Margeritentraum

Margeritentraum

Margeritentraum

Am Rande einer viel befahrenen Straße wohnt eine Gruppe von Wiesenblumen. Die meisten stammen aus der Familie der Margeriten, aber auch Mohni Klatschmohn und ihre Freundin Kornelia Kornblum sind dabei.
Margarete, die größte von ihnen plappert vor sich hin:
„Hört ihr die Kirchenglocken? Sicher ist heute wieder eine Hochzeit. Die Braut trägt Margeriten in den Haaren und der Bräutigam, meine Güte, sieht der gut aus!“
Die anderen Blumen kichern leise.
„Die spinnt mal wieder“, stellt Maggy fest, die ihrer Schwester zum Verwechseln ähnlich sieht.
„Aber die Glocken läuten ja wirklich, vielleicht kann Margarete hellsehen und weiß, dass es eine Trauung ist“, wirft Mohni ein.
„Quatsch mit Soße, heute ist Freitag und nachmittags sind immer Trauungen“, erklärt der Spitzwegerich, der immer alles weiß. Jedenfalls behauptet er das.
Margarete überhört die Unterhaltung der anderen, sie träumt weiter.
„Und die Engelchen streuen Rosenblätter, mein Gott, sind die niedlich!“
„Die Rosenblätter?“, fragte der Spitzwegerich und lacht hämisch.
„Nein, die Engelchen natürlich. Du bist aber auch kein bisschen romantisch!“, schmollt Margarete. „Man wird ja wohl noch träumen dürfen!“
„Vielleicht wird dein Traum irgendwann wahr und du wirst auf dem Kopf einer Braut zum Altar schreiten, meine Liebe“, tröstet Greta, die sich bisher zurückgehalten hat. „Ich würde dich gern begleiten, wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben!“

Zur gleichen Zeit sitzt Marie im Friseursalon nahe der Kirche. Dicke Tränen kullern über ihre Wangen. Dabei sieht sie so hübsch aus in ihrem weißen Seidenkleid, das über und über mit Spitze besetzt ist.
„Das ist doch nicht so schlimm, Marie, gleich ist alles wieder in Ordnung und dann gehst du zur Kirche und heiratest deinen Christian und ihr werdet glücklich werden und diese kleine Panne ganz schnell vergessen!“
„Ja, aber …“, schluchzt Marie, „der Schleier ist hin und eine richtige Braut braucht doch einen Kopfschmuck.“
Die Friseurin flüstert dem Lehrmädchen Nadine etwas ins Ohr. Diese verlässt eilig den Salon und kehrt nach ein paar Minuten mit einem Strauß Margeriten zurück. Mit flinken Fingern zaubert sie einen Blütenkranz und dann bekommt die Braut Marie einen wunderschönen Haarschmuck, der noch bezaubernder ist als der Schleier, der zuvor in der Autotür hängen geblieben war und zerriss.
Maries Augen strahlen und die Friseurin und Nadine, das Lehrmädchen, strahlen auch.

Am Rande der viel befahrenen Straße stehen Mohni, Kornelia und der kluge Herr Spitzwegerich. Die Damen sind in Gedanken versunken und Herr Spitzwegerich kämpft mit den Tränen. Er ist eben doch ein wenig romantisch.
Die Margeriten sind verschwunden, wo sie sind, dass ahnt ihr längst, nicht wahr?
Klar, alle zieren die Kopf der Braut, bis auf Margarete, die sitzt im Knopfloch des Bräutigams und sie ist hin und weg, meine Güte, sieht der gut aus!

© Regina Meier zu Verl

Wilde Rosen

Wilde Rosen

Hier in unserer Nähe, in Schloss Holte-Stukenbrock, gibt es ein Seniorenheim mit dem Namen Wiepeldorn. Ich bin oft dort vorbei gefahren, ohne zu wissen, was der Name bedeutet, denn vom Klang lässt sich das kaum ableiten, vielleicht könnte der zweite Teil des Wortes einen Hinweis geben? Nun ja, ich habe es heraus bekommen und dann fiel mir dazu eine kleine Geschichte ein, die euch nun aufklären wird, lest selbst:

