Wie die schöne Lali auf den Baum kam

Der Tulpenbaum
„Ich bin die schöne Lali, die allerschönste Lali der ganzen Welt“, klang es nun schon den ganzen Tag im Garten.
“Das ist ja nicht auszuhalten, ich werde noch verrückt!“, schnatterte Günter, der prächtige Gänserich und presste die Flügel auf seine Ohren. Dabei hätte er beinahe das Gleichgewicht verloren und kam gefährlich ins Wanken.
Das wiederum löste im Hühnerhof einen Heiterkeitsanfall aus, alle siebenundzwanzig Hühner gackerten und lachten so laut, dass die Bäuerin verwundert aus der Küchentür schaute.
“Verrückte Hühner!“, schimpfte sie und verschwand dann kopfschüttelnd wieder im Haus.
Als die Hennen sich wieder beruhigt hatten und Günter beleidigt in den Gänsestall gewatschelt war, ging es wieder los.
“Ich bin die schöne Lali, die allerschönste Lali der ganzen Welt.“ Der Gesang kam aus dem Blumenbeet und war wirklich sehr nervig. Selbst die Bienen hatten sich schon verzogen und einen anderen Garten aufgesucht. So eine eingebildete Blume hatten sie noch nicht erlebt, dabei war sie eine ganz gewöhnliche Tulpe, ganz nett anzusehen, aber von allerschönste konnte gar keine Rede sein. Der Nektar der anderen schmeckte ebenso gut und im Garten standen so viele Blumen, die genauso schön waren und nicht so einen Lobgesang auf sich hielten.
„Eigenlob stinkt“, grunzte Rosa, die Sau und wälzte sich im Schlamm.
„Ich kann diese blöden Tulpen nicht leiden, am liebsten würde ich ihnen den Kopf abbeißen“, dachte sie, wagte aber nicht das laut auszusprechen. Ihre Kinder waren in der Nähe und denen hatte sie beigebracht, dass alles Leben auf der Welt seine Berechtigung hat und ein Schwein genauso viel wert sei wie der blöde Traber drüben im Stall. Außerdem schmeckten die Tulpen auch gar nicht. Rosa wusste es genau.
“Ich bin die schöne Lali!“
“Nein, nicht schon wieder. Kannst du eingebildetes Frauenzimmer nicht endlich still sein?“ Siggi der Hofhund hob bedrohlich das linke Hinterbein.
„Nicht treten, ich bin eine türkische Schönheitskönigin und ich will da oben auf den Baum, vorher werde ich nicht mit dem Singen aufhören.“ Sie sang unerschrocken weiter:
„Ich bin die schöne Lali!“
„Gnädige Dummheit, äh Schönheit, meinte ich. Wer sagt denn so einen Blödsinn, türkische Schönheitskönigin?“, Siggi kratzte sich hinter dem Ohr, ihn hatte schon wieder eine Zecke erwischt und er war schlechter Laune.
„Mit Ihrer Bildung steht es wohl nicht besonders gut. Die Tulpe kommt aus der Türkei und dort heißt sie Lali und wir sind edle und teure Blumen. Jedenfalls waren das meine Vorfahren. Heutzutage ist ja alles ein wenig anders geworden. Aber ich bin mir meiner Vorfahren durchaus bewusst und ich will da oben auf den Baum, zu den anderen Tulpen und vorher…“…
„Ich weiß schon, vorher wirst du nicht aufhören mit dem elenden Geheule.“
Siggi wollte eigentlich nur seine Ruhe haben und die Zecke, die wollte er auch loswerden. Doch zuerst einmal musste er sich überlegen, wie endlich wieder Ruhe im Garten einkehren könnte. Sie wollte also zu den anderen Tulpen, dort oben auf dem Baum. Wie sollte er sie da hinschaffen, schließlich war er ein Hund und konnte da nicht hoch.
„Die Katze, ich hab‘s, ich werde die Katze mal um Rat fragen, für sie wäre es doch ein leichtes, dieses Blumenmodell auf den Baum zu befördern.“ Suchend schaute er sich um und entdeckte die Katze im Schaukelstuhl auf der Veranda. Vorsichtig pirschte er sich an die Schlafende heran die, kaum dass er die Veranda betreten hatte, mit einem Satz aus dem Stuhl sprang und einen Buckel machte.
„Frau Katze, ich komme in friedlicher Absicht. Ihr Rat ist gefragt, Sie sind doch die Klügste hier, oder irre ich mich?“ Die Graugetigerte schnurrte und leckte sich die Pfötchen.
„Meinen Sie?“, fragte sie mit samtweicher Stimme.
“Das weiß doch jeder hier“, schmeichelte Siggi und dann trug er ihr sein Anliegen vor.
„Die Tulpe will auf den Baum, zu den anderen Tulpen. Sie sagt, sie sei eine Lali und meint auch noch, die Schönste von allen zu sein. Was meinen Sie, können wir sie auf den Baum befördern?“
Die Katze strich sich über die Barthaare.
“Welche Tulpen auf welchem Baum meinen Sie denn nur?“
„Na, der Baum da hinten, mit den vielen Blüten drauf. Der, unter dem die Bäuerin jeden Abend steht und seufzt: ‚Ach, wie schön du in diesem Jahr wieder bist.‘ Ich kann es bald nicht mehr hören.“
Die Katzendame begann zu kichern, zu maunzen und dann lachte sie laut auf.
„Du meinst die Magnolie, das darf ja nicht wahr sein. Die Tulpe meint sie gehörte auf den Magnolienbaum, da kann man doch mal wieder sehen, wie dumm diese Zwiebelgewächse sind. Aber wenn es ihr Wunsch ist, dann kann ihr geholfen werden.“
„Frau Katze, es geht nicht nur um den Wunsch, es geht auch um meinen Seelenfrieden, mich beißt eine Zecke hinterm Ohr und dazu muss ich mir noch den ganzen Tag das Gesinge von Fräulein Lali, der Schönsten anhören. Bitte helfen Sie mir, diesen Zustand zu beenden. Ich werde Sie auch nicht mehr durch den Garten jagen, ich verspreche es.“
„Wer jagt denn wohl wen“, dachte die Katze, ließ sich aber nichts anmerken. Gemeinsam suchten sie das Tulpenbeet auf.
„Ich bin die schöne Lali …“…
„Ruhe hier, wir bringen dich jetzt auf den Baum und dann ist Ruhe, verstanden? Sonst landest du auf dem Komposthaufen, verstanden?“, drohte Siggi und dann packte er die Tulpe vorsichtig und zupfte und zog, bis sie mitsamt der Zwiebel aus dem Erdreich entfernt war. Dann nahm sich die Katze ihrer an und kletterte behände auf den Magnolienbaum, wo sie die eingebildete Blume geschickt auf einem Zweig so drapierte, dass es aussah, als gehöre sie dorthin.
Im Garten kehrte Ruhe ein. Die Tulpe war glücklich und erschöpft und schlief zwischen ihren vermeintlichen Schwestern auch gleich ein. Die Katze legte sich wieder in den Schaukelstuhl und lächelte vor sich hin. Siggi schaute in der Küche, ob sich jemand finden würde, der die lästige Zecke entfernen könnte.
Die Hühner saßen auf ihren Stangen und genossen die Ruhe, ja selbst Rosa wälzte sich nicht mehr im Schlamm, sie ließ ihre kleinen Ferkel saugen und irgendwann schlief sie mit einem wohligen Gefühl ein. Und dass da jemand sang: „Ich bin auch eine Lali“, das muss sie wohl geträumt haben.

