Reizwortgeschichte „Das Marienkäferchen in der Schule“

Marienkäfer – Dachboden – wirbeln – nervig – witzig

Das waren die Wörter, die diesmal verarbeitet werden mussten. 

Lest bitte auch bei meinen beiden Kolleginnen:

Lore  schreibt: „Wie ein Marienkäfer zum Glückskäfer wurde

Martina „Glücksmomente zu verschenken“ heißt es bei Martina

Das Marienkäferchen in der Schule

„Ich hatte als Kind einen Marienkäfer aus Blech, den ich hinter mir herziehen konnte. Er lief auf Rädern und öffnete beim Fahren die Flügel – auf und zu, auf und zu. In seinem Inneren konnte man einen Schatz verstecken oder aber ein wenig Proviant, um im Garten spazieren zu gehen!“, sagte Frau Korte. Sie schaute dabei so sehnsüchtig aus dem Fenster, als vermisse sie ihren Marienkäfer noch heute. Die Kinder lachten. Das musste doch ein seltsames Spielzeug gewesen sein, heute packte man seinen Proviant in eine Brotdose und dann in den Rucksack und einen Schatz hatte keines von ihnen. Was war das überhaupt, ein Schatz?
Jonas meldete sich.
„Frau Korte, was für einen Schatz meinen Sie denn? Etwa so ein geheimes Tagebuch oder sowas?“, fragte er.
„Ein Schatz – mmh, das können ganz verschiedene Dinge sein. Etwa ein Schlüssel zu einer Schatzkammer oder aber ein Schmuckstück. Es kann auch ein wertvolles Erbstück sein oder eine verzauberte Haarspange!“, erklärte Frau Korte.
„Das war sicher Ihr Lieblingsspielzeug, Frau Korte, stimmt’s? Wo Sie doch Maria heißen, meine ich!“, sagte Anna-Lena.
„Du meinst den Marienkäfer, oder?“, wollte Frau Korte wissen und als Anna-Lena nickte, bestätigte sie: „Ja, das war mein Lieblingsspielzeug, ich muss doch mal nachschauen, ob ich ihn noch auf dem Dachboden finden kann, dann bringe ich ihn mit, versprochen!“
Entschlossen stand Frau Korte auf. Wie war sie denn jetzt auf das Kinderspielzeug gekommen? Ach ja, sie hatten den Kindern davon erzählen wollen, wie der Marienkäfer zu seinem Namen gekommen war.
„Kann sich denn schon jemand vorstellen, warum der Marienkäfer so heißt?“, fragte sie.
Die Kinder riefen durcheinander und immer wieder hörte man „Gottesmutter Maria“ oder „Heilige Maria“ oder aber „Glückssymbol“.
„Pssst! Nicht alle durcheinander, aber alles was ich hören konnte, war richtig. Natürlich hat Maria etwas damit zu tun. Man sagt, dass sie die kleinen Nützlinge als Geschenk geschickt haben soll!“
Frau Korte machte eine kurze Pause und sah die Kinder aufmerksam an.
„Geschenk?“, rief Jonas. „Tiere darf man doch nicht verschenken und Marienkäfer schon gar nicht, die gehören doch keinem!“
„Deshalb kann Maria sie doch trotzdem verschenkt haben, sie hat uns ja auch Jesus geschenkt, oder?“, wandte Steffi ein. „Außerdem sind Marienkäfer ja ganz doll nützlich, sie fressen Läuse und befreien die Blumen von ihnen und das Getreide, und alles eben. Opa sagt immer, dass Marienkäfer Gold wert sind!“
Kalle, der vor Steffi saß und eigentlich nie so richtig zuhörte, wirbelte herum. „Die fressen Mäuse?“, fragte er.
„Kalle, du musst zuhören! Läuse fressen sie, Läu-se!“, feixte Steffi. „Das ist nicht witzig, Kalle, echt nicht!“
„Das ist nicht witzig, Kalle, echt nicht!“, äffte Kalle Steffi nach. „Du bist nervig, Steffi, echt jetzt!“, fügte er hinzu.
Steffi schwieg beleidigt und Kalle drehte sich wieder nach vorn. Frau Korte erzählte jetzt, dass es noch einige andere Deutungen gab, so schütze der Marienkäfer beispielsweise vor Hexen und Magiern und diene den Menschen deshalb als Glückssymbol.
„Und jetzt wünsche ich mir, dass ihr einen schönen Marienkäfer ins Zeichenheft malt und für morgen schreibt ihr dann drei kurze Sätze über die Bedeutung des Namens dazu!“
Während Steffi sich verstohlen ein Tränchen wegwischte, das sich in ihre Augen gestohlen hatte, flog das kleine Marienkäferchen, das die ganze Zeit auf der Fensterscheibe alles mit angehört hatte auf Steffis Zeichenheft, zum Trost wohl und Steffi freute sich und verriet kein Sterbenswörtchen.

