Vom kleinen Trecker, der so gern gebraucht werden wollte (4)

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Spazierfahrt im Morgengrauen
Mit einem Ruck setzte sich der Bauer Josef im Bett auf. Hatte er geträumt, oder war es wirklich so, dass er den Motor des kleinen Treckers gehört hatte? Mitten in der Nacht. Er sah auf den Wecker, vier Uhr.
Er lauschte, hörte aber nichts. Margret, seine Frau, hatte die Decke bis zum Kinn gezogen und schnarchte leise vor sich hin.
„Es wird schon nichts gewesen sein“, beruhigte sich Josef und kuschelte sich wieder ein. So schön warm war es im Bett und er konnte noch gut zwei Stunden schlafen. Als er gerade wieder ein-schlummern wollte, hörte er es wieder. Jetzt war er sicher, dass er nicht träumte.
Mit einem Satz war er aus dem Bett, schlüpfte in Hose und Sweatshirt und flitzte dann barfuß die Treppen hinunter. Er nahm den Hausschlüssel vom Haken und wollte die Tür aufschließen, als er bemerkte, dass diese offen war.
„Ich habe doch nicht vergessen, sie gestern Abend abzuschließen, das weiß ich ganz genau!“, schimpfte Josef. Er lief über den Hof zur Scheune, das Tor stand weit offen und der Trecker – war nicht da.
„Das gibt es doch nicht!“ Josef rannte zurück zum Haus.
„Margret, Vater, steht schnell auf, jemand hat unseren kleinen Trecker gestohlen“, schrie er und seine Stimme überschlug sich vor Ärger.
Noch ganz verschlafen erschien Margret oben an der Treppe.
„Beruhige dich doch, das wird sich schon aufklären“, versuchte sich ihren Josef zu beruhigen. Sie klopfte an die Zimmertür ihres Vaters.
„Papa, bist du wach? Du musst schnell kommen!“, rief sie und öffnete gleichzeitig die Tür zum Zim-mer des Vaters.
Doch der war nicht da. Jetzt bekam Margret einen riesigen Schreck.
„Er ist nicht da“, schrie sie, „Vater ist nicht da!“
Josef wusste sofort, was passiert war. Der alte Herr machte eine Spazierfahrt mit dem Trecker. Und weil er das nicht durfte, hatte er die frühen Morgenstunden gewählt, damit ihn niemand aufhalten konnte. So musste es sein.
Josef nahm ihm das gar nicht übel, doch er sorgte sich sehr, denn der Vater war in den letzten Jahren vergesslich geworden und manchmal wusste er gar nicht mehr wo er war. Es war sogar schon vorgekommen, dass die Polizei ihn nach Hause gebracht hatte, wenn er sich mal wieder im Dorf verlaufen hatte. Seitdem sollte er nicht mehr mit dem Auto oder dem Trecker fahren, das war viel zu gefährlich.
„Wir müssen ihn suchen!“ Josef schnappte sich den Autoschlüssel.
„Fahr zum Teich!“, rief Margret ihm nach. „Das ist sein Lieblingsplatz!“ Doch Josef hörte sie schon nicht mehr, er ließ den Wagen an und fuhr los. So schnell war der Trecker ja nicht, er würde ihn schon finden.
Währenddessen fuhr der kleine Trecker mit dem Vater Fritz auf dem Fahrersitz in den Morgen. Noch war niemand auf der Straße unterwegs. Sie bogen in einen Waldweg ein.
„Ist das nicht wunderbar hier, kleiner Trecker?“, rief Fritz begeistert. „Wie oft sind wir beide durch die Gegend gefahren, aber nun sind wir alt geworden. Du hast es gut, du wirst noch gebraucht. Aber ich, ich darf nicht einmal mehr allein fahren. Sie haben Angst, dass ich mich verirre. Aber ich weiß mir zu helfen, und du, kleiner Trecker, du weißt den Weg ja auch, stimmt’s?“
Der kleine Trecker hupte einmal kurz zur Bestätigung. Fritz lacht laut auf.
„Du verstehst mich, ich wusste es doch!“, rief er voller Freude.
Der Trecker hupte wieder und noch einmal und noch einmal. Er hatte den Josef entdeckt, der nun aufmerksam wurde und ebenfalls in den Waldweg einbog und hupend auf sich aufmerksam machte. Fritz hielt den Trecker an und schaute sich um.
„Schau an, der Josef!“, rief er und kletterte vom Trecker. „Was machst du denn hier im diese Zeit?“
Josef schluckte seinen Ärger hinunter. Zu froh war er, dass er Fritz gefunden hatte und dass ihm nichts passiert war.
„Ich will euch abholen, das Frühstück ist gleich fertig!“, behauptete er.
„Fahrt ihr schon vor, ich bleibe hinter euch!“
Fritz stieg wieder auf den Trecker und ließ ihn erneut an. Dann fuhren sie rechts ab und wieder zurück zum Hof. Margret stand in der Tür. Erleichtert schloss sie ihren Vater in die Arme.
„Gott sei Dank, da seid ihr ja wieder!“
„Klar, wir haben Hunger und Kaffeedurst“, lachte Fritz und drückte seine Tochter.
„Ich geh schon nicht verloren, der kleine Trecker kennt den Weg!“
Seit diesem Tag nahm Josef den Treckerschlüssel mit ins Bett, ihr könnt euch schon denken warum das so war, stimmt’s?
© Regina Meier zu Verl

