Die Bühne im Kurpark

Die Bühne im Kurpark

Als ich Kind war, wollte ich gern Schauspielerin werden. Ich stellte mir das so toll vor, berühmt zu sein und überall erkannt zu werden. Die Leute würden mir zujubeln und rufen: Schaut mal, da ist sie, die großartige Annelies Wuttke. Natürlich hätte ich meinen Namen geändert, vielleicht in Germaine Toulouse oder so. Aber es hat gar nicht geklappt. Mittlerweile bin ich in Rente und werde einiges nachholen. Leider muss ich auf mein Geld aufpassen, denn alles ist so teuer geworden. Mein Plan war, Theaterabonnements hier im Provinztheater des Städtchens und in der etwas entfernteren Großstadt zu Studienzwecken zu buchen, aber daraus wird nichts werden. Doch es gibt nichts, was eine Annelies Wuttke von einem Plan abhalten könnte. Ich werde mir meine eigene Bühne suchen.

Ich habe da auch schon so eine Idee, die umsetzbar ist und nichts, oder fast nichts kosten wird. Zuerst einmal fange ich allein an, später suche ich mir vielleicht ein paar Verbündete. Nun aber mal Klartext: ich werde eine Einfraushow einüben und damit in Seniorenheime oder Residenzen gehen. Das ist das eine und ein zweites Programm werde ich für Kindergärten einstudieren – ich habe eine Menge erlebt und einiges zu erzählen, warum sollte ich mir das nicht zunutze machen? Das Reden vor Publikum ist meine leichteste Übung. Schon meine Mutter sagte immer, dich wird man nach deinem Tod mal eigens noch erschlagen müssen, damit auch dein Plappermäulchen seine Ruhe findet. Damals habe ich das als Kompliment aufgefasst und ich bin so mit einer tüchtigen Portion Selbstvertrauen durchs Leben marschiert. Und nun freuen wir uns auf unsere neue Zukunft, mein Plappermäulchen und ich.
Zuerst werde ich mal ein paar Termine ausmachen. Das brauche ich, denn wenn ich kein klares Ziel habe und mich nicht ein wenig unter Druck setze, dann versanden meine guten Ideen wieder. Das kenne ich schon von mir.
Also rufe ich im Luisenstift hier in unserer Stadt an und trage mein Anliegen vor.
„Ich denke so an ein zweistündiges Programm, Sie werden begeistert sein!“, sage ich der Dame, mit der man mich verbunden hat, nachdem ich ihr mein Anliegen vorgetragen habe.
„Das hört sich gut an“, sagt diese. „Aber zwei Stunden sind viel zu lang. So lange können unsere Bewohner nicht aufmerksam bleiben und es würde auch unsere Abläufe hier total durcheinander bringen!“
„Gut, ich kann das Programm ja auch kürzen und nur eine Stunde zu Ihnen kommen!“, schlage ich vor.
„Hm. Ich weiß nicht so recht“, sie klingt zögerlich nun. „Also 20 Minuten am Anfang, das könnte vielleicht machbar sein. Lassen Sie mich einmal im Terminkalender nachsehen. Warten Sie … ja … einen Augenblick, ich muss gerade …“
Ich warte und warte und spüre, wie mein Herz nun doch anfängt, schneller zu schlagen und wie Aufregung aufkommt.
„Hallo?“, wage ich es schließlich, in den Telefonhörer zu hauchen. „Sind sie noch da?“
Keine Reaktion, seltsam. Sollte die etwa einfach aufgelegt haben? Erschien dann nicht so ein Zeichen, so ein langes Tuuuuut? Ich weiß es nicht und warte noch etwas. Nach einer Viertelstunde gebe ich auf.
Beinahe traue ich mich nun nicht mehr, die nächste Nummer auf meiner Liste anzurufen. Es kostet mich Überwindung und ich erschrecke ein bisschen. Habe ich mir die Sache zu einfach vorgestellt?
Um nicht länger nachdenken zu müssen, wähle ich schnell die nächste Nummer. Ein Anrufbeantworter schaltet sich ein und ich lege auf, dankbar fast, denn mein Herz will schon wieder stolpern. Was ist los mit mir?
Ich muss an die frische Luft.
Auf der Terasse atme ich tief durch und suche nach meinen Zigaretten, die ich für Notfälle immer in einem abgedeckten Blumentopf versteckt habe. Eigentlich rauche ich nicht mehr, nur im Notfall und ein solcher ist gerade eingetreten, meine Träume drohen zu zerplatzen – aber noch ist nicht aller Tage Abend, denke ich!
Es ist ein schöner Nachmittag. Die Wolken haben sich verzogen und es ist noch einmal warm geworden. Ganz in Gedanken gehe ich zum Gartentor und trete auf die Straße. Hier kann ich wieder besser atmen und ich beschließe, ein paar Schritte zu gehen. Die Bewegung wird mir guttun. Ich schreite mit großen Schritten aus und erreiche schon bald den kleinen Kurpark mit der alten Wandelhalle und dem Pavillon, in dem früher Musikkapellen aufgetreten waren. Noch gut erinnere ich mich an die Kurkonzerte, die es früher hier gegeben hat. Schade, dass sie den Kurbetrieb eingestellt haben. Wie magisch angezogen gehe ich auf den Pavillon zu. Die perfekte Bühne, denke ich.
Ich positioniere mich mitten auf der Bühne, schließe die Augen, breite die Arme aus und beginne zu erzählen. Wie automatisch habe ich eine Geschichte ausgewählt, die mir seit Tagen im Kopf herumgeistert. Sie handelt von dem alten Mann, der allein in einem kleinen Haus am Stadtrand wohnt und mit dem niemand etwas zu tun haben möchte, weil man ihm die seltsamsten Dinge unterstellt.
Meine Stimme wird zunehmend sicherer, während ich erzähle. Es ist auch keiner da, der mir zuhört. Ich werde übermütig und erfinde immer kuriosere und witzigere Begebenheiten rund um meinen einsamen Helden und muss selbst innerlich immer wieder lachen. Es macht mir so eine große Freude und ich spüre, wie ich mich innerlich immer freier fühle, wie die Energie durch meinen Körper strömt. Herrlich ist das! Und ich weiß nun wieder, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Und warum soll ich nicht hier mit meiner Passion beginnen? Eine Speaker’s Corner im alten Kurpark?
„Bravo!“, ruft da plötzlich eine Stimme und ich höre ein Klatschen.
Beinahe ist mir das ein wenig peinlich, aber als ich die Augen öffne und sehe, dass da ein paar Leute sitzen, die mich freundlich anlächeln, freue ich mich doch sehr.
Ich werde wiederkommen, verspreche ich mir selbst! Dann sage ich:
„Nächsten Sonntag um die gleiche Zeit geht es weiter, danke für den Applaus!“
Nach einer leichten Verbeugung gehe ich nach Hause, ich fühle mich leicht und glücklich, endlich mal wieder.

© Regina Meier zu Verl

Eine weitere Geschichte einer einsamen Dame findet ihr hier: Sonntags im Café

2 Kommentare zu „Die Bühne im Kurpark

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