Auseinander geliebt – Reizwortgeschichte

Ferien, Frühstück, flott, freuen und fauchen
Das sind die Wörter, die diesmal mit eingebaut werden sollten. Bitte lest auch bei meinen Kolleginnen:
Martina und Lore

Auseinander geliebt

Hannes arbeitete schon viele Jahre in einem Tierpark. Alle tierischen Bewohner waren ihm ans Herz gewachsen. Besonders gern aber hatte er die kleinen Ziegen. Besucher, die öfter herkamen, hatten ihm aus diesem Grund den Spitznahmen Ziegenhannes gegeben. Er freute sich über diesen Namen, erinnerte er ihn doch jeden Tag aufs Neue an seine Kindheit, in der man ihn immer Dackelhannes gerufen hatte. In seinem Zuhause hatten nämlich sechs niedlich anstrengende Dackel gelebt, sein Vater hatte eine Rauhaardackelzucht gehabt, und nachmittags ging Hannes mit allen sechs Hunden spazieren.
Das war lange her, trotzdem träumte Hannes davon, irgendwann mal wieder einen Dackel, gern auch zwei oder drei, zuhause zu haben. Leider war seine Marianne völlig dagegen.
„Ich kann nicht gut mit Hunden!“, beteuerte sie immer wieder. Hannes glaubte ihr, denn wenn sie bei einem Spaziergang mal auf einen Hund trafen, weiteten sich Mariannes Augen vor Schreck und sie zitterte vor Angst. Überhaupt hatte sie Probleme mit Tieren, von Katze bis Maus, von den Spatzen im Hof bis zu harmlosen Mücken. Und Ziegen. Nur Schmetterlinge, die liebte sie über alles, fanatisch fast.
Hannes war, auch wenn er seine Marianne liebte, sehr traurig darüber. Ein einziges Mal in all den Jahren hatte sie ihn an seiner Arbeitsstelle besucht. Wenn er am Abend heimkam, musste er seine Kleidung flott in der Garage wechseln, weil Marianne den Geruch, der daran haftete, nicht ertragen konnte. Das machte ihn oft traurig, auch, weil er nicht herausfinden konnte, ob sie die Tiere nur fürchtete, oder ob sie sie schlicht nicht mochte. Wie konnte er sie da bedingungslos lieben? Und wie immer, wenn er darüber nachdachte, war er froh, dass sie den Gang zum Standesamt bisher nicht gewagt hatten. Seit 27 Jahren!
Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn sie ein Kind gehabt hätten. Doch es war müßig, darüber nachzudenken, der Zug war wohl abgefahren und vielleicht war das ebenfalls auch besser so.
Als Hannes und Marianne nach einer Ferienreise wieder zuhause angekommen waren, passierte etwas, das ihr ganzes Leben verändern würde: Alwin war gestorben! Einfach nicht mehr aufgewacht war Hannes‘ Kollege und bester Freund seit Kindheitstagen, der draußen vor der Stadt allein in seinem kleinen Häuschen mit dem großen Garten lebte. Und ihn, Hannes, hatte Alwin zum Alleinerben bestimmt für Haus, Garten und … für Königspudel Amadeus.
„Du erwartest doch nicht, dass ich mit dir in diese „Bude“ ziehe!“, hatte Marianne gefaucht, als Hannes von der Testamentsverlesung nach Hause gekommen war. Seit Alwins Tod kümmerte sich Hannes schon um Amadeus und da er einen Schlüssel zu Alwins Haus hatte, war er schon ab und zu dageblieben, bevor er wusste, dass ihm das alles mal gehören sollte.
Bude? Es war so ein schönes Haus, so ein friedliches, harmonisches und Amadeus ein Juwel. Nie hatte er einen friedfertigeren und klügeren Hund erlebt als ihn. Sollte er dieses liebevolle Geschöpf etwa in ein Tierheim bringen? Nein.
„Sieh es dir doch einmal an!“, bat er Marianne eines Morgens nach dem Frühstück. „Du wirst es lieben. Und Amadeus auch. Er tut dir nichts zuleide. Ich verspreche es dir.“
Ein paar Wochen gingen ins Land. Marianne hatte sich nicht erweichen lassen und lebte nun allein in der Wohnung, die sie zuvor mit Hannes bewohnt hatte. Aber es hatte sich etwas verändert zwischen ihnen. So fuhr Hannes jeden Abend nach Dienstschluss zuerst zu Marianne, schaute, ob sie etwas brauchte, trank einen Kaffee mit ihr und bekam dafür eine liebevoll gekochte Mahlzeit mit nach Hause. Manchmal brachte er Blumen für sie mit und sie blieb stets am Fenster stehen und winkte ihm nach, bis sie ihn nicht mehr sehen konnte. Doch irgendwann wurden seine Besuche seltener. Sie vertrugen sich nicht mehr so gut wie früher, und ohne es zu merken, waren sie irgendwann kein Paar mehr und jeder lebte sein Leben, das nicht mehr für zwei genügte.
Einmal noch hatte Hannes sie gesehen. Im Park. Sie saß dort, angeregt plaudernd, mit roten Wangen vor Eifer, mit einer Freundin und zwei Schäferhunden und jede hielt eine Hundeleine in der Hand. Von Mariannes Furcht vor Hunden war nichts zu spüren.
„Sie hat mich wohl nicht genügend geliebt“, murmelte Hannes. „Oder zu sehr. So sehr, dass sie kein weiteres Wesen in unserer Liebe ertragen konnte?“

© Regina Meier zu Verl

3 Kommentare zu „Auseinander geliebt – Reizwortgeschichte

  1. Guten Morgen, liebe Regina! Ja, so kann es manchmal im Leben gehen. Man verliert sich, obwohl man beieinander ist. – Hoffen und wünschen wir, dass beide in ihrem Leben glücklich sind oder werden! – Danke für diese tiefsinnige Geschichte! – Hab einen glücklichen Tag! Martina

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  2. Manchmal lebt man sich auseinander und merkt es gar nicht, obwohl hier die mangelnde Tierliebe von Marianne schon lange ein Trennungsgrund wäre. Als Romantiker spinne ich die Geschichte weiter und denke, er wird eine besonders tierliebe Pattnerin finden und mit vielen Tieren in dem Häuschen leben. Hahaa. sei lieb gegrüßt, Lore

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