Storchenreise in den Süden

Immer wieder fasziniert mich die Rückkehr der Störche im Frühjahr und etwas wehmütig bin ich, wenn sie sich wieder auf die Storchenreise in den Süden machen. Ein Trost, sie kommen wieder, das hoffe ich jedenfalls.

Storchenreise in den Süden

„Liebster, die Kinder sind längst ausgeflogen. Sollen wir uns auch langsam auf den Weg machen?“
Vater Storch klappert unwillig mit dem Schnabel. Er hat noch keine Lust, die große Reise nach Afrika anzutreten. Es gibt noch so viele leckere Sachen auf der Wiese und das Wetter ist auch prima.
„Lass uns noch ein oder zwei Tage warten“, schlägt er deshalb vor.
Frau Storch weiß, dass ein Widerspruch nichts nützt. Wenn sie doch nur nicht so eine Sehnsucht nach den Kindern hätte, die das Nest schon vor einigen Tagen verlassen hatten und unternehmungslustig gen Süden gezogen waren. Ob sie ihre Kleinen wiedersehen würde?
Als hätte ihr Mann ihre Gedanken gehört, gibt er ihr die Antwort auf die nicht gestellte Frage:
„Wir werden die Kinder einholen, da bin ich ganz sicher. Und nun friss, du brauchst Kraft für die Reise und da oben am Himmel ist es lausig kalt, da muss dich dein Fett wärmen!“
Stolz schreitet die Storchenmutter hinter ihrem Mann her und hält die Augen offen. Sie sucht die Wiese nach etwas Essbarem ab und hat Glück. Ein dicker fetter Regenwurm ist die Vorspeise und dann erbeutet sie noch ein paar Heuschrecken. Seit die Kinder sich selbst ernähren konnten, können die Eltern wieder etwas mehr für sich selbst sorgen und das ist auch gut so. Vor einem Mauseloch verharrt Mutter Storch. War da nicht gerade ein Mäuschen verschwunden? Mal abwarten.
„Die Kinder finden den Weg, sie haben einen inneren Wegweiser. Das weißt du doch!“, sagt Vater Storch, der sich natürlich auch sorgt. Er zeigt es nur nicht so.
„Ja, ja, das weiß ich ja. Trotzdem darf ich doch an sie denken, oder nicht?“
„Sicher, aber mach dir nicht zu viele Sorgen. Wir haben es doch auch ohne unsere Eltern geschafft und in diesem Jahr ist es schon das sechste Mal, dass wir die lange Reise antreten.“
Frau Storch kichert. „Antreten ist gut, ersegeln ist aber besser, oder willst du nach Afrika laufen?“
Ärgerlich klappert Vater Storch mit dem Schnabel. Es ärgert ihn, dass seine Frau immer das letzte Wort haben muss. Seine Frau hingegen ärgert sich, dass das Mäuschen durch das Geklapper gewarnt ist und sicher nicht so bald wieder aus seinem Loch kommen wird. ‚Blödmann!‘, denkt sie, hütet sich aber, das auszusprechen.
Am nächsten Tag machen sich die beiden aber dann doch auf, um mit vielen anderen Störchen in den Süden zu reisen. Als sie beim Treffpunkt ankommen, sehen sie auch ihre Kinder wieder. Ist das eine Freude!
Fast zwei Monate sind die Störche und ihre Freunde dann unterwegs. Ob sie im nächsten Jahr zurückkommen?

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Bildquelle geralt/pixabay

© Regina Meier zu Verl 2015

Vom kleinen Trecker, der so gern gebraucht werden wollte 5

Mein Bauer, der Josef, hat mir versprochen, mich am Sonntag mit zum Bauernmarkt zu nehmen. Da sind wir früher auch immer gewesen. In den letzten zwei Jahren allerdings hat er mich nicht mitgenommen, sondern den dicken Grünen.

Ich verstehe das nicht, habe ich denn als Ältester keine Vorrechte, so wie der Großvater auf dem Bauernhof? Der darf doch auch alles machen, was ihm Spaß macht. Na ja, fast alles!

Geduld ist nicht meine Stärke, ich kann es nicht erwarten, bis endlich Sonntag sein wird. Dabei sollte ich in meinem Alter doch gelernt haben, dass nicht alles von jetzt auf gleich geht. Gelassenheit, die würde ich mir wünschen. Aber im Motorherzen bin ich immer noch Kind geblieben und das will ich auch gar nicht anders haben.

„Na, mein Kleiner, freust du dich?“, fragt der Josef und tritt mit Schwung an einen der dicken Hinterreifen.

„Aua, das tut doch weh!“, rufe ich.

„Wollen wir doch mal testen, ob du genug Luft hast für eine Spazierfahrt!“, sagt er noch und schon ist er auf die andere Seite gelaufen und tritt nochmal zu.

„Aua!“, kreische ich, aber das stört den Josef nicht die Bohne. Nie hören sie einem zu, meinen immer, dass sie alles besser wissen. Er hätte mich ja nur fragen müssen, ich weiß genau, wie es um meine Luft bestellt ist.

„Alles in Ordnung!“, bemerkt Josef. Habe ich ja gesagt, alles ist okay mit mir. Bis auf den Staub, den müsste mal einer abputzen, am liebsten wäre es mir, wenn der kleine Lukas das machte, denn der ist immer so vorsichtig, weil er mich doch liebt. Das hat er mir jedenfalls gesagt und darauf bin ich besonders stolz. Wenn seine kleinen Hände mich putzen, dann ist das ein so angenehmes Gefühl, dass ich am liebsten wie eine Katze schnurren würde. Aber ich will Lukas nicht erschrecken.

Und tatsächlich, am Samstag kommt mein kleiner Freund. Er hat eine Arbeitshose an und die Gummistiefel und schon geht die Schönheitspflege los. Jetzt verstehe ich auch, warum Josefs Frau immer so gern zum Friseur geht. Ich werde abgespült und eingeschäumt und dann wieder abgespült und dann trocken gerieben. Heiliger Auspuff, ist das gut! Jeden Tag könnte ich das genießen. Aber morgen geht es ja nun erst einmal auf den Bauernmarkt, mit Josef und Lukas. Die Frauen und Großvater kommen mit dem Auto nach.

