Sommerleicht

Sommerleicht

Sommerleicht

„Lebe deinen Traum“, hatte ich das nicht hunderte von Malen auf Postkarten, in Internetforen als Signatur oder in Selbsthilfebüchern für Depressive gelesen? Nie hatte ich mir Gedanken darüber gemacht, das auch wirklich umzusetzen.
Dann aber sah ich diesen Film vor ein paar Wochen. Den Titel habe ich vergessen und auch die Handlung ist mir nicht mehr bewusst, vielleicht habe ich auch nur einen Ausschnitt gesehen. Ich weiß es nicht mehr. Es spielt auch keine Rolle, denn was auch immer ich da gesehen habe, es hat den Hebel in meinem Kopf umgelegt, der verhinderte, mich so zu geben, wie ich eigentlich bin: Selbstbewusst, gut aussehend, attraktiv vielleicht sogar auf eine gewisse Weise schön. Zugegeben, das ein oder andere Kilo auf meinen Hüften gehört eigentlich unter meine Füße, damit Körpergröße und Bodymaßindex harmonieren, es handelt sich also nur um eine Verlagerung von Werten.

Ich fasste den Entschluss, dass ich nicht mehr träumen wollte, sondern leben, mich mutig präsentieren und mich vielleicht sogar neu verlieben. Ich hatte es satt, ständig vorm Internet oder Flimmerkasten zu sitzen. Ich füllte die Anmeldung für den Single-Urlaub an der Ostsee aus und brachte den Brief noch am gleichen Tag zur Post.
In ein paar Wochen begannen die Ferien und danach würde ich ein neuer Mensch sein, jawohl!

Die kommenden Wochen verbrachte ich damit, meine Urlaubsgarderobe zusammen zu stellen, es fehlt nur noch ein neuer Badeanzug, ach was, ein Bikini sollte es sein.
„Haben Sie diesen Bikini auch in Größe 48?“, fragte ich die sympathische Verkäuferin mit Konfektionsgröße zweiunddreißigeinhalb. Sie schaute mich verdutzt an, blieb aber höflich.
„Moment, ich schaue gleich mal nach“, sie verschwand im Lager und kam nach ein paar Minuten mit zwei Bikinis in meiner Größe zurück. Vergnügt wedelte sie mit den Kleiderbügeln.
„Hier, bitte schön. Dort ist die Kabine, wenn sie mal probieren wollen!“ Sie zeigte auf einen kleinen Bretterverschlag, in dem man mit zweiunddreißigeinhalb genügend Platz hat, sich aus den Klamotten zu schälen, ohne sich blaue Flecken zu holen. Ich schluckte.
„Ich befürchte, dass es mir dort zu eng sein wird, ich habe nämlich Platzangst!“, behauptete ich. Die Kleine nickte verständnisvoll.
„Wissen Sie was, wir nehmen die Personaltoilette, dort ist es geräumiger und sie können ungestört anprobieren, okay?“

Fünf Minuten später stand ich in einem blauen Bikini in der Personaltoilette des Kaufhauses und versucht, mich im Spiegel zu betrachten, der über dem Wachbecken hing. Das gelang nur als Brustbild und das fand ich soweit okay. Als ich aber an mir herunterschaute, sah ich, dass der Bikini meine Figur ungemein betonte, das heißt, dass jeder Rettungsring gut zu sehen war und dort, wo die Hose endete, quoll eine unansehnlich Masse überflüssiger Körperfülle hinaus. Schrecklich, fand ich und wollte mich gerade wieder ausziehen, als die innere Stimme wieder mit mir sprach und sagte: Du bist schön! Nimm den Bikini!
„Kommen Sie mit der Größe zurecht?“, rief die junge Verkäuferin, die vor der Tür auf mich wartete. „Soll ich mal gucken?“
Ich schloss die Tür auf und ließ sie eintreten. Sie schaute mich an, bat mich, mich kurz umzudrehen und dann nickte sie anerkennend.
„Sie sehen toll aus, allerdings würde ich die Hose ein wenig größer nehmen, sie kneift und das ist zu gewagt und unvorteilhaft. Moment, bin gleich zurück!“
Sie brachte mir eine andere Bikinihose, die ich gleich anprobierte und sie hatte Recht, ich fühlte mich gleich besser. Als sie mir dann ein blaubuntes Tuch um die Hüften schlang, wagte ich es sogar, die Toilette zu verlassen, um mich im Laden in einem Ganzkörperspiegel zu betrachten. Und was ich sah, gefiel mir.
„Alles klar, den Bikini nehme ich und das Tuch auch!“
„Eine gute Wahl!“
„Und eine wunderbare Beratung!“, sagte ich und zwinkerte der Kleinen zu. „Ich werde Ihnen was Schönes aus dem Urlaub mitbringen!“, versprach ich und hielt mein Versprechen.
Ich fand im Urlaub keine neue Liebe, aber es waren viele Menschen dort, mit denen ich plauderte und feierte und ich fühlte mich wie neu geboren, als ich wieder zu Hause war.

