabay

Abschied

Abschied

Unten, in dem kleinen Fachwerkhaus, in dem Paul mit seinen Eltern wohnt, lebt auch Frau Mergelheide.
Paul weiß, dass sie so heißt, Frau Mergelheide selbst hat ihren Namen vergessen. Eigentlich vergisst sie alles um sich herum und starrt nur noch aus dem Fenster. Selten lächelt sie, meist schaut sie traurig aus und oft rinnen Tränen aus ihren Augenwinkeln.
Pauls Mama kümmert sich ein wenig um die Nachbarin, die fast hundert Jahre alt ist und keine Verwandten mehr hat. Morgens kommt eine Frau vom Pflegedienst. Sie hilft der alten Dame beim Aufstehen, Waschen und Ankleiden. Dann bereitet sie ihr das Frühstück zu, setzt sie in den Sessel am Fenster und kommt erst am Abend wieder, um sie ins Bett zu bringen. So geht das Tag für Tag.
Dazwischen kümmert sich Mama um sie und auch Paul sieht ab und zu nach ihr. Manchmal liest er ihr Geschichten vor und dann könnte man meinen, dass sie jedes Wort verstehen kann, so interessiert hört sie zu. Sie sagt aber niemals etwas.

Ein paar Tage vor Weihnachten, draußen liegt schon der erste Schnee, sagt Mama:
„Wir werden in diesem Jahr nicht zu den Großeltern fahren, wir können Frau Mergelheide nicht allein lassen. Ich habe so ein komisches Gefühl.“
Paul ist traurig, denn Weihnachten mit Oma und Opa ist einfach toll. Trotzdem weiß er, dass Mama Recht hat.
„Ich möchte heute Weihnachtsplätzchen backen, magst du mir helfen?“
Paul ist Feuer und Flamme, er nascht doch so gern von dem Teig und es macht ungeheuren Spaß, die lustigen Formen nach dem Backen zu verzieren.
„Ich geh schnell runter und bringe Frau Mergelheide ein paar Zimtsterne“, ruft Mama und schon ist sie verschwunden. Es dauert lange, bis sie wieder zurückkommt und ihre Augen sind gerötet. Sie nimmt Paul in den Arm und dann weint sie.
„Was ist denn nur passiert, Mama?“
„Ach Paul, man musste ja damit rechnen, aber jetzt bin ich doch ganz traurig, Frau Mergelheide ist für immer eingeschlafen, ganz friedlich sitzt sie in ihrem Sessel und lächelt. Ich habe den Arzt gerufen, er wird gleich hier sein.“
„Darf ich mit runter kommen?“, fragt Paul und Mama nickt.
„Ja, komm nur.“

Gemeinsam gehen sie in das Zimmer der alten Dame. Paul tritt vorsichtig an sie heran. Er nimmt ihre Hand, die noch ganz warm ist und spricht sie an:
„Jetzt hast du es geschafft, Tante Mergelheide. Du musst mir etwas versprechen. Wenn du da oben im Himmel bist, passt du dann ein bisschen auf mich auf?“
„Das wird sie sicher tun“, sagt Mama.

Paul ist traurig und bei der Beerdigung weint er dicke Tränen. Aber er weiß, dass es seiner alten Freundin jetzt gut geht. Sicher kann sie sich dort oben endlich wieder erinnern an all das, was sie mal erlebt hat und sie wird von ihm, Paul, erzählen. Sie wird zu ihm herunterschauen, besonders morgen, am Heiligabend. Denn dann wird Paul eine dicke Kerze in den Garten stellen, damit sie ihn auch finden kann in der Dunkelheit.

© Regina Meier zu Verl

Foto © Regina Meier zu Verl

Von Engeln und Bratäpfeln – Eine Kindheitserinnerung

Weihnachtsfeier auf der Donnerburg (1960)