Am nächsten Tag versammeln sich alle in der Scheune. Ich bekomme noch ein schönes Schild, auf dem steht wie ich heiße, wann ich geboren bin und wie lange ich schon bei Josef lebe. Dann steigt Josef auf, Lukas lässt sich auf den Kindersitz plumpsen und schon geht es los. Mit lautem Getöse und voller Übermut hupend erreichen wir das Gelände, auf dem der Markt stattfindet.

Wohlwollend betrachten mich die Menschen. Ich werde gestreichelt und gelobt. Ist das schön! Das ist wie pflügen, säen und ernten am gleichen Tag, einfach nur traktorisch genial.

Eine anmutige junge Dame interessiert sich besonders für mich. Sie ist Lukas‘ Freundin aus dem Kindergarten und möchte gern mal eine Runde mitfahren.

Dagegen habe ich nichts einzuwenden, schließlich fährt man nicht jeden Tag eine solche Schönheit durch die Gegend. Sie hat ein bisschen Angst, aber Lukas nimmt ihre Hand und hilft ihr beim Hochklettern.

„Ich pass schon auf sie auf“, flüstert er mir zu und dann fährt der Josef mit seiner kostbaren Fracht los, eine ganze Rund ums Gelände.

Ein schöner Tag war das, denke ich, als ich am Abend wieder in meiner Scheune stehe.

„Lasst mich nicht so lange warten, bis ich wieder gebraucht werde!“, bitte ich leise und dann schlafe ich ein, so erschöpft bin ich.

© Regina Meier zu Verl

Willi, das Eichhörnchen

Die Geschichte erzählt von einer Begegnung eines Eichhörnchens auf Futtersuche mit Menschen. In diesem Fall eine gute Erfahrung für beide Seiten.

Willi, das Eichhörnchen

Seit einigen Tagen tobte ein heftiger Ostwind im Wald. Die Waldbewohner wagten sich nicht aus ihren Unterschlüpfen. Kalt war es geworden und alle hatten Hunger. Das Eichhörnchen Willi hatte besonders großen Hunger, doch wie sollte es an Nahrung kommen? Immer wieder steckte es sein Näschen in den Wind und zog sich dann doch wieder in sein gemütliches Kugelnest zurück. Es rollte sich zusammen und regte sich nicht, doch an Schlaf war nicht zu denken, so sehr pfiff der Wind durch die Fichten.
„Wenn das noch ein paar Tage so weiter geht“, dachte Willi bei sich, „dann werde ich jämmerlich verhungern. Hätte ich doch nur von meinem Wintervorrat etwas mit ins Nest genommen.“
Einsam war er, hungrig und traurig.

Erst am nächsten Tag drehte der Wind, es wurde ein paar Grad wärmer und das tat so gut. Willi verließ das Nest, machte ein paar Dehnübungen und turnte dann flink durch den Wald, zur großen Kiefer, unter der er einen Teil seines Schatzes von Samen und Nüssen vergraben hatte. Doch als er dort ankam, sah er das Malheur, die Kiefer war vom Sturm entwurzelt worden und lag nun auf dem Boden. Willi konnte nicht an seine Vorräte, dabei fühlte er sich vor Hunger schon ganz schwach. Glücklicherweise fand er einen Kieferzapfen, den er mit seinen scharfen Zähnen bearbeitete und dessen Samen er genüsslich verspeiste, aber das war nur ein Tropfen auf den heißen Stein, er brauchte viele Kiefernzapfen oder Bucheckern, vielleicht sogar Nüsse. Er musste sich also wieder auf den Weg machen, um sein nächstes Versteck zu suchen. Plötzlich hörte er Stimmen und Gelächter, flink kletterte auf die Spitze des nächstgelegenen Baumes und verharrte dort. Seine klugen braunen Augen spähten umher und dann sah er sie kommen.Das mussten Menschen sein. Willi hatte schon von ihnen gehört, aber gesehen hatte er noch keinen.

„Die sind gefährlich“, dachte Willi und zitterte vor Angst. „Wenn sie mich packen, dann ist alles aus!“ Doch die Menschen würden keinem Eichhörnchen etwas zuleide tun, es war der Förster mit seinen beiden Söhnen. Sie wollten nach Schäden schauen, die demnächst dann beseitigt werden mussten.

„Wie schade, schaut her, die alte Kiefer ist auch entwurzelt“, sagte der Förster. Sie hatten schon einige Schäden gesehen, das würde eine Menge Arbeit geben. Willi verhielt sich mucksmäuschenstill.  Er hatte Angst, dass man ihn entdeckte und als sein kleiner Magen knurrte, erschrak er, weil er dachte, dass die Menschen es gehört haben könnten. Doch die unterhielten sich weiter und als der kleinere der Söhne eine Brotdose aus dem Rucksack holte und den anderen beiden ein Butterbrot anbot, da lief Willi das Wasser im Mund zusammen. Wenn doch nur dieser blöde Hunger nicht wäre. Vorsichtig schraubte sich Willi am Stamme des Baumes hinunter, um näher bei dem Butterbrot zu sein, das so verlockend aussah.

„Schau, Papa, ein Eichhörnchen, wie niedlich!“

Die drei entdeckten Willi und der blieb einfach sitzen und schaute die Menschen an. So grässlich sahen die gar nicht aus und sie machten auch keine Anstalten, ihn zu fangen.

„Dürfen wir es füttern?“, fragte der kleine Junge. Der Vater hatte nichts dagegen.

„Werft ihm ein paar von euren Erdnüssen hin, die werden ihm schmecken“, schlug er vor.

Willi konnte sein Glück kaum fassen. Schnell holte er sich eine Nuss, flitzte wieder zurück auf den Baum und öffnete die Schale blitzschnell. Zwei dicke Nüsse fand er darin und da unten unter dem Baum, da lagen noch viele davon. Die würde er nachher in seinen Kogel bringen, damit er nicht wieder Angst haben musste vor Hunger zu sterben.

Vielleicht kamen die Menschen ja auch noch einmal zurück und brachten ihm wieder etwas mit. Und wenn nicht? Dann würde er sie suchen!

© Regina Meier zu Verl

Copyright für das Bild: Elke Bräunling
Copyright für das Bild: Elke Bräunling

Ida, der Wind und der Ärger

Manchmal muss man sich über das Wetter ärgern, so wie Ida in der Geschichte, aber sie lernt: Sich ärgern macht alt!