© Regina Meier zu Verl

Vom kleinen Trecker, der so gern gebraucht werden wollte (9)

Vom kleinen Trecker, der so gern gebraucht werden wollte (9)

Von Treckern, Zahnbürsten und Blockflöten

Mein Bauer, der Josef, ist ja ein herzensguter Mann. Wenn einer in Not ist, dann hilft er, keine Frage. Ich habe davon öfter mal berichtet. Wenn es allerdings um mich geht, dann hat Josef seinen eigenen Kopf.
Neulich erst. Da war der Nachbar Willi bei uns. Man könnte sagen, dass der Willi ein guter Freund vom Josef ist. Das merkt man daran, dass die beiden gar nicht viel reden und sich trotzdem gut verstehen. Woher ich das weiß? Also das ist so: die beiden Männer sitzen zum Beispiel am Abend auf der Bank vor dem Haus. Das kommt öfter vor, weil der Willi ja auf dem Nachbarhof wohnt.
Sie sitzen dann da und Josef sagt: „Pülleken?“ Darauf antwortet der Nachbar: „Jau!“ Dann sagen sie lange nichts, bis Josef sagt: „Noch eins?“ Meist antwortet dann Willi: „Lass mal!“ Dann geht er nach Hause.
An diesem Abend, von dem ich heute erzählen will, war das aber anders. Es ging zwar mit der Pülleken Frage los, aber dann kam was Neues: „Kann ich den Kleinen mal ausleihen?“, fragte Willi und meinte damit wohl mich.
„Nee, kannste nicht!“, sagte Josef. „Die Zahnbürste und den Lieblingstrecker verleiht man nicht, das sagt auch mein Vater Fritz immer, den kannste fragen meinetwegen.“
„Und die Blockflöte!“, ruft Margret aus dem Küchenfenster.
Die beiden Männer sehen sich erstaunt an, was hat denn die Blockflöte damit zu tun?
„Hä?“, fragte da Willi auch schon.
„Habe ich so gelernt!“, meinte Margret und Josef grinste. Er fand das wohl so richtig gut, dass Margret auch noch einen Grund besteuerte und glaubte fast, dass sie den erfunden hätte. Hatte sie aber nicht, ihre Mutter hatte das tatsächlich immer gesagt: ‚Die Zahnbürste und die Blockflöte verleiht man nicht, nicht einmal an seine allerbeste Freundin!“
Wäre ja eklig, finde ich. Mit der einen pult man sich in den Zähnen herum und in die Flöte spuckt man rein, passiert ja so, oder? Was das nun aber mit mir zu tun hat, das habe ich noch nicht herausgefunden. Ich weiß nur, dass der Willi mit mir angeben wollte, weil doch sein Enkel den letzten Tag im Kindergarten hatte, und er hatte sich gewünscht, dass Opa Willi ihn mit dem kleinen Trecker von Onkel Josef abholen sollte, weil der, also ich, so schön knattert!
„Hätteste ja gleich sagen können!“, meinte Josef dann, als er das gewahr wurde. „Dafür hätte ich eine Ausnahme gemacht!“
„Du bist der Beste!“, sagte Willi.
„Pülleken?“, fragte Josef und grinste.
„Jau!“, antwortete Willi und damit war dann ja alles gesagt.

© Regina Meier zu Verl

Reizwortgeschichte: Niklas, der große Freund

Reizwortgeschichte: Niklas, der große Freund

Lulatsch, Aussichtsturm, aufwachen, gefährlich, zornig
das sind die Wörter, die dieses Mal mit verarbeitet werden mussten. Bitte lest auch, was meine Kolleginnen dazu geschrieben haben!
Martina
Lore

Niklas, der große Freund
Irgendwie war es praktisch, einen Freund wie Niklas zu haben. Ich mochte Niklas aber nicht nur wegen des Vorteils, einen Überblick zu haben, wenn man mit ihm unterwegs war. Niklas war vermutlich fast zwei Meter groß und das, wo wir doch noch im Wachstum waren. Wenn ich da so an mich denke, ich war mit meinen dreizehn Jahren so klein, dass ich Niklas gerade mal bis zur Schulter reichte. Er hätte mir also bequem auf den Kopf spucken können. Das tat er natürlich nicht, er war ja mein Freund.
Manche aus unserer Schule ärgerten Niklas gern. Das waren die, die ihn nicht näher kannten. Er war nämlich ein richtig guter Kumpel und hatte es nicht verdient, geärgert zu werden. Niklas überhörte die meisten Neckereien und grinste. Allerdings wenn jemand „langer Lulatsch“ zu ihm sagte, dann wurde er zornig, aber so richtig! Seine Augen funkelten dann gefährlich. Das reichte meist schon, um denjenigen in die Flucht zu schlagen, der sich die Neckerei erlaubt hatte.
Papa sagte mal, dass der lange Lulatsch der volkstümliche Name des Funkturms in Berlin sei und das sei doch nichts Schlechtes. Ich sollte doch Niklas mal davon erzählen. Aber zuerst wollte ich etwas mehr darüber wissen und schaute im Internet nach, was man über den Funkturm erfahren konnte. Richtig gut fand ich, dass dieser Turm eines der Wahrzeichen der Stadt Berlin ist. Ein Wahrzeichen ist doch etwas Gutes, nicht wahr? Es ist etwas, an das man sich erinnert, wenn man es einmal gesehen hat.
146,7 Meter ist er hoch, also ungefähr 144,7 Meter höher als Niklas und er hat auf der Höhe von 50 Metern ein Turmrestaurant und eine Aussichtsplattform ganz oben. Er ist also nicht nur ein Funkturm, sondern auch ein Aussichtsturm. Ein wenig ähnelt er dem Pariser Eiffelturm, den habe ich schon gesehen, als ich mit meinen Eltern einen Urlaub in Frankreich gemacht habe. Der ist aber höher, viel höher, nämlich 324 Meter.
Zur feierlichen Öffnung des Berliner Funkturms „Langer Lulatsch“, wurde sogar ein Gedicht gesprochen und als ich das gelesen hatte, kam mir eine gute Idee. Ich wollte Niklas auch ein Gedicht schreiben, eines, das ihn so richtig freuen sollte. Ich machte mich ans Werk und als ich am Abend mit hochrotem Kopf zum Essen in die Küche kam, fasste mir meine Mutter an die Stirn, weil sie vermutete, dass ich Fieber haben könnte.
„Ach, Mama, lass doch! Ich habe ein Gedicht geschrieben, das war schwere Arbeit!“, erklärte ich ihr. Mama konnte das gut verstehen, denn sie schrieb auch Gedichte. Sie bat mich, mein Gedicht doch einmal vorzulesen. Das wollte ich aber nicht so gern.
„Ich möchte noch eine Nacht drüber schlafen!“, sagte ich und auch das verstand Mama.
„Okay, mein Junge, dann morgen, versprochen?“
Ich versprach es ihr, und als ich am nächsten Morgen aufwachte, fand ich mein Gedicht immer noch ganz gelungen. Es geht so:

Es ist von Vorteil, wenn man groß ist,
weil man dann immer sieht, was los ist.
Ich weiß, dass ich in deiner Nähe
viel mehr als alle andren sehe.
Du wirst schon alles überschauen
und ich kann dir beruhigt vertrauen.
Drum sag ich heute danke schön,
fürs „Immerfürmichmitsehn“!