Wilde Rosen

„Na, kleine Wiepeldorn, willst du mir helfen?“
Wibke sieht ihren Opa verärgert an.
„Du weißt genau, dass ich Wibke heiße und nicht Wiepeldorn!“, schimpft sie.
Opa legt den Malpinsel beiseite und streckt die Arme aus.
„Komm her und lass dich mal knuddeln!“, bittet er und Wibke kann nicht widerstehen.
Opa ist der Beste, auch wenn er immer so komische Namen für sie erfindet. Das Wort Wiepeldorn hat sie heute zum ersten Mal gehört. Während sie sich an Opa kuschelt, erklärt er:
„Das ist der plattdeutsche Name für wilde Rosen und die sind besonders hübsch, so wie du. Sie sind traumhaft schön, duften köstlich und ab und zu pieksen sie ein wenig.“
Die Kleine lächelt. Mit einer Rose mag sie gern verglichen werden.
„Sind sie so schön, wie auf deinem Bild dort?“, fragt sie und Opa nickt bestätigend.
„Ja, genau so schön. Sicher noch schöner, weißt du, die Natur bringt Blumen hervor, die man so schön niemals malen kann.“
Er nimmt seinen Malpinsel und setzt seine Arbeit fort. Wibke sieht ihm dabei zu und nimmt sich vor, eines Tages mal ein genauso guter Maler zu werden wie Opa. Dann wird sie auch Wiepeldorns malen, ganz viele.

Regina Meier zu Verl

Zum Malen schön – ein Rosenbusch, Foto © Andrea Oberdorfer

Tims Gedankenreisen

Tims Gedankenreisen

Tims Gedankenreisen

Heute habe ich mal wieder eine kleine Reise gemacht. Schön war’s! Meine Eltern glauben mir das ja nicht. Sie sagen, dass ich zu viel Fantasie habe.
Ganz ehrlich gesagt: Sie haben keine Ahnung. Manchmal tun sie mir sogar ein bisschen leid. Dabei ist alles so einfach. Wie gern würde ich sie einmal mitnehmen. Doch sie sagen, dass sie keine Zeit haben. Schade!
Ich brauche dafür nur zwei Cent, vielleicht ginge es sogar ganz ohne Geld, aber so ist es angenehmer. Ich hole mir für zwei Cent einen Kirschlutscher bei Tante Conny, unten im Kiosk. Manchmal bekomme ich einen zweiten geschenkt und das freut mich dann immer total.
Mit dem leckeren Lutscher lege ich mit auf mein Bett und schließe die Augen. Dann dauert es gar nicht lange und ich sehe in Gedanken eine dicke Wolke heranschweben. Wie auf einem Bahnhof: die Wolke kommt, ich steige auf, stecke den Kirschlolli in den Mund und schon geht es los. Langsam erheben wir uns in die Luft. Ich sehe unser Haus, den Garten, das Dorf und dann fliegen wir weiter, die Wolke und ich.
Heute waren wir an der Nordsee. Dort war ich mit meinen Eltern schon oft, deshalb erkenne ich auch genau, was dort unten zu sehen ist. Zum Beispiel der Leuchtturm, das war der von Borkum. Ich meine den rot-weiß geringelten, sicher kennt ihr den auch. Auf Borkum gibt es ja noch zwei, die gefallen mir auch, aber eben nicht so gut wie der Kleine. Das Rot-Weiß kann man auch erkennen, wenn der Turm nicht beleuchtet ist, tagsüber strahlen die Farben schon von weitem.
Die Wolke bringt mich überall hin, ich muss es mir nur vorstellen und schon bin ich da. Das ist so toll, probiert es doch auch mal aus.
Ihr meint, dass es Träume sind? Nein, nein, ich schlafe ja gar nicht, ich reise und das ist wirklich wahr. Ich höre sogar, wenn Papa nach Hause kommt und nach mir ruft. Dann lasse ich mich ganz schnell wieder auf dem Boden absetzen und unterbreche die Reise kurz, um Papa zu begrüßen. Fröhlich erzähle ich vom Leuchtturm und vom schönen Wetter am Meer. Er streicht mir dann übers Haar und sagt: „Mein kleiner Märchenerzähler!“
Tja, so ist das mit Papa, er glaubt mir nicht und denkt, dass er zu alt ist für Gedankenreisen.
Dabei könnte er das auch, er muss es einfach nur ganz fest wollen.
Probiert es doch auch mal aus und denkt an den Kirschlutscher!

P.S. Mama sagte noch, dass ich unbedingt dazu sagen muss, dass man, wenn man das ausprobiert hinterher die Zähne putzen soll … also: macht das!

© Regina Meier zu Verl

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Photo by Karolina Grabowska on Pexels.com

Wolkenlachen und Sonnenstrahlgeflüster

Wolkenlachen und Sonnenstrahlengeflüster

Die Geschichte wurde von Tanja Esche vertont – es lohnt sich, die Aufnahme anzuhören, sie macht das wirklich super. Folgt bitte dem Link KLICK

Ein kleiner Sonnenstrahl hatte sich mit vielen anderen seiner Art versammelt. Gemeinsam planten sie, den Menschen auf der Erde einen sonnigen Tag zu schenken. Aber es gab ein Problem, ein recht dickes Problem sogar. Besser gesagt, eine dicke Wolke.

