Bente und die Insel

Die nachfolgende Geschichte ist ein wenig länger. Du kannst sie dir aber vorlesen lassen, wenn du magst. Viel Spaß beim Anhören oder Lesen!

Bente und die Insel

Es war einer dieser Sonnentage, die sich beinahe wie Frühling anfühlten. Die Kraniche waren schon vor ein paar Tagen zurückgekommen, ein sicheres Zeichen dafür, dass es nun nicht mehr lange dauern würde, bis wir wieder ohne Jacke und Mütze nach draußen gehen könnten. Darauf freute ich mich schon sehr.
Die Kühe vom Nachbarn waren bereits auf der Weide, die an unseren Garten grenzte. Eine von ihnen, Bente, stand allein am Zaun. Immer schon hatte sie sich von den anderen abgesondert. Ich wusste das so genau, weil ich Bente gut kannte, besser gesagt „erkannte“, denn sie hatte auf dem linken hinteren Batzen einen weißen Fleck, der aussah wie die Insel Sylt, ansonsten war sie beinahe überall schwarz.

„Mama, ich schaue mal eben nach Bente, sie sieht so traurig aus!“, rief ich meiner Mutter zu, die mit einer Tasse Kaffee auf der Terrasse saß. Sie hatte die Augen geschlossen und hielt ihr Gesicht in die Sonne.
„Okay, Lio, aber fass nicht an den Draht, da ist Strom drin!“, sagte sie noch, da war ich bereits unterwegs. Sie sagte das immer und ich wusste es längst.
Kurz bevor ich bei Bente ankam, ließ sich eine dicke Taube zu ihr auf den Zaun plumpsen. Ich wollte ihr gerade noch zurufen „Pass auf, da ist Strom drin“, da saß sie schon. So schlimm konnte das also gar nicht sein mit dem Strom. Ich näherte mich den beiden und hörte gerade noch, dass Bente sagte: „Ich bin enttäuscht von dir!“
Hä? Bente konnte reden? Unglaublich. Ich blieb stehen und wünschte mir, dass die beiden sich weiter unterhielten. Doch sie hatten mich bereits bemerkt. Als ich noch näherkam, drehte mir die Taube das Hinterteil zu und kackte. Noch deutlicher konnte sie mir nicht zu verstehen geben, was sie von mir hielt.
„Was ist denn hier los? Und warum bist du enttäuscht?“, fragte ich und hoffte auf eine Antwort. Bente neigte den Kopf zur Weide hinunter, riss ein Büschel Gras ab und fing an zu kauen, ausgiebig. Sie wollte wohl nicht mit mir reden. Die Taube kackte ein zweites Mal, hob sich dann in die Luft und flog davon.
„Die Taube ist doof!“, sagte ich, um Bente herauszufordern. Schließlich hatte sie gesagt, dass sie von ihr enttäuscht sei.
„Stimmt!“, sagte Bente mit vollem Maul und setzte sich damit über ihre guten Manieren hinweg. Es hatte also funktioniert, ich war begeistert.
„Dann kannst du mir ja jetzt sagen, um was es ging, oder?“
Bente schwieg und als sie mir ihr Hinterteil zukehrte, befürchtete ich das Schlimmste und trat schnell einen Schritt zurück. Sie machte aber nichts weiter, also fragte ich noch einmal nach:
„Kann ich was für dich tun?“
Langsam, wie in Zeitlupe, wendete die Kuh sich mir wieder zu.
„Ja, das könntest du!“, sagte sie. „Ich brauche jemanden, der einen Brief für mich versendet. Die Taube ist dazu nicht in der Lage, obwohl sie doch eine Brieftaube ist. Man stelle sich das vor!“
Ich kicherte. Mit Brieftauben kannte ich mich aus. Mein Onkel Werner hatte auch welche und jeden Sonntag saß er auf seiner Taubenbühne und wartete, dass seine Brieftauben nach Hause kamen, die man irgendwo in Deutschland ausgesetzt hatte.
„Brieftauben können nicht einfach zu einem fremden Ziel fliegen, man kann sie irgendwo hinbringen und dann finden sie den Weg wieder nach Hause. Das ist genial, finde ich!“
„So, so!“, sagte Bente und kaute weiter. „Das wusste ich nicht!“
„Wem möchtest du denn einen Brief schicken?“, hakte ich nach.
„Guck mal meine linke Hüfte an, was siehst du da?“, ordnete Bente an.
„Ich habe dir oft genug gesagt, dass der weiße Fleck aussieht wie die Insel Sylt, meine Liebe, hast du das vergessen?“ Ich war etwas beleidigt, denn Bente und ich waren doch eigentlich Freunde, hatte sie mir denn gar nicht zugehört, wenn ich ihr etwas erzählt hatte?
„Entschuldige, ich bin etwas durcheinander!“, sagte Bente mit einem gewinnenden Augenaufschlag, den nur eine hübsche Kuh zustande bringen konnte.
„Schon gut, aber was hat der Brief damit zu tun?“, wollte ich wissen. „Und noch was: kannst du denn überhaupt schreiben?“
„Das kann ich natürlich nicht, aber ich kann diktieren. Ich hatte gedacht, dass du das Schreiben für mich übernehmen könntest. Du bist doch mein Freund, oder?“ Wieder klimperte Bente mit den Wimpern, was mir ein Grinsen entlockte.
„Nicht blöd grinsen, antworten!“, befahl Bente.
„Okay, aber ich muss zuerst Papier und einen Stift holen. Warte hier!“, sagte ich.
„Selbstverständlich, ich kann ja nirgends hin!“, jammerte Bente und das stimmte ja auch, ich lief also los, an Mama vorbei, die noch immer auf der Terrasse saß. Ich holte ich einen Block und mein Etui aus meinem Tornister.
„Was hast du vor?“, fragte Mama und öffnete kurz ein Auge.
„Ich möchte Bente zeichnen!“, schwindelte ich, denn Mama hätte mir niemals geglaubt, dass die Kuh mir einen Brief diktieren wollte.
„Viel Spaß!“, sagte Mama noch und schloss das Auge wieder.
Bente hatte sich nicht vom Fleck gerührt, als ich zurückkam. Ich setzte mich im Schneidersitz ins Gras, nahm einen Bleistift, schlug meinen Malblock auf und wartete. „Dann mal los!“, forderte ich Bente auf. „Zuerst die Adresse!“
„An den König von Sylt!“, diktierte Bente.
„Bist du sicher, dass die da einen König haben, ich glaube in Deutschland gibt es keine Könige mehr“, wandte ich ein. Jedenfalls wäre es mir neu gewesen.
„Aber“, sagte Bente. „Aber Sylt ist doch gar nicht Deutschland, Sylt ist Eiland und auf Eiland gibt es bestimmt einen König!“
„Na gut, ich werde Mama bitten, das für mich im Internet nachzulesen. Machen wir erstmal weiter!“
Bente diktierte weiter: „Lieber Herr König, mein Name ist Bente und ich bin eine Kuh, die nach Eiland gehört, weil ich den Umriss von Sylt auf meinem linken Batzen habe.“
„Halt!“, rief ich, „nicht so schnell, du diktierst ja wie ein D-Zug, apropos Zug – wie willst du denn da hinkommen, nach Sylt?“
„Wie soll ich das denn wissen, darum muss sich der König kümmern, wenn er mich haben will!“, meinte Bente. „Und jetzt bin ich ziemlich müde, lass uns morgen weiterschreiben!“, schlug sie vor. Ich vermute, dass ihr das alles gerade etwas zu viel wurde, meine Fragen brachten sie vielleicht auch durcheinander und ich ärgerte mich, dass ich sie nicht einfach hatte reden lassen.
„Ist gut, Bente, machen wir morgen weiter. In der Zeit finde ich mal raus, ob es auf Sylt einen König gibt und ob das noch Deutschland oder schon Eiland ist, wobei … Eiland, da brauchen sie dann wohl eher Hühner als Kühe mit Sylt-Tattoos, oder?“
„Tschüss!“, sagte Bente noch, dann drehte sie mir den Rücken zu und trottete davon.