© Regina Meier zu Verl

Erinnerungen an Fräulein Tät

Meine Freundin Uli strickte unter der Schulbank Socken, während ich Zigaretten für die Pause drehte. Trotz unserer Nebentätigkeiten lauschten wir aufmerksam den Ausführungen von Fräulein Tät. Eigentlich hieß sie Zimmermeister und unterrichtete Geschichte und Religion in unserer Mädchenschule. Fräulein Tät liebte Wörter, die auf „tät“ endeten, deshalb hatte sie ihren Spitznamen bekommen, den schon Generationen vor uns kreiert hatten. Keine Stunde verging, in der nicht mindestens drei dieser geliebten Wörter vorkamen. Oft schlossen wir Wetten ab, wie viele es am jeweiligen Tag sein würden.
Gerade gestern kam mit Fräulein Tät mal wieder in den Sinn, als ich die Nachrichten anschaute und mich über die vielen Fremdwörter ärgerte, die größtenteils überflüssig waren.
Über jedes neue Wort mit der Endung „tät“ freue ich mich aber noch heute diebisch, doch dazu später.
„Meine Damen“, pflegte Fräulein Tät zu sagen, wenn sie uns eine Aufgabe stellte. „Meine Damen, verfassen Sie eine Abhandlung über das soeben gehörte. Es zählt nicht die Quantität, sondern die Qualität Ihres Textes, denken Sie daran!“
Streng war sie, dennoch genoss sie eine gewisse Beliebtheit bei fast allen Schülerinnen, denn bei ihr wusste man genau, woran man war. Ja, und sie mochte uns auch. Das Zigaretten drehen übersah sie meist, ab und an gab es einen Rüffel und auch Ulis Strickerei war einmal Anlass zu einer Rüge: „Ich bewundere Ihre Kreativität, Uli, aber Sie bewegen sich am Rande der Legalität. Ihre Aktivität in allen Ehren, aber das hier ist der Geschichtsunterricht und keine Handarbeitsstunde.
„Beim Stricken kann ich mich besser konzentrieren!“, behauptete Uli und stillschweigend akzeptierte Fräulein Tät die Strickerei, wenn nicht allzu sehr mit den Nadeln geklappert wurde. Zu Weihnachten bekam sie zum Dank daher ein Paar selbst gestrickter Socken.
„Das ist eine wahre Rarität!“, rief sie begeistert aus und befühlte beinahe zärtlich die grüngelb geringelten Strümpfe. „An einem kalten und regnerischen Tag gibt es nichts Besseres als warme Stricksocken! Diese Qualität kann man in keinem Geschäft kaufen.“
Danach ging sie zur Tagesordnung über, hatte aber die ganze Stunde ein warmes Lächeln auf den Lippen, was sie um Jahre jünger aussehen ließ.
Mich interessierte besonders der Religionsunterricht. Die Vertreibung aus dem Paradies hatten wir bereits in der Unterstufe ausreichend behandelt. Ich erinnere mich gern an die Zeit, als es um die Weltreligionen ging. Das war mein Thema.
„Es geht um Spiritualität, und das nicht nur in der uns bekannten Form, sondern um weitere Glaubensrichtungen anderer Nationalitäten. Ich bitte bei den Ausführungen der Referate um Sensibilität und Konstruktivität“, verkündete Fräulein Tät, nachdem wir einige Schulstunden mit dem Studium der uns fremden Religionen verbracht hatten. „Humanität ist das Zauberwort!“, fügte sie noch hinzu.
Manchmal vermisse ich sie, unser Fräulein Tät. Ich bin traurig, dass ich nicht Abschied nehmen konnte von ihr, aber so ist das, Leben und Tod gehören zusammen. Letztens lief mir ein Wort unter, das ich gern mit ihr diskutiert hätte „Dualität“. Ich beschäftige mich mit dem Wort und dem, was dahintersteckt, mit der Zweiheit, dem Leben und dem Tod, der Erde und dem Himmel, mit Gott und den Menschen. An dieser Stelle möchte ich es jedoch einfach so im Raum stehen lassen, vielleicht erscheint mir ja Fräulein Tät in meinen Träumen und ich kann da mit ihr darüber philosophieren.

© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle MabelAmber/pixabay

Reizwortgeschichte „Josh im Bärenwald 2“

Das sind die Reizwörter, die heute verarbeitet werden mussten.

Fingerhut, Libelle, plumpsen, durchnässt, wuschelig

Bitte lest auch bei meinen Kolleginnen:

Lore

Martina

Fortsetzung der letzten Reizwortgeschichte „Josh im Bärenwald“

„Wenn man zwei Mal Zwillinge zu versorgen hat …“, seufzte Mama Bär, während sie sich in ihren Lieblingssessel plumpsen ließ.
„Dann sind das vier Kinder!“, vervollständigte Papa Bär den Satz und lachte.
„Witzbold!“, schimpfte Mama Bär. „Schließlich sollte ich es genau wissen. Jeden Tag vier Hosen, vier Pullover, vier Paar Socken und vier Schlafanzüge, die im Wäschekorb landen, dazu vier bis acht Lätzchen und unzählige Unterhosen, wenn mal wieder etwas danebengegangen ist und alles völlig durchnässt ist. Waschlappen und Handtücher nicht zu vergessen. Ach, jede Menge Wäsche!“
„Stimmt!“, sagte Papa und machte ein bekümmertes Gesicht.
„Vielleicht sollten wir mal die Rollen tauschen!“, meinte Mama Bär, setzte ihren Fingerhut auf und nahm sich die Socke wieder vor, die sie angefangen hatte zu stopfen.
„ich bringe nun erst einmal die Kinder ins Bett, dann sehen wir weiter!“, sagte Papa Bär und ging ins Kinderzimmer, wo alle vier Bärenkinder schon auf ihn warteten.

Bärta, Bärt, Robärt und Bärthild lagen in ihren Betten und schauten ihrem Papa erwartungsvoll entgegen.
„Welche Geschichte erzählst du uns heute?“, fragte Bärta neugierig. Sie war die Älteste, aber nur fünf Minuten älter als Bärt, ihr Zwillingsbruder.
Lasst euch überraschen, ich erzähle heute von Waldemar Waschbär, also passt auf:

Es war einmal eine Bärenfamilie, die hatte vier Kinder. Sie lebten in dem großen Wald, gleich hinter dem See, in dem man im Sommer so herrlich baden konnte.
„Papa Bär, das sind wir, oder?“, fragte Bärta neugierig.
„Das könnte sein, wir sind ja auch eine große Familie!“, sagte Papa und lächelte. „Aber hört erstmal weiter zu!“
Die Kinder kuschelten sich aneinander.
„Die Eltern liebten ihre Kinder sehr, deshalb machte es ihnen auch gar nicht viel aus, dass sie so viel Arbeit hatten. Eines Tages aber wurde die Mama Bär krank. Sie sollte ein paar Tage das Bett hüten und Papa war mit dem Haushalt und den Kindern auf sich allein gestellt. Er stöhnte und klagte, es half aber nichts, das Essen musste zubereitet werden, die Zimmer mussten in Ordnung gehalten werden und dann die viele Wäsche! Wäscheberge häuften sich, Papa Bär wuchs die Arbeit über den Kopf. Jeden Abend sank er erschöpft ins Bett, konnte aber nicht einschlafen. Er grübelte darüber nach, was er verändern könnte, damit für ihn, aber auch später für Mama Bär, die Arbeit erleichtert werden konnte.