Ida, der Wind und der Ärger

„Puh, ist das ein Wind, der zieht einem ja die Socken aus!“, stöhnt Ida und zieht die Kapuze fester um den Kopf. Ungemütlich ist es und das Gehen fällt immer schwerer, weil sie gegen den Wind kämpfen muss.
Papa hat es gut, der kann mit dem Auto zur Arbeit fahren und Mama hat es auch gut, sie arbeitet zu Hause. „Nur ich arme kleine Ida muss bei diesem blöden Wetter raus!“, denkt sie und wird immer zorniger.
„Na du, was guckst du denn so böse?“, fragt eine Dame mit einem Dackel an der Leine.
„Ist dir eine Laus über die Leber gelaufen?“
„Nein, aber der blöde Wind regt mich auf, ganz furchtbar regt er mich auf.“
Die alte Dame lacht. „Musst dich nicht aufregen, das macht alt“, behauptet sie und lacht noch lauter.
Ida kann sich nicht vorstellen, was Aufregung mit dem Altern zu tun haben soll. Aber wenn die Frau das sagt, dann wird da wohl was dran sein, denkt sie.
„Ich rege mich jetzt jeden Tag auf, dann werde ich schneller alt und dann kann ich auch mit dem Auto zur Arbeit fahren oder einfach zu Hause bleiben!“, beschließt Ida und es geht ihr gleich ein wenig besser. Gute Aussichten sind das.
Als sie zu Hause angekommen ist, wirft sie die Jacke unter die Garderobe und den Tornister mitten in den Flur, dann rennt sie in die Küche und will sich über das Essen aufregen. Gerade will sie losschimpfen, da steigt ihr ein wunderbarer Duft in die Nase. Sollte Mama etwa Frikadellen gebraten haben? Und wenn das so wäre, dann gäbe es sicher Kartoffelpürree und Rotkohl dazu. Darüber konnte sich Ida einfach nur freuen, denn genau das war ihr Leib- und Lieblingsgericht.
„Hallo Schatz. Na du, war es anstrengend gegen den Wind anzulaufen?“ Mama drückt Ida einen Schmatzer auf die kalten Wangen.
„Ach ja, es ging so“, antwortete sie, ihr Zorn war verraucht bei der Aussicht auf das leckere Mittagessen.
„Gibt es Frikadellen?“
„Ja, aber erst dann, wenn du deine Jacke aufgehängt hast und deinen Tornister ins Zimmer gebracht hast. Mach das schnell, sonst regt Oma sich wieder auf.“
Ida wird nachdenklich, schnell läuft sie zum Flur und räumt ihre Sachen weg. Oma ist schon alt und wenn man bei Aufregung noch schneller alt wird, dann tut Oma das gar nicht gut. Ida liebt ihre Oma und möchte sie noch recht lange behalten.
„Mama, stimmt es, dass man schneller alt wird, wenn man sich ärgert?“, fragt sie die Mutter.
„Man bekommt Sorgenfalten, aber man wird nicht schneller alt, Ida. Allderdings kann es sein, dass ein Mensch, der immer unglücklich ist, früher stirbt als einer, der immer glücklich ist.“
„Dann will ich mich von heute an nie mehr ärgern und dich auch nicht und Papa nicht und Oma nicht, weil ich euch doch alle so lieb habe!“
Als alle am Tisch sitzen und das leckere Mittagessen verspeisen, hat Ida hochrote Wangen und es schmeckt ihr so gut wie lange nicht mehr. So toll hätte sie es auch gar nicht gefunden, wenn sie sich nun ständig ärgern sollte und das mit dem Auto fahren hatte ja noch ein paar Jahre Zeit.

(c) Regina Meier zu Verl

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Bildquelle jill111/pixabay

 