© Regina Meier zu Verl

Lies hier die Geschichte vom eher bescheidenen Buschwindröschen, das ungefähr zur gleich Zeit blüht wie die Tulpe:

Mein Buschwindröschen

Hier auch als Hörbuch

Magnolie mit Häschen Bild © Regina Meier zu Verl

11 Kommentare zu „Wie die schöne Lali auf den Baum kam

  1. Ich bin die schöne Lali, tirilotiirila…
    Du hast ja Ideen, liebe Regina. Wie schön und liebenswert ist Dir die Geschichte von der eingebildeten Tulpendame gelungen.

    Ich kannte ja schon:
    Ich bin die fesche Lola, der Liebling der Saison…

    aber die Lali – die kannte ich noch nicht – konnte ich auch nicht kennen, hast Du ja erst erfunden. *lächel*
    Liebe Grüße von Bruni

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    1. Schmunzel, liebe Bruni,
      die Lola, die kenne ich auch!
      Die Lali hab ich gar nicht erfunden, sie ist wirklich eine türkische Tulpe und genauso hat sie gezetert, als sie unbedingt auf den Baum wollte. Kannst ja den Günter mal fragen, der wird das bestätigen.

      Herzliche Grüße und danke für’s Lesen
      Regina

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  2. Was für eine schöne Geschichte zum schmunzeln und genießen. Sah alles vor mir die genervten Hühner, die Bäuerin die sich wundert, Rosa das Schwein und natürlich Siggi und die Katze. Du hast so schöne Einfälle. Hatte jetzt einige Tage keine Zeit zum lesen, aber jetzt schnell vorbeigeschaut und gleich so belohnt worden.Liebe Grüße Lore

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  3. Guten Morgen,
    ich kann mich nur den bisherigen Kommentaren anschließen. Eine herrliche Geschichte,
    wunderbar erzählt. Man fühlt sich sofort dabei und eingebunden zu sein.
    Ja, es ist schon eigenartig, diese Eitelkeiten. Wünschen wir Lali Glück auf der Magnolie.
    „Siggi“ und „Frau „Katze“ sei Dank! Wünschen wir Siggi, dass er von seinem ungebetenen Gast der „Zecke“, bald erlöst wird.
    Christoph

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