„Geh zur Seite, dicke Wolke!“, wisperten die Sonnenstrahlen. Die Wolke hörte das nicht, denn die Sonnenstrahlen waren ja klein und ihre Stimmen drangen nicht bis zu ihr durch. Doch unermüdlich versuchten es die Sonnenstrahlen weiter, zuerst freundlich:

„Würden Sie bitte verschwinden, Wolke, wir möchten gern zur Erde strahlen!“, riefen sie im Chor. Nichts tat sich, im Gegenteil, die Wolke hatte wohl eine Freundin eingeladen, die sich nun zu ihr gesellte und mit ihr plauderte.

„Meine Damen, halten Sie doch ihren Plausch bitte woanders!“, rief einer der Sonnenstrahlen. Die Wolkendamen ließen sich aber nichts anmerken, oder hatten sie es wieder nicht gehört?

Nun wurden die Sonnenstrahlen ungeduldiger und prompt vergaßen sie ihre Höflichkeit.

„Weg da! Sofort!“, riefen sie so laut sie eben konnten. Das brachte aber auch keinen Erfolg.

„Wir müssen uns etwas überlegen“, meinte der kleinste der Strahlen. „Ich habe eine Idee!“

Die anderen lachten. Dieser Winzling war doch ein Neunmalklug. Sie konnten sich nicht vorstellen, wie man die dicken Wolken dazu bewegen könnte, vom Himmel zu verschwinden. Höflich ging es nicht und mit Geschimpfe auch nicht.

„Na, dann schieß mal los!“, sagten sie.

Der Kleine schüttelte sich. „Keine Gewalt, meine Lieben und geschossen wird hier schon gar nicht!“, rief er. „Wir könnten folgendes probieren! Wir verteilen uns und kitzeln die Wolken so lange, bis sie endlich verschwinden. Das müsste funktionieren!“

Die Sonnenstrahlen kicherten, das würde ein Spaß werden und vielleicht hatte der Kleine ja recht und es gelang, die Wolken zu vertreiben. Sie verteilten sich also und jeder kitzelte an seinem Platz die dicken Wolken und siehe da, die Wolken lachten laut auf; sie teilten sich und wurden zu vielen kleinen Wolken, durch deren Lücken die Sonnenstrahlen die Erde erreichen konnten.

Auf der Erde stand ein Kind am Fenster. Gerade noch hatte es traurig den Himmel betrachtet, doch dann sah es das Schauspiel der Sonnenstrahlen und Wolken und wenn es sich nicht getäuscht hatte, dann hatte es sogar das Lachen der Wolken vernommen. Da lachte es auch, zog seine Schuhe an und lief in den Garten.

„Danke, liebe Sonnenstrahlen, danke, liebe Wolken!“, rief es glücklich.

„Gern geschehen!“, wisperten die Sonnenstrahlen, aber das konnte das Kind nicht hören, denn die Strahlen waren ja noch klein – Sonnenstrahlenkinder eben.

© Regina Meier zu Verl

Die Elfe Sumsinella und die Rennschnecke Amalie (5)