Vom kleinen Trecker, der so gern gebraucht werden wollte (Teil 3)

An einem Morgen im September betritt der Bauer Josef aufgeregt die Scheune.
„Moin, kleiner Trecker!“, ruft er und zieht die Plane herunter, die den Trecker vor Staub schützen soll.
„Wir haben es eilig, am Waldrand ist jemand mit seinem Auto stecken geblieben, weil es doch die ganze Nacht geregnet hat.“
Er stellt das Scheunentor weit auf, schwingt sich auf den Treckersitz und schon geht es los. Ist das eine Freude für den kleinen Trecker. Da braucht jemand seine Hilfe und dieses ist seine allerliebste Aufgabe.
‚Ich gehöre eben doch noch nicht zum alten Eisen‘, denkt er und lässt den Motor aufheulen, vor lauter Freude hupt er dann noch laut und Josef wundert sich, denn er hat die Hupe gar nicht betätigt. Er weiß allerdings, dass der Trecker manchmal ein Eigenleben führt und in seinem Alter gesteht er ihm das zu. Josef grinst und genießt die Fahrt durch die frische Morgenluft.
Schon nach ein paar Minuten erreichen sie den Waldrand und da steht es, das Auto, das sich nicht mehr allein befreien kann. Es ist über und über mit Schlamm bespritzt und der Fahrer steht daneben und betrachtet seinen schmutzigen Wagen.
„Gut, dass Sie kommen!“, ruft er Josef zu. „Ich habe einen wichtigen Termin und wollte nur kurz zum Telefonieren hier anhalten. Aus diesem Schlamm komme ich aber nicht mehr heraus!“, schimpft er.
„Schon gut“, brummt Josef, er befestigt ein Stahlseil am Trecker und verbindet dann Trecker und Auto miteinander.
„Dann wollen wir mal!“ Vorsichtig zieht Josef mithilfe des Treckers das Auto aus dem Morast.
„Wunderbar!“, ruft der Autobesitzer begeistert. „So ein Trecker ist Gold wert!“
Josef grinst.
„Stimmt, wir sind ein gutes Team, wir beide, nicht wahr, kleiner Trecker?“
Zur Antwort erklingt ein Hupen, der Fremde wundert sich und Josef klatscht fröhlich in die Hände.
„Was bin ich Ihnen schuldig?“, fragt der BMW-Fahrer, doch Josef lehnt ab.
„Ist schon gut“, sagt er und schwingt sich wieder auf den Sitz.
„Haben wir gern gemacht!“
Der kleine Trecker hupt, dann lässt er den Motor noch einmal kräftig aufheulen, bevor Josef und er wieder nach Hause fahren, dabei machen sie einen kleinen Umweg, wegen der herrlichen Morgenluft.

© Regina Meier zu Verl

Vom kleinen Trecker, der so gern gebraucht werden wollte 1

Gebraucht werden ist schön (Folge 1)

