Herrenduft

Diese Geschichte ist das Ergebnis einer Reizwortaufgabe, die ich in meinem anderen Blog bereits vorgestellt hatte. Jetzt ist sie nach hier umgezogen, also: falls sie einem von Euch bekannt vorkommt, kann das sein.

Herrenduft

Tosender Beifall setzte ein, als sich der Vorhang nach dem Schlussakkord senkte. Das junge Ensemble hatte sein Bestes gegeben. Der neue Dirigent war eine spürbare Bereicherung und somit die Trennung vom alten Dirigenten eine weise Entscheidung. Ein derartiges Ereignis wurde von der ganzen Dorfgemeinschaft wahrgenommen. Vermutlich waren alle Einwohner der Gemeinde anwesend. Atemlos hatten sie der Aufführung gelauscht. Jetzt brachen wahre Begeisterungsstürme los.
Der Dicke in der Reihe vor mir verausgabte sich dermaßen, dass ihm Schweiß von der Stirn perlte und sich den Weg über die geröteten Wangen suchte, um von dort aus auf seine Schultern zu tropfen. Dieser wohlbeleibte Herr musste es auch sein, der diesen penetranten Geruch von „Russisch Leder“ ausströmte. Bei mir verursachte das einen heftigen Würgereiz. Der Mann war erst nach der Pause gekommen. Die Höhepunkte der Veranstaltung hatte er bereits verpasst. Das hinderte ihn aber nicht daran, seine wurstigen Finger immer wieder zum Mund zu führen und kurze grelle Pfiffe auszustoßen. Widerlich!
„Ist der nicht eklig?“, raunte mir Anja zu. Zustimmend nickte ich und verdrehte die Augen.
„Stimmt, mir ist schon ganz schlecht!“
Anja erhob sich und zog mich am Arm.
„Komm, lass uns gehen!“
Als ich aufstand, erhoben sich wie auf Befehl auch die Leute um uns herum. Sie klatschten im Takt und riefen nach einer Zugabe. Binnen Sekunden standen alle Besucher im Saal. Unmöglich war es, jetzt hinauszugehen. Wir ergaben uns also in unser Schicksal, und ob wir es wollten oder nicht, wir klatschen im Takt der brüllenden Menge.
Einige Mädchen des örtlichen Kinderchores stellten sich vor der Bühne auf. Sie sollten den Darstellern Blumensträuße überreichen. Ungeduldig warteten sie auf ihren großen Einsatz. Nichts passierte, der Vorhang blieb geschlossen. Was war da los?
Der Beifall verebbte, für einen Moment war es still im Theater. Dann wurden unmutige Stimmen laut.
„Was soll das?“
„Die sind sich wohl zu fein, noch einmal auf die Bühne zu kommen!“
„Buh!“
Die Stimmung schlug völlig um. Waren eben noch alle wohlgemut und angetan von der Veranstaltung, schaute man nun in wütende Gesichter und arrogant verzogene Mienen. Auch in mir kroch der Ärger hoch wie eine giftige Schlange.
Der Intendant trat vor den roten Samtvorhang. Er hüstelte und formte mit den Händen einen Trichter wie ein Megafon, um sich Gehör zu verschaffen. Nur langsam kam die Menge zur Ruhe.
„Bitte, meine Damen und Herren! Bewahren Sie Ruhe, ich … ich verstehe Ihren Unmut, aber es gab leider einen Zwischenfall, der unseren Künstlern sehr zusetzt. Haben Sie bitte Verständnis, ich kann das nicht erklären, wir wissen selbst nicht …“
Betroffenes Gemurmel, fragende Gesichter. Alle setzten sich wieder und warteten. Der Dicke vor mir war blass geworden, er atmete schwer und schaute sich immer wieder nach allen Seiten um.
Anja boxte mir in die Seite.
„Sag du doch mal was!“
Was sollte ich sagen, wusste ja auch nicht, um was es ging. Ich zuckte die Achseln. Vermutlich war jemand hinter der Bühne ohnmächtig geworden oder es hatte jemand einen Herzinfarkt bekommen. Spekulationen waren überflüssig, wir würden es schon noch erfahren.
„Meine Damen und Herren, bitte verlassen Sie das Theater. Wir wünschen eine gute Nacht und einen guten Heimweg!“ Der Intendant wirkte hilflos, allein dort oben auf der Bühne. Die Besucher erhoben sich wieder von den Plätzen und strömten heftig lamentierend dem Ausgang zu. Im Foyer versammelten sich kleine Grüppchen, um das Geschehene zu diskutieren.
Ich wollte die Mäntel holen und ärgerte mich darüber, dass ich der Garderobenfrau anfangs ein so hohes Trinkgeld gegeben hatte. Jetzt war nämlich niemand da, der die Sachen aushändigen konnte und ich suchte im Gewühl der Mäntel und Jacken nach den unsrigen. So ein Gewusel, ich hatte Mühe, die richtigen Mäntel zu finden.
„Bloß weg hier!“ Ich schob Anja in Richtung Ausgang. Sie wehrte sich noch ein bisschen, hatte Angst etwas zu verpassen. „Wir werden früh genug erfahren, was hier los war. Spätesten morgen in der Zeitung werden wir was drüber lesen können.“ Anja hakte sich bei mir ein.
„Du hast Recht.“
Wir verließen das alte Gebäude, Regen platschte uns ins Gesicht. Ein Sturm war aufgezogen. Ich zog meinen Mantelkragen hoch und bedauerte, dass wir keinen Schirm bei uns hatten. Außerdem sehnte ich mich nach meinem Sofa und einem Glas Wein.
Anja wühlte in ihrer Handtasche und zauberte einen Miniknirps hervor. Überschwänglich küsste ich sie und versicherte ihr:
„Du bist die klügste und weitsichtigste Ehefrau der Welt!“ Anja strahlte wie ein kleines Kind, das soeben einen Lutscher geschenkt bekommen hatte.
Eng umschlungen trotzten wir dem Regen und gingen nach Hause. Wir stellten noch allerlei Vermutungen an, was denn nun eigentlich im Theater passiert sein könnte und wir beruhigten uns mit der vorläufigen Erklärung, dass es sicher nichts war, bei dem wir hätten helfen können.
Die Woche war schon anstrengend gewesen, der Sonntagabend war eigentlich zur Entspannung gedacht. Mich hielt aber das Ereignis noch lange wach und ich konnte keinen Schlaf finden.