Die Elfe Sumsinella und die Rennschnecke Amalie
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Es regnete schon den ganzen Tag. Sumsinella hatte unter einem großen Rhabarberblatt Schutz gefunden und plauderte dort mit Amalie.
„Du hast es gut, kein anderes Tier hat ein so schönes Haus wie du“, schwärmte sie.
Die Schnecke war stolz, dass das schöne Elfenmädchen sie um ihr Häuschen beneidete. Wie gern hätte sie Sumsinella ihre Wohnung geschenkt, wenn sie dafür Flügel bekommen hätte und so reizend aussehen könnte wie die Elfe.
„Man wünscht sich immer das, was man nicht haben kann“, bemerkte sie weise. „Aber ich bin nicht das einzige Tier, das ein eigenes Haus hat. Da gibt es noch die Muscheln.“
Sumsinella nickte. Davon hatte sie auch schon gehört, obwohl sie noch nie am Meer gewesen war.
„Kenne ich, auf Annas Fensterbank liegt auch so eine Muschel, es wohnt aber niemand mehr drin.“
„Wer ist denn Anna?“, fragte Amalie.
„Das ist meine kleine Menschenfreundin im Haus dort drüben.“
Die Schnecke erschrak.
„Du hast Menschenfreunde? Weißt du denn nicht, wie gefährlich die sind?“
Sumsinella sah Amalie erstaunt an.
„Ja, ich weiß, dass man sich in Acht nehmen muss. Aber Anna ist sehr nett, sie würde mir nie etwas zuleide tun.“
„Da wäre ich nicht so sicher. Ich hatte da vor kurzem so ein Erlebnis, ich muss noch jetzt zittern vor Angst, wenn ich daran denke.“ Amalie zog sich vorsichtshalber ein wenig zurück, so dass nur noch der Kopf aus dem Schneckenhäuschen schaute.
„Erzähle mal!“, drängte Sumsinella.
„Das war so: Ich spazierte gerade zwischen den Salatköpfen durch und dachte an nichts Böses, als mich plötzlich jemand packte und hochhob. Natürlich habe ich mich sofort im Häuschen versteckt. Es rumpelte und schaukelte, so dass mir ganz schlecht wurde.“
„Ach du lieber Schreck! Und dann?“, fragte Sumsinella.
„Irgendwann wurde es ruhiger, ich habe mich aber lange nicht aus dem Haus getraut. Als ich dann nachschaute, wo ich gelandet war, sah ich zuerst gar nichts von der Welt. Es war dunkel. Aber ich war nicht allein, meine Tante Gerti war ebenfalls gefangen. Wir warteten und flüsterten miteinander, als es plötzlich wieder hell wurde. Meine Güte, wie haben wir uns erschrocken!“
Sumsinella nickte mitfühlend.
„Das kann ich gut verstehen. Erzähl weiter!“
„Ja, also wir zogen uns natürlich sofort wieder zurück, was auch gut war, denn wir wurden sehr unsanft aus unserem Gefängnis geschubst und landeten auf einem dicken Stein. Hat das gescheppert, ich habe noch heute Kopfschmerzen.“
Amalie wiegte ihren Kopf hin und her, streckte ihren Nacken und seufzte.
„Aber es ist ja noch einmal gut gegangen!“
„Das ist ein großes Glück, meine Liebe. Geht es deiner Tante Gerti denn auch gut?“
„Ja, wir konnten fliehen. Das Kind, das uns eingefangen hatte, verlor schnell die Freude daran, uns aus dem Haus locken zu wollen. Irgendwann vergaß es uns wohl ganz und wir nutzen die Zeit, um so schnell wie eben möglich vom Stein zu kriechen und uns im Gras zu verstecken. Wenn einem die Angst im Nacken sitzt, dann werden Schnecken zu Rennschnecken!“ Amalie lachte und Sumsinella stimmte fröhlich ein.
„Vielleicht können wir beim nächsten Fest mal ein Schneckenrennen veranstalten!“, schlug sie vor. Das gefiel Amalie gut.
„Ich werde dann mal losflitzen und meine Freunde und Verwandten zusammentrommeln, damit wir mit dem Training beginnen können“, kicherte sie und machte sich auch gleich auf den Weg.
„Passt aber gut auf euch auf“, rief ihr Sumsinella nach.

© Regina Meier zu Verl

Die Elfe Sumsinella und die Hilfe der Ameisen (4)