Auf einem Bauernhof, gar nicht weit von hier, steht in einer Scheune ein kleiner roter Trecker. Die rote Farbe sieht man fast nicht mehr, denn eine dicke Staubschicht hat sich in den letzten Monaten auf die Bleche gelegt. Der Trecker ist traurig. Früher hat er hart gearbeitet, heute wird er nicht mehr gebraucht. An seiner Stelle schafft jetzt ein neuer, moderner Traktor. Er ist grün und etwas größer als unser trauriger Geselle.
Am ersten Sonntag im Juli soll auf dem Hof das Heu eingefahren werden. In der Scheune wurde Platz geschaffen, das Scheunentor steht weit auf, so dass der kleine Trecker auf den Hof sehen kann. Wie gern würde er nun helfen, aber niemand kümmert sich um ihn.
Gerade kommt der grüne Trecker aus der Wiese zurück. Er hat das Heu noch einmal gewendet und in Welle gefahren, jetzt hängt der Bauer die Heupresse an und dann wird es losgehen zum Pressen.
Die Helfer fahren mit den Fahrrädern voraus, der Bauer geht noch kurz ins Haus. Dann schwingt er sich auf den Sitz und will den Trecker anlassen. Doch – es passiert nichts, der grüne Trecker macht keinen Mucks. „Verflixt!“, flucht der Bauer und steigt wieder ab. „Was ist denn nun wieder los?“
Natürlich bekommt er keine Antwort, Trecker reden nur, wenn der Motor läuft. Wenn ihnen etwas fehlt, dann fangen sie an zu stottern oder brummen. Ein Trecker, der nicht läuft, kann nicht sagen, was los ist. Der Bauer weiß das eigentlich, trotzdem versucht er es noch einmal: „Kannst du mir mal sagen, warum ich so viel Geld ausgegeben habe für dich und wenn es drauf ankommt, dann springst du nicht an?“
Der Bauer überprüft, ob noch genügend Treibstoff im Tank ist, er öffnet auch die Motorhaube und schaut dort nach dem rechten. Doch er kann machen, was er will, der Trecker schweigt.
Dunkle Wolken ziehen am Himmel auf, in der Ferne hört man schon den Donner grummeln. Ein Gewitter zieht auf.
‚Hol mich hier raus‘, denkt der rote Trecker. ‚Gleich gibt es Regen und dann ist das schöne Heu plitschnass!‘
Genau dieser Gedanke kommt auch dem Bauern in diesem Moment, er rennt in die Scheune, nimmt einen Besen und fegt den kleinen Traktor ab. Das kitzelt, der Kleine muss lachen – aber nur ganz leise. “Lass mich nicht im Stich, Kleiner!“, sagt der Bauer und streicht liebevoll über das Schutzblech. Er überprüft die Reifen, es ist alles in bester Ordnung und etwas Diesel ist auch noch im Tank. Der kleine rote Trecker springt auf Anhieb an und schnurrt wie eine Katze.
Die Heupresse wird angehängt und dann geht es ab zur Wiese, wo schon alle warten. Sie staunen, dass der Bauer mit dem alten Trecker angefahren kommt, aber sie sind so froh, dass er ohne Probleme durch die Reihen fährt und das Heu in Bunde presst.
Rechtzeitig vor dem Regen schaffen sie es alle zusammen, das Heu aufzuladen und zu Hause in der Scheune zu verstauen.
Alle sind froh und besonders froh ist der kleine rote Trecker, der beweisen konnte, dass man auch wenn man schon etwas älter ist und nicht mehr ganz so modern, seine Arbeit tun kann und gebraucht wird.
© Regina Meier zu Verl

Margeritentraum

Margeritentraum

Am Rande einer viel befahrenen Straße wohnt eine Gruppe von Wiesenblumen. Die meisten stammen aus der Familie der Margeriten, aber auch Mohni Klatschmohn und ihre Freundin Kornelia Kornblum sind dabei.
Margarete, die größte von ihnen plappert vor sich hin:
„Hört ihr die Kirchenglocken? Sicher ist heute wieder eine Hochzeit. Die Braut trägt Margeriten in den Haaren und der Bräutigam, meine Güte, sieht der gut aus!“
Die anderen Blumen kichern leise.
„Die spinnt mal wieder“, stellt Maggy fest, die ihrer Schwester zum Verwechseln ähnlich sieht.
„Aber die Glocken läuten ja wirklich, vielleicht kann Margarete hellsehen und weiß, dass es eine Trauung ist“, wirft Mohni ein.
„Quatsch mit Soße, heute ist Freitag und nachmittags sind immer Trauungen“, erklärt der Spitzwegerich, der immer alles weiß. Jedenfalls behauptet er das.
Margarete überhört die Unterhaltung der anderen, sie träumt weiter.
„Und die Engelchen streuen Rosenblätter, mein Gott, sind die niedlich!“
„Die Rosenblätter?“, fragte der Spitzwegerich und lacht hämisch.
„Nein, die Engelchen natürlich. Du bist aber auch kein bisschen romantisch!“, schmollt Margarete. „Man wird ja wohl noch träumen dürfen!“
„Vielleicht wird dein Traum irgendwann wahr und du wirst auf dem Kopf einer Braut zum Altar schreiten, meine Liebe“, tröstet Greta, die sich bisher zurückgehalten hat. „Ich würde dich gern begleiten, wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben!“

