Die Elfe Sumsinella, das Igelpaar und die Sonne (13)

Die Elfe Sumsinella, das Igelpaar und die Sonne

Der Igel Konrad, der mit seiner Frau auf der Suche nach einem geeigneten Platz für den Winterschlaf war, hatte Hunger und Durst und wollte unbedingt eine Pause einlegen.
„Lass uns ein wenig hier rasten“, schlug er deshalb vor, erntete aber nur einen bösen Blick von Kornelia.
„Wir können doch nicht ständig Pausen machen“, zeterte sie und lief noch ein bisschen schneller, so dass Konrad kaum folgen konnte. Er schnaufte und stöhnte, doch Kornelia ließ sich nicht beirren.
„Schau“, sagte sie, „die Bäume sind schon fast kahl, es wird Zeit, dass wir einen Unterschlupf finden, in dem wir sicher sind. Schlafen und dich ausruhen, das kannst du dann den ganzen Winter lang.“
„Ich will aber auch was vom Leben haben und nicht immer nur vorsorgen. Guck doch mal, die Sonne, sie lacht uns an und ruft: Ruht euch aus, ich wärme euch mit meinen Strahlen!“
Kornelia schüttelte unwillig den Kopf.
„Du bist ein Spinner, mein Lieber. Die Sonne kann gar nicht rufen, sie kann strahlen oder nicht strahlen, das ist auch schon alles.“
Konrad wurde immer trauriger. Er liebte seine Kornelia, aber sie war überhaupt nicht romantisch, kein kleines Bisschen. Das fand er nicht schön.
„Die Sonne kann strahlen, lachen, wärmen, trocknen, erhitzen, verbrennen, Regenbogen machen und rufen. Lausch doch mal, dann wirst du es hören!“

Die Elfe Sumsinella hatte das Gespräch des Igelpaares belauscht. Insgeheim war sie auf der Seite von Konrad, aber ein klein wenig konnte sie auch Kornelia verstehen. Da ihr aber der Schalk im Nacken saß, sang sie mit feiner Stimme:
„Ich bin die Mutter Sonne und trage die Erde bei Tag und Nacht …“ Das Lied kannte sie von der kleinen Anna, die es jeden Morgen in der Schule sang.
„Pst …“, machte Kornelia. „Hast du das auch gehört?“ Konrad verzog sein Igelschnütchen zu einem breiten Grinsen.
„Klar, ich hab’s dir die ganze Zeit schon gesagt, sie spricht und singen kann sie auch noch!“
„Sing weiter, Sonne, dein Lied ist so schön!“, bat Kornelia und lauschte.
„Ich trage die Erde bei Tag, die Erde bei Nacht“, sang Sumsinella weiter.
„Siehst du, sie kann noch mehr, die Sonne, sie kann tragen“, rief Konrad begeistert und bekam einen dicken Buff in die Seite.
„Sei still!“
Sumsinella hatte ihre Freude daran, die beiden Igel an der Nase herumzuführen, wusste aber, dass sie sich doch zu erkennen geben musste. Oder doch nicht?
Die Entscheidung wurde ihr abgenommen, denn über ihr, in der alten Buche saß Krächz, der Rabe.
Mit krächzender Stimme und ziemlich laut sang er drauflos: „Und ich bin der Mond, der schööööne Mond, den man gern mit einem Stück Käääääse belohnt!“
„Du bist unmöglich, Krächz, ganz und gar unmöglich!“, schimpfte Sumsinella und kam dann schnell aus ihrem Versteck, um sich den Igeln zu zeigen.
„Entschuldigung“, flüsterte sie und wurde ein wenig rot dabei. „Aber ich habe nicht gelogen, all das kann die Sonne, nur nicht rufen, das habe ich für sie übernommen.“
Das Igelpaar hatte Humor, alle lachten herzlich und hielten dann noch ein ausgiebiges Pläuschchen. Sumsinella hatte sogar einen wunderbaren Laubhaufen gesehen, zum dem sie Konrad und Kornelia brachte. Dort verbrachten die beiden den Winter und sie träumten von einer singenden Sonne und von Sumsinella, der kleinen Elfe.

© Regina Meier zu Verl

Sumsinella

Die Elfe Sumsinella und Muck, der Mückenmann (12)

Die Elfe Sumsinella und Muck, der Mückenmann (12)