Der Igel sucht einen Freund

Der Igel sucht einen Freund
Eine Freundschaftsgeschiche

„Immer bin ich hier allein“, jammerte der Igel. „Ich habe zwar alles, was sich ein Igel wünschen kann, aber ich hätte so gern einen Freund!“
Aha, er war also einsam, der kleine Igel und das kann man ja auch verstehen. Jeder braucht einen Freund, einen, an den man sich anlehnen kann, der einem zuhört, der da ist, wenn es einem schlecht geht. Aber auch dann, wenn es einem gut geht braucht man einen Freund, einen, mit dem man eben alles teilen kann, Freud und Leid.
Unser kleiner Igel hatte sich nun so in seinen Kummer hineingesteigert, dass ihm die Tränen kamen. So richtig dicke Igeltränen waren es und weil er immer trauriger wurde, unterstrich er die Tränen mit einem herzerbarmenden Geheul.
Habt ihr schon einmal einen Igel heulen hören? Nein? Es klingt wie das jämmerliche Schreien eines Kindes und geht einem durch Mark und Bein, ganz ehrlich.
Allerdings hilft es unserem Igel gar nicht, wenn er einfach nur laut heult. Aktiv muss er werden und vielleicht mal einen Blick über den Tellerrand, besser gesagt Gartenzaun, wagen. Denn, dass er im Garten allein ist, das weiß er ja schon.
Also los, kleiner Igel, mach dich auf die Socken und suche dir einen Freund oder eine Freundin, noch ist Zeit, denn schon bald musst du dich nur noch um ein gutes Fettpolster kümmern, damit du den Winterschlaf gut überstehen kannst.
Bedenke aber, dass du deine Regenwürmer, Insekten und sonstige Leckerchen teilen musst, wenn du einen Freund hast. Das macht man so unter Freunden!
„Aber wo soll ich nur hingehen?“, fragte sich der Igel. „Ob ich mal in den Wald spaziere? Das Rotkehlchen hat neulich so ein Loblied auf den Wald gesungen. Vielleicht finde ich da einen Freund, ist doch egal, ob es ein Igel ist, oder ein anderes Tier. Mir ist alles recht, solange ich nicht allein sein muss. Dafür teile ich meine Würmer und alle anderen Leckerchen gern, ganz ehrlich!“, sagte er.
„Na, so richtig kuschelig bist du ja nicht!“, kicherte das Eichhörnchen, das gerade wieder ein paar Nüsschen im Garten vergraben hatte. „Ich kann mir etwas Schöneres vorstellen, als mit dir zu kuscheln!“, rief es noch und sprang davon.
„Dafür bist du aber … ach, da fällt mir gar nichts ein, wie man dich bezeichnen könnte, du, du …!“, rief der Igel wütend und schon wieder kamen ihm die Tränen.
Entschlossen schluckte er sie aber herunter und lief los. Er krabbelte unterm Gartenzaun durch und gelangte auf eine riesige Wiese, auf der die Kuh Berta und ihr Kalb in aller Seelenruhe grasten.
„Hallo!“, sagte der Igel zur Begrüßung. Berta kaute weiter, sie hob erst den Kopf, als sie bemerkte, dass ihr Kalb sich für den stachligen Gesellen interessierte.
„Komm da weg!“, befahl sie dem Kleinen und kaute weiter.
„Entschuldigung, ich wollte nicht stören“, versuchte der Igel die Unterhaltung nochmals aufzunehmen.
„Tust du aber, verschwinde!“, sagte Berta und drehte dem Igel ihren dicken Hintern zu. Sie hob den Schwanz und wäre der kleine Igel nicht schnell weitergelaufen, hätte es wohl ein Unglück gegeben. Völlig außer Atem kam er am Waldrand an und musste erst einmal eine Weile verschnaufen, so schnell war er gerannt.
„Du sitzt im Weg“, wisperte ein feines Stimmchen. Der Igel schaute sich um, sah aber niemanden.
„Ich bin hier unten, bist du blind?“, fragte die Stimme unfreundlich.
„Igel sehen sehr schlecht!“, verteidigte sich der Igel. „Wer bist du denn überhaupt?“
„Ich bin Lotti Ameise und meine Schwestern werden gleich hier eintreffen, wir haben Stöckchen für unseren Ameisenbau gesammelt und müssen hier durch, also troll dich!“, befahl sie.
Der Igel erhob sich und ging ein Stückchen zur Seite. Er kniff die Augen ein wenig zusammen, um besser sehen zu können und tatsächlich, da sah er die Ameisenkolonne, die schwer beladen ihres Wegs zog und Lotti rief, so laut sie konnte: Eins, zwei drei, kommt hier vorbei und eins, zwei drei, kommt hier vorbei!“
Der Igel schüttelte den Kopf. So etwas hatte er noch nie gesehen, aber auch, wenn er sich ein bisschen über Lottis Unfreundlichkeit ärgerte, bewunderte er insgeheim die fleißigen Ameisen.
Er war schon ein wenig hungrig geworden und fühlte sich, als sei er schon stundenlang unterwegs, trotzdem trieb er sich an. „Weiter, alter Junge! Wird schon werden!“
Eine Weile lang traf er auf kein anderes Tier, außer auf eine dicke grüne Raupe, die ihm gerade recht kam. Er hatte nämlich Hunger und freute sich über diesen Leckerbissen.
„Na du!“, sagte die kleine Raupe. Sie hatte eine so niedliche Stimme, dass es der Igel nicht über sich brachte, sie einfach so zu verspeisen. Er konnte sich genauso gut eine Weile mit ihr unterhalten. Was später war, würde man dann sehen.
„Na du!“, antwortete er deshalb recht freundlich. „Wie geht es dir?“
„Ach“, antwortete die Raupe, „ich bin so traurig, meine Freundinnen sind alle schon verpuppt, nur ich bin noch da und finde keinen guten Platz, um es ihnen gleich zu tun. Schätze ich muss als Raupe überwintern!“, sagte die Kleine.
„Das tut mir leid!“ Der Igel hatte Mitgefühl mir der Raupe und brachte es nicht übers Herz, sie zu verspeisen. „Ich muss mir auch bald einen Platz zum Überwintern suchen! Wollen wir uns nicht zusammentun?“, schlug er vor.
„Gern!“, sagte die kleine Raupe. „Dann sind wir beide nicht allein, das stelle ich mir schön vor!“ Sie lächelte den Igel an, wurde aber sogleich wieder traurig.
„Aber, wie soll das gehen? Ich kann nicht so schnell laufen wie du, ich würde dich nur behindern!“
Der Igel schüttelte schnell den Kopf. Er wollte auf keinen Fall, dass die gerade gewachsene schöne Idee wie eine Seifenblase zerplatzte.
„Ich nehme dich einfach mit, du bist klein und zart und wiegst fast nichts. Krabble auf meinen Rücken, das hast du eine gute Aussicht. Du kannst mir sagen, wohin ich gehen soll. Ich sehe nämlich nicht so gut, weißt du!“, ereiferte sich der Igel.
„Aber, aber du hast Stacheln, du würdest mich verletzen!“, sagte die kleine Raupe traurig.
„Nein, das werde ich nicht. Meine Stacheln benutze ich nur, wenn ich bedroht werde, aber schau hier“, der Igel richtete sich ein wenig auf, so dass die Raupe seine Unterseite sehen konnte. „Hier unten und im Gesicht habe ich gar keine Stacheln, du könnte hier einen schönen warmen Platz für dich finden!“
Die Raupe schaute genau hin und nickte dann. „Okay, wir versuchen es.“
Vorsichtig kroch sie am Igelbein hoch und an der Seite lang bis hinter sein linkes Ohr. Dort saß sie sicher und hatte einen guten Ausblick.
Der Igel schlug vor, dass sie gemeinsam in „seinen“ Garten zurückkehren könnten, da es dort wunderbare Verstecke gab und auch genügend Nahrung für das Winterpolster, das er sich noch anfressen musste. Raupen würde er nicht mehr fressen, denn er hatte ja nun eine Freundin und Freunde hat man lieb. Ist doch so, oder?

Was aus unseren beiden geworden ist möchtet ihr wissen? Da unser Igel mit Katzenfutter gefüttert wurde, das die Gartenbesitzer ihm hinstellten, wurde er dick und rund. Die Raupe fraß nichts mehr, im Frühjahr würde sie sich auch verpuppen und irgendwann ein wunderschöner Schmetterling sein. Schon bald konnten sich die beiden einen Platz aussuchen, an dem sie gemeinsam überwintern konnten. Sie redeten und redeten, erzählten sich lange Geschichten, lachten und weinten miteinander und irgendwann schliefen sie eng aneinander gekuschelt ein. Schön, oder?

