Reizwortgeschichte: Irgendwann, wenn ich groß bin

Feuerwehrauto, Bier, wachsen, schnappen, schrumpelig

Das waren die Wörter, die eingebaut werden mussten. Bitte lest auch bei meinen Kolleginnen: Lore und Martina

Irgendwann, wenn ich groß bin

„Die Haare wachsen wieder!“, sagte mein Vater. Er setzte sein Feuerzeug am Kronkorken der Bierflasche an, woraufhin dieser mit einem Plop in die Küche flog und den Flaschenhals freigab.
„Hebelwirkung!“, sagte Vater, der meine Frage, wie er das mache, gar nicht mehr abwartete. Er setzte die Flasche an die Lippen, es gluckerte und im Nu war sie leer, so als hätte er den Inhalt einfach in sich hineingeschüttet. Dann rülpste er laut und verließ die Küche.
Ich zog den zerschlissenen Frisierumhang von den Schultern und wischte verstohlen meine Tränen weg. Den Blick in den Spiegel vermied ich, als ich im Flur daran vorbeikam, um mir den Besen zu schnappen, der seinen Platz in der Ecke vorm Klo hatte.
In regelmäßigen Abständen verpasste mein Vater meinem Bruder und mir diese furchtbaren Frisuren mit der eigens dafür angeschafften Haarschneidemaschine.
Eigentlich hätte ich mich längst daran gewöhnen müssen, doch es tat jedes Mal wieder weh – nicht körperlich, nein, meine Seele heulte.

Sorgfältig kehrte ich die Haare meines Bruders und meine eigenen zusammen und fegte sie auf die Dreckschüppe. Später würde Vater sie in der Ofenklappe entsorgen. Alles hatte seinen geregelten Ablauf bei uns. Nach dem Entsorgen, es stank furchtbar, wenn die Haare im Feuer verbrannten, schaute er uns, seine Söhne, zufrieden an. Er gab jedem von uns einen schrumpeligen Apfel, den wir mit einem artigen Danke in Empfang nahmen. Er dachte wohl, dass er uns etwas Gutes tut, er selbst nahm sich noch eine Flasche Bier, setzte das Feuerzeug an … na, ihr wisst schon!
Wie viele Flaschen es bis dahin schon waren, das weiß ich nicht. Es ging mich auch gar nichts an, hatte Vater gesagt. Nicht nur mir, sondern auch unserer Mutter hatte er das immer wieder deutlich gemacht.
„Ich trinke so viel Bier, wie ich will!“, hatte er gesagt und meine Mutter hatte gekuscht und geschwiegen.
Irgendwann, ich erinnere mich noch ganz genau an den Tag vor einem Jahr, kam sie nicht mehr nach Hause von der Arbeit. Bis dahin hatte sie in der Fabrik gearbeitet, damit sie uns ernähren konnte. So hatte sie es immer gesagt und ich war mächtig stolz auf sie gewesen. Es ist schon was Tolles, wenn ein Mensch, meine Mutter, drei Menschen ernähren konnte.
Doch dann kam der Tag, an dem sie einfach nicht nach Hause kam. Vater hat getobt und geschrien, doch das nützte nichts. Er ging sogar zur Polizei, doch die konnten auch nicht helfen. Mama war weg, einfach so, ohne sich zu verabschieden.
Nach drei Wochen, wir Kinder hatten uns die Augen aus dem Kopf geweint, kam eine Postkarte.
„Sucht mich nicht!“, hatte draufgestanden. Papa hatte wieder getobt, ich aber war erleichtert. Sie lebte, das war doch das Wichtigste. Irgendwann, wenn ich größer war, würde ich sie finden. Dann, wenn ich erst einmal Feuerwehrmann war, dann ganz bestimmt.
Ich nahm mein kleines Feuerwehrauto und betrachtete es liebevoll. Es war alles, was mir von Mama geblieben war, aber irgendwann …

© Regina Meier zu Verl

Photo by cottonbro on Pexels.com

3 Kommentare zu „Reizwortgeschichte: Irgendwann, wenn ich groß bin

  1. Oh Mann, liebe Regina, das ist eine zu Herzen gehende Geschichte, die mich heute bestimmt noch eine Weile begleiten wird. – Auch wenn es ’nur‘ eine Geschichte ist. Sie könnte irgendwo Realität sein. Leider! – Aber: auch diese Geschichten wollen geschrieben werden und bestenfalls rütteln sie an uns Menschen, damit wir ins Nachdenken kommen. – Bei mir hast du es geschafft! – Danke und LG! Martina

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  2. Was für ein berührende Geschichte. Einfach erzählt und das Ende versöhnlich. Der Junge verstand seine Mutter, war ihr nicht böse und wollte sie suchen, wenn er frei vom Vater war. Herzliche Grüße Lore

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