Sumsinella und Muck, der Mückenmann

Auf dem Teich hat die Seerose ihre großen Blätter und eine wunderschöne Blüte ausgebreitet. Eine Libelle schwebt mit hauchfeinen Flügeln über dem Wasser. Sie schimmert im Sonnenlicht. Doch halt, das ist gar keine Libelle. Schau genau hin. Es ist Sumsinella, die Elfe, die einen Landeplatz sucht. Leichtfüßig schwebt sie auf ein großes Blatt und schaut sich suchend um.
„Vater Quak!“, ruft sie. „Bist du nicht zu Hause?“
Wenn eine Elfe ruft, dann ist das etwa so, als flüstere der leichte Sommerwind mit dir. So zart ist ihre Stimme und Vater Quak, der mal wieder völlig müde ist und seinen Mittagsschlaf hält, hört nichts, gar nichts. Er hat sich im Schilf verkrochen, damit ihn niemand stören kann.
„Schade“, denkt Sumsinella und schaut sich weiter um. Irgendwer wird doch zu Hause sein. Sie setzt sich und singt ein Lied. Das Singen ist ihre Lieblingsbeschäftigung und sie kann es auch wirklich wunderbar. Es dauert gar nicht lange, da gesellt sich der erste Gartenbewohner zu ihr, ganz leise setzt er sich neben Sumsinella und lauscht dem Gesang.
Es ist Muck, der Mückenmann. Er ist so verzaubert von der Melodie, dass er leise mitbrummt. Sumsinella lässt ihn gewähren und lächelt ihn an. Als das Lied zu Ende ist begrüßt sie ihn:
„Hallo Muck, aber nicht, dass du mich gleich stichst!“
„Mach ich nicht, kleine Elfe. Du weißt doch, dass nur unsere Weibchen stechen, oder weißt du das etwas nicht?“
Sumsinella schüttelt den Kopf. Das hat sie noch nicht gehört.
„Gut zu wissen“, freut sie sich und erkundigt sich dann nach der Familie.
„Alles gut soweit, wir wollen heute Abend noch tanzen. Es ist gerade das richtige Wetter dafür. Könntest du vielleicht dazu singen? Dann macht es noch mehr Freude.“
Sumsinella ist einverstanden.
„Aber nur, wenn du ein Rätsel lösen kannst, pass auf: Sag mir ein Wort in dem drei U vorkommen.“
Muck schaut die Elfe entsetzt an.
„Wie soll ich das denn wissen? Ich kann ja nicht einmal schreiben!“
Sumsinella lacht.
„Dann solltest du es lernen, es ist immer gut, wenn man schreiben und lesen kann.“
„Als Mücke braucht man das nicht, sag mir womit ich einen Stift halten sollte!“
„Entschuldige, Muck, daran hatte ich gar nicht gedacht. Dann verrate ich dir das Wort und du sagst mir dann, was das ist, in Ordnung?“
„Leg schon los!“
Sumsinella will gerade das gesuchte Wort sagen, da unterbricht Muck sie.
„Warte noch, mir ist was eingefallen: Uhukuchen … sind da drei U drin?“ Sumsinella kichert.
„Schon, aber das gibt es doch nicht, Uhukuchen. Was dir nur immer einfällt. Hast du noch eine Idee?“ Man muss also gar nicht lesen und schreiben können, nur hören und hinhören. Auf diese Weise kann man auch entdecken, wie viele Laute in einem Wort vorkommen, denkt Sumsinella und freut sich, dass der Mückenmann mitdenkt.
„Ja, ich habe noch eine Idee: Wunderwurzelmus!“
„Was soll das sein? Drei U sind aber drin, da hast du Recht!“ Der Mückenmann freut sich.
„Na, ist doch klar, Mus von der Wunderwurzel, sage ich doch! Gilt das?“
Sumsinella ist einverstanden. „Gut, wir lassen es gelten, obwohl ich ein anderes Wort gemeint habe. Soll ich es sagen?“
„Bitte!“
„Kuckucksspucke – da kommen drei U drin vor und drei C und vier K, ist das nicht ein tolles Wort?“
„Ja, ein Superwort, aber – was ist Kuckucksspucke? Ich habe das noch nie gehört!“
„Eigentlich“, antwortet Sunsinella, „eigentlich gibt es keine Kuckucksspucke, aber im Mai, wenn auch der Kuckuck anfängt zu rufen, dann bilden die Schaumzikaden ihre Nester an den Wiesenblumen und das sieht so aus, als sei es Spucke. Deshalb sagt man Kuckucksspucke dazu.“
„Das sind doch Insekten, wie ich, oder? Ich sollte mich mehr um meine Verwandten kümmern“, sagt Muck und dann lacht er so laut, wie eben eine Mücke laut lachen kann.
„Ich hab noch was! Muck, Muck, Muck …“
„Und was soll das sein?“, fragt Sumsinella erstaunt.
„Das sagt meine Frau immer, wenn ich zu spät nach Hause komme und deshalb sause ich jetzt mal los. Machs gut, Sumsinella, bis heute Abend!“
© Regina Meier zu Verl

