Reizwortgeschichte: Oma Betty und die Wollmäuse

Hut, Schachtel, magisch, ehrfürchtig, knarzen
Das sind die Wörter, die es diesmal zu verarbeiten galt. Bei mir ist eine neue Oma Betty Geschichte draus geworden, wie immer mit viel Wahrheit drin aber auch jeder Menge Fantasie.
Bitte lest auch bei meinen Kolleginnen:
Lore – Lores Märchenzauber
Martina – Von Herz zu Herz Geschichten

Oma Betty und die Wollmäuse

„Oma, was ist denn eigentlich in dieser großen runden Schachtel dort oben auf dem Kleiderschrank?“
Maila war wieder einmal bei Oma Betty zu Besuch und half ihr, die Betten neu zu beziehen. Das machten sie gern zusammen, denn Maila liebte es so sehr, zwischen Oma und Opa im frisch duftenden Bett zu liegen. Als sie gerade auf der Matratze herumhüpfte, sah sie oben auf dem Schrank diesen rosa-weiß gestreiften Karton und schon war die Neugier geweckt.
„Könnte es wohl sein, dass da mein Weihnachtsgeschenk drin versteckt ist?“, fragte sie.
Oma Betty lachte.
„Aber Kind, die Geschenke bringt doch das Christkind, nicht wahr?“
Maila grinste, dabei wurde ihre große Zahnlücke sichtbar.
„Oma, ich weiß genau, dass es ein Christkind gibt, aber die Geschenke, die kommen doch von euch, gib es zu!“
„In dieser Schachtel ist auf jeden Fall kein Geschenk für dich!“, verriet Oma und zog den großen Bezug über das dicke Federbett.
„Für jemand anderen vielleicht?“, wollte Maila wissen.
Oma Betty schüttelte den Kopf. „Auch nicht für jemand anderen!“, sagte sie.
„Oma, nun sag schon. Was ist drin?“ Maila konnte es fast nicht mehr aushalten, so neugierig war sie.
„Lass uns zuerst die Betten fertigmachen. Dann holen wir Opa, denn ich bin zu klein, ich komme gar nicht ran an die Schachtel und ehrlich gesagt: ich traue mich auch nicht!“
„Wieso? Ist da was Gefährliches drin?“ Maila sah ihre Oma mit weit aufgerissenen Augen an.
„Eigentlich nicht, aber neulich, da hat es so komisch geknarzt in der Nacht, vielleicht haben sich Mäuse dort oben eingerichtet. Opa meint, das sei unmöglich, aber ich schwöre, ich habe etwas gehört!“ Oma Betty hatte sehr leise gesprochen, so, als wollte sie nicht, dass die Mäuse hörten, dass sie ihnen auf die Schliche gekommen war. Oh je, das war spannend.
„Soll ich Opa schon holen?“, fragte sie.
„Ja, mach das und sage ihm, dass er die Trittleiter mitbringen soll und verrate nicht, dass ich dir von den Mäusen erzählt habe. Dann sagte er nämlich wieder: Das kann gar nicht sein!“
Maila kicherte. Das war nämlich einer von Opas Lieblingssätzen. Immer wieder kam der zum Einsatz, besonders dann, wenn er keine Lust hatte, sich um etwas zu kümmern, was in seinen Augen Unsinn war.
Wenn aber seine Enkelin um etwas bat, dann fackelte er nicht lange, sondern tat, was sie wollte. Er schnappte sich also die Trittleiter und gemeinsam gingen sie zu Oma ins Schlafzimmer.
„Wo brennts?“, fragte er.
„Gar nicht!“, sagte Oma. „Ich wollte dich bitten, die Schachtel vom Kleiderschrank zu holen und bei der Gelegenheit könntest du kurz Staub wischen da oben, ich komme so schlecht da ran!“, sagte Oma.
Opa stellte die Leiter auf und kletterte hoch. Er schnappte sich die Schachtel und musste prompt niesen, so staubig war es auf dem Schrank. Oma nahm die Schachtel an, wischte sie ab und reichte den Lappen an Opa weiter.
„Oh, oh“, schimpfte er und nieste erneut. „Mäuse, Wollmäuse, jede Menge!“
Oma Betty kreischte und verließ den Raum. Maila, die keine Angst vor Mäusen hatte, wäre am liebsten gleich mit auf die Leiter geklettert und hätte sich die niedlichen Wollmäuse angeschaut.
Opa lachte.
„Mailakind, hol Oma zurück. Es sind keine echten Mäuse, schau!“ Er zeigte Maila einen Knubbel aus Staub.
Oma war längst wieder da. „Igitt!“, rief sie. Da sollte ich mich wohl schämen!“ Sie hatte einen kleinen Eimer mit Wasser und einen frischen Putzlappen mitgebracht und Opa wischte nun den gesamten Kleiderschrank sauber. Das lohnte sich so richtig!
Oma befreite die Schachtel vom restlichen Staub und dann war es endlich so weit. Maila durfte den Deckel abheben.
In der Schachtel lag ein riesiger weißer Hut. „Mein Hochzeitshut“, flüsterte Oma Betty und hob den Hut aus seiner Schachtel.
„Ein Hochzeitshut? Das habe ich noch nie gesehen!“, meinte Maila, betrachtete aber den Hut ehrfürchtig, immerhin war er ja schon alt, mindestens hundert Jahr oder so.
„Setzt du ihn bitte mal auf, Oma!“, bat sie. Doch das wollte Oma nicht, lieber wollte sie Maila Bilder von der Hochzeit zeigen.
„Weißt du, der Hut ist nämlich magisch, wenn man ihn trägt, muss man tanzen, die ganze Nacht lang. So war das jedenfalls bei unserer Hochzeit und jetzt machen das meine müden Gelenke nicht mehr mit!“, versuchte Oma zu erklären.
Opa lachte schallend.
„Ich höre immer „müde Gelenke“, das kann ja wohl nicht sein, oder? Zwei Mal in der Woche gehst du zum Sport, einmal zum Yoga und im Sommer schwimmst du jeden Morgen – von Müdigkeit keine Spur, also setz den magischen Hut auf, mach uns die Freude!“
„Also gut!“ Oma setzte den Hut auf, fing an zu singen, schnappte sich Opa und tanzte mit ihm durchs Schlafzimmer. Und Maila? Die machte mit! Später waren alle drei aus der Puste und ließen sich ins frisch bezogene Bett fallen, aber nur ein Viertelstündchen …

© Regina Meier zu Verl

9 Kommentare zu „Reizwortgeschichte: Oma Betty und die Wollmäuse

  1. Was für eine wunderschöne Geschichte, ich sah die drei fröhlich lachend durch das Zimmer tanzen. Heute bin ich über FB herein gekommen, Herzliche Grüße Lore

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  2. Was doch der Oma immer wieder einfällt, eben typisch Oma.
    So kannte ich das auch von meiner Oma.
    Wunderschön geschrieben, danke Regina.
    Oh irgendwie habe ich es auch nachts knarzen gehört….
    Liebe Grüße aus Dresden sendet Monika

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