Omas Zaubermusik

Omas Zaubermusik

„Eines Tages werde ich nicht mehr da sein und was soll dann aus meinen unzählig vielen Büchern und Notenbüchern werden? Ich sollte so langsam aber sicher versuchen, einiges davon zu verschenken und zu entsorgen, was niemand mehr haben möchte!“ Das waren Großmutters Worte und die hatten mich heftig getroffen. Natürlich hatte sie recht, aber so richtig annehmen konnte ich das noch nicht. Überhaupt verstand ich es nicht, wie man an den eigenen Tod und an all das, was die Erwachsenen „letzter Wille“ nannten, denken konnte. Großmutter durfte nicht sterben. Ein Leben ohne sie konnte ich mir nicht vorstellen. Das ging nicht.
Ihre Entschlossenheit aufzuräumen, würde ich aber nicht ändern und deshalb half ich eben ein wenig mit. Das war interessant, denn Oma kam ins Erzählen, wenn ich eine Frage zu einem Buch oder einer Notensammlung stellte. Ab und zu setzte sie sich sogar ans Klavier und spielte mir etwas vor. Und wenn sie ihr Spiel besonders stark berührte, schloss sie die Augen, und dann, ja, dann weilte sie in anderen Welten. Schönen Welten. Die schönsten, die Musik zu erschaffen fähig ist.
Ich schloss dann die Augen und träumte tolle bunte Bilder. Omas Musik war eine Zaubermusik und ich konnte mir nicht vorstellen, sie einmal nicht mehr hören zu können.
„Oma, du weißt ja, dass ich nächste Woche Geburtstag habe, oder?“ fragte ich, als wir wieder einmal so eine zauberhafte Zeit miteinander verbracht hatten. “Darf ich mir etwas wünschen?“
„Natürlich weiß ich das. Aber eigentlich habe ich schon ein Geschenk für dich!“, antwortete Oma. „Doch, lass hören, was du dir noch wünschst!“
„Ich wünsche mir, dass wir deine Musik aufnehmen, damit ich sie immer und immer wieder anhören kann!“
„Meine Musik? Aufnehmen?“ Oma sah mich erschrocken an. Fast wirkte sie verstört und das kannte ich bei ihr, dieser selbstsicheren Frau, gar nicht. „Es … es ist doch nur ein bisschen Geklimper. Nichts weiter“, wiegelte sie rasch ab. „Das kann auch weg.“
Nun war ich es, die erschrak. Oma hatte es doch sonst so gar nicht mit dem Wegwerfen und nun tat sie genau das mit ihrem ganzen Lebensinhalt. Fühlte sie sich vielleicht krank?
Mir war klar, dass ich mir etwas einfallen lassen musste und ich hatte auch schon eine Idee. Wenn sie das nächste Mal spielen würde, würde ich heimlich mit Mamas Handy eine Aufnahme machen. Das würde Mama mir sicherlich erlauben.
Wie gedacht, so getan. Es war nicht schwer, Oma erneut zum Spielen zu überreden. Sie begann mit Beethovens Für Elise, dann spielte sie einen Walzer von Chopin. Der war wunderbar und schien gar kein Ende zu haben. Oma spielte und spielte und die Melodien wurden immer schöner und verträumter. Es war, als zauberten sie Licht ins Zimmer, das in kleinen Perlchen über unseren Köpfen tanzte. Oma hatte längst die Augen geschlossen und da merkte ich, dass es nicht mehr Chopins Musik war, die wir hörten, sondern Omas.
Es war wunderbar und keine Aufnahme der Welt konnte das wiedergeben. Trotzdem war ich unheimlich froh, dass ich die Musik aufgenommen hatte, denn ich würde mich auf diese Art und Weise immer an dieses wunderbare Konzert, nur für mich allein, erinnern!

© Regina Meier zu Verl

Eine weitere Geschichte, in der es um eine alte Dame und die Musik geht, findet ihr hier: Mondscheinsonate

7 Kommentare zu „Omas Zaubermusik

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