Tomaten, Tomaten und nochmals Tomaten

Tomaten, Tomaten und nochmals Tomaten

Tomaten, Tomaten und nochmals Tomaten

Es begann alles damit, dass meine Mutter sagte: „Die Tomaten sind reif und es sind so viele, dass wir in den nächsten Tagen viele Rezepte ausprobieren werden.“ Seitdem dreht sich hier bei uns alles um die Tomaten.
Ich mag ja Tomaten, wirklich. Abends, auf dem Butterbrot mit Salz und Pfeffer, auch mal mittags, dann am liebsten als Tomatensauce auf den Nudeln. Manchmal beiße ich sogar in so eine dicke Fleischtomate wie in einen Apfel. Aber irgendwann ist es dann auch gut.
Gestern gab es Tomatensalat, dazu frische Bratkartoffeln und ein Spiegelei. Das war auch lecker, aber, wie schon gesagt, es reicht jetzt! Mir kommen die Tomaten nun bald zu den Ohren wieder raus und nachts träume ich sogar schon von den roten Früchten.
Heute will Mama nun Tomatenmarmelade kochen. Das wird ihr erster Versuch und ehrlich gesagt, kann ich mir nicht vorstellen, dass das schmecken wird. Igitt, Tomatenmarmelade. Also ich weiß ja nicht. Aber weil ich ein netter Mensch bin, äußere ich meine Bedenken erstmal nicht und helfe sogar bereitwillig beim Enthäuten, Entkernern und Schnippeln. Gut ist, dass für das Rezept sehr viele Tomaten verbraucht werden und man die Marmelade nicht sofort verzehren muss, sollte sie denn schmecken. Die hält sich und landet erstmal in den Vorratsregalen im Keller. Das beruhigt mich.
Wenn wir andere Marmeladen kochen, nasche ich immer von den Früchten und ernte dann jedes Mal einen Rüffel von Mama. „Die habe ich doch schon abgewogen, Lea. Man muss ganz genau sein bei den Mengen, sonst geliert der Fruchtbrei nicht!“ Heute verkneife ich mir das Naschen, bin völlig tomatensatt.
Im großen Topf sind nun die Tomatenwürfel, ein Päckchen Vanillezucker, der Saft einer dicken Zitrone und der Gelierzucker. Ich darf mit dem Pürierstab alles zu einem Brei zerkleinern und dann wird alles zum Kochen gebracht. Die Gläser hat Mama schon ausgekocht und die Deckel ebenfalls. Schon bald kocht der Tomatenbrei, sprudelnd, vier Minuten lang. Dann füllt Mama die heiße Marmelade in die Gläser, schraubt den Deckel drauf und stellt das fertig gefüllte und verschlossene Glas auf den Kopf. Das macht man so, sagt sie und wenn sie das sagt, dann wird das schon richtig sein. Zehn Gläser werden es, und ein halbes, das ist zum Probieren. Na ja, viel verspreche ich mir davon nicht.
Als ich dann aber am Abend etwas von der nun kalten Marmelade auf mein Käsebrot streiche, staune ich nicht schlecht. Das schmeckt, und wie das schmeckt. Köstlich!
Wer es nachmachen möchte, dem verrate ich unser Rezept:
1500 Gramm reife Tomaten, häuten, entkernen, schnippeln, in Würfel schneiden, den Saft einer Zitrone dazu, ein Päckchen Vanillezucker und den Gelierzucker, ebenfalls 1500 Gramm dazu. Das ganze pürieren, dann vier Minuten sprudelnd kochen lassen und in die Gläser abfüllen. Guten Appetit!

© Regina Meier zu Verl 2015

tomaten

Zwetschgenzeiten

Zwetschgenzeiten

Zwetschgenzeiten

„Halloooo! Wo seid ihr? Will uns denn keiner haben? Halloooo?“
Laut und turbulent ging es zu auf der Obstwiese. Besonders hinten beim Zwetschgenbaum, wo sich die reifen Zwetschgen laut zu Wort meldeten.
„Will uns denn keiner ernten?“
„Hört auf zu jammern, da oben!“, schimpfte der Zwetschgenbaum. Ihr seid noch gut dran. Meine Schmerzen müsstet ihr haben, dann wüsstet ihr, wie schwer die Last ist, die ich zu tragen habe. Ich wünsche, es käme ein Wind, der euch abschüttelte!“
„Abschütteln? Uns? Nein! Was fällt dir ein!?“
Aufgeregt schrien die Zwetschgen ihren Ärger in den Tag hinaus.
„Nicht auszudenken, was uns alles passierte, lägen wir auf dem Boden“, ereiferte sich eine.
„Vom Bodensturz ganz abgesehen“, sagte eine andere. „Wer weiß, wie wir uns dabei verletzen könnten.“
„Oh, oh, das gäbe blaue Flecken!“, klagte eine dicke Zwetschge, die weit oben in den Zweigen hing.
Da musste der Baum herzlich lachten. „Blaue Flecken, dass ich nicht lache, ha ha! Ihr seid doch sowieso blau, ihr blöden Zwetschgen, hahaha!“
Er lachte so sehr, dass gleich ein paar Zwetschgen hinunter purzelten.
„Au, aua, autsch!“, heulten die Zwetschen auf. Die, die auf den Boden fielen, heulten ebenso laut wie die, die sich an ihren Plätzen in den Zweigen festhalten konnten. Sie waren halt etwas zimperlich, diese blauen Früchtchen.
„Wenn ihr erst entsteint, aufgeschnitten und mit Zimt und Zucker bestreut auf einem Kuchenteig in den Backofen geschoben werdet, sehnt ihr euch gerne danach, einfach nur auf den Boden fallen und dort für alle Zeiten liegen bleiben zu dürfen“, brummte der Zwetschgenbaum, dem die zickigen Früchtchen etwas auf die Nerven gingen.
Die Zwetschgen schwiegen. Sie mussten darüber nachdenken, was der Baum gesagt hatte. Gut hörte sich das nicht an. Vielleicht sollten sie doch lieber nicht zu laut schreien. Aber genau wussten sie es auch nicht.
„Mir passiert das mit dem Kuchen nicht“, rief die Zwetschge, die kaum einer mehr beachtete, weil sie schon seit Tagen einen Wurm in ihrem weichen, überreifen Bauch beherbergte. „Ich bin so etwas wie eine Mutter geworden. Eine Wurmmutter. Und sagt, wer würde einer Mutter etwas antun?“
Ein Wanderer kam des Wegs. Er sah die reifen Früchte, pflückte eine ab, polierte sie an seinem Hemdsärmel und biss genussvoll hinein.
„Lecker, lecker!“, lobte er und machte sich wieder auf den Weg.
Beim Zwetschgenbaum war es still geworden. Man hörte auch in den nächsten Tagen keine Rufe mehr. Irgendwann kam die Bäuerin mit Korb und Leiter und pflückte alle Früchte ab. Die ergaben sich klaglos in ihr Schicksal. Sie lebten noch lange ein zweites Leben und verfeinerten in den dunklen Monaten des Jahres viele Mahlzeiten mit ihrem köstlichen Geschmack, dass die Menschen „Zwetschgen sind unsere liebsten Früchte“ sagten. Ja, so war das!