Zur gleichen Zeit sitzt Marie im Friseursalon nahe der Kirche. Dicke Tränen kullern über ihre Wangen. Dabei sieht sie so hübsch aus in ihrem weißen Seidenkleid, das über und über mit Spitze besetzt ist.
„Das ist doch nicht so schlimm, Marie, gleich ist alles wieder in Ordnung und dann gehst du zur Kirche und heiratest deinen Christian und ihr werdet glücklich werden und diese kleine Panne ganz schnell vergessen!“
„Ja, aber …“, schluchzt Marie, „der Schleier ist hin und eine richtige Braut braucht doch einen Kopfschmuck.“
Die Friseurin flüstert dem Lehrmädchen Nadine etwas ins Ohr. Diese verlässt eilig den Salon und kehrt nach ein paar Minuten mit einem Strauß Margeriten zurück. Mit flinken Fingern zaubert sie einen Blütenkranz und dann bekommt die Braut Marie einen wunderschönen Haarschmuck, der noch bezaubernder ist als der Schleier, der zuvor in der Autotür hängen geblieben war und zerriss.
Maries Augen strahlen und die Friseurin und Nadine, das Lehrmädchen, strahlen auch.

Am Rande der viel befahrenen Straße stehen Mohni, Kornelia und der kluge Herr Spitzwegerich. Die Damen sind in Gedanken versunken und Herr Spitzwegerich kämpft mit den Tränen. Er ist eben doch ein wenig romantisch.
Die Margeriten sind verschwunden, wo sie sind, dass ahnt ihr längst, nicht wahr?
Klar, alle zieren die Kopf der Braut, bis auf Margarete, die sitzt im Knopfloch des Bräutigams und sie ist hin und weg, meine Güte, sieht der gut aus!

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle Oldiefan/pixabay

Reiselust

Reiselust
Einen Reisekatalog nach dem anderen hatte Sonja gewälzt. Das war durchaus interessant, aber eine Entscheidung darüber, wohin der Urlaub im Oktober gehen sollte, hatte sie noch nicht treffen können. So langsam aber sicher wurde es Zeit. In Die engere Wahl waren drei verschiedene Angebote gekommen, die sie ihrem Mann am Abend vorstellte.
„Ich zähle auf deine ehrliche Meinung, Jochen, also, hör zu: Das erste Angebot ist eine Reise mit dem Fahrrad entlang der Mosel. Wir fahren mit dem Zug bis Trier und starten von dort aus flussaufwärts bis nach Konz!“
Jochen unterbrach seine Frau: „Das kannste vergessen! Ich radel doch nicht wie ein Blöder durch die Landschaft und abends kann ich mich nicht mehr bewegen vor lauter Muskelkater. Nee, das ist nichts für mich. Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass du mich dazu überreden kannst!“
Sonja grinste, damit hatte sie gerechnet und deshalb diesen Vorschlag auch zuerst unterbreitet. Sie selbst war sportlich genug für so eine Tour. Sie trainierte ja auch ständig, während Jochen im Sessel saß und in seinen Büchern versank. Nach Trier wollte sie schon immer mal und vielleicht einen kleinen Abstecher nach Luxemburg machen. Dort war sie auch noch nie gewesen. Nun gut. Sonja legte Vorschlag Eins zur Seite und startete den nächsten Versuch.
„Na, dann nicht! Ich kann ja auch mit Evelyn mal dorthin fahren. Hiermit unterbreite ich dem geschätzten Faulpelz meinen Vorschlag Nummer Zwei: Wir fahren nach Husum und nehmen an den Husumer Krabbentagen teil. Du kannst dort frische Krabben direkt vom Krabbenkutter kaufen. Du magst die kleinen Würmchen doch so gern! Sonntags gibt es sogar eine Krabbenpuul-Meisterschaft. Du könntest vorher ein bisschen üben.“ Sonja schüttelte sich. Sie mochte keine Krabben, aber es gab auch einen großen Kunsthandwerkermarkt, den sie gern besuchen würde.
Jochen fand den Vorschlag ganz okay, aber mehr auch nicht.
„Können wir nicht irgendwohin fahren, wo es ruhig ist und ich in Ruhe lesen kann?“, fragte er und nahm sein Buch wieder zur Hand. Ein deutliches Signal, dass er nicht mehr aufmerksam zuhören würde.
„Hör dir wenigstens noch meinen dritten Vorschlag an“, sagte Sonja verärgert.
„Wir mieten ein Wohnmobil und fahren zu deinem Bruder in den Schwarzwald. Im Oktober blühen dort die Herbstzeitlosen auf den Wiesen. Weißt du noch, wie schön das aussieht? Ich könnte meine Malsachen mitnehmen und Wiesen und Berge malen und du …“
„Ich könnte lesen bis der Arzt kommt!“, jubelte Jochen.
Sonja lachte laut auf. „Der Arzt müsste nur kommen, wenn ich dir einen leckeren Salat aus Herbstzeitlosen zubereiten würde! Die sind nämlich hochgiftig!“
„Als wenn ich das nicht wüsste“, sagte Jochen und deutete auf seinen Roman. „In meinem Buch wurde gerade eine freche Ehefrau auf diese Weise beseitigt!“
Sonja boxte ihn leicht auf den Oberarm, die Mühe mit den Reisekatalogen hätte sie sich sparen können, wie immer.