Zu Hause fand ich heraus, dass Sylt zu Deutschland gehört und Eiland einfach nur die Bezeichnung für eine Insel ist. Einen König gibt es dort nicht, aber einen Bürgermeister, der für die gesamte Insel zuständig ist. Vorsichtshalber hatte ich mir auch gleich die Adresse des Rathauses aufgeschrieben. Mit diesem Wissen und meinem Block und Stift ging ich dann am nächsten Tag wieder zur Weide und besuchte Bente.
„Ich wüsste ja wirklich gern, warum du nach Sylt möchtest. Willst du mir das nicht zuerst mal erzählen?“, fragte ich Bente gleich als erstes.
„Das ist so“, sagte sie. „Neulich war hier ein Löwe, der setzte sich zu mir auf den Zaun und erzählte, dass die da auf Sylt immer schöne Kühe als Modell suchen. Der Löwe sagte auch, dass er die Insel besonders gut kenne, weil er ja schon oft drüber weggeflogen ist und sie sähe aus der Luft genauso aus wie mein Fleck auf dem Batzen.“, erklärte mir Bente und ich musste mir das Lachen verkneifen.
„Löwen sind gefährlich und sie können auf keinen Fall fliegen!“, sagte ich.
„Nee, gefährlich war der nicht und dass er fliegen konnte, das habe ich ja mit eigenen Augen gesehen!“
„Dann war das wohl eine Möwe, meine liebe Bente!“, meinte ich und musste nun doch lachen.
„Musst du gar nicht so blöd lachen, ich kann ja nicht alles wissen, oder?“, fragte Bente beleidigt.
„Nein, das kannst du nicht. Ich weiß auch nicht alles, aber erzähl weiter. Die Möwe hat dir also erzählt, dass du dich bewerben sollst, als Kuhmodell sozusagen.“
„Ja, genau. Findest du nicht, dass ich ein wirklich tolles Modell bin?“ Bente klimperte erneut mit den Wimpern und ich dachte mir, bei Kuhmädchen ist das gar nicht so viel anders als bei Menschenmädchen, wenn ich da so an meine große Schwester dachte. Wenn die was unbedingt wollte, umgarnte sie Papa und meist funktionierte das dann auch – zurück zum Brief.
Wir schrieben also, dass Bente sich wünschte, auf die Insel zu kommen und gern an den Wettbewerben teilnähme. Ich adressierte den Brief, gab als Absender die Adresse vom Nachbarn an (Bente hatte ja keine eigene Adresse) und trug ihn noch am gleichen Tag zur Post. Natürlich spuckte ich dreimal drauf „Toi, Toi, Toi!“.
Dann begann das Warten.
Das schöne Vorfrühlingswetter wurde durch einige Regentage unterbrochen und ich verbrachte die meiste Zeit zu Hause in meinem Zimmer. Die Kühe des Nachbarn waren immer mal kurz draußen zu sehen, aber da sie einen Offenstall hatten, verzogen sie sich auch gern wieder ins Trockene. Dann kam das Wochenende und pünktlich mit dem Sonntag kam auch die Sonne zurück. Am Montag konnten Mama und ich sogar auf der Terrasse frühstücken und als Mama ihre Tageszeitung aufschlug, machte ich schnell einen Abstecher zur Kuhweide, um wenigstens mal kurz mit Bente zu reden, aber die war nicht da. Das kam mir seltsam vor, sie war doch wohl nicht nach Sylt gereist? Das konnte ich mir nicht vorstellen. Sie hätte doch zumindest „Tschüss“ gesagt, oder nicht? Ein wenig bedröppelt ging ich nach Hause. Mama war mittlerweile ins Haus gegangen.