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl 2016


Zwetschgenzeit, Bildquelle © congerdesign/pixabay

Nadja kommt in die Schule

Nadja kommt in die Schule

Nadja kommt in die Schule

Nadja kommt nach den Sommerferien in die Schule. Im Kindergarten hat sie mit ihrer Mutter zusammen eine Schultüte gebastelt. Nadja findet, dass es die schönste Schultüte von allen ist und sie ist besonders stolz auf sie.
„Schau, Oma, ist sie nicht ganz wunderbar geworden?“, fragt sie die Oma, die das nur bestätigen kann.
„Ich habe noch nie eine schönere Schultüte gesehen, Nadja!“
„Hast du auch eine Schultüte gehabt, Oma?“, will Nadja nun wissen.
„Aber sicher, mein Kind. Sie war aus rotem Glanzpapier und ein Blumentauschbild klebte darauf. So groß und schwer war meine Schultüte, dass ich sie kaum tragen konnte“, erinnert sich Oma.
„Was war denn drin, dass sie so schwer war?“
„Genau weiß ich das nicht mehr, aber ich erinnere mich an einen dicken Apfel mit roten Backen und an einen Anspitzer. Ach ja, eine Butterbrotdose war auch noch drin und ein Griffelkasten aus Holz.“
Nadja weiß nicht, was ein Griffelkasten ist, das Wort hat sie noch nie gehört, deshalb fragt sie nach.
„Wir hatten eine Tafel, auf der wir das Schreiben gelernt haben. Auf so einer Schiefertafel konnte man mit einem Kreidestift schreiben, den man auch Griffel nannte. Das Geschriebene konnte man anschließend wieder wegwischen und die Tafel neu beschreiben. Es gab eine Schwammdose mit einem sauberen feuchten Schwamm und einen Tafellappen aus Baumwolle zum trocken wischen“, erklärt Oma und dann fällt ihr ein, dass da noch etwas ganz Tolles in ihrer Schultüte war, etwas, das man nirgends kaufen kann.“
„Nun sag schon, was war es?“, drängelt Nadja.
„Eine Karte, auf die hatte meine Mutter mit Lippenstift einen dicken Kussmund gedrückt und darunter stand: Das ist ein Notfallkuss, damit du immer weißt, dass ich bei dir bin!“
„So ein Quatsch!“, sagt Nadja, die gar nicht verstehen kann, dass man einen Notfallkuss gebrauchen könnte. Schließlich war Mama ja immer da und die Schule ging auch nur bis zum Mittag, da war sie schnell wieder zu Hause.
„Ich habe diesen Notfallkuss immer bei mir getragen und es war gut, dass ich ihn hatte“, sagt Oma und dann geht sie zum Schrank und holt ein Fotoalbum hervor.
„Schau hier, da bin ich mit meiner Schultüte und hier hinten, auf der letzten Seite, da ist die Karte mit dem Kuss, ein wenig verblichen, aber immer noch erkennbar!“
Nadja schämt sich ein bisschen, dass sie den Kuss als „So ein Quatsch“ bezeichnet hat, wo er Oma doch so wichtig ist.
„Es ist der schönste Notfall-Kuss von allen“, lobt sie ihn deshalb und das tut Oma gut, sie wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel und drückt ihre Enkeltochter fest.
Am Abend, als Nadja zu Bett geht und Oma noch schnell gute Nacht sagen will, steckt sie ihr einen Zettel zu.
„Schau, Oma, hier ist ein frischer Notfall-Kuss, damit du weißt, dass ich immer für dich da bin!“, sagt sie und dann hüpft sie aus dem Zimmer.
„Wie gut, dass ich sie habe!“, denkt Oma und betrachtet liebevoll den kleinen Kinderkussmund. „Ein Schatz ist sie, ein wahrer Schatz!“