„Wenn du dein Brot nicht aufisst, nehmen wir dich heute Abend nicht mit auf die Donnerburg!“
Ich wusste, dass meine Oma das genauso gemeint hatte, wie sie es sagte und würgte die kleinen Häppchen mit Sülze hinunter. Dabei musste ich gut aufpassen, dass das, was ich schluckte auch unten blieb. Ich ekelte mich so sehr und bekam Gänsehaut und Schweißausbrüche.
Irgendwie schaffte ich es aber dann doch, das verhasste Butterbrot zu entsorgen, denn jedes Mal, wenn Oma sich umdrehte, warf ich ein Bröckchen aus dem Fenster, das auf Kippe stand. Die Vögel werden ihre Freude daran gehabt haben, denn es war Winter und es lag eine dichte Schneedecke. Auf der Donnerburg sollte am Abend einen Weihnachtsfeier stattfinden. Ich wollte so gern mitgehen.
Am späten Nachmittag wurde ich dann chic gemacht, ich trug ein kariertes Flanellkleidchen und eine weiße Wollstrumpfhose. Das Kleid in Rottönen hatte ebenfalls einen schneeweißen Kragen. Braune Lederschuhe mit Schnüren passten nicht so recht dazu, aber wir hatten einen weiten Weg vor uns und das Schuhwerk musste warm und bequem sein.
Mein Opa war auch schon fix und fertig, nur Oma musste noch ins Bad und so warteten mein Großvater und ich in seinem kleinen Treibhaus, in dem es im Winter ganz besonders gemütlich war. Die Scheiben waren beschlagen und im Bollerofen lagen zwei Bratäpfel, die einen wunderbaren Duft verströmten und mit gutem Appetit von mir verzehrt wurden.
Dann sangen wir das Lied vom kleinen Apfel, mein Opa begleitete mich auf seiner Laute und ich sang alle Strophen, ich war fünf Jahre alt und Opa sagte immer, dass ich singe wie eine Nachtigall.
Mit dem Stadtbus fuhren wir ein Stück und dann ging es zu Fuß weiter bis zu dem Restaurant, das mitten im Wald lag. Schon von weitem konnten wir die festliche Beleuchtung sehen.
Um große runde Tische hatten sich Sänger und Sängerinnen des Kirchenchores versammelt, ich schüttelte viele Hände und jedes Mal, wenn mein Opa mich vorstellte, sagte er stolz: „Das ist Regina, mein Enkelkind!“
Irgendwann klopfte er dann an sein Weinglas und es wurde ganz still im Raum.
„Meine Enkeltochter wird euch etwas vorsingen“, sagte Opa und hob mich mit einem Satz mitten auf den Tisch.
Er nahm seine Laute und spielte, ich begann zu singen und es machte mir gar nichts aus, dass so viele Leute zuhörten.
Ich bekam viel Lob. Das war mein erster öffentlicher Auftritt, der in guter Erinnerung bei mir blieb. Denn es geschah noch etwas, das ich ebenfalls niemals vergessen werde.
Eine Cousine meiner Mutter, Karin, war auch Gast. Sie freute sich so sehr über mich, dass sie mir etwas Schönes zeigen wollte. Sie nahm mich an der Hand und ging mit mir in den Keller, wo eine Schar von Engeln auf ihren Auftritt wartete. Sie waren wunderschön und ihre Kleider glitzerten. Auf dem Kopf trugen sie goldene Reifen. Ich konnte mich gar nicht satt sehen, denn ich war davon überzeugt, dass es echte Engel waren. Ich stolperte auf der Treppe, weil ich vor lauter Ehrfurcht nicht auf die Stufen achten konnte. Ein Engel sprach mich an, doch ich verstand ihn nicht. Wahrscheinlich sprach er „englisch“.