© Regina Meier zu Verl

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gemalt von Regina Meier zu Verl

Wilde Rosen

Hier in unserer Nähe, in Schloss Holte-Stukenbrock, gibt es ein Seniorenheim mit dem Namen Wiepeldorn. Ich bin oft dort vorbei gefahren, ohne zu wissen, was der Name bedeutet, denn vom Klang lässt sich das kaum ableiten, vielleicht könnte der zweite Teil des Wortes einen Hinweis geben? Nun ja, ich habe es heraus bekommen und dann fiel mir dazu eine kleine Geschichte ein, die euch nun aufklären wird, lest selbst:

Wilde Rosen

„Na, kleine Wiepeldorn, willst du mir helfen?“
Wibke sieht ihren Opa verärgert an.
„Du weißt genau, dass ich Wibke heiße und nicht Wiepeldorn!“, schimpft sie.
Opa legt den Malpinsel beiseite und streckt die Arme aus.
„Komm her und lass dich mal knuddeln!“, bittet er und Wibke kann nicht widerstehen.
Opa ist der Beste, auch wenn er immer so komische Namen für sie erfindet. Das Wort Wiepeldorn hat sie heute zum ersten Mal gehört. Während sie sich an Opa kuschelt, erklärt er:
„Das ist der plattdeutsche Name für wilde Rosen und die sind besonders hübsch, so wie du. Sie sind traumhaft schön, duften köstlich und ab und zu pieksen sie ein wenig.“
Die Kleine lächelt. Mit einer Rose mag sie gern verglichen werden.
„Sind sie so schön, wie auf deinem Bild dort?“, fragt sie und Opa nickt bestätigend.
„Ja, genau so schön. Sicher noch schöner, weißt du, die Natur bringt Blumen hervor, die man so schön niemals malen kann.“
Er nimmt seinen Malpinsel und setzt seine Arbeit fort. Wibke sieht ihm dabei zu und nimmt sich vor, eines Tages mal ein genauso guter Maler zu werden wie Opa. Dann wird sie auch Wiepeldorns malen, ganz viele.

