Notlüge erlaubt?

Notlüge erlaubt?

Die Weihnachtsdekoration war wieder in Kisten verstaut und wartete nun im Kellerregal auf den nächsten Einsatz. Auf der Terrasse stand der Weihnachtsbaum. Statt mit Kugeln und Kerzen war er mit Meisen-Knödeln geschmückt. Auf diese Weise erfüllte er noch einen guten Zweck und es war nett anzuschauen, wenn er von den vielen Gartenvögeln bevölkert wurde. Meisen, Spatzen und Rotkehlchen hielten sich hier ein Stelldichein.
Vor ein paar Tagen hatte das neue Jahr begonnen. Was es wohl bringen würde? Nun Elli war ein Mensch, der positiv in die Zukunft schaute. Auch wenn das vergangene Jahr alles andere als rosig gewesen war, es konnte doch nur besser werden. Oder?
Das fand auch ihre Freundin Rita, mit der Elli beinahe jeden Tag telefonierte. Wie gut, dass es diese Form der Unterhaltung gab. Früher war sie kein großer Freund vom Telefonieren gewesen, aber jetzt hatte sich das zwangsläufig geändert.
Ein Virus hielt die Welt in Atem. Es hatte persönliche Begegnungen stark eingeschränkt. Da war es doch wunderbar, dass es das Telefon gab. Rita und Elli quatschten oft stundenlang. Sie plauderten über dies und das und natürlich über ihr Lieblingsthema: Bücher. Beide waren Leseratten und tauschten sich gern über die gelesenen Bücher aus. Jetzt, in der Corona-Zeit waren sie auf die Idee gekommen, Bücher ‚gemeinsam‘ zu lesen. Es durften jeden Tag nur 25 Seiten sein, damit keine die andere überholte.
Elli freute sich schon auf den nächsten Tag, wenn sie sich über die zuletzt gelesenen 25 Seiten austauschen konnten. Pünktlich um 16 Uhr würde Rita anrufen. Da sie beide im Homeoffice arbeiteten, trafen sie sich telefonisch nach Feierabend. Not machte eben erfinderisch, Natürlich wäre es schöner, wenn sie sich mit einer Tasse Kaffee gegenübersitzen könnten. Aber beide gehörten sie nicht zu denen, die jammerten oder klagten. Man musste eben das Beste aus allem machen.
„Sag mal, bist du auch so wütend darüber, dass der Fred seiner Frau nichts davon erzählt hat, dass er sich um eine neue Stelle beworben hat?“, fragte Rita, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass es Elli gut ging.
„Ja, das ist doch wohl unmöglich, oder? Schlimmer noch ist, dass diese Arbeitsstelle mehr als 200 Kilometer weit weg ist. Was stellt er sich denn vor, wie es mit seiner Frau weitergehen soll? Soll sie etwa die ganze Woche auf ihn warten und er kommt nur am Wochenende zurück?“, antwortete Elli.
„Ich verstehe es auch nicht. Es ist doch doof von ihm, will er sie etwa vor vollendete Tatsachen stellen?“ Auch Rita ist empört. „Vielleicht hat er ja auch vor, sie zu verlassen, könnte doch sein. Jedenfalls klingt das alles sehr geheimnisvoll.“
Elli seufzte enttäuscht. „Dabei habe ich sie für ein so glückliches Paar gehalten.“ Eine Weile waren beide still am Telefon, dann lachte Elli auf. „Morgen wissen wir sicher mehr, wenn wir die nächsten 25 Seiten gelesen haben.“
Rita schwieg. „Rita?“, fragte Elli verdutzt. „Bist du noch da?“
„Hmm, ja!“, sagte Rita leise. „Findest du nicht auch, dass es da Parallelen zu uns gibt?“, fragte sie.
„Wie? Zu uns?“, wollte Elli wissen, die nicht wusste, was Rita meinen könnte.
„Na, zu Rudi und mir. Wir haben doch auch eine Wochenendehe geführt. So richtig glücklich war ich damit nicht!“
„Das wusste ich nicht, du hast ja auch nie was gesagt.“
„Naja, damals kannten wir uns noch nicht so lange und ich wollte dich nicht mit meinen Sorgen belästigen. Jetzt ist er nicht mehr da und ich vermisse ihn auch sehr, trotzdem denke ich oft, dass es hätte besser laufen können.“, Rita seufzte.
„Ja und ich hoffe, dass es für Fred und Melanie in unserem Roman gut ausgeht,“ lachte Elli, die lieber vom Thema ablenken wollte. „Spätestens morgen werden wir es wissen, wenn wir das Buch zu Ende gelesen haben.“
„Stimmt! Aber sag mal Elli, du hast doch den Rudi auch gekannt. Traust du ihm zu, dass er neben mir eine Liebschaft gehabt haben soll? Sei bitte ehrlich!“
Elli erschrak und war froh, dass sie ihrer Freundin nicht gegenübersaß, denn diese hätte sofort bemerkt, dass sie log. Rudi hatte öfter versucht mit ihr zu flirten und ein Treffen auszumachen. Recht eindeutig hatte er sie wissen lassen, was er von ihr wollte und wenn er das bei der besten Freundin seiner Frau versuchte, dann würde er auch …
„Hallo Elli bist du noch da?“
„Ja, ich musste nur überlegen, denn so gut kannte ich deinen Mann ja auch nicht“, Elli war froh, dass ihre Stimme einigermaßen normal klang.
„Nein, ich denke nicht, dass er eine Liebschaft hatte. Du hast ihn doch geliebt, behalte ihn so in Erinnerung, wie du ihn kanntest. Mach dir nicht zu viele Gedanken, Rita!“
Sie hörte das Aufatmen ihrer Freundin und war froh zu dieser Notlüge gegriffen zu haben. Manchmal sind es die Worte, die nicht gesagt werden, die zur Heilung eines trauernden Menschen beitragen, dachte Elli. Ein kleines bisschen Bauchkneifen hatte sie aber dennoch. Hoffentlich war diese Corona-Zeit bald vorbei und sie durfte die Freundin wieder in den Arm nehmen. Das war sicherlich der bessere Trost.

© Regina Meier zu Verl

Schreiben oder Telefonieren, Kommunikationsmöglichkeiten in dieser Zeit, und die sollte man nutzen, oder?

3 Kommentare zu “Notlüge erlaubt?

  1. Ich denke, es war besser nichts zu sagen.
    Wahrheit tut sehr oft sehr weh!
    Ich persönlich musste erleben, dass mir Dinge genannt wurden, die mich bis heute sehr belasten. Nur die Person um die es geht, lebt nicht mehr. Es wird für mich keine
    Klärung geben.
    Jedoch die Person, welche mir die Nachricht überbracht hat, hätte besser geschwiegen.
    Christoph

    Gefällt 1 Person

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