Die Elfe Sumsinella und die Hilfe der Ameisen
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„Hilfe, Hilfe, hört mich denn keiner?“
Die Elfe Sumsinella sprang auf. Sie hatte ein Mittagsschläfchen gehalten und die warme Sonne genossen. Phil hatte neben ihr gelegen, doch jetzt war er weg.
„Wo bist du denn?“, rief Sumsinella und schaute sich suchend um.
„Hier, bei den Heckenrosen. Ich hänge fest!“, rief Phil und zappelte hin und her.
„Es piekt und sticht, komm, hilf mir doch!“
Sumsinella war schon bei den Heckenrosen angekommen und überlegte, wie sie den Mäuserich frei bekommen könnte.
„Hör auf zu zappeln, du machst es nur noch schlimmer!“ ordnete sie an und schob die Unterlippe vor. So konnte sie besser nachdenken.
„Ich hole Hilfe“, beschloss sie schließlich.
„Nein, auf gar keinen Fall, lass mich hier nicht allein, ich sterbe vor Angst!“, kreischte Phil.
„Aber ich kann gar nichts machen, es muss jemand kommen!“
„Dann rufen wir eben gemeinsam um Hilfe, aber bitte, geh nicht weg!“, heulte Phil und Sumsinella brachte es nicht übers Herz, ihn zu verlassen.
„Also gut, dann müssen wir uns was anderes überlegen. Sei einen Moment still, damit ich besser denken kann!“
Doch Phil rief in seiner Not schon wieder um Hilfe und Sumsinella stimmte mit ein:
„Hiiiilfe, Hiiilfe!“
„Ihr habt gerufen und hier bin ich“, war auf einmal eine feine Stimme zu hören. Sumsinella schaute sich um, sah aber niemanden.
„Wo bist du und wer bist du?“ fragte sie.
„Hier unten bin ich, neben deinem rechten Fuß.“
Sumsinella ging in die Hocke und entdeckte eine Ameise, die sie freundlich anlächelte.
„Das ist lieb, dass du gekommen bist“, freute sich Sumsinella, machte aber gleich wieder ein ernstes Gesicht.
„Meinst du wirklich, dass du uns helfen kannst?“ Sie betrachtete das Tierchen und fragte sich, wie ein so kleines Wesen nützlich sein konnte, wenn es um Phils Befreiung aus den Dornen ging.
„Ja, das glaube ich. Ich habe auch schon eine Idee, wie es gehen könnte.“
„Da bin ich sehr gespannt!“
„Ich hole noch ein paar Schwestern und gemeinsam werden wir die Haare aus den Dornen zupfen. Wir sind stark und schaffen das.“
Kaum hatte die Ameise das ausgesprochen, da näherte sich schon eine Schar ihrer Schwestern. Sie kamen im Gänsemarsch und krabbelten gemeinsam auf Phils Rücken. dort zupften und zogen sie. Ab und zu lachte Phil, weil es so kitzelte, dann wieder schrie er laut:
„Aua, könnt ihr denn nicht vorsichtig sein?“
Sumsinella schaute der Hilfsaktion zu und es dauerte gar nicht lange, da war ihr Freund frei.
Er sah ein wenig zerzaust aus, strahlte aber vor Freude und bedankte sich überschwänglich bei den Ameisen.
„Ihr seid Klasse, einsame Klasse“, rief er und strich mit den Pfötchen über seinen zerrupften Schnurrbart.
Sumsinella lachte:
„Einsam sind die Ameisen ganz bestimmt nicht. Hast du nicht bemerkt, dass es mindestens fünfzig Schwestern waren, die dich gerettet haben?“
„Echt? Deshalb hat es so gekitzelt!“ Phil kicherte.
Die Ameisen kicherten auch und machten sich dann wieder auf den Heimweg.
„Los, los!“ rief die Anführerin. „Wir haben noch jede Menge Arbeit, die Königin wartet schon auf uns.“
Sumsinella und Phil begleiteten die Ameisenkolonne noch bis zu ihrem Bau und Phil versprach, demnächst besser auf sich aufzupassen.
„Aber schön war es doch, welcher Mäuserich kann schon von sich sagen, dass ihm fünfzig Frauen gemeinsam das Fell gestreichelt haben!“
Sumsinella schüttelte den Kopf.
„Männer!“ sagte sie und buffte Phil in die Seite.

© Regina Meier zu Verl

Die Elfe Sumsinella und der englische Glückskäfer (3)