© Regina Meier zu Verl

einschulung

Gefühle und Gewitter

Gefühle und Gewitter

Gefühle und Gewitter

Manchmal zieht sich Lya gern in ihr Schneckenhaus zurück. Dann ist sie für niemanden zu sprechen, auch für Mama nicht. Natürlich hat Lya kein richtiges Schneckenhaus. Sie findet das blöd, denn so richtig zurückziehen kann sie sich nicht. Ist sie in ihrem Zimmer, dann klopft irgendwann jemand an und fragt nach, ob es ihr gut geht. Oder Mama hat einen Auftrag für sie. Heute auch!
„Es wird gleich regnen, kannst du mir helfen, die Wäsche abzunehmen, Lya?“, ruft Mama. Lya tut so, als habe sie nichts gehört. Mama ruft noch einmal, diesmal lauter:
„Lya, bitte komm sofort aus deinem Zimmer. Ich brauche deine Hilfe!“
‚Noch sagt Mama „bitte“, das wird sich gleich ändern‘, denkt Lya und schon krabbelt der Ärger den Rücken hoch, setzt sich im Nacken fest und dann ist er durch das Ohr gekrochen und im Kopf angekommen. Wenn er dort erstmal ist, dann gibt es zwei Möglichkeiten – man wird wütend und knirscht mit den Zähnen, oder man fühlt sich von Gott und der Welt nicht verstanden, man wird traurig und Schwupps sind sie da, die Tränen. Ab und zu kann man nicht erkennen, ob es Wuttränen sind oder eben Trauertränen, beide sind nass und auch die Nase mischt sich ein und läuft.
„Lya, ich zähle bis drei!“, ruft Mama jetzt und das ist ein sicheres Zeichen dafür, dass Mamas Geduld nun zu Ende ist. Lya findet es feige, gleich bei Eins loszulaufen. Soll Mama sich doch ruhig auch ein bisschen ärgern. Schließlich muss Lya dringend nachdenken, dafür gibt es einen Grund, der momentan nebensächlich ist. Aber das verstehen die Erwachsenen sowieso nicht, deshalb muss Lya allein nachdenken und dafür braucht sie Ruhe.
„Eins!“, ruft Mama, es klingt bedrohlich. Mittlerweile hat es angefangen zu regnen. Dicke Tropfen platschen auf die Dachfensterscheibe. Mama hat aufgehört zu zählen, mit einem lauten Knall fliegt die Haustür ins Schloss.
„Ich komme ja schon!“, ruft Lya. Dass Mama sie nicht hören kann, ist ihr klar. Die ist nämlich nun allein zur Wäscheleine gelaufen. Sicher wird sie schimpfen, wenn sie zurückkommt. Bei Lya meldet sich das schlechte Gewissen. Das kommt im Gegensatz zum Ärger von der anderen Seite, grummelt im Bauch herum, kneift im Magen und drückt dann auf das Herz. Das tut weh! Es beißt sich fest wie ein kleiner bissiger Hund.
Es blitzt und kurz darauf ertönt ein gewaltiger Donnerschlag. Auch das noch! Mama ist draußen im Regen und Lya ganz allein im Haus. Da, wieder ein Blitz. Lya zählt die Sekunden bis zum Donner. Sie hat in der Schule gelernt, wie man die Entfernung eines Gewitters ausrechnen kann. Eins, zwei, drei, vier, fünf Sekunden sind es, die fünf muss man mit 340 malnehmen, weil jede Sekunde 340 Meter sind. Nun ist das aber gar nicht so einfach, wenn im Kopf der Ärger sitzt und auf dem Herzen sich das schlechte Gewissen festgebissen hat. Lya erscheint es schlicht unmöglich und ein neues Gefühl gesellt sich zu den anderen, die Verzweiflung. Lya schlägt die Hände vors Gesicht und weint bitterlich.
So findet Mama sie, die pitschnass auf einmal in Lyas Zimmer erscheint.
„Lya, was ist denn los?“, fragt sie besorgt.
„Ach Mama“, schluchzt Lya. „Ich hab doch nur zehn Finger, das reicht nicht, weil … und dann die Haustür und der Donner und ich wollte doch …“
Mama setzt sich auf Lyas Bett, zieht das Kind auf ihren Schoß und streicht ihr zärtlich übers Haar.
Ganz fest schmiegt sich Lya an die pudelnasse Mama und das schlechte Gewissen knabbert gleich wieder ein wenig an ihrem Herzen herum.
„Pst, nun beruhige dich erstmal und dann erzählst du mir alles!“, schlägt Mama vor. „Ich möchte mir etwas Trockenes anziehen und dann die Wäsche falten, die ich gerade noch vor dem Regen retten konnte. Hilfst du mir?“
Lya springt auf. „Aber klar doch!“, ruft sie erleichtert. Im gleichen Augenblick nimmt der Ärger das schlechte Gewissen an die Hand und die beiden lösen sich in Luft auf. Die Verzweiflung folgt ihnen und die Gänseblümchen auf Lyas Lieblingskissen grinsen unverschämt. Sie kennen das schon.