© Regina Meier zu Verl

Hier lese ich euch die Geschichte vor:

Zeichnung Regina Meier zu Verl

Ella führt was im Schilde

Ella führt was im Schilde

Abends war es nun wieder so kühl, dass man gern unter die Kuscheldecke kroch, wenn man so richtig gemütlich in seinem Buch lesen wollte.
„Der Herbst ist wunderbar, stimmt’s Ella?“, sagte Oma, rückte ihre Brille zurecht und tauchte ab in die Welt des Buches, das sie gerade las. Ich beneidete sie darum, denn mir wollte das nicht so recht gelingen. Das mit dem Lesen schon. Darin war ich Weltmeisterin wie meine Oma. Wenn ich ein tolles Buch las, konnte ich alles um mich herum vergessen, sogar das Essen, und das mag etwas heißen.
Aber das mit dem Herbst und dem Freuen, das fühlte ich nicht so dolle. Wie konnte man sich auch darauf freuen, bald wieder frieren zu müssen und nicht den Tag draußen verbringen zu können?
„Mir ist der Sommer aber lieber!“, sagte ich deshalb. „Das Freibad hat nun schon geschlossen, das ist blöd und am Abend wird es früh dunkel, das ist auch blöd. Und überhaupt, alles ist blöd!“, maulte ich und schob mir ein Weingummi in den Mund.
„Alles?“ Oma blickte von ihrem Buch auf und sah mich mit hoch erhobenen Augenbrauen an. So guckte sie immer, wenn sie etwas zu meckern hatte.
„Was ist alles?“, fragte sie. „Oder willst du sagen, dass dir nichts, aber auch wirklich gar nichts gefällt so lange, bis es wieder Sommer ist, Ella?“
„Du nicht, Oma, du bist nicht blöd!“, sagte ich, wie aus der Pistole geschossen. Oma lächelte.
„Da habe ich ja nochmal Glück gehabt! Aber sag, findest du außer mir noch etwas anderes, das nicht blöd ist?“
Ich musste grinsen. Auf diese Frage hatte ich hingearbeitet und schon ungeduldig darauf gewartet, dass Oma sie mir stellte.
„Ich wüsste da schon ‚was, was mir gefallen würde“, antwortete ich zögernd. Ich machte eine kleine Pause, sah Oma an und ließ es raus: „Apfelkuchen! Für mich … und für die ganze Klasse. Morgen. Zum Herbstfest.“
„Aha!“, Oma lachte laut auf. „Wusste ich doch, dass du etwas im Schilde führst!“
„Im Schilde führst? Was soll denn das bedeuten?“ Gespannt schaute ich Oma an. Die überlegte einen Moment und setzte dann zu einer Erklärung an.
„Die Kurzfassung, bitte!“, rief ich noch, doch da war es schon zu spät. Oma erklärte:
„Der Begriff kommt aus dem Mittelalter, damals hatten die Adligen ein Wappen, das auf ihrem Schild abgebildet war. Wenn sich jemand näherte, dann konnte man schon am Wappen erkennen, um wen es sich handelte, also Freund oder Feind!“
„So ist das also. Aber ich habe doch gar kein Schild, Oma!“
„Nein, man meint das ja auch im übertragenen Sinne. Ich konnte an deinem Kompliment erkennen, dass du etwas von mir willst – du hast also deine Absicht wie ein Schild vor dir hergetragen, verstehst du? Man könnte auch sagen, dass ich es dir an der Nasenspitze angesehen habe.“
„Hm!“ Fragend sah ich Oma an. Das war ja alles brennend interessant, denn irgendwie mochte ich alles, was mit Geschichte, besonders mit dem Mittelalter, zu tun hatte. Aber der Apfelkuchen interessierte mich gerade mehr und ich fragte nochmal vorsichtig:
„Und was ist nun mit dem Apfelkuchen, Oma?“
„Den backen wir jetzt gemeinsam!“, beschloss Oma, legte ihr Buch zur Seite und dirigierte mich in die Küche. Ich bin doch ein Glückspilz, oder?

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle congerdesign/pixabay

Gruselsuppe

Gruselsuppe

„Meine Oma hat Kürbisstückchen eingemacht. Sie schmeckten süß-sauer und immer wenn es Bratkartoffeln gab, dann holte sie ein Glas davon aus dem Keller“, sagte Mama, als sie den dicken Kürbis aushöhlte, der als Laterne vor der Haustür einen Platz bekommen sollte.
„Igitt, das klingt eklig!“ Jule schüttelte sich und schickte noch ein lautes: „Bäh“ hinterher.
„Als Kind mochte ich das auch nicht“, gab Mama zu. „Kürbissuppe ist mir lieber.“
Jule nickte. Ja, Mama konnte wunderbar Kürbissuppe kochen, das war ein Genuss.
„Darf ich das Gesicht schnitzen?“, fragte sie.
„Klar! Aber du musst vorsichtig sein mit dem scharfen Messer, das kann leicht abrutschen.“
Jule konnte schon mit einem Messer umgehen, das hatte Opa ihr beim Schnitzen gezeigt.
„Ich bin ja kein Baby!“, sagte sie und sah ihre Mutter vorwurfsvoll an. Dabei stemmte sie die Hände in die Hüften.
„Weiß ich doch!“, antwortete Mama versöhnlich.
„Was meinst du, Große. Willst du diesmal die Suppe kochen?“
Das wollte Jule. Aber wie, sie hatte keine Ahnung.
„Hilfst du mir?“, fragte sie deshalb.
Mama lachte und holte ihr Ringbuch aus dem Regal, in dem sie die schönsten Rezepte gesammelt hatte. Die meisten Anleitungen hatte Oma in ihrer feinsäuberlichen Schrift aufgeschrieben und die hatte sie wiederum von ihrer Mutter, also Jules Urgroßmutter, übernommen.
„Zuerst müssen wir das Kürbisfleisch in Stücke schneiden, danach kommen noch Würfel von drei großen Kartoffeln dazu und eine Zwiebel. Ich setze schon den großen Topf auf und lasse etwas Butter darin schmelzen. Dann kommt das Gemüse dazu und muss eine Weile dünsten.“
Nachdem Jule alles in den Topf befördert hatte, rührte sie zwischendurch immer wieder um und schon nach einer halben Stunde konnte sie die Gemüsebrühe dazugießen.
Anschließend ging es ans Abschmecken, Salz, Pfeffer, etwas Currypulver und ein halber Teelöffel Zucker kamen zu der Suppe, in die Mama vorher noch ein wenig frischen Ingwer gegeben hatte, fein gehackt.
„Mmh, das schmeckt lecker“, schwärmte Jule und nahm schnell noch eine Kostprobe.
„Richtig fertig ist die Suppe erst, wenn wir sie püriert haben und zum Schluss kommt noch ein kleiner Becher Sahne dazu“, erklärte Mama und drückte Jule den Pürierstab in die Hand.
„Dann leg mal los, aber pass auf, es könnte spritzen!“
Es klappte wunderbar, ein paar Spritzer waren ja nicht so schlimm. Es war ja Jules erste selbst gekochte Kürbissuppe.
Während sie auf Papa warteten, schnitzte Jule das Kürbisgesicht.
„Weißt du was?“, sagte sie.
„Nein, was denn?“
„Wir taufen die Suppe einfach um, sie heißt jetzt Gruselsuppe, weil sie doch aus dem Gruselkürbiskopf gemacht wurde!“
Den Vorschlag fand Mama gut und sie schlug vor, dass Jule ihr Gruselsuppenrezept doch auch aufschreiben sollte, in Schönschrift, so wie Oma.
Jule war begeistert, sie malte Kürbisse und Halloween-Fratzen rund um das Rezept. Papa machte am Abend ein paar Kopien davon, die Jule am nächsten Tag mit in die Schule nahm und ihren Freundinnen schenkte.