Dein Freund
Lukas
Eigentlich wollte ich drunter setzen: Ich bin ein kurzer Lukas und du ein langer Lulatsch – aber das habe ich mich dann doch nicht getraut. Über das, was ich ihm zum Funkturm erzählt habe, hat er sich gefreut und das Gedicht hängt eingerahmt über seinem Bett, klasse, oder?

© Regina Meier zu Verl

Vom kleinen Trecker, … (8)

Vom kleinen Trecker, … (8)

Vertrauen ist gut, doch Kontrolle ist besser

Heute Morgen hatte der Bauer Josef die Scheunentür weit geöffnet und sich gleich auf meinen Sitz geschwungen.
„Guten Morgen, kleiner Trecker!“ hatte er gesagt und den Motor angelassen. Ich freute mich schon auf eine schöne Spazierfahrt, aber mitten auf dem Hof hielt er schon wieder an und machte den Motor aus.
Josef steckte zwei Finger in den Mund und pfiff, woraufhin Margret aus dem Haus gelaufen kam. Sie wischte sich die Hände an ihrer bunten Schürze trocken. Vermutlich hatte sie gerade Kartoffeln geschält, die Schürze trug sie nämlich dann immer. Ich weiß das, weil Margret gern vor dem Haus sitzt und Kartoffeln schält.
„Das macht mir an der frischen Luft viel mehr Spaß!“, hat sie mal gesagt und das verstehe ich auch. Ich bin nämlich auch gern an der frischen Luft, zu jeder Tages- und Jahreszeit sogar.
„Stell dich bitte nach vorn, Margret!“, sagte Josef. Margret gehorchte und schaute ihren Mann erwartungsvoll an. Der betätigte den Lichtschalter.
„Und?“, rief er.
„Tut es!“, antwortete Margret.
„Rechter Blinker!“, rief Josef.
Margret grinste. „Tut es – an, aus, an, aus!“, rief sie.
„Witzbold!“, Josef lachte. „Linker Blinker!“
„Tut es!“, Margret grinste schon wieder.
„Okay, geh nach hinten!“, sagte Josef.
Als Margret hinter mir stand rief Josef: „Licht, Bremslichter?“
„Tun es – beide!“, antwortete Margret.
„Prima – jetzt tauschen wir!“ Josef sprang vom Sitz und Margret kletterte hoch, dann folgte die ganze Prozedur ein weiteres Mal.
So richtig verstehe ich das nicht. Schließlich hatte Margret doch gerade alles kontrolliert und es war in Ordnung gewesen. Was also sollte das nun?
Und, als ob die Margret meine Frage gehört hätte, strich sie zärtlich über mein Lenkrad und sagte: „Du weißt ja, kleiner Trecker: Vertrauen ist gut, doch Kontrolle ist besser!“
Aha, so war das also. Ob die beiden das im Haus auch so machten, dass jeder den anderen überprüfte und der Josef kontrollierte, ob das Klo auch sauber geputzt war? Sicher nicht, hier ging es um mich, dachte ich mir, und das war Grund genug, es ganz genau zu nehmen, oder?
Am nächsten Tag wollte der Josef mich beim TÜV vorstellen, aber das ist schon wieder eine ganz neue Geschichte, die ich euch auch noch erzählen werde. Versprochen!

Oma, ich hab dich lieb

Oma, ich hab dich lieb

Oma, ich hab dich lieb

Ich heiße Hendrik und bin zehn Jahre alt. Ich wohne mit meinen Eltern und Oma in einem Haus, das vor meiner Geburt gebaut wurde. Als ich auf die Welt kam, ist Oma zu uns gezogen. Sie hat auf mich aufgepasst, wenn Mama und Papa arbeiten mussten. Wir sind ein gutes Team, Oma und ich.
Papa sagt immer, dass seine Mutter nicht mehr die ist, die sie mal gewesen ist. Ich verstehe das nicht, sie ist doch immer Oma gewesen und immer habe ich sie lieb gehabt genau wie heute, weil sie doch meine allerbeste Oma ist.
Ich schaue mir alte Fotos an. Fotos, auf denen auch Oma zu sehen ist. Sie sah genau aus wie heute, etwas jünger eben, aber einwandfrei zu erkennen. Bis auf die Haare, die sind jetzt weiß, ist alles wie immer. Sie hat ein herrliches Lächeln auf den Bildern, genau das, was ich an ihr so mag.
Papa sagt auch, dass Oma ihn nicht mehr versteht. Stimmt gar nicht, sie versteht alles. Vielleicht sind ihre Ohren nicht mehr so gut wie früher, aber wenn man laut genug spricht, dann versteht sie alles. Manchmal hilft es, wenn man ihre Hand dabei hält, dann ist sie ganz aufmerksam und hört zu.
Sie ist ein bisschen durcheinander, sagt Papa. Das stimmt. Ich finde das aber nicht so schlimm, eher lustig. Neulich hat sie mit mir ein verrücktes Spiel gespielt. Wir haben so gelacht, Oma hat Humor. Das Spiel ging so: Oma rief: „Oliver, bring mir mal die Wasserflasche!“
„Oma, ich heiße doch nicht Oliver!“
„Nein, wie heißt du denn?“
„Rate!“
„Heißt du vielleicht Egon?“
„Nein, ganz kalt, Egon ist dein Bruder!“
„Oder Manfred?“
„Nein, so heißt doch Papa, dein Sohn!“
„Oder heißt du vielleicht Alfred?“
Ich kann euch sagen, meine Oma hat viele, viele Namen aufgezählt und meiner war nicht dabei. Also habe ich mich im Kreis gedreht und gesungen:
„Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich …“
„Rumpelstilzchen heiß!“ Oma klatschte in die Hände vor Freude. „Siehste, ich weiß es!“
„Aber Oma, ich heiße doch Hendrik!“
„Als wenn ich das nicht wüsste“, sagte Oma und verlangte, dass ich ihr sofort das Märchen vom Rumpelstilzchen vorlesen soll. Das machte ich und sie hörte ganz aufmerksam zu und freute sich so, als am Schluss alles gut ausging.
Oma liebt Märchen. Früher hat sie mir vorgelesen, heute lese ich ihr vor. Das ist doch richtig schön, so kann ich ihr ein wenig von dem zurückgeben, was sie für mich getan hat, oder?