© Regina Meier zu Verl

Die Adventskalenderfiguren

Die Adventskalenderfiguren

„Ach Menno“, drängelte der süße Nikolaus aus Schokolade, der sich im sechsten Türchen von Leos Adventskalender versteckte.
„Ich will hier raus!“
Die anderen Schokoladenfiguren kicherten.
„Warte nur ab, du bist schon bald an der Reihe und dann ist es aus mit dir!“
„Hier ist es aber so eng und sehen kann ich auch nichts, viel zu dunkel ist’s“, jammerte der Nikolaus, aber ein wenig erschrocken war er schon. Wieso sollte es dann aus sein mit ihm?
„Draußen ist es bestimmt schöner und Leo wird mit mir spielen“, behauptete er. Die anderen Figuren kicherten schon wieder.
„Du spinnst doch. Aufessen wird er dich, happs, dann bist du weg!“
„Stimmt ja gar nicht!“
Er bekam keine Antwort mehr, denn Leo war ins Zimmer gekommen und machte sich am Adventskalender zu schaffen. Wenn der Nikolaus richtig gezählt hatte, dann war heute das fünfte Türchen dran geöffnet zu werden. Es knisterte und dann ertönte ein Jubelschrei von Leo: „Ach guck mal, wie niedlich, ein Schaukelpferd!“
Aha, da war also ein Schaukelpferd im fünften Türchen und Leo fand es niedlich. Dann würde er es doch ganz sicher nicht einfach aufessen, dachte sich der Nikolaus.
Leo verließ das Zimmer und die Schokoladenfiguren nahmen ihre Unterhaltung wieder auf.
„Das arme Schaukelpferd“, riefen sie und der Nikolaus bekam es nun doch mit der Angst zu tun. Woher wussten die anderen denn nur, dass sie allesamt aufgegessen werden würden.
„In der Schokoladenfabrik hat es einer gesagt, das wird schon stimmen“, brummte der Ochse aus dem zehnten Türchen und eine helle Stimme mischt sich ein:
„Das ist eben unsere Bestimmung, den Kindern Freude zu machen!“ Das war der Engel aus Nummer siebzehn.
„Können wir denn gar nichts dagegen tun?“, fragte der Nikolaus traurig und er schämte sich ein bisschen. Denn schließlich war er doch ein alter weiser Mann, der die anderen besser trösten sollte, als herumzujammern.
„Es gibt nur eine einzige Möglichkeit“, rief eine Glocke wichtigtuerisch. „Wir müssen uns verwandeln, in Stein, Metall oder Plastik. Dann kann uns nichts mehr passieren!“
Niemand sagte etwas, alle überlegten und plötzlich rief das Rentier, das direkt neben dem Nikolaus wohnte:
„Ich hab es, wir werden um Mitternacht alle Türen öffnen und zu einer Konferenz zusammen kommen. Vielleicht gibt es ja hier im Kinderzimmer einen Zauberkasten oder so was, oder eines von den Spielzeugen weiß einen Rat, um Zwölf werden die doch alle lebendig!“
„Ja, genau, das ist es!“, schrie der Esel und schickte ein lautes „IA“ hinterher.
„Jetzt aber leise“, warnte der Stern. „Das Kind will schlafen!“
„Welches Kind?“, fragte der Ochse erstaunt.
„Das Christkind etwa?“ flüsterte der Nikolaus.
„Das ist doch noch gar nicht geboren, es kommt er’s am vierundzwanzigsten!“, wusste das Schaf aus der achtzehnten Tür.
„Quatsch!“, rief der Engel, so gar nicht engelhaft. „Das alles ist über zweitausend Jahre her, wir sind doch nur Schauspieler aus Schokolade!“
Alle schwiegen bedrückt. Es war ja auch so, wer waren sie denn schon? Klitzekleine Schokofiguren, die um ihr Überleben bangten.
„Dann ist schon alles egal“, sagte der Nikolaus traurig. „Wir werden wohl nichts machen können!“ Er nahm sich vor, von nun an kein Wort mehr zu sagen und sich in sein Schicksal zu ergeben. Auch die anderen Figuren waren ganz still geworden und so blieb es auch den ganzen Tag lang.

Der Nikolaustag war gekommen. Es dauerte ewig, bis der Nikolaus aus seinem Türchen geholt wurde, denn der Leo hatte verschlafen und war in Windeseile im Bad verschwunden, ohne an den Kalender zu denken. Als er aus der Schule kam, half er der Mutter beim Plätzchen backen, denn am Abend sollte der richtige Nikolaus zu den Kindern kommen und Mama wollte alles schön herrichten.
Die Adventskalenderfiguren hörten, wie es an der Haustür klingelte und eine tiefe Stimme erklang: „Ho, Ho, Ho, liebe Kinder. Ich, der Nikolaus, möchte doch mal nachfragen, ob ihr alle lieb und brav gewesen seid!“
Was die Kinder antworteten, konnte man nicht verstehen, so leise und schüchtern waren ihre Stimmen. Der Nikolaus wurde eingelassen und er fragte:
„Habt ihr denn auch einen Adventskalender?“
‚Ach du Schreck’, dachte der kleine Nikolaus, jetzt geht es mir an den Kragen.
„Habt ihr denn euer Türchen heute schon geöffnet?“, fragte der richtige Nikolaus und im nächsten Augenblick kam Leo ins Zimmer gerannt, riss den Adventskalender vom Haken, dass die Figuren nur so durcheinander geschüttelt wurden und flitzte die Treppe wieder hinunter. Das sechste Türchen wurde geöffnet. Der kleine Nikolaus blinzelte, so hell war es mit einem Mal.
„Was ist das denn?“, rief Leo. „Der ist ja gar nicht aus Schokolade!“ Er nahm den kleinen Nikolaus und betrachtete ihn. Wie ein richtiger Nikolaus sah er aus, hatte einen roten Mantel an und trug einen Sack mit Geschenken in seiner Hand. Der kleine Nikolaus zitterte, aber nur ein ganz kleines Bisschen. Erstaunt schaute er an sich herunter. Dann blickte der den richtigen Nikolaus an, der ihm zuzwinkerte. War er etwas der Zauberer gewesen, der den Wunsch der Figuren erfüllt hatte?
„Zu viel Süßes ist schlecht für die Zähne!“, sagte er zu Leo und der nickte eifrig.
„Stimmt, von diesem Nikolaus habe ich viel mehr, ich werde ihn an den Weihnachtsbaum hängen und dann in jedem Jahr wieder herausholen!“
„Das ist eine gute Idee“, sagte der weise alte Mann und holte noch ein Päckchen aus seinem Sack.
Was drin war, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass der kleine Nikolaus sehr glücklich war und der Ochse, der Esel, der Stern und der Engel und wer noch so alles im Adventskalender war, auch.