Regina Meier zu Verl

Zum Malen schön – ein Rosenbusch, Foto © Andrea Oberdorfer

Nachbar Friedel und die Hasen

Nachbar Friedel und die Hasen

„Wenn ich früh in den Garten geh, mit meinem grünen Hut, ist mein erster Gedanke, was nun mein Liebster tut, ist mein erster Gedanke, was nun mein Liebster tut!“
Einen grünen Hut habe ich nicht, aber diese Melodie kommt mir stets in den Sinn, wenn ich in den Garten gehe, den ich sehr liebe.
Es gedeiht alles prächtig und mein Kräuterbeet ist ein Traum. Für mich darf es im Sommer jeden Tag Salat mit frischen Kräutern geben.
Heute aber soll es bei mir Bratkartoffel mit Spiegeleiern geben. Dazu brauche ich ein wenig Schnittlauch. Ich nehme also meine Kräuterschere, ziehe die Gummistiefel an und wandere in den Garten.
Der Nachbar ist auch schon aktiv, er winkt mir fröhlich zu. Ein sympathischer Mensch ist er und den ganzen Tag an der frischen Luft tätig. Nun ja, er ist auch schon Rentner und hat viel Zeit. Ganz so gepflegt wie sein Garten ist meiner wohl nicht.
Als ich am Beet ankomme, traue ich meinen Augen nicht. Wo gestern noch herrliche Petersilie stand, ragen nun nur noch die Stängel aus der Erde, abgefressen, alles!
Schnittlauch mochte der Dieb wohl nicht und auch die Kohlrabipflanzen sind weitgehend unversehrt. Ich atme dreimal tief durch, aber es gelingt mir nicht, mich zu beruhigen.
„Verdammter Mist!“, rufe ich laut und dann, als wäre der Fluch nicht schon genug, trompete ich noch dreimal das verflixte Sch-Wort hinterher, das ich meinen Kindern immer verboten habe. Zur Krönung werfe ich die Schere mit Nachdruck auf die Erde. Dabei kann sie nun wirklich nichts dafür.
„Was ist los?“, ruft der Nachbar.
Ich schäme mich, wie konnte ich nur so ausfallend fluchen?
„Guten Morgen, junger Mann!“, rufe ich keck, um das Bild, das er nun von mir haben wird wieder gerade zu rücken. Daraufhin setzt er sich in Bewegung und kommt an den Zaun.
„Ist was passiert?“, fragt er besorgt.
„Das kann man wohl sagen – meine Petersilie, sie ist weg. Völlig abgefressen, dabei war sie so herrlich nachgewachsen.“
„Das waren die Hasen. Bei mir waren sie auch schon. Ich habe jetzt einen Draht gezogen, damit sie keinen Schaden mehr anrichten können. Das sollten Sie auch machen!“, rät er mir.
„Ja, das sollte ich wohl tun“, stimme ich ihm zu. Er bietet mir seine Hilfe an.
„Ich mach das gern für Sie, soll ich?“
„Das würden Sie tun?“ Ich bin hoch erfreut über so viel Hilfsbereitschaft und schlage einen Handel vor.
„Dafür mache ich uns nun leckere Bratkartoffeln und lade Sie auf meine Terrasse ein!“
Der Nachbar freut sich und stiefelt gleich los, um Draht und Werkzeug zu holen. Ich schneide etwas Schnittlauch ab und mache mich auf den Weg in die Küche.
Es macht Spaß für Zwei zu kochen. Herr Müller ist ebenfalls schon lang allein.
Draußen wird gehämmert und geklopft und in der Küche duftet es nach Speck, Zwiebeln und Kartoffeln, köstlich.
Gerade, als ich den Tisch fertig gedeckt habe, schellt das Telefon. Johanna, meine Freundin, hat Lust auf einen Plausch. Aber ich vertröste sie auf den Nachmittag.
„So, so“, sagt sie. „Du hast also Besuch und willst mir nicht erzählen, wer es ist!“
„Später!“, flüstere ich, denn ich sehe, dass sich Herr Müller auf das Haus zukommt.
Wir unterhalten uns sehr gut, Friedel und ich. Das Du ergab sich gleich nach dem ersten Glas Bier, das ich heute einmal ausnahmsweise zum Mittagessen mit ihm getrunken habe. Zu Bratkartoffeln passt das einfach wunderbar, das Bier und das Du.
Friedel hat mir versprochen, weitere Arbeiten in meinem Garten zu erledigen. Dafür werde ich für ihn kochen, ab und zu. Er wird den ein oder anderen Salatkopf beisteuern und bald sind auch die Kirschen reif, da backen wir dann einen wunderbaren Kirschkuchen. Mal sehen.
Mein erster Weg am Morgen ist noch immer der in den Garten, dabei summe ich:
„Wenn ich früh in den Garten geh mit meinem grünen Hut, ist mein erster Gedanke, was nun mein Nachbar tut, ist mein erster Gedanke, was nun mein Nachbar tut.“