© Regina Meier zu Verl

Das Hochzeitsfest

Das Hochzeitsfest

Das Hochzeitsfest

Gestern haben Mama und Papa geheiratet. Es war nur ein kleines Fest, aber schön. Mama war superchic in ihrem neuen Kleid und Papa hat sogar einen Anzug getragen. Ausnahmsweise. Den habe ich nur ein einziges Mal an ihm gesehen. Das war, als damals sein Onkel gestorben war. Ich weiß aber nicht, ob es der gleiche Anzug war, auf jeden Fall war er schwarz. Mamas Kleid war cremefarben, ein weißes wollte sie nicht und auch keinen Schleier. Eigentlich schade, aber wenn sie was nicht will, dann ist das eben so.
Ich habe auch ein neues Kleid bekommen, blau, mit hübschen bunten Tupfen drauf, und ich durfte mit Mama zum Frisör. Der uns beide ganz toll hübsch gemacht hat. Ich hatte den ganzen Kopf voller Lockenwickler und unter der Trockenhaube habe ich gelesen, ganz wie eine feine Dame. Ich weiß jetzt auch in den Könighäusern der Welt Bescheid. Eine Prinzessin möchte ich aber nicht sein, ich glaube, die dürfen sich nicht dreckig machen, weil sie doch immer so teure Kleider tragen müssen.
Leider haben meine Locken nur bis kurz nach dem Abendessen gehalten. Bei Mama war eine halbe Dose Spray drin. Das machte die Haare zwar bretthart, aber sie blieben brav dort liegen, wo der Frisör sie hingelegt hatte.
Papa hat gesagt, dass Mama eine Lampenschirmfrisur hätte. Beinahe hätte es deswegen ordentlich Streit gegeben. Aber ich bin rechtzeitig dazwischen gegangen. Das mache ich immer, wenn ein Streit vorhersehbar ist. Es wäre doch schrecklich gewesen, wenn die Hochzeit ausgefallen wäre, bei all dem schönen Essen, das Mama und Oma vorbereitet hatten.
Ihr müsst jetzt nicht denken, dass es dauernd Streit bei uns gibt. So ist das nicht. Es sind eher Meinungsverschiedenheiten und kleine Neckereien, sagt Mama immer.
Aber zurück zum Essen. Oma hat alles zubereitet, worin tierische Produkte vorkommen. Mama kann das nicht, sie ekelt sich vor Fleisch. Sie lebt schon lange vegan, Papa auch. Ich eher nicht, weil ich dann bei Oma gar nichts essen dürfte und das wäre schrecklich. Nach der Schule gehe ich nämlich immer zu ihr, weil meine Eltern ja arbeiten müssen. Am Wochenende esse ich dann aber zu Hause. Zwei Tage kann ich das gut aushalten und Mama kocht wirklich gut, auch ohne Fleisch, Eier und Käse und was noch so alles verboten ist bei uns.
Papa hat mir verraten, dass er sich manchmal nach einer richtigen Frikadelle sehnt. Beim Hochzeitsfest hätte er gut mogeln können. Es gab Gemüsebratlinge und richtige Frikadellen. Kein Mensch hätte es gemerkt, wenn Papa da zugegriffen hätte. Ich vermute, dass er nur aus Liebe zu Mama auf Tierisches verzichtet. Ist ja auch in Ordnung. Würde ich vielleicht auch machen, außer auf Omas Frikadellen. Die sind sowas von lecker, aber da ist ja auch nicht viel Fleisch drin, oder?
Wenn ich erwachsen sein werde, dann könnte es sein, dass ich auch Veganer werde. Weiß ich aber noch nicht, hat ja auch noch Zeit, nur nicht hektisch werden.
Wir haben übrigens bei Oma gefeiert. Sie hat einen viel größeren Garten als wir und auch ihr Wohnzimmer ist geräumiger. Oma und ich haben alles schön dekoriert. Ich habe viele rote Herzen ausgeschnitten und Oma hat sie mit Sicherheitsnadeln an den Tischdecken befestigt. Von hinten natürlich, damit man es nicht sehen konnte.
Onkel Alex, das ist Papas Bruder, und seine Jungs haben musiziert. Das war lustig. Sie hatten eine riesige Kuhglocke dabei und jedes Mal, wenn die geläutet wurde, mussten Mama und Papa sich küssen. Ich fand das toll und ich habe die beiden immer angefeuert, durch Mikrophon. Das hat echt Spaß gemacht. Küssen darf man auch, wenn man vegan lebt, weil man ja nichts abbeißt, sondern nur so ein bisschen rumschmatzt. Das war also gar kein Problem, obwohl ich den Eindruck hatte, dass Mama etwas genervt war von dem Kuhglockengebimmel und der ewigen Küsserei.
Später am Abend haben wir dann die Frau mit der schönsten Frisur gewählt. Das war natürlich Mama. Sie strahlte und sagte zu Papa: „Siehste!“
Und dann hat sie selbst die Kuhglocke betätigt und schon ging die Küsserei wieder los. Erwachsene können ganz schön albern sein. Ich mag das, ganz ehrlich! Schade, dass ich nicht bis zum Schluss bleiben konnte. Aber ich musste Oma ins Bett bringen, die war völlig fertig vom Feiern. Ich habe ihr noch eine kleine Geschichte erzählt und schwupps waren wir beide eingeschlafen.