„Konnten die Kinder denn nicht helfen?“, fragte Bärthild, die jüngere von den Zwillingen, die zwei Jahre jünger waren als Bärta und Bärt.
„Ja, ja!“, riefen auch die anderen Bärenkinder. „Es hätten doch alle mithelfen können!“
Papa Bär lächelte. Wie klug doch seine Kinder waren und wie empfindsam. Nun wäre es zu schön, wenn sie ab morgen auch selbst ein wenig mithelfen würden. Aber erst einmal erzählte er weiter:

Ja, die Kinder halfen, wo sie konnten. Aber viele Dinge waren einfach zu schwer für sie. Da war die Sache mit der vielen Wäsche, die wurde zum Fluss geschleppt und dort gewaschen und gespült und gewrungen. Wie hätten die Kinder das schaffen sollen?
Doch mit einem Mal hatte Papa Bär eine Idee. Die Nachbarin hatte ihm erzählt, dass in dem verlassenen Schuppen am Flüsschen ein Waschbär eingezogen war. Der konnte doch helfen, oder täuschte sich Papa Bär etwa? Machte ein Waschbär gar keine Wäsche?
Ein Versuch macht klug, dachte Papa und gleich am Abend wollte er den Waschbären besuchen und ihn bitten, die Wäsche der Familie zu übernehmen. Er, Papa Bär, würde dafür sorgen, dass der Waschbär täglich eine gute Mahlzeit dafür bekam.
„Guten Abend, Herr Waschbär!“, sagte Papa Bär, nachdem er laut an der Schuppentür angeklopft hatte.
„Wer stört?“, fragte der Waschbär unfreundlich. Er hatte offensichtlich geschlafen.
„Ich bin es, Papa Bär und ich habe eine kranke Frau und vier Kinder, zwei Mal Zwillinge, wenn Sie wissen, was ich meine!“, sagte Papa Bär aufgeregt.
Der Waschbär trat ein wenig weiter ins Licht. Er sah wuschelig aus, er hatte wirklich geschlafen. Waschbären werden eben erst am Abend aktiv. Er grinste!
„Meinen Sie, ich weiß nicht, wie viel 2 x 2 ist? Halten Sie mich etwa für dumm?“, fragte er.
„Aber nein, im Gegenteil. Ich bin gekommen, um Ihnen ein Geschäft vorzuschlagen!“, sagte Papa Bär.
„Ich höre!“, antwortete der Waschbär.
„Ich brauche jemanden, der mir die Wäsche macht, solange meine Frau krank ist und vielleicht darüber hinaus. Könnten Sie das für uns übernehmen? Ich biete Ihnen eine warme Mahlzeit am Tag dafür!“, schlug Papa Bär vor.
Der Waschbär schwieg zunächst, dann gluckste er und dann brach er in ein furchtbares Gelächter aus.
„Hör sich das einer an!“, sagte er und es fiel ihm schwer, die Worte vor Lachen herauszubekommen. „Meint der Herr Bär, ich könnte sein Sklave sein und seine Schmutzwäsche waschen, dass ich nicht lache. Soll ich dabei etwa noch eine Fliege oder Libelle, oder wie das Ding heißt, das ein Butler um den Hals trägt, umbinden?“
Papa Bär ließ den Kopf hängen. Das hatte er sich anders vorgestellt. Nun wurde er ausgelacht, das kratzte an seiner Ehre.

„Das war aber auch gemein von dem Waschbären!“, meinte Bärt.
„Ja, das war es!“, bestätigte Papa Bär. „Aber wenigstens hat der Vater es versucht. Vielleicht hat er später eine bessere Lösung gefunden, warten wir es doch ab. In der nächsten Geschichte erfahren wir sicher mehr und jetzt wird geschlafen, okay?“
Es dauerte auch gar nicht lange, da waren alle vier eingeschlafen. Papa Bär ging ins Wohnzimmer zu seiner Frau und versprach ihr, dass er von nun an immer bei der Wäsche helfen wollte.
„Eigentlich wollte ich einen Waschbären einstellen, nun mache ich es eben selbst!“, sagte er und dafür bekam er einen dicken Kuss, das gefiel ihm sehr!

