Familie Maus feiert Weihnachten

Familie Maus feiert Weihnachten

Toni Maus hatte gut vorgesorgt. Viele Wintervorräte hatte er in die Familienhöhle geschleppt. Sogar an die Weihnachtsgeschenke für die Kinder hatte er gedacht.
Um diese aber vor den neugierigen Blicken seiner Kinder zu schützen, hatte er sie zu seinem Vetter Franz gebracht. Franz lebte allein in einer Kirche. Toni kümmerte sich ein wenig um ihn, denn viel zu fressen bekam der arme Kerl ja nicht. Wer isst schon in der Kirche? Ist das nicht sogar verboten? Nun ja, eigentlich ist es egal, die Hauptsache ist doch, dass der Franz nicht verhungert.
Im Gegenzug war Franz aber immer für ihn da, wenn ihn irgendwelche Sorgen plagten, oder es etwas zu besprechen gab, was man nur unter „Männern“ bereden konnte. Gerade in der letzten Woche hatte Toni Maus mal wieder auf den Rat seines Vetters gesetzt. Ihm fiel nämlich absolut nicht ein, was er seiner Gundula schenken sollte. Für seine Frau sollte es etwas ganz Besonderes sein, denn er liebte sie von Herzen.
Leider hatte auch Franz keine Idee. Wie sollte er auch, schließlich kannte er Gundula nicht so gut wie ihr Liebster. Toni runzelte die Stirn. Gundi liebte die leckeren Getreidekörner, aber wo sollte er die in dieser Jahreszeit auftreiben. Mutlos senkte er den Kopf, dann fiel ihm etwas ein. Sie liebte es sich zu schmücken. In der Speisekammer lag doch noch eine leere Ähre, daraus könnte er seiner Liebsten einen Halsschmuck basteln. Schnell huschte er in die Speisekammer, nahm den Strohhalm ins Mäulchen und sauste zu seinem Vetter.
„Was willst du denn damit?“, fragte Franz und schüttelte unwillig den Kopf.
„Mit Müll kann man gar nichts anfangen, also wirklich, ich kann doch nicht Stroh zu Gold spinnen, wie im Märchen“, schimpfte Franz, dann aber leuchteten plötzlich seine Augen auf.
„Warte, ich habe eine Idee!“, rief er und verschwand hinter seinem Vorratsschrank.
Gleich darauf kam er wieder, im Mäulchen eine Kette mit weißen Perlen. Er legte sie Toni vor die Füße.
„Was ist denn das?“
„Das ist ein Rosenkranz, habe ich in der Kirche unter einer Bank gefunden. Dieses Ding haben die Leute manchmal in der Hand, wenn sie beten. Vorne dran war noch ein Kreuz, das ist aber abgebrochen. Das wäre doch eine schöne Halskette für deine Frau.“
Toni legte den Kopf schief und betrachtete zweifelnd die Kette, deren Perlen in unregelmäßigen Abständen aufgezogen waren.
„Ist die nicht zu groß für den Hals meiner lieben Gundula?“
„Sie müsste mehrfach um ihren Hals gewickelt werden, dann geht das schon.“
Toni grinste, als er sich das vorstellte, so richtig überzeugt war er aber noch nicht.
„Du hast Recht, ich danke dir Franz.“ Franz antwortete nicht und schaute betrübt auf seine Füße.
„Was ist los?“, wollte Toni wissen.
„Da doch alle deine Geschenke für deine Familie schon bei mir sind, könnten wir doch Bescherung bei mir machen? Ich bin allein und wir könnten auch den schönen Liedern, die die Menschen in der Messe singen, lauschen.“
„Das ist eine gute Idee! Das machen wir, aber gerade kommt mir noch eine gute Idee!“
Die beiden tuschelten miteinander und sie kicherten vor Freude, wenn sie sich vorstellten, wie Gundula sich freuen würde über ihr Geschenk, das nun zu einem Geschenk für vier Mäuse werden sollte. Denn Toni hatte sich überlegt, dass doch all seine Mädchen, also Gundi und die drei Töchter, etwas davon haben sollten. Franz und er zählten die Perlen ab und nagten den Rosenkranz an den entsprechenden Stellen durch. Beim neuen Verknoten taten sie sich etwas schwer, aber schließlich gelang es.
So ging die Adventszeit langsam, aber sicher auf ihren Höhepunkt zu. Am Heiligabend versammelte sich die ganze Familie Maus in der Kirche bei Vetter Franz. Zuerst naschten sie von den Vorräten, die Toni zusammengetragen hatte, dann war Bescherung angesagt. Gundi hatte Tränen in den Augen, als sie die herrlichen Ketten sah, die sie und ihre Töchter auch gleich umlegen durften. Heute war ein besonderer Anlass, sich zu schmücken. Darin waren sich alle einig.
Dann huschten sie aus der Sakristei in die Kirche, in der mittlerweile schon einige Gottesdienstbesucher Platz genommen hatten. Franz und Familie Maus versteckten sich unter dem Altar, der mit einem blütenweißen Tuch abgedeckt war und wenn man sich auf den Bauch legte, dann konnte man gut ins Kirchenschiff blicken.
Die Glocken riefen die Gläubigen herbei und dann füllte sich die Kirche mehr und mehr. Die Orgel spielte leise, feierlich flackerten die unzähligen Kerzen und alle, Mäuse und Menschen, waren in einer ganz besonderen Stimmung.
Als der kleine Christian der Familie Baumann durch die Kirche krabbelte, gab es für unsere Mäuschen einen kurzen Schreckmoment. Der Kleine krabbelte nämlich direkt auf den Altar zu und entdeckte die Mäusefamilie, die vor Schreck erstarrte.
Als Christian dann rief: „Piep, piep, haben will!“, da huschten die Mäuse schnell in die Sakristei zurück. Dabei verlor Gundi ihre nagelneue Kette, die mit einem leisen ‚Pling‘ auf den Boden fiel.
Dort fand sie später der Pastor, der sie mit einem Lächeln in die Sakristei trug und auf den Tisch legte.
„Wenn sie nachher nicht mehr da ist, dann habe ich richtig gesehen!“, murmelte er und lächelte versonnen.
Als er dann zur Nachmittagsandacht zurückkam, war die Kette tatsächlich verschwunden. Ihr wisst ja, wo sie hingekommen ist, nicht wahr?

© Regina Meier zu Verl

2 Kommentare zu „Familie Maus feiert Weihnachten

  1. Liebe Regina,
    als ehemaliger ehrenamtlicher Küster von St. Bernward in unserer Stadt habe ich mich oft gewundert, wohin in der Gemeinde die vielen Rosenkränze gekommen sind.
    Nach dieser wunderbaren Geschichte ahne ich es, ich werde jedoch Franz und Toni und
    auch Gundula nicht verraten.

    Auch Ihnen wünsche ich eine schöne Adventszeit.

    Christoph

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Christoph,
      gut, dass Sie „dicht“halten, wäre doch schade, wenn Gundi ihre Kette wieder abgeben müsste. Außerdem ist sie in guten Händen, ich kenne Gundula, sie wird sie hegen und pflegen und sicherlich wird sie das ein- oder andere Gebet sprechen, sie hat ja heranwachsende Töchter, da ist das ab und an nötig!
      Herzliche Grüße und Ihnen einen wunderbaren ersten advent
      Regina

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