Übrigens: 5 x 340 = 1700. Das Gewitter war also 1700 Meter oder 1,7 Kilometer entfernt, als Lya die Sekunden gezählt hat – nur der Vollständigkeit halber.

© Regina Meier zu Verl 2016

Die Sache mit dem Lesen

Die Sache mit dem Lesen

Die Sache mit dem Lesen

Die Sommerferien waren zu Ende. Unglaublich, wie schnell das wieder gegangen war, kaum begonnen – schon vorbei. Jakob hatte eigentlich noch keine Lust, wieder zur Schule zu gehen, aber auf all die neuen Schulsachen und Bücher freute er sich doch, ein wenig jedenfalls.
Er nahm eines der neuen Bücher hoch, das Lesebuch, und schnupperte. Hm! Neue Bücher rochen immer so gut. Frisch, fast ein bisschen aufregend. Als wollten sie das Lesen spannender machen. Und er spürte, wie die Freude in seinem Bauch kribbelte.
Ob das Mathebuch auch so gut roch? Bestimmt. Wo das Rechnen doch so viel Spaß machte! Mama behauptete zwar, dass er das nicht von ihr haben könnte, denn Mathe sei ihr ein Graus gewesen. Er aber liebte knifflige Aufgaben und hatte eine Riesenfreude daran, diese zu lösen.
Er schlug das Mathebuch auf und schaute sich die ersten Aufgaben an. Das war ja ganz einfach! Dabei war er doch nun schon im dritten Schuljahr. So langsam dürften die Aufgaben schwieriger werden, dachte Jakob. Ob ich die ersten Aufgaben schon lösen soll?
„Gute Idee!“, murmelte er. „Dann habe ich später keinen Stress mit den Hausaufgaben.“
Und schnell machte er sich daran, all die Aufgaben, die ihm nicht schwer erschienen, zu lösen. Das machte Spaß!
„Die werden sich wundern“, murmelte er und jetzt freute er sich noch mehr auf die Schule.
Dann blickte er wieder zum Deutschbuch hinüber. Er seufzte.
Wenn ihm dieses Buch doch auch so viel Freude machen könnte, wie das Mathebuch. Aber mit den Buchstaben war das so eine Sache. Sie tanzten vor seinen Augen und so sehr er sich auch bemühte, er bekam sie nur selten zu fassen. Dab

ei liebte er Geschichten, allerdings nur, wenn Oma sie ihm vorlas. Das war schön!
Er schlug das Buch auf und landete irgendwo in der Mitte.
„Oh, so viele Worte!“, schimpfte er. „Wie kann man die alle auf einmal lesen?“ Er stippte den Zeigefinger auf das erste Wort, überlegte, sagte es sich vor. Dann das zweite, das dritte, das vierte. „Katharina … mag … das … Lesen … nicht … leiden. … Das … Rechnen … aber … schon …“, las er laut vor. „Toll!“, rief er dann begeistert aus. „Sie ist wie ich, diese Katharina!“
Die Neugier war geweckt. Klar, dass Jakob nun wissen wollte, wie weiterging mit Katharina. Also las er weiter:
Leider lässt sich das Lesen nicht umgehen, denn wenn Katharina Textaufgaben lösen will, dann muss sie zuerst den Text lesen und verstehen. Weil ihr das Rechnen aber so eine Freude macht, liest sie. Jeden Tag geht es ein wenig besser!
Jakob stöhnte. „Doof ist das“, brummelte er. „Rechnen will ich, nicht lesen. Ob diese Katharina aus der Geschichte sich dies auch wünscht? Mal sehen! Ein bisschen lese ich noch weiter, aber wirklich nur ein bisschen.“
Als sie einmal in der Nacht nicht schlafen kann, greift Katharina nach dem Buch. Beim Lesen nämlich schläft sie besonders schnell ein.
„Ich auch!“, rief Jakob. „Ich auch!“
Diese Katharina war sicherlich seelenverwandt mit ihm. Das sagte Oma immer, wenn sie sich mit jemandem ganz besonders gut verstand. Jakob wollte mehr wissen, er las:
Als die Lehrerin eines Tages zu Katharina sagt, dass sie ganz besonders gut lesen kann und vielleicht sogar im nächsten Halbjahr am Vorlesewettbewerb teilnehmen sollte, ist das Mädchen sehr stolz. Ein Wettbewerb ist genau nach ihrem Geschmack. Lieber wäre zwar ein Rechenwettbewerb gewesen, aber …
Jakob nickte. Ja, das wäre bei ihm auch so, aber Dinge konnten sich ändern und bei Jakob erwachte gerade die Leselust, oder die Neugier, oder was auch immer, Hauptsache er las, nicht wahr?