Die Elfe Sumsinella und der englische Glückskäfer

Sumsinella 3

Die wöchentliche Teestunde mit den Freundinnen war Sumsinella heilig. Ganz gleich, wie viel Arbeit sie hatte, den Mittwochnachmittag hielt sie sich frei.
Auch heute trafen sich die drei, diesmal bei Erdbeerina, die einen leckeren Kuchen gebacken hatte, auf dem frische Walderdbeeren in herrlichem Rot prangten.
„Sieht das köstlich aus!“, schwärmte Sumsinella und leckte sich die Lippen. Sie konnte es kaum erwarten, so ein herrliches Kuchenstück auf den Teller zu bekommen.
„Zum Tee habe ich Kleeblütennektar mitgebracht.“ Sumsinella reichte ihrer Freundin ein Eichelhütchen, das mit einem Birkenblatt abgedeckt und verschlossen war.
„Ich habe auch ein Geschenk!“, rief Niesella, die gerade erst angekommen war. „Schaut mal!“
Sie öffnete ihre Hand, auf der ein Marienkäferchen saß.
„Ach, wie niedlich, ein Zweipünktchen!“, rief Erdbeerina.
Der Käfer hob seine Flügel ein wenig an und krabbelte auf Niesellas Handfläche herum. Er flog aber nicht davon.
„Kann er nicht fliegen?“, fragte Sumsinella.
„Frag ihn doch selbst!“, riet Niesella und lachte.
„Kann er denn reden?“ Erdbeerina war völlig aus dem Häuschen. Ein Marienkäfer, der sprechen konnte war etwas ganz Besonderes. Normalerweise sprachen diese Glückbringerchen nicht mit den Elfen, die sonst mit jedem Waldbewohner reden konnten.
„Hallo du, wie heißt du denn?“, fragte Sumsinella und wartete gespannt auf eine Antwort.
„I am a ladybird!“, sagte der Käfer mit leiser Summstimme.
„He? Was hast du gesagt?“ Die Elfen schauten sich verwundert an. Der Käfer sprach, aber sie verstanden kein Wort.
„I am a ladybird!“, sagte der Zweipunkt jetzt und krabbelte auf Niesellas Mittelfinger, direkt bis an die Spitze. Anscheinend hatte er von dort einen besseren Blick auf die Elfenmädchen, die er nacheinander erstaunt anschaute.
„Was spricht der für eine Sprache?“, rätselte Erdbeerina. „Das klingt ganz fremd!“
Sumsinella tippt sich auf die Brust und sagte mit lauter und deutlicher Stimme:
„Sum-si-nella!“
„Ssummssinella!“, wiederholte der Käfer und Sumsinella klatschte erfreut in die Hände.
„Klasse, er versteht mich.“ Dann deutete sie auf Erdbeerina:
„Erd-bee-rina!“
Der Käfer versuchte es auch:
„Errina …“, sagte er und rollte das R ganz seltsam dabei.
Ach, machte das Spaß, mit dem Käferchen zu plaudern. Schade war aber, dass er scheinbar nur wiederholte und gar nicht verstand, was er da sagte.
Doch der Glücksbote stellte sich auf seine Hinterbeine und tippte sich nun seinerseits auf die Brust.
„Ladybird!“, sagte er laut und deutlich.
„Das ist wohl dein Name, Leedibörd, stimmt’s?“
„Yes, yes, my name is ladybird!“ Ladybird flatterte aufgeregt mit den Flügeln und machte ordentlich Wind.
„I am from England and I speak English!“, erklärte der Käfer.
“Inglisch? Du meinst sicher Englisch, oder?” Niesella war glücklich, endlich wusste sie, woher ihr neuer Freund kam und dabei hatten ihr die beiden anderen Elfen geholfen.
„Dann kommst du direkt aus dem Himmel?“, fragte sie.
Ladybird antwortete nicht und Erdbeerina und Sumsinella sahen die Freundin erstaunt an.
„Wie kommst du darauf?“, fragten sie.
„Na, wenn er Englisch spricht, dann kommt er wohl von den Engeln, woher sonst?“
Das war einleuchtend und jetzt wussten die Freundinnen auch, warum man die Marienkäferchen als Glücksbringer bezeichnete. Sie brachten das Glück direkt von den Engeln. Ja, so war es wohl.
Ladybird krabbelte wieder auf Niesellas Handfläche, pumpte ordentlich mit den Flügeln, nahm Anlauf und startete dann seinen Flug.
„Er kann fliegen! Er kann fliegen!“, rief Niesella und verdrückte ein Tränchen, weil sie doch wusste, dass ihr neuer Freund sie jetzt verlassen würde.
„Bye, bye!“, rief Ladybird und die Elfen taten es ihm nach:
„Bei, bei, kleiner Leedibörd, pass auf dich auf!“

© Regina Meier zu Verl

Die Elfe Sumsinella und die Pünktchenkrankheit (2)

Die Elfe Sumsinella und die Pünktchenkrankheit

Hier zum Anhören:

Sumsinella und die Pünktchenkrankheit 2

Heftiges Kopfweh plagte Sumsinella, nachdem sie im Flug mit Hicks, dem dicken Hummelmann zusammen gestoßen war. Hicks traf keine Schuld, Sumsinella war mit ihren Gedanken ganz woanders gewesen.
„Du musst schnell zu deiner Schwester. Sie hat die Pünktchenkrankheit. Sie ist am ganzen Körper von roten Punkten übersät und ihre Flügel hängen schlaff herunter“, hatte ihr die Brieftaube überbracht.
Sumsinella war in großer Sorge um Zitronella und jetzt war auch noch dieser blöde Unfall passiert. Auf ihrer Stirn wuchs eine dicke Beule.
„So was Blödes, die eine hat rote Punkte und die andere Beulen“, jammerte sie.
Hicks hatte ein Blütenblatt der Sumpfdotterblume erbettelt, das vom frischen Tau benetzt war.
„Sei still, hicks, und leg dich hin, hicks“, befahl Hicks, der wie immer mit seinem Schluckauf kämpfte.
„Ich werde dir, hicks, die Stirn kühlen!“
Das tat gut, Sumsinella seufzte erleichtert. Nach ein paar Minuten machte sie sich erneut auf den Weg.
Kurz bevor es dunkel wurde, erreichte sie den Garten, in dem ihre Schwester lebte. Sie lag auf einem Moosbett und war tatsächlich rot gepunktet. Das sah so lustig aus, dass Sumsinella kichern musste.
„Das ist ja wohl die Höhe“, schimpfte Zitronella. „Du lachst mich doch nicht etwa aus?“
„Nein, nein, aber du siehst schon ein wenig komisch aus.“
Zitronella umarmte die Schwester.
„Schön, dass du da bist.“
„Ich hätte noch eher da sein können, wenn ich nicht diesen dummen Zusammenstoß mit Hicks gehabt hätte. Schau mal meine Stirn an!“
Sumsinella strich ihre blonden Haare zur Seite, damit die Schwester die Beule sehen konnte.
„Du Arme!“
„Ist nicht so schlimm. Wir wollen jetzt erst einmal herausbekommen, was du für eine Krankheit hast. Ich werde Kuno Troll herbitten, der soll sich das ansehen. Sicher weiß er einen Rat.“

Am nächsten Morgen flog Sumsinella los und machte sich auf die Suche nach Kuno, der allerlei gute Heilmittel wusste.
Kuno saß vor seiner Höhle. Er las in einem dicken Buch.
„Hallo Kuno Troll, ich brauche deine Hilfe, meine Schwester ist gepunktet!“
„So, so“, brummte Kuno, der sich nicht gern beim Lesen stören ließ. „Rote Punkte?“
„Ja, genau, rote Punkte hat sie, am ganzen Körper und sie fühlt sich schwach.“
„Klarer Fall von Windpocken!“, stellte Kuno fest. „Das ist nichts Schlimmes. Allerdings …“
Sumsinella bekam einen Schreck.
„Allerdings ist die Krankheit ansteckend, es wird zehn Tage dauern, dann wirst auch du mit Punkten gesegnet sein und alle, mit denen deine Schwester und du zu tun haben.“
„Ach herrjemine“, seufzte Sumsinella. „Das ist ja schrecklich!“
„Na, na, so schlimm ist es nicht. Wenn man die Windpocken gehabt hat, dann bekommt man sie nie wieder. Das ist das Gute daran!“
Kuno erhob sich und holte eine große braune Flasche.
„Damit kannst du deine Schwester einreiben, damit es nicht zu sehr juckt. Und sag ihr, dass sie sich nicht kratzen soll, das gibt Narben.“
Sumsinella bedankte sich und versprach dem Troll, dass sie sich bald wieder melden würde.

Es passierte genau so, wie Kuno es vorausgesagt hatte. Als bei Zitronella die Pusteln langsam abheilten, fing die Pünktchenkrankheit bei Sumsinella an und ob man es glaubt oder nicht – Kuno Troll erwischte es auch.

© Regina Meier zu Verl


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Die Elfe Sumsinella (1)

Diese Geschichte ist der Auftakt zu zwölf weiteren Elfengeschichten, die ich momentan vertone und gern in Erinnerungen rufen möchte.

Hier kannst du die  Geschichte anhören:

Sumsinella 1

Die Elfe Sumsinella (1)

