Die eingebildete Hortensie

Die eingebildete Hortensie

Die eingebildete Hortensie

Blau, blau, blau sind alle meine Blüten, blau, blau, blau und wunder-wunderschön!“, singt die Hortensie, deren blaue Blüten wirklich prächtig sind.
„Du eingebildete Pflanze!“, schimpft die kleine Dahlie, die ein wenig im Schatten der Hortensie steht. Sie blüht nicht, denn ihre Zeit ist noch nicht gekommen.
„Rot werde ich bald blühen. Ein tiefes Wunderrot …“ Sie zögert. „Oder ist es orange? Oder gelb gar?“ Sie zögert wieder. „Ich glaube, ich habe es vergessen. Es ist ja auch mein erstes Jahr hier.“ Sie lacht. „Vielleicht bin ich auch blau? Ach, ich lasse mich einfach überraschen.“
„Blau? Das kann nicht sein. Das Blau ist meines und keinesfalls kommt es noch einmal vor, nicht in dieser Brillanz und schon gar nicht bei Dahlien!“
Die Hortensie ist verärgert. Gerade hat sie noch so schön gesungen und dann kommt da so ein Grünkraut, das nicht einmal blüht und meint, dass es auch blau blühen könnte.
„Dein Blau? Ha! Gewiss nicht!“, rufen da ein paar feine Stimmchen. Es sind die Kornblumen, die im letzten Jahr von der Wiese nebenan in den Garten gewandert sind, „Wir sind es, denen die Farbe Blau gebührt. Sie trägt sogar unseren Namen: Kornblumenblau!“
„Ihr seid doch ein eingebildetes Volk, ihr Blumen“, warf der Holunderbusch dazwischen. „Ich produziere leckere Holunderbeeren, daraus machen die Menschen Saft und Marmelade und sie schmecken auch den Vögeln sehr. Fragt die Drossel, die wird euch das bestätigen!“
„Na und?“, meckert die Hortensie los. Sie kann es nicht leiden, wenn sie nirgendwo Bewunderung findet und die Antworten ihrer Blumenkollegen hier im Garten gefallen ihr gar nicht.
„Keiner von euch ist so unvergänglich wie ich und das macht ihr mir auch nicht nach. Nach meiner Blüte nämlich bewahre ich meine Gestalt und werde damit zur Trockenblume. Die Menschen lieben mich dafür umso mehr.“
„Trockenblume, dass ich nicht lache! Das bin wohl ich, meine Lieben“, schimpft die Strohblume, die schon ein wenig knistert, so trocken ist sie bereits. Die Hortensie wird immer stiller, irgendwie ist ihr die Lust vergangen, sich selbst zu prahlen. Es macht keinen Spaß und es führt ja auch zu nichts. Viel schöner wäre es doch, wenn man sich einfach ein wenig unterhalten könnte. Vielleicht war es noch nicht zu spät.
„Vorhin“ beginnt sie, „hat mich ein kleiner Schmetterling besucht und ich sage euch, einen so wunderhübschen kleinen Kerl habe ich in meinem ganzen Blumenleben noch nicht gesehen. Blau ist er gewesen. Morgenhimmelblau mit kleinen braunen Tupfen auf den Außenflügeln. Dieses Blau war fast noch schöner als mein Wunderblau. Aber nur fast und ich…“
Sie kann es nicht lassen mit dem Prahlen, die anderen grinsen und schweigen. Es macht ihnen auch keine Freude mehr zu widersprechen. Erst jetzt, als es still geworden ist, meldet sich ein feines Stimmchen, fein und kleiner als alle anderen hockt es am Boden, das wunderschöne Veilchen, in das man sich sofort verliebt, wenn man es denn wahrnimmt, ja, ja, so ist das!

© Regina Meier zu Verl

Eine weitere Blumengeschichte findet ihr hier: Die Schwestern Sansevieria

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