HIER auch als Hörbuch

© Regina Meier zu Verl

Die Eichen und das Maisfeld

Die Eichen und das Maisfeld

Die Eichen und das Maisfeld

Drei alte Eichen standen auf einem Feld. Sie waren weit genug voneinander entfernt, dass die mächtigen Kronen ungestört in den Himmel ragen konnten, aber doch nah genug, um sich miteinander zu unterhalten.
Weit und breit waren sie von Maispflanzen umgeben. Kein Mensch war zu sehen, kein Haus, kein Auto. Wie auf einer Insel lebten sie, auf einer Insel im Maismeer, das sich leicht im Winde wiegte.
„Ich wünschte, dass wir einmal wieder etwas anderes als diesen langweiligen Mais zu sehen bekommen. Seit Jahren habe ich nichts anderen gesehen. Wir sind ja regelrecht abgeschnitten von der Welt!“, beschwerte sich die Eiche in der Mitte. „Käme nicht ab und zu die Katze vorbei, erführen wir doch gar nichts Neues mehr.“
„Dir kann man es ja niemals recht machen, meine Liebe. Ich erinnere mich an die Zeit, als hier noch eine Weide war. Da hast du ständig gemeckert, dass sich die Kühe ihre Hinterteile an uns gescheuert haben“, merkte ihre linke Nachbarin an.
„Genau!“, stimmte die dritte Eiche zu. „Du meckerst und schimpfst, aber ändern wird das nichts. Wir müssen uns mit dem zufrieden geben, was man uns beschert, nicht wahr?“
„Das will ich aber nicht!“, rief die Mittlere. „Ich mag nicht einfach alles so hinnehmen. Man sollte protestieren! Wir müssen einfach nur zusammenhalten, dann sind wir stark. Früher gab es Roggen, Weizen und Gerste, manchmal Kleewiesen, oder Lupinen. Heute baut man nur noch Mais an. Das Schlimmste aber ist, dass der gar nicht gegessen wird, er kommt in Biogasanlagen, ja, so ist das. Die Eule hat es mir erzählt.“
Die Eichen schwiegen. Die Mittlere war sauer, ihre Freundinnen nahmen sie einfach nicht ernst. Doch was sollte sie machen, sie hatte keine anderen Vertrauten.
Es fing an zu regnen, zuerst ganz wenig, dann aber schüttete eine dicke Wolke direkt über den drei Eichen alles Wasser aus, das sie mit sich herumgetragen hatte.
„Igittigitt!“, schimpfte die Mittlere. „Früher, da war das Wetter besser. Es ist September und es schüttet in einer Tour, das ist furchtbar, ganz furchtbar!“
Die beiden anderen schwiegen. Regnete es, war es nicht richtig, schien die Sonne, war es zu heiß, wurde es neblig bekam sie Schnupfen, wenn die Blätter fielen wurde sie depressiv, schneite es, war es ihr zu kalt, kamen die neuen frischen Triebe, dann kitzelte es sie. Sie war einfach der unzufriedenste Baum, der jemals auf diesem Feld gestanden hat. Dabei war sie doch schon so alt und sollte gelernt haben, wie wichtig die Jahreszeiten sind und dass alles seinen Sinn hat.
„Dass hier aber immer nur noch Mais gepflanzt wird, das macht keinen Sinn!“, behauptete die unzufriedene Eiche, so als habe sie die Gedanken der anderen gehört.
„Ein bisschen stimme ich ihr zu“, sagte die Linke vorsichtig, weil sie weder mit der einen, noch mit der anderen in Streit geraten möchte. „Eine schöne Blumenwiese wäre herrlich, dann kämen auch unsere Freundinnen, die Bienen wieder in Scharen zu uns. Wisst ihr noch, wie schön das war? Damals gab es auch noch diesen herrlichen Apfelbaum hier in unserer Wiese.“
Gerade, als sie das sagte, schickte die Sonne ein paar Strahlen durch den Regenvorhang und wenige Momente später erstrahlte am Himmel ein göttlicher Regenbogen.
„Schaut nur, wie schön!“, riefen alle drei und lachten glücklich. „Die Sonne ist auf unserer Seite. Wie reich wir doch sind!“
Der Friede unter den Freundinnen war vorerst wieder hergestellt und als später am Abend die Eule geflogen kam und sich auf einer von ihnen niederließ, da mussten sie zugeben, dass sie ein gutes Leben hatten, Mais hin oder her.
„Im nächsten Jahr wird es hier eine Blumenwiese geben“, verkündete die Eule.
„Lügst du uns auch nicht an?“, frage die Mittlere, obwohl sie wusste, dass die weise Eule immer die Wahrheit sprach.
„Halt sofort den Mund und verärgere unsere liebe Eule nicht!“, riefen die beiden anderen.
Doch die Eule ließ sich gar nicht aus der Ruhe bringen. Sie hatte erfahren, dass die Menschen nach anderen Möglichkeiten suchten, als immer nur Mais anzubauen. Der Bauer hatte sich mit seiner Frau darüber unterhalten und es hatte sie so sehr gefreut, dass sie das unbedingt mit jemandem teilen musste.
„Dann müssen wir ja nicht mehr protestieren, ihr Lieben!“, rief die mittlere Eiche glücklich. „Es ist aber gut, dass wir mal drüber gesprochen haben, nicht wahr?“
Die Eule kicherte leise. Sie kannte die Drei schon lange und wusste, dass sie, obwohl sie einander äußerlich so ähnlich waren, ganz verschiedene Bäume waren. Das war nicht anders als bei den Menschen. Leider war es mit dem Vertragen aber bei den Bäumen wesentlich leichter als in der Menschenwelt. Da konnte einem das Kichern vergehen, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Heute freute sie sich an der guten Nachricht, die sie ihren Freundinnen überbringen konnte und was morgen sein würde, wer weiß das schon?
© Regina Meier zu Verl