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle HoiliHo/pixabay

Tims Gedankenreisen

Tims Gedankenreisen

Heute habe ich mal wieder eine kleine Reise gemacht. Schön war’s! Meine Eltern glauben mir das ja nicht. Sie sagen, dass ich zu viel Fantasie habe.
Ganz ehrlich gesagt: Sie haben keine Ahnung. Manchmal tun sie mir sogar ein bisschen leid. Dabei ist alles so einfach. Wie gern würde ich sie einmal mitnehmen. Doch sie sagen, dass sie keine Zeit haben. Schade!
Ich brauche dafür nur zwei Cent, vielleicht ginge es sogar ganz ohne Geld, aber so ist es angenehmer. Ich hole mir für zwei Cent einen Kirschlutscher bei Tante Conny, unten im Kiosk. Manchmal bekomme ich einen zweiten geschenkt und das freut mich dann immer total.
Mit dem leckeren Lutscher lege ich mit auf mein Bett und schließe die Augen. Dann dauert es gar nicht lange und ich sehe in Gedanken eine dicke Wolke heranschweben. Wie auf einem Bahnhof: die Wolke kommt, ich steige auf, stecke den Kirschlolli in den Mund und schon geht es los. Langsam erheben wir uns in die Luft. Ich sehe unser Haus, den Garten, das Dorf und dann fliegen wir weiter, die Wolke und ich.
Heute waren wir an der Nordsee. Dort war ich mit meinen Eltern schon oft, deshalb erkenne ich auch genau, was dort unten zu sehen ist. Zum Beispiel der Leuchtturm, das war der von Borkum. Ich meine den rot-weiß geringelten, sicher kennt ihr den auch. Auf Borkum gibt es ja noch zwei, die gefallen mir auch, aber eben nicht so gut wie der Kleine. Das Rot-Weiß kann man auch erkennen, wenn der Turm nicht beleuchtet ist, tagsüber strahlen die Farben schon von weitem.
Die Wolke bringt mich überall hin, ich muss es mir nur vorstellen und schon bin ich da. Das ist so toll, probiert es doch auch mal aus.
Ihr meint, dass es Träume sind? Nein, nein, ich schlafe ja gar nicht, ich reise und das ist wirklich wahr. Ich höre sogar, wenn Papa nach Hause kommt und nach mir ruft. Dann lasse ich mich ganz schnell wieder auf dem Boden absetzen und unterbreche die Reise kurz, um Papa zu begrüßen. Fröhlich erzähle ich vom Leuchtturm und vom schönen Wetter am Meer. Er streicht mir dann übers Haar und sagt: „Mein kleiner Märchenerzähler!“
Tja, so ist das mit Papa, er glaubt mir nicht und denkt, dass er zu alt ist für Gedankenreisen.
Dabei könnte er das auch, er muss es einfach nur ganz fest wollen.
Probiert es doch auch mal aus und denkt an den Kirschlutscher!

P.S. Mama sagte noch, dass ich unbedingt dazu sagen muss, dass man, wenn man das ausprobiert hinterher die Zähne putzen soll … also: macht das!

© Regina Meier zu Verl

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Wolkenlachen und Sonnenstrahlgeflüster

Wolkenlachen und Sonnenstrahlengeflüster

Die Geschichte wurde von Tanja Esche vertont – es lohnt sich, die Aufnahme anzuhören, sie macht das wirklich super. Folgt bitte dem Link KLICK

Ein kleiner Sonnenstrahl hatte sich mit vielen anderen seiner Art versammelt. Gemeinsam planten sie, den Menschen auf der Erde einen sonnigen Tag zu schenken. Aber es gab ein Problem, ein recht dickes Problem sogar. Besser gesagt, eine dicke Wolke.

„Geh zur Seite, dicke Wolke!“, wisperten die Sonnenstrahlen. Die Wolke hörte das nicht, denn die Sonnenstrahlen waren ja klein und ihre Stimmen drangen nicht bis zu ihr durch. Doch unermüdlich versuchten es die Sonnenstrahlen weiter, zuerst freundlich:

„Würden Sie bitte verschwinden, Wolke, wir möchten gern zur Erde strahlen!“, riefen sie im Chor. Nichts tat sich, im Gegenteil, die Wolke hatte wohl eine Freundin eingeladen, die sich nun zu ihr gesellte und mit ihr plauderte.

„Meine Damen, halten Sie doch ihren Plausch bitte woanders!“, rief einer der Sonnenstrahlen. Die Wolkendamen ließen sich aber nichts anmerken, oder hatten sie es wieder nicht gehört?

Nun wurden die Sonnenstrahlen ungeduldiger und prompt vergaßen sie ihre Höflichkeit.

„Weg da! Sofort!“, riefen sie so laut sie eben konnten. Das brachte aber auch keinen Erfolg.

„Wir müssen uns etwas überlegen“, meinte der kleinste der Strahlen. „Ich habe eine Idee!“

Die anderen lachten. Dieser Winzling war doch ein Neunmalklug. Sie konnten sich nicht vorstellen, wie man die dicken Wolken dazu bewegen könnte, vom Himmel zu verschwinden. Höflich ging es nicht und mit Geschimpfe auch nicht.

„Na, dann schieß mal los!“, sagten sie.