© Regina Meier zu Verl


Diese Weihnachtsmänner warten wohl auf ihren Einsatz Foto © Regina Meier zu Verl

Die bunte Weihnachtsdose

Die bunte Weihnachtsdose

All ihre kleinen Schätze bewahrte Djamila in einer großen bunten Dose auf. Früher waren mal Lebkuchen drin gewesen. Da man Lebkuchen fast ausschließlich in der Weihnachtszeit isst, waren auch weihnachtliche Motive auf dieser Dose zu finden.
Da war auf der einen Seite der bunte Nussknacker, der einem beinahe ein wenig Furcht einjagen konnten mit seinem grimmigen Gesicht. Djamila hatte sich aber vorgestellt, dass er gar nicht böse war, sondern lediglich Zahnschmerzen hatte vom ewigen Nüsse knacken.
Wenn man die Dose ein wenig weiterdrehte, sah man den dicken Weihnachtsmann in seinem roten Mantel, die Daumen in dem breiten braunen Ledergürtel verhakt und breitbeinig mitten im Schnee stehend. Er hatte bestimmt keine Zahnschmerzen. Seine Backen lugten aus dem weißen Gestrüpp seines Bartes wie zwei rotwangige Äpfel und seine kleinen Augen lachten fröhlich und verschmitzt, Am liebsten würde man mitlachen und in sein vergnügtes „hohoho!“ mit einstimmen.
Neben dem Weihnachtsmann prangte eine festlich geschmückte Weihnachtstanne mit unzähligen Lichtern und noch ein wenig weiter schauten zwei Engel aus einer Wolke auf die Erde hinab. Das war Djamilas Lieblingsmotiv auf der Dose, denn Oma hatte einmal gesagt, dass sie, Djamila, einer dieser Engel sei.
Obwohl das Mädchen da seine Zweifel hatte. Mussten Engel nicht immer brav und folgsam sein? Und das war sie bestimmt nicht, sie konnte ganz schön schmollen, wenn es mal nicht nach ihrem Kopf ging. Dann musste sie lachen, denn Papa war auch gerade im Zimmer gewesen und hatte Omas Worte gehört.
„Mama, du hattest schon immer eine rosarote Brille auf, wenn es um deine Enkelin geht“, hatte er schmunzelnd gesagt. Daran konnte sich Djamila noch genau erinnern.
Djamila hatte gelacht, als sie sich Oma mit einer rosaroten Brille vorgestellt hatte. Die Bedeutung dieser Worte war ihr damals aber nicht bewusst gewesen.
„Oma, du hast dich getäuscht“, flüsterte Djamila.
„Du bist das da oben auf der Wolke und neben dir ist deine Freundin Anna, von der du mir so oft erzählt hast.“
Auf Djamilas Lippen lag ein Lächeln bei der Erinnerung an ihre Oma, aber in ihren Augen glitzerten schon wieder die Tränen. Das erste Weihnachtsfest ohne Oma konnte sie sich nicht vorstellen und das wollte sie auch nicht. Sie öffnete den Deckel der Weihnachtsdose und griff nach dem mit Spitze umhäkelten Taschentuch und schnupperte daran.
Sie schloss die Augen. Es roch so schön nach Oma! Wie hatte sie Weihnachten immer geliebt. Und nun sollte das erste Mal das Fest ohne sie stattfinden. Sie drehte die Dose und betrachtete gedankenverloren den geschmückten Weihnachtsbaum. Da hatte sie eine Idee, wie Oma doch mitfeiern könnte und das jedes Jahr. Sie würde eine Weihnachtskugel basteln mit ihrem Bild und glücklicherweise hatte sie ganz viele Geschichten, die Oma für sie gesprochen hatte, und die sie nun immer wieder anhören konnte.
Am Heiligabend hing die Kugel mit Omas Bild am festlich geschmückten Baum. Die Familie saß zusammen und erinnerte sich daran, wie es in den Jahren zuvor gewesen war und die ein- oder andere Träne floss auch an diesem Abend.
Als man später gemeinsam Omas lustige Weihnachtsgeschichten anhörte, konnte man sogar schon wieder ein bisschen lachen und das hätte Oma gefreut, ganz sicher hätte sie das gefreut!