© Regina Meier zu Verl

Fliegenpilze im Mondlicht

Der kleine Bauernhof lag am Rand eines großen Waldes.
Mit einem eleganten Schwung fuhr Jule ihr Auto in die Hofeinfahrt und parkte dann neben der Scheune.
Sie stieg aus und sah sich um. Alles war so, wie es immer gewesen war. Selbst Prinz, der Hofhund war noch da und machte sich jetzt lautstark bemerkbar.
Jule ging auf den Zwinger zu und sprach beruhigend auf das Tier ein:
„Hey, Prinz, ich bin es doch, die Jule!“ Sie hielt ihre Hand an den Zaun und ließ den Hund schnuppern, der sich schon bei ihren Worten an ihn etwas beruhigt hatte. Nun wedelte er mit dem Schwanz und freute sich. Er hatte seine alte Freundin erkannt.
Aufmerksam geworden durch das Gebell seines Hundes kam Hinnerk aus dem Stall, um nach dem rechten zu sehen.
„Dat glaubste ja nicht, die Jule!“, rief er erfreut aus und eilte auf die junge Frau zu.
„Mensch, wie lange ist das her, dass ich dich gesehen habe!“
Jule umarmte Hinnerk herzlich. Wie oft hatte sie als Kind bei der Feldarbeit geholfen und auch später noch war sie immer mal wieder zu Besuch bei ihm gewesen. In den letzten zwei Jahren gab es aber kaum Zeit dafür.
„Das ist ziemlich genau zwei Jahre her, dass ich das letzte Mal hier war. Ich freue mich, dich zu sehen und dass der Prinz auch noch immer quietschfidel ist, das freut mich auch sehr!“
Hinnerk lud Jule ein, einen Kaffee mit ihm zu trinken und sie nahm das gern an. Sie setzten sich in die Stube und plauderten.
Jule erzählte von ihrem Studium und Hinnerk staunte darüber, was das Mädchen so alles erlebte in der großen Stadt.
„Vermisst du das Leben auf dem Lande manchmal?“, wollte er wissen. Jule stopfte sich schnell ein Stück Rosinenbrot in den Mund und nickte zustimmend mit dem Kopf.
„Und deine Rosinenbutterbrote, die vermisse ich auch!“, verkündete sie mit vollem Mund, so dass man sie kaum verstehen konnte.
„Gibt es denn in der Stadt kein Rosinenbrot?“, fragte Hinnerk und schnitt schnell noch eine Scheibe ab, um sie Jule hinzulegen.
„Doch, schon, aber es schmeckt einfach nicht so gut wie hier“, behauptete Jule.
„Das ist bitter!“ Hinnerk grinste und fuhr fort:
„Dann solltest du öfter herkommen.“
„Das will ich ja auch, aber heute habe ich etwas ganz Besonderes vor und da musste ich einfach kommen.“ Hinnerk hörte interessiert zu und unterbrach Jule nicht.
„Ich möchte Fliegenpilze im Mondlicht fotografieren.“
„Du warst schon immer ein bisschen verrückt, mein Kind!“, behauptete Hinnerk, der sich nicht vorstellen konnte, was an Fliegenpilzen im Mondlicht so besonders sein sollte.
„Weißt du Hinnerk, ich habe doch schon immer Gedichte geschrieben.“
„Ja, das weiß ich wohl noch, ich hab ja immer gestaunt, wie leicht dir das fiel und wie habe ich mich gefreut, als du mir eins zum Geburtstag gemacht hattest.“ Er deutete hinter sich.
„Schau, da hängt es gerahmt an der Wand!“
Jetzt erst entdeckte Jule den Bilderrahmen, der an der Wand hinter der Eckbank hing.
„Ach wie schön, du hast das noch!“, rief sie aus und sprang auf, um das Gedicht zu lesen. Sie lächelte. Wie gut das tat, dass der alte Mann es aufbewahrt hatte.
Jule war so gerührt, dass ihr die Tränen kamen und um das zu überspielen wechselte sie schnell das Thema.
„Ich gestalte einen Bildband mit Gedichten und Fotos. Meine Oma wird doch in diesem Sommer 80 Jahre alt, ich möchte ihr eine Freude machen und da sie Fliegenpilze so liebt, habe ich ein Gedicht geschrieben und brauche nun noch ein passendes Bild dazu und das möchte ich heute machen.“
Hinnerk wurde nachdenklich. Er drückte den Zeigefinger auf seine Nasenspitze und überlegte.
„Wenn du den Pilz im Mondlicht knipsen willst, dann musst du in der Nacht im Wald sein, das ist zu gefährlich und ich werde das nicht zulassen!“
Jule strich Hinnerk beruhigend über den Arm.
„Ach, Hinnerk, ich bin doch schon groß, mir wird nichts passieren.“
„Kommt nicht inne Tüte, aber so was von nicht!“, schimpfte Hinnerk gereizt.
Jule gab nach, sie wollte ihren alten Freund nicht verärgern.
„Dann musst du eben mitkommen!“, schlug sie vor.
„Und wie willst du die Pilze im Dunkeln finden?“, fragte Hinnerk und kratzte sich am Kopf.
„Gute Frage, wir müssen einfach schauen, ob der Mond heute hell scheint, dann werden wir auch die Pilze finden. Heute ist doch Vollmond.“
„Und wenn Wolken vor dem Mond sind, dann sieht man nichts, gar nichts!“
„Wir nehmen eine Taschenlampe mit, Mensch Hinnerk, wir kriegen das schon hin.“ Jule wurde ungeduldig. Sie hatte sich das leichter vorgestellt. Hinnerk hatte ja Recht, so einfach war dieses Unternehmen nun wirklich nicht.
Die beiden schwiegen, jeder hing seinen Gedanken nach. Dann leuchteten Hinnerks Augen auf, er hatte eine geniale Idee.
„Komm!“, rief er und verließ die Stube. „Nun komm schon!“
Jule folgte dem Alten in die Scheune. Der nahm eine Holzkiste und einen Spaten und lief los, Jule hinterher. Nach ein paar Metern waren sie am Waldrand angekommen. Zielsicher steuerte Hinnerk eine Lichtung an, gar nicht weit vom Rand entfernt.
„Da hinten, da sind immer Pilze!“, rief er und deutete nach vorn. „Komm!“
Jule wagte es nicht, Fragen zu stellen. Hinnerk würde schon wissen, was er tat und wirklich, nach ein paar Minuten fanden sie die ersten Pilze, eine ganze Gruppe von wunderschön leuchtendroten Fliegenpilzen. Hinnerk setzte den Spaten an und grub sie kurzerhand aus. Jule ahnte nun, was er vorhatte.
„Wir sollten noch etwas Moos ausgraben, damit die Umgebung möglichst natürlich aussieht, oder?“
„Genau! Und ein paar Äste und Blätter nehmen wir auch mit und dann machen wir das zu Hause alles schön zurecht und wir warten in aller Ruhe auf den Mond. Dann kannst du deine Fotos machen.“
Unter den dicken Eichen in der Hofeinfahrt gaben sie den Pilzen ein neues Zuhause. Wunderschön sah das aus, stolz betrachteten sie ihr Werk. Nun mussten sie nur noch auf die Dunkelheit und den Mond warten. Die Zeit bis dahin verging schnell, denn sie hatten sich noch so viel zu erzählen.
Die Fotos gelangen wunderbar. Jule war zufrieden, Hinnerk war zufrieden und Prinz war ebenfalls zufrieden, denn er bekam die Kotelettknochen vom Abendbrot, das der Hinnerk mit viel Liebe zubereitet hatte.