© Regina Meier zu Verl

Auf der Schatzinsel

Auf der Schatzinsel

Auf der Schatzinsel

Wir sind eine tolle Truppe, Pia, Joe, Evi und ich.
Mein Name ist Fynn, ich bin der Kapitän der Mannschaft und ein richtiges Boot haben wir auch, die „Flotte Liese“.
Im Sommer paddeln wir mit der Liese auf dem See herum und ab und zu ankern wir an unserer Schatzinsel. Das dürfen wir nicht, denn die Insel gehört dem Angelverein. Wehe, wenn die uns erwischen.
Aber es ist einfach zu schön, auf der Insel zu spielen. Man kann sich herrlich verstecken und einmal haben wir sogar einen richtigen Schatz gefunden.
Das war so: Unsere Liese hatten wir im Schilf versteckt und Pia hatte einen Picknickkorb mitgebracht. Wir suchten uns ein schönes Plätzchen und verspeisten die leckeren Butterbrote, die Pias Mama extra für uns gemacht hatte. Dazu gab es für jeden ein Trinkpäckchen.
Bevor wir aufbrechen wollten, musste ich mal schnell in die Büsche. Ihr wisst schon! Als ich dort so stand, fiel mein Blick auf eine Brieftasche, die dort im Gras lag. Ich hob sie auf und entdeckte jede Menge Geldscheine darin und einen Führerschein.
„Schaut her, wir sind reich!“, weihte ich die anderen ein und spielte mich mächtig auf.
„Jetzt können wir unsere Liese neu streichen und obendrein noch Funkgeräte anschaffen. Die wünschen wir uns doch schon lange!“
Evi nahm die Brieftasche genauer unter die Lupe.
„Das geht doch nicht, die Brieftasche gehört einem Herrn Forste, das steht hier auf dem Führerschein. Den kenne ich sogar.“
„Ich auch!“, rief Joe aufgeregt. „Das ist doch der Mann aus dem Kiosk am Bahnhof.“
„Wir müssen die Brieftasche abgeben“, bestimmte Pia und das ärgerte mich unheimlich.
„Ich bin hier der Kapitän und habe zu bestimmen, was gemacht wird!“, schrie ich sie an und schämte mich gleich darauf ganz furchtbar. Natürlich hatte Pia Recht, wir mussten die Brieftasche abgeben.
„Aber es wird herauskommen, dass wir auf der Schatzinsel gespielt haben und dann sind wir dran!“, wandte ich ein.
„Dann müssen wir sie eben heimlich zurückgeben, ich weiß auch schon, wie wir das machen“, sagte Joe geheimnisvoll. Dann steckten wir die Köpfe zusammen und tuschelten.

Wir machten die „Flotte Liese“ vom Steg los und paddelten zum Seeufer. Evi bekam die Aufgabe, am Kiosk von Herrn Forste Kaugummi zu kaufen und Pia, sollte den Besitzer in ein Gespräch verwickeln, während Joe und ich uns von hinten anschlichen und die Brieftasche in den Postkasten steckten. Danach trafen wir die Mädchen am Boot wieder.
Es war ein gutes Gefühl, dass wir die Angelegenheit so klug gelöst hatten.
Zur Schatzinsel fuhren wir in den nächsten Wochen vorsichtshalber nicht. Wir hatten große Angst, dass uns die Piraten, die dort die Brieftasche versteckt hatten, auf die Schliche kamen und man konnte ja nie wissen, was sie mit uns gemacht hätten.

© Regina Meier zu Verl

Auf dem Weg zur Schatzinsel?, Foto © Andrea Oberdorfer

Die Katzenmutter und das Brathähnchen

Die Katzenmutter und das Brathähnchen

Die Katzenmutter und das Brathähnchen

Die Menschen nennen mich Streuner. Das klingt abfällig, finde ich. Sie haben keine gute Meinung von mir, deshalb habe ich auch kein Problem damit, sie zu bestehlen.
In einem alten Baumstamm am Feldrand habe ich einen Platz für mich und meine drei Kinder gefunden. Dort leben wir sicher, aber es geht uns nicht gut. Wir haben Hunger. Meine Milch reicht nicht mehr für die Kinder. Kraftlos bin ich und abgemagert. Mich plagen Zecken. Irgendwie aber muss ich für meine Drei sorgen. Ab und zu wage ich es, zu den Gärten der Zweibeiner zu gehen und dort nach Nahrung zu suchen.
Meine feine Nase ist mir dabei eine große Hilfe. Gerade jetzt, im Sommer, nehme ich herrliche Düfte wahr. Toll ist es, wenn gegrillt wird. Da findet sich oft ein Leckerbissen, den ich dann nach Hause tragen kann. Ich darf mich nur nicht erwischen lassen.