© Regina Meier zu Verl

Hier lese ich euch die Geschichte vor.

 

 

Photo by Ylanite Koppens on Pexels.com

Engelorchester

Engelorchester

Irmchen Sander hatte sich in diesem Jahr etwas ganz Besonderes ausgedacht, um die Weihnachtsfeier zu gestalten.
Das Klassenorchester der Sechsten würde Weihnachtslieder in Engelsgewändern vortragen. Es waren einige recht talentierte Kinder dabei und Benjamin sollte auf seiner Violine das Solo spielen, wenn das Stück „Hört der Engel helle Lieder“ vorgetragen wurde.
Einige Schüler zierten sich zunächst ein bisschen, sie fanden es bescheuert, als Engelchen auf der Bühne zu stehen, wo doch die ganze Familienbande im Publikum saß.
Aber Irmchen setzte sich wieder einmal durch, wenn sie was wollte, dann kriegte sie das hin.

Die Schüler der zwölften Klasse hatten die Gewänder geschneidert und waren mächtig stolz auf ihre Werke. Bei der Generalprobe saßen dann zweiundzwanzig Engel auf der Bühne. Irmchen Sander war entzückt.
Musikalisch gab es an der ein- oder anderen Stelle zwar noch ein paar Ungereimtheiten, aber eine Generalprobe musste schief gehen, sonst klappte die Aufführung später nicht. Die Lehrerin war seit über zwanzig Jahren an der Schule und kannte sich bestens aus.

Am Abend der Weihnachtsfeier war der Festsaal bis auf den letzten Platz besetzt. Das Orchester nahm die Plätze ein. Irmchen Sander stimmt noch einmal die Instrumente durch, dann öffnete sich der Vorhang.
Zunächst begrüßte der Schulleiter die Gäste und wünschte allen einen besinnlichen Abend. Dann trug Melanie ein Gedicht vor, bei dem sie sich nicht ein einziges Mal verhaspelte.
Irmchen Sander hatte ihre Position vor dem Orchester bereits bezogen und hob jetzt die Arme. Eins, zwei, drei, vier … zählte sie mit leiser Stimme an und es erklangen die ersten Takte von „Alle Jahre wieder“, vierstimmig, in F-Dur.
Tobi verhedderte sich in seinem Überschwang mit dem Geigenbogen in den Flügeln seines Vordermannes, aber sonst ging alles glatt. Das Publikum klatschte begeistert.

„Gleich biste dran“, flüsterte Bine dem Benjamin zu, der im nächsten Stück aufstehen sollte und ganz vorn auf der Bühne das Solo spielen musste.
„Geht aber nicht“, flüsterte Benjamin zurück und verzog schmerzverzerrt das Gesicht.
„Ich kann nicht aufstehen.“
„Pst“, machte Irmchen und warf Benjamin einen drohenden Blick zu.
„Warum kannst du nicht aufstehen?“, wollte Bine wissen, der es Leid tat, dass Benni schon kreidebleich war.
„Ich muss mal …“, wisperte der und kniff verzweifelt die Knie zusammen.

„Beim nächsten Stück wird Benjamin Schlüter das Solo spielen!“, verkündete Irmchen stolz und Benjamin setzte sich wohl oder Übel in Bewegung. Er stellte sich auf seinen Platz, machte einen kurzen Diener, hob die Geige ans Kinn und wartete darauf, dass das Orchester einsetzte.
Da stand er, der Engel Benjamin in seinem weißen Gewand, seine Flügel bibberten, doch er biss die Zähne zusammen und setzte pünktlich ein.
„Glo-ho-ho-ho-ho-ho, ho-ho-ho-ho-ho, glo-ho-ho-ho-horia“, sang die Geige und Benjamin dachte „oh, o-o-o-o-o, mir ist alles egal, Hauptsache es klingt jetzt schön!“ Dann ließ er laufen, was nicht mehr aufzuhalten war. Die Erleichterung wirkte sich unmittelbar auf sein Geigenspiel aus. Irmchen Sander lächelte glücklich. Dieser Junge war ein besonderes Talent, das hatte sie ja immer gesagt.