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Reizwortgeschichte „Das Marienkäferchen in der Schule“

Reizwortgeschichte „Das Marienkäferchen in der Schule“

Marienkäfer – Dachboden – wirbeln – nervig – witzig

Das waren die Wörter, die diesmal verarbeitet werden mussten. 

Lest bitte auch bei meinen beiden Kolleginnen:

Lore  schreibt: „Wie ein Marienkäfer zum Glückskäfer wurde

Martina „Glücksmomente zu verschenken“ heißt es bei Martina

Das Marienkäferchen in der Schule

„Ich hatte als Kind einen Marienkäfer aus Blech, den ich hinter mir herziehen konnte. Er lief auf Rädern und öffnete beim Fahren die Flügel – auf und zu, auf und zu. In seinem Inneren konnte man einen Schatz verstecken oder aber ein wenig Proviant, um im Garten spazieren zu gehen!“, sagte Frau Korte. Sie schaute dabei so sehnsüchtig aus dem Fenster, als vermisse sie ihren Marienkäfer noch heute. Die Kinder lachten. Das musste doch ein seltsames Spielzeug gewesen sein, heute packte man seinen Proviant in eine Brotdose und dann in den Rucksack und einen Schatz hatte keines von ihnen. Was war das überhaupt, ein Schatz?
Jonas meldete sich.
„Frau Korte, was für einen Schatz meinen Sie denn? Etwa so ein geheimes Tagebuch oder sowas?“, fragte er.
„Ein Schatz – mmh, das können ganz verschiedene Dinge sein. Etwa ein Schlüssel zu einer Schatzkammer oder aber ein Schmuckstück. Es kann auch ein wertvolles Erbstück sein oder eine verzauberte Haarspange!“, erklärte Frau Korte.
„Das war sicher Ihr Lieblingsspielzeug, Frau Korte, stimmt’s? Wo Sie doch Maria heißen, meine ich!“, sagte Anna-Lena.
„Du meinst den Marienkäfer, oder?“, wollte Frau Korte wissen und als Anna-Lena nickte, bestätigte sie: „Ja, das war mein Lieblingsspielzeug, ich muss doch mal nachschauen, ob ich ihn noch auf dem Dachboden finden kann, dann bringe ich ihn mit, versprochen!“
Entschlossen stand Frau Korte auf. Wie war sie denn jetzt auf das Kinderspielzeug gekommen? Ach ja, sie hatten den Kindern davon erzählen wollen, wie der Marienkäfer zu seinem Namen gekommen war.
„Kann sich denn schon jemand vorstellen, warum der Marienkäfer so heißt?“, fragte sie.
Die Kinder riefen durcheinander und immer wieder hörte man „Gottesmutter Maria“ oder „Heilige Maria“ oder aber „Glückssymbol“.
„Pssst! Nicht alle durcheinander, aber alles was ich hören konnte, war richtig. Natürlich hat Maria etwas damit zu tun. Man sagt, dass sie die kleinen Nützlinge als Geschenk geschickt haben soll!“
Frau Korte machte eine kurze Pause und sah die Kinder aufmerksam an.
„Geschenk?“, rief Jonas. „Tiere darf man doch nicht verschenken und Marienkäfer schon gar nicht, die gehören doch keinem!“
„Deshalb kann Maria sie doch trotzdem verschenkt haben, sie hat uns ja auch Jesus geschenkt, oder?“, wandte Steffi ein. „Außerdem sind Marienkäfer ja ganz doll nützlich, sie fressen Läuse und befreien die Blumen von ihnen und das Getreide, und alles eben. Opa sagt immer, dass Marienkäfer Gold wert sind!“
Kalle, der vor Steffi saß und eigentlich nie so richtig zuhörte, wirbelte herum. „Die fressen Mäuse?“, fragte er.
„Kalle, du musst zuhören! Läuse fressen sie, Läu-se!“, feixte Steffi. „Das ist nicht witzig, Kalle, echt nicht!“
„Das ist nicht witzig, Kalle, echt nicht!“, äffte Kalle Steffi nach. „Du bist nervig, Steffi, echt jetzt!“, fügte er hinzu.
Steffi schwieg beleidigt und Kalle drehte sich wieder nach vorn. Frau Korte erzählte jetzt, dass es noch einige andere Deutungen gab, so schütze der Marienkäfer beispielsweise vor Hexen und Magiern und diene den Menschen deshalb als Glückssymbol.
„Und jetzt wünsche ich mir, dass ihr einen schönen Marienkäfer ins Zeichenheft malt und für morgen schreibt ihr dann drei kurze Sätze über die Bedeutung des Namens dazu!“
Während Steffi sich verstohlen ein Tränchen wegwischte, das sich in ihre Augen gestohlen hatte, flog das kleine Marienkäferchen, das die ganze Zeit auf der Fensterscheibe alles mit angehört hatte auf Steffis Zeichenheft, zum Trost wohl und Steffi freute sich und verriet kein Sterbenswörtchen.