© Regina Meier zu Verl

HIER auch als Hörgeschichte KLICK

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Bildquelle 557453/pixabay

Sternengesang

Sternengesang

Ella* sang ihrer Puppe das Lied vom kleinen Sternchen vor, das eine Reise vom Himmel auf die Erde machen wollte. Mama kannte das Lied nicht und auch Oma lauschte erstaunt. Ella hatte es auch erst vor kurzem gelernt, in der letzten Nacht, um es genauer zu sagen. Da war das Lied in ihre Ohren gekrabbelt und hatte sich tief in ihr kleines Herz gesetzt. Und dort wartete es darauf, gesungen zu werden.
„Kleines Sternchen, kleiner Schatz, am Himmel hast du deinen Platz“, sang Ella. Mama hörte staunend zu und auch Oma sagte keinen Mucks, was sehr ungewöhnlich für Oma war.
„Du kommst des Nachts mit hellem Schimmer auf die Erde in mein Zimmer. Sternchen, du, ich bin so froh, Sternchen du, Ich lieb dich so. Lala lala lala laaa, lala.“
„Wie schön!“, freute sich Mama. „Hast du einen kleinen Sternenfreund, Ella?“
„Eine Freundin! Sie heißt Esther*!“, sagte Ella. „Das hat sie mir gesagt.“
„Esther ist hebräisch und bedeutet Stern“, sagte Oma, die immerzu Kreuzworträtsel machte und viel wusste. Sie hielt inne, dann bekamen ihre Augen einen verträumten Schleier.
„Ich habe auch einmal eine Esther gekannt“, fuhr sie schließlich leise fort.
„Und sie war irgendwie auch so etwas wie ein Stern. Zart und doch stark und strahlend. Wenn sie einen Raum betrat, glaubte man, das Licht ringsum leuchte heller plötzlich. Ja, die Esther. Was aus ihr wohl geworden ist?“
„Kleines Sternchen, kleiner Schatz!“, sang Ella wieder und dazu tanzte sie im Zimmer herum.
„Ich werde sie mal anrufen!“, sagte Oma entschlossen.
„Wen?“, wollte Mama wissen.
„Na, die Esther. Hörst du mir eigentlich gar nicht zu, wenn ich etwas sage?“
„Ich werde auch anrufen!“, krähte Ella dazwischen. „Heute Nacht, wenn es dunkel ist und ich die Sterne am Himmel sehen kann. Dann werde ich den kleinen Stern Esther anrufen und ihn einladen, mit mir im Bett noch ein bisschen zu kuscheln. Und dann werden wir uns Geschichten erzählen. Eine erzähle ich, eine erzählt Esther, dann ich, dann Esther, dann … Oh, ich freue mich aufs Schlafengehen!“
Das hatte Mama noch nicht allzu oft von Ella gehört, dass sie sich aufs Schlafengehen freute. Aber wenn das heute so war, dann umso besser. Es gab noch jede Menge zu tun, bei dem Ella nicht dabei sein konnte.
„Erzählst du mir dann auch, was dein Esther-Sternchen dir erzählt hat?“, fragte Mama und zwinkerte mit dem Auge.
„Vielleicht!“, antwortete Ella. „Aber nur, wenn du aufhörst zu zwinkern, das bedeutet nämlich, dass du mir nicht glaubst!“
Ella war zwar klein, aber nicht dumm. Sie hatte ihre Mama längst durchschaut. Und deshalb, nahm sie sich vor, würde sie das Sternchenlied für Mama singen. Die Worte, die das Sternchen ihr mitbringt, die würde sie erstmal für sich behalten und in ihre Herzen bewahren. War es nicht auch so, dass man Wünsche und Geheimnisse, die ein Stern vom Himmel mitbrachte, nicht verraten durfte? Oder doch nicht? Sie würde darüber schlafen.

© Regina Meier zu Verl

*Im modernen Hebräischen bedeutet Ella „Güte“
*Der biblische Name Esther ist persisch/hebräischen Ursprungs und bedeutet „Stern“

 

Zu dieser Geschichte schrieb Christoph die folgenden Zeilen, er hat mir erlaubt, sie für alle sichtbar zur Geschichte zu setzen, danke Christoph!

Ein Stern am Himmel, leuchtet in der Nacht.
Ich schaue hoch – und denke, was für eine Pracht.
Leuchten viele Sterne, hoch am Himmelszelt
glücklich bin ich, seh‘ sie gerne.
Denn sie leuchten nicht nur mir, sondern auch
der ganzen Welt.

Christoph

Zu schön, um wahr zu sein

Zu schön, um wahr zu sein

Wenn Franjo sich dazu entschloss auf einem Fest zu erscheinen, dann war das eine Ehre für den jeweiligen Gastgeber. Man riss sich darum, ihn einzuladen und wenn er zusagte, dann ließ man die feinsten Speisen auffahren und bot die köstlichsten Getränke an. Ein Gast wie Franjo bereicherte jedes Fest, man durfte stolz sein, ihn zu seinen Freunden zu zählen.
Der liebe Gott hatte es gut mit ihm gemeint, als er ihn mit all den Vorzügen ausstattete, die ein schöner Mensch haben sollte. Sein dichtes, leicht gewelltes Haar fiel in rasantem Schwung nach hinten, wenn er den Kopf hob und seinem Gegenüber die Ehre erwies mit ihm reden zu dürfen. Makellos war seine Haut und die Augen strahlten wie Edelsteine. Seine gepflegten Hände setzte er gekonnt zur Unterstützung der Sprache ein, wenn er von seinen Reisen berichtete, die ihn in die ganze Welt geführt hatten. Kurz gesagt: er war ein Bild von einem Mann.
Franjo macht sich nichts aus modischen Trends. Schwarze Hosen trug er, maßgeschneidert selbstverständlich. Dazu weiche schwarze Lederslipper, die er in Italien anfertigen ließ. Seinen muskulösen Oberkörper betonte er mit einem Shirt aus tiefschwarzer Seide, nicht zu eng, aber doch so figurbetont, dass man seinen Waschbrettbauch erahnen konnte. Eine leichte Duftwolke umgab ihn, nicht zu kräftig, eher leicht würzig, ein wenig frisch, atemberaubend.
Die Linie seiner Oberlippe war so markant, dass jede Frau mit ihrem Blick dort verharrte und sich kaum lösen konnte. Wenn er lachte, fielen seine leuchtend weißen Zähne auf, die ebenmäßig aufgereiht wie eine Perlenkette einfach perfekt waren.

Gerade sitzt Franjo auf der Terrasse und genießt einen Gin Tonic, in dem eine Kugel Zitroneneis schwebt, als ihn die Stimme seiner Frau aus seinen Gedanken reißt.
„Franz-Josef! Kannste grad Kartoffeln aussem Keller holen? Ich sehe gar nicht ein, dass ich hier immer alles alleine machen soll. Beweg deinen dicken Hintern und zieh dir in Gottes Namen was über!“
Franjo seufzt. Er nimmt sein Hawaiihemd in Größe 3XL, steigt in seine Birkenstocklatschen und tut, was seine Frau von ihm erwartet. Später wird er dann weiterträumen, es war gerade so schön.
© Regina Meier zu Verl 2015

Drei Mal darfst du raten

Die nachfolgende Geschichte ist übrigens vor der Pandemie entstanden, momentan ist es ja eher noch undenkbar, einfach mal so eine Kneipe zu besuchen – ich wünsche mir, dass es bald wieder so sein möge, dass wir ausgehen dürfen!