Sie wunderte sich ein bisschen, dass er den Platz vorm Orchester nicht räumen wollte, aber er sollte seinen Applaus haben und ruhig stehen bleiben. Er spielte alle weiteren Stücke von dort aus mit und als sich der Vorhang endlich schloss, war er der erste Engel, der von der Bühne verschwunden war und niemand sah in mehr an diesem Abend.
Es hat ihn später auch niemand auf die Pfütze an seinem Platz angesprochen, nur Bine musste bei dem Gedanken an das glorreiche Solo noch Jahre später lachen.

© Regina Meier zu Verl

Das Bild hat eine Schülerin, Johanna, für mich gezeichnet. Foto © Regina Meier zu Verl

Das Weihnachtstheater *

Das Weihnachtstheater

„Wer hat sich denn nur diesen Blödsinn ausgedacht?“, schimpft Mama, als ich ihr erzähle, dass im diesjährigen Weihnachtsspiel fast alle Darsteller Weihnachtsgebäck sind. Ich soll die Rolle eines Zimtsternes übernehmen.
„Na, das war der, der das Theaterstück geschrieben hat“, versuche ich Mama zu erklären. Aber das macht es nicht besser. Mama ist verärgert. So gern hätte sie mich wieder in ein Engelkostüm gesteckt und meine Haare in Engelshaar verwandelt. Mama liebt Engel und sie näht doch so gern.
„Ein Lebkuchenmann, das wäre ja noch möglich oder ein Spekulatius, aber ein Zimtstern. Wie soll man den verkleiden?“, fragt sie und rauf sich die Haare.
„Ganz einfach, hellbraun und weiß!“, schlage ich vor, weiß aber selbst nicht so genau, wie man das umsetzen soll, dass es auch der Zuschauer erkennt. Dabei liebe ich Zimtsterne sehr, ich habe mich über die Rolle sogar gefreut, denn der Zimtstern hat viel Text auswendig zu lernen und das macht mir Spaß.
„Kannst du nicht mit jemandem tauschen?“, fragt Mama hoffnungsvoll.
„Nein, das kann ich nicht – und das will ich auch nicht!“ Jetzt bin ich auch ärgerlich. „Ich frage Oma, die hat immer gute Ideen!“
Mama ist beleidigt. „Dann geh doch zu Oma und viel Erfolg euch beiden, ich bin dann raus!“, wettert sie.
Ich ziehe meine dicke Jacke an, denn es ist lausig kalt an diesem Tag. Dann mache ich mich auf den Weg zu meinen Großeltern, die nur ein paar Häuser weiter wohnen. Unterwegs denke ich fieberhaft nach, wie ich das mit Mama wieder in Ordnung bringen kann. Ich will doch keinen Streit, schon gar nicht in der Adventszeit. Ach, ist das blöd!
„Komm schnell rein, du frierst ja!“, sagt Oma, als sie mir die Tür öffnet. Sie hat immer Angst, dass ich mich erkälte. Opa sitzt in der Küche, er studiert die Sonderangebote. Das ist sein Hobby, er liebt Prospekte und weiß immer genau darüber Bescheid, was wo wie teuer ist.
„Zimtsterne sind im Angebot!“, sagt er dann auch schon, bevor er mich begrüßt. „Grüß dich, Mini!“
„Hallo Opa, ich heiße Djamila und nicht Mini und Zimtsterne sind genau mein Thema!“, verkünde ich und lasse mich auf die Eckbank fallen. „Puh, sie verfolgen mich, diese Zimtsterne!“