Einmal fand ich ein ganzes Bratwürstchen. Wie herrlich das roch! Das Wasser lief mir im Maul zusammen. Wie gern hätte ich es an Ort und Stelle verspeist. Dann aber kamen mir meine Kinder in den Sinn und ich verzichtete, obwohl ich am Morgen nur ein winzig kleines Mäuschen gefressen hatte. Für die Kleinen hatte es nur ein paar Tröpfchen Milch gegeben und ich musste sie jämmerlich vor Hunger maunzend zurücklassen. Das tut einer Mutter weh, sehr weh. Die Kinder haben sich so sehr gefreut, als ich das Würstchen mitbrachte, es war eine Freude, sie beim Fressen zu beobachten.

Heute habe ich wohl kein Glück, seit Stunden schon versuche ich, etwas Essbares zu ergattern. Nichts! Es ist zum Verzweifeln, eine dicke Wolke hängt über diesem Tag. Mein Magen knurrt so laut, dass ich mich nicht einmal mehr in die Nähe von Menschen wagen kann.
Doch manchmal öffnen sich Türen, wo man es nie vermutet hätte. Heute ist das der Fall beim Restaurant „Zum sanften Heinrich“. Ein Büffet vom Allerfeinsten wird dort angeliefert, sicher findet eine große Feier statt. Die Türen des Lieferwagens sind geöffnet, der Fahrer trägt gerade ein Tablett in den Hintereingang. Ich springe auf die Ladefläche, schaue mich kurz um und entscheide mich für ein halbes Brathähnchen. Das ist groß genug und leicht zu transportieren.
Als ich meine Kinder mit dem Festmahl erreiche bin ich stolz auf mich. Es ist wohltuend für meine Seele, den Kleinen beim Fressen zuzuschauen. Auch für mich bleibt noch ein wenig übrig und nachdem wir alle ein wenig geschlafen haben, gibt es auch als Nachtisch wieder etwas Milch für die Kinder. Für heute sind wir satt und zufrieden. Was uns der morgige Tag bringen wird, das werden wir dann sehen. Es geht immer irgendwie weiter. Stimmt doch, oder?

© Regina Meier zu Verl

Vom kleinen Trecker, … (8)

Vom kleinen Trecker, … (8)

Vertrauen ist gut, doch Kontrolle ist besser

Heute Morgen hatte der Bauer Josef die Scheunentür weit geöffnet und sich gleich auf meinen Sitz geschwungen.
„Guten Morgen, kleiner Trecker!“ hatte er gesagt und den Motor angelassen. Ich freute mich schon auf eine schöne Spazierfahrt, aber mitten auf dem Hof hielt er schon wieder an und machte den Motor aus.
Josef steckte zwei Finger in den Mund und pfiff, woraufhin Margret aus dem Haus gelaufen kam. Sie wischte sich die Hände an ihrer bunten Schürze trocken. Vermutlich hatte sie gerade Kartoffeln geschält, die Schürze trug sie nämlich dann immer. Ich weiß das, weil Margret gern vor dem Haus sitzt und Kartoffeln schält.
„Das macht mir an der frischen Luft viel mehr Spaß!“, hat sie mal gesagt und das verstehe ich auch. Ich bin nämlich auch gern an der frischen Luft, zu jeder Tages- und Jahreszeit sogar.
„Stell dich bitte nach vorn, Margret!“, sagte Josef. Margret gehorchte und schaute ihren Mann erwartungsvoll an. Der betätigte den Lichtschalter.
„Und?“, rief er.
„Tut es!“, antwortete Margret.
„Rechter Blinker!“, rief Josef.
Margret grinste. „Tut es – an, aus, an, aus!“, rief sie.
„Witzbold!“, Josef lachte. „Linker Blinker!“
„Tut es!“, Margret grinste schon wieder.
„Okay, geh nach hinten!“, sagte Josef.
Als Margret hinter mir stand rief Josef: „Licht, Bremslichter?“
„Tun es – beide!“, antwortete Margret.
„Prima – jetzt tauschen wir!“ Josef sprang vom Sitz und Margret kletterte hoch, dann folgte die ganze Prozedur ein weiteres Mal.
So richtig verstehe ich das nicht. Schließlich hatte Margret doch gerade alles kontrolliert und es war in Ordnung gewesen. Was also sollte das nun?
Und, als ob die Margret meine Frage gehört hätte, strich sie zärtlich über mein Lenkrad und sagte: „Du weißt ja, kleiner Trecker: Vertrauen ist gut, doch Kontrolle ist besser!“
Aha, so war das also. Ob die beiden das im Haus auch so machten, dass jeder den anderen überprüfte und der Josef kontrollierte, ob das Klo auch sauber geputzt war? Sicher nicht, hier ging es um mich, dachte ich mir, und das war Grund genug, es ganz genau zu nehmen, oder?
Am nächsten Tag wollte der Josef mich beim TÜV vorstellen, aber das ist schon wieder eine ganz neue Geschichte, die ich euch auch noch erzählen werde. Versprochen!