Drei Mal darfst du raten

„Die alte Kneipe, la la la la lala …“, singt Giesbert, ein wenig schief, aber doch erkennbar. Hilda ist genervt.
„Kannst du nicht mal einen anderen Schlager singen? Dieser kommt mir bald zu den Ohren wieder raus!“, schimpft sie. Aber Giesbert lässt sich nicht beirren, munter singt er weiter.
„Aber die Kneipe in unserer Straße gefällt mir so gut, weil’s dort wunderbar ist!“
„Der Text ist aber falsch!“ Hilda schaltet das Bügeleisen ab und rollt mit den Augen.
„Es ist mein Text und der ist genau richtig – und wahr! Wir sollten heute Abend mal was trinken gehen, in unserer Kneipe, was meinst du?“, fragt er und faltet die Küchenhandtücher zusammen, die Hilda nach dem Bügeln über die Stuhllehne gehängt hat. Ganz akkurat macht er das, ganz so, wie Hilda es wünscht.
„Also gut, du hast mich überredet!“ Hilda nickt zustimmend mit dem Kopf. Es ist immer lustig, wenn sie am Abend in die Kneipe gehen und Freunde treffen und dass sie welche treffen, dafür würde Giesbert schon sorgen.
„Aber ich habe eine Bedingung!“, sagt sie. „Wir machen nicht wieder so ein weinseliges Fest daraus wie beim letzten Mal, ich habe nämlich morgen früh einen Termin und da darf ich nicht verkatert erscheinen!“
Giesbert lacht, als er sich daran erinnert, wie schlecht es Hilda nach ihrem letzten Kneipenbesuch ergangen war. Sie verträgt keinen Alkohol.
„An mir soll es nicht liegen!“, sagt er deshalb. „Was für einen Termin hast du denn?“
„Dreimal darfst du raten!“ Hilda grinst. Sie macht sich gern einen Spaß daraus, Giesbert auf die Folter zu spannen.
„Warte, ich überlege kurz – du hast einen Friseurtermin!“ Giesbert strahlt seine Hilda erwartungsvoll an. Die aber verzieht die Miene.
„Da war ich gestern bereits, hast du wieder nicht bemerkt, aber egal!“
Etwas peinlich ist es Giesbert und mit seiner zweiten Antwort lässt er sich mehr Zeit.
„Du bist mit Margot im Café verabredet?!“, fragt er unsicher.
„Nein, Margot ist doch zur Kur. Das habe ich dir letzte Woche erzählt. Hast du mir wieder nicht zugehört?“
Oh je, zielsicher ist er in das zweite Fettnäpfchen getreten. Was jetzt? Nun darf aber ein Fauxpas mehr folgen.
„Ach, Hilda, das ist blöd. Was soll ich jetzt noch sagen? Blamiert habe ich mich für heute schon genug!“, stöhnt Giesbert.
„Dann denk mal nach! Kleiner Tipp: Farbe!“
Giesbert fällt nichts zu dem Stichwort ein. Vorsichtig fragt er:
„Du gehst doch nicht etwa ins Solarium?“
„Du weißt doch genau, was ich von dieser Hautbraterei halte! Nein, ich gehe nicht ins Solarium, ich bin braun genug, findest du nicht?“
Stimmt, Giesbert weiß ja, dass Hilda gar nichts davon hält. Sie hat sogar mal gesagt, dass sie den Hautkrebs nicht herausfordern will mit so einem Blödsinn. Und wenn Hilda was meint, dann meint sie das!
„Dann sag jetzt endlich, was du für einen Termin hast, dieses blöde Raten hat mir noch nie Spaß gemacht!“
Hilda nimmt den Stapel Geschirrhandtücher und räumt ihn ins Fach über dem Kühlschrank. Anschließend klappt sie das Bügelbrett zusammen und bringt es in den Abstellraum.
„Ich geh mich mal umziehen!“, verkündet sie und als sie schon in der Küchentür steht, dreht sie sich noch einmal um.
„Ich gehe übrigens morgen früh in die Volkshochschule zum Malkurs, den du mir zum Geburtstag geschenkt hast!“, sagt sie. „Oder hast du das auch vergessen?“
Hat er nicht, wie könnte er? Es ist ihm einfach gerade nicht eingefallen, dabei war sie so glücklich über dieses Geschenk und da sie das wohl immer noch ist, nimmt sie es ihrem Giesbert auch gar nicht übel, dass er so daneben lag mit seinen Lösungen.
„Bunt, bunt, bunt sind alle meine Farben …“, singt Hilda und schließt die Tür hinter sich.
„Der Text stimmt nicht!“, ruft Giesbert ihr hinterher, aber das hört Hilda nicht mehr.
© Regina Meier zu Verl

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Bildquelle fietzfotos/pixabay

Glück in Dosen

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Glücksdose DutchAir/pixabay

Im Magazin CARL auch als Hörgeschichte

 