© Regina Meier zu Verl

Nebeltage

See-Idylle

Nebeltage

Eine Herbstgeschichte

Drei Tage lag das Dorf in dichtem Nebel. Unser Haus war ganz umhüllt und wir lebten in einer Welt, in der es nur uns zu geben schien. Wie gefangen kamen wir uns vor. Auch wenn wir wussten, dass das irgendwann ein Ende haben würde, so nervte uns diese Ausnahmesituation schon am Ende des ersten Tages.
Großvater zog sich in seine Stube zurück. Für ihn war es das perfekte Wetter, musste er doch nicht im Garten arbeiten. Er nebelte sich ein im Pfeifenrauch und las ein Buch nach dem anderen. Seine Schmökerstunden unterbrach er lediglich zur Nahrungsaufnahme. Gern hätte ich ihm Gesellschaft geleistet, aber der Pfeifenrauch brachte mich immer zum husten. Meine Eltern fanden es auch gar nicht gut, dass ich diesen Mief immer einatmen sollte. Deshalb durfte Opa auch nur in seiner Stube rauchen, oder draußen. Aber bei diesem Wetter jagte man ja nicht einmal einen Hund vor die Tür. Nicht einmal unser Fiete wollte raus, nur zum Pinkeln und – na, ihr wisst schon!
Mama sortierte die Kleiderschränke aus und schaffte Platz für Neues. Es war lustig anzusehen, wie sie jedes Teil prüfte, in die Höhe hielt und hin und wieder eine Anekdote zu einem bestimmten Teil erzählen konnte.
“Schau nur, Lotta“, sagte sie beispielsweise. „Diese Bluse habe ich getragen, als ich mit deinem Vater in Berlin war. Damals sind wir ganz fein ausgegangen. Ach, wie chic war ich darin. Aber nun habe ich wohl keine Verwendung mehr dafür. Außerdem habe ich wohl ein paar Pfündchen zugelegt, sie passt nicht mehr!“
Liebevoll betrachtete sie die Seidenbluse mit dem hübschen Muster aus vielen kleinen Blüten zusammengesetzt. Beinahe zärtlich strich sie über den Stoff und roch daran, bis sie schließlich entschied: „Nein, die ist zu schade! Ich kann mich nicht von ihr trennen. Vielleicht passt sie dir ja eines Tages. Manchmal werden Muster wieder modern, was meinst du?“
Ich fand den Stoff scheußlich, aber ich hütete mich, das zu sagen. Mama liebte diese Bluse und ich würde ihr die Freude daran nicht verderben.
Mein Vater versuchte es auch mit dem Lesen, aber schnell wurde es ihm zu langweilig. Er verzog sich in die Garage und sortierte seine Werkzeuge. Eine Weile schaute ich ihm zu. Dann bot ich meine Hilfe an.
„Du, das ist nett gemeint, aber das ist keine Mädchenarbeit und außerdem habe ich alles so strukturiert, dass ich auf Anhieb finde, was ich suche. Da findest du nicht durch!“
„Papa, was ist das denn „strukturieren“?“, fragte ich, denn schließlich konnte ich ja nicht alles wissen und schon gar nicht diese blöden Fremdwörter, die meine ältere Schwester auch so gern zum Besten gab.
„Tja, das heißt, dass man etwas organisiert – nee, schon wieder ein Fremdwort. Also ich meine – warte – ja, jetzt hab ich’s sortieren oder aufräumen bedeutet das.“
„Aber aufräumen kann ich doch auch!“, behauptete ich und das hätte ich besser nicht gesagt, denn sogleich wurde ich in mein Zimmer geschickt, zum Strukturieren. Mist!
Ich wanderte also wieder ins Haus, schaute kurz bei Mama rein, die gerade damit beschäftigt war Papas Socken zu strukturieren. Man lese und staune: Ich hatte ein neues Lieblingswort gefunden und wendete es an, wo immer es ging.
„Wann gibt es Abendessen?“ Mein Bauch hatte gerade laut und deutlich geknurrt.
„Das dauert noch, ich bin beschäftigt, wie du siehst. Vielleicht magst du ja schon den Tisch decken“, schlug meine Mutter vor.
„Immer ich! Kann Lisa das nicht mal machen? Ich habe auch keine Zeit, ich muss mein Zimmer strukturieren!“
Was Mama darauf sagte, habe ich nicht mehr gehört, denn wie der Wind raste ich die Treppe hoch und klopfte an Lisas Tür. Sie hatte dort extra ein Schild aufgehängt auf dem stand: „Kleine Schwestern müssen draußen bleiben!“ Ich wartete auf das „Herein“ und als nach dem dritten Klopfen noch immer nichts kam, drückte ich die Klinke herunter und betrat das Zimmer.
„Raus!“, kreischte Lisa. „Kann man denn nicht ein einziges Mal in diesem Leben seine Ruhe haben?“
‚Dann eben nicht’, dachte ich und schloss die Tür wieder. Ich wanderte in mein Zimmer, nahm meinen Malblock und malte Nebel, dichten grauen Nebel, ein düsteres Bild. Dabei liebte ich doch den Herbst so sehr. Ich hatte mir von meinem Taschengeld sogar tolle Herbstfarben gegönnt: hellgelb, maisgelb, orange, rot, dunkelrot, verschiedene Grüntöne, braun, ocker, lila. Doch von dieser Farbenpracht war heute nichts zu sehen gewesen und am nächsten Tag nicht und am übernächsten auch nicht.
Ich riss das Nebelbild vom Block und begann ein neues Bild zu malen. Bunte Wälder, Stoppelfelder, gepflügte Äcker waren zu sehen. Auch den See malte ich, mit den bunten Büschen an seinem Ufer. Und plötzlich fand ich alles gar nicht mehr traurig und düster. Auch den Nebel fand ich gar nicht mehr so schlimm, denn ich konnte mir gut vorstellen, wie es nach dem Nebel aussehen würde. Wenn ich es vergessen sollte, dann musste ich mir nur meine Malereien anschauen.
Es wurden viele Bilder in diesen drei Tagen. Ich ließ die Erwachsenen teilhaben an der Vielfalt und verschenkte die Gemälde großzügig. Sogar meine Schwester bekam eins und das hängte sie auch sofort in ihrem Zimmer auf und lud mich zu einer Limo bei sich ein. Geht doch!