Der Kleine schüttelte sich. „Keine Gewalt, meine Lieben und geschossen wird hier schon gar nicht!“, rief er. „Wir könnten folgendes probieren! Wir verteilen uns und kitzeln die Wolken so lange, bis sie endlich verschwinden. Das müsste funktionieren!“

Die Sonnenstrahlen kicherten, das würde ein Spaß werden und vielleicht hatte der Kleine ja recht und es gelang, die Wolken zu vertreiben. Sie verteilten sich also und jeder kitzelte an seinem Platz die dicken Wolken und siehe da, die Wolken lachten laut auf; sie teilten sich und wurden zu vielen kleinen Wolken, durch deren Lücken die Sonnenstrahlen die Erde erreichen konnten.

Auf der Erde stand ein Kind am Fenster. Gerade noch hatte es traurig den Himmel betrachtet, doch dann sah es das Schauspiel der Sonnenstrahlen und Wolken und wenn es sich nicht getäuscht hatte, dann hatte es sogar das Lachen der Wolken vernommen. Da lachte es auch, zog seine Schuhe an und lief in den Garten.

„Danke, liebe Sonnenstrahlen, danke, liebe Wolken!“, rief es glücklich.

„Gern geschehen!“, wisperten die Sonnenstrahlen, aber das konnte das Kind nicht hören, denn die Strahlen waren ja noch klein – Sonnenstrahlenkinder eben.

© Regina Meier zu Verl

Ole und der Regenbogen

Ole und der Regenbogen

Opa Heinz und Ole saßen im Wintergarten. Gerade hatten sie in noch fleißig Unkraut gezupft im Garten.

Dann war eine dicke Regenwolke gekommen und über dem Grundstück stehen geblieben. Sie hatte ihnen das Sonnenlicht geraubt und sofort die Schleusen für einen tüchtigen Regenguss geöffnet.

Ole hatte gerade genüsslich an einer der dicken, roten Pfingstrosen geschnuppert, als ihm dicke Regentropfen in den Nacken fielen.

„Igittigitt!“, kreischte Ole und rannte aufs Haus zu.

„Was soll das denn heißen? Wir brauchen dringend Regen, jede Menge davon!“, schimpfte Opa, der sich aber trotzdem ebenfalls im Haus in Sicherheit brachte.

„Vielleicht ist es ja nur ein Schauer und wir können gleich wieder raus!“, verkündete Ole voller Hoffnung.

Doch davon wollte Opa Heinz nichts wissen.

„Nee, nee, lass mal. Es dürfte eine ganze Woche Tag und Nacht plästern!“, meinte er.

Ole lachte laut auf. Das war wieder so ein Opa-Heinz-Wort, plästern. Dieses kannte Ole schon, aber immer mal wieder tauchte ein neues Wort auf, Ole fand das sehr spannend. Er sammelte diese Wörter und benutzte sie auch mit Vorliebe. Erst neulich hatte er wieder ein neues Wort gelernt: ‚abelig‘. Opa hatte nämlich nicht mit ihm zum Eis essen gehen wollen, weil ihm so abelig war. Das bedeutet, dass einem schlecht ist.

„Was lachst du denn so albern?“, wollte Opa nun wissen.

„Ach Opa, ich finde deine Spezialwörter so toll!“, sagte Ole.

„Das sind keine Spezialwörter, und meine sind es auch nicht. Sie sind alt und kommen teilweise aus dem Plattdeutschen.“

Das fand Ole spannend. „Kannst du mir auf Plattdeutsch mal etwas beibringen, Opa?“

Opa überlegte. Dann nickte er. „Mache ich, muss ich aber erstmal drüber nachdenken!“, versprach er und als Ole den Regenbogen entdeckte, der gerade am Himmel zu sehen war, geriet das Thema zunächst wieder in Vergessenheit.

„Guck mal, Opa, so ein schöner Regenbogen!“, rief er begeistert aus.

„Wat Wunnerbooreres gifft dat nich annen Hevensrieke!“, sagte Opa.

„Was?“, rief Ole, der kein Wort verstand.

„Das war deine erste Lektion und außerdem heißt das ‚wie bitte‘“, Opa lachte.

„Wie bitte ist doch viel kürzer, das kann doch nicht sein!“

„Etwas Wunderbareres gibt es nicht am Himmelreich!“, übersetzte Opa und nachdem Ole es ein paar Mal nachgesprochen hatte, gelang es ihm auch.

„Wat Wunnerbooreres gifft dat nich annen Hevensrieke!“

Ist ja so, oder?

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle Mammiya/pixabay