Jeden Tag ging ich zur Weide und suchte nach Bente, doch ich fand sie nicht. Nun hätte ich ja zum Bauern gehen können, um einfach mal nachzufragen, aber das traute ich mich nicht. Vielleicht wäre der sogar sauer auf mich, weil ich einfach diesen Brief geschrieben hatte und nun war seine Bente weg, möglicherweise war sie auch einfach weggelaufen und das war dann meine Schuld. Ich hätte ihr das ausreden sollen. Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr Bauchschmerzen bekam ich.

Glücklicherweise klärte sich die Angelegenheit bereits am nächsten Tag. Ich ging wieder zur Weide und sah schon von weitem, dass da eine Möwe und eine dicke Taube auf dem Zaun saßen. Vorsichtig näherte ich mich und konnte die beiden belauschen.
„Irgendwie müssen wir dem Jungen die Nachricht überbringen, aber wie?“, fragte die Möwe.
„Ich weiß, wo er wohnt. Wir brauchen also nur noch jemanden, der uns einen Brief schreibt, damit er erfährt, dass Bente nun auf Sylt ist!“, antwortete die Taube.
„Ihr könnt es mir auch einfach sagen, ich stehe hier nämlich direkt hinter euch!“, sagte ich und ein dicker Stein fiel mir vom Herzen.
Erschreckt flog die Möwe davon und die Taube drehte sich um und kackte. Und ich? Ich lachte, bis ich nicht mehr konnte und dann ging ich nach Hause und schrieb einen Brief an Bente, die Adresse vom Bürgermeister hatte ich ja noch.

© Regina Meier zu Verl

Photo by Matthias Zomer on Pexels.com

4 Kommentare zu “Bente und die Insel

  1. Eine Geschichte die nur auf dem Lande möglich ist. Sehr schön.
    Eine „kackende“ Taube. Die Kuh Bente, die auf Sylt weilt um Modell stehen
    zu können – und Lio, der einen Brief an den Bürgermeister von Sylt schreibt um Bente in das rechte Licht zu rücken und ihr damit die Daumen drückt. Herrlich!
    Christoph

    Gefällt 1 Person

  2. eine schöne Geschichte! Noch mehr hat mich aber fasziniert, dass Du diese und andere Geschichten
    auch sprichst. Da habe ich gleich an unsere Senioren gedacht und werde demnächst mal unserem Bloggerteam vorschlagen, den einen oder anderen Beitrag zu vertonen. Dein Blog gefällt mir. Er ist sehr abwechslungsreich und ich bin baff, was du so alles schon geschrieben und gedichtet hast. Herzliche Grüße aus Hamburg, Beate

    Gefällt 1 Person

    • Vielen Dank, liebe Beate, ich freue mich sehr über die lieben Worte. Ich verfolge euer Blog ja auch und lese dort sehr gern mit! Das Vertonen der Beiträge macht sehr viel Spaß und bietet dem Leser teilweise auch einen Mehrwert, sich in Ruhe und entspannt gerade längere Texte anzuhören!
      Herzliche Grüße
      Regina (ich bin in Kontakt mit Boike Jacobs, die einen Beitrag von mir bereits bei euch gezeigt hat)

      Gefällt 1 Person

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