Am nächsten Morgen

Ich hatte bereits Kaffee gekocht, als Anja verschlafen in die Küche schaute.
„Mensch, bin ich gerädert. Da denkt man, es wird ein schöner Konzertabend und dann so was. Ich habe kein Auge zugetan!“
„Dafür, dass du nicht geschlafen hast, hast du aber ziemlich heftig geschnarcht, meine Liebe!“, frotzelte ich.
„Ich werde mal das Radio anschalten, vielleicht muntert mich ja die Musik ein wenig auf.“ Anja tat, als habe sie nicht gehört, was ich gesagt hatte. Sie suchte den Lokalsender.
„Sicher kommen gleich die Nachrichten, vielleicht erfahren wir ja, was gestern los war.“
Mit dem Zeitzeichen der vollen Stunde vernahmen wir die Stimme des Nachrichtensprechers.
Im Theater von Isinghausen machte man gestern nach der Aufführung der Oper Carmen eine grausige Entdeckung. Eine der Garderobenfrauen wurde ermordet in einer Abstellkammer aufgefunden. Ihre Kolleginnen hatten sie erst kurz vor Ende der Oper vermisst. Vom Täter fehlt bisher jede Spur. Da man versäumte, die Theaterbesucher festzuhalten, werden diese gebeten, sich heute in der Zeit zwischen 10.00 und 11.00 Uhr im Theater einzufinden. In der Kammer, in der man die Getötete fand, habe es auffällig nach dem Herrenduft „Russisch Leder“ gerochen …

© Regina Meier zu Verl

Photo by Monica Silvestre on Pexels.com

Ein Kommentar zu “Herrenduft

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