Vom kleinen Trecker, der so gern gebraucht werden wollte (7)

Immer rundum die Apfelbäume (7)

Die Zeit der Feldernte ist so gut wie vorbei. Die meisten Äcker sind frisch gepflügt und teilweise auch schon eingesät. Ab und zu fährt der dicke Grüne noch mit seinem Spritzwerk über die Felder und düngt die Saat. Ganz ehrlich: ich bin nicht so richtig traurig darüber, dass er das machen musst. Ich bin eben schon alt und muss mich auch mal ausruhen. Das darf man, wenn man älter ist. Es heißt ja gar nicht, dass man nicht mehr gebraucht wird, keinesfalls. Die Aufgaben verändern sich. Ihr habt das schon in meiner letzten Geschichte erfahren, als die Katze Violetta acht kleinen Herbstkätzchen das Leben geschenkt hat. Das war aufregend und schön, ja, ja.

Mittlerweile sind Mutter und Kinder ausgezogen. Sie besuchen mich aber täglich und darüber freue ich mich sehr. Auch Lukas schaut regelmäßig nach mir. Er ist nun schon ein großer Junge und hat sicherlich sehr viele andere Dinge im Kopf als mich, seinen alten Freund. Umso mehr freue ich mich eben, wenn er mal wieder reinschaut.

„Na, kleiner Trecker, alles im Lot bei dir?“, fragt er mich und insgeheim muss ich doch grinsen. Diese jungen Leute! Ob die wohl wissen, was genau das bedeutet? Natürlich weiß ich, was er meint, er will nämlich wissen, ob bei mir alles in Ordnung ist. Könnte man auch gleich sagen, oder?

Bei mir ist alles bestens! Ein Lot ist übrigens ein Gewicht, das an einer Schnur befestigt ist. Auf dem Bau hat man so ein Lot benötigt, um festzustellen, ob alles in einer schönen senkrechten Linie ausgerichtet ist. Dafür klettert man nach oben, hält die Schnur gut fest und lässt das Gewicht nach unten fallen. Beim Einbau von Fenstern und Türen ist das wichtig. Aber das interessiert euch vielleicht gar nicht. Ich wollte von Lukas erzählen. Der ist diesmal nämlich nicht allein da. Er bringt seinen kleinen Freund Henning mit.

Lukas fährt mittlerweile schon selbst Trecker. Das darf er auch, aber nicht auf der Straße, dafür benötigt man einen Trecker-Führerschein. Aber auf der Wiese kann er allein herumdüsen und das macht er auch ganz gut und vor allem nicht zu übermütig. Henning ist noch klein, aber groß genug, um auf dem Kindersitz Platz zu nehmen. Ich glaube, dass er ein bisschen aufgeregt ist und deshalb zeige ich mich von meiner besten Seite. Ich springe sofort an und mucke auch gar nicht herum, als Lukas ein wenig zu viel Gas gibt. Ich will unseren Gast nicht erschrecken, deshalb spare ich mir auch das Hupen. Ihr wisst ja, dass ich das vor lauter Freude ab und zu einfach mal so mache, ohne, dass jemand die Hupe gedrückt hat.

Wir drei, also Lukas, Henning und ich fahren vom Hof aus auf die Apfelwiese. Gut, dass der Bauer Josef die Äpfel am Morgen schon aus dem Gras gesammelt hat, denn sonst wären sie unter meinen dicken Reifen gleich zu Apfelmus geworden. Nicht auszudenken, wie viele Wespen dann gekommen wären, vom süßen Duft angelockt. Mir macht das nichts aus, aber wenn sie die Menschenkinder stechen, dann ist das Geschrei groß, es muss wohl heftig weh tun. Margret hat die Falläpfel schon zu Apfelmus verarbeitet, deshalb gibt es wohl heute Abend Kartoffelpuffer mit Apfelbrei. Lukas mag das und sicher mag das sein Freund auch.

Wir haben Glück, die Wespen sind anderweitig beschäftigt und wir können in aller Ruhe Slalom um die Apfelbäume fahren und das macht so großen Spaß, dass die Kinder vor Freude juchzen. Ja, ja, sogar der große Lukas, der mittlerweile zwölf Jahr alt ist, hat Spaß wie früher, als er selbst noch bei Opa Josef mitfuhr.

Später fährt mich Lukas in die Scheune zurück, dort werden Violettas Kinder herzlich begrüßt und geknuddelt. „Ach, sind die süß!“, findet auch Henning und Violetta ist mächtig stolz auf ihre Kinder und ich auch, denn schließlich bin ich bei ihrer Geburt dabei gewesen, also fast so vertraut wie ein Vater, wo auch immer der sein wird. Gesehen habe ich ihn jedenfalls bei uns noch nicht. Aber das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte.

© Regina Meier zu Verl

3 Kommentare zu „Vom kleinen Trecker, der so gern gebraucht werden wollte (7)

  1. Herrlich, diese „Trecker“-Geschichten! Sie erinnern mich an meine ersten 6 Lebensjahre
    auf einem Bauernhof. Landwirt Heinrich bekommt Seinen ersten Trecker. Einen Normag.
    In respektvollem Abstand durften wir bei der Präsentation dabei sein. Nostalgie pur.
    Christoph

    Gefällt 1 Person

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