© Regina Meier zu Verl

Erinnerungen an Fräulein Tät

Erinnerungen an Fräulein Tät

Meine Freundin Uli strickte unter der Schulbank Socken, während ich Zigaretten für die Pause drehte. Trotz unserer Nebentätigkeiten lauschten wir aufmerksam den Ausführungen von Fräulein Tät. Eigentlich hieß sie Zimmermeister und unterrichtete Geschichte und Religion in unserer Mädchenschule. Fräulein Tät liebte Wörter, die auf „tät“ endeten, deshalb hatte sie ihren Spitznamen bekommen, den schon Generationen vor uns kreiert hatten. Keine Stunde verging, in der nicht mindestens drei dieser geliebten Wörter vorkamen. Oft schlossen wir Wetten ab, wie viele es am jeweiligen Tag sein würden.
Gerade gestern kam mit Fräulein Tät mal wieder in den Sinn, als ich die Nachrichten anschaute und mich über die vielen Fremdwörter ärgerte, die größtenteils überflüssig waren.
Über jedes neue Wort mit der Endung „tät“ freue ich mich aber noch heute diebisch, doch dazu später.
„Meine Damen“, pflegte Fräulein Tät zu sagen, wenn sie uns eine Aufgabe stellte. „Meine Damen, verfassen Sie eine Abhandlung über das soeben gehörte. Es zählt nicht die Quantität, sondern die Qualität Ihres Textes, denken Sie daran!“
Streng war sie, dennoch genoss sie eine gewisse Beliebtheit bei fast allen Schülerinnen, denn bei ihr wusste man genau, woran man war. Ja, und sie mochte uns auch. Das Zigaretten drehen übersah sie meist, ab und an gab es einen Rüffel und auch Ulis Strickerei war einmal Anlass zu einer Rüge: „Ich bewundere Ihre Kreativität, Uli, aber Sie bewegen sich am Rande der Legalität. Ihre Aktivität in allen Ehren, aber das hier ist der Geschichtsunterricht und keine Handarbeitsstunde.
„Beim Stricken kann ich mich besser konzentrieren!“, behauptete Uli und stillschweigend akzeptierte Fräulein Tät die Strickerei, wenn nicht allzu sehr mit den Nadeln geklappert wurde. Zu Weihnachten bekam sie zum Dank daher ein Paar selbst gestrickter Socken.
„Das ist eine wahre Rarität!“, rief sie begeistert aus und befühlte beinahe zärtlich die grüngelb geringelten Strümpfe. „An einem kalten und regnerischen Tag gibt es nichts Besseres als warme Stricksocken! Diese Qualität kann man in keinem Geschäft kaufen.“
Danach ging sie zur Tagesordnung über, hatte aber die ganze Stunde ein warmes Lächeln auf den Lippen, was sie um Jahre jünger aussehen ließ.
Mich interessierte besonders der Religionsunterricht. Die Vertreibung aus dem Paradies hatten wir bereits in der Unterstufe ausreichend behandelt. Ich erinnere mich gern an die Zeit, als es um die Weltreligionen ging. Das war mein Thema.
„Es geht um Spiritualität, und das nicht nur in der uns bekannten Form, sondern um weitere Glaubensrichtungen anderer Nationalitäten. Ich bitte bei den Ausführungen der Referate um Sensibilität und Konstruktivität“, verkündete Fräulein Tät, nachdem wir einige Schulstunden mit dem Studium der uns fremden Religionen verbracht hatten. „Humanität ist das Zauberwort!“, fügte sie noch hinzu.
Manchmal vermisse ich sie, unser Fräulein Tät. Ich bin traurig, dass ich nicht Abschied nehmen konnte von ihr, aber so ist das, Leben und Tod gehören zusammen. Letztens lief mir ein Wort unter, das ich gern mit ihr diskutiert hätte „Dualität“. Ich beschäftige mich mit dem Wort und dem, was dahintersteckt, mit der Zweiheit, dem Leben und dem Tod, der Erde und dem Himmel, mit Gott und den Menschen. An dieser Stelle möchte ich es jedoch einfach so im Raum stehen lassen, vielleicht erscheint mir ja Fräulein Tät in meinen Träumen und ich kann da mit ihr darüber philosophieren.

© Regina Meier zu Verl

Reizwortgeschichte „Josh im Bärenwald 2“

Reizwortgeschichte „Josh im Bärenwald 2“

Das sind die Reizwörter, die heute verarbeitet werden mussten.

Fingerhut, Libelle, plumpsen, durchnässt, wuschelig

Bitte lest auch bei meinen Kolleginnen:

Lore

Martina

Fortsetzung der letzten Reizwortgeschichte „Josh im Bärenwald“

„Wenn man zwei Mal Zwillinge zu versorgen hat …“, seufzte Mama Bär, während sie sich in ihren Lieblingssessel plumpsen ließ.
„Dann sind das vier Kinder!“, vervollständigte Papa Bär den Satz und lachte.
„Witzbold!“, schimpfte Mama Bär. „Schließlich sollte ich es genau wissen. Jeden Tag vier Hosen, vier Pullover, vier Paar Socken und vier Schlafanzüge, die im Wäschekorb landen, dazu vier bis acht Lätzchen und unzählige Unterhosen, wenn mal wieder etwas danebengegangen ist und alles völlig durchnässt ist. Waschlappen und Handtücher nicht zu vergessen. Ach, jede Menge Wäsche!“
„Stimmt!“, sagte Papa und machte ein bekümmertes Gesicht.
„Vielleicht sollten wir mal die Rollen tauschen!“, meinte Mama Bär, setzte ihren Fingerhut auf und nahm sich die Socke wieder vor, die sie angefangen hatte zu stopfen.
„ich bringe nun erst einmal die Kinder ins Bett, dann sehen wir weiter!“, sagte Papa Bär und ging ins Kinderzimmer, wo alle vier Bärenkinder schon auf ihn warteten.