© Regina Meier zu Verl
Hier auch als Hörbuch (KLICK)

Novembergedanken

Novembergedanken

Dein grauer Mantel wärmt mich nicht, November. Doch hüllt er mich ein, schmeichelt mir und lässt meine Linien weicher erscheinen. Ich habe das bunte Herbstgewand neben das zitronengelbe Sommerkleid gehängt. Das Grau schmücke ich mit farbenfrohen Tüchern, so wie ich meine Fenster mit Kerzenlicht erhelle.
Die Gedanken an das keimende Leben in der Natur verscheuchen die Tristesse, die wieder mal Gast in mir sein will. Ich habe gelernt damit umzugehen und habe mir ein Lächeln ins Gesicht gemalt, versuche es zu halten und siehe da, wie gespiegelt lächeln die Menschen zurück. Wo noch eben Missmut spürbar war, zaubert das Lächeln ein Licht um sie und strahlt immer heller. Freundliche Gesichter, warme Worte, ein Miteinander wie ich es mir wünsche. Es ist so leicht, warum machen wir es uns immer so schwer?
Mein Herz tut sich auf und erkennt die Schönheit der Nebelschleier, gnädig verhüllen sie die Welt, geben ihr etwas Geheimnisvolles. Im Abendlicht funkeln Tropfen wie Glasperlen an feinen Spinnfäden. Ich suche nach Elfen und Waldgeistern in dieser zauberhaften Natur und manchmal habe ich Glück und entdecke ein Waldwesen in einer Baumrinde oder einer vergessenen Blüte. Ich umarme die Bäume, spüre ich Kraft und wünsche mir, dass ich wie sie den Lebensstürmen trotzen kann. Und plötzlich weiß ich: Ich kann! Ich muss es nur wollen und ich will. Dankbar bin ich und demütig. Ich bin eins mit der Natur, sie nimmt mich auf und das wird sie auch tun, wenn meine Erdenzeit zu Ende sein wird. Der Kreislauf des Lebens, es ist die Zeit, in der wir der Verstorbenen gedenken und ihre Gräber schmücken mit Farbe und Licht. Wir tragen sie in uns und sie stehen uns zur Seite, immer, nicht nur im November.
Vorfreude erwacht, kindliches Staunen, das mit großen Augen auf die Lichter schaut, die nach und nach die Fenster erleuchten. Schon erahne ich die ersten Schneekristalle, die auf meiner Nasenspitze schmelzen und mit der Zunge fahre ich über die Lippen, um den Winter zu schmecken. Willkommen, November, ich mag dich und deine Eigenheiten. Dein Geruch ist ausgeprägt in meiner Erinnerung, wie liebe ich den Duft des Laubes. Das Rascheln unter meinen Füßen singt mir ein Lied und ganz leise klingen schon die Glocken des Advents mit.