Glück in Dosen

Meine Nichte Saskia war eine Sammlerin. Viele Dinge hatten sich im Laufe der Zeit angesammelt und jedes Ding hatte einen Platz in ihrem Zimmer bekommen. Wenn man Saskia fragte, welcher von all ihren Schätzen denn am wichtigsten sei, dann musste sie nicht lange überlegen.
„Das ist die Dose mit den Glücksmomenten!“, antwortete sie und ein strahlendes Lächeln bewies, dass genau diese Dose es war, die das Mädchen glücklich machte. „Welche ist es denn?“, fragte ich sie einmal, denn überall im Zimmer standen bunte Blechdosen herum, große und kleine.
„Es ist diese hier!“ Saskia holte eine große Dose aus ihrem Bücherregal und hielt sie mir hin. „Schau!“ Ein wenig verbeult war sie und kunterbunt, ein wenig rostig schon am Boden aber doch wunderschön. Bunte Schmetterlinge tanzten zwischen Sommerblumen.
„Darf ich mal reinschauen?“, bat ich sie, denn es interessierte mich brennend, wie so ein Glücksmoment aussehen würde.
Sie nickte. „Darfst du, aber nur hineinsehen, nichts anfassen!“, erlaubte sie mir und schraubte den Deckel ab.
Ich blickte hinein und sah Steine, Federn, bunte Zettel, Postkarten und funkelnde Perlen. Ich wollte gerade nach dem ein- oder anderen fragen, da zog Saskia die Dose wieder weg, schraubte den Deckel drauf und stellte sie zurück ins Regal. Nun war ich nicht klüger als zuvor. Ich war enttäuscht.
„Man muss gut aufpassen auf das Glück“, erklärte sie mir. „Man muss es hüten wie einen Schatz, sonst ist es weg! Es ist leicht wie eine Feder und wertvoll wie ein Diamant. Es kann winzig klein sein und riesig groß.“
„Erzähl mir ein bisschen mehr über das Glück und über die Dinge, die da in deiner Dose sind!“, bat ich sie. Doch Saskia schüttelte den Kopf.
„Das geht nicht!“, sagte sie. „Jeder hat ein anderes Glück, weißt du. Du musst schon selbst sammeln. Fang einfach damit an, dann wirst du mich verstehen!“
Ich konnte mir nicht so richtig vorstellen, was Saskia meinte. Vielleicht war ich auch einfach schon zu alt für so etwas. Aber versuchen wollte ich es doch und als ich ein paar Tage später mit Saskia auf dem Trödelmarkt war, suchte ich nach einer Dose, in der ich meine Glücksmomente aufbewahren könnte, wie immer sie auch aussehen würden.
Wir entdeckten viele schöne und interessante Dinge, aber eine Dose, wie sie mir vorschwebte, fanden wir nicht.
„Das kann man nicht erzwingen!“, sagte Saskia. „Es ist wie mit dem Glück, es kommt auf dich zu. Mit der Dose wird das genauso sein, wirst schon sehen!“
Ich wunderte mich, dass ein so junges Mädchen wie Saskia so viel über das Glück wusste. Ja, sie erschien mir beinahe weise und ich schämte mich ein bisschen, dass ich mir niemals Gedanken über Glücksmomente gemacht hatte. Ich war doch ein glücklicher Mensch, oder etwa nicht?
Ich war völlig in Gedanken versunken, als mich einer der Händler, vor dessen Stand wir uns gerade aufhielten, ansprach.
„Kann ich dir helfen?“, fragte er freundlich und als er bemerkte, dass ich ihn nicht verstanden hatte, wiederholte er seine Frage. „Suchst du etwas Bestimmtes? Kann ich dir helfen?“
„Sie schaut nur!“, antwortete Saskia an meiner Stelle und drückte mir ein hölzernes Kästchen in die Hand. „Guck mal!“, sagte sie.
„Das ist eine besonders schöne Arbeit!“, versicherte der Händler geschäftstüchtig. Liebevoll strich er über den Deckel, der mit einer feinen Intarsienarbeit verziert war. Goldfarbene Scharniere gaben dem Deckel Halt.
„Darin wurden Liebesbriefe aufbewahrt, damals, als man noch richtige Briefe schrieb. Lange ist’s her!“
Saskia kicherte, sie wusste genau, was ich dachte in diesem Moment. Sie kannte mich schließlich gut genug und sie wusste, dass ich noch immer persönliche Briefe schrieb, zu jedem Geburtstag, zu jedem Jahresfest und auch einfach mal zwischendurch. Sie, als meine Nichte kam häufig in den Genuss.
„Dann habe ich wohl gefunden, was ich suchte!“, stellte ich fest und drückte die Truhe an mich. „Dieses wird meine Glücksmomentetruhe werden!“, beschloss ich und war ganz sicher, dass ich genau das Richtige für mich gefunden hatte. Ich fragte nach dem Preis. Wir wurden uns schnell einig, der nette Händler und ich und als er mir mit einem Augenzwinkern seine Visitenkarte in die Truhe packte, versprach ich ihm einen Brief, einen handgeschriebenen.

Das ist nun viele Jahre her. Die Truhe hat sich gefüllt mit unzähligen Glücksmomenten. Mal war es eine Feder, die ich bei einem Spaziergang im Park gefunden hatte und die mich an einen wunderbaren Nachmittag mit einem lieben Menschen erinnerte. Dann dieser Ring aus einem Kaugummiautomaten mit der rosa Perle, den mir Paul geschenkt hatte, als er unseren Jahrestag vergessen hatte. Ich erinnere mich noch genau, wie er ihn für eine Münze zusammen mit drei bunten Kaugummikugeln aus dem Automaten zog. Der Bierdeckel, auf den er ein Gedicht für mich gekritzelt hatte gehörte genauso zu meinen Glücksmomenten, wie die Armbändchen meiner Kinder, die sie als Neugeborene im Krankenhaus getragen hatten. Auch Saskia hat viele Momente dazu beigetragen.
Als ich die getrocknete Rose aus Saskias Brautstrauß liebevoll in die Truhe packe, erinnere ich mich zurück an unseren Flohmarktbesuch und ich bin ihr unendlich dankbar, dass sie mich ein Stück Leben gelehrt hat, denn auf dem Flohmarkt fing es an, ich war auf der Suche nach dem Glück und fand ein doppeltes: die hölzerne Truhe und Paul, der sie mir verkauft hat und bereits nach ein paar Tagen den ersten Brief von mir erhielt.
So ein Glück!
„Man muss gut aufpassen auf das Glück“, schrieb ich ihm damals.
„Man muss es hüten wie einen Schatz, sonst ist es weg! Es ist leicht wie eine Feder und wertvoll wie ein Diamant. Es kann winzig klein sein und riesig groß.“

Ja, so war das und ich kann nur jedem raten, seine Glücksmomente zu sammeln, um sich immer wieder daran erinnern zu können. Es tut so gut!

© Regina Meier zu Verl

Josh im Bärenwald (Reizwortgeschichte)

Märchen, Reise, vergnügt, erschrecken, erleichtert

Das sind die Reizwörter, die heute verarbeitet werden mussten. Bitte lest auch bei meinen Kolleginnen:

Lore

Martina

Ich habe diesmal ein etwas „längeres“ Werk begonnen und präsentiere heute zunächst den Prolog. Mit jeder weiteren Reizwortgeschichte wird es etwas vorangehen bei meiner Erzählung, vielleicht auch mal zwischendurch, mal schauen, wohin der Weg mich führt – mögt Ihr mich begleiten?