Bärta, Bärt, Robärt und Bärthild lagen in ihren Betten und schauten ihrem Papa erwartungsvoll entgegen.
„Welche Geschichte erzählst du uns heute?“, fragte Bärta neugierig. Sie war die Älteste, aber nur fünf Minuten älter als Bärt, ihr Zwillingsbruder.
Lasst euch überraschen, ich erzähle heute von Waldemar Waschbär, also passt auf:

Es war einmal eine Bärenfamilie, die hatte vier Kinder. Sie lebten in dem großen Wald, gleich hinter dem See, in dem man im Sommer so herrlich baden konnte.
„Papa Bär, das sind wir, oder?“, fragte Bärta neugierig.
„Das könnte sein, wir sind ja auch eine große Familie!“, sagte Papa und lächelte. „Aber hört erstmal weiter zu!“
Die Kinder kuschelten sich aneinander.
„Die Eltern liebten ihre Kinder sehr, deshalb machte es ihnen auch gar nicht viel aus, dass sie so viel Arbeit hatten. Eines Tages aber wurde die Mama Bär krank. Sie sollte ein paar Tage das Bett hüten und Papa war mit dem Haushalt und den Kindern auf sich allein gestellt. Er stöhnte und klagte, es half aber nichts, das Essen musste zubereitet werden, die Zimmer mussten in Ordnung gehalten werden und dann die viele Wäsche! Wäscheberge häuften sich, Papa Bär wuchs die Arbeit über den Kopf. Jeden Abend sank er erschöpft ins Bett, konnte aber nicht einschlafen. Er grübelte darüber nach, was er verändern könnte, damit für ihn, aber auch später für Mama Bär, die Arbeit erleichtert werden konnte.

„Konnten die Kinder denn nicht helfen?“, fragte Bärthild, die jüngere von den Zwillingen, die zwei Jahre jünger waren als Bärta und Bärt.
„Ja, ja!“, riefen auch die anderen Bärenkinder. „Es hätten doch alle mithelfen können!“
Papa Bär lächelte. Wie klug doch seine Kinder waren und wie empfindsam. Nun wäre es zu schön, wenn sie ab morgen auch selbst ein wenig mithelfen würden. Aber erst einmal erzählte er weiter:

Ja, die Kinder halfen, wo sie konnten. Aber viele Dinge waren einfach zu schwer für sie. Da war die Sache mit der vielen Wäsche, die wurde zum Fluss geschleppt und dort gewaschen und gespült und gewrungen. Wie hätten die Kinder das schaffen sollen?
Doch mit einem Mal hatte Papa Bär eine Idee. Die Nachbarin hatte ihm erzählt, dass in dem verlassenen Schuppen am Flüsschen ein Waschbär eingezogen war. Der konnte doch helfen, oder täuschte sich Papa Bär etwa? Machte ein Waschbär gar keine Wäsche?
Ein Versuch macht klug, dachte Papa und gleich am Abend wollte er den Waschbären besuchen und ihn bitten, die Wäsche der Familie zu übernehmen. Er, Papa Bär, würde dafür sorgen, dass der Waschbär täglich eine gute Mahlzeit dafür bekam.
„Guten Abend, Herr Waschbär!“, sagte Papa Bär, nachdem er laut an der Schuppentür angeklopft hatte.
„Wer stört?“, fragte der Waschbär unfreundlich. Er hatte offensichtlich geschlafen.
„Ich bin es, Papa Bär und ich habe eine kranke Frau und vier Kinder, zwei Mal Zwillinge, wenn Sie wissen, was ich meine!“, sagte Papa Bär aufgeregt.
Der Waschbär trat ein wenig weiter ins Licht. Er sah wuschelig aus, er hatte wirklich geschlafen. Waschbären werden eben erst am Abend aktiv. Er grinste!
„Meinen Sie, ich weiß nicht, wie viel 2 x 2 ist? Halten Sie mich etwa für dumm?“, fragte er.
„Aber nein, im Gegenteil. Ich bin gekommen, um Ihnen ein Geschäft vorzuschlagen!“, sagte Papa Bär.
„Ich höre!“, antwortete der Waschbär.
„Ich brauche jemanden, der mir die Wäsche macht, solange meine Frau krank ist und vielleicht darüber hinaus. Könnten Sie das für uns übernehmen? Ich biete Ihnen eine warme Mahlzeit am Tag dafür!“, schlug Papa Bär vor.
Der Waschbär schwieg zunächst, dann gluckste er und dann brach er in ein furchtbares Gelächter aus.
„Hör sich das einer an!“, sagte er und es fiel ihm schwer, die Worte vor Lachen herauszubekommen. „Meint der Herr Bär, ich könnte sein Sklave sein und seine Schmutzwäsche waschen, dass ich nicht lache. Soll ich dabei etwa noch eine Fliege oder Libelle, oder wie das Ding heißt, das ein Butler um den Hals trägt, umbinden?“
Papa Bär ließ den Kopf hängen. Das hatte er sich anders vorgestellt. Nun wurde er ausgelacht, das kratzte an seiner Ehre.

„Das war aber auch gemein von dem Waschbären!“, meinte Bärt.
„Ja, das war es!“, bestätigte Papa Bär. „Aber wenigstens hat der Vater es versucht. Vielleicht hat er später eine bessere Lösung gefunden, warten wir es doch ab. In der nächsten Geschichte erfahren wir sicher mehr und jetzt wird geschlafen, okay?“
Es dauerte auch gar nicht lange, da waren alle vier eingeschlafen. Papa Bär ging ins Wohnzimmer zu seiner Frau und versprach ihr, dass er von nun an immer bei der Wäsche helfen wollte.
„Eigentlich wollte ich einen Waschbären einstellen, nun mache ich es eben selbst!“, sagte er und dafür bekam er einen dicken Kuss, das gefiel ihm sehr!

© Regina Meier zu Verl