© Regina Meier zu Verl


Novemberlicht, Foto © Regina Meier zu Verl

Ein Hund namens November

Ein Hund namens November

Ein komischer Name für einen Hund, denkst du? Dann will ich dir erklären, wie er zu seinem Namen gekommen ist.
Es war Herbst, der milde Oktober war längst vorbei und abends wurde es deutlich kälter und ungemütlich draußen. Meine Eltern und ich mochten aber diese Zeit, denn nichts war gemütlicher, als am Abend mit einem leckeren Tee und bei flackerndem Kaminfeuer im Wohnzimmer zu sitzen und zu lesen. Wir, alle drei, waren und sind nämlich Leseratten. Mama liest Krimis. Wenn es besonders spannend ist, dann hört und sieht sie nichts um sich herum. Papa liest Sachbücher, am liebsten über seine geliebten Pferde, das kann ich noch verstehen, oder über Politik – das finde ich eher ätzend. Papa liebt aber auch Gedichte und, wie er sagt „schöngeistige“ Literatur.
Ich, Paul, bin zwölf Jahre alt und lese mit Begeisterung Abenteuer- und Fantasiebücher. An diesem Abend hatten wir drei wieder unsere Lieblingsplätze im Wohnzimmer bezogen. Jeder hatte sich in eine Decke gekuschelt. Ich las im Buch „Robinson Crusoe“ und es war gerade unheimlich spannend, als wir plötzlich ein seltsames Geräusch hörten.
Es klang wie ein Weinen oder Winseln, ganz leise, aber doch durchdringend.
„Pst!“, sagte Papa und horchte auf. „Was war das?“
Mama und ich hatten es auch gehört. Unheimlich klang es. Wir lauschten.
Eine Weile blieb es still. In meinem Buch ging es dafür richtig zur Sache. Robinson, der auf einer einsamen Insel gelebt hatte, nachdem sein Schiff untergegangen war, hatte einen Fußabdruck entdeckt, der größer als sein eigener gewesen war. Wähnte er sich doch allein auf der Insel, musste er jetzt entdecken, dass Kannibalen auf „seiner“ Insel gehaust hatten. Natürlich machte ihm diese Entdeckung mächtig Angst, ist ja klar. Hättet ihr nicht auch Angst vor Kannibalen? Ich schon!
Aber weiter: in der Nacht träumte Robinson, dass die Kannibalen zurückkämen und ein Menschenopfer mitbrächten, das ihnen aber entkommen würde. Und, was soll ich sagen, zwei Jahre später war es soweit. Kannibalen kamen auf die Insel, das Opfer, ein Dunkelhäutiger, lief auf Robinsons Lager zu und gemeinsam konnten sie die Männer überwältigen. Da das an einem Freitag passierte, nannte Robinson seinen neuen Gefährten Freitag.
Na, ahnt ihr schon, worauf ich hinauswill?
Genau, das Winseln wurde lauter und irgendwann sahen wir drei im Garten nach, was da los war. Hätte ja sein können, dass jemand ein Baby ausgesetzt hatte. Glücklicherweise war es das aber nicht, denn als Papa im Garten umherleuchtete mit seiner Taschenlampe, das sahen wir im Gebüsch zwei funkelnde Augen und das konnten nur die von einem Tier sein. Oder funkeln Babyaugen auch im Dunklen? Weiß ich nicht, ihr?
Ein zotteliger kleiner Hund hatte sich im Gebüsch verfangen. Er hatte ein Halsband, an das ein Strick befestigt war und dieser Strick hing nun fest. Da half kein Zerren und Ziehen. Papa befreite den Kleinen, der dankbar an ihm hochsprang und ihm die Hände leckte, als er frei war.
Der Hund machte keine Anstalten wegzulaufen, obwohl mein Papa es ihm ausdrücklich befahl.
„Geh nach Hause Kleiner, sicher wirst du vermisst!“, sagte er.
„Ach was, der wurde sicher ausgesetzt und kann nicht mehr nach Hause. In meinem Krimi wurde auch gerade ein Hund ausgesetzt, weil er seinen Herrn verraten hatte, der in eine Villa einbrechen wollte. Der erhoffte sich reiche Beute, aber sein Hund hatte sich im Auto versteckt und da die Tür nicht richtig verschlossen war, hüpfte er hinaus, seinem Herrn hinterher. Als dieser eine Scheibe einschlug bellte der Hund laut und …“ Papa unterbrach meine Mutter. „Du immer mit deinen Krimis! Hier gibt es keine Einbrecher!“, sagte er.
„Vielleicht aber Kannibalen!“ Ich wollte auch ein wenig zur Geschichte beisteuern, wobei ich nicht an Kannibalen in unserer Stadt glaubte.
„Quatsch, wir müssen die Polizei anrufen.“, meinte Papa.
„Und, was sollen die machen? Die müssen sich um wichtigere Dinge kümmern, in meinem Buch …“, sagte Mama aufgeregt, doch Papa ließ sie nicht ausreden.
„Dann sollten wir das Tierheim anrufen“, Papa hob den Kleinen entschlossen auf seine Arme und trug ihn ins Haus. Das gefiel mir! Mein Papa ist ein Mann, der redet nicht lang drumherum, der handelt, und dafür liebe ich ihn. Meist jedenfalls.
Der kleine Hund sah, im Licht betrachtet, ziemlich verwahrlost aus. Sein Fell war verfilzt und wenn man ihn streichelte, konnte man seine Rippen fühlen.
„Wir sollten ihm was zu trinken geben!“, schlug Mama vor. Sie füllte einen Suppenteller mit Wasser und gleich schlabberte der Kleine gierig das Wasser bis auf den letzten Tropfen. Dann setzte er sich artig vor den Teller, legte seinen Kopf zur Seite und sah uns an, als wollte er sagen: „Hunger habe ich auch noch!“
„Er hat Hunger! Mama, gib ihm was!“, rief ich. Der Hund tat mir so leid.
Er verputzte dann die Reste von unserem Abendbrot, Frikadelle mit Kartoffelbrei und sogar die Erbsen, igitt, ich mag die nicht, fraß er auf. Dann leckte er sich zufrieden ums Maul.
„Und jetzt?“, fragte Mama.
„Jetzt gebe ich ihm erstmal einen Namen, wir können ihn ja nicht mit Hund ansprechen!“, schlug ich vor. Doch Mama schüttelte heftig den Kopf.
„Nein, um Himmels Willen. Ich habe mal gelesen, dass, wenn man jemandem einen Namen gibt, man für ihn ein Leben lang verantwortlich ist. Das hat doch dieser … wie heißt der nochmal, Albert, du weißt das doch!“ Mama war ganz aufgeregt, weil ihr der Name nicht einfiel. Das passiert oft bei ihr.
„Du meinst St. Exupéry!“, sagte Papa grinsend. „Und da geht es nicht um den Namen, sondern darum, dass, wenn man jemanden zähmt, man lebenslang für ihn verantwortlich ist. Das sagte übrigens der Fuchs zu dem kleinen Prinzen!“
„Dann kann ich ihm einen Namen geben, oder?“, wollte ich wissen und da meine Eltern nickten, sagte ich feierlich: „Willkommen in der Familie, November!“
„November? Was ist das denn für ein Name?“ Mama war entsetzt.
„In meinem Buch nennt Robinson seinen Gefährten Freitag, weil er an einem Freitag zu ihm kam und da heute Freitag ist und der Name schon vergeben ist, nenne ich ihn November, weil er im November zu uns kam!“, erklärte ich meinen Eltern und insgeheim nahm ich mir vor, November zu zähmen, ihr wisst schon warum!

Das alles ist nun schon ein Jahr her. November durfte bei uns bleiben, nachdem wir versucht hatten, seinen Besitzer zu finden, erfolglos, denn gechipt war er nicht und es vermisste ihn auch niemand. Ich schwöre, wir haben uns viel Mühe gegeben, den Besitzer zu finden, aber insgeheim habe ich jeden Abend gebetet, dass wir November nicht wieder hergeben müssen.
Manchmal werden Gebete erhört – man muss nur fest genug daran glauben!

© Regina Meier zu Verl

Hier lese ich Euch die Geschichte vor: Ein Hund namens November


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