Den ganzen Tag hatte Sumsinella fleißig gearbeitet.
„Ach du liebes Gänseblümchen, schau dir nur dein Röckchen an, es ist ganz unordentlich“, sagte sie und zupfte die weißen Blütenblätter in Form. „So ist es schön!“
Die großen Blätter der Seerosen waren so blank poliert, dass Vater Quak beinahe ausgerutscht wäre.
„Also das ist zu viel des Guten, Sumsinella. Muss das denn sein?“ schimpfte er, meinte es aber nicht so böse, wie es klang.
„Ach Vater Quak, einer muss doch hier für Ordnung sorgen, stimmt’s?“ Sumsinella stemmte die zierlichen Hände in die Hüften und ihre zarten Flügel bebten ärgerlich während sie weiter sprach:
„Ich finde, dass alle ein wenig mehr mit helfen könnten!“
„Ich habe den ganzen Tag Fliegen gefangen“, verteidigte sich der Frosch und strich zufrieden über seinen dicken Bauch.
„Du denkst doch nur ans Essen.“ Sumsinella kicherte.
„Du lügst, manchmal denke ich auch ans Schlafen!“ Der dicke Frosch lachte albern und seine ganze Familie stimmte mit ein.
„Ich lüge niemals, damit du es weißt!“ Sumsinella hob sich in die Luft und flog verärgert davon. Auf der alten Kastanie, ließ sie sich nieder und summte ein trauriges Lied.
„Was ist denn los, Kleines?“ fragte der dicke Hirschkäfer. „Kann ich dir helfen?“
„Ach nein, du Lieber. Manchmal fühle ich mich nur so allein und dann ärgere ich mich über Kleinigkeiten“, erklärte die Elfe.
„Schade, dass ich schon verheiratet bin“, scherzte Hirschi, der nicht im Traum daran gedacht hätte, eine Elfe zu heiraten. Sumsinella war bildhübsch und konnte wunderbar singen, aber diese kleinen Flügelchen, die ständig in Bewegung waren und das emsige Treiben den ganzen Tag machte ihn ganz nervös.
„Dann schlaf schön, kleine Elfe und sing noch ein bisschen, das klingt so herrlich“, sagte Hirschi und das machte Sumsinella dann auch. Als sie zu ihrer Schlafblume flog, kam sie gerade noch rechtzeitig, bevor diese ihren Blütenkelch schließen wollte.
„Da bist du ja endlich, jetzt aber husch, husch ins Blütchen!“

© Regina Meier zu Verl


Vater Quak hat sich in den lila Blütensternchen versteckt © Regina Meier zu Verl

Ole und der Regenbogen

Ole und der Regenbogen

Ole und der Regenbogen

Opa Heinz und Ole saßen im Wintergarten. Gerade hatten sie in noch fleißig Unkraut gezupft im Garten.

Dann war eine dicke Regenwolke gekommen und über dem Grundstück stehen geblieben. Sie hatte ihnen das Sonnenlicht geraubt und sofort die Schleusen für einen tüchtigen Regenguss geöffnet.

Ole hatte gerade genüsslich an einer der dicken, roten Pfingstrosen geschnuppert, als ihm dicke Regentropfen in den Nacken fielen.

„Igittigitt!“, kreischte Ole und rannte aufs Haus zu.

„Was soll das denn heißen? Wir brauchen dringend Regen, jede Menge davon!“, schimpfte Opa, der sich aber trotzdem ebenfalls im Haus in Sicherheit brachte.

„Vielleicht ist es ja nur ein Schauer und wir können gleich wieder raus!“, verkündete Ole voller Hoffnung.

Doch davon wollte Opa Heinz nichts wissen.

„Nee, nee, lass mal. Es dürfte eine ganze Woche Tag und Nacht plästern!“, meinte er.

Ole lachte laut auf. Das war wieder so ein Opa-Heinz-Wort, plästern. Dieses kannte Ole schon, aber immer mal wieder tauchte ein neues Wort auf, Ole fand das sehr spannend. Er sammelte diese Wörter und benutzte sie auch mit Vorliebe. Erst neulich hatte er wieder ein neues Wort gelernt: ‚abelig‘. Opa hatte nämlich nicht mit ihm zum Eis essen gehen wollen, weil ihm so abelig war. Das bedeutet, dass einem schlecht ist.

„Was lachst du denn so albern?“, wollte Opa nun wissen.

„Ach Opa, ich finde deine Spezialwörter so toll!“, sagte Ole.

„Das sind keine Spezialwörter, und meine sind es auch nicht. Sie sind alt und kommen teilweise aus dem Plattdeutschen.“

Das fand Ole spannend. „Kannst du mir auf Plattdeutsch mal etwas beibringen, Opa?“

Opa überlegte. Dann nickte er. „Mache ich, muss ich aber erstmal drüber nachdenken!“, versprach er und als Ole den Regenbogen entdeckte, der gerade am Himmel zu sehen war, geriet das Thema zunächst wieder in Vergessenheit.

„Guck mal, Opa, so ein schöner Regenbogen!“, rief er begeistert aus.

„Wat Wunnerbooreres gifft dat nich annen Hevensrieke!“, sagte Opa.

„Was?“, rief Ole, der kein Wort verstand.

„Das war deine erste Lektion und außerdem heißt das ‚wie bitte‘“, Opa lachte.

„Wie bitte ist doch viel kürzer, das kann doch nicht sein!“

„Etwas Wunderbareres gibt es nicht am Himmelreich!“, übersetzte Opa und nachdem Ole es ein paar Mal nachgesprochen hatte, gelang es ihm auch.

„Wat Wunnerbooreres gifft dat nich annen Hevensrieke!“

Ist ja so, oder?

© Regina Meier zu Verl