Erstaunt blickt Opa von seinem Prospekt auf. „Das klingt aber nicht so gut! Was ist denn los?“
Ich erzähle Oma und Opa von dem Theaterstück, in dem die kleine Hanna sich so sehr danach sehnt, einmal in ihrem Leben auch Weihnachtsgebäck essen zu dürfen. Sie ist nämlich zuckerkrank und darf das nicht. Das Weihnachtsgebäck denkt sich etwas aus, um der Kleinen doch eine Freude zu machen, ohne, dass sie es essen muss. Sie studieren einen Tanz ein und erscheinen in der Nacht zum Heiligen Abend in ihrem Zimmer, um den Tanz ganz allein für sie aufzuführen. Alle sind dabei, Stutenkerle, Lebkuchenmänner, Spekulatiusplätzchen, Printen, der Christstollen … und ich, der Zimtstern.
„Oha!“, sagt Oma. „Eine schöne Idee, aber nicht so leicht umzusetzen!“
„Eben!“, stimme ich ihr zu und erzähle auch gleich, dass Mama eingeschnappt ist, weil ich Omas Rat einholen will. „Das ist blöd, weiß ich ja. Aber sie hatte gar keine Idee und ich auch nicht. Oma, du bist meine letzte Rettung!“
„Printen finde ich viel schwerer“, sagt Oma da auch schon und man kann ihr ansehen, dass es in ihrem Kopf bereits rattert. „Zimtstern, Zimtstern“, murmelt sie vor sich hin. Opa und ich schweigen erstmal, wir wollen sie nicht beim Denken stören. Dann hat sie’s wohl, man sieht es an ihrem funkelnden Blick. Sie verrät aber nichts, zieht nun ihrerseits eine dicke Jacke an und macht sich auf den Weg zu Mama. „Wir müssen was besprechen!“, ruft sie noch. Opa grinst, ich grinse und dann vertilgen wir gemeinsam die Zimtsterne, die in einem Schälchen auf dem Tisch stehen.
Opa schlägt vor, dass wir eine Runde Mau Mau spielen könnten und da bin ich doch gern dabei. Mit Opa Karten zu spielen, das ist eine wahre Freude, er verliert nämlich meist und wenn er sich darüber ärgert, dann ist er immer so niedlich. Hach, ich liebe meinen Opa.
Als Oma nach einer Stunde noch immer nicht zurück ist, beschließen Opa und ich mal nach dem Rechten zu schauen. Die beiden Frauen sitzen mit hochroten Köpfen in der Küche. Vor ihnen liegt ein Zeichenblock, auf dem sie verschiedene Notizen gemacht haben. So richtig erkennen kann ich noch nichts, aber Mama erklärt: Ich nähe ein braunes Unterkleid, darüber kommt aus weißem, fast durchsichtigen Stoff das Oberkleid, das ist der Zuckerguss. Oma bastelt braune Sterne mit weißem Guss drauf, die werden überall am Kleid befestigt und auf dem Kopf wird ein großer Stern thronen. Dann bist du ein Zimtstern, Mini!“
Ich sehe ihr ausnahmsweise das „Mini“ mal nach, weil ich doch so froh bin, dass sie gar nicht mehr ärgerlich klingt und das Kostüm kann ich mir nun gut vorstellen.
„Wir können ja die Haare trotzdem ein wenig beglitzern, dann bin ich eben ein englischer Zimtstern!“, schlage ich noch vor und habe die Lacher auf meiner Seite. Ich werde ein toller Zimtstern sein, ganz bestimmt.

