Paul und die bunten Steine

Paul und die bunten Steine

Hier auch zum Anhören KLICK

Paul stützte die Ellbogen auf die Fensterbank und legte sein Gesicht in die Hände. Eine gute Position zum Nachdenken. Ja, er musste darüber nachdenken, was bei ihm schieflief, denn es konnte doch nicht sein, dass ausgerechnet er noch nie einen dieser berühmten Steine gefunden hatte, obwohl er selbst schon etwa zwanzig lustig bunte Exemplare versteckt hatte.

Es gab da so eine Gruppe im Internet, in die schaute Papa jeden Abend für Paul hinein, um zu prüfen, ob jemand einen seiner Steine gefunden und geknipst hatte. Paul hatte sich so viel Mühe gegeben, diese Steine zu bemalen, große Steine, kleine Steine und mittlere waren dabei gewesen. Einige wurden mit Marienkäfern verziert, andere mit Pinguinen oder bunten Blümchen. Auf die großen Steine hatte Paul Sinnsprüche geschrieben, z. B. ‚Das Glück liegt auf der Straße, du musst es nur aufheben‘. Stundenlang hatte er sich damit beschäftigt und nach dem Bemalen alle Steine fein säuberlich lackiert, damit ihnen Regen oder gar Schnee nichts anhaben konnte. Er hatte nicht alle auf einmal in der Natur versteckt, sondern nur an jedem Tag einen und er hatte kontrolliert, ob der jeweils am Vortag versteckte gefunden wurde. Das war meist der Fall gewesen, ein oder zweimal waren sie am nächsten Tag noch da, dann legte Paul sie besser sichtbar aus, beispielsweise auf eine Bank. Das half dann.

Richtige kleine Kunstwerke waren da im Laufe der Zeit entstanden und Paul war stolz auf jedes einzelne von ihnen. Schade war nur, dass man niemals das Gesicht des Finders sehen konnte. Wie sehr wünschte sich Paul, einmal einen seiner Steine im Internet wiederzusehen und zu erfahren, wo der denn anschließend wieder ausgesetzt worden war. Oma meinte ja, dass es doch trotzdem schön sei, den Menschen eine Freude zu bereiten und es könne ja auch sein, dass sich ein Finder gar nicht wieder von dem hübsch bemalten Kiesel trennen wollte und ihn einfach behielt. Das sah Paul ein, vielleicht hätte er es ja ebenso gemacht. Trotzdem wäre es doch einfach schön gewesen, wenn er selbst auch einmal ein Steinchen gefunden hätte. Na ja, das sollte wohl nicht sein.

Paul dachte also darüber nach, ob und wie er weitermachen sollte. Er beriet sich mit Oma darüber.

„Also ich würde auf jeden Fall am Ball bleiben!“, meinte die. „Denk doch mal, wie viel Freude dir das Bemalen gemacht hat und sicherlich auch weiter machen wird. Und dann stell dir die Freude vor, die ein Finder oder eine Finderin empfindet und irgendwann …“, Oma machte eine kurze Pause. „Irgendwann wirst du selbst einen Stein finden, oder du wirst das Foto eines deiner Kunstwerke im Internet finden. Ich halte die Augen offen, versprochen!“

„Na gut!“, sagte Paul. „Aber ich muss erstmal los und neue Kiesel suchen, denn meine Schatzkiste ist fast leer. Kommst du mit?“

„Mir tut ein wenig Bewegung immer gut!“, meinte Oma freudig und schon machten sich die beiden auf den Weg. Sie gingen zum See und suchten nach frischen Malsteinen. Dabei hefteten sie ihren Blick immer schön vor ihre Füße und plötzlich sah Paul etwas leuchtend Gelbes im Laub. Schnell hob er es auf und konnte sich über den ersten selbstgefundenen Stein freuen. Ein dicker Smiley zierte die Vorderseite und auf der Rückseite stand „Gütsel-Stones“.

„Oh“, rief Paul. „Schau Oma, ein Gütersloher Stein in Verl, ist das nicht sensationell?“

„Allerdings!“ Oma grinste. Allzu weit war der Stein nicht gereist, aber immerhin. „Vielleicht sind deine Steine ja auch längst in anderen Städten gelandet, wer weiß!“

„Meinst du, dass sie fliegen?“, fragte Paul.

„Nein, wieso?“, fragte Oma erstaunt.

„Na, weil du sagst sie sind gelandet!“

Nun lachte Oma laut auf.

„Du darfst nicht immer alles so wörtlich nehmen, Kind!“, erklärte sie. „Von sich aus können Steine nicht fliegen, höchstens, wenn sie jemand wirft oder in die Tasche steckt und damit ein Flugzeug besteigt!“

„Ach so! Oma, ich habe eine großartige Idee. Wir verstecken ein paar ‚Verler Steine‘ in Gütersloh. Vielleicht finden wir sie dann im Internet wieder. Ich wünsche es mir doch so sehr!“ Paul war nun Feuer und Flamme und weil er eine Cousine in Bielefeld hatte, wollte er auch dort beim nächsten Besuch ein paar Steine aussetzen.

Es dauerte auch gar nicht lange, da fand Papa Pauls ersten Stein im Internet und im Laufe der Wochen kam immer mal einer dazu, sogar von den ganz alten Steinen, die Paul so schmerzlich vermisst hatte.

„Wenn man den Stein erstmal ins Rollen gebracht hat, dann ist er nicht mehr aufzuhalten!“, meinte Oma und damit hatte sie ja wohl recht, wie immer.

So viel frische Luft wie in den nächsten Wochen hatten Oma und Paul lange nicht bekommen. Jeden Tag machten sie mindestens einen Spaziergang und immer wieder setzten die beiden Steine aus. Mittlerweile half Oma mit beim Bemalen und ab und zu fanden sie mal ‚fremde‘ Steine. Dann machten Oma und Paul jedes Mal einen Freudentanz. Papa war mittlerweile ebenfalls im Steinfieber. Er kontrollierte täglich die Gruppe im Internet und alle hatten einen Riesenspaß daran.

© Regina Meier zu Verl

3 Kommentare zu „Paul und die bunten Steine

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s