Josh im Bärenwald

Prolog
„Von diesem Tag an erzählte der Bärenpapa seinen Kindern jeden Abend ein Märchen!“, sagte Opa und klappte das Buch zu.
„Nun wird aber geschlafen, kleiner Josh!“ Er deckte den Jungen liebevoll zu, küsste seine Stirn und wollte gerade das Zimmer verlassen, als Josh fragte:
„Aber woher kennt denn der Bärenpapa die Märchen? Hat er auch ein Märchenbuch?“
„Das vermute ich!“, meinte Opa. „Vielleicht denkt er sich aber auch einfach immer wieder neue Geschichten aus, so wie ich das manchmal mache!“
Erschreckt setzte sich Josh im Bett auf.
„Aber wenn der Bärenvater die Geschichten erfindet, wie kann ich dann von ihnen erfahren. Opa, du musst mir ihm reden, unbedingt!“, bettelte Josh.
„Mmmh“, machte Opa und dann noch einmal „Mmmh!“
„Weißt du, kleiner Josh, es gibt so viele Geschichten, die erzählt werden wollen. Ich glaube, sie werden uns niemals ausgehen. Aber ich versuche, ob ich auch vom Bärenvater eine neue Geschichte erfahren kann, und die werde ich dir dann erzählen.“, sagte Opa vergnügt, denn er liebte es, Geschichten zu erfinden.
Erleichtert ließ sich Josh in sein Kissen zurücksinken.
„Meist du, du kannst mir morgen schon eine Geschichte vom Bärenvater erzählen?“, fragte Josh und seine Augen wurden kleiner und kleiner. Die Antwort seines Opas hörte er schon gar nicht mehr, im Nu hatte er sich auf die Reise ins Land der Träume gemacht.
Als Opa ins Wohnzimmer kam, setzte er sich auch gleich an seinen Schreibtisch. Oma war noch irgendwo im Haus beschäftigt, vielleicht arbeitete sie ebenfalls am Schreibtisch, denn sie war Lehrerin und musste am Abend immer den Unterricht vorbereiten, was in diesen Zeiten gar nicht so einfach war, da die Schüler gar nicht in die Schule kamen, sondern online am Bildschirm Unterricht hatten.
Opa nahm seinen Skizzenblock und malte einen Bären, daneben vier Kinder, natürlich Bärenkinder. Jedes von ihnen bekam einen Namen, Bärta, Bärt, Robärt und Bärthild hießen sie und waren allerliebst anzuschauen, besonders, als sie farbig ausgemalt waren und nun ihren Erschaffer, Opa, vorwitzig anschauten.
„Nun wollen wir doch mal sehen, ob mir zu euch nicht jede Menge Geschichten einfallen werden!“, sagte Opa und malte noch einen Wald in den Hintergrund, denn irgendwo mussten die Bären ja wohnen.
Der Josh würde staunen, wenn er ihm am nächsten Morgen die Zeichnung zeigen würde und noch mehr staunen würde er, wenn er dann am Abend bereits die erste Geschichte von Bärta, Bärt, Robärt und Bärthild hören würde. Opa hatte schon eine Idee, aber die wird natürlich noch nicht verraten – vielleicht morgen, mal sehen!

© Regina Meier zu Verl

Diese Geschichte nimmt an Elkes ‚froher und kreativer Linkparty‘ teil. Hier geht es zu Elke und ihrem ‚Kleinen Blog‘. KLICK!

Ungeschicklichkeiten

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Duschutensilien joe137/pixabay

Ungeschicklichkeiten

Heidi warf die rosa Topflappen, ein Andenken an ihre Großmutter, auf den Küchenschrank. Verflixt, sie hatte sich trotz dieser nützlichen Teile schon wieder die Hand verbrannt. Sie drehte das kalte Wasser auf und hielt mit schmerzverzerrtem Gesicht ihren rechten Zeigefinger unter den Strahl.

Als nach einer Weile der Schmerz ein wenig nachließ schaltete sie den Backofen aus und betrachtete den Kuchen, den sie gebacken hatte. Köstlich sah er aus und er duftete ebenso köstlich. Gut, dass sie wenigstens ein Holzbrett bereitgestellt hatte, als sie ihn aus dem Ofen geholt hatte. Eine unschöne Brandstelle gab es nämlich schon auf der Küchenarbeitsplatte und die ärgerte sie seitdem.

In der letzten Zeit passierten ihr immer wieder solche Sachen. Das hatte es früher nicht gegeben. Stets hatte sie alle Arbeiten im Haushalt sehr umsichtig erledigt und nur darüber gegrinst, wenn Heinz sagte: „Die meisten Unfälle passieren im Haushalt!“
War das so? Hatte sie bisher nur Glück gehabt, oder ließ ihre Aufmerksamkeit nach? Wurde sie etwa alt?

Quatsch, Heidi hatte vor ein paar Monaten ihren Fünfundsechzigsten gefeiert. Sie war im besten Alter, wie sie gern behauptete. Trotzdem gaben ihr die kleinen Ungeschicklichkeiten zu denken. Vielleicht war es einfach die Routine, sie musste eben etwas vorsichtiger sein, dann würde sich das wieder geben.

Während sie darüber nachdachte, fiel ihr der Sturz im Badezimmer ein. Letzte Woche war sie aus der Dusche gekommen und so unglücklich ausgerutscht, dass seitdem ein dicker blauer Fleck ihren Allerwertesten zierte. Das war nochmal gut ausgegangen, sie hatte sich nichts gebrochen. Heinz hatte sie es wohlweislich verschwiegen, weil sie sich seine Schimpftirade nur zu gut vorstellen konnte.
Außerdem war es auch gar nicht ihre Schuld gewesen, sondern zurückzuführen auf das neue Duschgel mit dem berühmten Namen. Wie hieß das nochmal? Heidi fiel es nicht ein, verflixt, nun auch das noch.

Auf jeden Fall war es so eine neuartige Duschcreme, die man auf die nasse Haut auftrug, am ganzen Körper, einen Moment einwirken ließ und anschließend abspülte. Man brauche sich danach nicht mehr eincremen, sagte die Werbung, die die Beschaffenheit der Haut anschließend mit den schönsten Adjektiven beschrieb und einfach Lust auf so eine Dusche machte. Allerdings war im Anschluss nicht nur die Haut schön cremig, auch die Duschwanne bekam davon etwas mit und war glatt und seidig, besser gesagt: Sie war glitschig. Kein Scherz! Es war so gewesen und „zack“, hatte Heidi den Halt verloren und in ihrer nackten Schönheit im Badezimmer gelegen.
Die Duschcreme hatte sie ihrer Tochter geschenkt. „Für mich ist das nichts, vielleicht gefällt sie dir. Aber vorsichtig, sie macht die Duschwanne glatt!“

Heidi betrachtete die Brandwunde m rechten Zeigefinger. Das würde eine Weile schmerzen. Wie gut, dass sie Brandsalbe im Kühlschrank hatte. Sie trug die Salbe dick auf und klebte ein wasserfestes Pflaster um den Finger. Sie musste ja noch die Küche aufräumen und die Backutensilien spülen.
Heidi seufzte. Irgendwie war ihre Laune im Keller gerade. Als dann noch Heinz die Küche betrat und fragte, was es denn mittags zu essen gäbe, platzte sie.
„Andere Sorgen hast du wohl nicht?“, fragte sie bissig, öffnete den Deckel des Mülleimers und warf die Topflappen hinein.
„Sie haben ein Loch!“, behauptete sie und schob ihren Mann aus dem Raum.
„Und nun lass mich in Ruhe, sonst gibt es nämlich heute Mittag gar nichts!“, schimpfte Heidi. Es tat ihr aber sofort leid, denn Heinz konnte nun wirklich nichts dafür. Also lenkte sie ein und versprach ihm Bratkartoffeln, die würde sie sicher unfallfrei hinbekommen. Das glaubte sie jedenfalls.

© Regina Meier zu Verl