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle Couleur/pixabay

Oma Socke

Oma Socke
In unserer kleinen Stadt kannte sie jeder. Ihren richtigen Namen wusste aber fast niemand, jeder nannte sie Oma Socke. Vermutlich hatte sie für jedes Kind unserer Stadt und manchen Erwachsenen Socken gestrickt und diese Socken waren die besten und wärmsten der Welt. Ich weiß das genau, denn auch ich habe so ein Paar Socken besessen und sie gehütet wie meinen Augapfel.
Ihr denkt jetzt sicher, dass es ganz großer Quatsch ist, denn auch andere Menschen können Socken stricken und sogar die gekauften Socken wärmen die Füße und erfüllen ihren Zweck. Aber es ist wirklich kein Blödsinn, den ich euch heute hier erzähle. Das kann mir kein geringerer als der Nikolaus selbst bestätigen. Fragt ihn, wenn ihr ihn in diesem Jahr irgendwo treffen solltet. Ich bin davon überzeugt, dass ihr mir dann glauben werdet.
Was aber war das Geheimnis dieser bunt geringelten Strümpfe? Lange wusste ich das auch nicht, bis ich es vor vielen Jahren erfahren habe. Damals besuchte ich Oma Socke regelmäßig, denn sie konnte nicht nur stricken, nein, sie erzählte auch ganz wunderbare Geschichten. Ich liebte Geschichten und da meine Oma gestorben war, was mich lange Zeit sehr traurig machte, schickte meine Mutter mich zu Oma Socke. Was besseres hätte mir nicht passieren können, denn wenn ich bei ihr war, vergaß ich für eine Weile meine Trauer und irgendwann nahm ich Oma Socke beinahe wie eine eigene Oma an. Das tat uns beiden sehr gut, denn Oma Socke hatte selbst keine Enkelkinder.
„Warum wärmen deine Socken viel besser als alle anderen Socken der Welt?“, fragte ich sie eines Tages. Oma Socke lächelte, zierte sich aber noch ein wenig, mir das Geheimnis anzuvertrauen.
„Wenn ich es dir erzähle, dann ist es ja kein Geheimnis mehr!“, sagte sie. „Aber, ich bin eine alte Frau und vielleicht sollte ich es wenigstens dir erzählen, damit es nicht in Vergessenheit gerät, wenn ich einmal nicht mehr da bin.“
Dieser Satz machte mir ein wenig Angst, denn Oma Socke hatte ja wohl nicht vor, meiner richtigen Oma in den Himmel zu folgen?
„Du musst bei mir bleiben!“, sagte ich deshalb traurig und das Geheimnis war auf einmal gar nicht mehr so wichtig. „Ich brauche dich doch!“
Oma Socke standen Tränen in den Augen. Dabei hatte ich sie gar nicht traurig machen wollen, ich hatte doch nur eine Frage gestellt und nun waren wir beide kurz vorm Weinen.
„Ist schon gut, wir müssen ja alle mal gehen!“, sagte sie und dann lächelte sie wieder. „Pass auf, ich erzähle dir jetzt, warum meine Socken so beliebt sind. Sie haben außer der Wolle zwei Zutaten, die sie so besonders machen.“
Das klang geheimnisvoll und ich wollte nun unbedingt wissen, welche Zutaten das waren. Irgendwie klang das lustig, wie beim Backen.
„Und? Was waren das für Zutaten?“, fragte ich.
„Die erste ist die Liebe!“, sagte sie und strich liebevoll über den fast fertigen Strumpf, den sie gerade in Arbeit hatte. „Man muss beim Stricken Freude empfinden und liebevoll an denjenigen denken, für den sie bestimmt sind!“
Das konnte ich verstehen, schon deshalb, weil in meinem Zimmer ein Bild hing, auf dem folgender Spruch stand: Was man mit Liebe tut, wird immer gut! Mama hatte mir das erklärt und seitdem machte ich sogar meine Hausaufgaben mit Liebe, dann ging es mir viel leichter von der Hand. Ich sagte jetzt nicht „Ich liebe dich“ zum meinen Matheaufgaben, das wäre doch zu viel des Guten gewesen. Aber ich ging mit Freude an die Sache und Freude und Liebe liegen ja eigentlich ganz nah beieinander, oder?
„Und? Die zweite Zutat?“, fragte ich ungeduldig.
„Die habe ich vom Nikolaus empfohlen bekommen!“, behauptete Oma Socke. „Warte, ich zeige es dir!“ Sie griff nach ihrem Haarknoten, löste ihn und ihre weißen Haare fielen über ihre Schulter. Wie ein Engel sah sie plötzlich aus. Ich hätte niemals gedacht, dass Oma Socke so lange Haare hatte. Sie griff ein einzelnes Haar und zog es mitsamt der Wurzel aus. Aua! Dann nahm sie ihr Strickzeug, legte das Haar über den linken Zeigefinger, zusammen mit dem Wollfaden, und strickte es in die nächsten Maschen mit ein.
Dann erklärte sie: „Der Nikolaus hat einmal einige Paare Socken bei mir bestellt, die waren für eine arme Familie bestimmt. Am Nikolausabend wollte er die Socken in deren Stiefel stecken. Aber vergiss nicht, sagte er zu mir, eines deiner Haare in jedem Socken mit zu stricken. Das wärmt besonders gut, der Winter wird hart! Selbstverständlich habe ich seinen Wunsch erfüllt und seitdem stricke ich in jede Socke ein Haar von mir mit hinein! So ist das!“
Ihr könnt euch vorstellen, dass ich erstmal sprachlos war. Aber ich weiß genau, dass es stimmt, denn, wie gesagt, ich hatte auch mal ein Paar Socken von Oma Socke, das ich gehütet habe wie meinen Augapfel.
Jetzt kennt ihr das Geheimnis der besten Socken der Welt. Vielleicht strickt ihr ja auch, dann strickt doch mal ein eigenes Haar mit ein, vielleicht funktioniert es bei euch auch – und: vergesst die Liebe nicht!

© Regina Meier zu Verl
Hier lese ich dir die Geschichte vor

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Bildquelle ArtTower/pixabay